[Ein Wald in Senjo, Sommermond 991]
Sie kamen langsam voran. Sie bewegten sich in die Richtung der aufgehenden Sonne, ohne es wirklich zu merken. Der Wald wurde nach einigen Tagen lichter. Für Essen zu sorgen war schwerer als je zuvor ohne Waffen. Ram Derran bemühte sich sehr angestrengt damit, Tiere mit Schneidezaubern zu erlegen, und weil er von den Prügeleien der Räuber noch immer körperlich eingeschränkt war, funktionierte das nicht so ganz, wie er das gerne gehabt hätte.
Zoras sprach wenig auf der Reise. Sein Vater hatte ihm großzügigerweise seine Jacke gegeben, die der Junge jetzt trug und sie als Mantel benutzte, weil die Jacke ihm viel zu groß war. So konnte er wenigstens die grässliche Tätowierung verbergen, für die sich der Kleine in Grund und Boden schämte. Mit der Hilfe eines Teiches als Spiegel hatte er jetzt erst die Ausmaße der Verunstaltung gesehen und war fest davon überzeugt, niemals wieder jemandem seinen Rücken zu zeigen. Er hasste das Ding auf seinem Rücken so abgrundtief wie die Banditen, die Schuld daran waren. Jetzt waren sie frei. Sie würden nicht mehr vergewaltigt und gefoltert werden. Aber die Erinnerung an den Schmerz würde Zoras sein Leben lang behalten. Genau wie die Tätowierung.
Es musste Sommer geworden sein, denn es war warm und die Bäume waren grün. Sie wussten nicht, welchen Mond sie hatten, aber jedenfalls war der Mond, welcher auch immer es war, bald vorbei. Es war abnehmender Mond.
Eines Nachts, völlig im Dunkeln, erreichten sie das Ende des Waldes und gelangten in ein Hügelland. Das Gras war grün und hoch gewachsen, und der Wind flog leise und sanft über das Land hinweg. Dann blieb Pakuna plötzlich wie angewurzelt stehen.
"Was ist?" fragte Zoras und nahm ihre Hand. Pakuna keuchte.
"Ram!! Sieh, ein Dorf!! Da vorne ist ein Dorf!!" Ram starrte ungläubig nach vorne Pakuna hatte recht gehabt. Vor ihnen lag in einiger Entfernung ein kleines Dorf, von einem Holzzaun umgeben. Rauch stieg von den Häusern auf. Pakuna schlug mit einem erstickten Freudenschrei die Hände vor den Mund. "Endlich!! Endlich haben wir ein Dorf gefunden-...!"
Wie lange hatte sie kein Dorf mehr gesehen? Chayneh war das Letzte gewesen. All die Jahre über hatten sie in der Wildnis gelebt und jetzt fanden sie ein Dorf. Nach über acht Jahren Wildnis. Und für Zoras war es das erste Dorf, das er je im Leben sah.
"Hauptsache, es ist nicht Chayneh," meinte Ram zögernd. Pakuna seufzte.
"Kann nicht sein, westlich von Chayneh war es total eben und nicht so hügelig wie hier... bitte, lass uns hingehen und fragen, ob sie eine Bleibe für uns haben..."
"Natürlich gehen wir hin," gähnte ihr Mann und ging schon vorwärts, "Es wird uns allen guttun, unter Menschen zu sein." Zoras zweifelte daran. Die einzigen anderen Menschen, die er bisher getroffen hatte, waren die Räuber im Wald gewesen.
"Ich mag keine Menschen..." stammelte er und blieb stehen. Ram und Pakuna sahen ihn groß an.
"Zoras!" sagte Ram streng, "Wir können nicht ewig im Wald wohnen!! Wir haben nichts mehr!! Wir brauchen jetzt dringend Hilfe von anderen Menschen!! Also wehr dich nicht, sondern komm hierher, verflucht!! Brauchst du eigentlich immer ´ne Extrawurst??!!"
"NEIN!!" schrie der Junge wütend und ballte die Fäuste, "Lass mich in Ruhe, Vater!"
"Was zum-...??!!"
"Ram lass ihn," warf Pakuna ein und sah auf den schmollenden Zoras. "Er ist müde. Wir sollten zusehen, dass wir runterkommen."
Pakuna fragte sich allerdings schon, als sie noch knappe dreißig Fuß vom Dorf entfernt waren, ob das Dorf tatsächlich so ein gutes Dorf war. Es war dasselbe Gefühl wie das, das sie in Chayneh gehabt hatte. Ein schlechtes Dorf.
Sie wagte aber nicht, den Mund aufzutun. Ram hatte recht, sie brauchten jetzt Hilfe.
Die Dorfbewohner hatten sie schon entdeckt, und ein paar Männer und auch Jungen waren zum Eingang des Dorfes gekommen, um die Fremden zu begrüßen.
"Keine Zuyyaner!" meldete einer von weitem, und Ram sah auf.
"Zuyyaner?" fragte er sich beunruhigt, "Die schwirren immer noch hier im Land herum?"
"Der Krieg ist also nicht vorüber," meinte Pakuna betreten. Dann erreichten sie die Männer am Zaun. Ein großer, kräftiger Mann mit dunklen Haaren trat einen Schritt vor.
"Wer seid ihr?" fragte er, "Und woher kommt ihr so spät nachts, Fremde?"
"Wie Zuyyaner sehen sie wirklich nicht aus, Vati!" grinste ein großer, dünner Junge neben dem kräftigen Mann. "Sie haben nicht die lustigen Krieger-Rüstungen mit den noch lustigeren Helmen an!" Ram Derran senkte kurz den Kopf.
"Verzeiht die Störung," murmelte er, "Wir kommen von Westen, aus dem Wald. Wir sind weit gereist und bitten höflich um eine Unterkunft in eurem Dorf." Die Männer des Dorfes sahen sich an.
"Unterkunft?" fragte einer erstaunt, "Hier in Holia?? Was in aller Himmel Namen verschlägt euch hierher, dass ihr in einem Kuhkaff wie Holia um Asyl bittet?"
"Macht keine Scherze darüber!" sagte Pakuna empört, "Wir sind gerade vor kurzem der Gefangenschaft einer Räubersippe entkommen! Bitte, gebt uns wenigstens für ein paar Tage eine Bleibe..."
"Habt ihr denn irgendwas zu bieten, ihr Amateure?" brummte der kräftige Mann in der Mitte. Da gab Zoras ein grimmiges Brummen zu hören.
"Wenn ihr uns nicht haben wollt, auch gut!" sagte er, "Dann gehen wir wieder!"
"ZORAS, VERDAMMT!!!!" fauchte Ram Derran ihn an, "Sag mal, was erlaubst du dir eigentlich??!! Was glaubst du, wer du bist??!! Verzeiht diesen Zwischenfall. Wenn dem nicht genug ist, schön, mein Name ist Ram Derran. Das ist meine Frau Pakuna und das-... ... ist Zoras."
"Dein Sohn?" fragte ein anderer Mann. Ram Derran schwieg, und als er nichts sagte, sprach Pakuna.
"Ja, er ist unser Sohn!" sagte sie scharf, "Können wir jetzt hier bleiben, oder sollen wir hier draußen Wurzeln schlagen?"
"Mann stopf deiner aufmüpfigen Frau mal das Maul bei Gelegenheit!" seufzte der kräftige Kerl, dann grinste er aber. "Nun gut, dann wollen wir mal nicht so sein! Wir haben schlimme Zeiten hinter uns, die Zuyyaner sind Mondelang in kleinen Trüppchen hier vorbeimarschiert, und wir wissen nicht, wann sie wiederkommen! Wir finden schon eine Bleibe für euch. Mein Name ist Arlon Zinca, ich bin der Häuptling von Holia." Ram Derran nickte bloß, während Zoras sich hinter Pakuna versteckte und sich an ihren Rock krallte.
"Mir gefällt das Dorf nicht."
"Shhht," machte Pakuna, "Wir gehen erstmal rein."
Die Familie bekam in dem Dorf namens Holia ein kleines, leerstehendes Häuschen.
"Der Typ, der da gewohnt hat, wurde von den Zuyyanern ermordet," erklärte Arlon Zinca beiläufig, "Also habt ihr eine sehr günstige Zeit zum Einziehen ausgesucht! Es sind sogar noch Möbel da, seid stolz auf euch." Die drei lugten in ihr neues Haus. Es gab einen kleinen Flur, drei kleine Zimmer, ein Bad und eine Küche. Zoras war erstaunt über ein so großes Haus, wo er doch bislang nur Höhlen und Zelte gewohnt war.
"Tut mir einen Gefallen, Sir," flüsterte Pakuna und sah Arlon an, "Erzählt mir... von dem Krieg. Was ist alles geschehen? Wir sind seit vierzehn Jahren ununterbrochen auf der Flucht gewesen und haben seit acht Jahren keine Menschen mehr gesehen! Was ist geschehen, währenddessen...?"
"Hier in Senjo?" wunderte sich Arlon und sah ein paar seiner Dorfbewohner an, "Naja, wie gesagt, die Zuyyaner verstreuen sich wie die Mücken! Überall gibt es welche! Hier, im Osten von Senjo, ist nicht so viel los gewesen. In Yuron oben hat es große Anschläge gegeben! Moment Gazal, du warst doch überall hier! Was ist mit den Zuyyanern? Erzähl mal." Gazal war einer der älteren Dorfbewohner, und der Mann nickte dumpf.
"Es ist verhältnismäßig friedlich in Holia. Koraggh ist zertrümmert, und in Zilip sind sie auch gewesen, wie es scheint. Nach Chayneh bin ich nicht mehr hochgegangen, keine Ahnung, was da ist."
"Chayneh?" fragte Pakuna sofort dazwischen, und Arlon und Gazal sahen sie an.
"Ein Dorf etwas nördlich von hier," sagte Gazal, "Nicht größer als Holia."
"Waren das nicht die Deppen mit dem Zauberer??" gluckste da der Junge von vorhin, der immer brav neben seinem Vater Arlon hergetappt war, und alle sahen ihn an.
"Ihr kanntet Lapu??" wunderte sich Ram Derran, und jetzt starrte ihn alle an.
"Was, wie??!" machte Arlon, "Loron, wovon laberst du??!! Was fürn Zauberer??!"
"In Chayneh hatten sie einen Schamanen, der für sie gezaubert hat!" sagte Loron grinsend, "Schon praktisch sowas."
"Loron!!" schnaubte Arlon, "Geh endlich ins Bett, du Idiot!! Es ist mitten in der Nacht, du sollst pennen!! Ich kümmere mich schon um die Fremden!!" Der Junge brummte empört.
"Als ob ich ein kleines Baby wäre mit acht Jahren, selber Idiot!" Ram Derran seufzte.
"Wir waren in Chayneh, Zoras ist da geboren worden," murmelte er, und Pakuna sagte nichts dazu. Er erwähnte natürlich nicht, dass er Lapu getötet hatte und sie deshalb geflohen waren, da sprach Gazal wieder.
"Ja, Loron hat schon recht," sagte er zu Arlon, "Ich habe von dem Magier gehört, den sie da hatten. Er ist aber von irgendwelchen Zuyyanern umgebracht worden, wie es aussieht." Ram Derran sah bloß zur Seite. Dann erzählte Gazal weiter: "Ich war in Kisara drüben, da haben sie gewütet, die Zuyyaner! Vialla war ein einziges Schlachtfeld! Ein Glück, dass die Schule in Mitonah noch steht, auf die unsere Kinder alle gehen! Die einzige Schule in den Dörfern in der Nähe..."
"Mitonha?" machte Pakuna, "Das ist doch in Kisara!"
"Jaja!" machte Gazal lachend, "Holia liegt fast genau an der Grenze zu Kisara! Von hier nach Mitonha braucht man nicht lange. Soll der Kleine zur Schule gehen? Dann kann er ja mit unseren nach Mitonha gehen."
Pakuna senkte den Kopf. Kisara. Ihr Heimatland. Sie waren also ganz nah dran an ihrem alten Heimatland Kisara! Aber die Zuyyaner hatten es verwüstet, wie es schien...
"Nun zu euch," sagte Arlon da und sah Ram Derran an, "Derran war dein Name? Gut. Könnt ihr irgendwas? Wir haben nichts hier in Holia, wenn ihr bleiben wollt, müsst ihr auch arbeiten. Hast du was gelernt, Mann aus dem Westen?" Ram Derran sah erstmal ratlos seine Frau an.
"Ich kann... jagen...?"
"Immer gut, in Ordnung, dann wirst du auf die Jagd gehen! Frau Pakuna! Was kannst du?"
"Frauenarbeit," machte sie, "Ich kann euch alle Arten der Frauenarbeit geben, die ihr haben wollt, ich habe mich jahrelang alleine mit meinem Mann und meinem Kind durchschlagen müssen..." Arlon sah seine Kameraden an und gluckste.
"Prima. Geht der Lütte zur Schule?" Zoras sah betreten zu Boden.
"Ich war noch nie auf einer Schule!" sagte er ehrlich, und der Junge Loron kicherte.
"Noch nie??" machte er grinsend, "Dann kommst du eben in die erste Klasse zu den Kleinen." Zoras sagte nichts. "Ich bin schon in der dritten, haha!" kicherte der Junge dann, "Meine kleine Schwester geht in die zweite, vielleicht bist du ja oberschlau und kannst ´ne Klasse überspringen, dann kannst du mit meiner Schwester gehen, haha!" Zoras wollte nicht darauf antworten, außerdem gefiel ihm der herablassende Ton des Jungen nicht.
"Von wegen oberschlau," sagte Zoras dann schmollend, "Wen schert schon rechnen, ich kann das Gewitter rufen, wenn ich will!" Loron starrte ihn sofort perplex an, und auch die Männer in Holia blickten jetzt auf Zoras herunter.
"Wie Gewitter rufen?" machte Gazal. Pakuna sah Ram hektisch an.
"I-ich weiß nicht, ob das klug war-..."
"Soll ich mal?" machte Zoras und hob schon die Arme, da hielt Ram ihn fest.
"Bist du wahnsinnig??!" zischte er, und er und Zoras spürten, wie sie von ungläubigen Blicken nur so durchbohrt wurden.
"Wer... seid ihr wirklich?" fragte Arlon misstrauisch, und ein paar Männer griffen nach Messern.
"Doch Zuyyaner??!"
"Ich bin ein Schamane!!" empörte sich Zoras wütend und verschränkte die Arme, "Ich kann mit den Geistern reden und ein Gewitter rufen! So, sonst noch wer, der keine Angst hat??" Arlon sah Ram Derran blinzelnd an.
"Du bist Schamane, Derran?" Ram seufzte.
"Ich bin Schwarzmagier und Pakuna ist Telepathin," meinte er, "Sind Schamanen so ungewöhnlich in Holia?" Die Männer sahen sich an. Plötzlich grinste Arlon.
"Ohh, was für ein glücklicher Zufall, dass mein dummes Kind vorhin von Chayneh und dem Magier geredet hat! Wie praktisch doch Schamanen sein können! Telepathin!! Dann kannst du für uns sehen, ob die Zuyyaner kommen, Frau?" Pakuna blinzelte.
"J-...ja-... sicherlich..." meinte sie.
"Und wenn sie kommen, schicken wir euch vor, dann zaubert ihr sie zu Tode!" addierte ein anderer Mann. Ram Derran brummte. Ihm gefiel das garnicht. Er war ein schlechter Magier, er war sicher nicht fähig, einen Zuyyaner zu töten. Außerdem konnten Zuyyaner selber zaubern...
"Echt mal," sagte ein weiterer Mann, "In Kisara rücken sie sich irgendwie gegen die Zuyyaner zurecht! Es gibt ´nen Haufen Schamanen in Kisara drüben! Ich glaube, ohne die hätten die Zuyyaner Tharr längst überrannt!"
"Jetzt kommen wieder die Lyra-Geschichten," stöhnte Loron, "Was glaubt ihr, wie oft die da in der Schule darüber labern, langsam nerven Lyras mich..."
"Lyra-...?" stammelte Pakuna, und auch Ram Derran sah auf. Sie lebten also noch? Na, kein Wunder, immerhin waren sie die Könige der Magier.
"Was haben Lyras denn gemacht?" fragte Ram Derran ungläubig. Arlon lachte, als Loron stöhnend davonschlich.
"Die Zuyyaner sind ein paar Dutzend ihrer wichtigsten Krieger und Führer losgeworden allein durch Puran Lyras Hände! Sag mal, Gazal, war er das, der den Kaiser getötet hat?? Oder war das der Alte?"
"Der Alte?" fragte Ram verwirrt.
"Was weiß ich, wie der hieß, der Vater von ihm!" meinte Arlon, "Der Geisterjäger!"
"Tabari?" machte Pakuna verwundert, dass Arlon Tabari Lyra nicht kannte.
"Ja, von mir aus..."
"Ich kann euch die Dinger aufbeten, und Puran Lyra hat den Kaiser getötet," sagte Loron von Weitem, und die Männer glucksten.
"Er weiß Bescheid."
Es war schon fast wieder Morgen, als die kleine Schamanenfamilie sich in ihr Haus zurückzog, nachdem sie noch stundenlang mit den Dorfmännern geredet hatten. Sie hatten viel über den Krieg erfahren und über die Situation Holias.
"Wir haben ein Haus in einem Dorf," sagte Ram zu seiner Frau, als er dann im Morgengrauen mit ihr im Bett lag. Pakuna drehte ihm den Rücken zu und seufzte leise.
"Ich habe trotzdem ein schlechtes Gefühl, Ram-... die Menschen hier sind schlechte Menschen."
"Du wieder mit deiner schlechten Vorahnung, gleich nenne ich dich Lapu," stöhnte ihr Mann, "Sie haben uns doch ganz nett aufgenommen! Was hast du nur wieder für Komplexe??! Besser als jetzt kann es wirklich nicht werden." Pakuna antwortete nicht. Sie unterließ es, ihm weiter über die schwarzen Schatten zu erzählen, die die Geister über Holia legten, und die sie mit offenen und geschlossenen Augen sehen konnte. Pakuna wusste, dass auch Zoras Instinkt Alarm geschlagen hatte, aber sie wagte nicht mehr, ihrem Mann zu widersprechen. Er wäre wütend auf sie geworden, und das wollte sie nicht.
Vielleicht würden sich die Schatten wieder legen.
An das Dorf gewöhnten sie sich schnell. Die Menschen waren der neuen Familie gegenüber skeptisch und sahen sie oft aus den Augenwinkeln heraus misstrauisch an. Pakuna versuchte, so zu tun, als sehe sie keine Schatten und spüre keine schlechten Zeichen. Sie ging schon bald ihrer Frauenarbeit nach, kümmerte sich um das Essen, um neue Kleider für ihre Familie und um das Haus. Ram ging Wild jagen, alles schien bestens zu sein.
Aber Pakuna hörte die Menschen oft hinter ihrem Rücken tuscheln, wenn sie draußen war.
"Schamanen sind gefährlich!" hörte sie es dann, und "Komm denen lieber nicht zu nahe, Kind, das sind Zauberer!"
Was Pakuna zusätzlich irritierte, waren die Blicke der Männer. Sie kannte diese Blicke aus Chayneh, und sie wusste, woran die Kerle dachten, wenn sie eine Frau so ansahen. Sie hasste das Gefühl, beobachtet und gierig angestarrt zu werden, und so gut es ging, blieb sie im Haus, um nicht die lüsternen Blicke ihrer neuen Mitmenschen anzuziehen. Wenn Ram da war, blieben die Blicke zum größten Teil aus, aber, wie Pakuna erschrocken feststellte, nicht alle. Sogar in der Gegenwart ihres Mannes wurde sie also schon angestarrt? War das nicht unsittlich?
Pakuna nähte neue Kleider aus Stoff. Zoras saß neben ihr auf dem Fußboden in der Stube und half ihr dabei. Er war ausgesprochen nützlich für die Hausarbeit geworden, stellte Pakuna fest. Er traute sich selten aus dem Haus, und die anderen Jungen im Dorf machten ihm Angst. Er saß lieber bei Pakuna und half ihr beim Nähen. Und er war geschickt im Nähen, obwohl es Frauenarbeit war. Pakuna hatte in Dokahsan gelernt, dass jeder Idiot nähen können sollte, man konnte sich ja nicht darauf verlassen, einmal eine gute Frau zu bekommen, die einem Kleider nähte.
Zoras fühlte sich bei niemandem sicherer als bei seiner Mutter, die er sehr liebte. Sie war die Einzige, die ihn mochte und die ihn verstand. Er wusste, dass sie dasselbe, schlechte Gefühl hatte wie er. Er sprach nie mit ihr darüber. Er wusste, dass sie auch ohne Worte wusste, was er fühlte. Immerhin war sie Telepathin.
"Zoras," sagte Pakuna dann, und er sah auf.
"Ja, Mutter?"
"Ich bin dir sehr dankbar für deine liebe Hilfe, mein Kleiner," lächelte sie, "Aber ich möchte, dass du in die Schule gehst. Es ist gut, etwas zu lernen. Und du wolltest doch früher immer etwas lernen, nicht?" Zoras ließ die Nadel sinken.
"Ich weiß nicht," versuchte er, sich rauszureden, "Die Menschen hier sind nicht gut, Mutter..."
"Du wirst zur Schule nach Mitonha gehen," sagte Pakuna mit Nachdruck, "Dein Vater ist auch dafür. Sei nicht so. Ich weiß, dass die Menschen hier einfältig sind... aber gib den Kindern doch eine Chance, deine Freunde zu werden! Sie meinen es sicher nur gut mit dir." Zoras biss sich auf die Unterlippe.
"Ich brauche keine Freunde!" sagte er düster, "Ich hab doch dich! Du bist meine beste Freundin!" Pakuna lachte.
"Willst du nicht Freunde in deinem Alter haben? Jungs, so alt wie du, mit denen du spielen kannst?"
"Spielen ist was für Kleine," sagte er trotzig, "Die können garkeine intelligenten Spiele hier! Das Einzige, was die spielen, ist Ticken und Verstecken!" Pakuna seufzte. Es war wirklich schwer, Zoras zum Freunde suchen zu überreden.
Da polterte es im Flur, und der Junge Loron kam mit drei weiteren, kleinen Jungen im Schlepptau in Derrans Stube. Sowohl Pakuna als auch Zoras sahen auf.
"Hey!" grinste Loron Zoras an, "Willst du mit rauskommen?? Draußen ist es viel lustiger, als hier drinnen zu sitzen!" Zoras zögerte.
"Ich helfe meiner Mutter lieber," stammelte er, und die drei pummeligen Jungen hinter Loron lachten leise. Loron seufzte.
"Maaann, komm schon, du Waschlappen!! Bist du ein Mann, oder wirst du eine Frau, wenn du schon nähst??!" Zoras schnaubte empört und stand auf.
"Sag das nochmal!!!"
"Zoras das Mamakindchen näht lieber bei Mami, statt draußen zu spielen," kicherte einer der dicken Jungs.
"So ein Schlappschwanz!"
"Haltet eure Klappen, ihr Dickmöpse!!" schnaubte Loron entrüstet, "Willst du den Dickis zeigen, wer hier der Schlappschwanz ist, oder was??!" Er grinste Zoras an, und Zoras sah Pakuna unsicher an. Sie grinste auch.
"Geh schon," sagte sie, "Ich mach das hier schon alleine fertig!" Zoras fuhr herum und hob drohend eine Faust in Richtung der drei Dickis.
"Ihr Schlappschwänze, euch werd ich's zeigen!!!"
"Wuaaaahhh!!!!" schrien die Dickerchen und kugelten aus der Stube, Loron und Zoras rannten ihnen hinterher. Pakuna lachte leise.
Na also, es geht doch.
Nachdem Zoras den drei Dickerchen links und rechts eine verpasst hatte, hatte er seine Würde und seinen Respekt zurück, und die drei Pummelchen jammerten mit geschwollenen Wangen herum. Loron lachte sich krumm und schief bei dem Anblick.
"Haha!!" machte der braunhaarige Junge blöd grinsend, "Das kommt davon, wenn man einen Schamanen ärgert!! Seid gefälligst nett zu Zoras! Hey, denen hast du's gezeigt!" Zoras seufzte und verschränkte die Arme.
"Das war nur für meine Ehre!" schnaubte er, "Ich lasse mich nicht von Jungen beleidigen, die doppelt so breit sind wie ich und nur rollend vorwärts kommen." Loron lachte und plumpste auf den Sandboden, die drei kleinen Jungen jammerten.
"Das sagen wir unserer Mutter!" sagte der Erste beleidigt, "Normalerweise sind dicke Jungen stärker als dünne Bohnenstangen wie du, Zoras!"
"Shhht!!" machte der Zweite, "E-er ist ein Zauberer!!"
"Mutti sagt ohnehin, dass wir mit den Schamanen nichts zu tun haben sollen, weil sie gefährlich sind!" sagte der Dritte, und Loron brummte.
"Maaaaann, seid ihr Weicheier!!!" polterte er, "Ich bin der Sohn des Häuptlings, also tut ihr, was ich sage!!! Und wenn ich sage, dass Zoras mitspielt, spielt er mit, kapiert??!" Er sah auch Zoras böse an. "Kapiert??!" Zoras blinzelte.
"Was willst du denn hier spielen?" fragte der Schamanenjunge skeptisch, und Loron kicherte, dann standen die dicken Drillinge wieder auf.
"Mädchen ärgern!" grinste der Erste, und der Zweite addierte:
"Genau!" Zoras blinzelte wieder. Loron kicherte.
"Kommt mit! Wir ärgern Kasuri, die hässliche Bratze! Haha!" Damit ging er, die Dicken und Zoras folgten ihm. Zoras fragte sich noch, was er unter Mädchen ärgern verstehen sollte, da erreichten sie zwei kleine Mädchen, die vor dem Haus des Häuptlings im Sand saßen und mit Strohpuppen spielten. Eines der Mädchen war Asta, Lorons etwa ein Jahr jüngere Schwester. Das andere Mädchen war Astas gleichaltrige Freundin Kasuri, die eine schiefe Nase und ein hässliches Gesicht und keine Zähne hatte, weil ihr vorne gerade drei Zähne auf einmal ausgefallen waren.
"Na??" grinste Loron die Kleinen an und blieb in herrischer Haltung vor ihnen stehen. "Was geht ab?"
"Was willst du, Loron??!" fragte Asta empört, "Wir wollen alleine spielen!" Sie lugte auf Zoras, der hinter den drei Dickis stand und stumm zusah. "Ist der Schamane also doch dein Freund?"
"Zoras hier? Der ist cooool, nicht??!" grinste Loron und sah die drei Dicken an, und obwohl Zoras die drei vorhin noch verprügelt hatte, stimmten sie Loron zu.
"Jau!" machte der Erste.
"Macht keine Dummheiten, Mädchen!" sagte der Zweite.
"Sonst verprügelt Zoras euch nämlich!" addierte der Dritte wichtig, "Und er hat ´ne extrem harte Linke!"
"Das heißt Rechte," sagte Kasuri altklug, und der dritte Dicki schnaubte.
"Aber Zoras hat ´ne harte Linke!! Oder weißt du nicht, wo rechts und links ist??!" Zoras sagte garnichts dazu. Er war schon immer in allem Linkshänder gewesen.
"Macht jetzt Platz, Weiber!" schnaubte Loron die mädchen an, "Ich will hier durch!"
"Warum gehst du nicht außen rum??!" blaffte Asta ihn an, und Loron schnaubte, dann zog er Kasuri am Zopf, und sie kreischte und sprang auf.
"MANN, LORON!!! Aua, das hat echt wehgetan!!"
"Oohhh," machten die vier Jungen im Chor, während Zoras immer noch zusah.
"Weißt du was, Kasuri, du bist hässlich," sagte Loron grinsend, "Hey, wo sind denn deine Zähne hin?..." Er wusste in Wahrheit natürlich, dass ihre Milchzähne rausgefallen waren. Kasuri schniefte.
"Du Doofmann!!" machte sie, und Asta schnaubte.
"Lass Kasuri in Ruhe, Loron..."
"Hat deine hässliche Mutter dir die Zähne rausgehauen??!" lachte Loron, "Wenigstens weiß ganz Holia, von wem du deine Hässlichkeit hast! Kein Wunder, dass dein Vater weggelaufen ist!" Kasuri schluchzte.
"Du bist gemein!!" heulte sie, "Mein Vater ist nicht weggelaufen, die Zuyyaner haben ihn getötet!!"
"Oh, ach so," machte Loron, und er und die Drillinge begannen, schallend zu lachen. Asta stand auch auf und warf ihre Puppe auf Loron.
"Du bist ein Ekelpaket, Loron!!!!!" fauchte sie, "Wie kannst du so scheisse zu ihr sein??!!" Kasuri schniefte immer noch, und Zoras trat sicherheitshalber etwas zurück. Er verstand nicht, was die Jungen so witzig daran fanden, das Mädchen zum Weinen zu bringen. Machte ihnen sowas wirklich Spaß? Wie gemein. Wenn die in Holia alle so drauf waren, hatte er jedenfalls keine Lust darauf, ihr Freund zu sein.
Zoras stellte bald fest, dass es sehr falsch gewesen wäre, nicht Lorons Freund zu werden. In Holia war er in der Tat der Häuptlings-Junior, und alle Kinder, sogar die, die nur zwei Jahre älter waren als Loron und Zoras, hörten auf ihn und stimmten ihm immer zu, egal, um was es ging. Alle, die nicht das taten, was Loron sagte, oder sich gegen ihn auflehnen wollten, wurden gnadenlos gepiesackt und geärgert, und wenn sie verprügelt oder völlig fertig gemacht wurden, sie bereuten es jedenfalls alle hinterher, sich mit Loron angelegt zu haben. Erstmal waren die dicken Schlägerdrillinge immer bei ihm, und auch die größeren und kräftigeren Jungen waren auf Lorons Seite. Loron selbst war im Übrigen auch nicht schlecht zu Fuß, und Zoras war ziemlich sicher, dass Loron stärker war als er zumal er immer noch nicht zaubern konnte und den dummen Jungen in Holia somit nichts voraus hatte. Er war jetzt einer von ihnen.
Zoras war nicht dumm genug, um zu übersehen, dass Loron ihn aus reinem Eigennutz zu seinem Freund haben wollte. Natürlich wäre es von Vorteil, einen Schamanen zum Freund zu haben, der ja zaubern konnte. Aber das Problem war, dass er ja nicht zaubern konnte. Die ganze Schlägerbande in Holia gegen sich zu haben wäre sehr unvorteilhaft, fand Zoras, und es wäre leichter, so zu tun, als wäre er Lorons Freund, als sich gegen all die Schlägerjungen zu wehren. Das Einzige, was Zoras noch gut konnte, war der Umgang mit Messern. Er hatte in Holia zwei Dolche bekommen, mit denen er jeden Tag ausgiebig trainierte. Wenn die Jungen loszogen, um wieder irgendwen zu ärgern, ging Zoras einfach mit, ohne selbst aktiv zu werden. Er hatte noch nie jemanden geärgert, er stand generell nur passiv im Hintergrund herum. Er vermied es, wenn möglich, viel mit den Jungen zusammenzusein. Lieber saß er bei Pakuna und nähte mit ihr.
Pakuna hatte ihm schon ein Shirt genäht und eine lange, schwarze Hose. Er brauchte lange Hosen, um seine Tätowierung zu verbergen. Würden die Jungen in Holia die sehen, würden sie sicher nie wieder mit ihm reden, weil er so verkrüppelt war...