[Holia, Mond des vielen Fleisches 991]
Die Schule war eine große, völlig neue Erfahrung für Zoras. Zusammen mit der Schlägertruppe aus Holia, vor allem mit Loron und den dicken Drillingen, ging er am dem nächsten Neumond jeden Tag nach Mitonha zur Schule. Mitonha war ein kleines, aber nettes Dorf, das schon im Nachbarland Kisara lag. Die Schule war ein großes Gebäude mit vielen Räumen. Es gab sechs Klassenstufen, und in jeder Stufe gab es etwa zwei bis drei Klassen à zwanzig bis dreißig Kinder aus allen möglichen Dörfern der Umgebung. Hierher kamen sowohl Kinder aus Senjo als auch aus Kisara.
Zoras bekam auf Pakunas Anordnung beim Schulleiter hin eine Zeit Privatunterricht in einem Extraraum, wo man ihm im Schnelldurchlauf Schreiben, Lesen und Mathematik beibrachte. Vom Alter her müsste er wie Loron in die dritte Klasse kommen, aber weil er noch nichtmal schreiben und lesen konnte, müsste er an sich in die erste Klasse, zusammen mit zwei Jahre jüngeren Kindern. Deshalb bekam er den Stoff der ersten und zweiten Klasse in knapp vier Wochen einfach beigebracht. Zum Glück stellte der Junge sich als äußerst scharfsinnig heraus, so dauerte es überhaupt nicht lange, bis er auf demselben Level war wie seine gleichaltrigen Kameraden aus Holia.
Als er dann zum ersten Mal in die dritte Klasse gehen durfte, war das im Prinzip sein erster Schultag. Er ahnte am Morgen noch nicht, wie katastrophal der Tag enden sollte.
"Ich hol dich später wieder ab," sagte Pakuna zu Zoras, als sie ihn in Mitonha absetzte. Die Schläger-Rasselbande war an jenem Tag schon vorgelaufen, und Pakuna hatte Zoras zur Schule gebracht. "Mach's gut, und viel Spaß mit der neuen Klasse!" Zoras winkte kurz, als Pakuna ging, dann machte er sich auf den Weg zum Schulgebäude. Er fragte sich noch eine Weile unruhig, was für Kinder in der Klasse wären. Da erreichte er schon den Hof der Schule, wo sämtliche Kinder wie wild herumtobten, lachten und durch die Gegend rannten. Er stand eine Weile stumm am Rand und sah dem Treiben zu, bis ihm plötzlich mit voller Wucht etwas Hartes auf den Kopf flog. Er schrie auf und fuhr erschrocken herum. Ein Apfel kullerte über den Boden.
"Oh scheisse!" hörte er schon eine Stimme, und ehe er sich versah, kam ein Junge auf ihn zugelaufen und packte eifrig seine dünnen Arme. "Waah, entschuldige, bist du okay??!" fragte der Junge, "Tut mir leid, tut mir leid!! Ähm, tut's weh?"
"Tse!!" schnaubte Zoras und riss sich los, "Für wen hältst du mich...??" Der Junge vor ihm schnaubte.
"Ist ja gut, ich hab mich entschuldigt!!" sagte er beleidigt, nahm den Apfel und ging wieder. Zoras rieb sich die Arme und murrte.
"Was warn das für einer, muss der mich so angrabbeln...??"
"Zoooorraaaasss!!!!!" gröhlten da die Drillinge quer über den Hof, "Loron, da isser!! Da isser!!" Zoras keuchte, als die drei Schläger-Wonneproppen und Loron jubelnd auf ihn zugerollt kamen, und er wich zurück, bis er plötzlich gegen etwas Weiches stieß
"Huch, hoppla!" hörte er eine Frauenstimme hinter sich, und plötzlich hielten viele der Kinder vor ihm inne.
"Frau Lehrerin!!" Zoras drehte sich mit hochrotem Kopf um und blickte verlegen die Frau an, gegen die er gestoßen war.
"Uhm, e-entschuldigt-... bitte..." stammelte er unsicher, und die Lehrerin musterte ihn.
"Aaach, du musst Zoras Derran sein!" strahlte sie dann, "Du bist in meiner Klasse! Hab keine Angst, ist halb so wild. KLASSE DREI-EINS ZU MIR!!!!!" Sofort versammelte sich eine Schar Jungen und Mädchen, eingeschlossen Loron und die Drillinge, um die Frau.
"Guten Morgen, Frau Lehrerin!" tönte es, und Zoras machte den Mund auf und zu und tat, als würde er mitrufen. Was für ein Tag, erst flog ihm ein Apfel auf den Kopf, dann grabbelte ihn ein komischer Verrückter an, und dann rannte er auch noch genau in die Lehrerin. Wie peinlich...
"Wir gehen jetzt rein," verkündete die Lehrerin, "Los, macht schon, beeilt euch!" Die Klasse trottete schnatternd ins Gebäude, und sie kamen zu ihrem Klassenraum hinten rechts. Die Kinder schnappten ihre Sachen und setzten sich immer noch schnatternd auf ihre Plätze. Zoras blieb in der Tür stehen, weil er nicht wusste, wo er sich hinsetzen sollte. "Komm ruhig rein," meinte die Lehrerin freundlich, "Niemand tut dir was! So, Kinder! Seid bitte still, ich habe euch etwas Wichtiges mitzuteilen!" Nach einer Weile verstummte das Gerede, und die Kinder sahen brav nach vorne auf ihre Lehrerin. Zoras sah etwas unsicher auf die vielen, unbekannten Gesichter. Er erkannte nur Loron und die Drillinge in der hintersten Reihe. Oh, und ein Stück weiter vorne sah er auch den komischen Jungen, der ihn angegrabbelt hatte. Der Apfel lag vor ihm auf dem Tisch.
"Guten Morgen, Frau Lehrerin!" tönte es noch einmal, und die Frau nickte.
"Guten Morgen! Ihr habt ab heute einen neuen Mitschüler. Er ist etwas später gekommen, aber ab heute ist er auch in unserer Klasse. Hey, was ist? Komm doch schon rein!" Zoras stand immer noch in der Tür. Jetzt, als ihn alle ansahen, ging er ein paar Schritte in den Raum hinein.
"Da ist die beleidigte Leberwurst von eben, Simu!" hörte er den komischen Jungen sagen, und die zwei Jungen neben ihm lachten laut. Die Lehrerin schnaubte.
"Karana! Ruhe!! Das ist Zoras, er ist vor kurzem mit seinen Eltern nach Holia gezogen. Oh, Loron, dann kennt ihr euch ja vielleicht schon?" Loron grinste bloß.
"Er sagt, er kann ein Gewitter rufen!" redete er großkotzig in den Raum hinein, und Zoras starrte ihn an. Warum erzählte er das denn jetzt?!
Lautes Gemurmel ging durch die Reihen. Dann riss der Idiot mit dem Apfel wieder die Klappe auf.
"Sagt er das, ja?" machte er und sah dabei Loron an, "Das will ich sehen!"
"Du wirst dir vor Angst in die Windel machen, Karana, wenn du das siehst!" sagte Loron, obwohl er nie gesehen hatte, wie Zoras das Gewitter gerufen hatte. Die Lehrerin schnappte eine Triangel und bimmelte darauf herum, bis alle wieder nach vorne sahen.
"Genug jetzt!! Was ist, Zoras? Willst du uns was über dich erzählen? Wie alt du bist, und woher du kommst...?" Zoras seufzte.
"Ich bin acht und ´nen Keks," sagte er, und die Klasse lachte.
"Und ´nen Keks?" kicherte Karana, "Ich bin acht und ´ne Torte, und du, Simu?"
"Acht und ´nen Auflauf, was fragst du so blöd...?" Die Kinder lachten wieder, und Zoras schnaubte.
"Und ich komme aus-... ähm aus Chayneh." Es wäre sicherlich unklug gewesen, als Herkunft Wald anzugeben, darüber würden alle diese Idioten lachen. Die Lehrerin nickte.
"Sehr schön. Nun, wohin setzen wir dich mal? Setz dich einfach da hinten zu Tayson, da ist noch ein Platz frei." Zoras blickte auf den leeren Platz genau neben den drei Idioten um den Apfel-Typen herum. Er seufzte ergeben und setzte sich leicht widerwillig neben einen anderen Jungen mit schwarzen Haaren.
"Ich habe einen neuen Tischnachbarn!" kicherte der Junge sofort zu seinem Apfel-Freund Karana herüber, und auch Karana und der kleine Blonde neben ihm sahen Zoras an.
"Hi!" grinste Karana ihn an, "Na, Keks?" Zoras verengte die Augen zu Schlitzen und sparte sich einen Kommentar. Das fing ja prima an.
Nach zwei Stunden Unterricht gab es Pause. Als die Lehrerin ging, sprangen die meisten Kinder jubelnd auf und rannten auf den Pausenhof. Zoras blieb still an seinem Platz sitzen und lehnte sich gegen seinen Tisch. Dann kam Loron zu ihm.
"Na, du Dumpfbacke?" fragte er, meinte das aber nicht böse. "Dich hat's erwischt, ausgerechnet neben den drei allergrößten Vollidioten der Klasse sitzen zu dürfen, du Armer! Viel Glück hier bei den Deppen vom Dienst, Zoras..." Zoras seufzte leise.
"Na klasse," sagte er, "Ich glaube, die Welt ist gegen mich."
"Kommst du mit raus?" drängelte Loron, aber Zoras schüttelte den Kopf.
"Ich mag nicht," meinte er leise, "Sei mir nicht böse, ja?" Loron seufzte auch.
"Na gut dann bis später, ja?? Was die Deppen neben dir angeht beachte die garnicht! Ignorier vor allem Karanas bescheuertes Grinsen... es ist gesünder, das zu ignorieren..." Zoras nickte, als Loron ging, dann legte er den Kopf auf die verschränkten Arme, die auf dem Tisch lagen. Er schloss gerade die Augen, um etwas zu schlafen, da hörte er Schritte, und wie sich mehrere Personen vor ihn stellten.
"Du kannst also Gewitter rufen?" Zoras schrak hoch und sah direkt in Karanas grinsende Fratze. Sein Tischnachbar und der kleine Blonde standen kichernd hinter ihm. Zoras sah Karana nur eine Weile an.
"Hast du ´n Problem damit, oder glaubst du's nur nicht?" fragte er kalt, "Wenn ich Lust hätte, würde ich's dir sogar beweisen, Äpfelchen."
"Ich heiße Karana!" korrigierte Karana ihn, "Entschuldige, wir haben uns ja garnicht vorgestellt, wo wir doch nebeneinander sitzen! Das ist Tayson!" Er deutete auf den Schwarzhaarigen. "Und das ist mein Fast-Bruder Simu!" Damit zeigte er auf den Blonden. Zoras sagte nichts. Der kleine Simu strahlte ihn an.
"Dann bist du also Schamane?" Zoras sah den Blonden kurz an, dann senkte er die Augenbrauen.
"Hast du ´n Problem damit?!" fragte er wieder schnippisch. Karana setzte sich auf Taysons Tischhälfte neben Zoras und schnipste Zoras mit dem Finger gegen den Kopf. "Au!!!"
"Pling!" machte Karana, "Ziehst du immer sone Flappe, oder ist das angewachsen?"
"Lasst mich in Ruhe, verdammt, geht spielen!" Die drei sahen sich an.
"Sag mal, bist du Lorons Freund?" fragte Tayson dann, und Zoras stöhnte.
"Ihr sollt abhauen, ihr nervt!!"
"Bist duuuu... mmh, Lorons Freund oder Lorons Schlägerkind??" fragte Karana, "Ich weiß ja nicht, was Loron dir alles erzählt hat, aber ich an deiner Stelle würde mich nicht mit dem abgeben! Er ist echt ein ganz schöner Idiot, der Spaß daran hat, andere zu ärgern, und wenn du nicht tust, was er sagt, wirst du auch geärgert."
"Das weiß ich längst, Klugscheisser," sagte Zoras mürrisch, "Ich komme auch ohne eure Hilfe klar!!"
"Wer sagt, dass wir dir helfen wollen?" gluckste Tayson, und Simu stieß ihn an.
"Laber nicht, du Strunzkind..." Karana stand wieder auf und ging in Richtung Tür.
"Na gut, lassen wir ihn, er muss sich erstmal an die Klasse gewöhnen!" meinte er, und Simu und Tayson folgten Karana. Als die zwei schon zur Tür raus waren, drehte Karana sich noch einmal fröhlich grinsend um.
"Ich bin Schamane, wie du!" sagte er, und Zoras sah auf. "Und ich kann auch Gewitter rufen, wie du! Dann hast du sicher auch zwei schwarze Gene und bist Schwarzmagier, oder?" Zoras sagte nichts, er sah Karana erstaunt an. Er konnte dasselbe wie er?
Karana grinste gut gelaunt.
"Weißt du, mein Vater ist Geisterjäger!" sagte er, "Und mein Großvater war auch einer, alle in unserer Familie waren Geisterjäger! Wenn ich ein Mann bin, werde ich einmal der Herr der Geister sein! Naja, jedenfalls will ich das... dazu sollte ich Trottel vielleicht erstmal zaubern lernen, haha. Wir sehen uns später, Kekschen, ja?" Dann verschwand er. Zoras starrte ihm wie eingefroren nach. Er konnte auch nicht zaubern? Und auch das Wetter rufen? Und vor allem... er wollte Herr der Geister werden?! Zoras stand wie traumatisiert auf. Bis vor kurzem hatte er noch gedacht, er wäre etwas Besonderes. Wie plötzlich sich doch alles ändern und das Glück in ihm wie eine Seifenblase platzen konnte.
Der Rest des Unterrichtes ging an ihm vorbei. Er konnte nur immer wieder an Karanas Worte denken. Er konnte genau dasselbe wie Zoras auch einfach so! Frechheit. Zoras spürte über den ganzen Rest des Vormittages die Wut auf diese Tatsache in ihm herumbrodeln, und am Ende des Schultages war er kurz davor, den Tisch hochzureißen und mit ihm eine Tür einzuschlagen. Vor allem das Gekicher seiner drei nervigen Tischnachbarn kotzte ihn an. Er hatte sich noch nie so verarscht gefühlt, und als die Lehrerin ihn dann im Unterricht aufgerufen hatte, hatte er nicht aufgepasst und hatte keine Antwort gewusst worauf die drei neben ihm verstohlen gegluckst hatten.
"Hey, guck mal, Karana, er kann nichtmal das Einmalacht, haha!" hatte Tayson gekichert, und Karana hatte bloß ein Schnauben zu hören gegeben. Zoras konnte das Einmalacht sehr gut, sogar rückwärts. Aber nicht, wenn er vorher nicht zugehört hatte...
Endlich war der schreckliche Schultag zu Ende, und als die Kinder jubelnd aus dem Raum rannten, war Zoras heilfroh, die Idioten neben sich erst morgen wieder zu sehen.
Loron und die Drillinge waren schon draußen, und etwas niedergeschlagen schlich Zoras sich als Letzter aus dem Raum. Auf dem Hof war ein großer Tumult, weil viele der kleinen Kinder darauf warteten, abgeholt zu werden längst nicht alle wohnten in Mitonha und hatten zum Teil weite Schulwege.
Zoras entdeckte sofort Karana und seine Kumpanen wieder, die auf einem riesigen Baumstumpf hockten und ebenfalls zu warten schienen.
"Der Neue ist komisch, oder?" hörte Zoras Simu plötzlich sagen, und abrupt blieb er stehen. Sie redeten schon wieder über ihn.
"Mich würde echt brennend interessieren, ob er wirklich das Wetter beherrscht!" sagte Karana nachdenklich, "Manno, warum ist er eigentlich so sauer auf mich?"
"Als ob du das nicht wüsstest, du Mistkerl!!!" fuhr Zoras wütend auf und stierte Karana ärgerlich an. Die drei schraken hoch und starrten Zoras an.
"Huh?" machte Karana, "Hi! Tut mir leid, wenn es wegen dem Apfel ist, Zoras, das war doch wirklich keine Absicht-..."
"Zeig's mir!!" rief Zoras wütend und warf seine Schulsachen von sich, "Zeig mir, dass du das Gewitter rufen kannst!!!" Karana stand auf.
"Waaas??!" machte er, "Hier??!! Das ist gefährlich, das darf ich nicht! Vielleicht wann anders..."
"Du kannst es garnicht, das ist es!!!" schrie der schwarzhaarige Junge wutentbrannt, "Du-...!! LOS, BEWEIS MIR, DASS DU ES KANNST!!! Oder traust du dich nicht, Karana??!!" Karana schnaubte jetzt auch empört.
"Was geht mit dir denn ab, bist du schwerhörig??! Ich sagte, ich darf es nicht!! Wie wär's mit Regen, reicht dir das??!" Damit riss er die Arme in den Himmel und warf den Kopf zurück. "REGENGEISTER!! Ich rufe euch, kommt und folgt meinem Befehl!!!" Ein Grollen ertönte, und alle anderen Kinder im Hof hielten inne und starrten Karana gebannt an.
"W-was macht der denn??!"
"Karana!!!" schrie Simu, "D-du weißt, was dein Vater-...!!"
"SCHNAUZE!!!!!" brüllte Karana ihn an, "Ich werde dem kleinen Meckerpott zeigen, was Wetter ist, ganz einfach!!!" Er sah Zoras böse funkelnd an, und als Zoras seinen Blick genauso böse erwiederte, krachte mit einem Grollen aus dem verdunkelten Himmel ein Platzregen über die Schule, der im Nu alles unter Wasser setzte. Die Kinder stellten sich, soweit sie konnten, irgendwo unter und redeten laut und aufgeregt durcheinander.
"Karana kann den Regen rufen!!"
"Boah, er befiehlt dem Wetter, ihm zu gehorchen??! Kein Wunder, bei dem Vater!"
"Wer isn der Kleine mit den schwarzen Haaren eigentlich?"
Zoras schnaubte, als es noch immer regnete.
"Was du kannst, kann ich schon lange," gab er trotzig zu hören, "Soll ich dir mal zeigen, wie die Mächte der Schöpfung auf mich hören, du Pseudo-Geisterjäger??!" Karana seufzte und schüttelte sich, weil er völlig nass war vom Regen.
"Hey, ganz locker!" versuchte er, Zoras zu beruhigen, "Ich weiß ja nicht, ob deine Eltern vielleicht auch Geisterjäger sind?"
"Ich kann das sogar, ohne dass sie Geisterjäger sind!!!" schnaufte Zoras wütend, dann stellte er sich hin und riss auch die Arme hoch. Der Himmel wurde mit einem lauten Donnergrollen pechschwarz, als Zoras die Stimme hob. "IHR WINDGEISTER!!! Lasst die Toren euren Zorn spüren!! Kommt zu mir, und ich werde allen Toren Vater Himmels Strafe lehren!! HAAAAHHHH!!!!!!!" Damit fuhr ein gleißender Blitzschlag in Zoras Hände, und Karana fuhr mit einem Schrei zurück.
"SCHEISSE, WAS IST DAS DENN??!!" kreischte er, "Willst du uns umbringen, Zoras??! ZORAS, HÖR AUF!!!!!" Die anderen Kinder kreischten voller Entsetzen über Zoras Blitz, den er auf Händen trug und der den ganzen Hof wieder taghell machte, obwohl es stockfinster geworden war.
"Ich habe dich ja gewarnt, Karana!!!!" brüllte Zoras, und Karana riss keuchend einen Säbel von seinem Gürtel.
"I-ich glaub, ich steh im Wald!!" rief er, "GEHT SOFORT ALLE IN DECKUNG!!!"
"DAVON TRÄUMST DU, DU SCHISSER!!!!" schrie Zoras wutentbrannt, und er wollte gerade den Blitz auf Karana werfen, da wurde er plötzlich von hinten um die Hüften gepackt und von den Beinen gerissen. Gleichzeitig wurde auch Karana am Kragen gepackt und umgeworfen, der Säbel stürzte zu Boden, und mit einem Knall und einem weiteren Blitzen verschwanden sämtliche Regenwolken und auch Zoras Blitz.
"Seid ihr bescheuert, oder was ist hier los??!!" bellte eine Männerstimme wütend quer über den Hof. Der Mann hatte Karana gepackt, und Karana keuchte.
"Vater-...!"
"Was habe ich dir tausend, nein, zweitausend mal gesagt, du Idiot??!!" rief sein Vater wütend, "DU SOLLST NICHT MIT DEINEN GABEN SPIELEN!!!" Zoras starrte erschrocken auf Karana und seinen Vater dem Karana überaus ähnlich sah. Er selbst fand sich in Pakunas Armen. Sie hatte ihn festgehalten.
"Was machst du denn??!" fragte sie gedämpft, "Wieso hast du ihn angegriffen, hm??!" Zoras riss sich los und stand auf.
"I-ich-... ich weiß nicht mehr-..." stammelte er, dann fing er den Blick von Karanas Vater. Der Mann schnaubte ihn an.
"Und mit wem haben wir die Ehre??!" fragte er missgelaunt, "Hat dir niemand beigebracht, dass es verdammt gefährlich ist, mit Blitzen zu werfen??! Wer ist für das hier verantwortlich?!" Pakuna nahm Zoras an den Schultern und seufzte.
"Verzeiht, Sir," flüsterte sie, "Er hat das nicht gewollt, es war ein Ausrutscher..." In dem Moment hielt der Mann inne und blickte Pakuna überrascht an.
"Pa-...Pakuna??!" Pakuna schrak hoch, und auch Zoras und Karana sahen ihre Eltern etwas verwirrt an. Wie, die kannten sich?
"Du kennst die??!" fragte Karana erstaunt, und sein Vater blinzelte.
"Wie zum Geier kommst du denn nach Mitonha??!" fragte er, "Was zum Geier ist aus Ram geworden?!" Pakuna hielt die Luft an, dann weitete sie die Augen.
"Aber-... wie ist das-... ...??! Puran Lyra??!!" Karanas Vater blinzelte und hob eine Hand.
"Hi..."
Pakuna wäre ihm fast um den Hals gesprungen. Puran Lyra! Er lebte also noch! Und er hatte einen Sohn, der auf dieselbe Schule ging wie Zoras! So ein Zufall.
"Ist das ein Traum...?" fragte sie, und Puran Lyra grinste genauso blöd wie Karana es immer tat.
"Sag jetzt bitte nicht... dass er Rams Kind ist..." Er zeigte auf Zoras, und Pakuna lächelte schelmisch.
"Natürlich ist Ram sein Vater!! Blöde Frage..."
"Das war nichtmal eine Frage, ich muss doch sehr bitten," murrte Puran Lyra, "Gut ich muss gehen, meine Frau wird hysterisch, wenn ich zu lange mit den Kindern in Mitonha bin, dann denkt sie manchmal, es wäre etwas passiert! Karana, Simu! Bei Fuß, wir gehen nach Hause."
"Aber-aber-aber-aber-...!!" machte Karana und zeigte auf Zoras und Pakuna, "W-woher kennst du die Frau??!"
"Pakuna ist eine... alte Bekannte, sozusagen," klärte sein Vater ihn auf, "Mit ihrem Mann bin ich zur Schule gegangen! Ich kann dir später weiter erzählen, Karana. Ach, Neisa ist übrigens wieder gesund, morgen dürft ihr sie wieder mitnehmen." Er wandte sich zum Gehen, und Karana und Simu folgten ihm, noch immer verstohlene Blicke auf Zoras werfend. Zoras blieb mit Pakuna stehen. Dann sah er seine Mutter an.
"Ein alter Bekannter??" fragte er dann, "Aha ist der der Geisterjäger??"
"Ich muss doch sehr bitten," sagte Pakuna, "Puran Lyra ist der Sohn des Herrn der Geister!!! Und er wird auch einmal Herr der Geister sein, bestimmt!" Zoras überlegte.
"Karana also auch?"
"Sicher!"
Pakuna und Zoras machten sich auf den Weg nach Holia zurück. Zoras grübelte lange vor sich hin und sprach nicht. Das war ja ungerecht man konnte also nur Geisterjäger werden, wenn sein Vater auch einer war?
"Mutter," sagte Zoras, "Kann jeder Schwarzmagier ein Geisterjäger werden?" Pakuna sah ihn lächelnd an.
"Du bist noch viel zu klein für einen Geisterjäger!" sagte sie, "Nun, das kommt auf viele Dinge an. Zum Geisterjäger gehören eine sehr starke Seele und auch ein starker Körper. Außerdem ein einwandfreier Instinkt und auch... starkes, magisches Blut, das bekommt man gewöhnlich von den Eltern vererbt. Lyras haben schon immer starkes Blut gehabt. Deshalb waren auch alle Männer der Lyras Geisterjäger!" Zoras seufzte.
"Dann... kann ich kein Geisterjäger werden, was? Ich meine, unsere Familie hat schwaches Blut, oder?" Pakuna sagte nichts. Zoras schnaubte. "Aber dann haben die Geister mich verarscht!!! Wieso habe ich diese seltenen Gaben, wieso kann ich das Gewitter rufen, wieso haben die Geister mit mir gesprochen??! Wenn ich eh kein Geisterjäger sein kann?!" Pakuna sah in den Himmel.
"Weißt du, es kommt nicht allein auf das Blut an!" meinte sie, "Du wärst... sehr gut fähig, Geisterjäger zu werden! Ich glaube an deine Gaben, denn die sind wirklich, wirklich selten! Du musst sehr stolz auf sie sein, Zoras, hörst du? Dass du die Gaben hast, die nur Geisterjäger besitzen, ist ein Zeichen von Vater Himmel... vielleicht bist du wirklich dazu bestimmt, einmal Geisterjäger zu sein! Das allerwichtigste ist eine starke und strapazierfähige Seele, deine Seele muss unerschütterlich sein, wenn du einmal Geisterwinde rufen können willst!" Zoras sah sie fasziniert an.
"Dann sind die Gaben also nicht umsonst da?"
"Natürlich nicht!" lachte Pakuna, "Weißt du was Karana angeht, er wird sicher genau wie du Geisterjäger werden wollen. Er wird es dabei sehr viel leichter haben als du, weil seine Familie starkes Blut hat... das heißt aber nicht, dass nicht auch Jungen aus schwachen Familien Geisterjäger sein können. Du bist stark, Zoras, ich weiß das, seit du geboren bist. Ich habe es die ganze Zeit gewusst! Du hast die Gaben, die man braucht, und ich weiß, wenn du hart trainierst, wird deine Seele stark genug werden! Du musst ganz fest daran glauben, dass geht es." Zoras blickte erst Pakuna an, dann die Straße, die sie hinunter nach Holia gingen.
"Okay," sagte er fest, "Dann werde ich mir die größte Mühe der Welt geben! Aber erst muss ich zaubern können."
"Waaaas??!!" schrie Ram Derran und sprang vom Tisch auf, "Du willst Geisterjäger werden, Zoras??!" Zoras sah seinen Vater hochnäsig an und verschränkte die Arme.
"Ja, das werde ich!" sagte er ernst, "Und dann wirst du mich niemals wieder Nichtsnutz nennen, Vater!!!" Ram Derran schnaubte und verschränkte auch die Arme.
"Du stellst dir das ganz schön einfach vor, was??" fragte er gehässig, "Ich glaube, du weichst von der Realität ab, Zoras!! Du kannst kein Geisterjäger werden! Weil du aus einer schlechten Familie kommst!! Tss, bildest du dir allen Ernstes ein, einmal mit Puran Lyras Sohn auf einem Level stehen zu können??! Weißt du, man nennt Lyras nicht umsonst Könige der Schamanen! Werd also nicht überheblich, geh mit Loron spielen." Zoras sah seinen Vater unverfroren an.
"Du respektierst mich nur nicht!!" schrie er, "DU HAST MICH NIE RESPEKTIERT!!! Du hältst mich immer noch für einen Schwächling und Nichtsnutz, nicht?!! Hat dir das Gewitter im Wald noch nicht gereicht??!"
"SCHWEIG!!!!" bellte Ram ihn an, und Zoras verstummte, als sein Vater ihn wutentbrannt anstarrte. Im nächsten Moment kassierte das Kind links und rechts eine schallende Ohrfeige, und er taumelte und stürzte mit glühenden Wangen zu Boden. Sein Vater stierte ihn böse an.
"Du wirst niemals, hörst du, niemals ein guter Magier werden!! Weil es ganz einfach nicht deine Bestimmung ist, Zoras!! Geh mir jetzt aus den Augen. Ich will dich nicht mehr sehen!!" In dem Moment, als Zoras sich aufrappelte und eingeschnappt in sein Zimmer stampfte, kam Pakuna aus der Küche.
"Was ist hier los??!" fragte sie, "Hast du ihn wieder geschlagen??" Ram Derran schnaubte.
"Was bildet er sich ein, wer er ist??!" fragte er, "Der Rotzbengel ist zu nichts zu gebrauchen!!" Pakuna legte ihrem Mann eine Hand auf den Arm und sah ihn besorgt an.
"Ram... er ist dein Sohn... wie kannst du so-...?"
"Er ist nicht mein Sohn." Damit drehte der Mann sich ab, und Pakuna starrte ihn an.
"Er ist wohl dein Sohn!!" protestierte sie, "Dein Fleisch und Blut!! Er hat genug Ärger gehabt, hör bitte auf, ihn zu massakrieren-..."
"Zoras mag ein Teil meines Fleisches sein!" schnappte Ram Derran wütend, "Ja, Pakuna! Er ist ein Teil meines Fleisches!! Aber niemals... niemals wird er mein Sohn sein!!"
Zoras hockte in dem kleinsten Zimmer im Haus, das sein eigenes Zimmer war, auf der Matratze, die sein Bett war. Um ihn herum waren die dreckigen Laken, die als Decken und Kissen dienten. Er zog mit einem Schluchzen die Beine an und ballte verletzt und wütend die kleinen Fäuste.
Wieso... hasst Vater mich bloß so sehr? Hab ich ihm je etwas getan, verdammt?
Er hielt die Hände aneinander und kniff verärgert die Augen zu. Er dachte an die Worte seiner Mutter.
"Wenn du hart trainierst, wirst du es schaffen!"
Dann werde ich trainieren! beschloss er finster, Ich werde solange trainieren, bis ich es kann! Damit mein Vater mich endlich respektiert...
Er konzentrierte sich angestrengt und verkrampfte die Hände dabei, bis zwischen seinen Fingern zum ersten mal ein kleiner Blitz erschien, der den düsteren Raum erhellte.
Die nächsten Tage wurden nicht leichter. In der Schule gingen vor allem die kleinen Erst- und Zweitklässler Zoras aus dem Weg. Sie hatten nach seinem Wutanfall vor Karana und dem Blitz Angst vor ihm. Die älteren Schüler tuschelten hinter seinem Rücken, zeigten auf ihn und murmelten und kicherten, wenn sie ihn sahen. Am schlimmsten waren Karana und seine Freunde, die auch noch neben ihm saßen und, so kam es Zoras vor, immer absichtlich laut genug schlecht über ihn redeten, dass er es hören konnte. Spitznamen wie Psycho und Aggro-Heini bekam der Kleine immer öfter zu hören. Und Loron oder die Drillinge machten sich nicht die Mühe, ihn zu verteidigen, was Freunde seines Erachtens nach eigentlich taten. Loron benutzte Zoras nur gerne als Schild, wenn andere Kinder sich gegen ihn auflehnen wollten.
"Komm, Kurzer!" hörte er Loron im Befehlston bellen, und Zoras erhob sich widerwillig von seinem Platz. Loron stand mit den Drillingen im Schlepptau in der Tür des Klassenzimmers. Es war Pause.
"Was hast du vor?" fragte Zoras Loron, "Leute piesacken?"
"Immer doch, jetzt spiel nicht den Stubenhocker!" Zoras folgte Loron gehorsam, um wenigstens in Holia noch einen Teil an Respekt zu haben, den er sonst nirgendwo auf der Welt hatte.
Loron hatte es dieses mal auf kleine Erstklässler-Mädchen abgesehen, die er mit Zoras und den Drillingen in die Ecke des Hofes drängte.
"Was ist?" fragte er die Mädchen grinsend, "Habt ihr Angst, oder was??!"
"Geh aus dem Weg, Loron!" rief eines der kleinen Mädchen trotzig, "Ich hol meinen großen Bruder, der macht Hackfleisch aus dir!" Loron und die Drillinge lachten laut, und die drei kleinen Mädchen sahen sich an.
"Ohhh, wie böse, ich wein gleich!" kicherte der erste der Dickerchen. Das blonde Mädchen verschränkte die Arme und reckte sich, um größer zu wirken.
"Ich hab keine Angst vor dir, Loron!! Mein Bruder macht eh Hackfleisch aus dir! Ich brauche ihn bloß zu rufen..."
"Glaubst du, irgendein Typ hier kann mir was anhaben??!" lachte Loron, "Hey, ist dein Bruder son richtiger Schlägertyp, Kleine?"
"Du kennst meinen Bruder!" sagte die Kleine blöd grinsend, "Da steht er!" Loron fuhr herum. Karana stand hinter ihm, mit dem bösesten Blick der Welt.
"Oh-oh! Lyra!!" riefen die Drillinge im Chor, und schon waren sie weg. Loron blinzelte.
"Was is, Lyra?" Karana sah Loron herablassend an.
"Wenn du meiner kleinen Schwester ein Haar krümmst, wirst du dir wünschen, nie geboren zu sein!!" versprach er wütend, "Dann wirst du deiner Mutter freiwillig in den Arsch kriechen und nie wieder rauskommen!!" Loron schnaubte.
"Zoras!!" bellte er, "Hau ihm eine rein, dem Möchtegern-Bodyguard!" Die kleinen Mädchen außer Karanas blonder Schwester liefen jetzt erschrocken weg, als Zoras Karana nur böse ansah. Karanas Schwester kicherte.
"Ist das der Junge mit dem Blitz?" freute sie sich und sah Zoras an, "Ohh, du bist aber süß."
"Was ist los, Psycho?" grinste Karana und sah Zoras an, "Hast du Schiss, oder was??! Dein Herr Loron hat dir doch befohlen, mich zu schlagen, oder?"
"Los, hau Karana, dann macht er auch aus dir Hackfleisch!!" freute sich die Kleine, und Karana streckte die Hand aus.
"Komm, Neisa!" sagte er, "Mit den Idioten brauchst du dich nicht abzugeben!" Neisa seufzte.
"Ich habe keine Angst vor dem blöden Loron und seinen dicken Freunden!" sagte sie beleidigt, ging aber trotzdem zu Karana herüber, "Und auch nicht vor dem Blitz-Jungen! Wie heißt er, Karanachen?"
"Kannst du mich nicht ins Gesicht fragen, du kleine Nudel?!" schnappte Zoras, "Ich heiße Zoras, und jetzt macht, dass ihr verschwindet!!"
"Oooh, ganz böse heute," machte Karana gespielt beeindruckt, "Komm, Neisa, bevor er uns noch tötet!" Er nahm Neisas Hand und ging mit ihr davon. Zoras zischte und warf wütend einen kleinen Blitz in den Boden hinter die zwei. Karana drehte sich kurz um und grinste fröhlich.
"Viel Spaß noch, ihr Hübschen!" Loron und Zoras sahen sich an, und Loron brummte.
"Wo sind die scheiss Dickis hin??!" fragte er wutschnaubend, "IHR SCHISSER, KOMMT WIEDER RAUS!!!" Zoras ging einfach los, und Loron starrte ihm nach. "H-hey!! Kurzer, wo gehst du hin??!"
"Kann dir doch egal sein!" schnaubte er missgelaunt und ging seiner Wege. Loron stand da wie bestellt und nicht abgeholt.
"Pff, was bildet der sich ein heute??"
Zoras hockte auf einer Mauer mitten im Hof, ganz alleine, und sah dem Treiben der anderen Schüler zu. Vor ihm duellierten sich mehrere Jungen in einem kleinen Wettkampf, wer denn der Stärkste von ihnen sei. Was Zoras dabei interessierte, war, dass sie sich nicht prügelten, sondern sich gegenseitig bazeuberten. Also waren sie alle Schamanen und übten das Zaubern? Zoras dachte darüber nach, dass das ein perfektes Training wäre. Er müsste nur besser zaubern können, um mitmachen zu können... mit dem Bisschen Blitz, das er konnte, hatte er gegen die älteren und auch größeren Schamanenjungen keine Chance. Gedankenverloren übte er alleine für sich, seinen Zauber zu kotrollieren, und spielte mit dem Blitz in seiner Hand, warf ihn hin und her. Es tat gut, in Ruhe und ganz alleine herumsitzen zu können.
"Du kannst ja schon richtig zaubern, nicht?" hörte er eine hohe Stimme neben sich, und erschrocken fuhr er auf und brannte vor Schreck ein Loch in seine Hose.
Karanas kleine Schwester saß neben ihm auf der Mauer und strahlte ihn an wie ein Honigkuchenpferd. Ihr blonder Pferdeschwanz wippte mit dem Wind auf und ab, als sie ihn fröhlich angrinste.
"Warum sitzt du denn ganz alleine hier?" fragte sie, und Zoras sah betreten zur Seite. Wenn Karana jetzt kam, wäre er erledigt.
"Ich... sitze immer alleine!" sagte er, "Also geh bitte wieder."
"Nö!" kam die Antwort, und die Kleine zog die Beine an. Zoras sah auf ihre kleinen Füße, die in weißen Söckchen und lila Schühchen steckten. "Karana kann noch nicht zaubern wie du," sagte sie dann, "Vorhin hat er mich gefragt, ob das ein Blitz war, den du ihm hinterhergeschmissen hast! Karana ist sehr böse, weil er nicht zaubern kann."
"Jo," machte Zoras, "Ich auch!"
"Aber du kannst doch zaubern," protestierte Neisa und schnappte seine Hand, "Mach nochmal!"
"Eh, loslassen!!" rief er erschrocken und riss sich los. Er tat ihr den Gefallen und zauberte einen kleinen Blitz aus der Hand. Neisa lachte.
"Siehst du?? Karana kann nichtmal sowas! Zu Hause ist er dauernd sauer deshalb und schreit rum und schimpft und tritt gegen die Wand! Und manchmal wirft er mit Sachen in seinem Zimmer herum." Zoras fragte sich, warum sie ihm das erzählte. Karana wäre bestimmt nicht glücklich darüber, wenn er erfuhr, was seine Schwester alles ausplauderte.
"Du musst jetzt gehen," sagte er zu Neisa, "Ich will allein sein!"
"Ohh," machte Neisa traurig, dann hockte sie sich hin und streichelte ihm zärtlich über die weichen, schwarzen Haare. Dann strahlte sie wieder. "Ohh!! Du bist ja richtig weich und flauschig!" Zoras wurde rot und sah zur Seite.
"Ä-...ähm-..." stammelte er, und Neisa flauschte fröhlich seine Haare an.
"Mmh, total schön," meinte sie glücklich, "Hey, kannst du lächeln?" Zoras starrte sie an.
"Was??!"
"Ob du lächeln kannst!" wiederholte sie, "Du guckst so traurig! Soll ich dir zeigen, wie das geht? Guck, so." Sie lächelte ihn lieb an, und aus unerklärlichen Gründen wurde er wieder rot. Um ihr den Gefallen zu tun (und in der Hoffnung, sie würde dann gehen) zwang er sich zu einem Lächeln. Neisa kicherte.
"Wie süß!" machte sie, "Du musst ganz doll oft so lächeln! Dann siehst du viel netter aus, Zoras!"
"Ich bin aber nicht nett," sagte er dann und senkte die Augenbrauen, "Geh spielen, Kleine!! Ich will alleine sein!" Neisa sprang von der Mauer und nickte dann.
"Okay," sagte sie, "Dann bist du eben ganz böse! Böser Zoras, so!" Sie streckte ihm lachend die Zunge raus und rannte davon, während Zoras wieder anfing, mit Blitzen zu spielen. Was wollte sie eigentlich die ganze Zeit über? Ihn nerven? Er glaubte nicht, dass sie ihn nett fand und deshalb angekommen war. Vielleicht war ihr langweilig gewesen.
"Hey!" hörte er dann eine Stimme vor sich, und als er aufsah, sah er die Schamanen vor sich, die sich bezaubert hatten.
"Mh?" machte Zoras erstaunt.
"Bist du nicht Zoras Derran??" fragte einer, "Der mit dem Mega-Blitz??!" Zoras seufzte.
"Ja, der bin ich. Ein Problem damit?"
"Komm, lass uns mal kämpfen!" forderte der eine Junge Zoras auf, "Wenn ich gegen dich ankomme, bin ich toll, so! A-aber nur untere Magie, ja?"
"W-was, moment!!" rief Zoras, da zerrten die Kinder ihn schon von der Mauer, und ehe er sich versah, stand er mitten unter ihnen, ihm gegenüber der Größte von ihnen, der fast zwei Köpfe größer war als Zoras. "Hey, wartet!!" rief Zoras entsetzt, "I-ich kann garnicht so gut zaubern!!"
"Lüg doch nicht, wenn du sogar das Wetter rufst wie der Sohn des Herrn der Geister!" murrte der große Kerl vor ihm, "So, zur Seite, ich fang an! Mal sehen, ob ich gut genug bin!" Damit ließ er einen Blitz zwischen seinen Händen entstehen, und Zoras keuchte.
"Nein, halt!!" schrie er, "Ihr irrt euch!!! Ich kann nicht zaubern, hör auf!!"
"Sag bloß, du hast Schiss vor Grobi..."
"G-Grobi??!!" schrie Zoras, und ein anderer Junge gluckste.
"Er heißt Fjok, aber weil er so ein Grobian ist, heißt er bei uns Grobi! Los, zeig's ihm, Grobi!" Zoras fragte sich, ob er vor jemandem, der Grobi hieß, seinen Stolz verlieren wollte. Nein! Definitiv nein! Er stellte sich also hin und riss auch die Arme hoch, als Grobis Blitz größer wurde.
"Nein, ich hab keine Angst!!" sagte er, "Ich hab niemals vor etwas Angst!!!"
"Loooos, Grobi!!" gröhlten die Jungen, als Grobi seinen Blitz auf Zoras schmetterte, und bevor Zoras eine Chance hatte, zu reagieren, wurde er zurückgeschmettert und schlug hart auf dem Steinboden auf. Er schrie auf, und der Blitz zerriss den unteren Saum seiner schwarzen Hose. Die Jungen zogen hörbar die Luft ein, als die Rauchwolke verschwand, die der Blitz hinterlassen hatte.
"Ehh??" machten die Jungen, "Grobi, du hast ihn mit einem Schlag besiegt!!"
"YEAH!!" brüllte Grobi, "Den Jungen mit dem Blitz!! Boah, bin ich gut!! Wenn ich das kann, könnt ihr auch! Der ist ja richtig einfach zu kriegen..."
Zoras rappelte sich auf und rieb sich den schmerzenden Kopf.
"Ich hab euch doch gesagt, ich bin nicht so gut, wie ihr denkt!" sagte er kleinlaut und bereute die Worte sofort, als schallendes Gelächter um ihn herum ertönte.
"Zoras ist ein Schwächling, Zoras ist ein Schwächling!!" gröhlten die Jungen, und Zoras schnabute.
Na wartet...
"Pah!!!" blaffte er die Bande an und sprang wütend auf, "Was ist, bin ich jetzt mal dran??! Wer will nochmal, wer hat noch nicht??!"
"Werd nicht überheblich," sagte Grobi, "Echt mal, ist nur nett gemeint! Du tust dir weh, Zoras, du hast keine Chance!"
"Das werden wir ja sehen!!!!!" schnaubte Zoras und riss die Arme hoch, "Also??!" Ein schmaler Junge trat vor.
"Okay, ich mach!" grinste er, "Wenn Grobi dich mit einem Schlag umhaut, schaff ich's auch mit zwei, so!" Zoras zischte und ließ seinen kleinen Blitz erscheinen, den er wutentbrannt auf den Jungen schmetterte. Der Junge wich geschickt aus und riss eine Hand hoch: "YIRA!!" Zoras sprang auf, als plötzlich Eissplitter auf ihn zuflogen und seine Hose und auch sein Shirt noch mehr zerrissen, einer schnitt mit der scharfen Kante in Zoras Arm, und der Junge wurde erneut von der Magie zu Boden geworfen. Wieder lachten die Jungen auf.
"Um Himmels Willen!" stöhnte Grobi, "Du musst noch extrem üben, Psycho!" Zoras setzte sich auf, als die Jungen wieder laut lachten, und zitterte vor Wut, seine Schultern bebten. Am liebsten hätte er die Großmäuler nach allen Regeln der Kunst windelweich geprügelt. Dann hörte er eine Stimme hinter sich:
"Aus dem Weg, ihr Fettsäcke!! Er gehört mir!!" Die Jungen um Grobi verstummten sofort und traten zurück. Loron war gekommen. Loron räusperte sich und sah die Schamanen an. "Habt ihr ´n Problem, Fettis??! Komm, Zoras!" Zoras stand auf und sah Loron ungläubig an. Wie jetzt? Er verteidigte ihn? Seit wann das denn?
Grobi und die Schamanenbande verdrückte sich lieber. Sie alle in der Schule kannten gut Lorons Rechte, und keiner hatte Lust darauf, sie ins Gesicht zu bekommen. Loron sah Zoras an.
"Was machstn du für ´nen Quatsch?" fragte er ihn, "Wieso vermöbelst du die Ärsche nicht einfach, Kurzer??" Zoras seufzte.
"Geht schon," meinte er, "Danke für deine Hilfe." Er war erstaunt darüber, dass er Loron dankte das hätte er nie für möglich gehalten. Vielleicht war es wirklich praktisch, als Lorons Freund dazustehen. Auch, wenn er ihn immer noch nicht wirklich mochte.
Zoras dachte den Rest des Tages darüber nach, wie er bloß ein besserer Zauberer werden sollte. Wie so oft hörte er der Lehrerin nicht zu und musste zur Strafe nachsitzen und zwanzig mal den Satz "Ich habe im Unterricht meiner Lehrerin zuzuhören und an nichts anderes als an den Unterricht zu denken." auf ein Blatt schreiben. Als er fertig war, tat seine Hand weh, und immer noch grübelnd und noch immer gekränkt von Grobis Gelächter schlich er sich mal wieder als Letzter nach draußen. Da erwartete ihn eine Überraschung, und im ersten Moment dachte er, er hätte lieber vierzig mal den Satz geschrieben, als das auch noch erleben zu müssen.
Der Hof war leer, längst waren alle nach Hause gegangen oder abgeholt worden. Nur einer stand noch ganz allein auf dem Hof und drehte sich mit einem bösen Blick zu Zoras um, als er aus dem Gebäude kam. Karana.
"Du bist ja immer noch hier," sagte Zoras, "Du hättest nicht auf mich warten müssen, wäre echt nicht nötig gewesen."
Karana schnaubte.
"Hey, Psycho!" rief er, "Was hattest du bitteschön vorhin mit meiner Schwester zu schaffen??! Ich hab genau gesehen, wie du bei ihr rumgehockt hast!!"
"Moment, sie ist zu mir gekommen!" rief Zoras, "Ehrlich, ich hab sie nichtmal angerührt!!"
"Jeder, der meiner Schwester zu nahe kommt, kriegt es mit mir zu tun!!" blaffte Karana ihn an und ballte die Fäuste, "Du wolltest ihr ganz sicher wehtun, ich weiß es!! Weil du Lorons Freund bist, und alle, die zu Loron gehören, wollen anderen wehtun!! BAH!!!"
"Stimmt garnicht!!" brüllte Zoras, "Ich wollte ihr nie wehtun!!! Frag sie doch selber, du Idiot!!!! Jetzt geh mir aus dem Weg, Arschnase!" Er wollte an Karana vorbeigehen, doch der andere Junge versperrte ihm den Weg.
"Nichtsda, du Schisser!!" spuckte er ihn an, "Du kriegst eine auf's Maul, weil du meiner Schwester zu nahe gekommen bist!! Ich hoffe, das ist dir eine Lehre, du Volltrottel!!" Er holte aus, um Zoras zu schlagen, doch der duckte sich weg und sprang zurück, riss augenblicklich die Arme hoch und schrie:
"SURA!!!!"
Es war wie ein Instinkt. Plötzlich hatte er einfach gewusst, was er zu tun hatte, einfach so. Er war entsetzt über sich selbst, als der Zauberblitz seine Hände verließ und Karana an der Hand traf. Eine blutende Schnittwunde entstand, und sowohl Karana als auch Zoras starrten sich erschrocken an. Und Zoras sah das Entsetzen und den Schock in Karanas Augen und die Angst. In dem Moment spürte er, dass Karana Angst vor ihm hatte. Weil er ihn getroffen und verwundet hatte. Das Gefühl der Überlegenheit durchströmte ihn plötzlich im ganzen Körper, es tat so gut, dass Zoras lächelte. Es war warm und kribbelte, aber er spürte, dass es sich richtig gut anfühlte. Er war Karana überlegen. Dem Sohn von Puran Lyra, dem Herrn der Geister. In diesem einen, kurzen Moment spürte er seinen Sieg und hatte das Gefühl, vor Stolz zu platzen.
Karana taumelte, während der Schnitt stark blutete und sogar der Boden unter Karana schon blutbekleckert war. Er konnte zaubern! Der kleine Aggro-Heini Zoras konnte zaubern und er, Karana, nicht! Frechheit.
Zoras lachte leise und sehr zufrieden mit sich, während er selbstbewusst die Arme in die Hüften stemmte und Karana herablassend ansah.
"Noch Fragen, Karana?" Karana keuchte und trat zurück, während er das Blut an seiner Hose abwischte. Zoras trat mit einem selbstsicheren Grinsen auch zurück und versuchte, das Gefühl des Sieges in sich einzuschließen dann stieß er gegen etwas Weiches und wurde von hinten gepackt und halb erwürgt, im selben Moment sah er auch Puran Lyra mit Simu und Neisa in den Hof kommen.
"Du nichtsnütziger Vollidiot, WAS MACHST DU HIER??!!" blaffte ram Derran Zoras an, und Zoras erkannte halb erstickt, dass sein Vater ihn ganz offenbar abholen kam und ihn jetzt brutal am Hals gepackt hatte. Zoras hustete und starrte ihn an.
"Ich habe ihm gezeigt, wo hier die Musik spielt, ganz einfach!" schnappte er, im selben Moment wurde er fester am Hals gepackt und bekam kaum noch Luft. "Aargh-..."
"Derran," hörte Zoras Puran Lyras Stimme, und als er halb tot aufblickte, sah er Karanas Vater vor seinem eigenen stehen. Er wusste, er würde nie den herrischen und majestätischen Blick des Geisterjägers vergessen, der jetzt nicht ihn, sondern Ram Derran durchbohrte. "Bist du immer so drauf, oder ist das in Holia normal, seine Kinder zu erwürgen??!"
"Misch dich nicht in meinen Kram, Lyra," sagte Ram Derran und trat zurück, dabei ließ er Zoras los. "Ich mache mit dem Bengel, was ich will." Puran Lyra sah Ram Derran nur finster an. Mit seinem schwarzen Umhang sah er aus wie ein König, fand Zoras. Karana zeigte Simu indessen im Hintergrund kleinlaut den Schnitt, den er Zoras zu verdanken hatte.
"Du hast dich echt nicht verändert!" brummte Puran Lyra missgelaunt Ram Derran an, "Kein Wunder, dass dein Sohn so verzogen wird und auf jeden aggressiv reagiert, bei dem Vater!"
"Das lass mal meine Sorge sein, du hast dich um deine Geisterwinde zu kümmern, König Lyra, nicht?" schnappte Ram, dann drehte er sich ab und ging mit Zoras im Schlepptau davon. Zoras blickte auf die Lyras zurück und fragte sich, ob Karana und er jetzt jedes Mal von ihren Eltern auseinandergezerrt werden müssten. Dann fragte er sich, was sein Vater doch für ein Waschlappen war, oder warum er sich so von den arroganten Lyras demütigen ließ. Das war ja eine Schande, und das nannte sich sein Vater? Zoras beschloss verbittert, dem einmal ein Ende zu setzen.
Ja! sagte er zu sich, Ich werde hart trainieren und Geisterjäger werden! Und eines tages werde ich besser sein als Karana Lyra! Dann werde ich das Gefühl des Sieges wieder spüren und vollkommen zufrieden sein! Und wenn du hörst, Vater, wenn du hörst, dass ich Karana Lyra besiegt habe, werde ich endlich den Respekt von dir bekommen, der mir zusteht von einem Nichtsnutz wie dir, der nichtmal richtig zaubern kann!
Als Arlon zum ersten mal aus dem einen speziellen Grund zu Derrans kam, glaubten alle drei Familienmitglieder zunächst, sie würden schlecht träumen. Später wurde ihnen, vor allem Pakuna, schmerzhaft klar, dass das in Holia die Realität war.
"Derran!" rief Arlon laut durch den Flur, und Ram und Pakuna kamen aus der Stube. Zoras blieb in der Stubentür stehen und sah etwas misstrauisch auf den kräftigen Häuptling Holias. Er spürte, dass das, was ihnen bevorstand, etwas Schlimmes sein würde und auch Pakuna spürte das, als sie Arlons Blick fing.
"Was ist, Arlon?" fragte Ram Derran ungläubig, und Arlon grinste, bevor er vor allem Pakuna ausgiebig betrachtete.
"Ich nehme deine Frau heute mit zu mir, Derran. Sie wird mir etwas... Spaß machen, du verstehst?"
Pakuna fuhr zurück.
"Was??!" fragte sie, "A-aber-...?!" Auch Ram Derran wirkte erschrocken, und Zoras verstand nicht, was Arlon wollte.
"Sie ist meine Frau!" empörte sich Ram, "Wie kommst du darauf, dass ich sie dir ausleihe, als wäre sie ein Stofftier??!"
"Nun," sagte Arlon, "Ich habe dich noch nicht über die Regeln in Holia aufgeklärt, Zauberer, nicht? Nun, es gilt die Regel, dass der Häuptling das Oberhaupt des Dorfes ist, logisch, oder? Und der Häuptling bin ich! Das bedeutet, dass ich bestimme, was die anderen zu tun haben, und was nicht! Weißt du, Derran, ich habe keine eigene Frau, die Mutter meiner zwei Kinder ist vor Jahren gestorben. Darum bin ich befugt, jede, und ich meine jede andere Frau des Dorfes zu nehmen, wann immer ich es will, weil ich der Häuptling bin! Das gilt auch für deine wunderschöne Frau Pakuna, Derran! Ich habe euch extra etwas Zeit zum Einleben gegeben, wenn ich gewollt hätte, hätte ich sie mir schon viel früher mal geborgt..." Ram Derran starrte ihn nur an.
"Du erlaubst dir einfach so, mich mitzunehmen??!" fragte Pakuna wütend, "Ich bin kein Ding, ich bin ein Mensch!!!"
"Nicht einfach so, Pakuna, weil ich der Häuptling bin!" Pakuna keuchte, als er ihre Arme packte und sie an sich heranzog. "Und du wirst mir jetzt einen großen Gefallen tun, Pakuna, nicht??! Haha!! Was ich vergessen habe, Derran da ihr Neulinge seid, gelten die Rechte auch für die anderen Dorfmänner! Und du weißt, dass ich euch jeder Zeit rausschmeißen kann, wenn du dich... sträuben solltest, dich an die Regeln zu halten...!"
"Du mieser Bastard...!" zischte Ram Derran ungehalten, als Arlon Pakuna zur Tür zerrte, "Das-...!! Das ist eines Mannes unwürdig, findest du nicht??! Warum besorgst du dir keine neue Frau, statt die der anderen zu benutzen??!"
"Ram-...!" stammelte Pakuna, "Tu irgendwas, bitte!!!"
"Warum?" fragte Arlon, "Nun... weil es viel schöner ist, mehrere Frauen zu haben? Und außerdem muss ich sie nicht ernähren, wenn sie mir nicht gehören! So lässt sich's ganz gut leben, Derran! Haha!!" Damit verschwand er samt Pakuna aus dem Haus. Ram Derran stand im Flur wie vom Donner getroffen. Zoras keuchte.
"W-warum nimmt er Mutter mit??!" fragte er, "Wieso darf er das einfach??!"
"Halt die Klappe!!" blaffte Ram ihn an, "Das-...!! Wir wohnen jetzt in Holia, Zoras!! Wenn wir hier wohnen wollen, müssen wir uns an die Gesetze halten! Und Arlon ist das Gesetz!" Zoras senkte die Augenbrauen, als sein Vater so sprach.
Gesetze! rief er innerlich und krallte sich an den Türrahmen, Hah! Wartet, bis ich Geisterjäger bin! Dann werde ich all diese Bastarde hier bestrafen, und dann bin ich das Gesetz!!!
Mit dem kommenden Winter wurden die Zeiten wieder übler. Zoras wusste längst, dass Holia ein schlechtes Dorf war. Als er neun Jahre alt wurde am Anfang des Wintermondes, war es schon fast an der Tagesordnung, dass Pakuna von Arlon oder auch anderen Männern ausgeliehen und durchgenommen wurde. Voller Gram dachte Zoras zurück an den Wald und an die Schmerzen, die er gespürt hatte die Pakuna jetzt auch spüren würde. Am meisten ärgerte ihn, dass sein Vater nichts dagegen unternahm. Er sprach kaum noch mit seinem Vater, vermied es, mit ihm im selben Raum zu sein. Sein Vater war ein Waschlappen, der nichtmal seine eigene Frau behüten konnte, und das ärmliche Dasein des Mannes beschämte Zoras zutiefst.
Die Menschen in Holia kotzten ihn von Tag zu Tag mehr an, erst recht, wenn er Pakunas Gesicht sah, voller Trauer und Schmerz, wenn sie zwischendurch mal zu Hause sein durfte. Zoras hatte so einen Groll gegen Arlon, dass er manchmal kurz davor war, dem Mann genau da hinzutreten, wo es am meisten wehtat, wenn er ihn bloß sah.
Allein die Pseudo-Freundschaft mit Loron erwies sich als äußerst vorteilhaft. In Holia hatte Zoras als bester Freund und Ratgeber von Loron den Respekt, den er haben wollte, und da Loron als Sohn des Häuptlings unter den Kindern eine Art Mini-König war, war Zoras somit der Mini-Vize-König. Die Jungen in Holia hatten von Magie keine Ahnung und hatten vor der unteren Magie, die Zoras mit jedem Tag besser beherrschte, riesige Angst und große Ehrfurcht. Währenddessen hatten die Eltern der Kinder immer mehr Suspekt vor Zoras und Ram, Zoras wusste, dass er ständig von allen Seiten angestarrt wurde. Eines Tages würde er sich an allen Idioten in Holia für die Schmach rächen, die er und Pakuna erleiden mussten, solange sie in Holia lebten. Und er würde seinen nichtsnützigen Vater zwingen, sich ihm zu Füßen zu werfen und ihn anzubeten wie einen Gott, wenn er einmal Karana Lyra besiegt hätte.
In der Schule fehlte der Respekt und die Ehre, die er gerne hätte, noch an allen Ecken und Enden. Wenn er zusammen mit Loron irgendwo auftauchte und Leute ärgerte, hatten sie Angst vor ihm wenn er alleine war, lachten sie ihn aus. Zoras hatte sich daran gewöhnt, bei Lorons Streichzügen mitzumachen, statt doof im Hintergrund zu stehen. Meistens endete es damit, dass er Lorons Befehle ausführte und diejenigen vermöbelte, die sich Loron widersetzen wollten. Ausnahmen machte er allerdings bei Kleineren und Mädchen. Dann konnte Loron soviel herumbellen, wie er wollte. Was die älteren Jungen anging, so hatte Zoras bei ihnen keine Komplexe damit, sie zu schlagen immerhin lachten sie alle über ihn und nahmen ihn nicht ernst. Warum sollte es anderen Menschen besser gehen als ihm, der ständig von seinem Vater verprügelt worden war?
Oft saß Zoras nachts alleine draußen auf dem nächsten Hügel neben Holia und sah in die Sterne. Er war gerne eins mit dem Wind, eins mit der Dunkelheit der Nacht, die ihn beschützte und umhüllte wie eine weiche Decke. Er dachte manchmal darüber nach, ob es besser wäre, all den Hass und die Wut, den Schmerz und de Trauer tief in seinem Geist abzubauen. Er schämte sich manchmal dafür, dass er so ein hasserfüllter Mensch geworden war. Er war sich dann, wenn er alleine unter den Sternen im Wind saß, sicher, dass es nicht gut wäre, so voller Wut und Hass zu sein. Aber er war sich ebenso sicher, dass der Hass nicht vergehen würde, bis er sich für alle seine Entwürdigungen gerächt hätte an der Welt, an den schlechten Menschen darin. Es gab viel zu viele schlechte Menschen. Er hasste die Menschen. Er wollte sie vernichten, all die schlechten Menschen der Welt, und dann würde er seinen Hass, seine Wut und seine Trauer überwinden können. Der Schmerz würde bleiben, wie die Tätowierung auf seinem Rücken.
Im Hungermond schneite es sehr viel. Tagelang fielen die weißen Flocken ununterbrochen aus einem grauen Himmel auf die Erde herunter. Bald war der Schnee so hoch, dass man kaum noch die Grenze zwischen Himmel und Erde erkennen konnte. Die Welt war ein einziger, weißer Raum ohne Grenzen.
Zoras ging inzwischen alleine nach Mitonha zur Schule. In Holia hatte der Pferdezüchter Derrans großzügigerweise ein weißes Pferd überlassen, auf dessen Rücken der Junge nun im Winter nach Mitonah reiten konnte. Pakuna hatte für ihre Familie mit sehr viel Geduld und Mühe Wintermäntel aus schwarzem Stoff genäht. Die Männer in Holia redeten seitdem oft mürrisch über ihre eigenen Frauen, die die Künste der Kleiderherstellung nichtmal annähernd so gut beherrschten wie Pakuna. In allem, was Frauenarbeit anging, war Pakuna einfach diejenige, die es am sorgfältigsten und auch besten machte, seien es Kleider, Schuhe, Essen oder die Versorgung des Hauses. Wenn andere sie fragten, wo sie es gelernt habe, so gute Sachen zu machen, sagte Pakuna nie etwas. Ram hatte öfter zu ihr gesagt, dass es gewiss unklug wäre, den Menschen in Holia zu erzählen, dass sie aus Dokahsan kamen wo die Frauen für gewöhnlich viel geschickter und sorgfältiger waren als in Senjo. Dokahsan war der traditionellste Teil Kisaras, und gerade, was Kleider anging, waren die Menschen dort ausgesprochen geschickt.
"DEMORA!!!!" brüllte Zoras laut und riss einen Arm hoch, und ein mächtiger Blitz schoss aus seiner ausgestreckten Hand und erwischte den Jungen vor ihm. Mit einem lauten Schrei wurde der andere Junge zu Boden geschmettert und rutschte bis hin zur Mauer über den harten Boden, wobei er sich schmerzhaft den Rücken aufschrabbte und seine Jacke Löcher bekam.
Die anderen Jungen traten einen Schritt zurück, als Zoras keuchend den Arm sinken ließ.
"Hilfe," sagte einer, "Grobi er ist echt besser geworden-...!"
"Pff," gähnte Grobi und warf Zoras einen Blick zu, "Mit dem Waschlappen da werd ich locker fertig!!" Zoras stierte Grobi wütend an.
"Ich habe euch gewarnt!" rief er laut, "Ihr werdet dafür bezhalen, dass ihr mich vor einigen Monaten noch ausgelacht habt... was ist, Grobi? Komm und besieg mich wenn du kannst!"
"Er ist echt großkotzig geworden, der kleine Derran!" lachten die Jungen, während sich der besiegte Schamane vom Boden erhob und sich den schmerzenden Rücken rieb.
"Auu passt auf, er ist echt launisch heute..."
Zoras nutzte die dummen Jungen in Mitonha gerne dazu aus, seine Magiefähigkeiten zu trainieren. Die Idioten waren dafür bestens geeignet. Wenn er die Kleinen alle durch hatte, wäre der dicke Grobi dran. Zoras hatte sich geschworen, dem so eine zu verpassen, dass er tagelang nicht mehr richtig gucken können würde. Dann würde es dem Dicken noch leid tun, über ihn, Zoras Derran, gelacht zu haben.
"So," sagte Grobi finster, "Du willst mich herausfordern, Derran?" Zoras schnaubte und ballte die Fäuste.
"Wenn du Schiss hast, hau lieber gleich ab!" rief er, und Grobi schnaubte ebenfalls wütend, sprang auf Zoras zu und riss die Arme hoch.
"Das wirst du bitter bereuen!!! VAIRA!!!!" Als Flammen aus seinen Händen schossen, riss auch Zoras die Arme hoch und sprang hoch:
"JUARA!!" Mit dem Konterzauber bekam Grobi seine eigene Vaira ins Gesicht und stürzte schreiend zu Boden, als Zoras genau vor ihm auf dem Boden landete und brüllte: "DEMORAAAA!!!!!!" Grobi schrie laut auf, als der mächtige Blitzzauber ihn auch gegen die Mauer schmetterte. Die ganzen Freunde von Grobi zogen hörbar die Luft ein.
"E-er hat Grobi besiegt??!"
"Wie ist das möglich??!" Zoras schnaufte und ließ schwer atmend die Arme sinken, da rappelte Grobi sich unter Schmerzen auf.
"Aargh-... na los, Freunde! Worauf wartet ihr, macht ihn fertig-...!"
"JAAAA!" gröhlten die Schamanenkinder, und gleich vier auf einmal stürzten sich auf Zoras, mit einem Sprung zurück entkam er gerade noch einer Vaira und einer Sura, die Yira des dritten Jungen streifte ihn aber am Bein und zerfetzte seine Hose noch ein wenig mehr..
"SURA!!!" schrie er aufgebracht und zerschnitt den vier Jungen mit nur einem Zauber Arme und Beine, und sie taumelten schreiend, bis sie zu Boden stürzten. Der Schnee färbte sich an manchen Stellen blutrot, als Zoras wieder die Hände hob.
"Oh nein!!!" schrie einer der Jungen heulend, "E-er macht wieder Demora, hilfe!!!"
"Das werden wir ja sehen!" schrie Grobi, der sich wieder aufgerappelt hatte, und Zoras und er schrien gleichzeitig ihre Zauber in die Welt hinaus.
"DEMORAAA!!!!"
"TORA!!!!" Zoras erstarrte, als durch seine Demora, durch seinen Blitzschlag hindurch, grüne Pflanzenranken auf ihn zugeschossen kamen, sie wickelten sich um seine Arme, und Zoras landete auf dem Boden, der Blitz erlosch, während Grobis Tora, die Pflanzenattacke, seine Arme aneinander fesselte und blutige Striemen auf seine Arme riss. Grobi lachte laut.
"Siehst du, Derran??! Ich bin noch immer besser als du, haha!! Zugegeben, deine Demora gleicht einem Teufelsschlag! Aber Demora allein reicht nicht Kurzhöschen!!!"
"Verpiss dich mit deinem dreckigen Grinsen!" zischte Zoras, und dann zog er mit aller Kraft an den Pflanzen um seine Arme, er drückte die Arme mit aller Kraft auseinander, bis die Ranken zerrissen, und alle schrien auf vor Schreck.
"Er hat die Tora mit bloßen Händen zerrissen??!" rief ein Junge, "Boah..."
"ARSCHKEKS!!!!!" brüllte Zoras da urplötzlich und machte einen großen Satz nach vorne, stürzte sich auf Grobi und warf ihn von den Beinen, und ehe Grobi sich versah, hatte er drei Faustschläge und eine Sura mitten ins Gesicht eingesteckt. Schreiend wand sich der Junge unter Zoras wie ein Fisch im Netz, und die anderen Jungen packten Zoras und rissen ihn von Grobi herunter. Zoras keuchte. "Los, lasst mich sofort los!!" blaffte er die Kinder an, "SOFORT!!! Oder wollt ihr auch was??!"
"Schnell, Grobi, steh auf!"
"Wir halten den Irren fest, und du schlägst ihn zu Brei, Grobi!!!" Grobi rappelte sich auf, während Zoras sich von den Jungen losriss und wutschnaubend die Arme hochriss.
"Ihr armseligen Geschöpfe!!!" schrie er laut, "Ihr seid verdammt, in dieser erbärmlichen Welt zu verrecken, weil ich euch töten werde!!!"
"Aaahh, er läuft Amok!!"
"Komm wieder runter, Knirps mit der kurzen Hose..." Doch Zoras hörte nicht auf die Jungen, die sicherheitshalber vor ihm zurücktraten, als er die Arme gen Himmel riss und die Jungen vor sich wütend anstierte.
"DEMOOORRAAA!!!!!" Er krachte laut, als Zoras mit einer einzigen, heftigen Demora alle Jungen auf einmal von den Beinen warf und sie in den Schnee schleuderte. Noch nachdem sie alle röchelnd auf dem Boden lagen und einer Ohnmacht nahe waren, stand Zoras mitten auf dem Hof mit ausgestreckten Armen. Er spürte, dass sein Herz raste und wie sein Atem heftiger ging als normal.
Dann kam Loron.
"Hey, cool," grinste er Zoras an, "Was hastn mit denen angerichtet?..." Zoras drehte sich um, noch immer keuchend, und ließ erst jetzt die Arme sinken.
"Das war nur Zaubertraining!" sagte er scharf, "Geh mir aus dem Weg, Loron, ich will was trinken." Loron blieb stehen, wo er war, als Zoras auf ihn zuging und vor ihm stehenblieb.
"Ich hab dich gesucht, du kommst jetzt mit mir," widersprach ihm Loron, "Vergiss nicht, wer hier das Sagen hat! Ich bin der Sohn des Häuptlings, nicht?" Zoras ballte wütend die Fäuste.
"Und ich kann zaubern, nicht?" kam die Antwort schroff, "Ich hab jetzt gerade keinen Bock auf deine Mobbing-Spiele, ich will was trinken! Also geh aus dem Weg, Loron!" Loron überhörte nicht die schlechte Laune in Zoras Miene, und der größere Junge grinste.
"So böse heute, Kurzhöschen?" fragte er, und Zoras schnaubte, als er an seine einzige Hose dachte, die, die er anhatte von den vielen Wettkämpfen im Zaubern hatte die Hose einiges abgekriegt und um einiges kürzer geworden, als sie es mal gewesen war.
Zoras knurrte und drängelte sich ärgerlich an seinem Pseudo-Freund vorbei, um ins Schulgebäude zu gehen, doch ohne es erwartet zu haben hatte er Loron damit ebenfalls wütend gemacht.
"Was bildest du dir ein, tu, was ich sage!!!" fauchte er und riss Zoras am Arm zurück, sodass der schwarzhaarige Junge stolperte und rückwärts zu Boden stürzte. Er schrie auf, und Loron stand schnaubend über ihm. "Probleme, Kurzhöschen??!" blaffte er ihn an, und Zoras keuchte.
"Verdammt, ich kann von mir aus ja gleich wiederkommen...!" versuchte Zoras es kleinlaut, und Loron zischte.
"Fick dich, Derran, jetzt ist es zu spät!!"
"Loron, nicht!!!!!" schrie Zoras, als Loron wütend mit der faust ausholte, im nächsten Moment hatte er besagte faust im Magen, und er keuchte erneut, als in seinem Magen mit Lorons Schlag ein wahnsinniger Schmerz aufflackerte. Stöhnend rappelte Zoras sich auf und hielt sich den schmerzenden Bauch. "Hör auf, es tut mir ja leid-...!" nörgelte er, und Loron brummte.
"Ich hab doch gesagt, fick dich!! Wenn du in Holia nicht so enden willst wie die hässliche Kasuri, hör mir mal gut zu, Derran!!" Zoras stöhnte.
"Loron, verdammt, was machst du so einen Firlefanz??!" Da steckte er schon den nächsten Schlag ein, und er ging zu Boden, als auch die fetten Drillinge hinter Loron auftauchten.
"Macht Kurzhöschen etwa Ärger?" fragte der Erste.
"Ja, sicher!"
"Sollen wir dir helfen, Loron??" Loron schnaubte und trat mit aller Kraft nach Zoras, der am Boden im Schnee lag. Als er seinen Rücken traf, schrie Zoras erneut laut auf und krümmte sich vor Schmerzen zusammen.
"Mit dem Idioten werd ich auch alleine fertig!" schnaufte Loron und packte Zoras linkes Bein, riss es hoch und packte seinen Fuß fest am Schuh, und Zoras starrte keuchend auf Loron, während der Schmerz im Bauch immer stärker wurde. Als Loron wieder mit dem Bein ausholte, riss Zoras noch die Augen auf im nächsten Moment trat der Junge mit solcher Wucht gegen Zoras Schienbein, dass der Schamanenjunge es regelrecht knacken spürte, im selben Augenblick durchfuhr ihn ein höllischer Schmerz, und er stieß einen gellenden Schrei aus, der den gesamten Hof erschütterte. Loron ließ ihn los und schnaubte arrogant, als Zoras sich keuchend und japsend am Boden festkrallte und wie ein Kind zu wimmern begann. Dabei heulten Jungs doch nicht.
"Gehen wir," sagte Loron, und er und die Drillinge gingen, als sei nichts gewesen. Zoras spürte unter einem dichten Nebel aus Schmerzen, wie ihm schlecht wurde und wie sein Magen förmlich Purzelbäume zu schlagen schien. Er hörte Schritte um sich herum und wie viele Kinder angerannt kamen, um zu sehen, was passiert war. Er spürte wieder denselben Zorn und denselben Schmerz, den er immer spürte, wenn er an die Menschheit dachte, als er Stimmen um sich herum hörte. Sie waren undeutlich und weit weg, fand Zoras, und um ihn herum wurde es schwarz.
Warum sind die Menschen so schlecht?
Als Zoras aufwachte, war er zu Hause in seinem Bett. Pakuna saß bei ihm, sie hatte ihm Tee gemacht. Er spürte sein Bein und seinen Bauch noch immer schmerzen, aber sein Bein war so fest verbunden, dass er es nicht bewegen konnte. Sein Magen brannte, und als er langsam und müde den Kopf zu Pakuna drehte, sah sie ihn traurig an.
"Du bist wach," sagte sie mit einem gequälten Lächeln, und Zoras sagte nichts. Erst nach einer Weile war er fähig, zu sprechen.
"Wie lange habe ich geschlafen?"
"Drei Tage," antwortete seine Mutter, "Du hast Glück, dass sie in der Schule sofort eine Heilerin gerufen haben, die sich um dein Bein kümmern konnte. Das Bein ist gebrochen... wie konnte sowas passieren? Ich habe gehört, Loron hätte dich zusammengeschlagen..." Zoras sah beschämt zur Seite.
"Ja..." sagte er leise, "Loron war wütend auf mich, weil ich nicht gemacht habe, was er wollte-... verzeih mir, dass ich dir solche Sorgen gemacht habe, Mutter." Er zog eine Schnute. Es tat ihm wirklich leid seinetwegen war Pakuna drei Tage lang in Sorge gewesen. Nur seinetwegen.
Weil er nicht stark genug gewesen war.
Er ballte die Fäuste und zitterte vor Anspannung.
"I-ich mach es in Zukunft besser!!" versprach er bitter, "Ich werde zusehen, dass mich nie wieder niemals wieder jemand verletzt!!" Pakuna schwieg. Sie wusste, dass er das keineswegs um ihretwillen, sondern vorrangig um seinetwillen sagte. Sie wusste, wie wütend er war, und dass er alle Menschen dafür hasste, dass er so oft geschändet, entwürdigt und zutiefst verletzt worden war. Sie wünschte, sie könnte seine Wut löschen.
"Hier," sagte sie leise und hielt ihm eine Teetasse hin, "Trink etwas. Du bist krank und brauchst viel Flüssigkeit. Du hast Fieber, Zoras..." Zoras stützte sich etwas mit den Ellenbogen auf und nahm die Tasse, bevor er vorsichtig etwas Tee trank.
"Das schmeckt gut," meinte er leise und sah verlegen auf den Tee, als wäre es eine Sünde, Tee zu mögen. Pakuna lächelte aufmunternd.
"Sei unbesorgt," flüsterte sie und streichelte ihn zärtlich, "Du wirst bald wieder gesund sein. Du musst zwar jetzt lange im Bett bleiben, aber ich werde dich nicht alleinlassen. Draußen schneit es immer noch, und es ist kalt geworden. Hier drinnen hast du es wenigstens warm." Zur Bestätigung dessen stopfte sie um Zoras herum die Wolldecke etwas fester.
Ihm war heiß. Der Tee machte ihn noch heißer, und er legte sich wieder hin, als ihm etwas schwindelig wurde. Es war ihm egal, ob er im Warmen oder Kalten war. Er spürte wieder Schmerzen. Nicht dieselben wie die, die er im Wald gespürt hatte aber Schmerzen waren Schmerzen. Je länger er an Loron und die anderen Idioten in der Schule dachte, desto wütender wurde er. Er wäre am liebsten aufgesprungen und rausgerannt, und wäre er dazu fähig gewesen, hätte er mit einem einzigen Schrei am liebsten die Welt vernichtet.
Aber das konnte er nicht, und er fühlte sich klein, schwach und erbärmlich. Was war er schon? Ein Niemand, der nichts konnte und nichts wert war. Er hasste die Welt für das, was er durchgemacht hatte, und sich selbst dafür, dass er so schwach war. Und er nahm sich fest vor, das so schnell wie möglich zu ändern.
Er musste sehr lange im Bett liegen, damit sein Bein nicht bewegt wurde. Die Knochen mussten wieder zusammenwachsen, hatte Pakuna ihm erklärt, und das dauerte eine Zeit. Während er das Bett hüten musste, verging der Hungermond. Der Schnee verging aber auch im Neujahrsmond nicht, im Gegenteil, es schneite so viel, dass die Schule wegen zu viel Schneetreiben für eine Zeit geschlossen wurde und die Kinder frei bekamen. Der Neujahrsmond war auch schon wieder halb vorbei, als Zoras wieder aufstehen durfte. Aber nur langsam, und er durfte nicht zu viel gehen, um das Bein nicht zu sehr zu belasten. Da die Schule ohnehin geschlossen war, schlurfte der Junge solange ein wenig im Haus herum. Was sollte er draußen, wo es kalt war? Er wollte keinen der anderen Jungen sehen, sie alle kotzten ihn an, besonders Loron.
Zoras ging vorsichtig in die Stube, immer darauf bedacht, nicht zu schnell oder so viel zu laufen. Sein Vater war nicht da, das war auch gut so, der kotzte ihn auch an. Pakuna saß auf der Couch und machte Halbschuhe für den Sommer, auch, wenn sie noch nichtmal Frühling hatten. Außerdem hatte sie Zoras schwarzen Wintermantel geflickt, der von den Zaubereien in der Schule etwas mitgenommen aussah.
"Na?" machte Pakuna, als sie Zoras in der Stube stehen sah, "Fühlst du dich besser?" Zoras seufzte.
"Ja," antwortete er, "Es geht schon." Er sah auf den Tisch in der Stube, an dem sie immer aßen. Er überlegte, was er eigentlich im Wohnzimmer wollte. Auf dem Tisch stand eine Flasche Milch, und nach einigem Überlegen nahm Zoras die Flasche und trank daraus. "Milch ist gut für die Knochen," meinte er wichtig, "Darf ich die Flasche alle machen?" Pakuna lachte.
"Trink nur viel Milch!" grinste sie, "Davon wirst du sicher groß und stark." Zoras grinste auch.
"Besser könnte es nicht sein," meinte er lächelnd, dann trank er noch etwas. Groß und stark, das war gut. Das war genau das, was ihm fehlte. Er war viel zu klein für sein Alter, was ihn unheimlich ärgerte. Alle Jungen in der Schule waren größer als er, sogar Karana, obwohl der auch nicht sonderlich groß war. Zoras trank die Milch aus und stellte die leere Flasche mit einem Seufzen auf den Tisch zurück, und nachdem er eine Weile auf den Boden gesehen hatte, blinzelte er Pakuna an. "Sag mal, haben wir noch mehr Milch?"
Die Menschen sind töricht.
Zoras hatte das Gefühl, schon sein (zugegeben bisher sehr kurzes) Leben lang gewusst zu haben, dass Menschen töricht waren. Er hatte erst relativ spät andere Menschen als seine Eltern kennengelernt, aber die waren jedenfalls alle töricht. Loron, der andere Menschen herumkommandierte und die ganze Macht haben wollte, Karana, der sich vom Apfelwerfer zum arroganten Schönling entwickelt hatte, natürlich waren auch die dummen Drillinge töricht, die in einem Jahr ihren Umfang verdoppelt hatten, wie es aussah. Lorons Schwester Asta war töricht, sie war eindeutig die obligatorische Heulboje Holias. Karanas Schwester Neisa war töricht, weil sie, so kam es Zoras vor, sich einbildete, jeden Idioten zur guten Seite bekehren zu können, und besonders töricht war natürlich Grobi, der sich dachte, er könnte Zoras irgendwann nochmal eins auswischen aber das war vorbei. Zoras ließ sich schon lange nicht mehr von Grobi und seinen schroffen Kumpanen einschüchtern. Er hatte sie alle besiegt, jeden Einzelnen und auch alle auf einmal jetzt waren es die anderen, die vor ihm Angst hatten, nicht andersrum.
Die Kinder in der Schule tuschelten sicherlich noch immer über ihn, es war ihm inzwischen egal. Sollten sie doch starren! Sollten sie doch tuscheln! Das würde ihn nur darin bestärken, weiter zu trainieren und es ihnen allen eines Tages heimzuzahlen. Eines Tages würde er sich selbst und die Welt vom Hass der Menschen und vom Schmerz befreien, und wenn er dafür die Menschheit ausrotten müsste.
Es war wieder Frühling geworden. Zoras war inzwischen zehn Jahre alt und immer noch der Kleinste in der Klasse, was ihn sehr ärgerte. Die drei Liter Milch, die er jeden Tag trank, trank er inzwischen eigentlich fast aus Gewohnheit offenbar wurde er von Milch auch nicht größer, was sollte es schon.
Er hatte sich daran gewöhnt, Lorons Befehlen zu folgen, auch, wenn er es hasste, das zu tun. Am liebsten hätte er Loron für den Ton, in dem der Ältere mit ihm sprach, eine reingehauen. Er fragte sich manchmal, ob er sich das bieten lassen musste. Loron war zwar älter, größer und kräftiger als er und der Sohn des Häuptlings aber er konnte zaubern. Und er würde irgendwann Geisterjäger sein und Karana zu Boden zwingen, nicht Loron.
Jener Karana stellte sich Zoras Ziel allerdings ziemlich in den Weg, er ließ sich einfach nicht zu Boden zwingen. Das war in der Tat ein Problem, und Zoras ärgerte es, dass der Idiot und Sohn des Herrn der Geister immer und einfach immer gewann, wann immer sie sich begegneten und sich gegenseitig Zauber an den Kopf warfen. Außerdem hatte Karana in letzter Zeit die nervige Eigenschaft errungen, sämtliche Blicke auf sich zu ziehen, vor allem die weiblichen. Zoras musste sich eingestehen, dass Karana bildhübsch geworden war und zur allergrößten Unverschämtheit im Gegensatz zu ihm etwas gewachsen war. Zoras scherte es auch nicht, dass die Mädchen Karana hinterherstarrten und leise zu kichern begannen, wenn sie ihn sahen er selbst machte sich nichts aus Mädchen.
Dafür sind wir doch noch viel zu jung!! sagte er sich oft trotzig, Wo wir doch nichtmal Männer sind, was scheren uns Mädchen?
Manchmal gab es in der Schule Pärchen, die behaupteten, sie wären verliebt und würden einmal heiraten Zoras fand es töricht, wenn zwei kleine, zehnjährige Kinder händchenhaltend über den Hof spazierten und sich gegenseitig alle zwei Minuten "Ich liebe dich ja so!" ins Ohr flüsterten. Was wussten sie denn in dem Alter von Liebe? Das fragte Zoras sich dann, er glaubte nicht, dass das diese sensationelle Liebe sein sollte, von der die Leute oft sprachen, die angeblich so toll war. Zoras fragte sich, was Liebe sein sollte.
Irgendwas Warmes, dachte er dann manchmal, wenn er wie so oft nachts unter den Sternen saß und nachdachte. Er versuchte, sich vorzustellen, was Liebe sein mochte er konnte es nicht. Es gab nichts Warmes in seiner Seele, da war alles ganz kalt, wie Schnee, der im Winter fällt. Er kannte in seiner Seele dieses tiefe, schwarze Loch, das manchmal, wenn er traurig war, alles zu verschlingen drohte, seinen Körper und seine Seele. Dieses tiefe, schwarze Loch, das sich von seinem Hass, seiner Wut, seiner Trauer und seinem unerträglichen Schmerz nährte, und immer, wenn es etwas davon bekam, wurde es größer.
Bald wird nur noch Finsternis um mich herum sein, dachte Zoras bei sich. Bald werde ich im völligen Dunkel stehen, ganz allein. Und dann werde ich den Schmerz noch immer spüren, und den Hass, die Wut und die Trauer. Es wird nur schlimmer werden und mich selbst in ein unendlich großes, tiefes Loch ziehen, aus dem mich keiner wieder rausholen kann.
Pause in der Schule. Die Schüler bevölkerten wie jede Pause den großen Hof und tobten darauf herum. Grobi und seine Kumpels waren nicht zu sehen, und Zoras hatte auch garkeine Lust, sich mit denen anzulegen. Er würde sie ohnehin wieder schlagen.
Dass dieser Grobian nichts dazulernt! empörte sich Zoras in Gedanken, Einmal hab ich ihn mit Demora und ein paar Suras und Vairas dermaßen zugerichtet, dass er eine Woche krankgeschrieben war! Und trotzdem versucht er's immer wieder, der Trottel...
"Komm, Kurzhöschen!!" drängelte Loron ihn, und Zoras brummte, während er hinter ihm hertrottete, auf der Suche nach neuen Opfern.
"Kannst du nicht meinen Namen sagen?" fragte er kalt, "Oder hast du ihn vergessen?" Loron schnaufte.
"Du heißt nunmal Kurzhöschen!! Alle nennen dich Kurzhöschen, basta!"
In der Tat. Alle nannten ihn Kurzhöschen, wegen seiner zerrissenen, kürzergelegten Hose. Pakuna hatte in den Monden kein Geld, um neue Stoffe für neue Hosen zu kaufen, also musste er die zerfetzte Hose weiter tragen. Aber ihm war Kurzhöschen noch lieber als Psycho oder Aggro-Heini.
"Weg von der Schaukel, du Pissnelke, da will ich jetzt sitzen!" schnauzte Loron vor ihm einen kleinen Jungen aus der Ersten an, und heulend rannte das Kind davon, während Loron es auslachte und sich auf die Holzschaukel setzte. "So ein Spacken, haha!" grinste Loron, während Zoras wie ein Leibwächter hinter Loron stand und die Arme verschränkte. Er war nur etwas klein für einen Leibwächter.
Dann kamen Karana und Tayson vorbei, und Zoras rollte genervt mit den Augen.
Nicht die schon wieder...
"Sag mal, Loron," sagte Karana großkotzig, "Muss das immer sein??! Musst du ständig die Kinder piesacken und dich aufführen wie der König vom Schlaraffenland??!"
"Ohh, lecker, Schlaraffenland!" stöhnte Tayson, "Ich hab Hunger..."
"Friss nicht zu viel, du kriegst ja schon ´ne Wampe, Dicker!" sagte Zoras mit einem abfälligen Unterton, und Loron fiel erstmal gröhlend von der Schaukel.
"MUHAHA, das war gut...!!" Tayson schnaubte.
"Du Bohnenstange!" sagte er beleidigt, "Du hast ja nichtmal ´nen Bauch!" Loron rappelte sich auf und stellte sich in voller Größe vor karana auf.
"So, Lyra! Du willst dich doch nur wieder wichtig machen mit deinem Gelaber von Gerechtigkeit! Also hau ab, ich kann deine Fratze nicht ertragen..." Karana brummte kalt und verschränkte die Arme. Er war kleiner als Loron aber Tayson war etwa so groß wie Loron. Wo war Simu überhaupt, fragte sich Zoras, dann tat Karana schon wieder seine vorwitzige Klappe auf.
"Hast du eigentlich irgendwelche Komplexe, oder so, Loron?" fragte er, "Ich meine, das muss doch ´nen Grund haben, dass du so ein Prolet bist-..."
"Pff, ich??! Hier oben, Hübscher!" Loron tippte sich an die Stirn, "Wer ist denn hier der Angeber schlechthin? Hmmm, lass mich nachdenken, wer war das bloß...??!" Loron tat, als würde er nachdenken, und Zoras seufzte bloß. Karana verzog keine Miene. "Hmm, das war doch-... also, ähm-... aaach, DU bist das ja!! Oh, wie konnte ich das vergessen??!"
"Haha," machte Karana abfällig, "Ich glaube, ich mach mir gleich vor Lachen in die Hose, Loron. Du bist echt ein unterentwickelter Spasti, weißt du das-...??" Loron verstummte, dann zischte er und streckte den Arm nach hinten.
"Kurzhöschen!!" blaffte er Zoras an, "Hau deinem besten Freund karana doch mal eins auf's Maul, so wie Grobi immer!! Dann wird er sich nicht mehr vor Lacehn, sondern vor Angst in die Hose machen!!" Karana lachte laut und ging ein paar Schritte zurück.
"Uuuhh, ja!!" machte er, "Sicherlich!! Vor Kurzhöschen und seiner kleinen Demora??!" Zoras schnaubte und sprang vor Loron, bevor er die Arme wütend hochriss.
"NA WARTE, DU PENNER!!!!! DEMORA!!!!"
"SURA!!!" schrie Karana gleichzeitig, und die beiden Blitze prallten gegeneinander und schmetterten beide Magier zurück. Tayson und Loron sahen lieber zu, dass sie aus der Schusslinie kamen.
"Was hast du gemacht, Zinca??!" fragte Tayson Loron verzweifelt, "Jetzt machen sie wieder den halben Hof kaputt mit ihren Monsterzaubern!!!"
"Umso besser!" grinste Loron bloß und sah dem kleinen Kampf zu. Die anderen Kinder wichen erschrocken den Magiern aus und machten um das Geschehen einen großen Bogen.
"TORA!!" schrie Karana und versuchte, Zoras mit den Ranken zu fesseln, doch Zoras war schneller, wich dem Zauber aus und verbrannte die Ranken mit einer Vaira, bevor er hinter Karana wieder auf dem Boden landete.
"HA!!" brüllte der schwarzhaarige Junge wütend, "DU SAGST NIE WIEDER KLEINE DEMORA, KARANA!!!" Damit fuhr Zoras herum, "SURAAA!!!"
"SURAA!!" schrie Karana genau im selben Moment, und beide trafen ihr Gegenüber mit dem Schneidezauber, Karana bekam einen Schnitt ins Bein und Zoras einen auf den Bauch. Die Jungen stierten sich böse an und keuchten leicht außer Atem. Dann grinste Karana und hob eine Hand. "Wie, bist du schon erschöpft??" fragte er, "Schade, ich fang gerade erst an...!! KATURA!!!!"
"Oh scheisse!!" Zoras warf sich noch rechtzeitig zur Seite, als der schneidend scharfe Windzauber auf ihn zugefegt kam, ihn verfehlte und eine Mauer in zwei Hälften zertrümmerte. Zoras rappelte sich auf. "VAIRA!!!"
"JUARA!!" brüllte Karana zurück und warf Zoras seine Vaira zurück, wieder wich er gekonnt aus und sprang in die Luft, als Karana herumfuhr.
"JETZT BIST DU DRAN, LYRA!!! DEMOOORRAAA!!!!" Es krachte, als der Blitz Zoras Hände verließ, und Karana riss noch die Arme zur Juara hoch, da erwischte ihn der Blitz auch schon und schmetterte ihn zu Boden.
"Karana!!" schrie Tayson entsetzt, und Zoras landete keuchend auf der Erde. Karana rappelte sich stöhnend auf und sah Zoras wütend an.
"Mistkeks, das war Anfängerglück..." brummelte er, und Zoras schnaubte grinsend.
"Hm, wer konnte nochmal zuerst zaubern von uns? War ich das etwa, oh, ehrlich??!" Karana schnaubte und stand auf.
"Ich sag ja, Anfängerglück!" sagte er grinsend, "Komm, Kurzhöschen, besieg mich, wenn du kannst..."
"Pah!!" machte Zoras und riss die Arme hoch, "MIT VERGNÜGEN!!! SURA!!!"
"CHURAAA!!!" schrie Karana dazu, und als Zoras schon dachte, er hätte Karana wieder getroffen, wurde er plötzlich von Karanas Abwehrzauber getroffen und zu Boden geschleudert, hart knallte er gegen die von Karana zerbröckelte Mauer.
"Aaahh-...!!"
"Hast du jetzt genug?" fragte Karana schnaubend und hob eine Hand, "Oder nicht??!" Zoras rappelte sich unter Schmerzen auf. Irgendetwas blutete an seinem Rücken, aber er war zu faul, um nachzufassen, stattdessen hob er auch wieder die Arme gen Himmel und brüllte:
"PAH!!!! FICK DICH!!!! DEMORAA!!!!"
"DEMORA!!!!" schrie Karana auch, und die Blitze trafen sich erneut in der Mitte, es gab ein lautes Krachen, als die Zauber explodierten und die Magier erneut zu Boden schleuderten. Karana war sofort wieder auf den Beinen, genau wie Zoras, und sofort folgten noch ein paar Vairas, Suras, Demoras oder auch Yiras. Eine große Menge der Schüler sah dem Spektakel aus sicherer Entfernung gespannt zu, so auch Tayson und Loron.
"DEMORA!!"
"SURA!!"
"JUARAAA!!!!"
"DEMOOOOORRAAAA!!!!" Die Blitze krachten und erhellten den Hof für Bruchteile von Sekunde, und immer wieder wurde jemand zu Boden geschmettert. Karana sprang auf und riss die Hände erneut hoch:
"KATUUUURRRAAAA!!!!" Die Katura erwischte Zoras und schleuderte ihn mit einem Schlag dreißig Fuß nach hinten, wo er wieder auf die zerstörte Mauer knallte, während der Windzauber seine Arme aufschlitzte. Zoras stöhnte und rappelte sich langsam wieder auf, als Karana vor ihm zum Stehen kam.
"Ha," machte er und strahlte, "Und ich hab wieder gewonnen!"
Zoras schnaubte, stand auf und drehte Karana kalt den Rücken zu. Karana seufzte.
"Vergiss es, okay?" machte der Sohn des Herrn der Geister ehrlich, "Für heute reicht das, oder? Hey, aber ehrlich, du bist besser geworden-... haha-..."
"Lass mich in Ruhe," schnappte Zoras, ohne ihn anzusehen, dann ging er einfach. Die Schüler sahen ihm nach, als er einfach das Schulgelände verließ und nach Hause ging. Karana verschränkte die zerkratzten Arme, als Tayson zu ihm kam.
"Siehste," machte Tayson, "Und tausend zu null für dich!" Karana sah zur Seite.
"Wenn er immer so wutentbrannt ist, kann er ja auch garnicht gewinnen, der Depp!" lachte er, "Mein Vater hat mir beigebracht, dass Wut der schlimmste Gegner der Magie ist! Du bekommst keinen starken Geist und hast einfach irgendwann nicht mehr die Kontrolle über deinen Körper oder deine Seele-..."
Zoras trödelte mit Absicht so lange herum, dass er erst in Holia eintraf, als in Mitonha die Schule auch schon vorbei war. So würde niemand merken, dass er einfach früher gegangen war. Mal davon abgesehen, dass er dummerweise seine Schulsachen in Mitonha gelassen hatte. Hoffentlich waren sie am nächsten Tag noch da, sonst hätte er in der Tat ein Problem.
Zoras war wütend auf die Welt, wütend auf Karana, der sich darüber einen Ast freute, wiedermal der bessere Zauberer gewesen zu sein.
Pah!! dachte Zoras beleidigt, Er ist ja auch aus einer starken Familie! Kein Wunder, dass er besser ist! Wenn ich genug übe, schaffe ich es irgendwann, ihn zu besiegen!
Er fragte sich, ob er sich da nicht etwas viel vorgenommen hatte. Karana war der Sohn des Geisterjägers Puran Lyra! Und Puran Lyra war der Herr der Geister, der mächtigste Magier Tharrs! Das war er geworden, nachdem sein Vater Tabari im Krieg umgekommen war, hatte Pakuna Zoras einmal erzählt.
Quatsch nicht, Zoras, sagte er sich streng, Gib jetzt bloß nicht auf, nur weil Karana mal ´nen Kampf gewinnt und darüber blöd grinst das tut er ständig! Das hätte er auch gemacht, wenn er verloren hätte!!
Ja, das war wahr. Zoras blieb stehen und dachte angestrengt nach. Ja, Karana grinste immer so fröhlich vor sich hin, als wäre die Welt ein leckerer, großer Kuchen und das Leben ein wunderbarer, süßer Bonbon. Karana hätte auch gegrinst, wenn er verloren hätte Zoras ärgerte sich schon wieder über diese Lappalie, und das wiederum ärgerte ihn auch. Wie konnte Karana es fertigbringen, immer guter Laune zu sein? Nun, fast immer. Er hatte noch nie die Beherrschung oder die Geduld verloren, stellte Zoras grübelnd fest. Er beneidete Karana um diese Gabe, denn die hatte er um Himmels Willen nicht. Was war er denn schon? Er war ein psychisches Wrack, fand er, mit einem tiefen, schwarzen Loch im Geist, das sich in dem Moment von einem weiteren Schwall Verunsicherung, Schmerz und Trauer weiter vergrößerte.