O M E G A E G Y Ü T T E S
[ musik ]
Halle, d. 29.6.73
Mitte 73 - die Omegas wieder in DDR-Landen. Ich lauf und schreib mir die Hacken bzw. die Finger wund, um auch ein Konzert abzukriegen. Wenigstens eins! Karl-Marx-Stadt: ausverkauft, Halle: "Keine Ahnung; Mai, Juni sind'se jedenfalls nicht hier", Leipzig: Nincs! Voller Spannung erwarte ich nun die Dienstag-Angelika von "Hallo", die sagt meist Konzerte an. Und tatsächlich: "XY aus Großröhrsdorf bittet uns, folgende Mitteilung zu machen: Die Omegas spielen am 19.5. in Großröhrsdorf, Beginn 16 h."
Großröhrsdorf? Na, Bezirk Halle ist das bestimmt nicht. 19.5. - ist ein Samstag. Hm. In mir reift ein Plan. Postleitzahlenbuch her! Großröhrsdorf? Gibt's zweimal. Zweimal Bezirk Dresden. Prost! Die Landkarte gibt nähere Auskunft. Eins ist ganz klein, eins etwas größer. Ich spekuliere: sicher das größere. Ich tippe beim Vater an: 19.5. nach Karl-Marx-Stadt. Er: 20. ist Goldene Hochzeit in B.-dorf. Wir wollten doch schon am 18. fahren. Dich freistellen lassen. - Ach so! Hm. - Depression für Sekunden. Dann die Erleuchtung = Erleichterung.
"Könntet ihr mich Freitag in K.-M.-Stadt absetzen? Ich komm Sonntag nach."
Abgemacht. Also Fahrplan her. Verbindung klappt. Besser kann's nicht werden. Doch, kann. Fehlt ja noch genaue Auskunft, ich kann ja nun nicht einfach drauf los fahren. Und schmeiße womöglich 18,40 M Fahrgeld raus. Ich schreibe Postkarten. Zur Vorsicht auch nach Klein-Großröhrsdorf.
Nach drei/vier Tagen kommt die eine Postkarte zurück mit dem geistvollen Vermerk:
"Empfänger ... unbekannt"
Die Tatsache, dass dies die Karte war, die ich für Groß-Großröhrsdorf berechnet hatte, ließ mich zunächst erbleichen. Die Farbe kehrte aber bald wieder. Nämlich, als ich die Landkarte noch mal vornahm und meinen Irrtum entdeckte. Es war schon der richtige falsche Ort (über Pirna). Und dann kam auch bald die Antwort aus Groß-Großröhrsdorf. Die hab ich noch, deshalb kann ich jetzt mal zitieren:
| S. g. Frl. J.! Recht herzl. Dank für Ihre Karte vom 9.5.73. Die "OMEGAS" gastieren in unserer Stadt am Donnerstag, dem 17.5. und am Sonnabend, d. 19.5.73. Aber beide Vorstellungen sind bereits seit Monat März ausverkauft! Es würde Ihnen sicher auch zu teuer kommen, wenn Sie von Halle bis zu uns kommen würden. Sollten Sie trotzdem Interesse haben, so können Sie kommen, irgendwie müsste dann Platz geschaffen werden. Die Spieldauer kennen wir nicht, sie überschreitet aber nicht 2 Std. Vielleicht konnten wir Ihnen helfen. Mit frdl. Gr.! M. Golm, Abt. Kultur
|
Na bitte, also nichts wie hin. Mutti war über meinen Besuch informiert, unsere Klasse wurde auch noch über meine Aktion in Kenntnis gesetzt. Burka:
"Ich würd' mitkommen, wenn's am Sonntag wäre."
In K.-M.-Stadt erfahre ich: Aufgrund meiner Andeutung in dem Brief an Mutti, ich würde am Samstag die Omegas sehen, äußerte Thomas, da würden aber die B.-dorfer ganz schön sauer sein. Thomas war bereits in B.-dorf. Das trübte die Vorfreude auf den nächsten Tag zunächst mal ganz schön. Doch ich wäre kein Fan, hätte ich mich dadurch abbringen lassen. Also: Samstag Vormittag in den Zug nach Dresden gesetzt. Von dort nach Arnsdorf. In dem Zug erwies sich die Frau, die mir gegenüber saß, als Reisende mit gleichem Ziel. Sie lotste mich dann freundlicherweise in Arnsdorf in den richtigen Zug. Dort konnte ich übrigens schon die ersten (O)MEG(G)A-Pilgerer (Mecka wird natürlich mit ck geschrieben, weiß ich ja) entdecken. Was heißt entdecken, ich brauchte gar nicht erst zu suchen. Sie saßen überall rum. Somit wurden die Bemühungen der Dame, mir in Grd. den Weg zu weisen, überflüssig. Ich brauchte mich nur treiben zu lassen. Was ich an hatte: grünen Rock (von dem 3-teiligen geschneiderten Kostüm), grün-weiße Puffärmelbluse, weiße Kniestrümpfe, braune Sandalen, Sommermantel.
Vor dem Filmtheater standen dann auch M a s s e n rum. Ich kam mir in der verbleibenden halben Std. ziemlich verloren vor, meine Hoffnungen, wenigstens ein, wenn auch nur entfernt bekanntes, Gesicht zu entdecken, blieben logischerweise unerfüllt. Dann ging's rein. Go in! Die Karte in die zitternden Hände gepresst, musste ich erleben, wie man folgenden Befehl ausgab:
"Nischt wird mehr reingelassen."
Bedeppert wagte ich schließlich doch, ein Mädchen anzusprechen:
"Warum?"
"Weil die alle keine Karten haben."
"Ich hab zwar auch keine, aber die haben mir geschrieben, ich könnte trotzdem kommen."
"Wer?"
"Hier, der Rat der Stadt."
"Haste die Karte mit?"
"Ja."
"Na, dann zeig'se doch, da werden die dich schon reinlassen."
"Meinst du?"
"Na klar!"
Frisch gewagt, Karte hingestreckt:
"Ich hab zwar auch keine Karte, aber dafür das hier."
Die beiden warfen e i n e n Blick drauf und:
"Du bist wohl die aus Halle?" ... "Also rein!" ... "Los, für dich ha'm wir noch Platz!" usw.
Ich wusste gar nicht, wie mir geschieht. Sofort ging's durch die Eingeweihten (nicht die Eingeweide), dass "die aus Halle" da ist. Ein schwarzlockiger, bebrillter Knabe (ziemlich klein, aber sonst ganz gut) erkundigte sich gleich ausführlich über meine Fanhandlung. Sein Kommentar:
"Deine Karte war 'ne Sensation bei uns."
Ich muss ganz schön baff geguckt haben. Jedenfalls führte mich dann ein Herr, der sich später als Jugendklubhausleiter (o.Ä.) herausstellte, mit geheimnisvoll erhobenem Finger auf die Empore und schaffte mir dort einen Stehplatz ganz vorn zwischen vier anderen Mädchen. Drei davon waren Mitglieder der Jugendklubhausleitung.
Inzwischen hatte der Ansager - Jürgen heißt er, hat auch das Illés-Konzert angesagt - schon die Gäste begrüßt, unter anderem auch mich:
"Es sind viele auch aus den umliegenden Gegenden gekommen, sogar aus Halle!"
Die Omegas waren auch schon vorgestellt, es ging los.
^ nach oben ^
Und ich starrte Mecky an. Sein Gesicht war nicht so, wie ich es immer geglaubt hatte, und doch war es mir gleich wieder vertraut. Ich hatte das richtige Mecky-Gesicht nur verloren und dafür ein anderes eingesetzt. Jetzt hab ich das echte wieder. Alles war mir gleich vertraut an den Omegas, als ob ich mit dazu gehörte. Ich habe mich in der Zwischenzeit so intensiv mit ihnen beschäftigt, dass ich auch fast schon dazu gehöre. Es sind m e i n e Omegas. Sie stehn mir nah wie keine andere Gruppe; ich schrecke zusammen, wenn ich ihren Namen höre, und lausche. Wenn sie kritisiert werden, trifft mich das ungemein, ich könnte dann - gefühlsmäßig! - aus der Haut springen. Lobt man sie, triumphiere ich. Wenn sie aufhören, wäre mein Leben zunächst mal leer. Ich lebe mit ihnen und durch sie. Das ist Fantum und echtes, das k a n n ich nicht beeinflussen, da bin ich nicht schuld dran, da reicht mein Verstand nicht aus. Es gibt viele, die sich als Fans bezeichnen, aber gar keine sind. Das dauert dann meist auch nicht allzu lange. Bei mir dauert's Jahre, mindestens, das weiß ich.
Doch nun wieder zum 19.5. zurück. Zunächst mal die Kleidung der fünf: Mecky - blau-weiß-rot gestreifte Schlaghose (ich schätze, die gehört Zicky, hinterher hatte er sie an, wahrscheinlich tauschen die sich ihre Sachen untereinander), Tennisschuhe (hab ich mir inzwischen auch gekauft, schon ein Fortschritt), weißer Leinenblouson, vorn offen, seine zwei Armbänder; Elefant - Pepita-Schlaghosen, schwarze Stiefel (drunter), großer gehäkelter Poncho (Farbe weiß ich nicht mehr); Mischi - dunkelblauer Anzug mit Schmucknieten, Stiefel drüber (siehe doppeltes Omega-Foto bzw. NL-Foto); Laci - bodenlanger roter Brokatmantel, goldbestickt, mit goldener Kordel (sah aus wie ein Bade- oder besser Morgenmantel); Zicky - schwarzer Overall mit knielangen Beinen, ohne Ärmel (wie ein Badeanzug aus der Zille-Zeit), Socken, Einlaufschuhe, der Overall war bestickt vorn.
Zicky schoss dann auch wieder den Vogel ab mit seinem Drummersolo + Showeffekte. Mecky war in Form wie immer, lächelte kokett. Mischi kumpelhaft grinsend, Elefant düster, aber oho, Laci ganz der Freund des Publikums, er machte Stimmung.
Zuerst war damit aber nicht allzu viel los, ungefähr die Illés-Stimmung. An und für sich ist das ganz schön viel, aber für Omega-Verhältnisse... Das eine Mädchen neben mir tobte dann auch, schimpfte das Publikum "lahmer Haufen", am Donnerstag sei was los gewesen. In der Pause verschwanden die drei Klubmädchen, ich unterhielt mich mit der anderen. Sie war aus einem Nachbarort und verriet mir, dass sie Mecky auch am hübschesten finde. Ich wollte mal hinter die Bühne, sie kam mit, aber vorn war die Tür abgeschlossen. Da untersuchten wir die Tür bei uns hinten, und siehe, sie führte zum Ziel. Schließlich trauten wir uns aber doch nicht. Dann kam ein Junge mit einem Plakat. Ich schaute es mir an, es war dasselbe Foto wie das, was ich von den Omegas geschickt bekommen habe. Natürlich gleich:
"Wo gibt's'n die?"
"Die gab's! Unten."
Ich fluchte. Da ging's wieder los. Die drei Mädchen kamen wieder:
"So, jetzt ha'm wir erst mal Stimmung gemacht."
Und das hatten sie, aber gründlich. Der erste Titel hatte kaum erst angefangen, da zog eine wahre Massendemonstration aus den hinteren Reihen nach vorn, stellte sich zwischen die erste Reihe und die Bühne, klatschte. Nach dem Lied kam Jürgen. Seine Bitte, sich wieder hinzusetzen, da die ersten Reihen sonst nichts sehen könnten, beantwortete man damit, dass man sich auch setzte: auf den Platz, wo man grade stand. Dann ertönten die ersten Takte von "Hállo, Elefánt", da stand schon der ganze Block. Und bald stand der ganze Saal, trampelte, klatschte, pfiff, heulte, schrie und kreischte. Na, ich auch, natürlich. Und schwitzte. Es kletterten unten sogar welche auf die Bühne, die wurden aber kurzerhand wieder runter befördert.
Plötzlich - der "Magische Weiße Stein", "Varázslatos, fehér kő". Ich setzte mich. Ich war high. Zum Schluss Lichtorgel. Es war einmalig.
Aber irgendwann muss mal finit sein. Das war so zwischen 17.30 h und 18.00 h. 19.00 h fuhr mein Zug. Die Chance wollte ich nutzen. Schlug mich bis zur Bühne durch, dort stand der Jugendklub. Fragte, ob man nicht mal hinter könne. Der schwarzgelockte Junge antwortete mir auch:
"Musst mal warten, bis alle raus sind."
Auf die nun einlaufenden Fragen, ob sich's denn auch gelohnt habe, konnte ich nur mit einem eindeutigen "Na klar!" antworten. Dann wurde ich mit hinter die Bühne geführt; der Klubhausleiter erbot sich, mir noch so ein Bild zu beschaffen. Texte, meinte er, würden sie wohl nicht hier geben. Kam auch schon Jürgen runter:
"Du willst ein Bild haben?"
"Hm, ganz gern."
"Fünf Mark."
"In Ordnung."
Eine halbe Stunde stand ich dann noch auf der Bühne rum, auf das Bild wartend. Kam plötzlich Elefant mal reingeguckt:
"Jürgen, gehen wir?"
Hat 'ne ganz schön hohe Stimme. Für seine Statur! Dann Laci:
"Nun, Jürgen, wann fahren wir?"
Ich fragte Jürgen nach Texten. Aha, da muss ich also an Claudias Beatkiste schreiben. Dann kam das Bild. Kostenlos. Der Leiter:
"Wenn du dich beeilst, kannst du noch ein Autogramm erwischen. Hier hast'n Stift, los, flitz mal hoch!"
Na, das lässt sich doch Angela nicht zweimal sagen. Ich hoch, was seh ich da? - einen Haufen stumpf und apathisch rumliegender Omegas. Ich fasse mir ein Herz und tippe Laci an:
"Autogramm?"
Er gibt es. Relativ bereitwillig. Daneben liegt Mecky. Ihm zur Seite steht ein junges, hübsches, modernes Mädchen. Mecky trägt einen Ring zur Linken. Wer nicht verheiratet ist, kann verlobt sein. Ich starre Mecky an. Seine Verlobte? Er sieht mich nicht, blickt ins Leere, verzieht keine Miene. Ich denke, Laci hat mit "Omega" für alle unterschrieben, gehe nicht weiter. Frage László bloß noch:
"Omega-szövegek, hol?" (Omega-Texte, wo?)
Er schaut komisch auf das Bild.
Ich: "Nem, szövegek, Omega-szövegek!"
Er: "Ich verstehe, ich verstehe! - Nun, vielleicht Juli, Mitte Juli."
Ich: "És hol?"
Er: "Berlin, ungarisch Kulturzentrum."
Ich: "Köszönöm!" und sause runter. Alle sind schon draußen. Dort schau ich mein Plakat an: Benkő László steht drauf. Ich denk, mich laust der Affe. Aber nun ist nichts mehr zu machen, die Omegas kommen runter, den Stift hat auch schon sein Besitzer wieder. Hoffend, dass ich wenigstens noch verabschiedet werde, rolle ich langsam das Plakat zusammen.
Siehe, da erscheint auch schon der schwarze Bube. Unterhält mich noch ein Weilchen, sagt goodbye. Ich dampfe ab in Richtung Bahnhof. Auf halbem Wege kehre ich um: Wie wär's mit Trampen? Spar ich 9,20 M. Gedacht, getan:
"Entschuldigung, wo ist hier die Landstraße nach Dresden?"
"Müssen Sie hier zurück."
"Danke!"
Ich dampfe zurück. Am Klubhaus macht sich einer die Schuhe zu. Plötzlich kommt er auf mich zu:
"Na, wohin denn?"
Aha, der Schwarze.
"Ich trampe."
An einer Ecke unterhalten wir uns noch eine halbe Stunde. Dann wird's ernst.
^ nach oben ^
Erst will kein Auto halten. Schließlich nimmt mich ein nettes Ehepaar nach Dresden mit. Dort setzen sie mich an einer Ampel ab.
"Die Autos müssen hier halten. Da gehen Sie einfach mal zu einem Karl-Marx-Städter hin."
Ich tu's auch treuherzig. Doch keiner fährt nach K.-M.-Stadt. Dafür kommt ein Polizist:
"Guten Abend! Könnte ich bitte mal Ihren Ausweis sehn?"
Ich krame und werde rot, bis ich ihn (den Ausweis) gefunden habe. Der Bobby nimmt sich Zeit. Blättert gemütlich seine Verbrecherliste durch - na, steh ich drin? Endlich:
"Na, wo wollen wir denn hin, Fräulein J.?"
"Nach Karl-Marx-Stadt."
"Und wo kommen Sie her?"
"Zur Zeit aus Großröhrsdorf."
"Und da glauben Sie, per Anhalter weiterzukommen?"
"Ja, wissen Sie, ich hab nämlich nicht genug Geld für den Zug, und ich muss heute noch nach Karl-Marx-Stadt."
"So, so. Was machen Sie denn beruflich?"
"Ich bin Schülerin."
"Und wissen Ihre Eltern, dass Sie hier sind?"
"Natürlich!" (Das stimmt sogar ein bisschen.)
"Na, dann gehen Sie mal aus dem Sperrraum raus, hier haben Sie nämlich nichts zu suchen (laut Paragraf weiß der Teufel). Gehn Sie mal hundert Meter weiter, dort können Sie anhalten."
Mein Herz tut einen Freudensprung, und ich nehme einen Platzwechsel vor. Aber denkste - keiner will dahin, wo ich hin will. Schließlich nimmt mich ein Berliner mit. Bis zur Autobahnauffahrt.
"Nun gehen Sie zum Parkplatz Dresden-Nord hoch..."
Ich stiefele los. Was weiß ich, wo Parkplatz Dresden-Nord ist! Weit und breit kein Hinweisschild. Dann die Autobahnauffahrt. Stehen zwei Jungs auf der anderen Straßenseite. Kommt auch schon einer auf mich zu:
"Wo geht's'n hier zum Wilden Mann?"
"Tut mir leid, keine Ahnung! Aber wisst ihr, ob das hier die Straße nach Karl-Marx-Stadt ist?"
"Ja, das isse."
Ich stell mich Stückchen weiter oben hin. Nach einer Weile gehen die zwei los:
"Wohin willst du heute noch, nach Eisenach?"
"Nach Karl-Marx-Stadt."
"Heute noch?"
"Ja, muss ich schon!"
"Na, wir sind heute auch schon 40 km gelaufen."
Lachend ziehen sie weiter. Ich stehe und winke vergeblich. Die Omegas hätten mich mitnehmen müssen! Aber der schwarze Knabe hatte ja auch gesagt, hätte ich früher gesagt, dass ich trampen will, hätten mich schon welche mitgenommen, die aus Karl-Marx-Stadt beim Konzert waren. Bloß, da hätt ich nicht auf das Plakat warten können. Also lauf ich mal ein Stück weiter - da steht ein Autobus. Die Reisegesellschaft macht Rast. Ich frage nach dem Parkplatz.
"Da stehn Sie jetzt drauf", meint der männliche Teil eines jungen Paares.
"Und kann man hier trampen?"
"Ja, wenn Sie die Polizei erwischt, sind Sie dran."
"Ach, du liebe Zeit, und an der Auffahrt hält keiner an!"
"Nee, da können Sie lange stehn. Aber wenn Sie nach Karl-Marx-Stadt wollen, fragen Sie doch mal unseren Busfahrer, vielleicht nimmt der Sie mit. Wir fahren in die Richtung."
Der Busfahrer ist so freundlich.
"Aber an der Tankstelle setz ich Sie ab."
"Gut. Vielen Dank!"
Ist sogar noch ein Sitzplatz frei. Während der Fahrt schlaf ich dauernd ein.
An der Tankstelle klopfe ich, erfahre:
"Da müssen Sie noch übern Berg. Vielleicht fährt ein Bus, aber ich weiß nicht, wann und ob."
Da zieh ich's vor zu laufen. 4 km! Übern Berg! Nachts halb elf. Am Rand von K.-M.-Stadt löst meine Frage nach der Hans-Beimler-Siedlung Entsetzen aus. Kein Wunder: Ich bin grad am entgegengesetzten Ende. Man zeigt mir die Haltestelle der 4. Ich rattere ins Stadtinnere. An der Zentralhaltestelle in die 1. Übermüdet und erschöpft, aber glücklich klingele ich bei Muttern. 23.00 h. Um die Zeit wäre ich auch mit dem Zug zu Hause gewesen.
Mutti ist erleichtert.
"Ich hab mir Sorgen gemacht! Du könntest ja den Zug verpasst haben. Man hat ja so einiges gehört, wie das ist, wenn sie da fanatisch werden..."
Ich kann sie beruhigen.
"Aber ich bin nicht mit dem Zug gefahren, ich bin getrampt."
Sie lächelt unsicher.
"Per Anhalter gefahren, heißt das."
Jetzt kommt das Entsetzen.
"Du bist ja verrückt! Wenn dir was passiert wäre! Wenn dich nun jemand mitgenommen hätte! Was da alles passieren kann. Das mach ich nicht noch mal mit! Und ich hab dann die Verantwortung, weil ich's gewusst habe!"
Ich beschwichtige sie:
"Na, nun bin ich ja da. Nun will ich ins Bett."
"Erst mal isst du was! Was hast'n heute gegessen?"
"Nichts."
"Nichts? Du bist ja verrückt! Hätt ich das gewusst! Los, jetzt isst du!"
"Um Gottes Willen, nichts zu essen! Ich bring nichts hinter. Bloß was zu trinken!"
"Na, von mir aus, du musst es ja wissen."
Und dann ins Bett.
Am nächsten Morgen um sechs raus. Gegen sieben bin ich in B.-dorf, nichts Gutes ahnend. Aber alles eitel Sonnenschein! Opa holt mich vom Bahnhof ab, auf halbem Wege kommt uns noch Thomas entgegen. Oma, Opa und Tante freuen sich, sagen nichts von wegen Omega. Nur Thomas kann manchmal seinen Schnabel nicht halten und muss darauf anspielen. Es geht aber keiner drauf ein. Vati will natürlich wissen:
"Na, wo warst du gestern?"
"Bei den Omegas."
"Warum hast du mir das nicht gesagt?"
"Weil du's sowieso nicht erlaubt hättest."
"Na, die Heulbojen kannst du immer hören, aber Goldene Hochzeit ist nur einmal."
Worauf ich nur verächtlich mit den Schultern zucken konnte. Ich erzählte übrigens, sie hätten in Siegmar gespielt. Großröhrsdorf war mir dann doch zu weit.
^ nach oben ^