[Chayneh, Wintermond 982]

 

Eigentlich war Chayneh ein schlechtes Dorf. Pakuna mochte das Dorf und die Leute hier nicht, weil sie, besonders die Männer, sie den ganzen Tag gierig wie die Raubkatzen anstarrten.

Mit Raubkatzen konnte Pakuna fertig werden, ihr Vater hatte ihr einmal beigebracht, wie man mit der Schleuder umging. Aber damals waren sie ja noch in Dokahsan gewesen.

Hier in Senjo war es den Frauen verboten, Waffen zu tragen. Auch, wenn die Schleuder eine Frauenwaffe war. Und Ram würde niemals zulassen, dass Pakuna etwas tat, was verboten war, wenn es dadurch Probleme geben würde. So wie es Probleme geben würde mit den Leuten in Chayneh, die Pakuna nicht mochte. Aber auch, wenn sie mit der Schleuder umgehen konnte, sie könnte sich jetzt nicht gegen die Menschen wehren mit ihrem kugelrunden Bauch, in dem ihr ungeborenes Kind zappelte und schon seit Tagen gerne geboren worden wäre, aber irgendeine Macht der Schöpfung hatte es zum Glück aufgehalten, bis sie in Chayneh angekommen waren.

"Du kannst nicht mitten in der Wildnis allein ein Kind gebären, Pakuna!" hatte Ram oft gesagt, "Es wird höchste Zeit, dass wir irgendein Dorf finden."

Jetzt waren sie also in Chayneh, und es war dreckig und dunkel hier. Pakuna hatte sofort gewusst, dass es ein schlechter Ort für ihr Baby war, aber sie hatte nichts gesagt, weil sie ihrem Mann keinen Ärger machen wollte. Außerdem gab es hier keine blutenden Himmel und keine Zuyyaner, so wie in Dokahsan. Eigentlich waren sie nur wegen der Angriffe der Zuyyaner aus Dokahsan geflohen, weil die Zuyyaner die Landschaft verwüsteten. Krieg war etwas Schreckliches, fand Pakuna.

Pakuna schämte sich, weil sie so undankbar war und das Dorf Chayneh nicht ehrte, in dem ihr Kind sicher zur Welt kommen könnte. Alleine mit Ram in der Wildnis hätten sie niemals die Mittel für eine richtige Geburt gehabt, und Pakuna hatte Angst gehabt, das Kind zu verlieren. Jetzt hatten sie ein Dorf gefunden, aber Pakuna mochte das Dorf nicht. Obwohl die Menschen sie verständnisvoll aufgenommen hatten, aber die Männer starrten Pakuna immerzu an, und die junge Frau wusste, was sie vorhatten, wenn das Kind auf der Welt wäre.

 

Ram Derran saß schweigend und mit einem ausdruckslosen Blick vor der kleinen Holzhütte, die die Menschen in Chayneh ihm und Pakuna zum Wohnen überlassen hatten, und starrte in die rötliche Färbung der Dämmerung. Es war kalt draußen, und der Mann war froh, seinen Wintermantel dabei zu haben, während er draußen vor der Hütte im Sand hockte und manchmal an seine Frau dachte, die in der Bluthütte in den Wehen lag und gerade sein Kind zur Welt brachte. In Chayneh war es eine wichtige Regel, dass die Männer die Bluthütte während einer Geburt nichtmal ansehen durften, deshalb saß er auch vor seiner Hütte, weil die Bluthütte so hinter ihm am anderen Ende des Dorfes war. Er würde es ganz sicher nicht wagen, sich den Geistern zu widersetzen.

Es war still im Dorf, kaum jemand war so blöd, in der Kälte des Wintermondes draußen zu sitzen, nur er Trottel. Doch plötzlich kam der Häuptling des Dorfes auf Ram Derran zu. Es war ein großer, kräftiger Mann, und Ram Derran dachte, dass es kein Mensch der Welt wagen sollte, ihn herauszufordern, denn sein Faustschlag dürfte die Kraft eines Chinohtops-Fußes haben.

Wo der hinhaut, wächst kein Gras mehr, dachte der Schamane zu sich, und es war besser, das zu tun, was Häuptling Harith sagte.

"Steh auf, Zauberer!" befahl der große Mann Ram Derran, und gehorsam kam Ram auf die Beine.

"Was hast du mir zu sagen, Häuptling?" fragte er nur, und der Mann kam vor ihm zum Stehen, Ram Derran musste den Kopf heben, um ihm in sein gegerbtes und schmutziges Gesicht sehen zu können.

"Es geht um das Kind, das deine Frau gerade zur Welt bringt!" sagte der Häuptling ernst, "Du weißt, Zauberer, dass der Hungermond vor der Tür steht und wir wegen der Zuyyaner, die ganz Tharr überfallen, kaum zu Essen haben! Deine Frau wird nicht genug Milch für das Baby haben, wenn der Hungermond eintritt, weil wir nicht genug Essen haben. Wenn sie das Baby nicht ernähren kann – wenn es ein schwaches Kind ist, Zauberer... dann verlange ich, dass du es im Wintersturm aussetzt und seine Ohren, Augen, Mund und Nase mit Schnee verstopfst! Der Hungermond ist eine sehr schlechte Zeit für Babys, und hier haben viele Männer schon ihre Babys im Winter ausgesetzt, um ihre Frauen am Leben zu halten." Ram Derran sah ihn an.

"Aussetzen??!" wunderte er sich, "U-und – mit Schnee verstopfen??"

"Ja, genau," entgegnete Harith streng, "So, wie wir es hier seit Ewigkeiten tun, dem Wohl des Dorfes zu Gute, Zauberer! Ich weiß ja nicht, woher du kommst – wenn sie es in deinem Dorf anders gemacht haben – Pech. Jetzt bist du hier." Ram Derran blinzelte einige Male und ließ sich die Worte des großen Typen durch den Kopf gehen.

"Ja – natürlich," sagte er dann, "Und – wenn es ein gutes Kind ist? Ein starkes Kind?" Harith lachte laut.

"Oh ja!" sagte er, "Deine Frau macht wirklich einen guten und starken Eindruck! – Ich werde Lapu zu deiner Frau schicken, er wird uns die Zeichen der Mächte der Schöpfung erklären. Wenn Lapu uns gute Zeichen bringt, wird es ein gutes Kind werden!" Ram Derran erwiederte nichts darauf und dachte mit großer Skepsis an den Schamanen Lapu, der hier in Chayneh den Ruf eines großen Magiers hatte und daher hoch angesehen wurde. Er war so etwas wie Hariths rechte Hand, und Ram Derran fragte sich, wie groß die Macht des großen Lapu wirklich war – Pakuna hatte gesagt, er wäre Telepath, hätte aber zur Hälfte auch weiße Gene. Was konnte an einem halben Seelenmagier und einem halben Heiler großartig mächtig sein?

Nun, für die schlichten Leute in Chayneh war er wohl mächtig genug. Und ihn sahen sie komisch an, weil der großartige Lapu ihnen erzählt hatte, dass Ram Derran Schwarzmagier war. Auch, wenn er nicht sonderlich geschickt mit der Magie war. Pakuna war eine gute Telepathin und allemal um Längen besser als dieser Amateur Lapu, auf den hier alle hörten, wenn er mit seinen Zeichen das Grüne vom Himmel herunterlog.

"Es ist falsch, was er sagt, der große Lapu," hatte Pakuna einmal zu Ram gesagt, aber ganz leise nur, als sie zusammen in ihrer zerrotteten Hütte auf einem Haufen Felle gelegen hatten. "Er ist in der Magie sehr unbegabt, der Lügner, aber die Einfaltspinsel hier galuben ihm alle."

Ram Derran wusste, dass sie sich nach Dokahsan sehnte, wo es Schamanen auf ihrem Level gab und keine Amateure wie den komischen Vogel Lapu. Eher solche wie Tabari und Nalani Lyra und ihren hochbegabten Sohn Puran. Ram Derran fragte sich, was im Feuer des Krieges aus den Lyras geworden war. Puran hatte ihn immer genervt, als sie noch zur Schule gegangen waren, und hatte sich darüber lustig gemacht, dass er nicht so gut zaubern konnte, und Ram Derran war ihm deshalb noch immer böse. Aber was scherten ihn jetzt die Könige der Schamanen, die mächtigen Lyras? Jetzt waren sie Chayneh.

 

Pakuna schrie, aber sie hatte das Gefühl, dass die Wände der Bluthütte ihre Schreie erstickten, und sie schnappte verzweifelt in der stickigen Hütte nach Luft.

"Komm schon, Zaubererfrau," motivierte sie die erste Frau des Häuptlings, die vor ihr saß, "Streng dich an! Das Baby stirbt sonst, wenn du nicht presst!" Pakuna schluchzte, sie hatte keine Kraft mehr, und schwer atmend lehnte sie sich zurück gegen die Arme der beiden Frauen, die sie seit Stunden in der hockenden Geburtsstellung hielten. Eine von ihnen war Huyana, die zweite Frau des Häuptlings und die einzige Frau in Chayneh, die Pakuna mochte. Die anderen Frauen in Chayneh machten einen einfältigen und simplen Eindruck, sie waren so ganz anders als alle, die sie in Dokahsan gekannt hatte.

Die Luft wurde mit jedem Augenblick stickiger, und Pakuna hatte Angst, zu ersticken. Sie rang nach Luft und keuchte verzweifelt, weil sie zu schwach war, um das Kind zur Welt zu bringen, das gemütlich in ihrem Bauch lag und auf sich warten ließ.

Du bist klug, mein Kleines, dachte Pakuna, Du willst nicht hinaus in die kalte, lieblose Welt. Du möchtest lieber in der schönen, warmen Höhle bleiben, nicht wahr?

"Reiß dich zusammen, Pakuna!" Das war Huyanas Stimme. Pakuna hörte sie durch einen Schleier von Schmerzen und Übelkeit. Sie rüttelte an Pakunas Oberarm, den sie festhielt. "Du schaffst das! Komm, streng dich noch einmal an!"

"Ich kriege... keine Luft..." stöhnte Pakuna, einer Ohnmacht nahe, da durchfuhr sie ein stechender Schmerz, und sie schrie auf, als eine weitere Wehe kam. In der Bluthütte stank es nach Schweiß und Blut, die Luft schien immer drückender zu werden. Mai, die erste Frau des Häuptlings, stand auf und nahm ein viereckiges Holzbrett von der Wand, hinter dem sich eine Öffnung verbarg, durch die jetzt frische, kalte Luft in die Hütte kam. Pakuna keuchte. Die frische Luft tat ihr gut. Huyana wischte ihr sanft mit einem nassen, kalten Lappen über die verschwitzte Stirn.

"Lapu wird sowieso kommen," sagte Mai zu Pakuna, "Er wird uns Zeichen geben, was die Mächte der Schöpfung zu deinem Baby sagen!" Pakuna keuchte mühevoll und rang sich dazu durch, etwas zu sagen.

"Ich bin Telepathin..." stammelte sie, "Ich kann-... selbst Zeichen für mein Kind suchen... ..."

"Lapu ist unser Zauberer!" herrschte die ältere Frau Pakuna wütend an, "Und Lapus Zeichen werden wir folgen, nicht Pakunas!!" Pakuna schloss die Augen. Die Schmerzen kamen wieder. Wie ein Gürtel schienen sie sich fester und fester um ihren prallen Bauch zu spannen, und die Frau schrie laut auf vor Schmerzen.

Niemals!! Niemals werde ich den Zeichen dieses Idioten folgen, der Ram und mich sowieso nicht mag!!!

Die weichen Felle unter ihr, auf denen sie hockte, waren warm und nass von Blut und Fruchtwasser. Sie spürte wieder, wie ihr die Kräfte versagten, und müde sank sie in den Armen der beiden Frauen zusammen. Da flog die Tür auf, und der Zauberer Lapu kam herein. Ihm war es als Zauberer als einzigem Mann in Chayneh erlaubt, die Bluthütte zu betreten.

"Lapu!" säuselte Mai, als er hereinkam, "Was machen die Zeichen, Zauberer? Was siehst du für das Kind der Zaubererfrau?" Pakuna blinzelte den schmalen Lapu an, der ein Gesicht hatte so aschgrau wie der Rock aus Wolfsfell, den Pakuna aus Dokahsan mitgenommen hatte. Ihre Mutter hatte den Rock für sie genäht, und Pakuna mochte den Rock sehr. Aber Lapus Gesicht wirkte wie das eines Untoten, als er mit rauher Stimme seine Prophezeiung sprach.

"Die Mächte der Schöpfung sind launisch!" sagte er zu den Frauen. "Vater Himmel grollt über uns, und ich habe die brennenden Himmelsfeuer gesehen, das bedeutet, das Vater Himmel zornig ist. Das ist ein schlechtes Zeichen für das Kind der Frau aus dem Norden!" Pakuna schrie, als der Schmerz mit einem Schwall Blut wiederkam, und das kleine Baby in ihrem Bauch weigerte sich, herauszukommen.

Vielleicht will es nicht kommen, solange dieser dürre Lapu-Idiot hier drinnen ist! dachte Pakuna wütend, Von wegen schlechte Zeichen!!

Lapu zog aus einem Lederbeutel eine lange Kralle, die mit Bändern und Federn verziert war.

"Es ist besser, wenn wir das Kind der Zaubererfrau töten, bevor es auf der Welt ist. Vater Himmel wird seinen Zorn legen, wenn es tot ist." Pakuna starrte ihn an, und plötzlich war ihre Kraft wieder da, und sie schrie ihn wütend an, als er mit der Kralle auf sie zukam.

"LÜGNER!!!!!!" brüllte sie, "DU BIST EIN LÜGNER, LAPU!!!!!!!!!"

"Pakuna!!" zischte Huyana neben ihr, "Tu das nicht-...!"

"Du wirst meinem Baby nichts antun!!!" schrie Pakuna den Zauberer wütend an, "Oder du kriegst es mit mir zu tun!!!" Alle starrten sie fassungslos an. Wie konnte sie es wagen, vor einem Mann – dazu einem Meistermagier – so eine Klappe zu demonstrieren? Überhaupt, als ob eine Frau in den Wehen eine ernst zu nehmende Gegnerin wäre.

Lapu blieb kalt und ging zurück zur Tür.

"Nun gut," sagte er, "Wir werden sehen! Du glaubst scheinbar, die Mächte der Schöpfung besser zu verstehen als ich, Frau aus dem Norden! Es ist ja nicht mein Problem, wenn du stirbst, oder wenn dein Kind ein Krüppel wird." Damit ging er.

"Das war nicht klug, Pakuna," sagte Mai streng und sah Pakuna böse an. Pakuna keuchte, und mit einem mal kehrte der Schmerz mit aller Heftigkeit zurück, und sie schrie auf, als mit dem letzten Schwall Blut und einer großen Menge Fruchtwasser ihr Baby so plötzlich auf die Welt kam, als wäre es herausgeplatzt. Pakuna sank fast ohnmächtig zusammen vor Erschöpfung, doch sie hörte das Schreien ihres Babys, was sie glücklich machte. Die Frauen eilten herbei, um die Nabelschnur zu durchschneiden und das Baby zu waschen, das voller Blut strampelnd auf den Fellen lag und jetzt zuerst von Mai aufgenommen wurde.

"Pakuna, Pakuna!" hörte Pakuna Huyanas fröhliche Stimme, "Es ist ein kleiner Junge! Und er ist kerngesund!"

"Ein wahrer Prachtkerl, muss man zugeben," addierte eine andere Frau lachend. Pakuna schluchzte glücklich, bevor sie den Kopf hob, um zum ersten mal ihren kleinen Sohn zu sehen, der von Mai und einer anderen, jüngeren Frau gewaschen und dann in Tücher gewickelt wurde. Er war kein Krüppel. Er war das hübscheste und niedlichste Baby der ganzen Welt, fand Pakuna, und sie schluchzte erneut, als sie das Baby zum ersten Mal in den Armen halten und an ihre Brust legen durfte. Lapu musste sich geirrt haben. Vater Himmel konnte garnicht böse über dieses wunderschöne Kind sein.

 

Pakunas Blutungen hörten schnell auf, und die Felle und Laken konnten gewechselt werden, sodass sie auf sauberen Fellen und Tüchern liegen konnte. Bald schon hatten sich sämtliche Dorfbewohner um die Bluthütte versammelt, um das Baby zu sehen. Lapu stand grummelnd im Hintergrund. Niemand hatte seine Zeichen befolgt, und er fürchtete, dass sie Ram Derran jetzt als neuen Zauberer ansehen würden. Das war der Grund, warum er schlechte Zeichen gegeben hatte. Es gab keine schlechten Zeichen für Pakunas Sohn, Lapu hatte sie erfunden. Das, was er gesehen hatte, hatte ihn beängstigt.

Der Junge hat schwarze Gene! Er wird Schwarzmagier werden, und im Gegensatz zu seinem Vater wird er sehr begabt sein und ein mächtiger Schamane sein... er hat eine starke Mutter! Wenn er mächtiger ist als ich, wird er meinen Platz einnehmen... – nein. Ich werde noch dafür sorgen, dass er verschwindet!

"Nun, Häuptling Harith!" meldete sich Lapu zu Wort, und alle drehten sich zu ihm um, während sie vor der Bluthütte standen. "Der Vater des Babys und der Häuptling müssen das Kind annehmen und ihm das Leben gewähren, indem es einen Namen bekommt! Das ist die Tradition der Geister!"

"Ja," sagte Harith und sah Ram Derran an, "Sprich zu deiner Frau, Zauberer! Und du, Frau, frage deinen Mann, ob er das Kind annimmt, das du geboren hast!" Pakuna erhob sich auf den Fellen, sodass sie saß. Der Kleine lag zufrieden schmatzend an ihrer Brust und trank. Er war ganz still und quengelte überhaupt nicht.

"Ram," flüsterte sie ergeben und sah ihren Mann an, "Wirst du... dieses Kind, das ich geboren habe, annehmen und ihm das Leben gewähren?"

"Es ist ein gutes, starkes Kind," ergänzte Huyana leise, "Es ist ein gesundes und kräftiges Baby, und deine Frau hat genug Milch für es." Ram Derran musterte Pakuna und das Baby skeptisch. Er hatte eigentlich auf ein Mädchen gehofft – Mädchen konnten arbeiten und brächten Geld ein, wenn sie verheiratet würden. Andere Männer freuten sich über Söhne als Erben ihres Blutes. Aber in Derrans Familie gab es nichts zu vererben. Es war eine Familie mit schwachem, magischen Blut, und Ram Derran war nicht interessiert an einem Erben, der das verschandelte Blut seiner Familie fortsetzen würde.

Pakuna missverstand Rams Zögern und machte ein erschrockenes und ängstliches Gesicht, als sie das Schlimmste befürchtete.

"Ram-...??"

"Ich, Ram Derran, nehme dieses Kind meiner Frau Pakuna an," sagte Ram Derran dann, und lautes Gemurmel ging unter den Leuten los, Pakuna strahlte, als er sich an ihre Seite hockte und dem Baby über den Kopf strich. "Gib ihm einen Namen, Pakuna," verlangte Ram dann von seiner Frau, "Damit er einen Lebensgeist bekommt." Lapu brummte hinten vor sich hin. Pakuna sah ihren Mann an und strahlte.

"Ich will ihn Zoras nennen," sagte sie mit Blick auf das zufrieden trinkende Kind an ihrer Brust, "So hieß der Vater meiner Mutter, er hatte auch zwei schwarze Gene, wie unser Sohn. Er war ein starker Magier – ich möchte, dass mit dem Geist meines Großvaters auch seine Stärke auf das Kind übergeht, und eines Tages wird er ein guter Schamane sein." Ram Derran sah seine Frau ausdruckslos an, als sie das sagte, und er nickte apathisch. Damit hatte der Junge einen Namen und hieß jetzt Zoras.

"Gut, gut!" rief Harith zu Rams Erstaunen gut gelaunt und klatschte in die Hände, "Sehr gut. Ich schließe mich dem Willen der neuen Familie an und gewähre deinem Sohn Zoras das Leben hier in Chayneh." Pakuna strahlte wieder, dann strahlte sie ihren Mann an, der noch immer starr neben ihr saß, als wäre er plötzlich ein Felsen geworden. Die Frau dankte ihm glücklich dafür, mit dem Namen des Kindes einen ihrer Vorfahren ehren zu dürfen, und Ram Derran erhob sich wortlos.

"Besser deine Vorfahren als meine," sagte er dann dumpf.

Von wegen schlechte Zeichen, alter Narr, Lapu! lachte Pakuna innerlich auf, Alle nehmen meinen Sohn an, nichts ist schlecht! Du hast dich wohl geirrt.

Lapu kehrte der Versammlung den Rücken zu und verschwand in seiner Hütte, vor sich hingrummelnd. Das alles passte ihm garnicht.

Du wirst deine schlechten Zeichen noch bekommen, Pakuna! Das schwöre ich!!

 

Die Zeiten wurden schlechter, sobald der Hungermond eingetreten war. Das Essen wurde zunehmend knapper, und die Männer kamen von der Jagd mit leeren Händen zurück.

"Das Wild ist weg," hörte Pakuna einen der Männer sagen, als er mit drei anderen zurück ins Dorf kehrte und Harith Bericht erstattete. Pakuna saß draußen vor ihrer Hütte an dem fast rauchlosen Feuer, über dem sie in einem Topf Wasser erwärmte. In der kleinen Holzhütte gab es keinen Schornstein, deshalb musste sie das Feuer draußen machen, obwohl es schneite und ein kalter Wind durch das Dorf fuhr.

"Wir werden uns auf das Frauenfleisch hier im Dorf und vielleicht Fallen beschränken müssen!" hörte Pakuna dann Harith sagen, "Und ich werde Lapu bitten, den Geistern des Wildes Gesänge anzustimmen, damit es zurückkommt, bevor der Hungermond uns alle dahinrafft."

Pakuna sah seufzend auf ihren Wassertopf. Der Säugling lag an ihrer Brust und trank. Pakuna wusste, dass die Milch weniger geworden war un ihre Brüste austrocknen würden, wenn sie nicht genug zu Essen bekäme. Sie war froh, dass der Kleine niemals quengelte, sondern ganz ruhig und friedlich weiter die Milch trank, die noch übrig war. Wenn er quengeln würde, wüssten alle, dass Pakunas Milch nicht reichte, und Lapu würde alles dafür tun, damit Ram seinen Sohn aussetzen und mit Schnee ersticken musste. Die schwarzhaarige Frau wusste sogar ohne ihre telepathischen Kräfte, dass Lapu wie ein Geier auf eine Gelegenheit wartete, den Säugling loszuwerden, und sie wusste auch, warum.

Mein Sohn wird eines Tages ein besserer Schamane sein als du, törichter Lapu! sagte Pakuna in Gedanken zu dem schmalen, grauen Zauberer, Du weißt das und willst ihn wegschaffen, weil er dir ein Dorn im Auge ist! Aber ich werde niemals zulassen, dass du Zoras auch nur ein Haar krümmst!!

Sie strich dem Baby über den Kopf. Der Kleine war satt und hatte ihre Brust losgelassen, jetzt schlief er zufrieden in den Armen seiner hübschen Mutter. Auf dem Kopf des Kleinen wuchs ein Flaum pechschwarzer Haare – er hatte die Haare seiner Mutter.

Pakuna gefiel es nicht, wie die Männer sie ansahen, wenn sie an ihr vorbei zu ihren Hütten gingen. Solange sie noch das Kind stillte, durfte kein Mann sie anrühren – aber wenn die Milch alle und das Kind ausgesetzt würde...

Die Frauen in Chayneh dagegen freuten sich zum größten Teil über Pakunas Säugling. Manche, mit ihnen auch die kleine, schmale Huyana, kamen oft zu ihr und redeten mit ihr.

"Der Kleine ist genauso hübsch wie seine Mutter!" sagte Huyana oft verträumt, "Er wird einmal ein wunderschöner Mann werden und eine unserer Töchter heiraten, was meint ihr?" Dann brach stets mädchenhaftes Gekicher aus, vor allem, wenn einige der Frauen ihre Babys mitgebracht hatten und bereits große Hochzeiten planten. Pakuna war sich nicht sicher, ob sie noch in Chayneh sein würden, wenn Zoras einmal ein Mann sein sollte. Sie hoffte es zumindest nicht.

 

Als sich die Männer des Dorfes jetzt auf dem großen Platz versammelten, um über die bedrohliche Lage im Hungermond zu sprechen, stand Pakuna vorsichtig auf und hörte ihren Gesprächen zu.

"Das Wild ist weg, uns bleiben noch die Schweine, Ziegen und Hühner," sagte einer der Männer, "Die Ziegen geben keine Milch mehr, und unseren Frauen trocknen die Brüste auch allmählich aus..."

"Mit dem Hungermond bestraft Vater Himmel uns Menschen für alle Sünden, die wir im vergangenen Jahr begangen haben!" orakelte Lapu, und Pakuna erschauderte, als sie seine schneidende Stimme hörte. "Seht zu, dass wir mit dem Fleisch im Dorf auskommen, bis die Zeit des Tauens angebrochen ist. – Wenn die Frauen keine Milch mehr für ihre Babys haben, verlangt es das Gesetz der Geister, dass wir ihre Seelen dem Wind überlassen! Zum Wohl des Dorfes und eurer Frauen, denen die Säuglinge das Leben aus den Brüsten saugen." Er sah plötzlich Ram Derran funkelnd an. "Und es wird keine Ausnahmen geben, wer sein Kind aussetzt, und wer nicht!" Pakuna sah rasch zur Seite bei diesen Worten. Lapu fuhr fort: "Die Zeichen der Geister sind im Hungermond schwer zu lesen. Wenn die Geister mir raten, ein Baby des Dorfes auszusetzen, werde ich das tun, darauf verlasst euch! Heult nicht euren kleinen Fleischklumpen hinterher, die nichts nütze sind, solange sie nichtmal gehen können! Es ist zum Wohl des Dorfes! Und wer sich dem Willen der Geister widersetzt... wird hart bestraft."

 

"Ram... – Ram, bitte!" flehte Pakuna ihren Mann an, als er zurück zur Hütte kehrte und sich drinnen mit einem Brummen auf sein Bettenlager setzte. "Wir müssen fort! Wir müssen noch heute fort, Ram! Ich weiß, dass er uns unser Kind nehmen will, sobald sich die Gelegenheit dazu ergibt!"

"Du bist töricht, Pakuna," schnappte Ram Derran, "Wohin willst du im Hungermond gehen??!! Wir sterben da draußen im Schnee!! Du wirst noch neue Söhne gebären, auch, wenn wir diesen hier aussetzen müssen." Pakuna starrte ihn an.

"D-das kann dir doch nicht recht sein!!!" rief sie aufgebracht, "Lapu lügt!!! Er lügt wie gedruckt, er sucht nur eine Möglichkeit, um Zoras loszuwerden!!"

"Ich glaube, du wirst paranoid, Pakuna, von diesem komischen Lapu!! – Ich mag ihn doch auch nicht, verdammt! Aber manchmal muss man auch Opfer bringen, wenn man leben will, Pakuna!"

"Aber nicht mein Baby!!" fuhr sie auf, "I-ich-... ich will nicht, dass er ausgesetzt wird!! Wenn Lapu kommt und meinem Kind etwas antun will, dann werde ich mit ihm gehen!!" Ram Derran stand auf.

"Pakuna!!" warnte er sie zornig, doch sie legte das schlafende Kind in ein Nest aus Fellen und Decken, was das Bettchen des Kleinen war, und deckte ihn mit einer dicken Felldecke zu, damit er nicht fror. Dann ging sie zu ihrem Mann und umarmte ihn mit einem leisen Wimmern.

"Bitte, Ram-..." schluchzte sie, "I-ich weiß, du... hättest lieber ein Mädchen gewollt, oder...?" Er antwortete nicht, sondern umarmte sie auch zärtlich. "Ich weiß, wir haben nichts, was wir vererben könnten – kein starkes Blut... aber das ist doch egal! Er ist dein Sohn, Ram, das ist alles, was zählt! Und... er ist mir in dem einen Mond so sehr ans Herz gewachsen... er ist ein Teil von mir, Ram. Und auch von dir."

"Shhh, Pakuna..." machte Ram Derran und strich seiner Frau über den Kopf, durch ihre schwarzen, langen Haare, die so weich waren wie das Winterfell eines Hirsches. "Wir werden schon sehen."

 

Es waren kaum wenige Tage vergangen, seit Lapu mit dem Aussetzen der Kinder gedroht hatte, dann kam er mit seinen schlechten Zeichen so plötzlich zu der kleinen Hütte der Derrans, dass sowohl Pakuna als auch Ram Derran hochschreckten und den Zauberer anstarrten, der in der Tür stand wie eine Gewitterwolke, die jeden Moment einen heftigen Sturm und einen Platzregen in die Hütte ergießen wollte.

"Lapu!" sagte Ram als Erster, und der magere Zauberer grinste böse, Pakuna fixierend.

"Die Zeichen haben mich hergeführt, Frau aus dem Norden. Ich nehme an, du weißt, warum?" Pakuna schrie auf und drückte das Baby an sich.

"NEIN!!!" schrie sie, "Du bekommst mein Baby nicht, du Lügner!!!" Lapu seufzte.

"Ich habe euch neulich gewarnt! Wer sich dem Willen der Geister widersetzt..."

"Pah, von wegen Wille der Geister!!!" fauchte Pakuna wütend, "Das ist dein Wille!!! Nicht der der Mächte der Schöpfung!!!" Lapus Gesicht wurde finsterer, als Pakuna sprach.

"Ich weiß wohl, dass du... aus Dokahsan kommst und dich für etwas Besseres hältst, Frau aus dem Norden!! Dokahsan, die Elite-Provinz der Magier, nicht wahr?? Bist du aufgewachsen in einem großen Haus mit goldenem Giebel, sag es mir, Frau aus dem Norden! Bist du aufgewachsen mit der... Crème de la Crème, Pakuna? Mit Leuten wie Lyras und Kohdars?..." Pakuna zischte.

"Als ob du Puran Lyra kennen würdest, er ist kein Lügner wie du, er braucht keine falschen Zeichen, um ein Herr der Geister zu sein!"

"Pakuna!" warf Ram ein, "Sei still!!! Was verlangt Lapu von mir??"

"Das weißt du sehr genau, Zauberer," lachte Lapu böse, "Gib mir dein Kind! Gib mir den Jungen, und zum Wohl des Dorfes werde ich ihn töten, ihn mit Schnee ersticken und ihn vorher schlagen, damit er schreit..."

"NEIN!!!!!!" kreischte Pakuna und drückte das Baby an sich, das abgehackte, wimmernde Laute von sich gab. Lapu sah das Baby wütend an.

"Er schreit niemals!" sagte er erzürnt, "Warum schreit dein Kind nicht, Pakuna??!" Er ging auf Pakuna zu, um ihr Zoras zu entreißen, doch im nächsten Moment erfasste ihn ein Blitz von der Seite und schmetterte ihn aus der Hütte hinaus zu Boden, wo er mit dem Kopf gegen einen Stein schlug, was ihm das Genick brach. Sofort war der Lügner tot. Ram Derran stand wutentbrannt in der Hütte mit ausgestrecktem Arm. Pakuna sank kreidebleich zu Boden und drückte zitternd das Kind an sich, während sie die magische Aura ihres Mannes verschwinden spürte. Er hatte gezaubert – das tat es so gut wie nie. Aber es war ein gutes Stück Magie gewesen, und es hatte Lapu getötet.

"Scheisse," platzte Ram heraus, "Ich wollte ihn garnicht umbringen-..."

"Versteck ihn!" flüsterte Pakuna ängstlich, "Schnell, hol ihn herein!! Versteck ihn unter den Fellen, und wir packen unsere Sachen und verschwinden! Harith wird dich töten, wenn er es erfährt..." Ram Derran fuhr sich stöhnend durch die Haare und zerrte dann so schnell er konnte die Leiche des Zauberers in die Hütte. Seine Platzwunde am Kopf hinterließ eine Blutspur auf der Erde, und Pakuna beeilte sich, sie zu verwischen, dann trat sie das Feuer vor der Hütte aus. Drinnen vergrub ihr Mann den toten Mann unter einem Haufen Felle, und Pakuna sah zu, dass sie alles zusammensuchte, was ihnen gehörte, alles band und schnallte sie an ihre Rückentrage, die Ram und sie vor einiger Zeit einmal aus Knochen gebaut hatten. Sie nahm Decken und Felle mit, die Töpfe, Messer, den Rest des eingelegten Fleisches, das sie noch hatten, einiges an kleinen Stöckern und den Vorrat an Moos, den sie sich angelegt hatte. Das Moos war gut, um Wunden zu heilen und Blut zu stillen, wenn es getrocknet wurde. In der Zeit in Chayneh hatte Pakuna viel Moos gesammelt.

"Los, gehen wir, bevor jemand den komischen Vogel vermisst!" brummte Ram Derran, und er nahm dem Zauberer noch seinen Lederbeutel ab, in dem heilende Kräuter und auch die seltsame, beschmückte Kralle waren. Wer wusste schon, wofür die nochmal gut sein könnte.

Draußen schneite es stärker als vorher, als die kleine Familie die Hütte verließ. Es war bereits dunkel, und von der gegenüberliegenden Hütte nahm Ram Derran eine Fackel, die dort als Außenlicht im Boden steckte, dann nahm er Pakunas Hand, und sie verließen das Dorf, so schnell sie konnte, ohne gesehen zu werden.

 

Pakuna dankte den Schneegeistern unterwegs ununterbrochen und bat sie, mehr und mehr Schnee fallen zu lassen, der ihre Spuren verdeckte und sie, Ram und das Baby vor den Verfolgern schützen konnte. Sie wusste dank ihres sechsten Sinnes, den alle Schamanen hatten, sofern sie auch nur einigermaßen begabt mit der Magie waren – und Telepathen hatten den Sinn noch ausgeprägter – dass die Menschen in Chayneh wütend über Lapus Tod waren und sie auf jeden Fall verfolgen würden, bis sie ihre Spuren verlieren würden.

Sie hatte den Säugling in das dicke, flauschige Fell gewickelt, das sie sonst als Decke für ihn benutzt hatte, und nur die Nasenspitze des Kleinen lugte aus dem festgeschnürten Fell hervor, damit er bloß keinen Schnee abbekam. Sie selbst hatte ihren Wintermantel und den warmen, grauen Rock aus Wolfsfell an, die Kapuze ihres Mantels hatte sie sich tief ins Gesicht gezogen, so tat es auch ihr Mann, der sie an der Hand hielt und mit ihr durch den Schneesturm irrte. Die Fackel war längst erloschen. Ram Derran hatte es mit einer Vaira auf der Hand ausprobiert, aber auch die magische Flamme war vom Schnee ständig ausgeblasen worden.

"Pakuna, wir müssen einen Unterschlupf finden!" sagte Ram zu seiner verschreckten Frau, die ihn unter ihrer Pelzkapuze aus ihren großen Antilopenaugen anstarrte.

"Natürlich!" sagte sie, "Aber wo...?"

"Wenn wir keinen Unterschlupf finden, werden wir erfrieren!" sagte Ram Derran scharf, "Komm! Wir müssen weiter, weg von Chayneh." Er sah sich skeptisch um. Er bereute es einerseits, den komischen Möchtegern-Zauberer getötet zu haben und aus Chayneh geflohen zu sein. Er hätte Zoras aussetzen und ersticken sollen. Dann hätten Pakuna und er jetzt eine sichere Heimat in Chayneh, mit oder ohne dem blöden Lapu oder dem komischen Harith mit seiner hochnäsigen Frau Mai. Er gäbe viel darum, Pakuna und sich irgendwo sicher vor dem Sturm zu wissen. Lieber hätte er das Kind ausgesetzt und hätte dafür eine Heimat, statt mit dem eingepackten Säugling sein und Pakunas Leben in Gefahr zu bringen, indem er mit ihr durch den Schneesturm lief.

Pakuna hätte viele Kinder haben können! Sie hätte doch neue Söhne und Töchter bekommen, warum hängt sie so an diesem einen?

Er senkte den Kopf, als er daran dachte, wie Lapu mit allen Mitteln versucht hatte, das Baby loszuwerden. Er fragte sich, ob Lapu das nicht mit allen von Pakunas Kindern abgezogen hätte – ja, selbst, wenn sie im Sommermond geboren wären, hätte Lapu wahrscheinlich etwas dafür getan, dass sie weg mussten. Warum hatte der magere Zauberer so einen Groll gegen ihn und Pakuna gehegt? Hatten sie ihm jemals etwas getan?

Pakuna erriet Rams Gedanken, wie sie es oft tat.

"Er hatte Angst um seine Stellung," sagte sie zu ihm, und Ram Derran sah sie erschrocken an.

"Was??!"

"Er hatte Angst, dass Zoras einmal stärker ist als er, und dass Harith dann ihn zum Zauberer gemacht hätte... dass noch andere Schamanen in Chayneh aufkreuzten, hat ihn von Anfang an gestört, deshalb hat er uns so gehasst, Ram..."

"So ein Tor," schnaubte Ram Derran und packte Pakunas Hand fester, "Ich finde Magier töricht, die ihre Gabe dazu ausnutzen, um Menschen zu unterdrücken, die nicht zaubern können!"

"So ist es," flüsterte Pakuna leise. Zoras quengelte in seinem Bündel aus weichen Fellen und zappelte, und sie wiegte ihn beruhigend auf ihren Armen hin und her. "Oh nein, wir brauchen wirklich einen Unterschlupf-... – sieh-..." Das Kind knabberte an Pakunas Mantel und suchte verzweifelt nach ihrer Brustwarze, um daran zu trinken. Ram Derran sah das hilflose, zappelnde und schluchzende Menschenkind auf den Armen seiner Frau und bereute es für einen Moment, daran gedacht zu haben, das arme Kleine auszusetzen. Das Kind fing an zu weinen, als es die Brustwarze der Mutter nicht fand, weil der Mantel und die Kleider darüber waren. Im Dorf hatte Pakuna meistens, solange sie drinnen war, ihre Bluse halb offen gelassen, und das Baby hatte dann, wenn es Hunger bekam, einfach nach ihrer Brustwarze gesucht, und wenn es sie gefunden hatte, hatte es zufrieden daran gesaugt und sie wieder losgelassen, wenn es satt war. Jetzt würde das Kleine warten müssen, bis sie einen Unterschlupf gefunden hatten, der sie vor dem Sturm schützte. Vorher konnte Pakuna ihm nicht die Brust geben, es war einfach zu kalt. "Bitte, Ram... wir müssen etwas finden!" Ram Derran sah sich ratlos nach einem Unterschlupf um, aber der Schnee nahm ihm die Sicht.

"Ihr Windgeister!!" rief er dann laut dem Sturm entgegen, "Hört mich an!! Ich bitte euch, gebt uns einen Unterschlupf! Damit meine Frau das Baby stillen kann, es wird sonst sterben!" Der Sturm wehte ihm seine Stimme zurück ins Gesicht, und der Mann ließ verzweifelt die Arme sinken. Es schien hoffnungslos.

Doch plötzlich, als eine Schneeböhe gerade vorbeigeweht war und kurz Zeit gab, die hintere Landschaft anzusehen, schrie Pakuna auf.

"Eine Höhle, sieh!! Da vorne in den Bergen ist eine Höhle!!"

"Dem Himmel sei Dank," brummelte Ram Derran, und er zog seine erschöpfte Frau mit dem weinenden Kind weiter nach Westen, bis sie das große, graue Gebirge erreichten. Der Schnee wehte darum herum wie ein lauerndes Raubtier. Die Steine waren nass vom Schnee und glatt, weil der Schnee zum Teil auf ihnen gefroren war. Ram Derran und Pakuna hatten große Mühe, die Felsen zu erklettern, bis sie den Felsvorsprung erreichten, auf dem im Schatten des großen Berges die geräumige Höhle war. Sie war trocken und von Sturm und Schnee völlig geschützt, und als sie sich erschöpft und müde in ihrem neuen Zu Hause niederließen, war Pakuna den Himmelsgeistern dankbar für das Gebirge, das sie vor dem Unwetter gerettet hatte.

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