im auge des universums

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2006 - 2012

[ prosa ]

 

Ostreise

towards the sunWegfahren. Loslassen. Auf die Autobahn. Das ist auf Distanz gehen zur Welt. Das Leben rast vorbei, es gibt nichts mehr, was dich betrifft, was Entscheidungen fordert von dir. Du hast nicht einmal Gelegenheit zu überlegen, was es bedeuten könnte. Es gibt keine Bedeutung, nichts ist von Bedeutung. Gärten, Geschäfte, Baustellen, Menschen mit Tempo hundertachtzig. Da lebt wohl etwas, da lebt vielleicht sogar alles, beherbergt einen unüberblickbaren Wust von Geschichten und Zeiten. All dies bleibt unsichtbar und unfühlbar. Du lebst es nicht und kannst es nicht leben, du kannst nicht eingreifen. Du kannst es nicht einmal erkennen. So muss es im Himmel sein, wenn das Leben glücklich hinter dir liegt. Du siehst von fern Dinge sich bewegen, sich verbinden und lösen, noch nicht hier und schon vorbei. Kein Leben, keine Sorgen. Du bist frei. Angenehm ist das nicht.
Der Wechsel von der Autobahn auf die Landstraße verringert das Tempo, aber kaum die Distanz. Die Bilder verweilen jetzt ein paar Sekunden länger, du hast Zeit zu entscheiden, ob du dich wohl fühlst mit diesem Bild oder unwohl. Ale nic z tego nie wyniknie. Das ist sogar noch unangenehmer. Vielleicht löst jene sanfte Hügellandschaft in dir ein Gefühl aus, das ebenfalls etwas länger verweilt und so zum vagen Wunsch wird: hier ein Haus zu bauen und jeden Morgen übers Feld in das Birkenwäldchen auf der Anhöhe zu laufen. Du wirst es nie tun. Die Landschaft hat sich bereits verwandelt, gibt neue Impulse, weckt immer mehr vage Wünsche, die allesamt nie erfüllt werden. Nic z tego nie wyniknie.

Man kann natürlich anhalten. Nicht, um wenigstens einen Wunsch festzuhalten, sondern um eine Zigarette zu rauchen. Oder austreten zu gehen. Wir haben noch auf der Autobahn angehalten, auf dem letzten Parkplatz vor unserer Ausfahrt, denn erfahrungsgemäszlig; bieten die Bundesstraßen über zig Kilometer keine Möglichkeit zum Stehenbleiben. Diese Straßen sind, hier wie daheim, schmal und ohne Seitenspuren. Gleich neben dem Randstreifen ein Graben, dahinter Feld, Wiese, Wald. Der Autobahnparkplatz liegt mitten im endlosen schneebedeckten Feld. Der Eiswind pfeift ungehindert über die Ebene, er drückt die gefühlte Temperatur um etliche Grad nach unten und meine Steppjacke ans Rückgrat. Wir haben die Zigarette nicht aufgeraucht, die Toilette war schmierig und stank. Weiter.

Cottbus BahnhofWir sind durch Cottbus gefahren. Eine seltsame Stadt. Wie die gesamte Niederlausitz scheint sie der Zeit entnommen zu sein. Hier pulsiert nichts, sogar die Luft steht still, du entdeckst weder Vergangenheit noch Zukunft und noch nicht einmal Gegenwart. Das ist Zeitlosigkeit. Ich weiß nicht, wie die Menschen hier leben. Das Leben muss an ihnen vorbeigehen oder durch sie hindurch. Vielleicht leben sie nur, solange wir durch die Stadt fahren? Geschichten von versunkenen Orten tauchen aus der Erinnerung. Vineta. Germelshausen. Einmal in hundert Jahren öffnet sich die Erde und lässt das Dorf einen Tag lang leben. Einmal in hundert Jahren fahren wir durch Cottbus. Wanderer, achte darauf, den Ort vor Mitternacht zu verlassen!
Während jedoch andere Lausitzer Städte, wie Görlitz oder Guben, so grau und trostlos auf mich wirken, dass ich mich bemühe, an gar nichts zu denken - nur schnell wieder raus hier -, erfasst mich in Cottbus jedes Mal genau jene verwunschene Melancholie, wie die Märchen sie atmen. Cottbus ist weder schön noch hässlich, denn das sind bereits lebendige Empfindungen. Es besteht zum gröszlig;ten Teil aus langgezogenen Plattenbauten, breiten Straßen mit wenigen Autos und noch weniger Fußgängern und geschwungenen Hochstraßen. Ja, es hat auch viel Grün und ganz ansehnliche Altbauten - das ist es nicht. Es sind nicht einzelne Häuser oder Plätze. Es ist die spezifische Atmosphäre, die all das zusammen hervorbringt, eine Art Aura, die diese Stadt wie eine Glasglocke umschließt.
Cottbus zweisprachige StraßenbezeichnungEs passiert jedes Mal. Sobald wir nach Cottbus hineinfahren, ist mir, als habe ich ein starkes Beruhigungsmittel injiziert bekommen. Ich vergesse, woher ich komme und wohin ich will. Wünsche, Sehnsüchte, Ideen lösen sich unmerklich im Nichts auf, und mich überfällt gewitterfarbene Melancholie. Ich sehe mich allein in einer der Großplattenwohnungen wohnen, sehe mich end- und ziellos durch diese breiten Straßen geistern, hinter denen die Welt zu Ende ist, ich begegne immer den gleichen Gesichtern und kenne keinen Menschen, ich lasse mich ziehen von seltsamen Zeichen, der Ziffer Vier auf einer roten Straßenbahn, dem Autokennzeichen EE.EE, einem rothaarigen Roller fahrenden Jungen, einem zerknitterten alterslosen Weiblein, das lauthals singt. Und ich werde nie mehr sterben.

Kaum haben wir Cottbus in Richtung Frankfurt/Oder verlassen, zerstiebt der Zauber in ein paar glitzernde Staubkörnchen, es bleibt die Tristesse der Sandigen Kiefernwälder. Ein letztes Mal blinzelt Cottbus uns scherzhaft nach, als in einem jener namenlosen Städtchen ein Tiefkühlkostwagen unseren Weg kreuzt: die "Frostkutsche". "Der Frottbuser Frostkutscher", murmele ich (der den Frottbuser Frostkutschkasten blank putzt). Ich bin mir nicht sicher, ob es nicht doch der Frotsdamer Frostkutscher war.
Als der Hunger unsere Hoffnung, doch noch der Kaufhalle mit dem leckeren Kaffee zu begegnen, an die sich die Hälfte von uns von einer der letzten Fahrten erinnert, überragt... Als der Hunger unsere Hoffnung überragt, lassen wir uns von einem Edeka-Laden verführen, denn dort gibt's immer einen Backwarenstand mit Kaffee. Wir bestellen Bulette mit Brötchen zum Kaffee. Die Bulette braucht mehr Zeit in der Mikrowelle als unser Kaffee zum Abkühlen. Vor uns die blau-gelbe Kaufhalle hinter drei besetzten Kassen. Träge beobachte ich die Menschen beim Gehen und Kommen und höre sie mürrisch miteinander sächseln, so vertraut die zerzausten Frisuren, die leicht eingesunkenen Gestalten, die allesamt irgendwie klein wirken, die verlebten Gesichter, die angegrauten Karohemden und Lederjacken, bin ich zu Hause? Nein, ich bin in Brandenburg, gar nicht weit von Berlin, und wenn ich genauer hinhöre, höre ich das auch: Sie sächseln ja gar nicht; hier ist wenigstens die Sprache fast sauber. Jetzt sehen die Menschen anders aus. Ja, sie sind noch klein und grau und knittrig, aber die hier wirken so gar nicht phlegmatisch, betulich und arbeitsmoraldurchtränkt. Sie bewegen sich doch rascher, sie sind frech und offen, sie machen einen sehr cleveren und viel jugendlicheren Eindruck. Die Kaufhalle hat sich nicht verändert. Die Menschen haben sich nicht verändert, kein bisschen, sie sehen noch genauso aus wie vor zwei Minuten. Ich habe sie nur sprechen hören. Von wieviel Vorurteilen lebt Sensitivität?
Unsere Bulette kommt. Mit Brötchen. Das, was da vor uns auf dem Teller liegt neben einer Alutube Spreewälder Senf, sieht... nun ja... interessant aus - aber eine Bulette ist das bestimmt nicht. Es hat die Form einer zusammengedrückten Walnuss und ist auch nicht viel größer. Weniger interessant die Farbe: "Es" ist grau, und wenn man es durchschneidet, ist es immer noch grau und erinnert in seiner Konsistenz an gemahlenes Klopapier. Der Geschmack gibt mir Recht. Aber das Brötchen ist eine Erleuchtung. Endlich weiß ich, was "Wessi-Brötchen" sind! Ich habe mich in den vergangenen dreizehn Jahren immer gewundert, wieso fast der komplette Osten einen derart hitzigen verbalen Kreuzzug gegen West-Brötchen, besser bekannt als "Wattebrötchen" oder "Luftsemmeln", führt. Ich hatte keine Ahnung, was die meinten, unterstellte ihnen insgeheim geopolitische Voreingenommenheit. Jetzt beiße ich gerade in mein erstes Wattebrötchen. Der Inhalt löst sich umgehend in Luft auf, und die Kruste krümelt fast vollständig auf den Teller zurück. Es ist sehr schnell gegangen, ich habe kaum etwas gemerkt - außer dass mein Mund trocken geworden ist. Der Kaffee wenigstens ist nass und heiß, das muss man ihm zugute halten. Ansonsten beleidigt er selbst den berühmten sächsischen "Bliemchenkaffee", der so heißt, weil er mühelos die Betrachtung des Blümchenmusters am Tassengrund ermöglicht. Beim Genuss, dem einzigen, der nächsten Zigarette auf dem Parkplatz, haben wir für einen Moment die Vision "Ein Brandenburger kommt nach Chemnitz und bestellt an einem beliebigen Imbissstand eine Bulette mit Brötchen". Eine dicke handtellergroße Bulette aus echtem Fleisch und ein knuspriges, weich gefülltes Brötchen, noch nicht mal das beste vom Bäcker. Der würde sich überfressen! Gut, solch gefärbtes Wasser haben wir auch schon zu Hause getrunken, das kommt vor. Beim nächsten Mal holen wir die Thermosflasche wieder aus dem Schrank.

Küstrin AltstadtVon Frankfurt nach Küstrin verläuft die Bundesstraße entlang der Oder. Einige Male sehen wir sie aufblitzen oder eher aufscheinen, denn die Oderarme sind teilweise gefroren und mit Schnee bedeckt. Unter der Küstriner Grenzbrücke treiben Schwärme kleiner Eisschollen; von weitem sieht der Fluss wie aufgeschäumt aus. Am Grenzübergang vor uns ein polnischer Kleintransporter. Auf dem rechten Flügel der Hecktür zieht ein Strichmännchen, das auf einem hingekritzelten Stühlchen kippelt, unsere Aufmerksamkeit auf sich, daneben ein paar Krakel: "8 Personen". Kurz darauf muss der Chauffeur der Zöllnerin diese Tür öffnen. Hinter einem Stapel aus Taschen, Koffern und Päckchen reckt sich der Oberkörper einer verführerischen jungen Frau. Volle, rot lackierte Lippen lachen unter einem Wust kupferfarbenen Haars hervor, die kajalunterstrichenen Augen blitzen schelmisch. Nicht lange darauf taucht neben ihr der zweite Frauentorso auf, nicht weniger jung und attraktiv. Das ganze Bild - offene Hecktür, Gepäckstapel und Frauen - wirkt sonderbar zweidimensional, der Stauraum des Transporters scheint keine Tiefe zu haben, wie ein lebendes Gemälde eines sehr wortwörtlichen Bordells auf Rädern ("burdel na kółkach" - deftige polnische Umschreibung für ein fürchterliches Durcheinander oder "Tohuwabohu"). Die Zöllnerin schaut und redet, der Chauffeur gestikuliert, die beiden Frauen lachen. Nach etwa einer Minute ist der Spuk vorbei, der Transporter startet und fährt ein paar Meter weiter rechts ran. Nein, er wird nicht gefilzt, er hält nur an, wahrscheinlich, damit der Fahrer die Papiere wieder wegpacken kann. Wir werden durchgewinkt. Als wir am Transporter vorbeifahren, sehen wir eine andere Realität: Das Fahrzeug hat tatsächlich einen sehr kleinen Stauraum im Heck, denn es ist mit drei Sitzreihen ausgestattet und - ja - voll besetzt mit den rückseits deklarierten acht Personen, die durchaus nicht alle jung und verführerisch und weiblich sind. Augenscheinlich ein Werkstransport, es ist früher Donnerstag Nachmittag, die Arbeiterinnen und Arbeiter kehren von der Schicht westseits der Oder heim.

Wir sind in Polen. Aus Küstrin ist Kostrzyn geworden. Wir fahren unaufhaltsam ostwärts, achtzig Kilometer hinein ins neue Land. Da ist aber nichts neu. Im Gegenteil. In der langen Zeit, die ich nicht hier war, habe ich immer wieder gehört, das Land habe endlich begonnen, sich zu verändern, der über zehnjährige Marasmus, der an Selbstaufgabe gemahnende schleichende Verfall, werde von den ersten Vorboten eines ehrgeizigen jugendlichen Elans durchgeschüttelt. Europa wecke fast begrabene Hoffnungen, der Aufbruch sei überall zu spüren, an renovierten Häusern, gepflegten farbenfrohen Vorgärtchen, dynamisch-lockeren jungen Yuppies auf den Straßen, freundlicheren Verkäuferinnen in den Geschäften. Das muss ein anderes Polen sein. Auf der Strecke, die wir entlangfahren, finde ich trotz angestrengter sehnsüchtiger Ausschau auch nicht das kleinste Zeichen eines Erwachens. Mehr als zehn Jahre lang, seit der für Ostdeutschland trotz allem so bereichernden "Wende", habe ich Polen verrotten sehen wie ein Haus, dessen Eigentümer heillos zerstritten sind. Die Halbwertzeit verringert sich rapide, sobald es seinem Schicksal überlassen wird. Es war erschreckend und deprimierend, das Land bei jedem Besuch sichtlich grauer, verstaubter, hoffnungsloser vorzufinden. Nichts anderes sehe ich auf unserer Fahrt von Kostrzyn nach Gorzów. Aussätzige Häuser, betrunkene Männer, Frauen mit leeren Gesichtern, rostbefallene Fahrzeuge, verbeulte Straßen und Staub, dieser verdammte feine graue Staub, der alles und jeden zu durchdringen scheint.
Gut, es ist Winter, ein endlos währender, schmerzhaft kalter Winter. Ein unbarmherziger Winter, der uns nicht einmal Schnee über das Elend gönnt. So kahl, ausgefroren und farblos ist mir selbst Polen noch nicht erschienen. Mit etwas Grün sähe alles wohl erträglicher aus.
Gut, es ist nur eine Linie von achtzig Kilometern mal fünfzig Meter, was ist das schon. Noch nicht mal ein Achtundsiebzigtausendstel. Es bleiben achtundsiebzigtausend Hoffnungen.

Christa WolfNachmittags um vier fahren wir in Gorzów ein. Gorzów Wielkopolski. Vor vielen Jahren Landsberg an der Warthe. Geburtsort der dunklen Mahnerin Christa Wolf. Hier blättern sich ihre "Kindheitsmuster" auf. Die Warta fließt wie eh und je träg dahin, sie trägt die schaumigen Eisschollen der Oder nach Osten, nur ist sie längst nicht so breit. In Gorzów kumuliert die unterwegs aufgesammelte Depression und wird zur Stadt. Es gibt nahezu kein Haus, das intakt aussieht. Es gibt keine Stelle, kein Plätzchen in der ganzen Stadt, das auch nur im entferntesten anheimelnd oder gar einladend wirkte. Mit Verwunderung entdecke ich einen Park. Hineingehen möchte ich nicht. Wie die Glocke der Verwunschenheit Cottbus, umschließt Gorzów eine dichte Glocke der Resignation. Leere. Sinnlosigkeit. Hier leben heißt nichts wollen. Cottbus hat weder Vergangenheit noch Zukunft noch Gegenwart. Es hängt außerhalb der Zeit und wird damit zum Mythos. In Gorzów ist die Zeit bloß stehengeblieben. Es ist Gegenwart pur, hat die Vergangenheit vergessen und vor allem keine Zukunft, no way out. Das ist kein Mythos, nicht einmal eine Geschichte. Die Luft beißt sich in den Schleimhäuten fest, hier wird noch viel mit Kohle gefeuert, ich höre von jemandem, der Plastikabfälle verheizt. Gorzów WielkopolskiDie Rußpartikel sind allgegenwärtig, lasieren die Luft, auch die Schneereste sind grauer als anderswo, kaum zu unterscheiden von den verworfenen Wegen, den unzähligen ausgehebelten Gehwegplatten. Viele Häuser sehen aus wie Leprakranke, der Putz blättert in großen Fetzen ab, die verrotteten Fensterrahmen krümmen sich und sind nur mit viel Kraft zu öffnen und zu schließen, aus dem blanken Ziegelwerk rieselt der versandete Mörtel, Feuchtigkeit steigt auf und sinkt herab. Und über und an und in allem jener feine, graue Staub wie eine Seuche. Jetzt erinnere ich mich: Buna. Chemiekombinat. Es ist der Karbidstaub, der auch die Zauberstadt Halle zersetzt. Gorzów ist mit Halle nicht zu vergleichen, doch den Staub haben sie gemeinsam. Ich glaube nicht, dass hier Karbid hergestellt wird, aber auf meine Frage erfahre ich: Ja, in Gorzów gibt es Chemiewerke. Die Niederung des Warthebruchs verbündet sich mit dem Chemiestaub: Die Seele sinkt zu Boden und ergraut.

 

 

 

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