Die Sekundärfolgen einer Umschulung von links auf rechts sind hauptsächlich
psychologische Folgen, die sich aus den primären Schwierigkeiten ergeben.
So ist es sicherlich verständlich, dass sich das Selbstvertrauen eines
Kindes nicht stärken kann, wenn es in der Schule Misserfolge hat und unterdurchschnittliche
Lernleistungen bringt, obwohl es sich bemüht zu lernen. Es kann nicht sicher
sein, dass sein Gehirn gerade dann die erforderlichen Leistungen bringt, wenn
sie gebraucht werden, wobei die Intelligenz selbst durch die Umschulung nicht
gemindert wird. Um solche Fehlschläge zu vermeiden, wird noch mehr gearbeitet
und gelernt.
Auch die Enttäuschung der Eltern und Lehrer über dieses Versagen spielt
eine wesentliche Rolle, da sie einen großen Einfluss auf das Kind haben
und es dann vielleicht als "dumm" oder "weniger begabt"
abstempeln. Daraus können Minderwertigkeitskomplexe entstehen und der umgeschulte
Linkshänder zieht sich von seinem Umfeld zurück und kann in Depressionen
verfallen. Andererseits gibt es aber auch Fälle, in denen er aggressiv
wird bzw. versucht durch auffälliges Verhalten, zum Beispiel als "Klassenkasper",
anerkannt zu werden.
Zu betonen ist abermals, dass psychische Störungen dieser Art nicht zwangsläufig
auf eine Umschulung der Linkshändigkeit zurückzuführen sind.
"Eine... [solche] verstärkt aber grundsätzlich die vorhandenen
psychischen Störungen"1.
Diese Störungen können sich auch physisch manifestieren, wie in Form
von Schweißausbrüchen (auch an der Hand), Lidflattern, Muskelzuckungen,
Kopf- und Handschmerzen oder Schlafstörungen.2 Wenn das Kind versucht,
sich übermäßig zu beherrschen, zum Beispiel in langen Konzentrationsphasen
während des Lernens, sucht sich der unterdrückte Bewegungsdrang andere
Kanäle.
Eine weitere sehr typische Sekundärfolge zeigt sich im Nägelkauen,
in extrem schweren Fällen auch im Bettnässen. Der umgeschulte Linkshänder
kommt mit seinen Problemen nicht zurecht, weiß nicht, warum sie auftreten
und unterliegt deshalb einem starken innerlichen Druck. Der Gram darüber
zerfrisst ihn innerlich, was sich an den Nägeln offenbart. Die überforderten
Kinder schlafen meist sehr tief, da sie so erschöpft sind. "In leichteren
REM-Phasen träumen sie dann, dass sie auf die Toilette [gehen]"3,
obwohl sie es gar nicht tun. Das Bettnässen ist hier Zeichen der Überlastung.
Deshalb tritt diese Komplikation auch meistens nur während einer Umschulung
auf. Es verschwindet, wenn sich das Kind an die veränderten, schweren Umstände
angepasst hat.
Umgeschulte Linkshänder (dies trifft vor allem für das Erwachsenenalter
zu) zeigen häufig ähnliche Verhaltensweisen, wie:
1. Auslassen und Überspringen von Gedankengängen bei Gesprächen
2. "ins Wort zu fallen"
3. Härte gegen sich und andere4
Sie sind Folge der Umschulung. Während des harten Schullebens mit hohem
Einsatz an Kraft und Ausdauer hat der umgeschulte Linkshänder gelernt,
sehr viel und lange zu arbeiten und seine anderen Bedürfnisse zurückzustellen.
Begründet durch die Angst, dass sein Gehirn etwas vergessen könnte,
lässt der umgeschulte Linkshänder, wenn ihm etwas einfällt, andere
nicht ausreden und fällt ihnen ins Wort. Ein überlastetes Gehirn kann
auch dazu führen, dass Gedanken zwar gedacht, aber nicht artikuliert werden.
Unglücklicherweise bekommt das nur der Gesprächspartner mit, nicht
der Linkshänder selbst, da er es ja gedacht hat und meint, es dementsprechend
auch formuliert zu haben. Bedauerlicherweise kommt in Folge dessen manchmal
kein wirkliches Gespräch möglich zu Stande.
1 Sattler, Dr. Johanna Barbara: "Der umgeschulte Linkshänder oder
Der Knoten im Gehirn". Auer-Verlag, Donauwörth 1995, S. 82
2 vgl. a. a. O., S. 84
3 a. a. O. S. 89
4 vgl. a. a. O. S. 95