[Holia, Mond der Stürme 998]

 

Zoras war nie zuvor in seinem Leben wütender auf seinen Vater gewesen als in jener Zeit. Er war stinksauer darauf, dass sein Vater es zugelassen hatte, dass er sein Blutritual ausgerechnet von Pakuna bekommen musste.

Mondelang sah Zoras Pakuna nichtmal an, reden tat er weder mit ihr noch mit seinem verhassten Vater. Jetzt war es also soweit, dass er niemanden mehr hatte, dem er sich im Notfall hätte anvertrauen können. Er hatte immer daran gedacht, wenn der Hass auf die Menschen ihn einmal mehr zu fressen drohte, dass er in der größten Not mit Pakuna darüber reden könnte, wenn er es alleine einfach nicht mehr aushalten sollte – jetzt konnte er nicht mehr mit Pakuna reden. Dass er mit ihr geschlafen hatte, war eine Blutschande, und niemals war ihm etwas peinlicher gewesen als das – obwohl außer Ram niemand davon wusste. Zoras sorgte erfolgreich dafür, dass es auch niemand erfuhr, schon garnicht Loron oder womöglich Karana.

Er ging Pakuna einfach aus dem Weg, obwohl er manchmal, wenn er sie heimlich ansah, merkte, wie traurig es seine Mutter machte, dass er sie nichtmal mehr ansehen wollte. Es tat ihm weh, sie traurig zu machen, aber er hatte seinen Stolz, und sein Stolz und seine Ehre waren ihm einfach zu wichtig, um sie einfach zu übersehen.

Der Sommer wurde trocken und sehr heiß. So heiß, dass die ganze Ernte der Dorfbauern im Osten Senjos in der Sonne verbrannte und sie kein Getreide mehr hatten. In den Dörfern brach ziemlich schnell das große Jammern aus.

"Wie sollen wir Brot backen ohne Korn??!" fragten die Leute, "Wie sollen wir leben ohne genug zu Essen??!"

Zoras hielt sich aus den Angelegenheiten raus. Er sah alleine zu, dass er genug zu Essen bekam. Immerhin galt sein Vater in Holia als Jäger, ganz davon abgesehen konnte Zoras auch selber jagen. Er war auf niemanden mehr angewiesen, er konnte auf eigenen Füßen stehen. Er brauchte weder seinen Vater, noch seine Mutter, noch Freunde, noch Korn zum Überleben.

Nach seinem sechzehnten Geburtstag, der inzwischen schon wieder ein halbes jahr zurücklag, hatte er sein Training wieder aufgenommen. Nicht nur, um erneuterweise stärker zu werden – auch, um das ereignis mit Pakuna zu verdrängen, das jedes mal, wenn er daran dachte, Übelkeit in ihm hervorrief. Jeden Tag übte er weiterhin den Umgang mit der Schwarzmagie – um eines Tages Karana besiegen zu können. Er würde ihn nicht töten. Nur zu Boden schlagen, damit der Sohn des Herrn der Geister endlich einmal spürte, was eine Demütigung war, und wie es sich anfühlte, ein Verlierer zu sein. Zoras hatte diese Erfahrung ein Leben lang gemacht und hatte keine Lust mehr darauf, zu verlieren. Er durfte nicht mehr verlieren. Nie wieder!

Wenn ich verliere... verliere ich auch gegen den Hass in mir... sagte er sich dumpf, als er am Ende des Sommermondes an einem der heißen Abende mit seinem Training aufhörte, auf sein Pferd sprang und sich zurück auf den Weg nach Holia machte. Dann wird mich das schwarze Loch doch noch eines Tages verschlingen. – Und das Ungeziefer lebt weiter.

Er griff die Zügel und parrierte das Pferd nachdenklich durch. Ein angenehm kühler Wind fuhr über das Land und bog die von der Sonne versengten Gräser leicht durch. Zoras wollte ein wenig alleine mit dem Wind bleiben und schloss die Augen, um das kitzelnde Gefühl des Luftzugs auf seiner Haut zu genießen. Er war so gerne eins mit dem Wind. Jedes mal, wenn er eins mit dem Wind um ihn herum war, spürte er, dass eine seltsame, beruhigende Wärme in ihm hochkroch.

Manchmal dachte er an das, was Karana zu ihm gesagt hatte.

"Was du falsch machst, ist, dass du deinen Geist nicht vollständig in der Hand hast – du wirst zu schnell wütend! Wenn du so rasend bist wie jetzt, bist du nicht Herr über deine Seele und auch nicht über deinen Körper! Du verlierst die Kontrolle und realisierst am Ende garnichts mehr!"

"Ich will dir ja nur helfen..."

Zoras schnaubte.

Pah – helfen?! Ich brauche-... keine Hilfe!! Schon garnicht von dir!!!

Und wenn karana doch recht hatte? Wenn er nur stärker wurde, wenn er seinen Zorn überwinden könnte? – Das Problem war, dass er stärker werden wollte, um gerade diesen Zorn zu besiegen – wie konnte er da den Zorn überwinden, um stärker zu werden?

Mit einem Seufzen sah er in den Himmel, der im Sonnenuntergang eine merkwürdig dreckige Farbe bekam. Aber die Wolken wurden von der untergehenden Sonne von unten angestrahlt und leuchteten mitten im Himmel, als würden sie brennen. Zoras sah die Wolken an und lächelte aus unerfindlichen Gründen.

"Das ist-... so wunderschön..." flüsterte er und sah wieder auf die Wolken. "Es sieht aus, als würden im Himmel Feuer brennen..."

Schließlich wandte er den Blick ab und trieb das Pferd wieder vorwärts in Richtung Holia. Er fragte sich oft, wie er es schaffen sollte, seinen Hass und seinen Schmerz zu überwinden. Wie er es schaffen sollte, eines Tages ein anderer Mensch sein zu können. Er hatte noch so viel vor, noch so viel zu tun. Während er nach Holia ritt, wurde es um ihn herum langsam dunkler. Er beeilte sich nicht damit, nach Hause zu kommen. Holia war nie sein Zuhause gewesen.

Warum ist mein Hass so unglaublich groß...? fragte er sich nachdenklich und parrierte das Pferd abermals durch, um die Stille um ihn herum auf ihn einwirken zu lassen. Es war gut, so in völliger Ruhe zu stehen. Eins mit dem Wind zu sein.

Warum ist der Schmerz so stark...?

Langsam ließ er die Zügel los und sah in den Himmel auf, der jetzt düster geworden war. Die Sterne leuchteten am Himmel. Eine leichte Brise strich über das land und berührte sanft seinen Körper. Er mochte das Gefühl.

Und bis er die Antworten und Lösungen auf seine Fragen gefunden hätte, würde er noch ein bisschen mit dem Wind vereint bleiben.

 

fin

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