[Holia, Mond der Irrlichter 996]

 

Der Sommer dauerte noch immer an, obwohl der Mond der Irrlichter schon halb rum war. Es war zu heiß, um etwas Sinnvolles zu tun.

Die Kinder aus Holia verbrachten einen Nachmittag am nahen See. Auch Zoras war mit Loron und den Dickis da – Loron hatte so lange auf ihn eingelabert, bis er sicherheitshalber mitgekommen war, um Lorons Schlägen zu entgehen, obwohl er garkeine Lust hatte, am See rumzusitzen. Er wollte sich viel lieber um sein Training kümmern, das war wichtiger. Aber für seinen Respekt in Holia war es auch wichtig, ab und zu das zu tun, was Loron wollte.

Die kleineren Dorfkinder planschten ausgelassen im See, manche jagten Enten, und wenn die Kinder in die Nähe der Vögel kamen, flogen die Enten schnatternd davon. Zoras sah kopfschüttelnd zu. Er konnte gut jagen, und er war nicht so ungeschickt wie diese törichten Kinder, die nackt im Wasser herumplanschten und den Enten Angst machten. Aber die Kinder jagten die Enten ja nicht, um sie zu erlegen. Es machte ihnen nur Spaß zuzusehen, wie sie erschrocken wegflogen. Asta war auch mit ein paar Freundinnen im See baden, die Mädchen kicherten die ganze Zeit über fürchterlich. Loron saß mit den Dickis und Zoras im Gras.

"Nun," machte der Dunkelhaarige dann und stand gähnend auf, "Wie ist es, Fettis – gehen wir auch baden??!"

"Jau!" machte der Erste und rappelte sich hoch.

"Aber mit den ganzen Kleinkindern und den hässlichen Mädchen???" fragte der Zweite, und der Dritte addierte:

"Genau?"

"Pfff!!" machte Loron, "Passt auf, die verscheuchen wir!" Er ging gut gelaunt runter zum Ufer, die Drillinge rollten ihm nach. Zoras blieb sitzen. Er wollte definitiv nicht mitbaden – dann würden sie ihn ja nackt sehen...

"Hey, ihr Wichser!!" brüllte Loron die kleinen Kinder an, "Sofort raus aus dem Wasser, jetzt sind wir nämlich dran!!"

"Waaaas??!" machte Kasuri, Astas hässliche Freundin, "Quatsch, der See ist nicht deiner, er ist für alle da!!"

"Hm, ich bin der Sohn des Häuptlings, klar??!" machte Loron, "Also??! Ich habe hier das Sagen, und ich will, dass alle aus dem Wasser gehen, kapiert??! Ihr stinkt!"

"Was?" machten die Kinder enttäuscht, und einer roch an seinem Arm:

"Ich stinke garnicht, du lügst ja...!"

"Wohl stinkt ihr, sieben Meilen gegen den Wind!!" rief einer der Drillinge lachend.

"Jau!!!" machte der nächste. Loron verschränkte die Arme.

"Ooooder... soll ich die große Seeschlange rufen? Die frisst euch auf, wetten?"

"WAAASSSS, SEESCHLANGEEE??!!" kreischten die Kinder, und ehe Loron sich versah, waren alle aus dem See gerannt und schreiend hinter den Hügeln verschwunden, obwohl sie alle nackt waren. Loron und die Dickis lachten sich dumm und dämlich, als sie jetzt alleine am See waren.

"So einfach ist das, los, gehen wir, wir haben allen Platz der Welt!" kicherte Loron, und die Jungen zogen sich aus, bis plötzlich einem der Drillinge etwas einfiel:

"Ey, wo is’n Kurzhöschen?"

"Hm?" machte Loron, und alle sahen zum Hügel, wo sie zuvor gesessen hatten – Zoras war gerade im Begriff, sich davonzuschleichen, und Loron schnaubte. "ZORAS, DU PENNER!!! Bleib gefälligst hier, das is’n Befehl!!!!" Zoras blieb erschrocken stehen und sah die Jungen verlegen an.

"I-ich muss auf's Klo-..." log er noch, und Loron schnaubte wieder.

"Dann piss doch ins Gras, du Memme!! Oder kannst du nicht im Stehen pissen, Kurzhöschen??!" Zoras brummte.

Klar kann ich das, soll ich dir mal ins Gesicht pinkeln, du Wichser...? hätte er gerne gesagt, aber er ließ es besser.

"Ich will nicht baden, ich hab gestern schon gebadet!" sagte er zu Loron, "Ich gehe trainieren, bis dann."

"HEEEYY!!!" gröhlte Loron, "Nichtsda, du kommst mit!!! Du Feigling, bist du wasserscheu??!"

"Zoras ist ein Feigling, Zoras ist ein Feigling!" gröhlten die Drillinge amüsiert. "Zoras ist wasserscheu, hahaha!! Hat Angst vor ein bisschen Wasser und säuft Milch wie’n Loch! Willst du lieber in Milch baden, Süßer??! Hahaha..." Zoras wurde rot und ballte die Fäuste.

"Unsinn!!!" schrie er, "Badet alleine, ich zieh mich nicht vor euch aus!"

"Pff!" grinste Loron, "Jetzt verstehe ich dein Problem – dein Schwanz ist zu klein, und das ist dir peinlich!" Zoras blinzelte.

"Haha!" machte er verächtlich und verschränkte die Arme.

"Wahrscheinlich hat er ´ne Hühnerbrust und will sich deshalb nicht ausziehen!" kicherte einer der Dickis, und Zoras grunzte beleidigt.

"Pah!!!" machte er, "Allein für meine Bauchmuskeln müsste ich Eintritt verlangen!!" Die anderen Jungen lachten amüsiert, und Loron zeigte auf Zoras.

"Dickis!" rief er, "Holt ihn runter! Wenn er nicht baden will... dann zwingen wir ihn! LOS!!! ATTACKE!!" Zoras fuhr erschrocken herum, als die Drillinge gröhlend auf ihn zukamen – er hatte noch nie gesehen, wie die ihre Körpermasse so schnell vorwärts bewegt hatten, und er wollte noch wegrennen, da erreichten die Dicken ihn schon, warfen ihn brutal zu Boden und packten seine Arme und Beine. Zoras schrie und zappelte, als sie ihn den Hügel herunter zum See chauffierten.

"LASST MICH LOS!!! IHR SOLLT LOSLASSEN, SOFORT!!! AAHH, AUFHÖREN!!!!" Inzwischen lugten auch die anderen nackten Kinder wieder über den Hügel zum See, weil die Jungen so einen Lärm machten.

"Nanu?" machte Kasuri.

"Die ärgern jetzt Kurzhöschen?" fragte Asta, "Ist ja völlig neu..."

"Sollen wir ihn reinwerfen, den Schisser??!" grinste einer der Drillinge Loron an, als sie mit dem zappelnden und schreienden Zoras am See ankamen. Loron kicherte.

"Nee, zieht ihn aus, weil er sich ja so geniert, der Penner-...! – Hör mal, Kurzhöschen, als ob du anders aussehen würdest als wir-..."

"NEIN, NICHT!!!!" schrie Zoras entsetzt, als die Drillinge ihn auf den Boden nagelten und an seinen Kleidern zerrten. Ihm kamen Bilder in den Kopf, Bilder von den Räubern im Wald, die ihn verletzt und entwürdigt hatten. Er schrie gellend auf und zappelte. "BITTE BITTE NIIIICCCHHHTTTT!!!!" schrie er verzweifelt, "LORON, LASS ES!!! ICH MACH ALLES, WAS DU WILLST, ABER NICHT AUSZIEHEN, NEIN!!!! AAAHHH!!!!!!"

"Scheisse, der hat ja richtig Schiss!" stammelte Loron perplex, "Herrje, so hässlich kannst du doch garnicht sein!! Ich mein, du siehst doch scheisse gut aus, was willst du??!" Zoras schluchzte und zappelte erfolglos weiter.

Nein – wenn ihr die Tätowierung seht, wisst ihr, wie häslich ich bin-...!!

"AUFHÖREEENNN!!!!!" schrie er panisch, "BITTE, BITTEEEE!!!!!"

"Sollen wir aufhören?" fragte einer der Drillinge Loron, der an Zoras‘ Hemd zerrte, bis er es auf bekam und es dem schwarzhaarigen Jungen vom Leib riss. Zoras schrie und zappelte und trat wütend nach den Jungen um ihn herum.

"Nö, nicht aufhören!" befahl Loron, "Mein Himmel, warum stellst du dich eigentlich so derbe an, Zoras??!"

"Jau!" machte der erste Drilling verblüfft, "D-du hast ja ´nen richtigen Männerkörper-..."

"Aargh, bin ich neidisch!!"

"Hört auf, hört auf, biiittttteeee!!!!!" kreischte Zoras außer sich, und Loron schlug ihm wütend ins Gesicht, als die Drillinge ihm mit Gewalt die Hose auszogen und er somit nur noch seine Shorts trug – als sich einer der Dickis gerade an jener Shorts zu schaffen machte und daran zog, wurde es zu viel, und Zoras sprang wutentbrannt auf, schoss den Jungen mit einem Blitz zu Boden und trat die zwei anderen brutal zur Seite. "IHR WAGT ES, MEINE UNTERHOSE ANZUFASSEN, IHR SCHWEINE??!! Aargh, Perverslingeeee!!!!!!"

"Auaahh..." jammerten die Dickis, aber als Loron Zoras ansah, stutzte er. Der Schamane drehte ihm den Rücken zu – den Rücken mit der Tätowierung.

 

"A-...Alter-...!" keuchte Loron und zeigte auf Zoras‘ Rücken, "Scheisse – SCHEISSE, WAS HAST DU DENN DA AUF’M RÜCKEN??!!" Sofort wieder wach starrten auch die Drillinge und alle anderen Kinder auf Zoras‘ Rücken – und erstarrten. Zoras erstarrte ebenfalls.

Oh nein-... das habe ich geahnt!

"W-was is’n das potthässliches??!!" schrien die Dickis entsetzt.

"Iiiihh, Zoras hat komisches schwarzes Zeug auf’m Rücken!!" Auch die anderen Kinder starrten Zoras entgeistert an.

"Himmel, ist der verunstaltet!" machte Kasuri verblüfft, "Der ist garnicht so hübsch, wie er angezogen aussieht!"

"Das ist ´ne Tätowierung!" erklärte Zoras Loron verbittert, "Das haben Räuber im Wald in meine Haut geschlitzt, als ich acht war! Da habt ihrs – seid ihr jetzt zufrieden, ihr Penner?" Loron und die Drillinge hielten entsetzt die Luft an. Dann grinste Loron plötzlich.

"Scheisse – siehst du scheisse aus mit dem Ding!" Er warf Zoras lachend seine Klamotten an den Kopf. "Da, zieh dich bloß wieder an, das ist ja ´ne Zumutung für die Augen!!" Zoras sah betreten zu Boden, während die Drillinge schon in den See gingen. Loron folgte ihnen.

"Und komm ja nicht ins Wasser, nachher ist das ´ne ansteckende Seuche!!" brüllten die Drillinge. Zoras schluchzte bloß und schluckte tapfer seine Tränen herunter. Ihm war wirklich zum Heulen zumute, während er niedergeschlagen seine Sachen wieder anzog. Er schnappte seine Dolche und rannte mit einem Schniefen fort, den Hügel hinauf und zurück nach Holia.

"BLEIB JA WEG, DU BIST WIDERLICH!!" warf ihm noch irgendwer an den Kopf. Zoras kniff die Augen verkrampft zusammen, um bloß nicht zu Heulen anzufangen – nichts hätte er jetzt lieber getan. Sein Hals brannte, und er wusste, dass er es nicht mehr lange aushalten würde. Jetzt wussten es also alle! Alle in Holia wussten jetzt, dass er diese Tätowierung hatte – und wie hässlich er eigentlich war. Er fragte sich, ob ihm jemals jemand verletzendere Sprüche an den Kopf geworfen hatte als die Jungen eben.

"Du bist widerlich!!"

"Siehst du scheisse aus mit dem Ding..."

"Bleib bloß weg, nachher ist das ´ne ansteckende Seuche!!"

Zoras erreichte sein Haus in Holia. Er riss die Tür auf, stürzte in sein Zimmer und knallte die Tür hinter sich zu, bevor er heulend mitten auf dem Boden zusammenbrach, wo er bitterlich zu weinen anfing. Er konnte es nicht – er konnte die Tränen nicht mehr halten, und sie strömten in reinen Bächen über sein Gesicht und auf den Boden, auf dem er sich weinend zusammenkauerte. Es war ihm egal, ob ihn jemand heulen hörte – er konnte nicht anders. Auch, wenn Jungen nicht weinen durften, Zoras war der Ansicht, dass man mit welchen, die gerade tief im Innersten verletzt wurden, eine Ausnahme machen sollte. Er schämte sich schon jetzt in Grund und Boden dafür, dass er wie ein Mädchen heulend am Boden lag und garnicht mit Weinen aufhören konnte – obwohl er normalerweise nie heulte. Als er vom vielen Weinen erschöpft war, schlief er völlig niedergeschlagen auf dem harten Fußboden ein.

 

Das schwarze Loch in Zoras‘ Seele hatte sich in dem Moment mit einem schmerzhaften Riss stark vergrößert. Der Junge glaubte eine Weile, dass es jetzt vorbei wäre, als er so am Boden lag, er glaubte, dass dieses Loch aus Hass, Wut, Schmerz und Traurigkeit ihn jetzt völlig verschlingen und in die Finsternis reißen würde. Das letzte mal, als er gedacht hatte, er müsse sterben, war im Wald bei den Räubern gewesen, also vor fünf Jahren. Er lag sehr lange auf dem Fußboden und rollte sich von Zeit zu Zeit auf die andere Seite. Seine Kehle schmerzte vom vielen Weinen und sein Gesicht war dreckig und tränenverschmiert. Es war ihm sogar egal, ob ihn jetzt jemand so sehen würde – er würde ohnhehin nicht mehr lange hier sein.

Ich komme zu euch, ihr Geister... flüsterte er in Gedanken den Windgeistern zu, und er lächelte bitter bei dem Gedanken daran. Es wäre sicherlich eine Erlösung, jetzt zu sterben. Er fühlte sich so erbärmlich, so elend und so unglaublich schwach, wie er völlig fertig am Boden lag. Vielleicht war es gut, wenn er seine Seele mit dem Wind gehen ließe...

Aber irgendwie starb er nicht, und das machte ihn nach ein paar Stunden unheimlich wütend. Was war? Wo blieb die Dunkelheit, die ihn umhüllen wollte? Warum saugte sein Loch im Geist ihn nicht in sich hinein? Es wäre ein schrecklicher Tod, dachte er, und so unwürdig. In dem schwarzen Loch würde er in einer Unendlichkeit aus Hass und Schmerz sein. Er hatte Angst davor, musste er sich eingestehen.

Zoras setzte sich auf und wischte sich so gut es ging die Tränen aus dem Gesicht.

"Ich will dem Wind nicht meine Seele geben, wenn ich so jämmerlich am Boden rumliege!" schnappte er wütend, "Ich habe auch meinen Stolz! Komm, Wind! Jetzt sitze ich, jetzt kannst du dir meine Seele holen!!" Der Wind holte sich die Seele nicht. Zoras seufzte ergeben. Es war noch nicht an der Zeit für ihn, zu sterben, wie es schien. Aber was hatte er schon noch am Leben?...

 

Die Zeiten wurden sehr viel schwerer. Der Sommer verging ganz plötzlich, und ehe die Menschen sich versahen, war es wieder Winter. Für die nächste Zeit war Zoras in Holia und der ganzen Umgebung als Heulsuse bekannt, und der Junge sprach niemals mit den anderen Idioten in Holia, schon garnicht mit Loron oder den Fettis. Er war die meiste Zeit draußen, irgendwo in der Pampa, um zu trainieren. Er gab sich die allergrößte Mühe, seinen Geist und damit seine Zauberkräfte zu stärken, aber das war garnicht so einfach, wie er gedacht hatte. Wie brachte man sich selbst die obere Magie bei? Er hatte gehört, dass es für das Lernen der oberen Schwarzmagie extra spezielle Lehrer gab, und nur die waren fähig, Schamanenkindern die obere Schwarzmagie beizubringen. Wie zum Geier sollte er das dann alleine schaffen? Zoras wusste es nicht. Er wusste nur, dass er es irgendwie schaffen musste. Sie hatten kein Geld, um ihn in eine richtige Lehre zu schicken. Also musste er es alleine hinbekommen.

 

Im kommenden Sommer änderte sich aber einiges erneut. Zuerst mal war da die Tatsache, dass Karana für ein ganzes Jahr nach Janami ging, um die Lehre der Schwarzmagie zu machen. Zoras überlegte, ob ihn das freuen oder ärgern sollte. Er hasste Karana, und jedes mal, wenn er ihm begegnete, endete die Begegnung in einem Zauber-Duell, und Karana war immer noch besser als Zoras. Zoras war der Meinung, dass die Kämmpfe mit Karana ein perfektes Zaubertraining für ihn waren, und es war nicht gut, wenn Karana jetzt ein ganzes Jahr weg war. Außerdem würde Karana in Janami richtig zaubern lernen – und ein richtiger Geisterjäger werden. Und er selbst?

Er hockte in Holia, ohne vorwärts zu kommen mit seinen Fähigkeiten.

Also muss ich, bis Karana zurück kommt, weiter üben, und ich muss genau das lernen, was er lernt! Die obere Magie! Sonst komm ich ja nie gegen den Idioten an, wenn er erstmal wieder da ist-...

Nun, natürlich könnte er Karana auch einfach eine reinhauen und ihn mit den Fäusten zu Boden zwingen – was die Körperkraft anging, war er wesentlich stärker als Karana. Aber Karana war nunmal das bessere Magier, wusste der Himmel, woran es lag. Zoras redete sich stinksauer jeden Tag ein, dass es garnicht angehen konnte, dass Karana genauso hart trainierte wie er.

Das braucht er nicht! dachte er sich dann, Er kommt ja aus einer starken Familie!-... Er kann von Natur aus besser zaubern als ich... er muss garnicht so viel üben-... – ach, so’n Arsch...

Es verging kein Tag, an dem er nicht weiter übte, um besser zu werden. Jeden Tag, von morgens bis abends, übte er das Zaubern, ohne Pause, stundenlang. Pakuna sorgte sich um Zoras‘ Gesundheit, weil er ständig auf den Beinen war, sich niemals Ruhe gönnte und viel zu wenig aß.

"Iss mehr," sagte sie ihm oft traurig, "Milch allein macht dich auch nicht stärker!" Zoras brummte seine Mutter missmutig an, während er minutenlang seine Dolche in den Händen drehte, ohne dass sie herunterfielen.

"Ich hab keine Zeit zum Essen!" sagte er dann, "Außerdem werde ich von zu viel Essen zu dick zum Zaubern!" Pakuna seufzte leise.

"Und von zu wenig wirst du zu dünn, hast du daran mal gedacht?" Zoras sah seine besorgte Mutter an, dann hörte er auf, die Dolche zu drehen, und lächelte kurz.

"Ist schon okay," meinte er und strich Pakuna über den Arm, "Mach dir... nicht so viele Sorgen um mich, Mutter! Ich kriege schon irgendwie genug zu Essen!" Er seufzte leise. "Ich habe dir gesagt, dass ich einmal Geiterjäger werde! Und das werde ich, du wirst schon sehen! Und eines Tages werde ich Karana eins in die grinsende Fresse hauen, und allen Idioten, allen schlechten Menschen der Welt!" Er sah zur Seite.

Ich werde sie alle töten... ich werde die Menschen vernichten! Eines Tages werde ich all den Hass und allen Schmerz der Welt auslöschen... damit ich meinen eigenen Hass endlich vergessen kann... und... meine Wunden endlich heilen können-...

Er biss sich krampfhaft auf die Unterlippe.

"Ich muss gehen, Mutter. Mach's gut!" Er schnappte noch eine Flasche Milch und verließ dann das Haus. Pakuna sah traurig zum Fenster.

Dein Hass ist so groß, Zoras... ich weiß, was für Schmerzen du erträgst, jeden Tag, den du lebst, mein Sohn... aber glaubst du wirklich, dass es besser wird-... wenn du tötest...?

Sie schluchzte verzweifelt.

Er kann nur töten! sagte sie sich verbittert selbst, Er weiß nicht, was es bedeutet... einen Menschen zu lieben! Er kennt nur das Schlechte, nur die schlechten Menschen! Und er merkt garnicht, wie seine Seele nach ein wenig Liebe und Zärtlichkeit schreit, wie sehr sein Geist sich die Wärme wünscht, die er nie... bekommen hat-... mein armes Kind-... du bist so kalt... du bist so hart... du kannst nur töten... Zoras...

 

Die Jungen in Holia hatten sich wieder mit Zoras ausgesöhnt, und keiner wagte es mehr, ihn Heulsuse zu nennen – die Jungen wussten ja, dass er als Schamane zaubern konnte und selbst ohne Zauberkräfte stärker war als sie, sie hielten es für besser, ihn auf ihrer Seite zu haben. Zoras war es egal, ob sie ihre Freundschaft ihm gegenüber bloß vortäuschten, das taten sie sowieso. Für ihn war es vorteilhaft, mit den anderen befreundet zu sein, das war alles, was ihm wichtig war. Die Drillinge trauten sich, wenn Loron nicht in der Nähe war, nichtmal, Zoras anzufassen, hatte Zoras festgestellt – sie schlugen ihn bloß, wenn Loron es befahl, alleine waren sie viel zu feige.

Von wegen, wer ist hier die Heulsuse? fragte Zoras sich dann grinsend. Wenn er den Drillingen alleine begegnete, sagten sie höchsten "Hi." und gingen schnell weiter, was ihm ganz recht war, denn die Dickis waren einfach strunzdumm und schwerfällig. In dem einen Jahr waren sie schon wieder ein riesiges Stück gewachsen – dadurch wirkten sie plötzlich nicht mehr so fett, sondern bloß kräftig. Zoras ärgerte sich darüber, dass er immer noch viel zu klein war, er war viel kleiner als Loron und noch viel, viel kleiner als die riesigen, dicken Drillinge. Lorons Schwester Asta war genauso groß wie Zoras, was ihm noch peinlicher war – ein Mädchen war fast größer als er, na super. Denn Asta würde ja, weil sie erst dreizehn wurde, noch wachsen.

"Du wächst doch auch noch!" hatte Pakuna ihm dann motivierend gesagt, "Du bist doch erst vierzehn! Jungen wachsen in der Regel später als Mädchen..."

Zoras half das wenig. Er war schon immer so klein gewesen. Sogar Karana war in dem vergangenen Jahr ganz plötzlich unglaublich gewachsen und war jetzt fast einen Kopf größer als Zoras. Von Tayson ganz zu schweigen – Karanas schwarzhaariger Freund war sogar größer als Loron, fast so groß wie die dicken Drillinge, nur, dass Tayson nicht so fett war. Allein Simu war etwas kleiner und kaum größer als Zoras, was ihn ein klein wenig beruhigte. Wenigstens einer auf seiner Augenhöhe.

Zoras war wenigstens froh darüber, dass die Mädchen in Holia ihn seit der Sache am See vor einem Jahr nicht mehr anstarrten. Sie wussten jetzt alle, dass er diese potthässliche ätowierung auf dem Rücken hatte, und sie würdigten ihn keines Blickes mehr. Ihn scherte das überhaupt nicht, er wollte garkein Mädchen – im Gegensatz zu seinen gleichaltrigen Kameraden in Holia.

"Die Mädchen werden jetzt langsam alle zu Frauen!" sagte Loron zufrieden, als er eines Tages im Sommer zusammen mit den Dickis und Zoras auf der Veranda von Zincas Haus hockte und Eistee trank.

"Jau!" machte der erste der Drillinge.

"Jetzt kriegen sie wenigstens alle Titten, gut so," addierte der Zweite, und der Dritte meinte:

"Mädchen sind nicht toll, Frauen sind toll! Ich meine, was soll man denn mit diesen Flachtittchen, die nichts draufhaben?" Zoras weigerte sich, dazu einen Kommentar abzugeben. Er wusste nicht, was er von solchen Gesprächen halten sollte, wenn die vier Jungen gnadenlos die heranwachsenden Mädchen entwürdigten – als ob die Brüste das Allerwichtigste an einer Frau wären...

"Pff," seufzte Loron, "ASTA!! BRING MAL NEUEN EISTEE!!!"

"Sofort..." stöhnte Asta aus dem Haus, und Loron hob einen Zeigefinger.

"Mädchen sind vielleicht ganz lustig, wenn sie es noch nie hatten, aber das ist irgendwie nichts im Vergleich mit denen, die schon richtig Ahnung haben, haha..." Zoras drehte sich bloß murrend zur Seite.

"Können wir nicht über was anderes reden?"

"Kurzhöschen kann nicht mitreden!" kicherten die Drillinge.

"Ach, du hast einfach keine Ahnung, wie cool sich eine Jungfrau von innen anfühlt, Zoras!" Zoras wurde rot und sah zur Seite.

"Ihr seid eklig, Jungs." Loron klopfte ihm blöd lachend auf die Schulter.

"Irgendwann wirst du auch noch dein erstes Mal haben, Kopf hoch, Kurzhöschen!" Zoras sagte nichts. Es regte ihn auf, dass die Jungen ihn liebend gern damit aufzogen, dass er noch nie mit einer Frau geschlafen hatte – er hatte ja noch nichtmal seinen ersten Kuss gehabt. Die anderen Jungen hatten alle schon Erfahrungen mit den Frauen gemacht, und Zoras überlegte manchmal, ob er sich dumm vorkommen sollte, weil er nicht wusste, wie sich das anfühlte, sich mit einem Mädchen zu vereinigen. Er wurde noch röter als vorher, als er daran dachte, dass er eher noch wusste, wie ein Mädchen sich beim ersten Mal fühlte – immerhin hatte er ungefähr das durchgemacht, was Mädchen beim ersten Mal durchmachten, als die Räuber ihn von hinten genommen hatten. Zoras war der Ansicht, dass dieses zerreißende, unglaublich schmerzhafte und schreckliche Gefühl Schuld daran war, dass er sich nicht für Frauen interessierte. Er hatte schon ein paar mal darüber nachgedacht, ob es krankhaft war, dass er, verglichen mit den anderen Jungen in seinem Alter, überhaupt kein bisschen das Verlangen danach spürte, mit einem Mädchen zu schlafen. Und das, obwohl bei so einer Vereinigung dann ja er derjenige wäre, der in jemanden eindringen würde, und nicht andersrum, so, wie er es bereits erlebt hatte. Wenn die anderen Jungen voller Begeisterung ihre Erfahrungen mit Sex austauschten, saß er blöd daneben und versuchte, nicht hinzuhören, weil er all die Beschreibungen einfach abartig und widerlich fand.

Und Loron war in dem Punkt ganz besonders schlimm.

"Kasuri ist schonmal ´ne Null im Bett," machte Loron und sah auf, als Asta mit dem Eistee ankam. "Na, blöde Schwester??" war die Bergrüßung, "Wusstest du, wie scheisse deine Freundin Kasuri ficken kann??" Asta starrte ihn entrüstet an.

"Du Schwein!!" blaffte sie ihn an, "Du weißt, dass ich dich dafür hasse, dass du Kasuri gevögelt hast-...!! Sie ist völlig traumatisiert!"

"Weil er so geil war, oder was?" grinste einer der Dickis, und Asta trat wütend nach ihm.

"WEIL ER IHR WEHGETAN HAT, DU PENNER!!!" Sie rannte heulend ins Haus. "Wäähh, wenn Karana doch nur hier wäre!!"

"Als ob der ihr helfen würde, oder so..." gluckste einer der Drillinge, und der zweite lachte.

"Irgendjemand muss Asta mal richtig durchnehmen!" Zoras schüttelte sich.

"Seid ihr verrückt??! Die ist doch gerademal zwölf!! Das grenzt echt langsam an Perversität, okay?"

"Aaaach, du bist doch nur neidisch, weil du nie deinen Schwanz versenken kannst, Kurzhöschen-...!!"

"Mann, er hat doch recht!" kicherte Loron, "Asta is’n halbes Kind, die hat nichts und kann bestimmt genauso wenig wie ihre hässliche Freundin! Ihr müsst die älteren Mädchen nehmen, die können's wenigstens-..."

"Zoras zieht schon wieder so’ne Flappe, lasst uns dem mal ´ne Frau besorgen, damit er endlich mal bumsen kann und nicht immer so rumhängt-..." schlug einer der Dickis vor, und Zoras sprang entsetzt auf.

"Das werdet ihr nicht tun!!" blaffte er die Jungs an, "Ich werde nicht mit irgend’ner dahergelaufenen Schrulle rumvögeln, kapiert??!! Lasst mich einfach in Ruhe, ihr Arschlöcher!!" Die vier Jungen blickten sich vielsagend an.

"Oho!" machte der zweite Dicki, "Du willst also als eiserne Jungfrau sterben!"

"Jau!" addierte der Erste.

"Neeeiiin, Kurzhöschen wartet eben auf die große Liebe!" lachte Loron, "Nicht wahr?? Wartest du darauf, dass dir irgendwann die Superfrau über den Weg läuft, und dann endet ihr wie Aschenbrödel und der Prinz! Haha!" Zoras schnaubte.

"Von wegen, das hättest du wohl gern!" murrte er, "Ich habe mit diesem ganzen Scheiss nichts am Hut, klar??!"

"Oooh, klar, natürlich, Zoras ist ja mit seinem Zaubertraining verheiratet!" meinte der dritte Dicki, und der Erste machte:

"Jau!"

"Oder mit seinen täglichen drei Litern Milch!" addierte der zweite Drilling, und Zoras ballte verärgert die Fäuste.

"Warum lasst ihr mich nicht damit in Ruhe??! Was schert es euch, ob ich jetzt mit irgendwem rummache, oder nicht??!"

"Naja, dann könntest du immerhin mitreden!" meinte Loron wichtig und hielt sein Eistee-Glas hoch, "Cheers!"

"Prost!" machten die Drillinge, und die vier Jungen tranken ihren Eistee aus. Zoras seufzte.

"Ich muss nicht mitreden!" meinte er, "Ich will garnicht mitreden!"

"Na gut, aber da wir in letzter Zeit vorrangig darüber reden, dachte ich, du langweilst dich, Kurzhöschen!" grinste Loron, "Mann, komm – oder hast du noch Komplexe wegen deiner scheiss Tätowierung??! Okay, die sieht echt scheisse aus, aber wenn du dir so’n richtig dummes, naives Mädel schnappst und die einfach richtig flachlegst-..."

"HÖR AUF!!!!" schrie Zoras außer sich, "Ich mache sowas nicht!!! I-ich treibs doch nicht mit ´ner Frau gegen ihren Willen!!"

"Ooh, ein Gentleman," machte Loron abwertend, und die Drillinge lachten.

"Und natürlich auch erst nach der Hochzeit, wie die Adeligen, nicht, Zoras?"

"Grrr-... – i-ich darf sowieso noch nicht!!!" fiel ihm plötzlich ein, und die vier verstummten.

"Wie?" machte Loron verständnislos, "Wie, du darfst nicht??! Erlaubt Mami das nicht??"

"Weil ich Schamane bin!" machte Zoras, "Und Schamanen brauchen für das erste Mal ein spezielles Öffnungs-Ritual, das Blutritual! Das ist, ähm-... halt das Ritual für das erste Eindringen-..." Die Jungen sahen sich an.

"Gibt’s dafür ´ne Party?" machte der erste Drilling erstaunt, "Mit ´nem Essen und so??"

"Quatsch!" machte Zoras, "Ein Ritual ist doch keine Party! Das ist eine traditionelle Angelegenheit! Das macht man bei Schamanen einfach so, okay? Und ich-... muss mein erstes Mal mit einer mächtigen Magierin haben, damit ihre Macht auch auf meinen Körper übergeht und sie mich damit stärker macht-... oder so-..." Als die Jungen ihn immer perplexer anstarrten, wurde Zoras immer leiser und räusperte sich dann verlegen. "Ähhm-... das ist echt so!!"

"So-... so ein SCHEISS!!" gröhlte Loron als Erster und brach in schallendes Gelächter aus, "Meine Fresse, seid ihr Schamanen bescheuert!! Wer hat sich den Schmarrn denn ausgedacht??! Ist ja voll blöd-... haha-...!"

"Wenigstens kriegt er dann ja eine mit Erfahrung ab, wenn's ´ne mächtige Zauberin sein muss," murmelte ein Dicki, "Ich meine, die Mächtigen sind doch eher die Erwachsenen, oder?"

"Dann fickst du ja mit ´ner Trusse, die viel älter ist als du!" kicherte der zweite Dicki, "Hauptsache, sie ist hübsch und hat's drauf, dann kann nichts schiefgehen!" Zoras sah verlegen auf den Boden.

"Vergesst es einfach," seufzte er, "Ich hab keinen Bock auf dieses Ritual-... und erst recht nicht, mit irgend´ner wildfremden Frau zu schlafen-..." Er wurde rot, und Loron lachte.

"Vor allem die Frau wird sich freuen, mit so’nem Anfänger vögeln zu müssen, der nichtmal einen hochkriegt, haha!"

"Wer sagt denn, dass ich keinen hochkriege??!" blaffte Zoras ihn empört an, "Na, hör mal!!"

"Die acht Centimeter?" gluckste Loron schadenfroh, und Zoras schnaubte.

"Das sind ja wohl mehr als acht Centimeter, du Idiot!!! – Als ob du jemals meinen Schwanz gesehen hättest!"

"Naja, ich meine, wenn du so klein bist, kann der Pimmel ja auch nicht besonders groß sein, oder?"

"HÖR SOFORT AUF DAMIT!!!" schrie Zoras wütend, "Mann, das ist echt widerlich!! Was schert dich das, Loron, wie lang mein Schwanz ist, geht dich ´nen Dreck was an!!" Loron grinste.

"Also doch acht Centimeter... oder weniger?"

"Vielleicht hat er ja garkeinen," grinste der dritte Drilling, "Besonders männlich benehmen tut er sich ja auch nicht, er steht nicht auf Mädchen – heeey, vielleicht ist er ein Mädchen?" Zoras grunzte entrüstet.

"Von wegen!!!"

"Lass gut sein, Kurzhöschen!" kicherte Loron, "Ist schon gut! Vielleicht solltest du einfach vor deinem bescheuerten Ritual ein bisschen vögeln üben!"

"Bist du verrückt, ich darf doch nicht!!!"

"Du sollst ja nicht mit jemandem rumbumsen, du Trottel, mann, hol dir einfach einen runter, dann weißt du, wie das ist, ´ne Latte zu haben!" Zoras starrte Loron entsetzt an.

"E-einen-... was??!" Die Jungen sahen ihn perplex an.

"Sag bloß, du weißt nicht, was sich einen runterholen heißt..." stammelte Loron total aus der Bahn gerissen. Auch die Drillinge starrten Zoras an, und Zoras kam sich völlig bescheuert vor, weil er mal wieder von nichts eine Ahnung hatte.

"Was soll ich runterholen?" stammelte er verlegen, und die Drillinge brachen in schallendes Gelächter aus. Während die Dickis über die Veranda rollten, grinste Loron.

"Also – vormachen tu ich's dir nicht! – Also-... so ungefähr, du verstehst??" Er machte einige unmissverständliche Handbewegungen in Richtung seiner Hose, und Zoras wurde noch röter und taumelte.

"Iiieek, du meinst doch nicht-...??!" keuchte er, "I-ich – grabbel mir doch nicht selber am Schwanz rum!!"

"Och," lachte Loron, "Selbstbefriedigung ist doch der beste Weg zur Übung, oder??! Und die letzte Frust-Möglichkeit, wenn du mal kein Mädchen abkriegst! Ich meine, irgendwo muss man das Verlangen ja abbauen..." Zoras sah empört zur Seite. Er hatte dieses Verlangen, von dem Loron sprach, noch nie im Leben gespürt. Als er sich vorstellte, dass Loron und die Drillinge sich ständig nachts an ihren Allerwertesten herumfummelten, wurde ihm schlecht, und er verdrängte das Bild aus seinem Kopf. Er wünschte sich, er müsste niemals im Leben mit Sex konfrontiert werden. Leider musste er das blöde Blutritual über sich ergehen lassen, sonst wären die Geister zornig, wenn er ihre Rituale verschmähte. Er hatte nicht die geringste Lust auf das Ritual, außerdem wusste er kaum, was da passierte. Er wusste zwar, was eine Vereinigung war, aber das war's dann auch schon.

In der Umgebung gab es noch ein paar andere Schamnenjungen, und manchmal hatte Zoras sie gehört, wie sie über ihre bevorstehenden Blutrituale redeten – die meisten freuten sich einen Keks darüber und konnten es kaum erwarten. Nur er Trottel war mal wieder anders und hatte aus unerfindlichen Gründen Angst vor dem Ritual. Außerdem fragte er sich, wie das funktionieren sollte. Er würde sich vor der seltsamen Magierin, welche auch immer dann die erste Frau wäre, die er jemals berühren würde, sicher ganz schrecklich blamieren. Er hatte doch garkeine Ahnung von Vereinigungen. Wahrscheinlich würde er alles völlig verhauen. Und ob er das, was Loron einen hochkriegen nannte, konnte, wusste er, wenn er ehrlich war, auch nicht. Er war schon stolz darauf, dass er Lorons Worte überhaupt verstand und wusste, was der Häuptlingssohn damit meinte – er hatte das schon manchmal bei den anderen Jungen gesehen, wenn sie mal wieder völlig aufgeregt über ihre Erlebnisse mit Mädchen geredet hatten – aber er selbst hatte das doch noch nie gehabt... doch, einmal, als er nach einem seiner verwirrenden Visions-Träume mitten in der Nacht aufgewacht war, hatte er das auch gehabt. Aber das funktionierte doch nicht auf Kommando! Zoras wusste nichtmal, wie er das damals gemacht hatte, und wie er es beim Ritual bewerkstelligen sollte, es nochmal hinzukriegen... das war damals doch einfach so passiert...

 

In den nächsten Wochen gab Zoras sich die allergrößte Mühe, Loron aus dem Weg zu gehen. Loron hatte nicht übertrieben, in der letzten Zeit redeten die Jungen tatsächlich nur noch über das eine – Zoras konnte und wollte nicht mitreden, also ging er einfach der Gruppe aus dem Weg. Außerdem musste er sich um sein Training kümmern – was, wenn Karana von seiner blöden Lehre zurückkam und dann dreimal so stark war wie er? Das war ja ein Ding der Unmöglichkeit! Alles andere fing an, ihn nicht mehr zu interessieren – null Interesse für den ganzen Kram, über den die Jungen so redeten, wenn nicht sogar minus drei.

Pakuna machte sich schon wieder sinnlose Sorgen darum, dass er zu wenig aß, und Zoras konnte es, wenn er ehrlich war, nicht mehr hören. Er sah schon selbst zu, dass er satt wurde. Außerdem waren drei Liter Milch am Tag doch wirklich eine Menge.

"Ich kann auch vier oder fünf Liter trinken, wenn du dann beruhigt bist," hatte er Pakuna einmal gesagt, und Pakuna hatte bloß gebrummt.

"Es geht nicht um‘s Trinken, du wirst vor lauter Milch noch eine Kuh werden, pass auf! – Es geht doch ums Essen, Kind-..."

"Ich mag es nicht, wenn du mich Kind nennst. Ich bin schon vierzehn und fast ein Mann, okay?"

 

Von wegen Mann, sagte Zoras zu sich, als er mit dem Familienpferd nach Osten durch die endlosen, goldenen Felder galoppierte. Er wollte irgendwohin, wo er alleine war. Üben konnte er nur, wenn er alleine war, und wenn ihn niemand anstarrte. Wenn ich ein Mann werden will, muss ich das scheiss Ritual machen. Nur das Blutritual macht aus mir einen Mann. – Ich will das Ritual nicht machen... dann bleibe ich eben ein Junge, bis meine Knochen eines Tages Staub sein werden! Knochenstaub eines Jungen, so.

Chenoa hatte ihm erzählt, dass Jungen keine Geisterjäger sein konnten. Er grinste böse, während er das Pferd mit den Hacken antrieb und die Zügel locker ließ. Der Wind trug ihn mitsamt dem Pferd über ein goldenes Meer, während die Sonne von oben auf das Land herabsah. Chenoa hatte gesagt, er bräuchte den Körper eines Mannes. Und den hatte er. Den hatte er in der Tat, auch, wenn dank seiner Tätowierung alle Gleichaltrigen ihn komisch anstarrten. Aber Chenoa hatte nicht gesagt, er müsse ein Ritual gemacht haben, bevor er Geisterjäger werden könnte.

Zoras parrierte das weiße Pferd durch und sah schuldbewusst ins Gras um ihn herum.

"Tut mir leid... was denke ich da-..." nuschelte er verlegen. Die Geister wären zornig, wenn er ihre Rituale verschmähte. Er musste da durch, irgendwann. Bis er sechzehn war, hatte er noch Zeit dazu.

In zwei Sommern bin ich sechzehn einhalb, dachte er, Bis dahin-... werde ich das Blutritual hinter mir haben müssen...

"Ach!!" blaffte er sich selbst an und sprang vom Pferd, "Schnauze, Derran!! Fang lieber an, zu üben, bevor der Winter vor der Tür steht, du Idiot."

Wenn er wütend war, schimpfte er zur Not, wenn keiner zum Beschimpfen da war, mit sich selbst. Er hatte versucht, das zu lernen, was Chenoa unerschütterliche Seele genannt hatte. Er hatte versucht, seine Wut zu kontrollieren, es hatte nicht geklappt. Er spürte, dass er sich mehr und mehr selbst zerstörte, je wütender er wurde. Das schwarze Loch in seinem Geist klopfte ab und zu, Zoras spürte es pochen wie sein Herz, wenn er tief in sich hineinhorchte. Er hatte Angst vor dem Pochen. Er fürchtete das riesige, finstere Loch in seinem Inneren, weil es ihn mehr und mehr auffraß und an ihm zerrte. Traurig setzte sich der Junge ins Gras, während das Pferd zu grasen begann. Er spürte ihn schon wieder. Den Schmerz, den unheimlichen, unerträglichen Schmerz in seiner Brust. Es tat so weh, dass er sich auf die Unterlippe biss, so lange, bis sie blutete. Mit dem Handrücken wischte er das rote Blut von seinen Lippen und starrte aufgelöst seine verschmierte Hand an.

"Warum tut es so weh??!" schrie er das Pferd an, "WARUM??!!" Das Pferd zuckte zusammen und wich zurück, und Zoras brach über dem Boden zusammen und keuchte.

Heul nicht schon wieder. Nicht schon wieder, Derran.

Er atmete schwer und riss sich zusammen, um seinen Schmerz zu bezwingen.

"B-bleib in deinem Loch!!" verfluchte er die Schmerzen in seiner Brust, "Los, bleib in dem schwarzen Loch!! Lasst mich in Ruhe!! Lasst mich doch einfach in Ruhe!" Sein Leben lang hatte er nur Schmerzen, Leid und Hass erlebt. Er kannte nichts anderes. Das andere widerte ihn an, war ihm fremd und machte ihm noch mehr Angst als seine unerträglichen Schmerzen. Was war das, was die Menschen Liebe nannten? Was war ein Zuhause, was war eine Familie? Was war das, was sich Geborgenheit schimpfte? Er wusste es nicht. Er wusste nicht, wie es sich anfühlte, zu lieben. Er hatte nie erfahren, was Liebe sein sollte. Jemand der Jungen in Holia hatte das, was auch bei seinem Ritual geschehen würde, einmal Liebe machen genannt – Zoras fragte sich, ob er beim Ritual erfahren würde, was Liebe sein sollte. Einerseits wünschte er es sich. Andererseits hätte er vor Angst davor am liebsten so laut geschrien, dass sofort die Welt unterginge.

Die Menschen sind schlecht.

Das wusste er schon so lange. Wenn er einmal stark genug war, würde er die schlechten Menschen vernichten und allen Hass, alle Wut und allen Schmerz für immer zerstören. Das war sein Wunsch. Das wünschte er sich schon so lange. Jahrelang.

"Hepp, auf!" motivierte er sich selbst und rappelte sich auf, "Üben, Zoras, los. Zeit ist Geld."

Der Himmel hatte sich zugezogen, Wolken waren gekommen und verdeckten die Sonne. Um Zoras herum war es grau, als er die Augen schloss und die Arme dem Himmel entgegen streckte. Er versuchte, auf seine innere Stimme zu hören. Auf die Stimmen der Geister.

"Gebt mir ein Zeichen!!" rief er laut in den Himmel hinein, "Ihr Geister, hört mich an!! Ich kann euer Wetter rufen, ihr hört auf meine Stimme, wenn ich den Blitz rufe, den Donner, und den Regen!! – Dann schickt mir jetzt eine Möglichkeit, die obere Magie zu lernen!" Es grollte über ihm. Als er die Augen öffnete, begann es, zu regnen. Zoras ließ die Arme sinken und ließ den stärker werdenden Regen auf sich eintropfen, bis er durch und durch nass war. Er ballte die Fäuste. "Ich wollte keinen Regen," sagte er vorwurfsvoll zur Erde. "ICH WOLLTE KEINEN REGEN, VERDAMMT!!!!!!!" Er riss mit einem lauten Schrei die Arme wieder gen Himmel und warf den Kopf zurück, und mit einem mal krachte es in ohrenbetäubender Lautstärke, und als Zoras die Augen aufriss und in sich die Stärke spürte, die er haben wollte, erschufen seine eigenen Hände einen riesenhaften Blitz direkt vor ihm. Zoras keuchte und starrte die Blitzkugel zwischen seinen Händen an. Das war die Magie. Das war keine Demora, das war echte Magie. Die Magie, die er gesucht hatte. Er hatte den Geistern befohlen, sie ihm zu geben, und das hatten sie getan. Der Junge riss die Arme mitsamt der Magiekugel wieder hoch. "HAAAHHHH!!!!!!! SEHT IHR??!! SEHT IHR, ICH KANN'S!!!" Es krachte direkt über ihm, aus den dunkeln Wolken zuckten Blitze. Er breitete die Arme weiter aus, und mit einem Krachen zerfetzte die Macht der Magie sein ärmelloses Shirt. Es war ihm egal, und mit einem weiteren, lauten Schrei schmetterte er den Blitz in den Boden vor sich, wo mit einem extremen Krachen und mit zitternder Erde ein gewaltiger Krater entstand. Mindestens so groß wie das Haus, in dem Zoras wohnte.

Der Blitz erlosch, nachdem der Krater erschienen war, und die Erschütterung der Erde warf Zoras von den Beinen. Der Junge stürzte zu Boden und keuchte. Dann hörte das Beben ganz plötzlich auf.

Zoras rappelte sich mit riesig geweiteten Augen auf und starrte auf das, was er angerichtet hatte. Er allein! Das war nur er allein gewesen! Sein Vater hatte das niemals gekonnt, das wusste er. Zoras lächelte zufrieden. Das Gefühl des Sieges, das er gespürt hatte, als er Karana vor Jahren mit seiner ersten Sura geschnitten hatte, durchströmte seinen Körper, und er grinste den Himmel erhobenen Hauptes an.

Der Regen ließ nach.

 

"Du hast dein Hemd ja schon wieder kaputtgemacht," sagte Pakuna leise, als Zoras nach Hause kam und ihr die Fetzen seines Shirts hinlegte.

"Tut mir leid," machet er schuldbewusst und sah seine Mutter kurz an. "Das war die Magie, Mutter – ich, hey, ich kann's! Ich hab zum ersten mal ganz alleine einen Zauber gerufen!" Pakuna lächelte.

"Ich habe gewusst, dass du es kannst – auch ohne eine Lehre kannst du es, Zoras. Ich bin stolz auf dich, glaub mir." Zoras sah sie an, dann nickte er. "Geh," meinte die Frau dann. "Ich nähe dir solange ein neues Hemd."

Pakuna nähte, und er ging solange baden. Die komische Zinkwanne war ihm inzwischen viel zu klein, so musste er die Beine aus der Wanne hängen lassen, um überhaupt darin sitzen zu können. Wenigstens zeigte ihm das, dass er gewachsen war, und das freute ihn immer unheimlich, wo er doch im Vergleich zu all den anderen Jungen immer noch furchtbar klein und dünn war.

"Du bist nicht zu dünn," meinte Pakuna leise, "Die anderen sind nur breiter als du! Das ist überhaupt nicht schlimm, Zoras, du solltest dir darüber nicht so viele Gedanken machen. Du bist doch erst vierzehn, du wächst schon noch!" Zoras überschlug seine über den Rand der Wanne baumelnden Beine und lehnte sich brummend zurück.

"Jaja," machte er, "Das sagst du schon seit Jahren!" Pakuna hockte sich neben ihn auf den Boden und legte ihm das neue Shirt hin. Er blinzelte. "So schnell fertig??"

"Ich hatte damit schon vor ein paar Tagen angefangen," meinte Pakuna dazu, "Mehrere Hemden schaden ja nicht, nur du machst sie ja ständig kaputt!" Sie seufzte. "Warum willst du immer so aussehen wie die anderen Jungen hier? Ich finde dich so, wie du bist, viel hübscher als alle anderen Jungen da draußen zusammen. Du bist... du bist doch hübsch, Zoras!" Sie strich ihm zärtlich über die Wange und sah ihn traurig an. "Du hast ein wunderschönes Gesicht und so unglaublich schöne Augen... einen hübschen Mund und ganz wunderbar weiche, schöne Haare. Und du hast jetzt, wo du so viel trainiert hast, einen unglaublich attraktiven Körper bekommen, du solltest stolz darauf sein, statt zu jammern, du wärst zu klein! Vielleicht bist du klein, aber du bist stark, mein Sohn. Und das weißt du." Zoras sah betreten an sich herunter.

"Du übertreibst so!" maulte er Pakuna an, "Tu nicht immer so, als wäre ich hübsch! Du weißt genauso gut wie ich, dass ich dank dieser beschissenen Tätowierung hier das hässliche Entlein schlechthin bin!"

"Aber man sieht sie doch nicht ständig, Zoras..." lächelte Pakuna, dann stand sie auf und wuschelte ihm über den Kopf. "Sei nicht so eitel und mecker nicht so viel an deinem Aussehen herum! Wenn du mir nicht glauben willst, wie hübsch du bist, dann lass es bleiben." Sie ging, und Zoras zog die Beine an und brummte.

"Leider ist man in dieser erbärmlichen Welt immer gearscht, wenn man scheisse aussieht..."

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