5.
Akando Jamali war kein Dummkopf. Und er hatte recht behalten 988 ging der Krieg weiter. Ohne Vorwarnung attackierte Igrajyo Zhunkan mit einer inzwischen gestärkten und verdreifachten Armee Tharr aus dem Hinterhalt. Dieses mal griffen sie den ganzen Kontinenten Zarailla, auf dem auch Kisara lag, von allen Seiten zugleich an. Zu seinem Pech hatten die Tharraner etwas derartiges auch befürchtet und waren dementsprechend nicht so schlecht gerüstet, wie er erwartet hatte. Zumindest die Hälfte von ihnen. Es gab genug Ecken, an denen es an Geld und Mitteln fehlte, um sich zu verteidigen, wo selbst die Jüngsten und die Ältesten in die Schlacht geschickt wurden.
"Was soll der Krieg?" fragte Akando Jamali den Kaiser einmal mehr, als er vor ihm im Arbeitszimmer stand. Der Kaiser stand an seinem Tisch, erneut über die Karte von Tharr gebeugt, die Chenoa gemalt hatte. Chenoa saß hinter ihm in der Ecke des Raumes und sah nur kurz von den Pergamenten auf, die sie las. Inzwischen neunzehn Jahre alt, war sie eine erwachsene und reife Frau geworden. Die Männer drehten sich reihenweise nach ihr um ihre Haare waren wieder gewachsen und hüftlang, und sie war eine bildhübsche Frau, die jeder zweite Mann, der sie sah, zu gerne bei sich gehabt hätte. Zum Pech aller Männer interessierte Chenoa sich nicht im Geringsten für die Liebe. Akando Jamali hatte sie einmal bescheiden nach diesem Thema gefragt:
"Was ist mit dir, Chenoa? Du bist jetzt eine Frau... willst du dir garkeinen Mann suchen, den du lieben kannst?"
"Nein," hatte sie kaltblütig geantwortet, "Ich bin als Jchrrah geboren und werde als Jchrrah sterben, genau wie der Rest meines Clans und mein Bruder. Niemals werde ich einen Mann heiraten."
"Du musst ja nicht heiraten, um jemanden zu lieben, brauchst du nicht gleich seine Frau zu werden." Sie hatte ihn mit einem Blick angesehen, den er niemals zuvor bei einer Sterblichen gesehen hatte, und das hatte ihn etwas verunsichert.
"Liebe... Akando... sag mir, was das ist. Ich glaube, ich habe... es vergessen."
"Was der Krieg soll?" wiederholte Igrajyo Zhunkan da seine Frage und riss den Grünhaarigen somit aus seinen Gedanken. Chenoa senkte den Kopf wieder über ihre Papiere. Der Kaiser schien über die Frage verwirrt. "Äh was genau... meint Ihr damit?"
"Das Warum," kam von Akando Jamali, während er Chenoa fixierte. Sie sah ihn nicht an, aber er wusste, dass sie seine Blicke spüren konnte.
"Aah..." murmelte der Kaiser und steckte seine Schreibfeder in das Tintenfass. "Das Warum, Sir Jamali fragt nach dem Warum. Nun... Ihr kennt die Geschichte der Atarus, nicht wahr? Der Raubtiere... die auch die Boten Kataris genannt werden. Ihr wisst, wieso Katari sie uns geschickt hat...? Warum es sie gibt?"
"Ja."
"Nun, sagt es mir, Sir Jamali." Er sah dem Grünhaarigen in die Augen, die plötzlich müde wirkten. Er ließ seinen Blick kurz auf Akando Jamalis Pfeife schwenken, die er in der Hand trug, nicht angezündet.
"Katari hat sie geschickt, damit sie die Menschen lehren, was Furcht bedeutet. Damit sie uns jagen und wir nie vergessen, wer Katari ist."
"Genau," bestätigte der Mann nickend. Chenoa sah wieder auf, als er um Akando herumging und dabei wieder seine Pfeife fixierte. "Und wir... zeigen den Tharranern... jetzt, was Furcht ist. Wir jagen sie... damit sie nicht vergessen, wer die Zuyyaner sind. Damit sie... uns in Zukunft in Ruhe lassen!"
"Genug!!" fuhr Akando Jamali ihm dazwischen, "Majestät!! Was Ihr da sagt, ist eine Lästerung an Katari, dem einmaligen Gott!! Es gibt keinen anderen Gott als Katari! Und kein sterbliches Wesen ist befugt, sich mit ihm gleichzustellen! Ihr tut so, als wärt Ihr Katari, und tötet deshalb die Tharraner?! Majestät, dieser Krieg muss auf der Stelle abgebrochen werden. Katari wird diese Lästerung nicht auf sich sitzen lassen und uns das spüren lassen! Wollt Ihr das?" Der Kaiser stoppte im Gehen genau vor Akandos Nase und sah ihn mit seinen hellen Augen böse an.
"Ihr... seht schon wieder das Ende der Welt, nicht wahr?!" zischte er ihn an. "Sir Jamali... Ihr... seid kein zuverlässiger Seher mehr für mich! Ihr seid bloß... ein Drogenabhängiger Verrückter, weiter nichts." Jetzt legte Chenoa die Papiere weg, und Akando Jamali brauchte lange, um zu antworten.
"Ihr vertraut mir nicht? Ihr wisst, wer ich bin. Ihr wisst, welches Blut durch meine Adern fließt das Blut des Jamali-Clans! Das Blut... das auch durch Eure Adern fließt! Ich sehe, was ich sehe, und ich sehe, dass Katari zornig ist. Die Pfeife meint Ihr? Das ist harmloser Tabak da drin. Ganz normaler Tabak."
"Ihr macht mir nichts vor!" brummte Igrajyo Zhunkan, "Ich weiß genau von den Drogen, die Ihr raucht, von den Blättern, die Ihr verbrennt, deren Rauch Euch auf die andere Seite des Himmels bringt und Euch Dinge sehen lässt!" Schweigen.
"Ja, gut," grinste Akando Jamali dann, "Aber dann müsstet Ihr auch wissen, dass ich diese Drogen schon nehme, seit ich zwölf bin zu einer Zeit, in der der alte Kaiser mir wunderbar geglaubt hat. Und damals... waren alle meine Voraussagungen richtig, oder nicht?"
"Vielleicht wart Ihr da noch nicht so ein Kiffer wie jetzt," grummelte der Kaiser, "Ihr habt Euch einfach geirrt. Wollt Ihr meine Version der Geschichte hören? Ihr sagt, Katari würde zornig! Ich denke das nicht, wisst Ihr, wieso? Weil wir den Tharranern gleichzeitig auch beibringen... wer Katari ist! Dieser Krieg ist im Namen von Katari! Er hat ihn unterschrieben und besiegelt! Es ist... ihm recht so."
"Majestät, Ihr hört nicht zu."
"Mir egal, was du in deinen Drogenträumen siehst!!" herrschte der Kaiser ihn an, "Sieh zu, dass du rauskommst. Chenoa! Bring mir den Pergament-Krempel, na los." Akando Jamali warf Chenoa einen Blick zu, als sie aufstand. Dann ging er zur Tür und steckte seine Pfeife an.
Später bekam Chenoa frei, weil der Kaiser zufrieden mit ihren Ausarbeitungen war. Sie traf Akando Jamali auf Ahrguls Straßen wieder. Es war Frühjahr des Jahres 989.
"Entschuldige, dass ich dich nicht unterstützt habe, Akando," sagte sie zu ihm, als er ein paar kleine Papiertütchen mit den Blättern in seine Manteltasche stopfte, die er aus einer unscheinbaren, kleinen Apotheke gekauft hatte natürlich auf illegale Weise, weil die giftigen Blätter in Niranya verboten waren. Die Apothekerin kannte ihn schon lange und ließ die Drogen aus dem Ausland einschiffen. "Wir können Ärger am besten vermeiden, wenn wir dem Kaiser aus dem Weg gehen. Ich tue, was er mir sagt, und dann ist er friedlich. Es liegt ohnehin genug Ärger vor uns." Sie sah auf seine Manteltaschen. "Meinst du nicht auch, dass du langsam zu viel von denen rauchst?"
"Ich kriege Schüttelfrost, wenn ich sie nicht nehme," murmelte er, "Ich muss deutlichere Bilder sehen. Je mehr ich nehme, desto besser kann ich sehen. Du weißt, dass ich nicht lüge. Katari ist zornig und wird... uns alle töten wollen."
"Ich weiß," sagte sie, während sie sich auf den Weg nach Okothahp machten. "Ich sehe und höre auch sehr viel. Ich begreife von Tag zu Tag mehr, was wichtig ist, und was nicht. Ich werde zu Hause etwas... Ruhe brauchen. Ich muss mich auf die Stimmen konzentrieren, damit sie mir sagen können, was ich tun muss."
"Geh baden!" schlug er ihr vor, "Das entspannt. Lass dich einfach... vom Schicksalswind treiben." Sie senkte den Kopf, als unter ihnen Jamalis Anwesen in Sicht kam. Sie flogen.
"Danke, Akando. Was wirst du tun? Hoffentlich nicht zu viele Drogen nehmen!" Er lachte.
"Nein. Ich werde ein bisschen mit Thira spielen gehen, ich habe es ihr versprochen! Und heute Nacht gehe ich zu Pavati. Es ist Zeit, dass wir einen Erben für meinen Namen zeugen, einen Sohn."
"Ich verstehe."
Chenoa ging baden, wie Akando es ihr geraten hatte. Es war wie treiben, wenn man einfach so im warmen Wasser lag. Die Bademittel und Kräuter, die ins Wasser kamen, benebelten das Bad wie Akando Jamalis Drogen die Stube, wenn er rauchte. Wenn sie mit den Ohren unter Wasser war, war Chenoa abgeschottet von der realen Welt. Sie hörte ihr eigenes Herz klopfen und spürte ihren Puls im Hals. Sie musste unbedingt herausfinden, was die Zusammenhangslosen Bilder und Worte in ihrem Kopf bedeuten sollten es war wichtig.
Sieben... sieben Kinder hat der Schicksalswind ausgewählt... sieben Kinder, die die einzige Hoffnung der Menschheit tragen, Kataris Zorn zu entkommen...
Chenoa schloss die Augen und sah Bilder. Kleine Kinder. Sie beschwor im Wasser liegend die Reikyu hervor und sah mit leerem Blick hinein. Sah die Kinder laufen. General Ayjtanas kleinen Sohn Simu. Der Junge, der auf Tharr lebte, ohne zu wissen, wer seine Eltern waren, ohne zu wissen, dass er, würde er jemals nach Zuyya zurückkehren, vom Kaiser verfolgt und ermordet werden würde. Sie sah Akando Jamalis kleine Tochter Thira, die mit einer Reikyu auf dem Schoß auf der Couch saß, die grünen Haare aufwendig zusammengeschnürt.
Diese beiden... gehören zu den... sieben Auserwählten...? Simu Ayjtana und... Thira Jamali...
Sie ließ den Kopf weiter ins Wasser sinken, bis auch ihr Gesicht untertauchte, und die Reikyu verschwand.
Sieben Kinder... um dem Zorn Kataris... zu entkommen...
"Erinnere dich an die Tari Randora, Chenoa..."
Der Zorn Kataris kam mit einem gewaltigen Schlag und einem alles zerstörenden, endlosen Feuer aus der Tiefe der Zuyya im Kirschmond des Jahres 989. Es war ein gigantischer, unterirdischer Vulkan, der mit einem riesigen Krachen aus heiterem Himmel explodierte und die ganze Welt in Ruß und brennende Asche tauchte. Beinahe die Hälfte der Landmasse Zuyyas wurde dabei weggesprengt, auch ein großer Teil Niranyas. Plötzlich regnete es Feuer, giftige Asche und gewaltige Steine. Die Erde bebte, als würde der ganze Planet Zuyya durch die Nacht rollen und garnicht stehenbleiben.
"Schnell, kommt!!" brüllte Akando Jamali durch das vom Erdbeben wackelnde Anwesen, "Pavati!! Nimm Thira! Roha, lass alles liegen, wir müssen auf der stelle vor diesem Feuer fliehen! NACH AHRGUL!! Chenoa!!"
"Raus hier!!" schrie Pavati Jamali auch und packte die vor Angst heulende und schreiende Thira, nahm sie auf den Arm, während die kleine Familie mit allen Dienern aus dem Anwesen stolperte. Chenoa flog in die Luft und wich einem fliegenden Felsbrocken aus. Sogar der Himmel wackelte, hatte sie das Gefühl.
"Los, schnell, seht zu, dass ihr wegkommt!! Ich gehe vor, wir müssen so viele Leute wie möglich zusammenpferchen, um sie retten zu können! Akando!! Du weißt, wo die Tari Randora ist, du weißt, was du zu tun hast!" Akando Jamali drehte keuchend den Kopf, als hinter ihm das ganze Land in Flammen stand. Der Himmel war rabenschwarz vom Ruß.
"Das Problem ist, dass der Kaiser nicht informiert ist!" schnappte er, "Er weiß nichts von... der Trias! Er weiß nicht, wozu die Tari Randora da ist! Außer uns dreien hier weiß es keiner, Chenoa!"
"Dann werde ich es ihnen beipulen müssen!!" schrie sie und flog davon. So trennten sie sich.
Als Chenoa in Ahrgul ankam, war aus der einst prächtigen Stadt bereits eine Ruine geworden, weil tausende der Steine die Häuser zertrümmerten und das Feuer aus dem Himmel alles in Brand steckte. Chenoa stieß schon vor dem Palast mit Igrajyo Zhunkan zusammen. Die Feuerwehr lief aufgebracht hin und her in dem Versuch, alles auf einmal zu löschen. Mächtige Wasserzauber wurden gesprochen, doch das alles war nutzlos.
"Majestät!!"
"Chenoa!!" schrie der Kaiser, "Wohin willst du?!"
"Wir müssen sofort von hier fliehen, Sir!! Die Zuyya ist dem Tode geweiht, das hier ist der Zorn Kataris! Wir müssen sofort alle-..."
"Fliehen?!" platzte er heraus, "Nichtsda! Niemand flieht von der Zuyya, Chenoa!! Das hier ist Kataris Nest, und wir sind die Jungvögel! Niemand gibt Kataris Imperium auf! Wir werden es gegen das Feuer verteidigen, ihm trotzen und ihm Kataris Stärke zeigen!" Chenoa glaubte, sich zu verhören.
"W-wie bitte??!! Dafür haben wir keine Zeit!! Der ganze Planet wird sterben!! Wenn nicht durch das Feuer, dann durch die Asche!! Wir müssen fliehen, lasst sofort alle Menschen zusammenrufen!! Die Tari Randora auf dem Hohen Berg ist unsere einzige Chance, zu fliehen!!" Igrajyo Zhunkan fuhr herum.
"Die... Tari Randora?! Ist dir klar, wovon du sprichst?! Die Tari Randora ist ein Geschenk Kataris an die Zuyyaner! Ein Geschenk Kataris an die Kaiserfamilie! So wird es seit Ewigkeiten überliefert! Das bedeutet, die Tari Randora gehört mir. Und ohne mein Einverständnis geht niemand nirgendwohin damit!"
"Majestät!! Es geht um leben und Tod, und Ihr denkt an Besitz??!"
"Ein Geschenk Kataris ist nicht bloß Besitz!!" schimpfte der Kaiser, "Es ist ein heiliges Artefakt! Nur der, dem es zusteht, darf sie berühren! Und wer immer es... nicht darf und es dennoch tut... wird dafür sterben, mit allem, was zu ihm gehört!!"
Chenoa konnte nicht atmen. Sie sah die Feuerwehrmänner brüllend hin und herrennen, sie sah Feuer, Wasser und herumfliegende Steine. Die Erde und der Himmel bebten gleichzeitig, als der Ascheregen über Ahrgul stärker wurde.
Akando!
Sie musste zurück sie musste ihn warnen. Der Kaiser war launisch, auch in einer so gefährlichen Situation hätte er nichts besseres zu tun, als Verräter des Imperiums zu bestrafen! Als sie zu rennen begann, sah sie kleine Raumschiffe in den Himmel fliegen, voll mit denen, die anders dachten als der Kaiser und flohen, weg von Zuyya.
Wir müssen hier weg... wir müssen hier weg!!
"Das ist sie!!" keuchte Akando Jamali und landete unsanft auf dem bebenden Boden des Hohen Berges. Roha, Pavati und Thira waren neben ihm, vor ihnen stand, umgeben von einer magischen Barriere, das einzige Schiff, dass sie retten konnte die Tari Randora. Dank der Barriere, die Alrik Jchrrah um sie erbaut hatte, hatte sie keinen Kratzer abbekommen in dem Inferno. "Los, schnell, wir müssen alles vorbereiten! Die Trias ist unsere einzige Möglichkeit, ein neues Leben anzufangen!! Pavati!!" Er löste die Barriere, als er in seinem Kopf Chenoas Stimme schreien hörte:
"AKANDO, NICHT!!!!"
Es blitzte, als er die Barriere gelöst hatte, und er fuhr zurück, als es plötzlich über ihm krachte und er eine Art elektrischen Schlag bekam, er wurde zu Boden geschleudert. Pavati kreischte, und Roha packte Thira und drückte ihr kleines Gesicht in ihre Schürze.
"Akando!!"
"W-was zum-...??!" keuchte der Mann und rappelte sich hoch in dem Moment wusste er, dass der Kaiser noch einiges mehr nicht wusste. Er wusste zum Beispiel nicht, dass die Tari Randora nicht vom Himmel gefallen war und nur dem Kaiser gehörte. Er riss die Augen auf. "Pavati, LAUF!!!! Schnell, lauf, so schnell dich deine Beine tragen, renn und nimm Roha und Thira mit!!! NA LOS, RENNT!!! FLIEHT VON ZUYYA!!" Pavati tat sofort, wie ihr geheißen, sie nahm Thira auf den Arm und rannte hörte noch das Klirren, als zwei lange, dünne Speere von Soldaten an Akando Jamalis Kehle andockten. Er bewegte sich nicht.
"Wer versucht hier, des Kaisers Tari Randora zu stehlen... Sir Jamali?!"
Als Chenoa aufsah, kam Igrajyo Zhunkan hinter ihr herbeigerannt. Von oben kamen die Soldaten, die Akando Jamali zusammengeschlagen und gefesselt hatten, sodass er unfähig war, sich zu rühren. Der Kaiser war höchst erzürnt.
"Ihr also... Drogenabhängiger, Sir Jamali! Das hätte ich nicht einmal Euch zugetraut!!"
"Sir!!" zischte der Mann wutentbrannt, "Ihr begeht einen Fehler!! Die Tari Randora gehört nicht Euch, sie ist die einzige Hoffnung des Imperiums!!"
"SCHWEIG!!" brüllte der Mann, und Chenoa starrte den Grünhaarigen nur fassungslos und gelähmt vor Schock an. Sie hatte nicht gedacht, dass es in Igrajyo Zhunkans Augen ein derartiges Verbrechen war, die Tari Randora zu berühren. Ein derartiges Verbrechen, das... mit dem Tode bestraft wurde.
Nein...!!
"Majestät, bitte!!" schrie sie, "Ihr dürft das nicht!!"
"RUHE!!!" bellte er sie an und schlug sie zur Seite, Akando Jamali wutentbrannt anfunkelnd. Über ihnen brannte der Himmel. "Wo sind deine Frau und Tochter??! WO??!"
"Das... sage ich Euch nichtmal im Traum!!" brüllte er zurück und wand sich in den Eisenketten, er erntete harte Schläge auf den Kopf. "Vorher müsst ihr mich schon zerstückeln und an die Schweine verfüttern... wie Ihr es mit Nodin Ayjtana gemacht habt!! Und mit seiner Frau!"
"NEIN!!!" schrie Chenoa und sprang wieder auf, und der Kaiser stieß einen wütenden Schrei aus.
"SUCHT SIE!!!" brüllte er aus Leibeskräften, "SUCHT JAMALIS FRAU UND KIND UND ERMORDET SIE!!! Todesstrafe für den Rest des Clans... der Verräter!! JAMALI!!!" Mit einem weiteren Hieb schleppten sie Akando Jamali weg, andere Trupps schwärmten aus, um Pavati und Thira zu finden. Chenoa keuchte und taumelte, einer Ohnmacht nahe.
Nein Pavati, Thira!! Rennt, rennt so schnell ihr nur könnt!!
Sie rannte selbst los.
Pavati, Roha und Thira waren am Landeplatz der Raumfähren angekommen, wo immer mehr kleine Raumschiffe in Panik abhoben und Leute wegbrachten. Nach Tharr oder Ghia. Pavati war eine gute Seelenmagierin. Sie wusste bereits, was ihrem Mann drohte, und was auch ihr drohte. Und sie wusste bereits, dass sie sie verfolgten.
"Thira, rein mit dir!!" schrie sie außer sich und hob Thira hoch, als sie vor einem Raumschiff standen. "Schnell, rein!!! Du musst fliehen, weg von hier!"
"Kommst du nicht mit??!" schrie das Mädchen panisch und wollte wieder herausspringen, doch ihre Mutter stieß sie gewaltsam hinein.
"Nein!! Papa und ich kommen später nach!! JETZT MACH SCHON, SCHNELL!! I-ich hab dich lieb, mein Kind!!" Das Kind heulte panisch, da wurde es auch schon von anderen Menschen weiter hineingedrängelt, und das Schiff hob bereits ab.
"N-nein!! Mama!!!" kreischte sie voller Angst, "MAMA!!! MAAAAMAAA!!!" Pavati Jamali rannte bereits los.
"Roha, lauf!!! Lauf weg, so schnell du kannst, hinter dir sind sie nicht her!! Na los, renn weg!! Hauptsache, das Mädchen ist sicher!! Ihr darf nichts geschehen!" Sie sah über die Schulter, als auch schon die Männer des Kaisers auf sie und Roha zugerannt kamen. Sie liefen schneller, doch es dauerte nicht lange, bis die Frauen in Reichweite ihrer Speere waren. Beide wurden von den Speeren niedergestreckt, Roha war auf der Stelle tot. Pavati zitterte und versuchte, aufzustehen, als die Männer sie einholten und sie gewaltsam an den Haaren hochzerrten.
"Du bist verhaftet und wirst mit dem Tode bestraft, Verräterin!!" brüllte ein Mann ihr ins Ohr, "Wo ist dein Kind??!" Pavati keuchte tonlos.
"Ich habe kein Kind."
"DU LÜGST!! Wo ist sie??!"
"Sie ist im Feuer bereits verbrannt!!!" brüllte die Violetthaarige ihn wutentbrannt an und erntete eine heftige Ohrfeige. Aber die Soldaten gaben sich damit zufrieden, dass das Mädchen tot war, während sie seine Mutter zurück zum Palast schleppten.
Die Zuyyaner schafften es tatsächlich binnen einigen Wochen, die lodernden Feuer zu bezwingen. Die akute Gefahr war dadurch erstmal gebannt, und auch der Steinregen hörte selbstverständlich irgendwann auf. Was nicht aufhörte, war der Ascheregen. Beinahe die halbe Zuyya war einige Fuß hoch bedeckt von schwarzer Asche, manche Dörfer waren komplett verschüttet worden. Der Schaden war riesig und nicht zu beheben. Was aber noch schlimmer war, waren die Ruß- und Aschepartikelchen in der Luft. Die Luft war giftig, und der Regen, der herunterkam, war es auch. Der Ruß in der Luft war so dicht, dass der ganze Planet ab dann verdunkelt war, und die Schwärze verdeckte die Sonne komplett, es wurde nicht mehr hell. Tagsüber hatte der Himmel eine blutrote, tief hängende Farbe, nachts war er rabenschwarz. Den Pflanzen würde das auf Dauer überhaupt nicht bekommen. Und Chenoa wusste zu dem Zeitpunkt, dass Katari seine Strafe erfolgreich abgerichtet hatte. Auch, wenn die Feuer erloschen waren die Zuyya würde über kurz oder lang sterben. Es war nur eine Frage der Zeit.
Zumindest der Krieg auf Tharr wurde in dieser Zeit etwas vernachlässigt. Ganz davon abgesehen, dass die Zahl der Zuyyaner nach der Explosion etwa um die Hälfte reduziert worden war, was die Truppen wesentlich kleiner machte, hatte Igrajyo Zhunkan jetzt andere Sorgen als den Krieg auf Tharr. Es galt zuerst, im eigenen Land klar Schiff zu machen. Unter anderem betraf das die Verurteilung der Verräter des Imperiums.
Unter dem blutigen, düster grollenden Himmel hatten sich viele der Ahrgulaner auf dem großen Platz vor dem Kaiserpalast eingefunden, aufgeregt durcheinander rufend. Dass Verräter öffentlich hingerichtet wurden, waren sie gewohnt aber die Jamalis waren etwas anderes.
"Glaubt ihr, der Kaiser setzt die Ausrottung der großen Clans fort, die sein Vorgänger begonnen hat?"
"Was ist eigentlich passiert mit den Jamalis?"
"Ich habe gehört, sie haben versucht, die Tari Randora zu stehlen, um ihre Haut vor dem Feuer zu retten!"
"Bei Katari, das ist ja auch wirklich eine Lästerung unseres Gottes! Das Gottesgeschenk zu rauben, ein Glück, dass der Kaiser sie erwischt hat!"
"Wer weiß, wie zornig Katari geworden wäre?" So munkelten die ahnungslosen Leute. Chenoa sah ihnen mit dem kältesten, abwertendsten Blick der Welt aus einem kleinen Fenster im Palast von oben herab zu. Was wussten diese Narren? Was wussten sie von der Tari Randora, was wussten sie von der Trias? Was wussten sie über die Jamalis?
Garnichts.
Akando Jamali keuchte, als die Männer die mit scharfen Klingen besetzten Fesseln um seinen Körper wieder fester zurrten.
"Na los!" fuhr Igrajyo Zhunkan ihn an, der vor ihm stand, "Schrei schon, du Bastard!! Du kannst mir nicht trotzen, Jamali. Nichtmal, wenn wir dich tagelang foltern und du nicht schreien willst!"
"Wieso... sollte... ich es dann... tun...?!" zischte der Mann und ließ halb tot den Kopf hängen. Wieder zurrten sie die Fesseln fester, und er zischte vor Schmerzen. Schreien würde er nicht die Genugtuung würde er dem Narren von Kaiser sicher nicht gönnen. Die Fesseln umschnürten quasi seinen ganzen Körper, Blut befleckte bereits den Boden im Kerker, wo sie sich befanden, weil die Stacheln sich in das Fleisch des Mannes bohrten.
"Du hast gewusst, was für eine Strafe darauf aussteht, die Tari Randora anzufassen ohne meine Erlaubnis! Du hast Katari beleidigt, als du sein Geschenk an den Kaiser berührt hast! Glaubst du, ich lasse zu, dass er zornig wird, weil du ihn und das Imperium verraten hast?!"
"Dein... Imperium... hat nichts mehr... mit dem zu tun, was... Katari will!" zischte Akando Jamali wütend, "Egal, wie lange du... mich hier folterst! Und auch, wenn du... mich an die Schweine verfütterst... ich werde... meine Meinung nicht ändern! Und erst recht nicht... um Verzeihung bitten!! Denn ich habe... nichts verbrochen, Kaiser. In Kataris Augen gehe ich reinen Gewissens in die nächste Welt!"
"LÜGNER!!" brüllte der Mann und schlug mit einem Stock auf ihn ein, und er zischte erneut. Igrajyo Zhunkan knurrte wütend, bevor er zurücktrat und grinste.
"Majestät, sollen wir jetzt oben im Hof die Hinrichtung vollziehen?" fragte einer der Soldaten.
"Nein, noch nicht. Nicht, bevor er... geschrien hat!" Akando Jamali grinste auch.
"Dann werde ich wohl an Altersschwäche sterben!"
"Nicht so schnell... du wirst schreien. Wenn bei dir die physische Folter nichts nützt... bekommst du psychische! Wachen!!" Alle hoben die Köpfe, und Akando Jamali riss die Augen auf, als zwei weitere Männer Pavati hereinschleppten, die Hände in Eisenketten gefesselt.
"Pavati!!" rief der Mann, und seine violetthaarige Frau sah ihn verzweifelt an.
"Liebster!! Schrei nicht! Bitte, tu es nicht! Tu ihm nicht diesen Gefallen, Akando!"
"Schwein, was hast du mit Pavati vor??!" rief Akando Jamali wutentbrannt und zappelte jetzt, obwohl er schon viel zu schwach dazu war. Igrajyo Zhunkan zuckte mit dem Mundwinkel.
"Na los, Männer. Habt euren... Spaß mit der Schlampe. Von mir aus fickt sie, bis sie verblutet. Jetzt!"
"PAVATI, NEIN!!!" Die Männer grinsten hämisch, und die Frau keuchte, als sie gegen die Gitterstäbe einer Zelle gestoßen und mit den Eisenketten daran gefesselt wurde. Sie rissen ihr die Kleider vom Leib, und mit all ihrer übrigen Kraft zappelte sie und trat um sie, versuchend, sich die Männer vom Leib zu halten. Der Kaiser drehte den Schweinereien bewusst den Rücken zu. Aber er genoss das Geräusch, als sie laut aufschrie, als die Männer sie brutal vergewaltigten und sie vor den Augen ihres Mannes besudelten. Und Akando Jamali schrie auch. "PAVATI!!! PAVATI, PAVATI!!! NEEIIN, LASST SIE SOFORT LOS!!! IHR SOLLT SIE LOSLASSEN!!"
"Schrei nicht!!" schrie sie unter Tränen und wand sich erneut, sie erntete eine Ohrfeige und wurde gegen die Wand gerammt, als der nächste sie durchnahm. "SCHREI NICHT, BITTE!!"
"NEEIIN!!!" schrie er außer sich, "AUFHÖREN!!! I-ich tue alles, was du willst!!! Alles, ich sterbe auch, ja!! Aber bitte lass sie gehen!! BITTE!!"
"D-du sollst nicht betteln!!" schrie Pavati und schluchzte, "B-bitte nicht!! Nicht meinetwegen!! Du hast deine Würde!!" Igrajyo Zhunkan drehte sich um, als die Männer mit ihr fertig waren, und packte ihren Mann am Kinn, sodass er stöhnte.
"Du kannst aber nett betteln, Akando...! So unterwürfig kenne ich dich ja garnicht...! Weißt du was... sterben wirst du... sowieso."
"LASST SIE GEHEN!!!" brüllte er Igrajyo Zhunkan an und erntete vier Schläge mit dem Bambusstab. Pavati schluchzte.
"Bettel nicht!!... Liebster!!" Der Kaiser schwieg eine Weile. Schließlich seufzte er kurz. Die schluchzende Frau war doch etwas zu viel.
"Macht sie los." Akando hob den Kopf, und die Männer gehorchten und banden sie los, sie rutschte blutend an den Stangen zu Boden und zitterte am ganzen Körper.
"P-Pavati...!" stammelte er, "Majestät...?"
"Gut..." sagte Igrajyo Zhunkan und sah auf Pavati herunter, vor der er stand, "Dein Schreien war gut, Akando! Wir... lassen deine Frau gehen." Pavati hob gerade den Kopf, und Akando Jamali riss die Augen auf. "In Stückchen!!" Mit diesen Worten schnappte der Kaiser sein Schwert und köpfte die Frau. Ihr Mann wurde bleich, als der Kopf seiner Frau auf den Boden fiel und eine Blutfontäne spritzte. "JAWOHL, JAMALI!!! IN STÜCKEN WIRD SIE VERRECKEN, DEINE HURE!!" Ritsch. Ritsch. Ritsch. Akando Jamali war so geschockt, dass er nichtmal mehr schreien konnte, während er zusehen musste, wie der durchgeknallte Kaiser seine Frau zerstückelte. Erst, als sie nicht mehr wiederzuerkennen war und ihre blutigen Fetzen am Boden lagen, brachte er einen gellenden Schrei heraus.
"PAVATI!!!!"
Chenoa sah aus ihrem Fenster, während unten im Hof die Hinrichtung von Akando Jamali stattfand. Der Kaiser hatte sich für die Guillotine entschieden normalerweise wurden Verräter mit dem Tod durch Verbrennung bestraft, aber momentan hatten die Bürger alle große Angst vor Feuer, es wäre deswegen unklug gewesen, ausgerechnet Verbrennungen stattfinden zu lassen. Chenoa konnte nichts sagen und sich auch nicht rühren, als sie mit ansehen musste, wie sie den Mann auf das Podest schoben, der sie so viele Jahre lang beherbergt und sie viele Dinge gelehrt hatte. Sie umklammerte mit der Hand ihre Naginata, als sie ihn auf die Knie zwangen und seinen Kopf unter die Klinge legten. Sie wollte das nicht sehen. Sie wollte nicht mit ansehen, wie sie ihn hinrichteten, wo er doch kein Verbrecher war. Aber sie war unfähig, sich zu rühren. Inzwischen war sie auch unfähig, irgendetwas zu empfinden jetzt, nachdem man ihr alles genommen hatte. Ihre Familie. Ihre Eltern, ihren geliebten, kleinen Bruder Tama. Ihre Heimat, Yamxieh. Ihren guten Freund, den General Ayjtana, mit seiner Freundin Sheera, der Tharranerin. Und jetzt Akando und Pavati Jamali, die sozusagen ihre Zieheltern gewesen waren, obwohl sie kaum älter waren als sie selbst. Die Jamalis waren ihr eine zweite Familie gewesen. Das einzige Licht in ihrer dunklen Seele war, dass die Kinder von Nodin Ayjtana und von den Jamalis, der kleine Simu und die kleine Thira, sicher auf Tharr waren und dort gut aufwachsen würden. Eines Tages würden sie wichtig für die Zuyya sein.
Die einzige Chance, unser sterbendes Leben zu retten, sind die sieben Schicksalskinder.
-fin-