[Ein Berg in Senjo, Sommermond 988]
Der Junge saß am Rand des Felsvorsprungs und spielte mit dem Knochen einer Antilope. Dabei summte er leise eine erfundene Melodie und sah in die Richtung, in der morgens die Sonne aufging.
"Zoras!" rief ihn seine hübsche Mutter, und der Kleine drehte den Kopf.
"Ja?" machte er und unterbrach dabei sein Spiel mit dem Knochen, und Pakuna stand auf. Sie hielt einen Tragriemen in der Hand, den sie aus der Haut eines Bergziegenbocks gemacht hatte, in der anderen Hand hielt sie ihre Steinschleuder.
"Komm, lass uns gehen und gucken, ob sich Kaninchen in den Fallgruben verfangen haben, und dann gehen wir zum See, Enten fangen."
"Au jaaaa!!!" schrie der Junge begeistert und sprang übermütig auf die Beine, dann lief er in die Höhle und kramte unter seinem Bettenlager ein Knochenmesser hervor, bevor er sich brav zu seiner Mutter stellte. Pakuna lächelte und strich dem Kleinen über die weichen, schwarzen Haare, als die grünen Augen des Jungen sie anstrahlten wie zwei Edelsteine. Pakuna amüsierte sich jedes mal von Neuem darüber, wie man den fünfjährigen Kleinen so mit einer Entenjagd begeistern konnte.
Viel anderes gab es auch nicht zu tun auf dem Berg, auf dem sie lebten. Fünf Jahre war es jetzt her, dass Ram Derran und Pakuna die Höhle in den Felsen gefunden hatten, und sie war gut zu ihnen gewesen. Das Wild war mit dem Frühling zurückgekehrt und Ram hatte stets genug Fleisch für seine kleine Familie erlegt. Pakuna verwendete das Fleisch und die Haut und die Knochen der Beutetiere für fast alles, was sie brauchten. Während Ram jagen ging und so größere Tiere erlegte, ging Pakuna oft mit dem Kind Beeren sammeln, nach den Fallen gucken, die sie am Fuß des Gebirges gebaut hatte, damit sich Kleintiere darin verfingen, oder zu dem kleinen, mit Schilf bewachsenen See in der Nähe, um Enten zu jagen. Mit der Steinschleuder ging das sehr gut.
Pakuna war glücklich über ihre Heimat in der Höhle. Es war völlig anders als das, was sie in Dokahsan erlebt hatte, aber Mutter Erde gab ihnen alles, was sie brauchten. Fleisch, Fische aus dem See, Wasser aus dem See und einen Schutz vor Regen, Sturm und Schnee. Jetzt, im Sommer, mussten sie sich um Schnee keine Gedanken machen. Pakuna war froh, dass sie diese Heimat hatten. In keinem der schmutzigen Dörfer hätte ihr Sohn besser heranwachsen können, dachte sie oft. In Chayneh schon garnicht, unter den Augen des gemeinen Lapu und des riesenhaften Harith und seiner zickigen Frau Mai.
Manchmal dachte Pakuna an Huyana und hoffte, es ginge ihr gut. Manche Frauen in Chayneh wären bestimmt traurig, weil ihre kleinen, pummeligen Töchter jetzt nicht mehr Zoras Frauen werden würden.
Zoras hätte neben den Pummelchen in Chayneh total komisch ausgesehen! dachte Pakuna manchmal, wenn sie ihren hübschen, schlanken Sohn betrachtete, der ein Gesicht hatte, das so hübsch war wie das eines Mädchens.
"Mutter, komm!" drängelte der Junge jetzt und zerrte an Pakunas Arm, "Sonst sind die Enten weg, bevor wir am See sind!! Trödel doch nicht so, Mutter..." Pakuna lachte leise, dann nahm sie das Kind an der Hand und ging mit ihm den Weg über die Felsen hinunter auf die Wiesen. Der Weg war gefährlich, weil man leicht stolpern oder abrutschen konnte, und Pakuna kletterte stets vor und hob Zoras behutsam von einem Stein zum anderen, damit er ja nicht abstürzte.
Ram Derran sah seiner Familie zu, die auf die Wiesen und zum See ging. Es freute ihn, dass Pakuna so glücklich war hier. Er hatte sie noch nie so glücklich gesehen. Er war den Geistern und dem Berg noch immer dankbar für den Unterschlupf, aber er wusste nicht recht, ob sie ewig hier bleiben könnten. Die Zeiten waren in den letzten Tagen und Wochen unruhiger geworden. Manchmal erzitterte die Erde, und manchmal hatte Ram Derran das Gefühl, Mutter Erde wolle sie warnen, damit sie den Berg verließen, bevor ein Unglück geschah.
Er machte sich nachdenklich wieder daran, die Antilope zu schlachten, die er am Morgen gejagt hatte. Normalerweise war das Schlachten Frauenarbeit, aber Pakuna hatte genug anderes zu tun. Sie konnte das Fleisch später über dem Feuer braten und dann die Haut und die Knochen der Antilope verarbeiten. Pakuna hatte ihnen allen aus Fellen und Häuten Kleider genäht, sie alle hatten Schnürstiefel bekommen aus der Haut eines Hirsches, und Ram Derran war erstaunt gewesen über das Geschick seiner Frau, Schuhe zu machen kein Schuhmacher hätte es besser hinbekommen als sie. Pakuna gab sich im Allgemeinen sehr viel Mühe mit den Kleidern. Sie gerbte die Felle ziemlich ausführlich und machte aus den fusseligen Stücken weichen Stoffe, die letzten Endes kaum noch danach aussahen, als wären sie mal ein Fell gewesen. Im Sommer brauchte man ohnehin dünnere Kleider als im Winter.
"Wenn wir alle in Fellen herumlaufen, werden wir noch zu Urmenschen!" hatte Pakuna oft spaßhalber gesagt, "Deswegen müssen die Felle ja nicht noch so aussehen wie Felle. Und Stoffe weben kann ich hier wirklich nicht, improvisieren wir also."
Ram Derran war fasziniert von der Improvisation seiner Frau. Sie hatten eigentlich wirklich alles, was sie brauchten. Trotzdem war dem Mann manchmal unwohl, wenn sie nachts schliefen und er das Grollen aus dem Inneren des Berges hörte. Er fragte sich manchmal, ob es sowohl für Pakuna als auch für Zoras nicht besser wäre, in einem Dorf unter Menschen zu leben. Was, wenn ihm selbst nun etwas zustieß? Wenn er bei der Jagd von den Tieren zertrampelt oder von Wölfen, Löwen oder Bären aufgefressen würde? Dann wären Pakuna und das Kind alleine und könnten nicht mehr überleben. Er konnte seine Familie nicht beschützen, wenn er tot war.
Es wäre besser, wenn sie unter Menschen wären. Wenn ihm dann etwas zustoßen würde, hätten Pakuna und Zoras die anderen Menschen, die sich um sie kümmern konnten.
Aber jetzt waren sie allein.
In die Fallen war kein Tier getreten, sie waren noch völlig unangerührt.
"Das macht garnichts!" sagte Pakuna zu Zoras, "Wir haben genug zu essen, und das für Tage! Komm, wir gehen zum See und fangen ein paar Entchen."
"Entchen, Entchen..." trällerte Zoras fröhlich und beeilte sich, mit seiner Mutter Schritt zu halten, als sie mit ihm durch das hochgewachsene Gras zum See ging. Der See war gut, aus ihm bekamen sie Trinkwasser und konnten in ihm baden.
Die Enten schwammen ganz ruhig auf dem spiegelglatten Wasser des kleinen Sees, und Pakuna deutete Zoras, dass er still sein sollte, sonst würden sie fortfliegen. Der kleine Junge hockte sich neben seine Mutter in das Schilf und beobachtete voller Faszination die schnatternden Enten.
"So, pass auf," sagte Pakuna zu ihrem Kind, "Ich zeige dir, wie man mit der Schleuder umgeht. Das ist garnicht schwer, siehst du?" Damit sprang sie aus dem Schilf hoch, und sowohl Zoras als auch die Enten schraken auf, während die Enten schnatternd emporflatterten, wäre Zoras vor Schreck fast in den See gefallen. Pakuna warf geschickt ihre Schleuder, die sich um die Beine einer Ente wickelten und sie zurück zu Boden rissen, und sofort sprang die Frau dazu und brach dem Vogel das Genick, um ihn von seinen Qualen zu erlösen. Sofort ging es weiter und sie sprang erneut auf, um die Schleuder wieder nach weiteren Vögeln zu werfen. Die Steinschleuder bestand aus vier aus Sehnen geflochtenen Riemen, die an einem Ende zusammengebunden waren. An den vier losen Enden hatte Pakuna gleich große Steine befestigt, die sie in dem guten Land in der Nähe des Berges gefunden hatte. Ram Derran sagte nichts zu ihrem Umgang mit der Waffe, und sie wusste, dass er es aus Dokahsan überhaupt nicht gewöhnt war, dass Frauen Waffen trugen. Aber sie wusste instinktiv, dass er das, was sie tat, schätzte und bewunderte, auch, wenn er es nicht zugab.
Nach einer Zeit hatte Pakuna vier Enten erlegt und an ihrem Tragriemen befestigt, während sie Mutter Erde für das Opfer der Vögel dankte. Der kleine Zoras sprang aufgeregt auf und ab.
"Cooooool!!!!!" schrie er außer sich, "Das hast du toll gemacht, Mutter!! Du bist bestimmt die beste Entenfängerin der ganzen Welt, oder??" Pakuna lachte über die Einfalt des Kindes.
"Nun, das glaube ich nicht!" sagte sie, aber sie war zufrieden mit sich. Sie hatte alle Vögel sauber getroffen. Sie und Zoras setzen sich mit den Enten auf eine kleine Anhöhe im Grasland in die Sonne. Pakuna rupfte die Enten schonmal ein wenig, während sie sich sonnten und es sich gut gehen ließen. Nach der Jagd tat eine Pause sehr gut.
Der Wind war völlig ruhig an dem Tag, kein Lüftchen wehte, und es war still auf der Wiese. Einige Grillen zirpten, und in der Ferne hörten sie auch Vogelgesang bald auch wieder das Schnattern der überlebenden Enten auf dem See. Ansonsten war kein Geräusch zu hören.
Zoras legte sich auf den Rücken und blinzelte verschlafen in die pralle Sonne.
"Ich bin müde," sagte er leise, "Ich möchte schlafen, Mutter." Pakuna lächelte und streichelte sein hübsches Gesicht.
"Ja, schlaf," erlaubte sie ihm, ein Nickerchen zu machen, "Ich ruhe mich auch ein wenig aus. Nachher gehen wir nach Hause zu Vater." Zoras nickte bloß und war darauf schon so gut wie eingeschlafen.
Er dachte noch kurz an seinen Vater, solange er noch wach war. Sein Vater war ein seltsamer Mann und ganz anders als seine Mutter, die Zoras über alles liebte. Zoras hing sehr an seiner hübschen Mutter, und sie kümmerte sich mit liebevoller Sorge um ihn, spielte mit ihm, wenn er spielen wollte. Sein Vater dagegen sprach kaum mit ihm, und Zoras beobachtete ihn oft, wenn sie alle drei in ihrer Höhle saßen. Mit Mutter redete er jedenfalls öfter als mit ihm, stellte der Kleine manchmal deprimiert fest. Hatte sein Vater ihn vielleicht garnicht lieb?
Er musste eingeschlafen sein, aber jedenfalls wachte er vor seiner Mutter wieder auf. Die Sonne war hinter dem Gipfel des Berges verschwunden, sodass das Licht dunkler wurde auf der Wiese und auf der Anhöhe.
Es war kein Geräusch gewesen, das ihn geweckt hatte, sondern eine unheimliche Stille. Er lauschte etwas verwirrt dem Wind. Aber es war kein Wind. Es zirpten keine Grillen und keine Enten schnatterten, es war ganz einfach totenstill. Zu ruhig für einen normalen Tag, dachte der kleine Junge beunruhigt, und seine kleinen Finger verkrampften sich um das Knochenmesser, das er bei sich trug. Plötzlich wusste er, was ihn geweckt hatte. Er sah in den Wind und sah sich selbst plötzlich als kleines Kaninchen in einer Fallgrube sitzen, und er hörte die Schritte des Fallenstellers, der ihn gleich aus der Grube holen würde.
Mit einem fast lautlosen Keuchen setzte Zoras sich verängstigt auf. Was er gesehen hatte, war sein Instinkt, der ihm das Gefühl gab, bedroht zu werden.
Das ist der Schamaneninstinkt! dachte Zoras, Der Instinkt, der mich Gefahren spüren lässt und andere Dinge, so, wie Mutter es gesagt hat.
Mutter. Mutter lag neben ihm und schlief, und Zoras fragte sich, ob ihr Instinkt kaputt sei. Er wusste, dass vor ihnen etwas im Gras lauerte und sie schon lange beobachtete. Vermutlich ein Bär? Oder ein Löwe? Oder vielleicht auch ein Tiger? Ein Tier, das sich ihn und Pakuna als Abendbrot ausgesucht hatte. Vielleicht auch bloß Pakunas Enten?
Vielleicht stehe ich auf und gebe ihm einfach die Enten? überlegte das Kind nachdenklich, aber er entschied sich dagegen, denn in dem Moment wachte auch Pakuna auf, von demselben Gefühl wie ihr Sohn.
"Shht," machte sie tonlos zu Zoras und hielt ihm einen Finger auf den Mund, in die Richtung starrend, von der aus sie beobachtet wurden. Sie wusste instinktiv, dass es ein großes Tier war. Gegen ein großes Tier hatte sie als Frau mit einem Kind, das sie beschützen musste, keine Chance. Sie spürte, wie in ihr die Angst hochkroch, aber sie sträubte sich, davonzurennen, denn dann hätte das Tier sie noch schneller eingeholt und erledigt.
Bloß keine Panik! dachte sie streng zu sich, Panik ist das Schlimmste, was jetzt passieren kann, sie bringt Unvorsicht mit sich-... man sollte niemals unvorsichtig sein, wenn man es mit einem wilden Tier zu tun hat!
"Rühr dich nicht vom Fleck, okay??" machte Pakuna und packte Zoras Arm. Das einzige, was sie hatte, waren eine Schleuder und ein Tragriemen mit Enten. Ihre einzige Chance war, etwas zu tun, was das Tier nicht erwartete. Ein Überraschungseffekt brächte ihr genug Zeit, mit der Steinschleuder zu zielen. Sie ergriff die Schleuder und den Tragriemen, und mit einem mal sprang sie auf und stieß einen wilden, lauten Schrei aus, sodass die Löwin vor ihnen im hohen Gras erschrocken zurückfuhr, und sie erschrak noch mehr, als die Menschenfrau ihr plötzlich schreiend ein Bündel Enten entgegenwarf. Zoras kreischte vor lauter Schreck auch los und wich zurück, als Pakuna ihre Steinschleuder ergriff und sie nach der Löwin warf, die sich jetzt wütend aus dem Gras traute. Die Steine trafen das Auge der Löwin, und mit einem lauten Brüllen fuhr sie zurück und verschwand wieder im Gras. "WEHE, DU TUST MEINEM KIND WAS AN!!!!!! SCHER DICH WEG!!!!!" schrie Pakuna das Tier wütend an, und sie riss die Arme hoch, und mit einem Krachen aus dem Himmel und einem grellen Blitzen wurde die Löwein zurückgeschmettert und verschwand plötzlich im Nichts.
Zoras rührte sich vor Angst nicht vom Fleck. Er zitterte am ganzen Körper und bekam kaum Luft. Er hatte das Gefühl, sich vor Angst übergeben zu müssen. Er hatte sich erst vor Pakunas Schrei und dann vor der riesigen Löwin erschrocken, jetzt war er fertig mit den Nerven.
Pakuna lächelte zufrieden und schnappte die Enten, klopfte ihnen zufrieden den Dreck ab, den sie abgekriegt hatten, als sie sie auf die Erde geworfen hatte. Sie hatte die Löwin mit nur einer Steinschleuder und einem Bündel Enten vertrieben! Und einer kleinen Zuschuss Seelenmagie, zugegeben. Sie wusste nicht, wohin sie die Löwin teleportiert hatte, aber wen scherte das schon.
"Pakuna!!!" schrie Ram plötzlich hinter ihr, und sie drehte sich grinsend zu ihm um. Ihr Mann kam über die Wiese auf sie und Zoras zugerannt und wirkte sehr erschrocken. "Pakuna!! Was war hier los??!!" schrie er sie an, als er sie grinsen sah, und Pakuna grinste weiter.
"Ich habe eine Löwin fertiggemacht!" sagte sie stolz, "Mit einem Bündel Enten, einer Schleuder und einem kleinen Zauber! Zoras und mir ist nichts passiert." Ram Derran schnaubte völlig außer Atem und sah seine Frau mit Nachdruck an. Er hatte von der Höhle aus ihren Schrei gehört und war sofort runtergegangen, um nach ihr zu suchen. Als er sie ansah, wie sie ihn glücklich anstrahlte, war er stolz auf sie. Ja, seine Frau hatte vor nichts Angst! Nichtmal vor einer Löwin. Er hätte sie fast in den Arm genommen und sie geküsst und ihr gesagt, wie stolz er auf sie war, aber er tat es nicht, als er auch eine gewisse Ohnmacht in sich spürte. Er war nicht in der Lage gewesen, ihr zu helfen was, wenn sie jetzt nicht so mutig gewesen wäre? Er war wütend auf sie und wütend auf sich selbst, und als Pakuna ihm erzählte, warum sie noch hier waren, drehte er sich wütend zu seinem Sohn um.
"Zoras!!" schnauzte er ihn an, "Was-... was bist du doch für ein Nichtsnutz??!! Du machst nur Ärger, du bringst deine Mutter ständig in Gefahr, du kannst nichts, du bist eine reine Lästerung des Lebens!!!"
"R-Ram!!!" rief Pakuna entsetzt, und der Junge starrte seinen Vater erschrocken an. Wieso war er denn so wütend auf ihn?
"I-ich hab doch garnichts getan!" stammelte er, und Ram Derran fauchte.
"Das ist es ja, du kleines Scheusal!!!! Nichts tust du!! Nichts kannst du, zu nichts bist du nütze!!! Wärst du doch nur nie geboren worden!!! Du bist eine Schande!!!" Unter dem Geschrei seines Vaters wurde der Kleine immer kleiner und schrumpfte zu einem bemitleidenswerten Häufchen Elend zusammen. Pakuna schlug die Hände vor den Mund.
"Ram, was machst du denn??!! Er hat doch garnichts getan!! Wieso schimpfst du mit ihm??!" fragte sie, und Ram stierte sie wütend an.
"SCHWEIG, FRAU!!!!!" blaffte er sie an, dann wandte er sich zu seinem Sohn. "Nichtsnutz!!! Wenn du deiner Mutter noch einmal Ärger machst, bringe ich dich um!!!"
"RAM, NICHT!!!!!" schrie Pakuna, doch ehe sie sich bewegen konnte, knallte Ram Derrans Handschlag durch das ganze Land, als er dem kleinen, verängstigten Kind eine schallende Ohrfeige gab. Der Kleine schrie vor Schmerzen auf und stürzte zu Boden, wo sein Vater wutentbrannt nach ihm trat.
"Los, hau ab!!! Nach Hause mit dir, du kleines Ekelpaket!!! HAU AB!!!!!!" brüllte er außer sich, und schon steckte das Kind die zweite Ohrfeige an. Und die dritte. Die vierte. Die fünfte. Pakuna kreischte und zerrte ihren Mann zurück, als er zur sechsten Ohrfeige ausholte.
"HÖR SOFORT AUF, MEIN KIND ZU VERPRÜGELN, DU ARSCHLOCH!!!!!!!" schrie sie ihn wutentbrannt an, bevor sie ihn zur Seite stieß und sich schützend über das kleine Kind warf, das am Boden lag und abgehackte, wimmernde Laute ausstieß. Sein Gesicht leuchtete nahezu in allen Farben und aus seiner Nase rann Blut.
Ram Derran konnte einen Moment nicht fassen, was passiert war. Erstens hatte seine Frau sich gegen seinen Willen aufgelehnt, zweitens war seine Frau wütend auf ihn und drittens hatte seine Frau ihn Arschloch genannt. Er schwieg verbittert, drehte sich ab und nahm die Schleuder und die Enten mit, bevor er zurückging.
Das Kind wimmerte, schluchzte und jammerte vor Schmerzen und hatte solche Angst, dass es sich nichtmal traute, zu weinen. Pakuna streichelte ihren Sohn zärtlich und drückte ihn an sich.
"Shhh, mein Liebling..." flüsterte sie beruhigend, "Dein Vater ist... etwas müde... ..." Sie zitterte bei den Worten. Warum nur? Warum hasste er Zoras so sehr? Hätte er wirklich so viel lieber ein Mädchen gehabt? Pakuna schämte sich manchmal, weil sie ihm nur einen Jungen schenken konnte aber sie liebte diesen Jungen, er bedeutete ihr alles. "Shhh... wein ruhig... er hat dir wehgetan, Zoras..." flüsterte sie, und Zoras schluchzte herzergreifend.
"Warum warum hasst Vater mich so??!" fragte er wimmernd und konnte die Tränen nicht länger zurückhalten, "Hab ich was getan? Sag's mir, Mutter!-... Aua..." Der Schmerz nahm zu, und jetzt ließ er den Tränen freien Lauf, kuschelte sich an Pakunas weiche Brüste und weinte leise in ihre Bluse. Eigentlich heulten Jungs nicht... er hatte so gut wie nie geweint. Egal, was gewesen war, er hatte immer versucht, nicht zu weinen. Manchmal hatte es nicht geklappt, so wie jetzt.
Ram Derran sprach in den nächsten Tagen kein Wort mehr mit Pakuna, mit Zoras schon garnicht. Der Junge saß den ganzen Tag auf seinen Fellen, rührte sich nicht und starrte die Wand an. Er sprach mit niemandem und machte sich Vorwürfe, weil sein Vater ihn hasste. Irgendetwas hatte er getan, was seinen Vater geärgert hatte. Er wusste nicht was, aber mit einem kindlich-optimistischem Glauben wollte er es so gerne wieder gutmachen. Er hatte Angst vor seinem Vater, der ihn jedes Mal böse ansah. Auch Pakunas liebevolle Fürsorge konnte ihm seinen Schmerz nicht nehmen. Sein Vater hasste ihn, das tat viel mehr weh als tausend Ohrfeigen.
Der Sommermond ging vorüber, mit dem nächsten Neumond brach der Mond des vielen Fleisches an. Fleisch hatten die drei allemal genug.
Die Stimmung hatte sich wieder etwas beruhigt. Pakuna und Ram hatten sich vertragen und Zoras hatte sich dazu durchgerungen, wenigstens mit Pakuna wieder zu sprechen. Aber mit seinem Vater sprach er kein Wort mehr.
Jetzt, wo er oft alleine war und nicht viel sprach, hatte der Junge viel Zeit, um der Stimme des Berges zuzuhören, die nachts manchmal zu ihm flüsterte.
Geht fort von den Bergen! sagten die Berggeister manchmal, wenn er nachts mutterseelenallein auf seinen Fellen hockte und nicht schlafen konnte. Sonst wird euch ein großes Unglück geschehen!
Zoras war verwirrt über die Warnungen des Berges. Er würde ihnen gerne nachkommen und auf die Berggeister hören, aber er traute sich nicht, seinen Eltern davon zu erzählen, die die Stimmen scheinbar nicht hörten. Jedenfalls sprachen sie nie über die Drohungen des Berges. Er wusste nicht, ob es sein Instinkt war, der ihn warnte, oder ob er sich das alles nur einbildete. Sein Vater würde wieder mit ihm schimpfen, wenn er davon spräche.
"Stimmen im Berg??! So ein Unsinn!! Schlag dir diesen Schmarrn aus dem Kopf, du blöder Nichtsnutz!!"
Zoras konnte sich die Wut seines Vaters sehr gut vorstellen, und er kauerte sich ängstlich unter seiner Decke zusammen und rollte sich ein wie ein kleiner Igel. In der Höhle war es dunkel, es war tiefste Nacht. Zoras versuchte krampfhaft, nicht an den Zorn seines Vaters und die Schläge zu denken. Dann hörte er wieder das Flüstern des Berges.
Geht fort von hier, Zoras! Hör auf die Warnung der Geister!
Er zitterte vor Angst und Ehrfurcht und kugelte sich noch mehr zusammen. Was sollte er tun? Weglaufen? Seinen Eltern etwas sagen?
Er hörte seine Eltern einige Fuß neben sich auf ihrem Bettenlager leise miteinander sprechen.
"Du solltest nicht so hart zu dem Kind sein," hörte er Pakuna vorwurfsvoll flüstern, "Er hat schreckliche Angst vor dir, wenn du ihn immer schlägst..." Zoras kniff die Lippen zusammen. Er wollte nicht, dass sie wussten, dass er ihnen zuhörte.
"Papperlapapp, Pakuna," machte sein Vater dann mit gedämpfter Stimme, "Er ist ein Nichtsnutz! Was kann er schon... ...?"
Das Kind presste die Felldecke fest an seinen Körper und versuchte, nicht zu zittern. Ihm war kalt, selbst mit Decke. Er hörte das Rascheln der Felle neben sich und die leise, ruhige Stimme seiner Mutter, und er wusste, dass seine Eltern sich jetzt lieb hatten wie Erwachsene. Er hörte sie oft nachts, wenn er wach war, wie sie sich liebten, ohne die Bedeutung davon zu kennen oder zu verstehen. Er war traurig, weil er auch gerne jemanden zum Kuscheln gehabt hätte. Dann wäre ihm sicherlich wärmer gewesen. Er begnügte sich niedergeschlagen mit seiner Decke und versuchte, zu schlafen.
Doch plötzlich hörte er es aus dem Inneren des Berges grollen und rumpeln, und sofort war er wieder hellwach und schoss unter der Decke hervor.
"Der Berg warnt uns!!" rief er schockiert und wurde weiß, als es erneut grollte.
Geht, Zoras!!
Seine Eltern hatten ihr Liebesspiel unterbrochen und hatten ich auch erschrocken aufgesetzt.
"Was war das?" fragte Pakuna, und Ram Derran sah an den Wänden der Höhle empor.
"Der Berg, Pakuna... ich weiß nicht, wie lange wir noch hier bleiben können."
Zoras war entsetzt. Das Grollen ließ nach, und es wurde wieder still. Das bedeutete, dass sein Vater es auch hörte! Warum hatte er denn nie etwas gesagt?
Pakuna ging mit Zoras Beeren sammeln. Jetzt waren die Beeren reif und saftig, und die Hände, Gesichter und Kleider der beiden waren bereits purpurrot von dem Saft der Beeren. Pakuna hatte sicherheitshalber ihre Schleuder an ihren Gürtel gesteckt, und das Kind hatte wie immer sein Knochenmesser mitgenommen. Sein Vater hatte ihm das Knochenmesser einmal geschenkt, als er ihn scheinbar noch nicht so gehasst hatte wie jetzt. Zoras hatte sich viel Mühe gegeben, den Griff zu verzieren, er hatte mit einem scharfen Stein Muster in den Knochen geritzt und mit einer Schnur ein paar Entenfedern und auch eine kleine Muschel am Griff befestigt, die er am Seeufer gefunden hatte. Von der Beerenernte im letzten Jahr hatte das Kind mit Hilfe des roten Saftes Teile des eingeritzten Musters rot gefärbt.
"Es gibt viele Beeren dieses Jahr!" sagte Pakuna zufrieden, die Beeren pflückte und in einen kleinen Korb legte, den sie aus Schilf geflochten hatte. "Willst du noch welche?" Sie hielt Zoras ein paar der roten Beeren hin, und Zoras freute sich und aß sie fröhlich auf.
"Was machen wir denn mit soooooo vielen Beeren, sag's mir, Mutter!" bat er sie, ohne jemals ihren Rockzipfel loszulassen. Da er manchmal mit der Hand aber auch Beeren angefasst hatte und seine Hand vom Saft ganz rot war, hatte Pakuna rote Handabdrücke auf ihrem Rock.
"Wir können aus den Beeren Saft machen, wir können auch kleine Kuchen mit Fett machen, und natürlich können wir sie so essen," erklärte Pakuna ihrem Sohn.
"Oh ja, Beerenkuchen," freute sich der Kleine, und Pakuna lächelte, weil sie wusste, wie gern er diese kleinen Kuchen mochte.
Plötzlich bebte die Erde. Ein lautes, dunkles Grollen war aus der Erde zu hören, und der Boden spannte sich wie die Haut über dem Bauch einer schwangeren Frau. Der Boden erzitterte und warf Pakuna und Zoras von den Beinen, der Korb mit den Beeren fiel zu Boden und die Früchte kullerten heraus. Pakuna schrie, während der Junge vor Schreck nichtmal in der Lage war, einen Ton herauszubringen. Wieder erzitterte der Boden unter ihnen und brach plötzlich mit einem ohrenbetäubenden Brüllen aus der Tiefe unter ihnen auf, und Pakuna und Zoras rutschten in den Erdspalt, über ihnen schütteten Erde, Sand, die Beeren und Steine sie zu, als das brüllende Grollen, das wie der pure Zorn der Mächte der Schöpfung klang, erneut ertönte.
"Mutter Erde ist wütend!!" schrie Zoras außer sich und hätte gerne weiter geschrien, da verstopften Erde und Beeren seinen Mund, und er stürzte in den bodenlosen Schacht hinein, bis er irgendwo aufkam und von dem Boden verschüttet wurde.
So plötzlich, wie es gekommen war, war es wieder vorbei. Das Grollen verzog sich wieder weiter in die Ferne. Pakuna rappelte sich aus dem Loch auf, in das sie gestürzt war, und kletterte an die Erdoberfläche.
"ZORAS??!!" schrie sie, als sie ihren Sohn nirgends entdecken konnte. "Oh nein!! Er wird doch nicht-...!!" Sie kletterte schnell zurück in den Schacht und wühlte in der Erde nach ihrem Kind. "Zoras!!! Zoras!!! Sag doch was!!! Bitte...!"
Zoras lag benommen unter einem Haufen Geröll und konnte sich nicht bewegen. Er war vor Angst kreidebleich und wusste nicht, ob er tot oder lebendig war. Er hörte noch immer Mutter Erdes Zorn grollen, tief unten im Inneren der Erde.
Das waren die Warnungen! Wir müssen uns beeilen und fortgehen, sonst werden die Mächte der Schöpfung uns bestrafen!
Pakuna grub weiter im Geröll herum, bis sie plötzlich den völlig verwirrten Zoras ausgrub und ihn schreiend in die Arme schloss.
"Du lebst!!! Dem Himmel sei dank, du lebst-...!" wimmerte die Frau, und sie drückte ihr Kind an sich, das schmutzig und voller Blut war Blut? "Zoras d-du bist verwundet! Um Himmels Willen-...!"
"Mutter," stammelte Zoras und rieb sich über das blutrote Gesicht, "D-das ist Beerensaft... mir geht es gut!" Pakuna fiel ein Stein vom Herzen. Beerensaft. Zoras befreite sich aus der Umarmung seiner Mutter und krabbelte mutig ein Stück nach oben. "Wir müssen fort!" sagte er fest, "Noch heute. Vater Himmel und Mutter Erde sind wütend, weil wir nicht auf ihre Warnungen gehört haben. Wenn wir heute nicht gehen, bestrafen sie uns." Pakuna sah ihn ungläubig an, während sie ihm half, zurück an die Erdoberfläche zu klettern.
"Was meinst du damit?" wunderte sie sich, "Wer... hat dir das gesagt, mein Sohn??" Zoras steckte das Knochenmesser ein und sammelte den Schilfkorb auf, in dem nur noch ein paar vereinzelte Beeren waren.
"Die Beeren sind hin," sagte er dumpf. Pakuna wartete auf die Antwort, und Zoras ließ sie auch nicht länger warten. "Mutter Erde hat es mir gesagt."
Es war erneuterweise der Instinkt, der Pakuna sagte, dass sie besser daran täten, auf Zoras Warnungen zu hören. Sie wunderte sich etwas über die ausgeprägten Verständnisse und Instinkte des fünfjährigen Jungen. Für einen kleinen Jungen war er in Sachen Vorahnungen ungewöhnlich feinfühlig, wie sie verwundert feststellte.
Ram Derran sträubte sich nicht, als Pakuna ihm sagte, sie müssten gehen. Noch vor dem Sonnenuntergang waren ihre Sachen gepackt, und sie verließen die Höhle, die ihnen so lange als Heimat gedient hatte. Pakuna tat es leid, sie verlassen zu müssen. Sie gingen nach Westen, weg von dem Berg, quer über die hochgewachsenen Wiesen, die im Sonnenuntergang golden schimmerten. Ram war froh, dass sie dieses mal im Sommer wanderten und nicht wie damals, vor fünf Jahren, im Schneesturm. Als es dunkel geworden war, waren sie ein gutes Stück vom Berg weggekommen und rasteten auf der Wiese. Sie legten ihre Rückentragen ab und aßen ein wenig von den Vorräten, die sie mitgenommen hatten.
"Schlaf jetzt," sagte Pakuna zu Zoras, als der Junge nach dem Essen noch stundenlang auf den fernen Berg starrte, als warte er auf eine Explosion. "Wir sind fortgegangen, es wird alles gut. Jetzt muss der kleine Junge schlafen, sonst kann er morgen nicht weitergehen." Zoras sah seine Mutter mit leeren Augen an.
"Der kleine Junge bleibt aber lieber noch etwas wach und hört dem Wind zu," sagte er in derselben Tonlage wie seine Mutter, und Pakuna ließ ihn gewähren. Ram Derran jedoch brummte das Kind an.
"Was maßt du dir an, so mit deiner Mutter zu sprechen, Nichtsnutz??!" fragte er mürrisch, "Wer weiß schon, ob es richtig ist, was du gehört hast! Wer weiß schon, ob wir den Hirngespinsten eines kleinen Jungen trauen können!"
"Es waren keine Hirngespinste, Vater!" protestierte Zoras, "Ich habe gehört, wie die Geister des Berges mit mir geredet haben! Das haben sie wirklich!!"
"Lügner!!!!" fuhr Ram Derran auf, "Kein fünfjähriger Junge ist in der Lage, Stimmen zu hören oder Visionen zu sehen!! Du bist noch ein halbes Baby und noch nichtmal annähernd ein Schwarzmagier, Zoras!! Also bilde dir nicht ein, du sähest Dinge, die du in Wahrheit nicht sehen kannst!!!"
"Ich lüge nicht!!!!" schrie Zoras wütend. Ein ohrenbetäubender Krach, zusammen mit demselben, dunklen Grollen vom Nachmittag, unterbrach den Streit, und alle fuhren erschrocken zum Berg herum. Ein großer Teil auf der Oberseite des Berg war abgebrochen und krachte jetzt unter einem Höllenlärm hinunter auf die Erde, hinunter auf die Höhle, in der die drei Schamanen letzte Nacht noch geschlafen hatten. Die Felsen begruben die Unterseite des Berges unter sich und machten aus der einst idyllischen Heimat eine Wüste aus Geröll und Chaos.
Pakuna schlug entsetzt die Hände vor den Mund, und Ram Derran atmete viele Male heftig ein und aus bei dem erschütternden Anblick. Zoras sah seinen Vater mit einem Blick an, der Ram Derran sofort sagte, dass der Junge Dinge wusste, die ein normaler Mensch in dem Alter nicht wissen konnte, und dass er nicht gelogen hatte. Er hatte wirklich die Gabe des Sehens etwas, das Ram Derran niemals in dieser Ausführlichkeit besessen hatte.
"Glaubst du mir jetzt, Vater? Die Geister haben uns gewarnt!"
Pakuna sah ihren kleinen Sohn ausdruckslos an und begann, zu begreifen, dass der törichte Lapu recht gehabt hatte. Zoras wäre sehr schnell und sehr viel stärker als Lapu geworden.
Du hast die Gabe des Sehens, mein Junge, sagte sie in Gedanken zu ihm, Und du wirst die Gabe des Rufens besitzen eines Tages wirst du... wie Puran Lyra zu den Geisterjägern gehören!