Ilaraina – halbe Wesen

Es gibt irgendwo, mitten im großen, unendlichen Uniersum einen freundlichen, blauen Planeten, der in Begleitung eines kleinen Mondes Jahr für Jahr die Sonne umkreist – und dieser Planet... ist unser Zu Haus.

Es gibt unzählige Arten von Tieren und Pflanzen, die diesen Planeten bevölkern, doch die merkwürdigste Rasse von allen ist wohl der Mensch. Menschen sind mächtig, intelligent und geschickt in ihrem Handwerk – doch sie haben einen großen Fehler: sie lassen sich viel zu leicht von Gold und Reichtümern verführen, sie verfallen allen funkelnden und glitzernden Gegenständen, und würden für diese sogar über viele tausende von Leichen gehen. Es gab viel zuviele Kriege um Gold... Gold, Land und Macht. Wieviele Schwerter wurden geschmiedet, wieviele solcher Klingen in die Körper Anderer gerammt, wieviele Lebewesen wurden getötet – für Macht?

Macht ist eine gefährliche Waffe. Ein Mensch bekommt mit Macht beinahe alles, was er je begehrt hat – und dennoch, es gibt eine zweite Macht, die dem Menschen und seiner Macht Konkurrenz leisten könnte – die Magie. Es gibt unter den Lebewesen unseres Planeten eine Rasse, die schon Jahrtausende vor dem Menschen existiert hat, und dennoch auf eine sehr kleine Zahl geschrumpft ist und dadurch fast in Vergessenheit geriet: die Magier.

Zu den magischen Wesen unseres Planeten zählen sehr wenige der vielen Rassen – das bekannteste Beispiel für Magier sind die Musanier. Unsterblich und durch und durch magisch, haben die Musanier Jahrtausende Seydon bevölkert und sind die einzigen Wesen, denen gegenüber sich der Mensch noch nicht getraut hat, Macht zu erlangen. Und dennoch besitzen die Menschen die Weltherrschaft. Es gibt viel weniger Musanier als es Menschen gibt, und die Musanier sind gegenüber den Menschen relativ primitiv. Sie können zwar zaubern und haben von den Göttern einst die Unsterblichkeit bekommen, sodass sie schon diverse Zeitalter durchlebt haben, und von Lebewesen wissen, die wir nie gesehen haben, aber sie leben wie Tiere – allein ihre Intelligenz und ihr Glaube kommt dem Niveau des Menschen nahe. Die Musanier haben einen anderen Glauben als die Menschen; während die Menschen unseres Planeten an einen Gott glauben, glauben die Musanier an viele, viele verschiedene Götter, und wir teilen diesen Glauben mit ihnen. Wir, das sind Wesen einer dritten Rasse, weder Mensch, noch Musanier. Wir sind Magier und zugleich Menschen, geboren aus der Kreuzung von Musanier und Mensch – und die Menschen nennen uns Mesumanier; Halbgnome.

Übersetzt aus der alten Sprache der Menschen des ersten Zeitalters bedeutet Mesumanie ‚Halbmagie‘, Mesumanier wären demnach Halbmagier. Das Wort Musanie kommt aus der Sprache der Musanier, dem Musanischen, und bedeutet ‚Magie‘. Musanisch war die erste Sprache, die je auf Seydon gesprochen wurde, und die Sprache der Menschen entwickelte sich aus ihr. Doch die Menschen änderten ihre Sprache sehr oft, und während ihre Sprache im ersten Zeitalter noch viel mit dem Musanischen gemeinsam hatte, spaltet sich ihre Sprache heute sehr davon ab. Im ersten Zeitalter war ‚Manie‘ das, was man heute ‚Magie‘ nennt. ‚Mesu‘ bedeutete ‚Halb‘ in der Sprache des ersten Zeitalters – und da die Mesumanier die Kreuzung aus Musanier und Mensch waren, wurden sie weder als Magier, also Musanier, noch als Nichtmagier, also Menschen bezeichnet, sondern als Halbmagier. Es ist fraglich, warum die Menschen die Musanier nie ‚Manier‘ genannt haben, was auf ihrer Sprache ja ‚Magier‘ bedeuten würde – wahrscheinlich hielten sie die musanische Bezeichnung für Magier für passender.

Heute hört man oft die Bezeichnung ‚Gnom‘ für Musanier, was wohl mit ihrem Aussehen zu tun haben mag, das nämlich sehr gnomenartig ist. Die Musanier heißen bei den Menschen entweder Gnome oder schlicht hinweg Musanier. Die Mesumanier heißen nicht mehr Halbmagier sondern Halbgnome – aber heutzutage werden sie auch eher Mesumanier genannt. Es ist sehr amüsant, dass die Musanier, während die Menschen uns als Halb-Musanier betrachten, uns als Halb-Menschen bezeichnen. Auf musanisch heißen wir ‚Ilaraina‘, was ‚Halbmensch‘ bedeutet; wobei ‚Raina‘ die Bezeichnung für Mensch ist.

Was soll das jetzt eigentlich sein, ein Halbgnom? Wir bezeichnen uns weder als Musanier noch als Menschen, wir sind eine eigene Rasse mit eigenen Lebensweisen. Mesumanier sehen aus wie Menschen; die einzigen äußerlichen Merkmale, die sie von Menschen unterscheiden, sind die Krallen an Händen und Füßen und die Reißzähne in ihrem Mund. Mesumanier haben für Menschen ungewöhnliche Augen, was auch von den Musaniern kommt: Wir können im Dunkeln sehen, und die Farben unserer Augen sind oft eigenartige Farben, wie es sie bei menschlichen Augen nicht gibt. Jene Äußerlichkeiten haben wir von den Musaniern. Doch am meisten unterscheiden sich Menschen und Mesumanier im Inneren; wir haben die Fähigkeit, zu zaubern, das haben die Menschen nicht. Der erste Mesumanier ganz Seydons war tatsächlich das Kind eines Musaniers und einer Menschenfrau. Doch inzwischen sind wir eine eigene Spezies, kein Mesumanier hat einen Menschen und einen Musanier als Eltern. Doch unser Leben ist anders als das der Menschen. Wir leben in großen Familienclans zusammen, manche sagen nicht Familien, sondern Stämme. Alle Mesumanier lebten einst zusammen in Nuria, einem kleinen Land auf dem gespaltenen Kontinenten Divinasira. Nuria gehörte allein den Mesumaniern. Und jede Familie hatte ihre eigene Provinz, mit einer eigenen Stadt und einer eigenen Festung. Jede Familie der Mesumanier lebte in ihrer Festung, aber oft besuchten sich befreundete Familien gegenseitig, das hieß dann, dass die gesamte Familie mit Kind und Kegel in die Provinz der anderen Familie kam; und die Familien bestanden oft aus 100 Leuten und mehr.

Wichtig zu erwähnen ist der Glaube der Mesumanier. Wir haben den Glauben der Musanier übernommen, weshalb wir ihn ‚Tikaiy musan‘ nennen – musanischen Glauben. Doch etwas ist bei uns anders als bei den Musaniern, da die Musanier Einzelgänger sind und nicht in Familien leben. Bei uns hat jede Familie einen Schutzgott oder eine Schutzgöttin. Und jeder Gott und jede Göttin hat sein oder ihr Symbol. Zum Beispiel Karon, der Gott des Feuers, hat als Symbol einen flammenförmigen, glutroten Stein. Karon ist der Beschützer der Familie Tizuno, und alle Tizunos tragen irgendwo das Zeichen des Karon an sich, sei es als Kette, als Armband, als Brandzeichen oder als Fingerring, jeder Mesumanier hat das Symbol seines Schutzgottes an sich. Und diese Symbole sind sehr wichtig, wenn es um Magie geht, denn die Zauberkräfte haben wir von unseren Schutzgöttern. Wenn wir zaubern, leuchtet das Symbol unseres Schutzgottes, als Zeichen der Verbindung zu den Göttern.

Mit dem Glauben hängt auch unsere Sprache zusammen. Alle Mesumanier sprechen die Sprache der Musanier; ‚Baiya an musan‘, Musanisch. Doch viele, sehr viele lernen heute auch die Sprache der Menschen, denn mit der Sprache der Menschen kann man sich überall auf ganz Seydon verständigen, während Musanisch nur wenige der Menschen können, und Magier gibt es nicht sehr viele auf dem Planeten. Doch unter uns sprechen wir nur musanisch, auch die kirchlichen Bräuche und Rituale, die Predigten und öffentlichen Reden werden auf musanisch gehalten.

Ich muss erwähnen, dass es im Lande Nuria, dem Reich der Mesumanier, nie einen König oder Kaiser gab. Jede Familie hatte ihr eigenes Oberhaupt, doch es gab niemanden, der ganz Nuria regierte. Wozu auch? Die Familienprovinzen waren an sich selber kleine Länder, und das Oberhaupt der Familie war der König dieses kleinen Landes, wobei es dadurch gesehen natürlich keine Untertanen, sondern nur die Königsfamilie gab. Der erste Sohn des Oberhauptes war logischerweise stets dessen Nachfolger. Wenn das Oberhaupt keinen Sohn hatte, sondern nur Töchter, wurde ein anderes Familienmitglied ausgewählt, ebenso wurde verfahren, wenn das Oberhaupt garkeine Kinder hatte – aber das war äußerst selten. Wurden in einer Familie Mädchen geboren, so wurden sie irgendwann mit einem Mann einer befreundeten Familie verheiratet oder sie verliebten sich selber in einen Mann einer anderen Familie und heirateten den. Die Frau zog dann für gewöhnlich zur Familie ihres Mannes und nahm seinen Namen an, womit sie auch ihren Schutzgott wechselte, was amüsante Auswirkungen in der Magie geben konnte. Denn die Zauber im Bereich des Elementes des Schutzgottes sind gewöhnlich besonders mächtig – so sind bei Tizunos, die ja die Schützlinge des Feuergottes sind, die Feuerzauber sehr mächtig, während bei Kizalos, die von Chinon, dem Gott des Todes, beschützt werden, Schwarzmagie, vor allem Todesklinge eine enorme Wirkung haben kann. Wenn also beispielsweise ein Mädchen von Tizunos einen Mann der Familie Juna heiratet, dessen Familie von Laiya, der Göttin des Eises, beschützt wird, nimmt das Mädchen den Namen Juna an und wird somit auch Schützling der Laiya. So werden ihre Eiszauber verstärkt, aber da sie ja als Tizuno geboren wurde, sind ihre Feuerzauber genauso stark. Das heißt jetzt nicht, dass Frauen, die 5 mal heiraten und dauernd die Familie wechseln, stärker sind als Männer. Männer haben in der Beziehung den Nachteil, nicht die Familie wechseln zu können und bleiben meist ihr Leben lang an einen Schutzgott gebunden. Doch es gibt unter den Familien sehr unterschiedliche Niveaus. Es gibt sehr mächtige Familien, deren Magie schon immer unglaublich war, und andere Familien, deren Magie nicht so einmalig ist. Auch gibt es geschicktere und weniger geschicktere Magier. Manche lernen die schwersten Flüche innerhalb von 2 Monaten, Andere brauchen mehr als 3 Jahre, um erstmal Schwarzmagie zu beherrschen.

Damit kommen wir zum Bereich Lernen. In Nuria gab es etwa 10 Schulen, die Mesumanierkinder besuchten. Diese Schulen waren öffentlich für Kinder jeder Familie. Kinder wurden mit 6 eingeschult und machten mit 12 ihren Abschluss. In der Schule lernten sie gewöhnliche Dinge wie Schreiben und Lesen, aber auch Zaubern wurde ihnen dort beigebracht. Anders als bei den Menschen wurde nicht nur den Jungen das Fechten und das Kämpfen gelehrt, sondern auch den Mädchen, denn was nützt es einem im Krieg, kochen und abwaschen zu können? Allerdings waren die Jungen meistens besser im Fechten, da viele schon vor der Einschulung von ihren Vätern gelernt haben. Dafür sind in der Schule im Zaubern meistens die Mädchen begabter, da die Jungen meistens nicht genug Konzentration haben und sich lieber kloppen, als dem Lehrer zuzuhören. Und zum Zaubern gehört sehr viel Konzentration. Allerdings wurden den Kindern in den Schulen nur Weißmagie, also leichte Zauber wie Vitra, Elementarzauber und Blaumagie beigebracht. Blaumagie ist mittelschwer und die Zauber sind meistens die härtere Form der Elementarzauber. So gibt es bei den Elementarzaubern Eisra, einen leichten Eiszauber, und in der Blaumagie heißt der Eiszauber Topas, aber das Prinzip ist dasselbe wie Eisra, bei beiden Zaubern wird der Gegner eingefroren, bei Eisra nicht so doll, bei Topas etwas heftiger.

Schwarzmagie und Flüche werden nicht in den Schulen gelehrt, weil sie gefährlich sind, und mit großen Schulklassen würde bestimmt etwas schiefgehen. Schwarzmagische Zauber sind fast alle tödlich. Meistens sind die schwarzmagischen Zauber die härtere Version der blaumagischen Zauber; der schwarzmagische Zauber zu Topas und Eisra nennt sich Saphir. Doch bei Saphir wird man nicht eingefroren, sonder einem werden Eissplitter durch den Körper gerammt, und das führt ohne Ausnahmen zum Tod. Die Elemente sind ein sehr wichtiger Bestandteil der Magie, jedes Element hat einen Zauber in den Elementarzauber, einen oder auch zwei in der Blaumagie, und einen in der Schwarzmagie, und meistens auch einen unter den Flüchen. So gibt es für das Element Feuer auch in jeder Abteilung einen Zauber: Furia bei den Elementarzaubern, Turmalin bei der Blaumagie und Rubin in der Schwarzmagie. Bei den Flüchen gibt es diverse Feuerflüche, die ich jetzt nicht aufzählen werde.

Schwarzmagie und Flüche haben außer der Tatsache, dass sie tödlich sind, die Eigenschaft, nicht wieder rückgängig gemacht werden zu können. In der Weißmagie gibt es einen Zauber namens Opina, der alles angezauberte wieder so macht, wie es war, das klappt aber eben nur bei Blau-, Weiß- und Elementarmagie. Also wenn man jemanden mit Eisra oder Topas einfriert, kann man Opina hinterher zaubern, und der Eingefrorene wird wieder normal. Aber zaubert man Saphir, stirbt der Betroffene, und Opina wirkt nicht.

Es gibt neben den Zaubern der Elemente aber auch Neutralzauber, die kein Element haben. Bestes Beispiel ist Terra, ein Zauber der Elementarmagie (obwohl es kein Element hat zählt es zu den Elementarzaubern). Terra versteinert. Die Steigerung von Terra in der Blaumagie heißt Jade, der Zauber versteinert genauso. Man nennt diese Zauber Neutralzauber, da sie kein Element besitzen. Auch in der Schwarzmagie hat Terra eine Steigerung, nämlich Ferruma. Nur da gibt es den Unterschied, dass Ferruma einen nicht in Stein, sondern in Eisen verwandelt. Unter den Flüchen gibt es sehr wenige Neutralflüche.

Den größten Sonderstatus haben die Notwehrzauber wie Todesklinge. Todesklinge ist der mächtigste Zauber außerhalb der Flüche und der schwerste Zauber der Schwarzmagie. Todesklinge tötet den Gegner auf der Stelle. Natürlich hat der Zauber kein Element, denn das Element Tod hat man noch nicht eingeführt. Außerhalb der Flüche ist Todesklinge der Schlimmste Neutralzauber. Und es gibt nur eine magische Formel, die schwerer und mächtiger ist als Todesklinge. Und das ist der Fluch Toiyaka Sarla. Die mächtigste und schwerste Formel der gesamten musanischen Magie, nur wenige können diesen Zauber ausführen. Er raubt dem Gegner Seele, Gestalt und Leben.

Soviel zu den normalen Zaubern. Es gab aber schon einige Ereignisse, in denen die Götter ihre Hand im Spiel hatten. Es kommt vor, dass während eines Kampfes der Schutzgott einem zur Seite geht und dem Kämpfer für einen Augenblick göttliche Mächte verleiht, damit er überleben kann. Allerdings passiert sowas recht selten.

Doch es gibt noch eine Weise, von den Göttern Hilfe zu bekommen, nämlich durch ein Gottesgeschenk oder in seltenen Fällen durch den Gott persönlich. Das beste Beispiel ist eine Geburt. Aber keine normale Geburt, sondern eine katastrophale Geburt. Es kommt vor, dass das Kind bei der Geburt fast stirbt. Dann kann es sein, dass die Götter das mitkriegen und es ist schon vorgekommen, dass sie dann entweder das Kind persönlich gerettet haben, durch einen göttlichen Blitz, oder den Eltern ein Geschenk gegeben haben, ein sogenanntes Göttergeschenk, und die Eltern dann durch dieses Geschenk ihr Kind gerettet haben. Diese Kinder haben durch diese göttlichen Blitze besondere magische Mächte, und man nennt sie ‚Cia suii riisa‘ – Gotteskinder.

Ich glaube ich habe jetzt alles wissenswerte über unser Leben erzählt, ich werde nun die Geschichte der Mesumanier aufschreiben – vom Anbeginn der Zeiten bis zum Untergang Nurias durch den Krieg Ende des zweiten Zeitalters. Zuerst werde ich eher allgemein bleiben, doch ich schätze, dass in der späteren Geschichte meine eigene Familie mehr in den Vordergrund rückt. Aber da meine Familie ein wichtiges Stück Geschichte war, ist das garnicht so unpraktisch.

Am Anfang war einfach nur ein Nichts. Im ‚Dyya suii musan‘, unserer Bibel, steht geschrieben, dass es die Götter schon seit Ewigkeiten gibt, länger als unseren Planeten, länger als das Universum. Der Gott des Himmels und die Göttin der Erde erschufen vor Jahrmilliarden Seydon, unseren Planeten, die Welt, in der wir leben. Tija und Chinon, die Götter des Lebens und des Todes, sind die Kinder jener ersten Gottheiten. Die Göttin Tija, die von allen Mesumaniern schlechthin verehrt wird, schuf das Leben auf Seydon, jede Pflanze, jedes Tiere, sogar den Menschen und die Musanier. Sie wacht mit vielen anderen Göttern in einer Welt jenseits des Universums über uns. Chinon, der Gott des Todes, beherrscht seit Anbeginn der Zeiten die Unterwelt, während Götter der Elemente in ihren Elementen hausen, so wird gesagt, dass Karon in jeder Flamme, gar in jedem Funken leben würde, während Saia, die Göttin des Wassers, in jedem Wassertropfen zu finden sei. Die Lebewesen lebten Jahrmillionen auf Seydon, es gab unter den Tieren Pflanzenfresser, und Fleischfresser, die Andere jagten, um zu überleben. Selbst die Menschen waren am Anfang wie Tiere und zählten zu den Fleischfressern, wie die Musanier auch.

Der erste Mesumanier entstand schon vor dem ersten Zeitalter, in einer Zeit, da noch niemand das Zählen oder die Zeit erfunden hatte. Der Name dieses neuartigen Wesens war Joran gewesen, sein Vater war ein Musanier, seine Mutter ein Mensch. Joran war in einem Menschendorf aufgewachsen und sein Vater hatte ihm das Zaubern gelehrt. Doch wie sich herausstellte, war Joran nicht der einzige Mischling gewesen, doch am Anfang gab es etwa 10 solcher Mischwesen auf ganz Seydon. Die Menschen und Musanier hatten wohl festgestellt, dass Joran und die 9 Anderen eine neue Tierart waren, doch sie gaben ihr noch keinen Namen, sie wurden schlicht hinweg als Mischlinge oder auch Halblinge bezeichnet.

Zu Beginn des ersten Zeitalters gab es etwa einige 1000 Mesumanier, die inzwischen auch Mesumanier genannt wurden – ‚Halbmagier‘ in der Sprache der Menschen damals. Die Mesumanier fingen während dem ersten Zeitalter an, Nuria zu besiedeln, in dem damals niemand wohnte. Sie wohnten dort in Höhlen, doch wie heute lebten sie schon damals in Familien zusammen. Sie sprachen nur musanisch und konnten daher nicht mit Menschen kommunizieren. In der Mitte des ersten Zeitalters, etwa im Jahre 15500 nach der Zeitrechnung, kam es zum ersten mal vor, dass die Mesumanier als eigene Rasse angesehen wurden. Sie waren eigenständig geworden und gründeten ihr eigenes Volk in Nuria. Sie nahmen den Glauben und die Sprache der Musanier an, doch in ihrer Lebensweise guckten sie sich vieles von den Menschen ab. Sie fingen an, genau wie die Menschen Schwerter und andere Waffen zu schmieden, und gegen Ende des ersten Zeitalters begannen sie, anstatt in Höhlen in Festungen zu wohnen. Jede Familie baute ihre eigene Festung und ihre eigene Stadt. Nuria war ein friedliches Land, doch die Bevölkerung der Mesumanier wuchs und wuchs, bald würde kein Platz mehr in Nuria sein.

Der erste große Krieg der Weltmächte war das Ende des ersten Zeitalters. Die damals 5 Kontinente, Divinasira, Minisira, Islasira, Tinasira und Grandinasira, kämpften um die Weltherrschaft. Wer der Sieger dieses Krieges wäre, würde Macht über alle 5 Kontinente haben. Die Menschen waren im Laufe der Jahrmillionen von ihrem Ursprung bis zu diesem grauenvollen Krieg machthungrig und habgierig geworden. Alles sollte ihnen gehören, sie wollten über alles herrschen. Über Land, Wasser, Feuer, Luft, Pflanzen und Fleisch. Sie wollten die mächtigsten Wesen Seydons sein. Nuria wurde, ohne dass es Interesse an der Weltmacht gehabt hätte, in den Krieg hineingezogen, und viele Mesumanier wurden getötet. Nach langen, unerbittlichem Kampf übernahm Divinasira, der gespaltene Kontinent, die Weltherrschaft. Damit sollte das erste Zeitalter enden, in dem noch alle Menschen friedlich zusammen gelebt hatten – ganze 30 000 Jahre hatten sie es ohne Macht und Reichtum ausgehalten.

Das zweite Zeitalter begann mit der Aufteilung der Kontinente. Die Kontinente waren bisher nur 5 riesige Landflächen gewesen – nun wurde jeder Kontinent in Länder unterteilt. Die Menschen kämpften bis ins Jahr 940 des zweiten Zeitalters um die Landesgrenzen, jeder wollte das größte Land besitzen. Nuria war im ersten Zeitalter auch noch kein Land gewesen, man hatte es nur ‚Begrenzte Wohnfläche der Halbmagier‘ genannt. Doch jetzt sah man es als Land an, doch Nuria war wesentlich verkleinert worden durch die Kriege der Menschen. Zwar waren durch den ersten großen Krieg um die Weltherrschaft viele von uns umgekommen, doch die Bevölkerung Nurias wuchs wieder, bis Nuria beinahe überquoll. Damals, im Jahre 1246 zZ (zweites Zeitalter), kam es, dass der sechste Kontinent entdeckt wurde. Doch die Menschen, die ihn entdeckten, spürten eine starke magische Aura von diesem Land ausgehen, und sie nannten es bald ‚Land der Gefahren‘. Die Mesumanier kamen auf die Idee, auf dieses ‚Land der Gefahren‘, auf musanisch ‚Tsaresira‘ zu immigrieren. Sie bauten ein Schiff und schifften sich von Zayuta aus auf Tsaresira ein. So wurde in Nuria etwas Platz geschafft. Die Mesumanier und Musanier, die jetzt auf Tsaresira wohnten, nannten den Kontinenten bald in ‚Grandi zitoriasira‘ um – ‚Land der großen Mächte‘. 1350 zZ entdeckte der Mensch Dalin Gosama den Kontinenten erneut und erfuhr von den Mesumaniern, die inzwischen auch ein bisschen der menschlichen Sprache sprachen, dass es auf dem Kontinenten eine starke magische Macht gäbe. Gosama und die Magier einigten sich schließlich darauf, den Kontinenten ‚Maginasira‘ zu nennen – ‚Verfluchter Kontinent‘. So heißt er bis heute. Schon bald siedelten sich auch ein paar Menschen in Maginasira an – aber es sind bis heute recht wenige geblieben. Maginasira wurde in 3 Länder aufgeteilt, die die Magier ‚Zitoriasira‘ (Land der Macht), ‚Matanosira‘ (Land der Konzentration) und ‚Vakanosira‘ (Land der Entdgültigkeit) nennen wollten. Die Menschen machten diese Namen ihrer Sprache etwas gebräuchlicher, so heißen die 3 Länder heute ‚Zitorien‘, ‚Matanosien‘ und ‚Vakanosien‘.

Ich werde jetzt zu meiner Familie kommen. Es gibt eine Person, die die Geschichte gehörig durcheinander brachte, und diese Person hat sehr viel mit meiner Familie zu tun. Jede Informationen über diese Person sind mir einst von der Göttin Kyana mitgeteilt worden, der Göttin der Meerestiefe.

Angefangen hat alles im Jahre 22 930 zZ, ziemlich am Ende des zweiten Zeitalters. In einer stürmischen Gewitternacht wachte eine Frau namens Liva, eine Mesumanierin der Familie Rohi, beschützt von der Göttin des Schnees, durch einen Schrei auf. Sie hatte den Schrei eines Babys gehört, doch ihr war klar, dass der Schrei von draußen kam. Sie stand auf und fand vor der Tür von Rohis Festung ein Binsenkörbchen, darin lag ein Wesen. Aber was für ein Wesen war das bloß? Es war rabenschwarz, hatte einen großen Kopf, dessen Hälfte aus dem Mund des Wesens bestand, und das Wesen hatte lange Arme. Es war zweifellos ein Babys dieser Spezies, und obwohl Liva nicht wusste, was es war, nahm sie es mit in die Festung. Das Baby war etwa 60 Centimeter hoch und schrie wie am Spieß. Liva gab ihm eine Flasche Mesumaniermilch, die eigentlich für die Babys der Rohis gedacht war. Das Baby schlief schließlich ein, und Liva fand einen Zettel in dem Binsenkörbchen. Darauf stand etwas seltsames: ‚Wer immer dieses missratene Miststück findet, soll mit ihm machen was er will. Es ist ein Wesen aus einer anderen Welt als Seydon, es ist ein Mädchen und irgendwer hat es Thanata genannt. Wir mussten sie verbannen, da missratene Wesen in unserer Welt nichts Gutes sind.‘ Liva schloss daraus, dass dieses Wesen, Thanata, aus einer anderen Welt kam. Rohis behielten Thanata und zogen sie groß. Doch Thanata lernte schnell, dass sie anders war als die Anderen. Sie begann, sich ausgeschlossen zu fühlen. Bald entdeckte sie, dass sie zaubern konnte – aber es war keine musanische Magie, es war etwas anderes. Sie lernte, dass ihre Zauber stärker sein konnten als die Zauber ihrer vermeintlichen Geschwister, der Kinder der Rohis. Schließlich erfuhr Thanata von Liva die Wahrheit, dass sie nicht von Seydon kam. Thanata war sehr ärgerlich, dass sie so anders war, und durch ihre eigenartigen Zauberkräfte hatte sie die Fähigkeit, sich zu verwandeln. Sie verwandelte sich in die schönsten jungen Mädchen, die man sich vorstellen konnte, denn an sich war sie ja potthässlich, mit ihrem übergroßen schwarzen Kopf und den langen, dünnen Armen.

Thanata angelte sich in ihren Verwandlungen Dutzende von jungen Männern, sie war plötzlich überall beliebt – aber nur, weil keiner wusste, wer sie wirklich war. Eines Tages geriet Thanata an einen Mann der Familie Viyiia, beschützt von Tija, der Göttin des Lebens. Der Mann fiel natürlich wie alle anderen auf ihre Verwandlung hinein, und kurz darauf war Thanata schwanger von ihm. Sie heiratete den Mann und nahm seinen Namen, Viyiia, an. Im Jahre 22 951 zZ wurde dann die Tochter der beiden geboren. Thanata freute sich und nannte das Mädchen Namayi. Namayi war allerdings ein normaler Mesumanier – was damit zusammenhängt, dass Thanata als Namayi gezeugt wurde in eine Mesumanierin verwandelt gewesen war. Kurz nachdem Namayi geboren war, trennte sich Thanata jedoch von ihrem Mann Viyiia und zog wieder verwandelt durch Nuria. Namayi wuchs glücklich in Viyiias Festung auf. Schließlich heiratete sie einen Mann namens Leron, und es kam so, dass Leron Namayis Namen annahm und nicht andersrum. Namayi bekam im Jahre 22 974 zZ eine Tochter von Leron. Sie nannte sie Cenja – und das war ich. So war ich, damals Cenja Viyiia, Schützling Tijas, Abstamme eines missratenen Wesens aus dem Universum, ohne, dass ich es gewusst hätte. Außer Rohis wusste niemand, wer Thanata war. Doch das sollte sich bald ändern.

Thanata war in den Südosten Nurias gekommen. Dort begegnete sie einem Mann, der zur Familie Sari gehörte. Saris wurden von Kyana, der Göttin der Meerestiefe, beschützt. Thanata wollte den Mann, wie jeden anderen auch, rumziehen und ins Bett kriegen, dank ihrer Verwandlung natürlich. Doch sie hatte die Magie der Saris bei weitem unterschätzt. Saris waren nämlich bei weitem die magiebegabtesten Leute ganz Seydons, ihre Familie hatte die größte magische Macht, die man sich vorstellen konnte. Und der Sari, den Thanata sich angeln wollte, war der erste, der ihre Verwandlung durchschaute. Er erkannte ihr wirkliches Aussehen, und er verstieß Thanata, er wollte nichts mit einer durchgeknallten Tusse aus dem All am Hut haben. Thanata war sehr wütend und verschwand spurlos in der Unterwelt, von wo aus sie dank Chinons dunklen Gerätschaften ganz Seydon im Überblick hatte, ohne dass sie gesehen wurde. Chinon, dem Gott des Todes, war es nur recht, wenn sich jemand von der dunklen Seite verführen ließ, und Thanata war so wütend auf diesen Sari, dass sie durch ihren Hass schnell schwarze Mächte entwickelte.

Der Sari hingegen scherte sich nicht weiter darum. Er heiratete und bekam einen Sohn, der dann natürlich auch Sari hieß. Thanata sah aus der Unterwelt, wie Saris sich vermehrten, und ihr Hass wuchs. Sie hasste kategorisch alle, die Sari hießen. Ich selbst war inzwischen erwachsen, aber ich hatte meine Großmutter, Thanata, noch nie wirklich gesehen. Nur mein Großvater, Thanatas Ex-Mann, hatte oft von ihr erzählt – er wusste ja nicht, wer sie war. Bei Saris verbreitete sich schnell, dass Thanata ein dunkles Wesen war, das Männer verführen wollte, und der Sohn von dem Mann, der Thanata verstoßen hatte, der übrigens Rimon hieß (also der Sohn von dem, der Thanata verstoßen hat, hieß Rimon), hatte sogar herausgefunden, dass Thanata etwas mit Viyiias zu tun hatte, deshalb machten Saris seitdem um uns Viyiias einen großen Bogen. So mochte Thanata Saris nicht, und Saris mochten Thanata nicht. Im Jahr 22 971 zZ bekam Rimon einen Sohn, ein neuer Sari also. Saris nannten den Jungen Kasko, und wer jetzt gut rechnen kann, sieht, dass Kasko 3 Jahre älter war als ich.

Jahre wanderten ins Land. Und erst 22 992 zZ passierte in meiner Familie Viyiia und der Familie Sari wieder etwas bemerkenswertes: Bei einer Kutschfahrt durch den Südosten Nurias, zufällig durch die Provinz Saria, in der Saris lebten, wurden wir von einer Bande vorwitziger junger Räuber überrascht, es waren 4 junge Männer, die unsere Kutsche umzingelten, und einer lehnte sich zu mir ins Fenster, grinste mich an und zog die Mütze: "Siiya!" Siiya ist musanisch und bedeutet in etwa ‚Hallo‘. Ich unterhielt mich, amüsiert über diese Überraschung, mit dem jungen Mann, und ich fand heraus, dass er ein Sari war – es war Kasko. Ich fand ihn sehr sympathisch, er war ganz anders als meine Familie – bei uns in der Viyiia-Festung waren alle so ernst, in Saria schien man hingegen ein eher lockeres Gemüt zu haben. Ich verriet Kasko meinen Namen: "Wai, sa laiy Cenja... Cenja Viyiia." Ich erinnere heute noch sein verblüfftes Gesicht, und er hatte damals sofort unsere Kutsche losgelassen. Ich hatte damals nicht begriffen, warum Kasko und seine 3 Räuber-Freunde ganz plötzlich abhauten, ich erfuhr erst später, dass Saris ja wegen Thanata um Viyiias grundsetzlich einen Bogen machten. Kasko hatte an jenem Tag zu Hause in der Sari-Festung seinem Vater, Rimon, von der Begegnung mit mir erzählt. Rimon war damals Oberhaupt der Saris, und er hatte Kasko gründlich verboten, noch einmal mit einem Viyiia zu reden – erst recht nicht mit einer Frau der Viyiias. Doch nachdem der junge Kasko darüber nachgedacht hatte, war es doch eine Herausforderung, sich den Befehlen des Vaters zu widersetzen, es wäre doch mal was Aufregendes. Kasko sollte zwar, da er der älteste Sohn von Rimon war, der Anführer der Saris werden, aber irgendwie hatte er nicht wirklich Lust dazu.

So kam es, dass wir uns ein zweites mal trafen, diesmal traf ich ihn in der Stadt von Viyiia (Unsere Provinz hieß genauso wie unser Nachname). Er hatte zwar seine Freunde nicht dabei, schien sich aber in Viyiia prächtig zu amüsieren. Wir unterhielten uns ein wenig, und bevor wir uns verabschiedeten, verabredeten wir uns für den nächsten Tag wieder in Viyiias Stadt. Das ging so einige Wochen weiter, wir lernten uns mit jedem Treffen näher kennen, und ich begann, Kasko zu lieben. Ich hatte immer das Gefühl, dass er sich zu mir hingezogen fühlte – warum sollte er sich sonst seinem Vater wiedersetzen? Er erzählte mir, warum Saris nichts mit Viyiias zu tun haben wollten, und ich erfuhr, dass meine Großmutter, Thanata, ein fremdartiges Wesen sein sollte. Eines Tages verlief unsere Verabredung nicht wie gewöhnlich. Kasko war wie jeden Tag aus Saris Festung entschlüpft, doch diesmal hatte sein Vater ihn bemerkt, war ihm mit etwas Abstand gefolgt und fand so natürlich heraus, was sein Sohn den ganzen Tag trieb – er flirtete munter mit einem Mädchen der Viyiias, nämlich mir. Rimon war mehr als wütend, als er zeternd und schnaubend zu uns herüber ging und seinem Sohn eine Predigt hielt. Doch mitten in dieser Rede packte Kasko plötzlich seinen Vater und fing an, ihn zuzutexten. Er redete so schnell, dass ich kein Wort verstand – das einzige, das ich raushörte, war "Sa miiya ko" – ‚Ich liebe sie‘. Und genau da hatte Rimon innegehalten, und lange hatten wir alle 3 geschwiegen.

Viel genauer werde ich jetzt lieber nicht ins Detail gehen. Es kam jedenfalls so, dass ich Kasko heiratete, Rimon hatte letztlich doch eingewilligt. So wurde ich eine Sari – Cenja Sari, die Frau des Oberhauptes. Ja, Kasko war mit der Hochzeit das neue Oberhaupt der Saris geworden. Mir wurde klar, dass ich jetzt Mitglied der mächtigsten Familie ganz Seydons war. Und Thanata? Sie hatte natürlich aus der Unterwelt alles gesehen. Und dass ich Kasko geheiratet hatte, passte ihr garnicht. Sie hasste ja die Saris, und dass ausgerechnet ihre Enkelin einen Sari heiraten musste, war der Gipfel. Doch die Wut blieb nicht nur Wut. Die Dunkelheit der Unterwelt hatten ihre Seele geschwärzt, und es war ihr plötzlich egal, ob ich ihre Enkelin war – sie hasste alles, was Sari hieß. Alles.

Kasko und ich lebten viele Monate glücklich in Saria, ohne zu ahnen, dass Thanata inzwischen sogar alle Mesumanier hasste – sie war der Meinung, dass sie nie jemand geliebt hätte. Doch über der Erde wusste keiner, was Thanata dachte. Und Kasko und ich vergaßen sie vollkommen.

Unser Glück schien nicht enden zu wollen. Im Juli des Jahres 22 994 zZ gebar ich meinen ersten Sohn von Kasko – ich wusste damals nicht, dass es auch mein einziger bleiben sollte. Doch im Moment der Geburt schien unser Glück uns fallen zu lassen. Das Kind lag verkehrtherum in meinem Bauch und wäre bei der Geburt gestorben. Ich hatte furchtbare Angst, mein Kind zu verlieren, so betete ich in meiner Verzweiflung zu den Göttern – und unsere Schutzgöttin Kyana erhörte mein Flehen. Sie sprach zu Kasko und schenkte ihm einen Kristall – ein Geschenk der Götter. So konnte Kasko mit dem Kristall unseren Sohn retten – der dadurch natürlich ein sogenanntes Gotteskind war. Aber er war wahrhaftig ein Gotteskind; ein schöneres Kind hätten wir uns nicht wünschen können. Das Baby hatte blonde Haare und tiefblaue Augen genau wie ich, und die gleichen schönen Krallen wie Kasko an Händen und Füßen. Wir nannten ihn Zitan – und der Kleine wurde vom ersten Tag seines Lebens an von der ganzen Familie ins Herz geschlossen. Den Kristall, das Geschenk der Götter, bewahrte Kasko gut auf.

In all den Aufregungen hab ich doch glatt vergessen, Ilja zu erwähnen. Wie konnte ich nur? Ilja ist bestimmt die beste Freundin, die ich je hatte. Sie war eine Menschenfrau und lebte mit ihrem Mann in der Kleinstadt Kasara, das liegt in Sayamaina, dem Nachbarland von Nuria. Da wir die Sprache der Menschen sehr gut beherrschten, war ich oft in Kasara, das war am nächsten an Saris Festung dran, und kaufte dort ein paar Sachen, Sachen der Menschen. Ich habe Ilja einmal auf dem Markt in Kasara getroffen, und wir haben uns von Anfang an gut verstanden, weil wir beide mit einem Gemüsehändler gestritten haben, der uns prompt eine Tomate für 5 Lou verkaufen wollte. Nachdem wir den Gemüsehändler in Ruhe gelassen hatten, haben wir uns amüsiert unterhalten, so erfuhr ich auch Iljas Namen. Das lustigste war, dass wir damals beide schwanger waren. Ich mit Zitan, und auch Ilja schleppte ein Kind mit sich herum, allerdings war sie noch nicht hochschwanger gewesen damals. Ilja lud mich zu sich nach Hause ein, wo sie mir ihren Mann Saron vorstellte. Die beiden besitzen eine kleine Herberge in Kasara. Es kam, dass Ilja und ich uns öfter besuchten, da wir durch unsere Schwangerschaften ja viel gemeinsam hatten. Einmal lud ich Ilja nach Saria ein und machte sie mit der Familie bekannt. Kasko war von Anfang an amüsiert von Ilja, die stets ein wenig hysterisch und hektisch ist. Noch 2 Abende nachdem sie bei uns gewesen war gackerte er sich immer halb tot, wenn er an sie dachte. Die Freundschaft zwischen Yasons und uns wurde bald eine sehr feste Freundschaft – Yason war der Nachname von Saron & Ilja. Und eine Woche nach Zitans Geburt lud Ilja die ganze Familie nach Kasara ein, man müsste die Geburt des Kleinen ja feiern. Das war das erste große Festessen in Kasara, es sollte noch einige mehr geben in Zukunft.

Ich hatte erwähnt, dass wir Thanata völlig vergessen hatten. Sie wäre vor Wut darüber, dass Kasko und ich einen Sohn hatten, fast geplatzt. Und sie fasste einen grausamen Entschluss: Sie wollte unseren kleinen Zitan töten. So kam es, dass sie auf die Erdoberfläche kam, in einen schwarzen Kapuzenmantel gehüllt, und mit einer Masamune bewaffnet. So schlich sie sich mitten in der Nacht in unsere Festung. Wir schliefen alle tief und fest. Doch als Thanata über Zitans Wiege stand und gerade die Masamune hob, wachte Zitan auf. Er erblickte eine pechschwarze, unheimlich wirkende Thanata über sich und fing an zu schreien wie am Spieß. Kasko wachte sofort auf, und als ich mir noch müde die Augen rieb, hatte er längst eine Fackel angezündet und war in Zitans Zimmer gestürzt. Als er Thanata sah, wusste er sofort, dass dies die Person war, die nicht von Seydon kam. Thanata wollte Kasko mit der Masamune erstechen, doch Kasko war schneller. Ich war gerade aus dem Schlafzimmer gerannt, als ich hörte, wie er wutentbrannt ‚Toiyaka Sarla‘ brüllte. Da wurde es plötzlich ganz still. Ich stolperte zu Kasko in Zitans Zimmer und entdeckte eine erstarrte Thanata. Dann löste sie sich plötzlich auf und war verschwunden. Hatte Kasko sie mit dem mächtigen Fluch getötet? Ich erfuhr erst später, dass sie nicht tot war, sondern lediglich keine Macht mehr hatte, und sie hatte sich in die Unterwelt zurückgezogen. Kasko erklärte mir, dass Thanata Zitan hatte töten wollen – und fortan begann ich, sie zu hassen. Niemand wird jemals meinem Sohn ein Haar krümmen, und wenn ich mein Leben für ihn geben müsste.

Es vergingen Jahre. Zitan wuchs zu einem vorwitzigen, frechen Jungen heran – seine fröhliche, vor Temperament übersprudelnde Art erinnerte mich an Kasko, wie ich ihn 22 992 zZ kennenlernte. Kasko war inzwischen etwas ernster geworden. Immerhin war er der Anführer unserer Familie. Zitan war inzwischen 4 Jahre alt. Er ging noch nicht zur Schule, doch Kasko hatte ihm schon längst das Fechten gelehrt – Fechten war schon immer Kaskos Lieblingsbeschäftigung gewesen. Und Zitan liebte das Fechten, genau wie er sein kleines Schwert liebte, das Kasko ihm geschenkt hatte. Zitan war ein unglaublich guter Schwertkämpfer, er hat sogar seiner Cousine Yuma, die 6 Jahre älter war als er, das Schwert aus der Hand gehauen (ohne Yuma dabei zu verletzen natürlich). In der Festung war Zitan kaum zu halten. Er war ständig in Saria unterwegs, und das nicht allein. Er hatte einen allerbesten Freund, mit dem er durch dick und dünn ging, und das war Zenta. Zenta ist mir sehr ans Herz gewachsen. Er ist der Sohn von Ilja und Saron, also ein Mensch, und er wohnt in Kasara. Doch da Yasons und wir uns so oft getroffen haben, sind Zitan und Zenta regelrecht zusammen aufgewachsen – sie sind unzertrennlich geworden. Mir kamen manchmal fast die Tränen, wenn ich die beiden zusammen spielen gesehen habe – Zitan, mein hyperaktives Söhnchen, schleppte den kleinen Zenta überall mit hin, und ich hatte immer das Gefühl, dass Zenta manchmal garnicht so große Lust hatte, überall hinzulaufen, er war ein kleiner Angsthase. Wenn Zitan irgendetwas kaputt gemacht hatte (und das war nicht selten) bekam Zenta meistens sofort die große Panik: "Oh nein, gleich kommen die Großen und schlagen uns, was machen wir denn jetzt nur??!" Ich weiß nicht, ob Ilja und Saron etwas mit ihm angestellt hätten, wenn er eine Scheibe eingeschlagen hätte. Jedenfalls erschien es ihm normal, dass Kinder geschlagen wurden, wenn sie etwas kaputt gemacht hatten. Und ich bin zwar nie wirklich hinter Yasons Erziehungsmethoden gekommen, aber Saron war meiner Meinung nach ein sehr pessimistischer und strenger Mensch. Ich könnte mir gut vorstellen, was passieren würde, wenn Zenta einen Fehler machen würde. Doch in so einer Laune hab ich Saron nur ein einziges mal erlebt, als wir einmal wieder in Kasara zu Besuch waren. Ich bin mir nichtmal sicher, ob Saron nicht doch etwas getrunken hatte, jedenfalls fing er an, rumzupoltern, "Zenta, räum den Tisch ab, Zenta mach den Fußboden sauber, Zenta, mach dies, mach das!", und der Kleine war ganz selbstverständlich gekommen und hatte brav den Tisch abgeräumt und den Boden gefegt, worauf ich mich allen Ernstes fragte, wie einem 4jährigen Jungen sowas zugemutet werden kann. Überhaupt, Zenta war meiner Meinung nach viel zu naiv. Wenn er bei uns übernachtet hat, hat er sorgfältig darauf geachtet, dass ja um 10 Uhr geschlafen wurde, Zitan hat das nie verstanden. Und natürlich dachte Zitan auch nie im Leben daran, sein Bett zu machen und das Frühstücksgeschirr abzuräumen – Zenta machte das alles freiwillig und ohne Aufforderung, und einmal war er drauf und dran, unseren ganzen Tisch abzuräumen, da ist Kasko so wild geworden, dass er fast an die Decke gegangen ist, er fand es unmöglich, dass ein Gast, wohlgemerkt auch noch so ein kleiner Junge, freiwillig den Tisch abräumte, und Zenta solle das sofort lassen, mit so viel Höflichkeit mache man sich nur das Leben schwer. Das führte dazu, dass der Kleine dann jedes mal erst fragte, ob er seinen Teller abräumen dürfte. Jaja, Zenta war ein komischer Kerl, ordentlich, höflich, vernünftig und außerordentlich intelligent. Da sieht man wieder, wie die Gegensätze sich anziehen, Zitan und Zenta sind unterschiedlich wie Tag und Nacht und dennoch die besten Freunde.

Eine weitere wichtige Bekanntschaft waren Kizalos‘. Familie Kizalos war eine Mesumanierfamilie, die im Nordwesten Nurias lebte. Sie wurden von Chinon beschützt, und ich weiß bis heute nicht, wie wir die bloß kennengelernt haben. Wir waren nebenbei auch nicht mit allen Kizalos befreundet, unsere engsten Freunde unter ihnen waren Tamaro und seine Frau Mikina. Sie hatten auch eine Tochter, Liona. Liona war 2 Jahre jünger als Zitan, doch jedesmal, wenn Kizalos kamen, spielten Zitan und Zenta mit Liona, die 3 wurden sehr gute Freunde. Liona machte es garnichts, dass es bei uns keine Mädchen in ihrem Alter gab, sie liebte Zitan und Zenta wie Brüder, wenn Tamaro und Mikina kamen, hieß es sofort: "Wo sind Zid und Zenta??!" Zid war Zitans allgemeiner Spitzname, Zenta rief ihn seit immer schon ‚Ziddy‘, weil er ‚Zitan‘ früher nicht aussprechen konnte, da kam nur immer ein hilfloses ‚Zida-... Zida-... Zidi...‘ heraus, daraus wurde ‘Ziddy‘. Kizalos kamen auch hin und wieder mit nach Kasara, was sehr amüsant wurde. Kizalos waren reine Chaoten. Tamaro war ein Scherzkeks genau wie Kasko, die 2 waren wahrhaftig die besten Freunde. Mikina war zwar eher vernüftig, doch die kleine Liona war ein quirliges und aufgewecktes Mädchen – sie wurde von uns allen stets ‚Linni‘ gerufen, da Liona ein viel zu braver Name für das Mädchen war.

Es vergingen wieder Jahre, doch unser friedliches Leben sollte nicht so bleiben, wie es war. Das zweite Zeitalter neigte sich dem Ende zu, und wir ahnten noch nicht, dass uns die grauenhaftesten Jahre unseres Lebens noch bevorstanden.

Thanata hatte einen Entschluss gefasst, von dem kein Mensch und kein anderes Wesen Seydons etwas ahnte – unsere Götter sahen alles, und ich weiß nur von der Göttin Kyana, was Thanata getan hatte. Sie war, nachdem Kasko ‚Toiyaka Sarla‘ auf sie gesprochen hatte, schwer getroffen in die Unterwelt zurückgekehrt. Dort verharrte sie 6 Jahre. Und im Jahre 23 000 zZ kam sie das erste mal wieder auf die Oberfläche. Sie gelangte nach Anakusia, Nurias westliches Nachbarland. Sie steifte verwandelt in der Hauptstadt von Anakusia, Zitavajia, herum. Und dort hörte sie durch Zufall, wie der König von Anakusia über die Mesumanier schimpfte. Talik, so hieß der König, hätte zu gern die Fläche des Landes Nuria zu Anakusia dazugehabt, doch da die Mesumanier auf dieser Fläche lebten, konnte er sich das Land nicht nehmen. Die Menschen hatten inzwischen fast Angst vor den Magiern, vor allem vor den Mesumaniern. Denn, so sagten die Menschen, Mesumanier können mit Waffen umgehen und dazu noch zaubern. Und viele Menschen befürchteten, dass die Mesumanier eines Tages die Weltherrschaft an sich reißen könnten. All das erfuhr Thanata von Talik, sie hatte ihn bei einem Gespräch mit einem General belauscht. Und das gab ihr eine grausame Idee. Sie hasste ja die Mesumanier, genau wie Talik, und sie hätte uns am liebsten alle getötet. Doch durch Kaskos Fluch war sie zu schwach, um jemanden zu töten – also musste es jemand anderes für sie tun: Talik. Sie hypnotisierte Talik, während er schlief, und befahl ihm, Nuria zu erstürmen und die Mesumanier zu töten. Talik, natürlich hypnotisiert, fand das eine großartige Idee. Und gleich am nächsten Tag schrieb er an seine Freunde, König Matso von Kesvitara und König Kesra von Sayamaina, dass sie ihm helfen müssten, Nuria zu bekämpfen. Die beiden Könige, Matso und Kesra, versprachen dem Freund ihre Hilfe, und schon bald zogen 3 Heere auf Nuria zu: Anakusias, Kesvitaras und Sayamainas. Von all dem ahnten wir nichts.

Ich erinnere mich sehr ungern an den Ausbruch des Krieges – es war der 4. August 23 000 zZ, und es sollte der schrecklichste Tag meines Lebens werden.

Es begann ganz plötzlich beim Mittagessen. Wir, also alle Saris, saßen am Tisch und aßen, als plötzlich die Tür aufflog, und ein paar Dutzend Soldaten von Sayamaina hereinkamen. Wir sprangen entsetzt auf, und die Soldaten zückten die Schwerter. Ich verstand die Welt nicht mehr. Was wollten diese Soldaten denn von uns? Zitan riss belustigt auch sein Schwert heraus, er hielt die Soldaten für eine Theatergruppe. Doch dann passierte das Grausame: ein General trat vor, hob das Schwert und enthauptete Kaskos Mutter – mir blieb vor Angst beinahe das Herz stehen. Und da griffen plötzlich alle Soldaten an. Kasko schnappte mich und Zitan und wir versuchten, aus der Festung zu fliehen. Es begann ein schrecklicher Kampf, wir verteidigten uns so gut es ging mit Magie. Kasko gelang es, uns 3 nach draußen zu retten. Ich sah den ganzen Hof voller Soldaten. Es war grauenhaft. "Mama, Papa, wo wollen wir hin??!" hatte Zitan geschrien, als Kasko mit uns zu den Kutschen herüberrannte. Ich warf einen Blick zurück auf die Festung: gerade stürzte eine Bombe auf das Dach, und es fing an zu brennen. Ich hörte überall Schreie. Kasko wollte uns in die Kutsche schubsen, doch dann kam ein Mann, den ich mein Leben lang hassen werde: König Kesra. Ich erinnere mich, wie er sein Schwert hob und Zitan quer über die Brust schnitt. Ich wäre fast gestorben, als ich den gellenden Schrei meines kleinen Sohnes hörte, und Zitan fiel mir schwerverwundet in die Arme. Er war leichenblass geworden und auf seiner Brust klaffte eine riesige Schnittwunde. Dann ging alles ganz schnell. Ich hielt Zitan fest, der bei halbem Bewusstsein war, als ich Kasko schreien hörte: "Du wirst dich nie wieder an meinem Sohn vergreifen, Kesra!! Todesklinge!!!" Der König Kesra stürzte wie versteinert zu Boden – Kasko hatte ihn getötet. Wann immer ich das erinnere, läuft es mir noch heute kalt den Rücken herunter. Doch was auf den Tod von König Kesra folgte, war das grausamste Erlebnis meines Lebens. Der General, der Kaskos Mutter getötet hatte, kam auf uns zu, mit erhobenem Schwert. Kasko zog ebenfalls sein Schwert, und die 2 fingen an, zu kämpfen. Das war schon furchtbar genug, doch es kam schlimmer. Plötzlich schien der General unglaublich stark zu sein – er schlug Kasko das Schwert aus der Hand. Was dann kam, raubte mir fast die Sinne. Ich sah nur, wie der General blitzschnell das Schwert hob und Kasko das rechte Auge ausstach. Ich schrie auf, als ich Kaskos Schrei hörte. Der General stach ihm das linke Auge auch heraus. Ich zitterte am ganzen Körper. Es war so furchtbar, überall war Blut, und ich hörte nur noch Schreie. Mein Herz schlug wie verrückt, und ich fing an zu schreien, als ich sah, wie der General Kasko die Finger und die Zehen abschnitt. Ich habe nie im Leben so etwas grauenvolles gesehen. Das Schlimmste war, dass Kasko sich nicht wehrte. Aber ohne Augen hatte er keine Chance. Er schrie auf und sackte in sich zusammen. Doch der General ließ nicht locker, und in dem Moment verschwand der letzte Sinn meines Lebens: der General rammte Kasko sein Schwert in die Brust. Ich war wie gelähmt. Das konnte nicht wahr sein, warum musste das passieren? Womit hatte ich es verdient, den Mord an Kasko mit anzusehen – womit hatte ich es verdient, dass Kasko überhaupt ermordet wurde? Das war so unfair... ich konnte es nicht verstehen und ich werde es nie verstehen. Als der General ihm noch ein Schwert in den Hals rammte, war mir klar, dass Kasko tot war. Mein geliebter Kasko, der Mann meiner Träume, und der Vater meines geliebten Sohnes, der Anführer der Saris, er war tot. Für mich löste sich die ganze Welt auf. Ich wollte nur noch sterben. Ohne Kasko hatte mein Leben keinen Sinn mehr. Doch da entdeckte ich Zitan in meinen Armen. Der Kleine war ohnmächtig. Sein Körper war überall mit Blut verschmiert, und seine Wunde auf der Brust hörte garnicht auf, zu bluten. Da wusste ich, dass mein Leben doch noch einen einzigen Sinn hatte – Zitan. Ich würde weiterleben, ich würde für Zitan leben, und für Kasko – er hatte uns retten wollen, und er war für uns gestorben, und das sollte niemals umsonst sein! Ich sprang mit Zitan in eine Kutsche und wir rasten davon – wir entkamen Sayamainas Heer um Haaresbreite.

Unser friedliches Leben war also vorbei. Nach tagelangem Fliehen in einer Kutsche durch die Wildnis Nurias trafen wir schließlich eine Gruppe Flüchtlinge. Es waren etwa 50 Mesumanier aus allen möglichen Familien. Zitan und ich wurden in die Gruppe aufgenommen – das war unsere Rettung, allein hätten wir niemals in der Wildnis überleben können. Ein Mann namens Airon führte uns 2 Tage durch Nuria, bis wir im Wald eine kleine, versteckte Höhle fanden, in der wir uns einquartierten. In der Gruppe waren nur 2 Kinder, Zitan und Airons Tochter Yari. Airon und Yari kamen von der Familie Tizuno. Nach dem Krieg haben wir sie leider aus den Augen verloren – Zitan und Yari waren während unseres Aufenthaltes in der Höhle gute Freunde geworden.

Der Rest des Krieges ging an uns vorbei. Wir lebten geschlagene 2 Jahre in dieser Höhle. Doch obwohl wir kein Blut mehr sahen und auch keine Schreie hörten, waren diese 2 Jahre grausam. Viele von unserer Gruppe wurden schwerkrank und starben. Ich erinnere mich daran, wie auch Zitan krank wurde, aber ich habe alles, wirklich alles dafür getan, um ihn zu schützen – und er hat überlebt. Das zweite Zeitalter war nun zu Ende. Ich frage mich, ob jedes Zeitalter mit einem Krieg aufhört. 23 000 Jahre lang war das zweite Zeitalter – und ein neues Zeitalter würde beginnen. Ein Zeitalter, in dem die Mesumanier fast schon eine Legende geworden waren – der Krieg hatte sehr viele getötet.

An dem Tag, an dem man uns fand, glaubten wir zuerst, es seien Soldaten, die unsere Höhle fanden. Aber es waren nur ein paar Menschen, die nach Überlebenden suchten. Wir erfuhren von ihnen, dass der Krieg vorbei war. Die 3 Könige waren im Krieg umgekommen. Anakusia hatte einen neuen König gewählt, und Sayamaina wurde von Kesras Frau regiert. Kesvitara hatte eine Sonderfunktion. Während des Krieges war eine Horde Mesumanier, vor allem die Familien des Westens, nach Kesvitara geflohen. Da das Land ohne Führer lag, da Matso und das Heer in Nuria waren, gelang es den Mesumaniern, sich durchzuschlagen. Tamaro Kizalos wurde der König von Kesvitara – ja, unser bester Freund hatte es zum König gebracht, und wir saßen 2 Jahre lang in einer Höhle.

Die Menschen brachten uns in verschiedene Krankenhäuser. Von unserer Gruppe mit 54 Leuten waren nach diesen 2 Jahren noch 9 übrig. Zitan und ich waren am Leben, und Airon und Yari zählten auch zu den Überlebenden. Doch damals verloren wir uns aus den Augen, weil Airon und Yari nach Grandinasira reisten. Zitan und ich kamen nach Kasara ins Hospital. Nach einigen Tagen konnte Zitan gehen – nur, wohin? Ich brachte ihn zu Yasons Hof, er sollte dann dort wohnen, während ich noch im Krankenhaus bleiben musste. Ich hatte mir während den 2 Jahren Krieg scheinbar auch eine dieser Infektionskrankheiten geholt. In dieser Zeit habe ich angefangen, diese Geschichte der Ilaraina zu schreiben, weil ich im Krankenhaus nichts besseres zu tun hatte.

Ein Monat verging. Mein Zustand besserte sich wieder, sodass ich bals auch zu Yasons ziehen konnte. Zitan war überglücklich, mich zu sehen, als ich ankam. Doch er hatte sich verändert während des Krieges. Seine Wunde auf der Brust war zwar verheilt, doch er hatte seine fröhliche Art fast vollkommen verloren. Er trauerte Kasko genauso hinterher wie ich – er hatte seinen Vater sehr geliebt. Wir wohnten sehr gut auf Yasons Hof, es war zwar etwas eng in dem kleinen Haus, aber es war gemütlich. Zitan ging mit Zenta zur Schule, doch Ilja musste den Direktoren der Schule vorlügen, dass er Zentas Cousin wäre, da niemand wissen durfte, dass Zitan Mesumanier war. Ich hatte das Gefühl, dass er schnell viele Freunde fand, in diesem Punkt hatte er sich nicht verändert: Zitan konnte sich mit allem und jedem sofort anfreunden, wenn er wollte. Zenta schien irgendwie kein Freund von vielen Freundschaften zu sein – Ilja meinte, er käme mit seiner Schulklasse kein bisschen zurecht und hätte ohne Zitan keinen einzigen Freund. Mir fiel auf, dass er nicht mehr ganz so naiv war wie früher, manchmal wirkte er irgendwie... so finster, sarkastisch, weiß der Himmel, woher das kommen mochte.

Die Zeiten schienen sich zu bessern, doch das änderte sich schnell wieder. Ich bekam einen Rückfall meiner Krankheit und musste zurück ins Hospital. Es wurde mit jedem Tag schlimmer, und bald wusste ich, dass es keinen Ausweg mehr gab. Die Krankheit war eine der vielen unheilbaren, und über kurz oder lang würde ich sterben. Es war ein furchtbarer Gedanke, zu wissen, dass man jeden Moment sterben könnte. Ich traute mich nicht mehr, einzuschlafen, ich hatte Angst, am nächsten Tag nicht mehr aufzuwachen. Und ich wollte nicht sterben, ohne mich von Zitan zu verabschieden. Der Kleine wusste nicht, dass ich nicht wieder gesund werden würde. Er hätte nur furchtbare Angst um mich bekommen. Ilja und Saron waren die Einzigen, die es wussten.

Was war eigentlich mit Thanata geschehen? Ich hatte im Krankenhaus mit Kyana gesprochen, und sie erzählte mir alles. Nachdem die 3 Könige im Krieg gestorben waren, war Thanata wütend. Sie fühlte sich jetzt von allen verraten, sogar von den Menschen. Sie begann, alle Wesen ganz Seydons zu hassen. Sie zog sich zurück in die Unterwelt, irgendwann, wenn sie genug Kraft hätte und sich von Kaskos Fluch erholt hätte, würde sie sich an allen rächen und alle töten.

Ich denke, die Geschichte neigt sich dem Ende zu. Nuria war untergegangen – keiner lebte mehr dort, alle waren entweder tot, oder nach Kesvitara oder nach Maginasira geflohen. Das dritte Zeitalter würde bestimmt noch lange anhalten. Ich werde Ilja diese Geschichte schenken – ansonsten habe ich ja nichts, das ich vererben müsste. Ich will nur hoffen, dass die Götter meinen Sohn beschützen – er ist der einzige, der von unserer großen Familie Sari übrigblieb. Ich werde Ilja sagen, Zitan soll bitte bei Yasons wohnen, wenn ich gestorben sein werde, hat er nichts mehr. Keine Familie, kein Zu Hause, garnichts. Er würde allein sein. Deshalb bin ich froh, dass ich euch kenne, ihr Yasons, und ich wende mich jetzt direkt an euch: Ilja und Saron, ich bitte euch, auf mein Kind aufzupassen, wenn ich nicht mehr da bin. Ich wünschte, ich müsste ihn nie allein lassen. Und auch du, Zenta, kümmer dich um Zitan, ich hoffe, dass ihr immer Freunde sein werdet. Ich glaube kaum, dass Zitan es gut verkraften wird, allein zu sein. Doch er hat keine andere Wahl. Nach Nuria kann er niemals zurückkehren. Dort ist nichts mehr. Alles wurde niedergebrannt und zerstört. Die Menschen bauten oben im Nordosten eine Stadt, die sie Mesuta nannten – das ist der einzige Ort, an dem Leben ist. Das ganze restliche Land ist wie tot. Die Menschen sagen, es sei verseucht – verseucht von Blut, von Tod, und von Grauen. Niemand wagt es, einen Fuß auf dieses verwunschene Land zu setzen. Wer hätte gedacht, dass das einst so schöne Nuria so enden würde?

Ich hoffe, dass die Zeiten sich ändern werden. Vielleicht werden die Mesumanier irgendwann einmal so leben können wie früher. Und vielleicht erfährt Zitan irgendwann durch die Götter, dass Tamaro König von Kesvitara ist – ich bin sicher, dass Zitan nach Kesvitara gehen würde, um Tamaro aufzusuchen, wenn er es wüsste. Nun ist mein Ende gekommen, und das Ende dieser Geschichte. Ich weiß nicht, wie die Zukunft aussehen wird. Ich hoffe nur, dass ich mich von meinem geliebten Sohn verabschieden kann, bevor ich Kasko ins Reich der Götter folge. Für mich war Zitan immer schon ein Kasko im Kleinformat, ich hoffe, dass er irgendwann genauso mutig und stark wird wie sein Vater es war. Vielleicht wird er eines Tages doch noch Anführer einer Mesumanierfamilie.

Wer weiß?

 

 

 

 

 

Ich widme diese Geschichte meinem geliebten Sohn, möge Ilja sie ihm irgendwann einmal in die Hand geben... die Götter werden über dich wachen, mein kleiner Zitan, und Papa und ich werden dich niemals vergessen, auch wenn wir weit, weit weg sind. Versprich mir nur, dass du niemals aufgibst... ich liebe dich...

Cenja Sari

29. Dezember 2 dZ (drittes Zeitalter)

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