3.2.2 Sekundärfolgen

Die Sekundärfolgen einer Umschulung von links auf rechts sind hauptsächlich psychologische Folgen, die sich aus den primären Schwierigkeiten ergeben. So ist es sicherlich verständlich, dass sich das Selbstvertrauen eines Kindes nicht stärken kann, wenn es in der Schule Misserfolge hat und unterdurchschnittliche Lernleistungen bringt, obwohl es sich bemüht zu lernen. Es kann nicht sicher sein, dass sein Gehirn gerade dann die erforderlichen Leistungen bringt, wenn sie gebraucht werden, wobei die Intelligenz selbst durch die Umschulung nicht gemindert wird. Um solche Fehlschläge zu vermeiden, wird noch mehr gearbeitet und gelernt.
Auch die Enttäuschung der Eltern und Lehrer über dieses Versagen spielt eine wesentliche Rolle, da sie einen großen Einfluss auf das Kind haben und es dann vielleicht als "dumm" oder "weniger begabt" abstempeln. Daraus können Minderwertigkeitskomplexe entstehen und der umgeschulte Linkshänder zieht sich von seinem Umfeld zurück und kann in Depressionen verfallen. Andererseits gibt es aber auch Fälle, in denen er aggressiv wird bzw. versucht durch auffälliges Verhalten, zum Beispiel als "Klassenkasper", anerkannt zu werden.
Zu betonen ist abermals, dass psychische Störungen dieser Art nicht zwangsläufig auf eine Umschulung der Linkshändigkeit zurückzuführen sind. "Eine... [solche] verstärkt aber grundsätzlich die vorhandenen psychischen Störungen"1.
Diese Störungen können sich auch physisch manifestieren, wie in Form von Schweißausbrüchen (auch an der Hand), Lidflattern, Muskelzuckungen, Kopf- und Handschmerzen oder Schlafstörungen.2 Wenn das Kind versucht, sich übermäßig zu beherrschen, zum Beispiel in langen Konzentrationsphasen während des Lernens, sucht sich der unterdrückte Bewegungsdrang andere Kanäle.
Eine weitere sehr typische Sekundärfolge zeigt sich im Nägelkauen, in extrem schweren Fällen auch im Bettnässen. Der umgeschulte Linkshänder kommt mit seinen Problemen nicht zurecht, weiß nicht, warum sie auftreten und unterliegt deshalb einem starken innerlichen Druck. Der Gram darüber zerfrisst ihn innerlich, was sich an den Nägeln offenbart. Die überforderten Kinder schlafen meist sehr tief, da sie so erschöpft sind. "In leichteren REM-Phasen träumen sie dann, dass sie auf die Toilette [gehen]"3, obwohl sie es gar nicht tun. Das Bettnässen ist hier Zeichen der Überlastung. Deshalb tritt diese Komplikation auch meistens nur während einer Umschulung auf. Es verschwindet, wenn sich das Kind an die veränderten, schweren Umstände angepasst hat.

Umgeschulte Linkshänder (dies trifft vor allem für das Erwachsenenalter zu) zeigen häufig ähnliche Verhaltensweisen, wie:
1. Auslassen und Überspringen von Gedankengängen bei Gesprächen
2. "ins Wort zu fallen"
3. Härte gegen sich und andere4

Sie sind Folge der Umschulung. Während des harten Schullebens mit hohem Einsatz an Kraft und Ausdauer hat der umgeschulte Linkshänder gelernt, sehr viel und lange zu arbeiten und seine anderen Bedürfnisse zurückzustellen.
Begründet durch die Angst, dass sein Gehirn etwas vergessen könnte, lässt der umgeschulte Linkshänder, wenn ihm etwas einfällt, andere nicht ausreden und fällt ihnen ins Wort. Ein überlastetes Gehirn kann auch dazu führen, dass Gedanken zwar gedacht, aber nicht artikuliert werden. Unglücklicherweise bekommt das nur der Gesprächspartner mit, nicht der Linkshänder selbst, da er es ja gedacht hat und meint, es dementsprechend auch formuliert zu haben. Bedauerlicherweise kommt in Folge dessen manchmal kein wirkliches Gespräch möglich zu Stande.

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1 Sattler, Dr. Johanna Barbara: "Der umgeschulte Linkshänder oder Der Knoten im Gehirn". Auer-Verlag, Donauwörth 1995, S. 82
2 vgl. a. a. O., S. 84
3 a. a. O. S. 89
4 vgl. a. a. O. S. 95

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