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Die Hochebene Lassithi im Winter
Eines winterlichen Morgens im Jahre 2002 stehe ich auf dem Plateau Lassithi auf Kreta. Wie eine gr�ne Insel mitten in verschneiten Bergen. Der Schnee gl�nzt �berall auf den Gipfeln, die wie eine pr�chtige Schneekrone die Stirn einer schlafenden Titanin aus dem alten Mythos schm�cken. Vor allem aber auf dem h�chsten Gipfel � auf Mt. Dikti, 2148 m.Ich drehe mich im Kreise herum und versuche den einmaligen Eindruck auf einmal aufnehmen. Dabei fange ich mit den langsamen Bewegungen des Qi Gong an. Qi ist ein chinesiches Wort f�r Lebensenergie und Gong bedeutet diese Energie zu leiten � durch den eigenen K�rper oder durch eine Landschaft. Es ist eine Art der konzentrativen chinesischen Gymnastik. Ich wei� aus Erfahrung, dass ich so am besten in engen Kontakt mit einer Landschaft treten kann. Ich vertiefe mich in die Bewegung meiner Arme, in den Atem und gehe mit den H�nden tief, tief in die fruchtbare Erde, durch die klare Bergluft, zur Sonne hin, zum Mond. Ja, es ist so. Es f�hlt sich heute morgen wie eine zweifach gesegnete Insel an. Kreta ist eine Insel der Gl�ckseligen. Schauen Sie die Leute hier nur l�nger an. Kein Herzinfarkt, wirklich. Die niedrigste Rate auf der ganzen Welt... und wie ich schon oft bemerkte, alle sehen irgendwie wie die zufriedenen Hobbits von Tolkien aus. Klein, etwas pyknisch, besonders manche M�nner tragen ihr Haar etwas l�nger mit Naturlocken. Sie l�cheln ruhig f�r sich, nicht f�r uns Touristen, arbeiten gelassen und langsam. Ich sammle wieder meine Gedanken und �be weiter. Mit den H�nden ber�hre ich den Mond und die Sonne. Sie stehen beide ungef�hr gleich hoch �ber dem verschneiten Horizont. Die gl�nzende Sonneng�ttin, Solara, ein Aspekt der Gro�en Mutter, welche auf den Berggipfeln wohnt, sehe ich links von Mt. Dikti. Die silberne Lilith, die gerade mit ihrer Mondbarke blasser wird, rechts davon. Die Mondsichel liegt hier, im S�den Europas, etwas flacher als im Norden. Wie eine Schaukel, oder ein Kahn oder wie die Doppelh�rner des bekannten minoischen Bullen sieht sie aus. Je nach Hintergrund. Das Leiten der Lebensenergie an diesem Morgen gelingt mir �berraschend gut. Es ist ja auch ein sch�ner Ort und das Wetter ist herrlich. Wie ein ruhiger, sonniger Fr�hlingstag am Bodensee. Nur dass ich jetzt nicht mit dem Rad zum See fahre, sondern auf Kreta mit der Gro�en Mutter spreche. �ber die Handfl�chen ziehe ich die klare Luft zum Herzen, ja hier verbindet sich alles � die Kraft der weichen, nassen Erde des Fr�hlings, die frische Luft, die jetzt, in der w�rmer werdenden Sonne, auch nach April irgendwo in einem stillen Alpental riecht. Mond und Sonne oben, unter mir Gaia, die Erde, und rund um die gl�ckselige Insel das gro�e Meer, Okeania. Allesamt Aspekte der Gro�en G�ttin der alten Zeit. Mit Ausatmen drehe ich die ausgebreiteten Arme nach links zur Sonne, mit Einatmen nach rechts zum Mond, ausatmen wieder in die Mitte. Und da kommt es mir wie ein Blitz. Die Milchstrasse, die ich gestern abends am Lagerfeuer so klar gesehen hatte! Wie ein blasser dicker Streifen oder sogar wie ein Diskus, der in der schwarzen, klaren Bergluft auf der Kante steht. Also lade ich auch sie in unsere morgendliche Runde in Lassithi ein. Zu ihr, wenn auch jetzt unsichtbar, strecke ich die Arme und versuche ihre strahlende Sternenkraft durch den blauen Morgenhimmel zu sp�ren. Wenn meine Finger und Handfl�chen von ihrem Licht voll sind, atme tief ich aus und lege sie langsam, wobei ich dabei in die Hocke gehe, auf den Boden. M�gen sie sich verbinden. Himmel und Erde. Uranos und Gaia. Ich lade Uranos wieder ein. Ich heile ihn. Kronos - die Zeit - ist l�ngst besiegt. Ich wei� seit Tagen nicht mehr ob es Montag oder Mittwoch ist, ob es Januar oder Februar ist. Keine Nachrichten, keine Termine, keine Verabredungen. Kronos ade. Und Uranos ist der himmlische Raum. Beide sind S�hne Gaias, Uranos dazu noch Vater von Kronos. Es ist nicht wichtig, wie genau das ist. Ich presse die H�nde noch mal in die weiche Erde und stehe auf. Ja, liebe Gaia, ich bringe dir wieder deinen ersten Geliebten, denn auch ich habe hier in deinem lauen Fr�hlingsduft manchmal an meine erste Liebe gedacht. Und noch mal erfasse ich die ganze Ebene und ziehe meine H�nde durch sie, als ob ich einen gro�en regenbogenfarbenen Schild durch den Boden und durch die Berge, durch die ganze hohe Luft ziehen w�rde. Die Regenbogenfarben in meinem Schild leben auf, sie bilden sch�ne weiche Maschen und gl�tten alles Kantige und Scharfe, was sie drau�en auf der ganzen Ebene erreichen. Alles was weh tut, alles das Leiden welche die diversen Eroberer dieser Landschaft gebracht haben. Die Venezianer, die hier die sch�nen dichten W�lder abgeholzt haben, um ihre Schiffe zu bauen. Windm�hlen zu Tausenden haben sie hier gebaut um die Ebene zu bew�ssern und hart auszubeuten. Und viele andere waren nach ihnen von der Fruchtbarkeit Kretas angezogen. Viele, die nicht nur gutes Absichten hatten. Wenig Liebe haben sie der Gro�en Mutter, der wichtigsten Gottheit der Insel, entgegengebracht. Sp�ter dann f�r Hunderte von Jahren die T�rken und dann auch kurz im 2. Weltkrieg die Nazis. Jetzt ist alles gut, die Landschaft atmet auf. Sie mag meine Gedanken, meine Bilder. Diese Methode der praktischen Geomantie habe ich bei Marko Pogacnik, einem aktiven und begeisterten Freund der Erde, gelernt. Im B�hmerwald, am Bodensee, in Konstanz und in Prag. Er erkl�rt die Theorie dazu in seinen zahlreichen B�chern. Das ist das Heilen der Erde mit der rituellen Geomantie. Jasu, Marko! Jasu hei�t auf griechisch Hallo, ein Gru�! Mag sein, dass wir hier �ber die Lassithi Hochebene auf Kreta schon einmal gemeinsam gewandert sind. Als Geomanten und Zauberer einer minoischen Priester-K�nigin. Vielleicht. Die Minoer des alten Kreta zumindest glaubten an die Wiedergeburt. Und ihre Toten schickten sie auch nicht unter die Erde, in den kalten und dunklen Hades der Hellenen, wo sie ewig kreisen mussten. Nein, sie hatten das Elysion gefunden. Nicht nur erfunden. Ja, so sp�re ich es in der Luft, w�hrend ich die geschlossenen Augen der Sonne entgegenhalte. Auch hier, hinter meiner Stirn, habe ich ein orangerot strahlendes Elysion, eine Insel der Gl�ckseligkeit. Und sie ist immer da, immer wenn ich die Segel meiner schnellen Schiffe auf die Meere der Erinnerung und Vorstellung schicke. Und kein Vulkanausbruch kann sie je zerst�ren. Die tobenden Fluten der Unruhe, die schwarzen Untiefen der Angst, sie alle habe ich mit der Hilfe der sch�nen Solara und Gaia, Aethera und Okeania � damals Neptunia am Bodensee, zur sommerlichen Ruhe gebracht.Wie ein tiefblauer Marmortisch liegt seit Jahren das Seelenmeer unter mir. Es wird deutlich w�rmer. Die richtige Zeit, um die Morgenbegr�ssung der Gro�en Mutter von Lassithi zu beenden. Die Sonne hat vor einiger Zeit auch unser Wohnmobil erreicht und ich merke jetzt, dass die W�rme auch Leo, meinen Kumpel und Mitreisenden, zum Aufstehen gebracht hat. Die T�r ist ge�ffnet und er sch�ttelt seine Schlafdecke aus. Also, noch mal die letzten Gr��e f�r euch, liebe G�ttinnen. Wir werden noch viel Zeit zusammen verbringen. Ich fahre nicht gleich weg und ich komme auch hierher zu dieser Hochebene nochmals zur�ck. Heute habe ich meine Kamera nicht mitgenommen. Absichtlich, ich m�chte euch nicht durch die engen Linsen sehen. Ich strecke meine H�nde zum letztem mal in einer langsamen Qi Gong Bewegung zum Mt. Dikti. Als ich sie zur�ckziehe, habe ich eine �hnliche Vision, wie ich sie schon auf dem H�gel vor Knossos hatte. Die zur�ckgleitenden H�nde, die vorher in den Himmel gestreckt waren, sehen f�r einen kurzen Augenblick gegen die Sonne wie H�rner aus. Oder also ob zwischen ihnen zwei gro�e goldene H�rner aufblitzen w�rden. Ich nehme diese Vision an. Die Arme tun mir etwas weh von dem langen Halten. Also lege ich die F�uste auf die Stirn und stehe bewegungslos da. Im frischen Morgenwind, einsam auf dem Plateau Lassithi, hoch in den Bergen im Osten Kretas. Im Winter 2002. Ende Januar, Anfang Februar? Die Zeit ist hier weniger wichtig. Wenn jemand jetzt ein Photo von mir machen w�rde, was w�rde er oder sie wohl da sehen? Sehe ich nicht aus wie eine alte Statue? Dar�ber denke ich nach. |
Proteus |
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