Die Toten in der Synagoge

Aus der Tiefe rufe ich dich, o Gott." An diesen Vers gemahnend, führt in der alten Synagoge zu Posen eine große Treppe in den inneren Raum hinab, der, von vier kahlen, weißen Wänden eingeschlossen und mit einem wunderlich geschnörkelten Gewölbe bedeckt, durch sein kellerartiges Aussehen einen düsteren Eindruck macht. Trüb und düster ist das Gotteshaus wie die Seelen der Beter, in denen das alte jüdische Leid wohnt. Vor dreihundert Jahren, nach den blutigen Opfern, die Chmielnickis Verfolgungen unter den Juden gefordert hatten, war die Düsterkeit der alten Posener Schul' so ganz der Ausdruck für Israels Leid und Weh. Aber am Vorabend des Jom-Kippur glänzte es dort von vielen tausend Kerzen, die den Seelen der Verstorbenen entzündet sind und daran mahnen, das der grose Tag beginnt, an dem der Jude, in das Totengewand gehüllt, sich von der sterblichen Hülle befreit und mit den Dahingeschiedenen dort zusammentrifft, wo ewiger Frieden herrscht und sich zum Thron des Allmächtigen emporhebt, um von dort das große Wort "Versöhnung" zu holen. – Mitten durch die sich erhebende Menge schritt Rabbi Josef der Fromme, der ehrWürdige Führer der Gemeinde.

Jetzt schreitet er die Stufen zur heiligen Lade empor, küßt den weißen, golddurchwirken Vorhang, leise Worte murmelnd, und wendet sich um. Noch einmal überschaut er, auf den "Ständer" gelehnt, die bange, totenstille Gemeinde, und auch ihn überkommt's wie es, von Ort zu Ort getrieben, nirgends Ruhe gefunden hat, wie diese Gemeinde im letzten Jahre, als sie wie heute zur Feier versammelt war, überfallen wurde and manches teure Haupt eingebüßt hat. Und von diesen Gedanken getragen spricht Rabbi Josef von Israels Leiden und wie auch diese Gemeinde so viele hat sterben sehen für Kiddusch Haschem, Und mit symbolischer Auslegung fährt er fort: "Die da von uns geliebt waren im Leben, die haben sich auch im Tode nicht von uns getrennt. Ihr Geist umschwebt uns noch und diese Lichter mahnen uns an ihre Seelen."

Und wie er spricht, da ist allen, als erschienen in Wirklichkeit aus den Gräbern alle, deren Andenken und Beispiel heute angerufen wurde; und immer banger wird es in den Herzen der Hörer, immer enger in dem großen Gebäude, bis zum Gewölbe scheint es mit einem Male voll zu sein; die Flammen der Leuchter an den dicken Eisenstangen scheinen erlöschen zu wollen und die eisenstäbe seufzen unter der schweren Last. Drükkende Enge herrscht in der versammelten Gemeinde. Dem Rabbi selbst erstirbt das Wort auf den Lippen und Angst und Schauder legt sich auf alle Herzen.

Da gebietet Rabbi Josef, daß man die Gebetmäntel ablege. Aber trotz seines Gebotes stehen noch viele da in den Mänteln.

Da sah der Rabbi, daß er die Toten heraufbeschworen hatte, die das Gewand nicht ablegen dürfen, das man ihnen ins Grab gegeben hat. Mit lauter Stimme hob er an:

"Bei dem Gotte, für den ihr euch geopfert habt und für den auch wir uns zu opfern bereit sind, bei dem Gotte Abrahams, Isaks und Jakobs beschwöre wir dienen können, wie ihr es getan bei eurem Leben!."

Und als der Rabbi die Worte gesprochen hatte, da knisterten die Flammen auf, wie ein leiser Windhauch fuhr es durch die Synagoge und es wurde wieder hell und frei und geräumig.

Noch heute gedenken in Posen die frommen Juden am Kol-Nidre schauernd dieser Begebenheit, wenn sie die weißen Sterbegewänder mit den silbernen Tressen vom Tallis unbedeckt glänzen sehen. Denn zur Erinnerung und zur Warnung vor einem leichtsinnigen Heraufbeschwören der Toten hüllen sich die Posener Juden zu Kol-Nidre zwar in den Sterbekittel, aber nicht, wie sonst üblich, auch in den Tallis.

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