Die Linkshändigkeit ist noch immer von Vorurteilen belastet. Auch heute
gibt es noch Eltern, die zu ihrem linkshändigen Kind sagen: "Gib doch
das schöne Händchen.", wenn es jemanden begrüßen soll
oder sie geben ihm den Stift oder den Löffel in die rechte Hand, weil das
"normal" ist. Dies sind nur zwei Beispiele der Tätigkeiten, bei
denen die Linkshändigkeit noch immer als anormal gilt und die Eltern ihre
Kinder zum Gebrauch der nichtdominanten, rechten Hand anregen oder zwingen können.
"Die Umstellung der angeborenen Händigkeit ist einer der massivsten
Eingriffe in das menschliche Gehirn ohne Blutvergießen."1
Dies ist eine der Hauptaussagen einer der führenden Experten auf dem Gebiet
der Linkshändigkeit, der Psychologin Dr. Johanna Barbara Sattler, die die
"Erste deutsche Beratungs- und Informationsstelle für Linkshänder
und umgeschulte Linkshänder München" gründete und leitet.
Aus der Umschulung können sich große Probleme für das linkshändige
Kind ergeben, das nun unverhältnismäßig viel an Nervenkraft
allein für die richtige Führung der nichtdominanten Hand, zum Beispiel
beim Schreiben, verbraucht. Für ein besseres Verständnis ist es nötig,
die Begriffe der Linkshändigkeit, Umschulung und Rückschulung näher
zu klären.
Händigkeit bezeichnet die bevorzugte Verwendung einer Hand und ist Ausdruck
einer motorischen Dominanz im Gehirn (das heißt: die Betonung der hemisphärischen
Verarbeitungsart in der gegenüberliegenden Hirnhälfte), die allerdings
nur beim Menschen auftritt. Linkshänder sind demnach Menschen, die lieber
ihre linke als rechte Hand benutzen. Neben reinen Links- und Rechtshändern
gibt es auch Beidhänder, die weder die eine noch die andere Hand bevorzugen.
Ihr tatsächlicher Anteil an der Bevölkerung wird aber nur auf zirka
1 Prozent geschätzt.2
Unter einer Umschulung versteht man die Umerziehung eines Menschen auf die Benutzung
der anderen nichtdominanten Hand. Sie tritt am häufigsten bei Linkshändern
auf, die nach rechts umgeschult werden. Natürlich ist auch die Umschulung
von rechts auf links zum Beispiel nach einem Unfall möglich. Auf verschiedene
Methoden der Umschulung werden wir später eingehen.
Die Rückschulung ist eine Umkehrung der Umschulung um wieder die dominante
Hand (zumeist beim Schreiben) zu benutzen und damit möglichen schweren
Folgen der Umschulung entgegenzuwirken.
In unserer Arbeit möchten wir uns auf die Arbeiten von Frau Dr. Sattler
stützen, weshalb sich unser Literaturstudium vorwiegend auf ihre Bücher
und Schriften konzentrierte. Mit dieser Seminarfacharbeit möchten wir die
Aufklärung über die Linkshändigkeit und die Folgen einer Umschulung
unterstützen.
Wir möchten vor allem auf die Umschulung eines Linkshänders eingehen,
die möglichen Folgen erläutern und zeigen, wie gefährlich eine
solche Umstellung für ein Kind sein kann. In schweren Fällen können
große schulische Probleme, Konzentrations- und Gedächtnisstörungen,
starke Persönlichkeitsstörungen und im Extremfall sogar Bettnässen
auftreten. In einer derartigen Situation kann eine Rückschulung erwogen
werden, die jedoch einer ganz besonderen, individuellen Beratung, Fachanleitung
und Betreuung bedarf. Hierauf wollen wir in unserer Arbeit jedoch nur wenig
eingehen. Es ist jedoch bereits an dieser Stelle wichtig zu betonen, dass nicht
jede Umschulung zwangsläufig negative Auswirkungen auf das Kind hat. Diese
sind möglich, müssen jedoch nicht notwendigerweise auftreten. Man
darf zum Beispiel schulische Probleme oder Koordinationsstörungen nicht
ausschließlich auf nichterkannte Linkshändigkeit zurückführen.
Wir haben dieses Thema gewählt, da unser Gruppenmitglied Stefanie Riedl
selbst Linkshänderin ist und es sehr viele Vorurteile gegenüber Linkshändern
gibt. Viele Menschen halten beispielsweise den Anteil der Linkshänder in
unserer Gesellschaft für sehr klein, bei zirka zwei bis fünf Prozent.
Tatsächlich gehen Experten und auch wir von einer Verteilung von 50 zu
50 zwischen gebürtigen Links- und Rechtshändern aus. Aus diesem Grund
und um unserer Arbeit Authentizität zu verleihen, haben wir versucht Mitschüler
unseres Gymnasiums auf Linkshändigkeit zu testen. Dies warf einige Probleme
auf, da eigentlich mehrere Stunden Gespräch und Tests notwendig sind, um
die Händigkeit einer Person eindeutig zu bestimmen. Auf Grund unseres geringen
Zeitpolsters sind unsere Ergebnisse nicht unbedingt gültig.
Außerdem haben wir umgeschulte Linkshänder befragt, inwieweit sich
die Umschulung auf ihre schulische und psychische Entwicklung ausgewirkt hat.
Diese Personen ziehen es vor nicht genannt zu werden. Wir sprachen mit Frau
E. (33 Jahre) aus Jena, die erst vor kurzem erkannte, dass sie eine geborene
Linkshänderin ist und sich nach der Umschulung im Kindesalter nun wieder
auf die linke Hand zurückschult. Unser zweiter Gesprächspartner war
Oliver S. (17 Jahre) aus Rothenstein. Er bemerkte bald, dass er mit rechts nicht
gut schreiben konnte. Seitdem schreibt er wieder mit links und die entstandenen
Schwierigkeiten sind zurückgegangen.
Sollten ganz spezielle Fragen entstehen, die über diese Seminarfacharbeit
hinausreichen, dann kann sich jeder an die folgende Adresse wenden:
Erste deutsche Beratungs- und Informationsstelle für Linkshänder
und umgeschulte Linkshänder
Sendlinger Str. 17
80331 München
Unmittelbar in der Umgebung ist die "Linkshand-Initiative Jena" vorzufinden,
welche von der Physiotherapeutin Frau Großer geleitet wird. Sie lädt
jeden Monat zu einem Referat ein, das jeweils unter einem ganz bestimmten Thema
steht.
An dieser Stelle möchten wir uns rechtherzlich für das Engagement
und die Unterstützung durch Frau Großer und Frau Winzer, Pädagogin
in Hermsdorf, bedanken. Außerdem gilt unser Dank unseren Interviewpartnern
Oliver S. und Frau E., die sich sofort bereit erklärten ihre Erfahrungen
mit uns zu teilen.
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1 Sattler, Dr. Johanna Barbara: "Der umgeschulte Linkshänder oder
Der Knoten im Gehirn". Auer-Verlag, Donauwörth 1995, S.22
2 vgl. "Händigkeit", Microsoft Encarta 98 Enzyklopädie,
Microsoft Corporation 1993-97