[Holia, ~ Kälbermond 993]

 

Als er Holia erreichte, ging er nichtmal nach Hause, er ging um das Dorf herum auf die andere Seite, hin zu dem Hügel westlich des Dorfes, auf dem er oft alleine saß, normalerweiese aber nur nachts. Er nahm seine Dolche und begann, während er niedergeschlagen im Gras saß und das Süden sah, mit den Waffen herumzuspielen. Er hörte der Stimme des Windes und dem Zirpen der Grillen im Gras zu und fühlte sich gleich etwas wohler. Er wollte am liebsten einfach hier sitzenbleiben, für immer. Dann durchschnitt eine Stimme die Idylle.

"Steh auf, Zoras!!"

Er fuhr erschrocken herum und erblickte hinter sich eine Frau stehen. Sie hatte lange, komischerweise hellblaue Haare und trug ein enges, schwarzes Kleid, das ihr bis zu den Knien reichte. Ihre Augen waren zu Zoras‘ Entsetzen gelb wie die eines Raubtieres und starrten ihn herrisch an.

"W-wer-...??!" stammelte er und rappelte sich auf, und die Frau sah ihn eine Weile an.

"Um Himmels Willen," machte sie und zog die Brauen hoch, "Du bist ja noch dünner, als ich es in der Kugel gesehen habe!" Zoras sah an sich herunter.

"Ahm – ich-...??" machte er fragend, als sei er nicht sicher, ob er wirklich gemeint war. Er war in der Tat übermäßig dünn und klein, aber ihm war das nie so aufgefallen – und erst recht nicht so ins Gesicht gesagt worden.

Die Frau nickte.

"Hab keine Angst, ich weiß alles über dich!" meinte sie, "Mein Name ist Chenoa. Ich bin von der Zuyya hierher gekommen, um mich etwas um dich zu kümmern. Du musst einmal ein Mann sein, Zoras, und wenn du Geisterjäger werden willst, musst du trainieren." Zoras starrte sie an. Woher wusste sie das alles?

"Ihr kommt von Zuyya?!" fragte er ungläubig, "Haben auf Zuyya alle blaue Haare und Raubtieraugen?" Chenoa lächelte leicht, bevor sie sich ins Gras hockte und ihm deutete, sich auch wieder hinzusetzen.

"Nein, nicht alle," antwortete sie, "Einige Zuyyaner haben Haar- und Augenfarben, die es auf Tharr und Ghia nicht gibt. Aber nicht alle. Ich komme aus dem Land Niranya und bin auf Zuyya als Seherin bekannt, weil ich mit Hilfe von Seelenmagie mit den Mächten der Schöpfung sprechen kann. Ich kann in die Vergangenheit und in die Zukunft sehen – daher weiß ich alles über dich, Zoras." Zoras blinzelte.

"In die Zukunft?" fragte er verunsichert, "U-und werde ich denn Geisterjäger??!" Chenoa lachte kurz und sah ihn dann erneut an.

"Deshalb bin ich hier," sagte sie zu ihm, "Die Mächte der Schöpfung haben mir gesagt, ich müsste dir helfen, damit du einmal Geisterjäger wirst. Weil du alleine nicht trainieren wirst, Zoras, und deshalb bin ich hier, um deinen Körper zu trainieren." Zoras blinzelte wieder und fasste nach seinem Bauch.

"Meinen Körper?" wunderte er sich, "A-aber ich trainiere wohl!! Schon die ganze Zeit-... – außerdem geht’s doch beim Geisterjäger um den Geist und die innere Stärke, und nicht um die äußere!" Die Frau brummte.

"Du irrst dich!" meinte sie ernst, "Es kommt sehr wohl auch auf körperliche Stärke an! Weißt du, als Geisterjäger musst du in der Lage sein, die Geisterwinde zu rufen und zu beherrschen. Und du kannst die mächtigen Winde nicht beherrschen, wenn dein Körper zu schwach ist. Wenn dein Geist zu viel von deinem Körper verlangt und dein Körper nicht stark genug für die Geisterwinde ist, werden die Winde dich zerschmettern, wenn du versuchst, sie einzufangen." Der Junge sah die Frau ungläubig an.

"Also muss ich auch... körperlich stärker werden?" wunderte er sich erneut, "Okay, das ist leicht, das schaff ich auch ohne Hilfe!" Er stand auf, und Chenoa tat es ihm gleich, bevor sie seinen dünnen Arm fest packte, bis es wehtat. "Au!!! Hör auf-...!!"

"Von wegen!" machte Chenoa streng, "Du willst das Training alleine schaffen? Weißt du denn überhaupt, wieviel zu trainieren musst, um von deinem jetzigen Zustand auf das Niveau eines Geisterjägers zu kommen? – Jungen werden keine Geisterjäger. Du musst ein Mann sein, um Geisterjäger werden zu können – und den Körper eines Mannes haben, weil die Winde zu stark für den Körper eines Jungen sind." Zoras drehte sich verbittert ab und befreite sich aus Chenoas Griff. Er war also einfach nicht stark genug, um Geisterjäger zu werden? Er fragte sich, was dieser komischen Frau daran lag, ihn zum Geisterjäger zu machen. Vielleicht wollte sie seine Kräfte für ihre Zwecke missbrauchen, oder so? Wenn es einmal soweit wäre und er Geisterjäger wäre, würde er nicht zulassen, dass ihn jemand benutzte.

"Ich habe seltene Gaben, ich kann sehen und das Wetter rufen!" machte er großkotzig und kam sich vor wie Karana, als er das sagte. "Das sind gute Vorraussetzungen für einen Geisterjäger, meinte meine Mutter!" Chenoa seufzte.

"Ich weiß," meinte sie ernst, "Deine Mutter hat dir doch erzählt, was wichtig ist. Ein einwandfreier Instinkt – ein starker Körper – und eine starke, unerschütterliche Seele. Um die Winde zu rufen und mit ihnen zu zaubern, reicht eine starke, strapazierfähige Seele. Um die zu bekommen, musst du in der Tat sehr hart üben und trainieren, dann wirst du nicht mehr damit auskommen, auf gut Glück Demoras um dich zu schmeißen. Willst du die Macht der Winde und Flüche wirklich beherrschen... und ein perfekter Schwarzmagier sein – dann muss dein Geist unerschütterlich sein, und das ist der Punkt, an dem du noch am meisten arbeiten musst, fürchte ich... – alles, was ich momentan für dich tun kann, ist, mich um das Training deines Körpers zu kümmern. Ich bin kein Schamane, sondern eine Zuyyanische Magierin, und unsere Magie ist anders als eure." Zoras dachte eine Weile nach.

"Warum hilfst du mir?" fragte er dann, "Wieso kommst du extra von Zuyya hierher – nur, um mir zu helfen?"

"Ja," meinte Chenoa lächelnd, "Weil die Mächte der Schöpfung wollen, dass ich das tue." Der Junge drehte sich halb um und sah sie an. Er wollte ihr nicht einfach vertrauen. Ihre Augen waren ihm nicht geheuer, außerdem die Tatsache, dass sie alles über ihn wusste.

Aber in dem Moment blieb ihm nichts anderes übrig.

 

Wenn Zoras geglaubt hatte, das bisschen Laufen, was er vorher jeden Tag durchgezogen hatte, um stärker zu werden, wäre ein gutes Training, hatte er sich gewaltig geirrt, stellte er fest. Als die Sonne unterging, hatte er das Gefühl, zum Rand der Welt gerannt zu sein, ununterbrochen war er gelaufen, Hügel rauf und Hügel runter, quer über die grünen Wiesen nach Westen. Chenoa war neben ihm hergeflogen und hatte ihn auch noch angetrieben, er solle schneller laufen. Inzwischen spürte er weder seine Arme noch seine Füße noch wirklich, und er fragte sich, wie er überhaupt noch stehen konnte.

"In Ordnung, du kannst jetzt gehen," meinte die Zuyyanerin dann, "Du bist genug gelaufen für heute, nicht?" Zoras keuchte und rang verzweifelt nach Luft, als er endlich zu rennen aufhörte und eine Weile weiter ging, bevor er stehenblieb und sich einfach ins Gras fallen ließ vor Erschöpfung. Chenoa landete neben ihm und lächelte. "Bist du müde?"

"Blöde... Frage..." japste der Junge und schloss müde die Augen, "Ich weiß ja nicht-... ob Ihr auch schonmal stundenlang gerannt seid, Mylady-..." Chenoa sah in den Sonnenuntergang, während der Junge neben ihr völlig fertig nach Luft rang.

"Es ist von großer Bedeutung, dass du stärker wirst, Zoras," sagte sie dann. "Die Mächte der Schöpfung... werden dich noch einmal brauchen... – bis dahin muss aus dir ein Mann geworden sein, ein Schwarzmagier – ein Geisterjäger..." Zoras keuchte bloß. "Hast du Durst?" kam dann von der Frau neben ihm, und er drehte den Kopf.

"Ja-..."

"Willst du Wasser?" Zoras stöhnte.

"Ja... bitte..."

"Mach den Mund auf," verlangte Chenoa, und Zoras machte überrascht den Mund auf – da bekam er schon einen eiskalten Wasserstrahl genau in den Mund gespritzt, und vor Schreck verschluckte er sich und hustete, und als er schon Angst hatte, keine Luft mehr zu kriegen, zog Chenoa ihn hoch und klopfte ihm auf den Rücken, er spuckte das Wasser wieder aus.

"W-was zum-...??!" schrie Zoras sie an, "Was war denn das??"

"Du wolltest doch Wasser," meinte die Frau überrascht, "Zuyyanischer Wasserzauber." Sie hob eine Hand und spritzte aus ihrem Zeigefinger einen Wasserstrahl in die Luft. "Siehst du? – Noch Durst?" Nachdem Zoras sich eine Weile gewundert hatte, nickte er. "Mund auf!" kam von Chenoa, und er öffnete den Mund, dieses mal war er auf den plötzlichen Wasserstrahl vorbereitet und trank Chenoas Zauber, den sie ihm in den geöffneten Mund schoss. Er hatte noch nie so gutes Wasser getrunken – in dem Brunnen in Holia schmeckte das Wasser nicht so klar wie hier...

Chenoa und er saßen eine ganze Weile schweigend am Rand der Welt im Sonnenuntergang, einfach so. Zoras wusste nicht, wieso er ihr vertraute. Es war ein Gefühl in seinem Inneren, das ihm sagte, dass er ihr vertrauen konnte. Es war sein Instinkt. Auch, wenn er noch nicht verstand, warum sie hier war, und wieso sie wollte, dass er stärker wurde.

"Komm, Zoras," sagte Chenoa schließlich und erhob sich, und Zoras rappelte sich müde ebenfalls auf. Die Sonne war schon fast ganz untergegangen und verwandelte den sonst türkisfarbenen Himmel in ein Meer aus Blau und Lila. Am Horizont zeigte die Sonne ihren letzten, hellen Streifen und warf das letzte Bisschen Licht auf das endlos erscheinende Grasland um die zwei Menschen herum.

Zoras strauchelte, er war zu müde zum Gehen. Als er fast hingefallen wäre, griff die Frau ihm plötzlich unter die Arme und hob den kleinen Zehnjährigen hoch. Der Junge fand sich in den Armen der Frau wieder und blinzelte müde, als sie ihn auf ihren Rücken verfrachtete und ihn Huckepack nahm.

"Ich bringe dich bis kurz vor Holia," meinte sie leise zu ihm, "Hineingehen musst du aber allein." Zoras gab nur ein leises Seufzen zu hören und klammerte sich an ihren Nacken, als er merkte, wie sie ein Stück in die Luft flog und zurück nach Osten schwebte. Über Holia sah Zoras den Schleier der Dunkelheit liegen, den schwarzen Mantel, den die Nacht immer über die Welt legte, wenn die Sonne unterging. Zoras spürte, wie der Wind sein Gesicht streifte und es um ihn herum kühl wurde, als Chenoa ihn zurück nach Holia trug. Als sie vor dem Tor waren, setzte sie ihn sanft auf dem Weg ab.

"Danke," war alles, was Zoras herausbrachte, und die Frau drehte ihm den Rücken zu.

"Geh schlafen." Dann flog sie davon, ohne ein weiteres Wort. Zoras ging nach Hause und war froh, dass seine Eltern scheinbar im Schlafzimmer beschäftigt waren (er hörte jedenfalls die Geräusche, die er immer hörte, wenn sie beschäftigt waren), so konnte ihn keiner ausfragen, wo er gewesen sei, er hatte nämlich keine Lust auf Erklärungen. Es war vielleicht besser, wenn seine Eltern nichts von Chenoa erfahren würden.

Er ging in die Küche und trank seinen dritten Liter Milch für den Tag, zu dem er bisher noch nicht gekommen war, weil er ja trainiert hatte, bevor er zurück in sein Zimmer schlurfte und sofort wie tot ins Bett fiel. Am liebsten würde er jetzt eine Woche lang schlafen...

 

Er wurde eines Besseren belehrt, als Pakuna ihn am nächsten Morgen früh weckte, weil er zur Schule musste. Zoras hätte sie gerne rausgeschmissen und weitergeschlafen, und er bereute es, aufgestanden zu sein, als er bis zur Stube gekommen war – er konnte sich nicht erinnern, jemals so verspannt gewesen zu sein und jemals so einen heftigen Muskelkater gehabt zu haben. Seine Beine schmerzten dermaßen bei jedem Schritt, den er tat, dass er für einen Moment sogar daran dachte, doch kein Geisterjäger zu werden, wenn er das dafür ertragen musste.

Sein einziges Glück war, dass Pakuna keine Fragen stellte.

"Ich bin froh, dass du doch noch heim gekommen bist," meinte sie zu ihrem Sohn, während sie ihm ein Brot mit Fett zum Frühstück hinstellte und einen Liter frische Milch. "Loron hat mir erzählt, du hast wieder mit Karana gestritten... – ich hab gedacht, du willst sicher allein sein, wenn du schon nicht nach Hause kommst... – ist schon okay." Zoras stopfte sich das Brot in den Mund.

"Mmpf," machte er mit vollem Mund, "Karana kann mich mal-..." Pakuna seufzte leise, als er das sagte, und er schluckte herunter und schnappte die Milchflasche. "Eines Tages bin ich Geisterjäger, und dann werde ich Karana dermaßen die Fresse polieren, dass er nie wieder geradeaus gucken kann!" Dann trank er seine Milch auf Ex aus und schlurfte aus der Stube. "Ich gehe, tschüß, Mutter!" verabschiedete er sich noch, dann wollte er seine Sachen nehmen – ihm fiel ein, dass seine Sachen noch in der Schule waren.

Mist.

"Und streite nicht so oft mit Karana, Junge, ja?" rief Pakuna ihm besorgt nach, "Das... muss doch nicht sein..." Zoras blieb ohne Sachen in der Tür stehen, als Pakuna zu ihm kam.

"Ich will vor dem Kotzbrocken meine Ehre bewahren, okay??!" pflaumte er Pakuna an, "Ich lasse mich niemals wieder-... von seinem Grinsen demütigen!!! Ich habe meinen Stolz, klar??!"

"Nicht immer nur das Siegen ist eine Marke des Stolzes," sagte Pakuna ernst, "Den Streit zu meiden und nachzugeben-... ist auch eine Form von Ehre." Zoras fuhr herum, ihr den Rücken zukehrend, bevor er aus dem Haus stampfte.

"Nachgeben... ich kann nicht nachgeben!! Ich darf niemals nachgeben!!! Die Menschen sind schlecht! Ich darf nicht zulassen, dass sie die Welt zerstören mit ihrer Arroganz und ihrem Hass!! – Nachgeben... ist eine Ehre für Frauen!!" Dann ging er. Pakuna starrte ihm entsetzt nach. Noch niemals hatte er so etwas gesagt. Niemals hatte er die Frauen unter sich selbst gestellt, noch kein einziges Mal! Was war passiert? Wer hatte ihn plötzlich so verwandelt?

Warum ist dein Hass so groß, mein Kind? fragte Pakuna ihn in Gedanken und sah ihm traurig nach. Warum hasst du die Menschen so sehr, Zoras...?

Zoras kam am Tor von Holia an und zögerte kurz, hinauszugehen, bevor er den Kopf ein wenig nach hinten drehte, ohne sein Haus und Pakuna dabei zu sehen. Er lächelte verbittert.

Weil der Schmerz zu groß ist, um meine Wunden jemals heilen zu lassen, Mutter.

 

Zoras war kaum aus Holia hinausgegangen, da erwartete ihn eine Überraschung.

"Da bist du ja endlich, du bist spät dran!" sagte Chenoa zu ihm, und Zoras fuhr herum. Die Zuyyanerin schwebte über ihm und sah ihn mit verschränkten Armen streng an.

"Ahm, ja, deshalb halt mich bitte nicht auf, ja??" machte Zoras, ohne sie anzusehen, und ging, doch die Frau stellte sich ihm in den Weg.

"Du wirst nicht gehen, Zoras – du wirst laufen! Los, hopp, lauf nach Mitonha!" Zoras starrte sie an.

"D-den ganzen Weg??! Den ganzen Weg rennen??! Weißt du, wie weit das ist??!"

"In der Tat," antwortete Chenoa kalt, "Und? Wolltest du nicht trainieren? Also, los, hopp!" Zoras konnte nicht fassen, was gerade geschah – diese Frau vor ihm kommandierte ihn doch tatsächlich herum...

"Wenn ich schon als deine Trainerin hier bin, solltest du auch das tun, was ich dir sage, Zoras!" meinte Chenoa dann, als hätte sie seine Gedanken gelesen. Der Junge fuhr vor Schreck zusammen.

"I-ich-...!!" stammelte er, da flog die Frau auch schon voraus.

"Kommst du jetzt, oder willst du zu spät kommen? Ich hab dir gestern doch wirklich oft genug erklärt, was dieses Training soll! Und immerhin, du willst doch Geisterjäger werden, oder?" Zoras sah sie an, dann schnaubte er empört.

"He, warte!!! Flieg nicht weg, du seltsame Frau!! Ist ja gut, ich renne ja..."

Und er rannte. Er hatte sich noch niemals in den Kopf gesetzt gehabt, den Weg nach Mitonha zu rennen, und er war erstaunt über sich selbst, als er tatsächlich rechtzeitig da ankam. Er spürte seine Füße nicht mehr, aber verwunderlicherweise konnte er sich dennoch auf den Beinen halten. Chenoa verschwand im Nichts, sobald er in Mitonha ankam. Zoras fragte sich, wie sie immer so plötzlich auftauchen und verschwinden konnte.

Die Schule verpennte er größten Teils und bekam drei Strafaufgaben und musste eine geschlagene Stunde nachsitzen, weil er nicht aufgepasst hatte. Wenigstens seine Schulsachen hatte er jetzt wieder. Der Junge war heilfroh, dass Karana nicht da gewesen war an jenem Tag – Tayson und Simu alleine waren nichtmal halb so nervig, wie sie es waren, wenn Karana dabei war. Zoras hatte sich kurz gefragt, wo Karana steckte, aber eigentlich war es ihm wurscht. Was scherte ihn der Narr?

Nachdem er endlich alle Strafarbeiten und das Nachsitzen erledigt hatte und sich müde auf den Weg nach Hause machte, fing Chenoa ihn vor Mitonhas Toren ab.

"Hi," machte sie, und Zoras stöhnte.

"Bitte nicht..."

"Begrüßt man so etwa eine Dame??!" fragte Chenoa beleidigt, "Du kommst spät, Zoras, jetzt musst du länger laufen, weil du später anfängst!" Der Junge schloss kurz die Augen, um die Nerven zu behalten. Er fühlte sich verarscht. Erst wollten alle irgendwelche Strafarbeiten von ihm, dann wollte Chenoa, dass er sich zu Tode rannte, was kam wohl als nächstes?

 

Es war schon dunkel, als er zurück nach Hause kam. Pakuna war in der Küche und bereitete Essen vor, als er hereinkam und schweigend seine Sachen abstellte.

"Aha," machte Pakuna, ohne aufzusehen, "Mein Sohn ist also wieder da."

"Ja, dein Sohn ist wieder da, und dein Sohn ist völlig fertig und will gerne schlafen gehen!" entgegnete Zoras, und Pakuna sah ihn an, als er in der Küche auftauchte. Sie blinzelte.

"Du siehst ja schrecklich aus!" machte sie entsetzt, "Was hat dich denn überfahren??" Zoras sah an sich herunter. In der Tat, sein Gesicht war dreckig, seine Arme und Beine waren dreckig und seine Kleider nass vom Schweiß und von Chenoas Wasserzaubern, wenn sie ihm im Rennen etwas zu Trinken gegönnt hatte und nicht seinen Mund getroffen hatte.

"Entschuldige," sagte er betreten, "Ich wasch die Sachen sofort, okay, Mutter?"

"Ach, Schätzchen," flüsterte Pakuna und strich ihm über die Haare, "Viel wichtiger ist, dass du dich wäschst! – Komm, ich mach dir ein Bad fertig, mein Süßer."

Nach dem harten Training und dem überhaupt anstrengenden Tag tat ein heißes Bad unglaublich gut. Auch, wenn die Wanne etwas eng war. Die Badewanne war eine relativ große Zinkwanne, und das Wasser kam aus dem Brunnen in Holia. Pakuna hatte das Wasser erst aufkochen und dann etwas abkühlen lassen müssen, um es warm zu bekommen. Der Brunnen hatte nur kaltes Wasser. Während der Junge sich in dem heißen Wasser etwas entspannen konnte, wusch Pakuna neben ihm seine Kleider in einer großen Schüssel mit etwas Seife.

"Erzählst du mir, wo du so lange warst?" fragte Pakuna ihren Sohn und sah ihn an. Zoras stöhnte kurz.

"Muss ich...? Die Geschichte ist so lang... und ich bin so schrecklich müde..." Pakuna lächelte.

"Du musst nicht. Du bist schon zehn und kein kleiner Junge mehr, Zoras... du kannst selbst entscheiden, wann du mir etwas sagen willst, und wann nicht." Zoras nickte stumm, hob die Beine und ließ sie über den Rand der Wanne aus dem Wasser heraushängen. Pakuna widmete sich wieder der Wäsche.

"Wo ist mein Vater eigentlich?" fragte Zoras dann, und Pakuna seufzte.

"Schon im Bett, er ist viel auf der Jagd gewesen heute..." Nach einer Zeit, als Pakuna sein Shirt und seine Hose zum Trocknen aufgehängt hatte, stand Zoras auf und kletterte aus der Zinkwanne.

"Bring mir ein Handtuch und meine Milch, Mutter," verlangte er leise von Pakuna, und sie brachte ihm beides. Er band sich das Handtuch um die Hüften und trank seine Milch aus. Pakuna war die einzige Person auf der Welt, vor der er keine Komplexe hatte, nackt zu sein. Sogar vor seinem Vater schämte er sich, nackt zu sein, obwohl sein Vater ihn natürlich nackt kannte. Er schämte sich so sehr für seinen hässlichen Rücken mit der furchtbaren Tätowierung. Manchmal gingen die Jungen in Holia im Sommer im nahen See baden. Zoras war nie mitgekommen, weil er nicht vor den Jungen nackt sein wollte. Es war nicht nur wegen der Tätowierung – er war nicht besonders hübsch, fand er. Er war viel zu dünn, er konnte sogar seine Rippen sehen, wenn er an seiner Brust hinuntersah. Die anderen Jungen waren nicht so dünn wie er, und auch größer, und zwar in allem, dachte der Junge betreten, und er ließ dabei kein einziges Körperteil aus... egal, welches Körperteil im Endeffekt von Bedeutung war, bei ihm war alles viel kleiner als bei den anderen, und das war ihm peinlich. Und Pakuna war die Einzige, der das nie etwas ausmachen würde. Sie fand ihn hübsch, das sagte sie ihm sehr oft, und er glaubte, sie würde ihm bloß schmeicheln wollen.

"Ich gehe schlafen," meinte Zoras dann, als die Milch alle war und er sich abgetrocknet hatte. Pakuna gab ihm eine Shorts zum Anziehen, damit er nicht völlig nackt schlafen musste, weil seine Sachen nass waren. Hauptsache, sie waren bis morgen trocken...

 

Das Training zahlte sich unglaublich gut aus. Es dauerte eine Zeit, aber im Endeffekt war Zoras mit dem Ergebnis ziemlich zufrieden. Drei Jahre lang hatte Chenoa ihn inzwischen herumgehetzt, ihn rennen lassen, Liegestützen und Kniebeugen machen lassen, sie hatte ihm sogar schwere Gewichte gegeben, um seine Arme auch zu stärken. Zoras verstand auch jetzt, wo er schon dreizehn war, noch nicht, warum die Zuyyanerin das alles für ihn tat. Sie konnte doch nicht einfach nur nett zu ihm sein wollen, ohne Grund!

Was Zoras unheimlich freute, war, dass er gewachsen war. Er war zwar immer noch der Kleinste, aber es kam ihm vor, als wäre er nicht mehr ganz so viel kleiner als die anderen Jungen der Umgebung.

Die Schule hatten sie inzwischen abgeschlossen, vor einem Jahr schon. Zoras hatte einen mittelmäßigen Abschluss hingehauen und war zufrieden damit – was scherte es ihn, er konnte lesen, schreiben und zählen, das reichte doch. Er hätte einen sehr viel besseren Abschluss machen könne, hatte Pakuna ihm gesagt. Er war an sich sehr intelligent – seine mittelmäßigen Zensuren kamen eher von seiner dauerhaften Nicht-Aufpasserei. Für den Jungen gab es Wichtigeres als Unterricht. Zaubern, Training... hätte er sich mehr auf den blöden Unterricht konzentriert, wäre er nicht so schnell so weit gekommen, wie er es jetzt war.

Zoras war froh, dass die Schule aus war – er musste Karana nicht mehr so oft sehen. Und auch die anderen Spacken, die sich um jenen Karana scharten, wie etwa Simu, Tayson oder Neisa, die eine richtige kleine Zicke geworden war – immerhin war sie schon elf inzwischen, schon fast eine Frau.

Frauen nervten, fand Zoras. Besonders die in Holia. Die Mädchen in Holia starrten ihm allesamt nach, und das war ihm überaus peinlich. Was starrten sie so, war er denn so unglaublich hässlich, dass man gleich starren musste?

"Du Idiot!" hatte Asta einmal zu ihm gesagt, als er sie genau das gefragt hatte. "Die starren doch nicht, weil du hässlich bist, die starren, weil du hübsch bist!! Fast wie Karana..." Zoras hatte entsetzt innegehalten. Asta war inzwischen zwölf und war jetzt seit über einem Jahr sehr nervigerweise ausgerechnet in Karana verknallt – einfach hoffnungslos. Wann immer das blonde Mädchen Karana in der Schule gesehen hatte, hatte sie geseufzt und war verlegen rot geworden, obwohl Karana sie nichtmal eines Blickes gewürdigt hatte. Zoras dachte, dass es auch wesentlich hübschere Frauen gab als Asta. Ihn selbst nervten Frauen ja, er wollte nichts mit Mädchen zu tun haben – dass sie ihn, wie Asta sagte, hübsch fanden, war ihm irgendwie noch peinlicher, und wenn er irgendwelche Mädchen in Holia traf und diese leise kicherten und ihn groß ansahen, machte er immer sofort Kehrt und bekam vor Verlegenheit rote Ohren.

Wenn sie wüssten, dass ich diese Tätowierung habe, würden sie mich auch nicht mehr ansehen, dachte er dann manchmal, Die glauben bloß, ich wäre hübsch, in Wahrheit bin ich potthässlich – ganz anders als Karana...

Er war nicht neidisch auf Karanas unglaubliche Attraktivität, ihm war es eigentlich nicht so wichtig, gut auszusehen. Hauptsache, er war stark genug. Und das war er in der Tat – was die Muskelkraft anging, war inzwischen stärker als alle anderen Jungen in Holia zusammen – mit Ausnahme von Loron eventuell, der etwa mit Zoras auf einer Wellenlänge sein musste. Zoras hatte die fetten Drillinge einmal dermaßen fertiggemacht, dass die zwei Wochen lang nicht hatten gehen können, und das, obwohl sie zu dritt gegen Zoras losgegangen waren, und obwohl sie doppelt so groß und drei mal so breit wie Zoras waren. Zoras war in der Tat sehr zufrieden mit sich gewesen, als er die Dickis alle drei vermöbelt und k.o. geschlagen hatte.

Zoras dachte manchmal, dass er stolz auf sich sein müsste, weil die Mädchen ihm nachstarrten und die Jungen neidisch auf sein Aussehen waren, obwohl er nicht fand, er sähe besonders umwerfend aus.

"Um Himmels Willen," hatte Chenoa zu dem Thema gesagt, "Du bist unglaublich männlich geworden, Zoras! Dein Körper ist jetzt der eines richtigen Mannes – auch, wenn die Größe noch etwas zunehmen könnte..." In der Umgebung hatten die Jungen sich teils empört, teils amüsiert darüber ausgelassen.

"Seht es euch an!" hatte Loron ärgerlich gerufen, "Der dünne Typ da, Zoras Derran, hat mehr Muskeln als die fetten Drillinge, dabei sind das echte Schlägertypen!!"

"Ich würde gerne wissen, wie verdammt viel Sport der dafür gemacht hat-..."

Zoras hatte nichts dazu gesagt. Er hatte wahrlich eine große Menge dafür trainiert. Jeden Tag war er meilenweit gerannt, er hatte drei Jahre lang hart trainiert, um seinen Körper auf die Geisterwinde vorzubereiten. Aber davon hatten die Toren in Holia natürlich keine Ahnung.

 

Der Mond der Irrlichter war bereits angebrochen und der Sommer damit rein theoretisch am Ende, doch für die Jahreszeit war es in jenem Jahr noch unglaublich warm. Sie hatten einen sehr heißen und sonnigen Sommer gehabt, und wie es schien wollte er nichtmal enden.

"Ich hab überall Sonnenbrand!" jammerte Asta und hob die Arme, "Mann, Loron, guck dir bitte mal meine Haut an...!"

"Du ähnelst einem gekochten Flusskrebs," sagte Zoras, bevor Loron etwas sagen konnte, und jener Loron lachte laut auf, als Asta heulend ins Haus rannte.

"So eine dumme Gans, haha!" machte Loron, "Wo zum Geier stecken die Dickis eigentlich??!" Zoras setzte sich auf die Veranda vor Zincas Haus in den Schatten. Wenn die Sonne ihm so auf den Kopf knallte, wurde ihm oft schwindelig, er vertrug die enorme Hitze nicht besonders gut. Außerdem zogen seine pechschwarzen Haare von oben die Wärme tierisch an, was aus seinem Kopf, wenn die Sonne draufschien, einen Ofen machte – man hätte sicherlich ein Ei auf seinem Kopf braten können, wenn man ihn lange genug in die Sonne stellte, dachte Zoras manchmal. Aber dann würde er vorher einen Sonnenstich kriegen und ohnmächtig werden, wie es einmal in jenem Sommer passiert war, als er mit Loron und den Dickis außerhalb von Holia in der prallen Sonne herumgelaufen war.

Chenoa war seit einer Woche jetzt nicht mehr gekommen, was Zoras beunruhigte. Er war noch drei Tage lang ohne ihre Aufsicht seine Meilen abgelaufen, dann hatte er es aufgrund der Hitze und der prallen Sonne lieber gelassen.

"Maaann, die blöden Drillinge sind nie da, wenn man sie mal sucht, verdammt!" schimpfte Loron neben ihm, dann wandte er sich zu seinem Haus: "ASTA!!! Komm her und bring mir Wasser, ich hab Durst!!" Zoras seufzte. Er hatte auch Durst, aber er wollte die arme Asta nicht auch noch mehr herumscheuchen. Loron benutzte sie in allen Dingen, die es gab. Asta musste alles für ihren Bruder und natürlich auch ihren Vater machen. Da Arlon keine Frau hatte, musste Asta die ganze Frauenarbeit im Haus alleine machen, obwohl sie noch ein Mädchen war. Zoras bezweifelte, dass Asta je einen Mann abbekommen würde – erstens war sie hässlich, zweitens war allein ihre nervige, laute Stimme schon Grund genug, ihr aus dem Weg zu gehen, und drittens war Asta hinter Karana her, bei dem sie nichtmal die Spur einer Chance hatte.

Asta kam murrend mit einer Flasche Wasser auf die Veranda, und Loron schnappte die Flasche.

"Prima, jetzt kannst du wieder abhauen!" kam dann, und Asta schniefte resigniert und ging.

"Wie wär's mal mit ´nem zaghaften Danke, Häuptlingssohn?" fragte Zoras vorwurfsvoll, und Loron trank die Flasche restlos aus und sah Zoras erstaunt an.

"Hm? Wolltest du etwa auch was? Zu spät-... – wie war's das??! Ein Danke?? Für Asta??! Hör mal, sie ist eine Frau! Naja, nichtmal das, sie ist ein Mädchen, und Mädchen müssen den Befehlen der Jungen und Männer gehorchen!! Ich kann Asta befehlen, was ich will, sie ist meine jüngere Schwester! Außerdem bin ich mal Häuptling von Holia, Kurzhöschen..." Zoras sagte schon garnichts mehr. Natürlich. Frauen waren ja ganz unten, das hatte er vergessen. Wie konnte er bloß?

Pakuna wurde nie so herumgescheucht bei Derrans zu Hause. Natürlich musste sie tun, was Ram ihr sagte, aber er würde seine Frau niemals so herumschubsen wie Loron Asta. Und Zoras maßte sich garnicht an, seiner Mutter etwas zu befehlen – obwohl er, weil er ein Junge und fast ein Mann war, durchaus das Recht dazu gehabt hätte.

Er fühlte sich schwindelig, obwohl er im Schatten saß, und schob das der Tatsache in die Schuhe, dass er in den letzten Tagen kaum gegessen hatte – er hatte bloß seine drei Liter Milch getrunken. Loron warf die leere Wasserflasche mit einem Maulen auf die Straße.

"Manno!! Mir ist langweilig!!!" meckerte der Häuptlingssohn und stand auf, "Wo sind diese scheiss Fettis??!! Komm, Kurzhöchen, wir gehen sie suchen." Er ging, und Zoras stand schwankend auf. Ihm war plötzlich übel, und er hielt sich an dem Holzbalken fest, der das Dach der Veranda stützte.

"Ich würde lieber heim gehen..." stammelte er unruhig, und Loron starrte ihn an.

"Wie bitte??!" blaffte er den Schamanenjungen an, "Es ist doch gerade erst Mittag!!! Was is’n, ist dir schon wieder schlecht??!" Zoras wurde rot.

"Ja... ein bisschen-..."

"Maaaann, du bist echt ´ne wandelnde Seuche in letzter Zeit, wieso bist du Idiot ständig krank?!" Zoras schnaubte.

"Tut mir echt leid, dass mir übel ist, ich mach das natürlich mit voller Absicht!!!" pflaumte er Loron an, "Ich muss nach Hause, wir sehen uns morgen." Dann ging er und ließ den empörten Loron auf der Straße stehen.

 

Er wusste selber nicht, woran es lag, dass ihm so oft schlecht war, und das war erst seit zwei Monden so. Es konnte nicht nur am Essen liegen, da war etwas anderes, das spürte er instinktiv. Nachts konnte er nie schlafen. Er träumte wirre, beängstigende Dinge, und dann wachte er schweißgebadet auf und konnte nicht mehr schlafen – dann war ihm heiß und er ging dann mitten in der Nacht zum Brunnen, um sich zu waschen. Er hatte sich selten über so lange Zeit so schrecklich gefühlt wie momentan.

Im Haus war es warm und stickig, schlimmer als draußen, fand Zoras, als er nach Hause kam. Pakuna kam in den Flur.

"Du bist schon wieder da?" fragte sie ihn, "Oh mein Himmel – Zoras! Was hast du, um Himmels Willen??!" Sie kam zu ihm herüber und fasste seine geröteten Wangen – sie glühten förmlich, und während die Wangen des Jungen rot waren, war der Rest seiner Visage kreidebleich. Zoras stöhnte leise.

"I-ich gehe schlafen, mir ist nicht gut..." Pakuna fasste ihm über die verschwitzte Stirn.

"Du hast ja Fieber-..." stammelte sie, "Geh, geh rasch ins Bett, ich hole dir kalte Lappen und Wadenwickel, okay?"

"Und meine Milch," addierte er kleinlaut und hob eine Hand. Pakuna streichelte kurz seinen Kopf, bevor sie ins Bad ging, und der Junge ging taumelnd in sein Zimmer, wo er sich ins Bett legte. Ihm wurde nicht besser, die Übelkeit wurde nur mit jedem Augenblick schlimmer. "Mutter!" stöhnte Zoras, als Pakuna zu ihm kam und nasse, kühle Tüchter um seine Unterschenkel wickelte und einen weiteren, nassen Lappen auf seine Stirn legte. "Mutter, schnell, hol einen Eimer-..." keuchte er und rappelte sich leichenblass auf, "I-ich glaub, ich muss-...!"

"Himmel!" keuchte seine Mutter, als er hustete, und als sie zurück ins Bad und dann mit einem Eimer zurück ins Zimmer eilte, kam sie gerade noch rechtzeitig. Der Junge riss ihr prompt den Eimer aus der Hand und sprang aus dem Bett, bevor er sich heftig in den Eimer übergab, und Pakuna schlug die Hände vor den Mund. "Das ist ja furchtbar, was hast du bloß??..." Zoras hustete und sank zitternd zurück auf das Bett.

"I-ich weiß es nicht!" jammerte er, "Das geht schon seit Monden so, Mutter!-... Ich weiß nicht, vielleicht bin ich krank... ich kann nicht schlafen, weil ich ständig Alpträume habe, immer wieder-... und mir ist ständig schlecht, verdammt-...!" Pakuna stutzte.

"Alpträume?" stammelte sie, "Was – was siehst du in deinen Träumen??! Sag es mir..." Zoras sah sie verstört an.

"Ich erinnere mich nicht-... e-es sind einfach Bilder-... unzusammenhängend, a-aber – sie machen mir so schreckliche Angst-..." Pakuna keuchte.

"Visionen – Visionen, du bist Schwarzmagier! Natürlich-... in dem Alter geht es los, mit den Träumen-... – die Visionen, die alle Schwarzmagier oft in ihren Träumen sehen, Zoras..." Zoras blinzelte.

"Visionen??" fragte er, "Was meinst du, Mutter?" Pakuna setzte sich zu ihm auf das Bett und nahm ihn in den Arm, als er schwankte.

"Mein Süßer," machte sie leise, "Shhht, ruh dich aus-... leg dich ruhig hin, Zoras, du bist krank..."

"Was meinst du mit Visionen?" fragte der Junge verstört, "Hat das was mit meiner Krankheit zu tun??!"

"Visionen sind keine Krankheit," kam von Pakuna, "Visionen sind Träume, die dir Dinge zeigen, die in dem Moment passieren, auch, wenn sie an einem ganz anderen Ort passieren! Die Visionen sagen den Schwarzmagiern, wenn etwas Bedeutsames passiert oder wenn eine Gefahr droht... es ist eine Instinktsache..." Zoras stöhnte leise und lehnte sich an Pakunas Schulter. Ihre Nähe tat so gut...

"Haben alle Schwarzmagier Visionen, Mutter...?"

"Die einen mehr, die anderen weniger – die besten Magier haben auch die ausführlichsten und detailliertesten Visionen! – Du bist ein sehr guter Magier, mein Kind-..." Zoras atmete heftiger als sonst. Ihm war heiß, und er hätte sich gerne in eine Wanne mit kaltem Wasser gesetzt. "Du bist nicht wirklich krank, Zoras," flüsterte Pakuna ihm zu, "Es ist nur... dein Geist und dein Körper sind noch nicht an die Visionen gewöhnt, und du kannst deinen Geist noch nicht genug kontrollieren, um deine Visionen zu deuten und zu lenken... das musst du erst lernen, verstehst du-...? Bis du deinen Geist richtig kontrollieren kannst, wird dein Körper verrückt spielen, wann immer du diese Träume hast – dann wird dir schlecht und manchmal bekommst du Fieber... aber es geht vorüber. Schon bald wird es vorübergehen, Zoras." Sie legte ihn sanft ins Bett und deckte ihn zu, dann legte sie den kalten Lappen wieder auf seine Stirn.

"Mutter..." sagte Zoras leise, als Pakuna aufstehen wollte, und er fasste ihre Hand.

"Hm?" machte die Frau, und Zoras sah sie betreten an.

"Kannst du bei mir schlafen? Bitte..." Pakuna lächelte. Sie legte sich neben ihn in das Bett und umarmte ihn mütterlich.

"Klar."

 

Er schlief lange und war froh, von den komischen Visionen verschont zu werden. Zum ersten mal seit Wochen konnte er wieder richtig gut schlafen. Vielleicht lag es auch an Pakuna. Als er aufwachte, war Pakuna nicht mehr da. Die Übelkeit war aber auch weg, und der Junge setzte sich im Bett auf, streckte sich und rieb sich verschlafen die Augen. Er stellte fest, dass er seine Hose nicht anhatte, und wunderte sich. Darum stand er einfach erstmal auf und verließ das dunkle Zimmer. In der Stube fand er Pakuna, die ihn anstrahlte.

"Du bist wach?" lächelte sie, "Das ist schön. Ich hab dir eine neue Hose genäht, du bist gewachsen – die Alte war doch langsam zu klein, oder?"

"Mutter..." sagte Zoras erstaunt, als sie ihm eine neue, schwarze Hose hinhielt. Er musste zugeben, dass die Alte tatsächlich allmählich etwas gekniffen hatte, obwohl es ihm nicht so vorkam, als sei er viel gewachsen. "Danke," murmelte er kleinlaut, bevor er seine neue Hose anzog, und Pakuna lachte leise.

"Ist doch selbstverständlich, Süßer. Fühlst du dich besser heute?" Zoras nickte. Aus der Küche holte er sich eine Flasche Milch, die er dann auch gleich austrank.

"Ich gehe raus, ja?" meldete er seiner Mutter nach einer Weile, und aus seinem Zimmer schnappte er seine beiden Dolche, die er sich an den Gürtel steckte. "Ich geh trainieren..."

"Schon wieder?" seufzte Pakuna, "Du trainierst so hart – reicht es nicht allmählich? Du bist unglaublich-... stark geworden, Zoras..." Zoras sah zur Seite.

"Mein Körper vielleicht," grübelte er, "Aber – ich muss irgendwie lernen-... meinen Geist zu kontrollieren und eine starke Seele zu bekommen! – Also, auf bald, Mutter."

 

Auf einem der Hügel nahe Holia traf er Chenoa, was ihn überraschte. Er hatte nicht gedacht, sie noch einmal wiederzusehen, nachdem sein Körpertraining erledigt war. Die Frau lächelte, als sie ihn sah.

"Du bist stark geworden," sagte sie, wie Pakuna es auch getan hatte, "Ich bin hier, um das Training zu beenden. Du wirst mich von nun an nicht mehr treffen, Zoras. Alles weitere musst du ganz alleine lernen – ich kann dir da nicht helfen. Unsere Magie ist anders als die Schamanenmagie, Zoras..." Zoras sah sie an.

"Was genau muss ich tun?" fragte er, "Kannst du mir das sagen, Chenoa?" Sie lächelte wieder.

"Du musst irgendwie lernen, mit der höheren Magie umzugehen. Mit der Schwarzmagie. Tödliche Zauber, Zerstörer und eine Menge an Naturgewalten sind die Bestandteile der oberen Schwarzmagie. Dein Instinkt ist perfekt, du hast das Potential zum Geisterjäger, das weißt du." Zoras sah zu Boden. "Du brauchst eine starke, unerschütterliche Seele – und ich weiß, wenn du hart trainierst, schaffst du es auch! Vertrau einfach auf deine Kräfte, Zoras. – Ich werde jetzt zurück nach Zuyya kehren. Ich wünsche dir Glück, lebe wohl!"

"Warte, Chenoa!" rief Zoras, als sie schon emporflog, um zu verschwinden. Sie sah ihn an.

"Ja?" Zoras wurde rot und hob eine Hand.

"Ähm – danke für alles, was du für mich getan hast, Chenoa. Ich werde-... versuchen, das zu tun, was du gesagt hast!" Chenoa sah ihn an und lächelte.

"Du bist ein guter Mensch," flüsterte sie noch, bevor sie kurz eine Hand hob, winkte und dann verschwand. Zoras blieb zurück, und er nahm seine Dolche und drehte sie in der Hand.

"Okay," sagte er fest zu sich, "Ich werde trainieren! Und eines Tages werde ich Geisterjäger sein!! Hah!!"

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