4.

Der Neffe der alten Kaiserinwitwe mit dem Namen Igrajyo Zhunkan war damit der neue Zuyyanische Kaiser. Chenoa war quasi die erste, die ihm vom Personal vorgestellt wurde – immerhin wäre sie in Zukunft seine Beraterin.

"Ich habe viel über euren Clan gehört... den Jchrrah-Clan, huh?" murmelte der neue Kaiser skeptisch und ging einmal um das Mädchen herum. Sie rührte sich nicht. "Du musst mich nicht kalt anstarren-... ich kann nichts dafür, dass mein Onkel deine Familie abgeschlachtet hat." Sie versteifte sich. Der Kerl verstand es besser als sein Onkel, die Gedanken der Menschen zu sehen, wie sie feststellen musste. Das war einerseits interessant, andererseits gefährlich. "Ich hoffe, du kannst kooperieren, Mädchen vom Jchrrah-Clan," fuhr der Mann da fort. "Dieses hier ist Ahrgul. Die Mitte des Landes Niranya, die Mitte der Welt Zuyya. Das hier ist jetzt... mein Imperium. Und ich werde für die Einheit des Zuyyanischen Volkes kämpfen, deswegen hoffe ich, dass du mich dabei unterstützen kannst. Verstanden?" Das blauhaarige Mädchen musterte ihn ruhig mit ihren gelben Augen. Von der Tür her hörten sie Schritte, als der Mann mit den dunkelgrünen Haaren und der Pfeife hereinkam. Der Mann vom Jamali-Clan.

"Majestät," sagte er mit einer Verneigung, "Mit Eurer Erlaubnis nehme ich Chenoa im Anwesen meiner Familie auf. Es ist auf Dauer nicht gut, wenn sie hier im Schloss bleibt. Außerdem können wir ihr sicher Dinge beibringen, die sie später braucht. Magie, Ihr versteht? – Wir Jamalis sind... mit den Jchrrahs auf einer Stufe. Fast, würde ich sagen." Chenoa sah den Mann ebenfalls emotionslos an.

"Wie ist Euer Name?"

"Das weißt du doch, du kannst sehen."

"Ja, aber ich möchte es von Euch hören." Er nahm seine Pfeife aus dem Mund.

"Mein Name ist Akando Jamali. Mein Vater war Honuk Jamali, der beste Freund Eures Vaters, Mylady." Jetzt blieb ihr Blick endgültig an ihm kleben. Der Mann war für einen Mann viel zu jung – genau eintausendachthundertundsechzig Tage älter als sie – etwas mehr als fünf Jahre, da auf der Zuyya (wie auf Tharr und Ghia auch) jedes Jahr genau dreihundertundsechzig Tage zählte. Chenoa nickte ihm zu.

"Ihr braucht mich nicht Mylady zu nennen, Sir. Freunde meines Vaters sind auch meine." Er hob die Hand mit der Pfeife. Chenoa erinnerte die Pfeife immer mehr an ihren Vater.

"Gut. Du musst mich auch nicht Sir nennen, Chenoa. – Habe ich nun Eure Erlaubnis, Majestät?"

 

"Warum hast du mich mitgenommen?" fragte das Mädchen den Mann mit der Pfeife, als sie auf dem Weg nach Okothahp waren. Okothahp war die Provinz der Jamalis. Sie war im Gegensatz zu Yamxieh nicht aufgeteilt worden, aber verkleinert schon.

"Wir beide sind vom gleichen Schlag, Chenoa," antwortete Akando Jamali seelenruhig. "Wir beide sind Mitglieder der letzten großen Clans. – Von uns Jamalis sind ein paar mehr übrig als von euch, aber viele sind wir auch nicht mehr. Und die meisten von den wenigen sind uralt und werden bald sterben. Der letzte Kaiser hat auch von uns einige umgemäht."

"Ich habe viel über den Jamali-Clan gelesen. Früher wart ihr lange Zeit die Kaiserfamilie, es gab mehrere Jamali-Dynastien, weil zwischendurch andere auf dem Thron waren..."

"Ja, das ist wohl wahr. Der komische neue Kaiser, Igrajyo Zhunkan, ist sogar entfernt mit uns verwandt, weißt du?" Das Mädchen sagte nichts.

"Was willst du mir an Magie beibringen, wie du gesagt hast?"

"Physische Sachen," sagte er, "Du kannst von uns eine Waffe bekommen. Ich meine eine richtige Waffe, eine Zuyyanische Waffe. Eine magische Waffe." Jetzt war ihr Interesse komplett geweckt.

"Darüber habe ich auch viel gelesen! Waffen, mit denen man physische Magie ausführen kann?"

"Genau," erklärte er nickend, "Du liest scheinbar sehr gern! Wir haben seit Generationen viel mit dem Element Eis gearbeitet, vermutlich liegt es jetzt an mir, dir das auch beizubringen. Komm, wir sind bald da..."

 

Das Anwesen der Jamalis war schön und riesengroß. Chenoa dachte kurz mit Wehmut an ihr eigenes Anwesen, das die Truppen des alten Kaisers dem Erdboden gleich gemacht hatten. Als sie zum ersten mal durch die Korridore und Räume des Anwesens ging, konnte sie nur an ihre eigene Familie denken. Sie sah aus jeder zweiten Tür innerlich den kleinen Tama tappeln und konnte ihre Trauer irgendwann nicht mehr verbergen. Als sie stehenblieb und weinte, drehte Akando Jamali sich zu ihr um, der sie herumgeführt hatte.

"Du weinst..."

"Ich vermisse meinen kleinen Bruder so sehr!" schluchzte das Mädchen, "E-er war... noch so klein. Er musste so... früh sterben! Das ist nicht gerecht..." Der Mann machte ein trauriges Gesicht.

"Es tut mir... sehr leid, was euch passiert ist... vor allem, was deinen kleinen Bruder angeht. Du hast recht, das ist wirklich ungerecht." Aus einem der Räume kam eine etwas ältere, rundliche Dame gehoppelt und schlug die Hände vor dem Mund zusammen.

"Sir! Was lasst Ihr das arme Kind denn weinend im Flur stehen?! – Komm her, kleines Mädchen... wir kennen uns noch garnicht, ich bin Roha!" Sie gab Chenoa die Hand und lächelte so wohlwollend, wie Chenoa es von ihrer Amme Aputa gewohnt gewesen war. Die Erinnerung an Aputa machte sie auch traurig. "Ich bin die Dienerin von Mylady, weißt du?" Sie sah auf, während sie das schluchzende Mädchen in die Arme nahm, und dem Herrn des Hauses ins Gesicht. "Ist sie das Mädchen aus dem Jchrrah-Clan, Sir?"

"Das ist sie," bestätigte der Kerl, "Ihr Name ist Chenoa."

"Möchtest du einen Tee, Chenoa?" fragte Roha und tätschelte ihr die Schulter, "Das wird dir guttun. Oder Schokolade?" Chenoa nickte nur, und die dicke Frau schob sie behutsam vor sich her die Treppe hinunter in die Küche. Als sie dort angekommen waren, setzte sie das Kind auf einen Stuhl und begann, Tee zu machen und Schokolade zu holen. Akando Jamali holte sie wieder ein und lehnte sich gegen den Türrahmen.

"Roha ist so eine Art Ersatz-Oma für alle, weißt du?" grinste er, und das brachte Chenoa zum Lächeln. "Sie war früher einmal die Dienerin meiner Mutter. Seit diese tot ist, ist sie die Dienerin meiner Frau! – Ah, da kommt sie ja auch gerade." Chenoa hob den Kopf, als neben dem grinsenden Mann eine etwas kleinere Frau auftauchte. Sie hatte lange, violette Haare, die zu einem Flechtezopf zusammengebunden worden waren. "Chenoa, das ist meine Frau Pavati. Pavati, das ist Chenoa Jchrrah, das Mädchen, von dem ich geredet habe. Ihr Vater war ein Freund meines Vaters."

"Oh!" sagte Pavati Jamali und strahlte glücklich, "Das freut mich sehr, dass du zu uns kommen darfst, Chenoa! – Hätte ja sein können, dass der Kaiser nicht einverstanden ist..."

"Sie wird dir das mit der Waffe besser beibringen können als ich," addierte Akando Jamali und zeigte auf seine violetthaarige Frau, "Die Waffe, die du bekommst, kommt nämlich aus ihrer Familie."

 

"Die Naginata," stellte Pavati Jamali Chenoa die Waffe vor, die sie auf den flachen Händen trug und ihr hinhielt. Es war der nächste Tag, und Chenoa stand in einem schönen, geschnürten Kleid, das sie hier bekommen hatte, vor der Hausherrin in deren Stube. Die Naginata war eine Art Lanze, zwar relativ kurz, aber länger als ein normales Schwert. Sie hatte einen langen Stab und oben eine auch relativ lange, leicht gebogene Klinge, blitzblank poliert. Chenoa sah die Waffe an und neigte artig den Kopf vor ihr. "Sie ist ein Erbstück von meinem Urgroßvater," sagte Pavati Jamali mit ihrer hellen Stimme. "Du bist es wert, sie zu tragen, da ich es nicht tue. Du gehörst zu einem der größten Clans der Welt." Mit groß meinte sie nicht mit den meisten Mitgliedern (das war ja jetzt definitiv nicht mehr so), sondern vielmehr mächtig.

"Wenn diese Waffe von Generation zu Generation weitervererbt wird, wieso schenkst du sie nicht deinen eigenen Kindern, wenn du welche bekommst?"

"Weil mein Name jetzt Jamali ist," sagte sie fröhlich. "Mein erstgeborenes Kind wird die Waffe seines Vaters erben, wie es auch den Namen seines Vaters erben wird."

"Wollt ihr Kinder bekommen?"

"Ja, auf jeden Fall. Am liebsten jetzt gleich!" Chenoa lächelte über die Fröhlichkeit der jungen Frau, die genau wie ihr Mann kaum älter als sie selbst war. Das kleine Mädchen nahm die Naginata und wog sie in ihrer Hand. Sie hatte sie schwerer vermutet. "Die Naginata ist auch eine Eiswaffe, genau wie die Kouriha von Akando," sagte Pavati Jamali dann. "Ich bringe dir bei, wie du damit umgehen musst."

 

Der Krieg ging weiter. Chenoa wohnte zwar bei Jamalis in Okothahp, aber sie war noch immer die Beraterin des Kaisers und oft in Ahrgul – oder mit auf Tharr.

"Durch den Tod meines Vorgängers haben wir eine Menge Zeit verloren," sagte Igrajyo Zhunkan zu zweien seiner Minister, während Chenoa rechts von ihm auf einem großen, aufwendig verzierten Stuhl saß. "Das müssen wir wieder einholen! Verhindert, dass noch mehr Tharraner hier einfallen und uns angreifen! Schützt alle Tore, durch die die Raumschiffe kommen, kein Schiff, das sich nicht als Zuyyanisches Schiff erweisen kann, darf hinein!"

"Jawohl, Majestät!" sagten die Minister stramm.

"Die Tharranischen Magier sind gut," fuhr der Kaiser murmelnd fort, "Mein Vorgänger hat sie scheinbar gewaltig unterschätzt! Die Truppen reichen nicht in Kisara! Schickt Verstärkung hinunter, verstanden? Und wehe, es kommen weniger als zehntausend Mann hier an! – Chenoa!" Chenoa hob emotionslos den Kopf. Igrajyo Zhunkan war zwar schlauer als sein Vorgänger, aber ihr gefiel es garnicht, dass er den Krieg fortsetzte.

"Ja?" Doch der Kaiser wandte sich erstmal wieder an die Männer:

"Geht, na los!" Als sie gegangen waren, sah er Chenoa an. "Du bekommst auch eine Aufgabe! Du kennst doch General Ayjtana! Ich möchte, dass du zu seinem Haus gehst und ihm persönlich die dringende Botschaft überbringst, er solle auf der Stelle seinen Urlaub beenden und sich auf weitere Schlachten an der Front einstellen! Verstanden?" Sie stand auf.

"Warum soll er das tun?"

"Als ob du das nicht selbst wüsstest," spottete der Mann grimmig, "Du weißt doch alles!"

"Aber ich möchte wissen, was Ihr darüber denkt."

"Katari, wir sind im Krieg!" schnaubte der Kaiser, "Und Sir Ayjtana ist unser bester Mann! Mein Vorgänger hat sich gedacht, er käme mit den blöden Schamanen alleine klar, aber er wurde von genau diesen Schamanen ermordet! Also müssen wir gegen die Magier aufrüsten." Chenoa ging zur Tür.

"Sagt mir, warum setzt Ihr den Krieg Eures Vorgängers fort?"

"Was soll die Frage?"

"War es nicht ursprünglich so... Euer Vorgänger hatte das einmal gesagt... dass zu viele Tharraner nach Zuyya kommen, um sich hier anzusiedeln? Eurem Vorgänger war es hier zu voll, er wollte die Tharraner auf Zuyya eliminieren, um der Welt und Katari ein reinblütiges Zuyyanisches Volk zu geben. Dann hat er sich aber gedacht, weil die Ursache der Auswanderung der Tharraner eine Überbevölkerung auf Tharr war, auf Tharr auch ein wenig die Menschen auszurotten, oder so. Er wollte sozusagen deren Probleme beseitigen. – Nun, um auf den Punkt zu kommen, denkt Ihr nicht, dass es reicht? Die Tharraner sind von der Zuyya verschwunden, das Volk ist so gut wie reinblütig, wie Euer Vorgänger es nennen würde. Und dank ihm wurde die Bevölkerung auf Tharr auch ziemlich reduziert. Warum also noch fortfahren mit dem Blutvergießen?" Igrajyo Zhunkan fuhr herum.

"Willst du mir etwa etwas vorschreiben, Jchrrah??!!" herrschte er sie an und packte ihren Oberarm, und sie sah ihn kalt an.

"Ich berate Euch nur, Majestät."

"Du magst die weiseste Frau Zuyyas sein! Aber ich bin der Kaiser! Und ich bestimme, was dieses Imperium tut, und was es nicht tut! Die Tharraner denken jetzt, wo sie unsere Kaiser getötet haben, sie könnten uns in die Flucht schlagen! Und das... werde ich sie niemals glauben lassen! Glaubst du, ich lasse unser Zuyyanisches Volk, Kataris Kinder, als feige Idioten dastehen, die den Schwanz einkneifen und davonrennen?! Oh nein, da hast du dich geschnitten! Ich werde dafür sorgen, dass sie unser Imperium fürchten! Ich werde nicht eher ruhen, als bis die Schamanen sich vor uns fürchten und davonrennen!" Chenoa sagte nichts, als er sie losließ, und öffnete die Tür.

"Manchmal ist es aber klüger, davonzurennen... Majestät."

 

Nodin Ayjtanas Haus war in Ahrgul, Chenoa wusste dank ihrer Reikyu, wo es war, und brauchte nicht lange dorthin. Als sie ankam, dauerte es ewig, bis der General die Tür öffnete, und das auch nur einen Spalt weit.

"Ich komme mit einer Botschaft des Kaisers," sagte Chenoa zu ihm, und er zog die Brauen hoch.

"Chenoa! Du bist es! – Komm rein, was ist passiert?" Sie betrat das Haus und sah sich um, bevor sie ihre Reikyu heraufbeschwor und sie herumdrehte.

"Der Kaiser lässt nach Euch schicken. Er möchte den Krieg seines Vorgängers gerne fortsetzen und braucht Eure Unterstützung." Nodin Ayjtana sah sie kurz an und fuhr sich dann durch die blonden Haare.

"Hat das nicht langsam mal ein Ende...?"

"Das habe ich mich auch gefragt. Der Kaiser ist anderer Meinung." Das Mädchen hob den Kopf, und sie sah den Mann aus dem Augenwinkel zusammenfahren, als ihre Augen sich zur Seite bewegten und sie die sich drehende Reikyu ganz plötzlich stoppte. "General... Ihr seid nervös?" Er seufzte.

"Nein, nicht im Ernst."

"Ihr seid anders, als ich Euch kenne. Die Frau in dem Schrank... wieso versteckt sie sich da?" Er fuhr herum, als Chenoa den geschlossenen, großen Holzschrank in der Eingangshalle fixierte.

"Warte!" sagte er rasch und öffnete die Schranktür, "Halt bitte den Mund, Chenoa..." Sie beobachtete die junge Frau, die aus dem Schrank kletterte und sich leichenblass vor Schreck aufrichtete.

"W-wie hat sie-... mich sehen können?" fragte sie völlig verschreckt.

"Sheera, das ist Chenoa Jchrrah, das Mädchen, das alles weiß und alles sehen kann, von dem ich dir erzählt habe," stellte General Ayjtana seinem Geheimnis im Schrank das blauhaarige Mädchen vor. "Der Jchrrah-Clan war... einer der größten Clans der Zuyya. Sie ist die Letzte von ihnen." Chenoa sah die Frau eine Weile an.

"Du bist ein... Tharranisches Bauernmädchen..." Sie seufzte. "Ach, das ist das Problem. – Sir, Ihr haltet hier eine Tharranerin im Haus versteckt? Wenn der Kaiser das erfährt, werdet Ihr sterben, es ist verboten worden, dass wir mit Tharranern verkehren."

"Ich weiß!" sagte Nodin Ayjtana überrascht, "Behalt es für dich, Chenoa. – Sheera war die letzte Überlebende ihres Dorfes auf Tharr. Sie war verletzt, und ich habe sie mitgenommen. Sie wohnt jetzt hier... – ich weiß selbst, dass ich gefährlich lebe, und lange werde ich hier auch nicht mehr bleiben."

"Wohin wollt Ihr?"

"Ich werde Sheera fortbringen von hier. In Ahrgul ist die Wahrscheinlichkeit, dass der Kaiser sie bemerkt, viel zu groß." Chenoa sah die scheue Frau vor sich an und begann wieder, die Reikyu zu drehen.

"Wie lange ist sie schon hier?"

"Einige Monde." Chenoa sah auf den Bauch der Frau.

"Sie ist schwanger..."

"Ich weiß," sagte der General und lächelte kurz, "Auch deshalb muss sie fort. Unser Baby soll ohne Gefahr aufwachsen." Jetzt lächelte auch die Frau Sheera zum ersten mal.

"Ihr solltet sie vor Ende des Wintermondes von hier wegbringen," riet Chenoa dem Mann dann, "Bevor das Baby geboren wird, muss sie fort sein. – Aber zuerst solltet Ihr tun, was der Kaiser sagt, sonst schöpft er Verdacht. Er sagte einmal zu mir, Ihr nehmt zu viel Urlaub in letzter Zeit..." Der General sah wieder auf und war mit einem Schlag wieder todernst.

"Das ist nicht gut. Er soll ja nicht auf den Gedanken kommen, etwas Falsches zu denken. Ich gehe zum Palast... wie Majestät verlangt." Er sah Chenoa an und lächelte dann wieder. "Ich habe gehört, du lebst jetzt bei Akando Jamali in Okothahp."

"Ja, er hat mich bei sich aufgenommen. – Die Jamalis sind ebenfalls ein großer Clan, von dem nur noch wenige übrig sind. Außer ihm und seiner Frau gibt es keine mehr..."

"Ja, Pavati, er hat sie mir einmal vorgestellt, als wir mit einer ganzen Gruppe von hohen Tieren des Palastes essen gegangen sind." Er zeigte auf Chenoas Rücken. "Du trägst ihre Naginata..." Chenoa trug die Waffe immer verschnürt auf dem Rücken.

"Ja. Es war ein Geschenk von Lady Pavati an mich."

"Es ist ein gutes Geschenk. Gib gut auf sie acht."

 

Das erste mal, dass Chenoa sich dem Kaiser richtig widersetzte, war auf Tharr im Hungermond 983. Igrajyo Zhunkan hatte den Krieg nicht abgebrochen, und jetzt lief wieder alles auf Hochtouren – obwohl Nodin Ayjtana öfter verschwand, als er vorhanden war, was den Kaiser zunehmend beunruhigte. Chenoa war froh, dass er nichts von der Tharranerin und ihrem gemeinsamen Baby wusste, einen Jungen, den der General auf den Namen Simu getauft hatte.

"Wir sind jetzt schon sieben Jahre im Krieg, Majestät," sagte Chenoa zu ihrem Kaiser, mit dem sie in einem der vielen Zelte im Kriegslager im Hochland von Kisara stand. "Allmählich gehen uns sowohl die Männer als auch die Waffen aus. Es sind genug Menschen gestorben, und ich rate Euch dringendst, dieses Desaster abzubrechen."

"Desaster!" brummte Igrajyo Zhunkan, "Du nennst den Krieg des Zuyyanischen Volkes also ein Desaster, Tochter Alrik Jchrrahs?"

"Ich bin Eure Beraterin, Majestät," sagte sie emotionslos und klang ziemlich gelangweilt, "Und meine Aufgabe ist es, Euch zu raten, so wie es bereits mein Vater getan hat – und der Vater meines Vaters, und der Vater des Vaters meines Vaters. Wäre mein Bruder am Leben, wäre er Euer Berater, er wäre als Junge der Erbe des Clans gewesen. Ich mag ein Mädchen sein, aber Eure Beraterin bin ich trotzdem. Und als Eure Beraterin rate ich Euch zu Friedensverhandlungen."

"Friedensverhandlungen..." brummte Igrajyo Zhunkan und tippte mit einer Schreibfeder auf dem Tisch herum, dabei machte er mit dem Federkiel lauter Tintenpunkte auf das Pergament, das auf dem Tisch lag. "Diese Schamanen lassen nicht mit sich verhandeln."

"Ich versichere Euch, sie lassen. Ich beweise es Euch und verhandle selbst mit ihnen."

"Du rührst dich nicht!!" Die Stimme des Mannes war laut geworden, und er zeigte drohend mit dem Federkiel auf Chenoa. Sie blieb kalt. "Du rührst dich nicht vom Fleck, Chenoa! Ich verbiete dir, dich mit den Tharranern auseinanderzusetzen! Und du weißt, was passiert, wenn du meine Befehle missachtest!"

"Wenn Ihr nicht auf meinen Rat hören wollt, werde ich Euch zwingen, auf ihn zu hören, Majestät," sagte sie in einer derartig kaltherzigen Stimme, dass der Kaiser einen Augenblick innehielt, als ihre gelben, gefährlichen, allwissenden Augen auf seinem Gesicht ruhten. Chenoa war wichtig für sein Imperium – andererseits fürchtete er ihre Augen mit jedem Tag, den sie mehr zur erwachsenen Frau heranreifte, mehr. Sie wurde ihm zu gefährlich... eine Gefahr für die Einheit des Imperiums. Sie hatte zu viel Macht über ihn, das durfte er auf garkeinen Fall zulassen.

"Geh mir aus den Augen!" zischte er ärgerlich, "Und ich warne dich nur ein einziges mal, Chenoa! Wenn du dich dem widersetzt, was ich tue, wirst du... hart bestraft werden!"

 

Die Strafe war ihr egal. Sie wusste auch, dass es unter Umständen gefährlich für sie werden könnte, wenn sie sich direkt an die Tharraner wendete. Dennoch nahm sie ihre Reikyu und begann, sie zu drehen.

Lasst den Wind ein Lied singen, das die Tharraner hören können...

Sie wartete geduldig, bis jemand auf ihr Windlied antwortete.

"Sag, was euer Kaiser vorhat, Bote. Wir können uns in Vialla treffen. Dann kannst du sprechen."

 

Chenoa konnte fliegen und war deswegen schnell in der Stadt Vialla. Vialla war die Hauptstadt des Landes Kisara, das die Zuyyaner seit 976 belagerten. Vialla selbst hatten sie allerdings bisher nicht einnehmen können. Aber zerstört war einiges. Die nördliche Hälfte der Stadt war beinahe komplett abgebrannt. Chenoa wartete in einen dunklen, weiten Kapuzenmantel gehüllt, der ihre auffälligen, hellblauen Haare verdeckte, auf dem Platz vor dem Schloss von Vialla. Dort wohnte der König von Kisara. Und dort tagte der Kisaranische Senat. Mit dem würde sie sprechen. Auf Zuyya gab es auch einen Senat, aber der hatte nicht so viel zu sagen. Chenoa beobachtete die Menschen, die an ihr vorbeikamen. Viele Frauen, viele Kinder. Wenige Männer. Viele von ihnen waren in den Schlachten umgekommen. Das Mädchen bemühte sich, niemandem direkt ins Gesicht zu sehen. Ihre gelben Augen würden sie sofort als Zuyyanerin erkenntlich machen, und es wäre gefährlich, wenn das jemand entdecken würde. Ein Mann und ein Kind kamen auf sie zu. Chenoa hielt ihre Augen geschlossen, bis sie spürte, dass das Kind, ein kleines Mädchen von höchstens fünf Jahren, vor ihren Füßen stand.

"Sie schläft."

"Nein, tut sie nicht, sie hat bloß die Augen zu."

"Wieso?"

"Frag sowas nicht. – Hey, Mädchen, du kannst die Augen ruhig aufmachen. Ich habe dich längst gesehen." Chenoa machte die Augen auf und sah zuerst nach unten auf das Mädchen mit den schwarzen Haaren. Das Kind steckte sich einen Finger in den Mund.

"Das Mädchen ist ein Katzenmädchen, Vati!" flüsterte es und klammerte sich an die Hose des Mannes, "Es hat ja gelbe Augen wie eine Katze!"

"Sssst, Zunge festhalten, Mäuschen. – Entschuldige, Mädchen. Du bist also die Botin des Zuyyanischen Kaisers? Ich habe zwar in meinen Träumen gesehen, es würde eine Frau kommen, aber nicht, dass es eine so junge sein würde!" Chenoa neigte höflich den Kopf.

"Mein Name ist Chenoa Jchrrah. Ihr seid der Mann, der meine Botschaft bekommen hat? Ihr seid ein Schamane?"

"Mein Name ist Meoran Chimalis," stellte sich der Mann mit einem gutmütigen Lächeln vor. "Ich habe keine böse Aura gespürt, deswegen vertraue ich dir. Die Kleine ist meine Tochter Saidah. – Sag Hallo zu der Botin." Saidah versteckte sich hinter ihrem Vater.

"Nö."

"Wie, nö?"

"Ich habe Angst vor ihren Augen, ich will nicht!"

"Ist schon gut," sagte Chenoa und lächelte kurz, "Du brauchst mir nicht Hallo zu sagen, Saidah. – Sir, ich möchte mit dem Senat sprechen. Könntet Ihr mir eine Audienz beschaffen?"

"Deswegen sind wir ja hier," sagte Meoran Chimalis, "Komm mit. Die anderen warten sicher schon." Sie gingen zusammen in das Schloss und durch viele Säle und Korridore. Die Soldaten und Diener neigten stets höflich den Kopf, eilten aber dann hastig weiter ihres Weges. "Ich bin nicht im Senat, aber wir Geisterjäger, sozusagen die Oberhäupter der Schamanen, haben immer einen gewissen Anteil zu melden hier im Rat. Kisara ist das Land, aus dem die Schamanen ursprünglich kommen, hier leben auch die meisten von uns. Deswegen zieht der Menschenrat uns als Vertreter der Magier hinzu. Die Anzahl der Geisterjäger hat sich etwas reduziert seit Beginn des Krieges. Momentan sind wir stolze fünf." Chenoa hörte ihm gespannt zu, während sie gingen. Sie hatte auch über die Geisterjäger gelesen. Auf Tharr hießen die Magier Schamanen. Im Gegensatz zu Zuyya konnte auf Tharr nicht jeder zaubern. Auf Zuyya war es so, dass manche besser und manche schlechter zaubern konnten. Aber alle hatten die Gene zum Zaubern. Auf Tharr gab es drei verschiedene Grundgene. Die der Menschen, die nicht zaubern konnten; die der Schamanen, die man auf Tharr auch allgemein Magier nannte; und die der Lianer, die fähig waren, Bestien, sogenannte Lians, zu beschwören. Darum wurden sie Beschwörer genannt. Die Geisterjäger wiederum nannte man auf Tharr die mächtigsten Schamanen. Geisterjäger deshalb, weil sie die Geister beherrschten.

Als sie den Ratssaal erreichten, fanden sie davor noch vier Männer und ein junges Mädchen vor, die sich zu ihnen umdrehten. Das Mädchen trug ein Baby auf den Armen. Chenoa erkannte die Männer. Sie hatte sie schonmal in der Reikyu gesehen.

"Meoran!" grüßte der Älteste von den Männern die Neuankömmlinge, "Schön, dass du kommst. Wir haben schon auf dich gewartet!"

"Hallo," grüßte Meoran zurück. Er sah auf seine kleine Tochter. "Na, denen kannst du aber Hallo sagen?"

"Hallo," sagte Saidah gehorsam. Sie ließ die Hand ihres Vaters los und lief zu dem jungen Mädchen mit dem Baby, dann klammerte sie sich an deren Rock. Chenoa beobachtete die Menschen vor sich eine Weile. Dann hob der Jüngste der Männer den Kopf – er mochte nur wenige Jahre älter sein als Akando Jamali.

"Ein... Kind? Der Kaiser von Zuyya schickt uns als Boten... ein kleines Mädchen? Zumindest scheint er keine Angst zu haben."

"Mein Name ist Chenoa Jchrrah," sagte Chenoa kalt, "Ich bin die persönliche Beraterin des Kaisers, wie schon meine Väter und deren Väter es waren. Ja, ich mag ein kleines Mädchen sein. Aber man sollte von einem Buch nicht nur das Deckblatt sehen." Meoran lachte kurz.

"Hübsches Gleichnis. – Diese hier sind die vier übrigen Geisterjäger. Der Mann in der Mitte heißt Tare Kohdar! Er ist der Älteste und weiseste von uns. Der Mann rechts neben ihm ist Senol Kita, der ist noch ganz neu bei uns! Der Mann dahinter heißt Neron Shai. Und der Kleine heißt Puran Lyra! Er ist zwar von uns allen der Jüngste, aber er ist trotzdem der Beste." Chenoas Augen ruhten eine Weile auf dem Mann namens Puran Lyra. Auf dem Mörder des alten Kaisers.

"Ah, ich kenne Euch," sagte sie zu ihm. "Ihr seid für den Tod von Igrajyo Zhunkans Vorgänger verantwortlich." Sie sah aus dem Augenwinkel, wie alle Beteiligten zusammenfuhren. "Ich bin Euch dankbar für Eure Tat, Sir." Darauf verneigte sie sich vor dem Mörder des Mannes, der ihre Familie auf dem Gewissen hatte. Puran Lyra sah sie einfach nur an.

"Ich habe getan, was ich tun musste." Er nickte mit dem Kopf zu dem Mädchen mit dem Baby, an deren Rock Saidah noch immer hing und vor sich hinkicherte. "Das ist meine Frau Leyya, der Kurze ist unser Sohn, Karana. Er ist jetzt zwei Monde alt." Als hätte es seinen Namen gehört, bewegte sich das Baby auf den Armen des jungen Mädchens in seinem Bündel. Das Mädchen neigte höflich den Kopf. Chenoa war verwundert – das Mädchen war fast nicht älter als sie selbst, aber sie war bereits Frau und Mutter? Beim Anblick des kleinen Babys dachte sie an General Ayjtana und seine Tharranische Freundin. Ihr Sohn Simu war fast im selben Alter wie dieses Baby, nur einen Mond jünger.

"Ich freue mich, Euch kennenzulernen," sagte sie dann. "Können wir reden?"

 

"Ich komme wegen der Friedensverträge," meldete Chenoa vor dem versammelten Rat. "Ich möchte diesen Krieg gerne beenden." Lautes Murmeln ging los.

"Wer will das nicht?" fragte der König von Kisara erstaunt, "Das ist ja eine ganz hervorragende Nachr-...!"

"Leider will Zuyyas Kaiser das nicht," addierte sie dann nachdenklich, und alle sahen sie an. Stille.

"Wieso will er dann Friedensverträge?"

"Die will er auch nicht."

"Wieso sagst du dann, du kämst wegen der Friedensverträge?"

"Ich komme wegen der Friedensverträge. Der Kaiser war gegen mein Kommen und weiß vermutlich noch nichts davon. Es ist dringend nötig, dass wir einen Weg finden, uns hier rauszuaalen. Wenn wir alle zusammenarbeiten, können wir den Kaiser vielleicht umstimmen. Er ist kein dummer Mann, nur etwas stur." Die Senatoren tauschten einen verwirrten Blick.

"Das bedeutet, du bist gegen den Willen deines Gebieters hier??" fragte Puran Lyra sie, "Willst du uns umbringen? Meinst du nicht, dass der Kaiser dich suchen und zornig werden wird?"

"Das wird er sicher, aber die Strafe nehme ich alleine auf mich."

"Wir können keine Friedensverträge machen, wenn dein Kaiser sie nicht unterzeichnet," stellte ein Senator fest. Puran Lyras kleiner Sohn quengelte auf den Armen seiner Mutter.

"Nein, das stimmt," erwiederte Chenoa. "Aber ihr könnt welche stellen. Stellt einen nach dem anderen, so lange, bis der Kaiser es einsieht. Wir müssen unbedingt versuchen, eine unblutige Lösung zu finden."

"Ich bin ganz deiner Meinung," sagte Puran Lyra, "Wenn es möglich wäre, wäre eine unbewaffnete Auseinandersetzung das Beste, was wir machen könnten. Das Dumme ist nur, dass die Zuyyaner Tharr plattwalzen werden, wenn wir zuerst die Waffen aus der Hand legen."

"Ihr müsst den Kaiser um Verhandlungen bitten, und ich werde ihm dringlichst raten, sie anzunehmen," meinte das Mädchen. "Der – in meinen Augen lächerliche – Grund für diesen Krieg hat sich längst erledigt. Der Kaiser will nur nicht, dass das Zuyyanische Volk mit eingezogenem Schwanz nach Hause zieht."

"Und deswegen sollen wir ihn einziehen?" fragte der König perplex.

"Manchmal ist es besser, davonzulaufen, Majestät," seufzte Puran Lyra, und Chenoa erinnerte sich daran, wie sie dasselbe zu Igrajyo Zhunkan gesagt hatte.

"Nein, ich verlange nicht von euch, eure Würde im Staub zu begraben. Wenn wir verbal verhandeln, schaffen wir es vielleicht, einen Kompromiss zu finden. – Auf beiden Seiten, sowohl der Zuyyanischen als auch der Tharranischen, sind viele Männer und auch Zivilisten gestorben. Das muss aufhören. Ich bitte Euch, Majestät... fordert dringendst einen Waffenstillstand. Vielleicht ist das unsere beste Chance. Bis wir eine Lösung gefunden haben." Der König sah erst sie, dann seine Senatoren an.

"Das klingt einleuchtend," murmelte er, "Wer ist dagegen?" Keine Hand hob sich. "Damit ist es beschlossen. – Schreiber! Setze das Pergament auf und schicke es zum Zuyyanischen Kaiser!"

"Jawohl, Majestät."

 

Natürlich hatte Igrajyo Zhunkan Chenoas Verschwinden geahnt und auch bemerkt. Als sie zurückkehrte, kochte er quasi vor Wut.

"Ich hatte dir verboten, zu gehen, und du scherst dich einen Dreck darum?!" war die gebrüllte Begrüßung. Chenoa sah ihn einfach nur emotionslos wie immer an.

"Wolltet Ihr mich nicht bestrafen?"

"Ja, das werde ich auch! So schnell kommst du mir nicht mehr weg!! – Wachen! Legt sie in Ketten und bringt sie vor mein Zelt!" Die Soldaten kamen, und Chenoa wehrte sich nicht, als sie Eisenketten um ihre Handgelenke banden und ihr damit die Arme an den Körper fesselten. So verkettet schleppten sie das Mädchen vor das Zelt des Kaisers, wo sie mit hochgereckter Nase stand und dem wütenden Kaiser in die Augen blickte. "Wärst du nicht so wichtig für das Imperium, würde ich dich umbringen!!" fluchte er und schnappte einen Bambusstab, den einer der Soldaten trug. "Du bist eine... Verräterin des Imperiums, Chenoa!" Er schlug sie mit dem Stock. Sie versuchte, nicht zu zucken, als sie den Schmerz spürte. "Jeder, der mein Imperium verrät und sich gegen meine Verbote widersetzt, wird sterben!!" schrie der Kaiser wutentbrannt und schlug das Mädchen erneut – dann warf er den Bambusstab weg und hob eine Hand, setzte zwei Finger an Chenoas Hals an. Er konnte spüren, wie ihr Puls schnell schlug. Einen Moment grinste er. "Oh... hast du etwa... Angst...?"

"Nein."

"Warum rast dein Puls dann so?"

"Warum sollte ich Angst haben?" fragte sie zurück. "Ihr werdet mich ja am Leben lassen. Selbst vor dem Tod hätte ich keine Angst. Ich würde meinen Bruder wiedersehen." Er schnaubte wütend.

"Manchmal ist es besser... sich zu fürchten!!" Damit übte er mit der Hand an ihrem Hals einen physischen Feuerzauber aus. Es zischte kurz, als sich das Brandzeichen in ihren Hals fraß. Das Mädchen zuckte zusammen, und die Wachmänner rissen die Augen auf.

"S-Sir-...?"

"RUHE!" bellte Igrajyo Zhunkan, "Das soll ihr eine Lehre sein, der aufmüpfigen Jchrrah-Schlampe!! Das Brandzeichen wirst du bis an dein Lebensende tragen! Und jeder wird wissen, dass du mir nicht gehorcht hast!! – Bringt sie weg! Bringt sie nach Ahrgul zurück und sperrt sie ein! Wenn Akando Jamali kommt und sie haben will, sagt ihm, dass sie ungehorsam war und bestraft werden muss! – Raus hier!!" Die Soldaten verbeugten sich, einer von ihnen nahm Chenoa auf den Arm, um sie, gefesselt wie sie war, mitzunehmen.

"Sehr wohl, Majestät."

 

Das Einsperren machte Chenoa garnichts. Es dauerte nicht lange, bis sie es geschafft hatte, die Reikyu zu beschwören und damit die Wachen zu hypnotisieren, die sie im Palast von Ahrgul eingesperrt hielten. Dann nahm sie ein Schiff nach Tharr, um die Verhandlungen weiter zu verfolgen. Die Verhandlungen waren wichtig. Das Ende des Blutvergießens war wichtig. Und es war nicht wichtig, ob sie dabei gegen die Regeln des Kaisers verstieß.

 

Bis der vorzeitige Waffenstillstand durchgesetzt werden konnte, vergingen acht Monde. Acht Monde, in denen immer noch hunderte Menschen in den Schlachten starben. Acht Monde, in denen Chenoa noch dreizehn weitere Brandzeichen vom Kaiser verpasst bekam – jedes einzelne für ihre Ungehorsamkeit, für ihren Verrat am Imperium. Aber es war wichtig, dass sie das durchsetzte, was wirklich wichtig war, und das war das Ende dieses Krieges. Sie dachte an die Worte ihres Vaters.

"Wenn sehr viele Menschen auf einmal sehr böse Dinge tun, bestraft Katari auch die ganze Zuyya, versteht ihr? Es könnte sogar eines Tages passieren, dass er so wütend auf die Zuyyaner wird... dass er alle Zuyyaner vernichten möchte."

Die Torheit der kriegsfanatischen Kaiser (dem jetzigen und seinem Vorgänger) war in Chenoas Augen für Katari Grund genug, um die Zuyya zu bestrafen. Es war der Mond der Irrlichter, kurz nach Erstellung des Waffenstillstandes. Chenoa lag auf dem Rücken auf einer zerrissenen Matte im Verlies von Ahrguls Palast. Mal wieder. Eingesperrt. Sie wusste, während sie ihre Reikyu zwischen ihren Händen ruhig hin und herdrehte, dass der Kaiser inzwischen immer öfter Entscheidungen ohne sie traf. Er misstraute ihr. Irgendwann würde sie sich darum kümmern, aber erst nach Ende des Krieges.

 

Akando Jamali kam, um den argwöhnischen Kaiser nach Chenoas Verbleib zu fragen. Chenoa sah ihn nicht, weil er noch nicht herunterkam, aber sie sah in der Reikyu, dass er zum Kaiser kam. Sie hörte sie sprechen.

"Wo ist Chenoa, Majestät?"

"Eingesperrt," zischte Igrajyo Zhunkan, der über seinen Schreibtisch gebeugt stand, vor sich die von Chenoa gezeichneten Karten von Tharr. "Sie war wieder frech. Ihr könnt sie jetzt nicht haben."

"Majestät, das Mädchen mag zwar der klügste Mensch Zuyyas sein und Eure Beraterin... aber sie ist und bleibt auch ein Mensch, und zwar ein verdammt junger. Sie ist erst dreizehn, Majestät. Ihr könnt eine Dreizehnjährige nicht wochenlang im Verlies einsperren."

"Und ob ich das kann!" blaffte der Kaiser ihn an, "Du bist deiner kleinen Freundin Chenoa sehr ähnlich, Jamali! Aufmüpfig, und das passt mir nicht! Ich warne euch nur einmal, klar?" Akando Jamali steckte seine Pfeife an und nickte.

"Natürlich, Majestät."

"Hier drinnen wird nicht geraucht, Sir!"

"Oh, entschuldigt, ist so eine dumme Angewohnheit."

"Was wollt Ihr eigentlich mit Chenoa? Wollt Ihr sie etwa durchnehmen?"

"Wo denkt Ihr hin, Majestät?" fragte der grünhaarige Mann grinsend, "Ich habe eine wunderschöne Frau namens Pavati, die ein Kind von mir erwartet. Außerdem – ich wiederhole mich – ist Chenoa erst dreizehn. Nein, Majestät, sie ist... so etwas wie eine kleine Schwester für mich. Unsere beiden Clans verbindet eine weiter zurück liegende Vergangenheit." Er erntete einen misstrauischen Blick des Kaisers.

"Nun gut, nimm sie mit. Ich brauche sie momentan nicht hier. – Wache! Schickt, verdammt nochmal, nach diesem General Ayjtana!! Der ist mal wieder nirgends auffindbar! Wenn der bis heute abend nicht hier erschienen ist, ist er dran!!" Akando Jamali hörte den wütenden Befehlen des Kaisers zu, bevor er ging und seine Pfeife außerhalb des Zimmers wieder ansteckte.

 

Während des anhaltenden Waffenstillstandes beruhigte sich die ganze Lage ein wenig, sowohl auf Tharr als auch auf der Zuyya. Chenoa wusste aber, dass es noch nicht vorbei war. Momentan machte der Kaiser nur eine Pause vom Krieg. Wenn sie in ihre Reikyu sah, sah sie wieder das Ende der Welt. Mit jedem mal, das sie mit dem Wind sprach und ihm Fragen stellte, bekam sie neue Antworten, und mit jedem mal verstand sie das Ende der Geschichte ein Stück mehr. Es war wichtig, Dinge zu tun.

Im Hungermond des folgenden Jahres gebar Pavati Jamali eine gesunde Tochter, die sie Thira nannte. Das Mädchen hatte die grünen Haare seines Vaters und die blutroten Augen seiner Mutter geerbt.

"Ein Prachtstück, die kleine Prinzessin!" lachte Roha immer wieder, wenn sie das Baby auf dem Arm hatte, das dann Laute ausstieß. Chenoa saß auf dem Boden in der Stube und polierte mit einem Tuch die Klinge ihrer Naginata.

"Ja, sie ist süß. Sie ist eine Jamali. Sie wird eines Tages eine große Magierin sein."

"Oh ja!" stimmte Roha Chenoa zu und lachte erneut. "Und sie wird die Kouriha ihres Vaters erben, das ist ein gutes Stück. Nicht wahr, Thira? – Aber noch bist zu klein für Waffen." Thira gluckste nur und verstand die Worte der Dienerin sowieso nicht. Chenoa sah das Baby mit den roten Augen oft sehr lange an. Sie war hübsch, aber das war nicht der Grund wieso sie die Kleine ansah. In ihr sah sie etwas wichtiges. Chenoa wusste nicht, was es war... aber dieses kleine Mädchen würde einmal wichtig sein. Chenoa machte es zu ihrer Aufgabe, gut mit auf das Kind aufzupassen.

 

Einige Monde später traf sie erstaunlicherweise in Ahrgul auf General Ayjtana. Es war Sommer. Chenoa hatte den blonden Mann ewig nicht gesehen. Sie wusste, dass der Kaiser sich sehr darüber ärgerte, dass sein bester General nie da war, wenn er ihn brauchte – wobei Chenoa sich fragte, wozu Igrajyo Zhunkan den jetzt brauchte. Es war doch Waffenstillstand?

"Nanu, Chenoa?!" begrüßte General Ayjtana das Mädchen, als sie an seinem Haus vorbeikam, vor dessen Tür er gerade stand. "Katari, dich habe ich ja lange nicht mehr gesehen! – Du bist groß geworden... du bist ja auch inzwischen fast fünfzehn-... schon eine richtige Frau, hm?" Chenoa sah ihn kurz an.

"Ja, Euch habe ich auch lange nicht gesehen, Sir. Wie geht es Euch?" Nodin Ayjtana verstummte zunächst und sah sich um, als wolle er sicher gehen, dass ihn niemand beobachtete.

"Komm mit rein."

 

Sie gingen in sein Haus, und als die Tür zu war, fing er an, zu reden.

"Mir geht es gut. Ein wenig stressig, weil der Kaiser mich in letzter Zeit ständig herzitiert-... ich wohne nicht mehr hier, deshalb ist es für mich jetzt weiter. Ich muss auch aufpassen, dass mich niemand sieht, wegen Sheera und Simu, du verstehst?" Chenoa nickte.

"Wo seid ihr?"

"Außerhalb der Zivilisation," erklärte der Mann, "Wir wohnen in einer Chinohtops-Höhle, ob du es glaubst, oder nicht!" Chenoa zog eine Braue hoch. Chinohtops, diese riesigen, Echsenähnlichen Tiere, deren Häute und Knochen gerne für alles mögliche verwendet wurden? "Simu wird im Wintermond zwei werden," erklärte der Vater stolz, "Er läuft schon und kann schon ein bisschen sprechen!" Jetzt lächelte das Mädchen.

"Ehrlich? Das freut mich. Jamalis, wo ich wohne, haben auch vor einem halben Jahr ein Baby bekommen, ein Mädchen. Sie heißt Thira."

"Oh! Großartig! – Ehrlich, ich hoffe, dass ich mich bald von hier lossagen kann, um mich ganz meiner Familie zu widmen. Ich habe dem Kaiser lange Jahre treu gedient, ich werde ihn bitten, mich gehen zu lassen und einen anderen Mann an meiner Stelle General werden zu lassen. Ich möchte mit Sheera irgendwohin wegziehen, am besten raus aus Niranya, wo unser Sohn wie ein normaler Junge aufwachsen kann..." Chenoa verstand ihn. Hier in Niranya wäre ein normales Aufwachsen quasi unmöglich für jemanden, der von Tharranern abstammte, zumindest seit Beginn dieses Krieges.

"Passt auf," warnte sie den Mann trotzdem, als sie zur Tür ging, "Dem Kaiser missfällt Eure Abwesenheit. Er hat seine Spitzel überall. Es könnte sein, dass er den Grund für Eure Kündigung wissen will."

"Ich weiß."

 

Chenoa hatte in dem Moment gewusst, dass es alles schiefgehen würde. Sie hastete nach Hause, nach Okothahp, und sprach mit den Mächten der Schöpfung. General Ayjtana war ein guter Mann, anders als der kriegssüchtige Kaiser. Sie sah sein Kind, seinen kleinen Sohn, der über die Wiese vor der Chinohtops-Höhle tappte.

Simu Ayjtana.

Sie musste den Kaiser von General Ayjtana ablenken. Aber die Bilder und die Stimmen der Mächte der Schöpfung verfolgten sie und ließen sie nicht los, egal, was sie tat. Der Kaiser hatte seine eigenen Pläne und zog sie nicht länger zur Beratung hinzu. Schließlich war sie eine Verräterin des Imperiums.

 

Als der Kaiser den Verrat seines ersten Generals endgültig aufdeckte, war es der Frühlingsmond des Jahres 985. Und Chenoa konnte nichts tun, als stumm daneben zu stehen und die Bilder zu betrachten. Die Bilder, die ihr zeigten, wie der Kaiser seine Armee zu der Höhle schickte, und wie sie die kleine Familie und die Chinohtops angriffen. Das Kind. Sie wusste, dass das kleine Kind wichtig war. Simu Ayjtana.

"Majestät!!" schrie sie den Kaiser an, als sie in den Palast stürzte, "Was tut Ihr?! Ihr könnt den General nicht einfach umbringen!!"

"Das ist Hochverrat!!" brüllte Igrajyo Zhunkan zurück, "Ein Tharranisches Weib!! Bah!! Dieser Hochverrat wird... mit dem Tode bestraft!! So verlangt es Katari!! Katari will ein vereintes, reines Zuyyanisches Volk!!"

"Katari weiß, was wichtig ist!!" schrie das Mädchen, "Ihr dürft ihn nicht umbringen!"

"Halt den Mund!!" schrie er wütend zurück, "Du hast... das die ganze Zeit gewusst, nicht wahr??! Du hast gewusst, dass mein... bester Krieger eine Affäre mit einer Tharranischen Hure hat!!"

"Sie ist keine Hure, und ihr Name ist Sheera!!"

"MIR SCHNURZ, WIE DIE NUTTE HEISST!!! – Wachen!! Haltet Chenoa fest!! Na los, sperrt sie weg!!" In dem Moment, als die Männer das wütend schreiende Mädchen an den Armen packten, kamen andere Soldaten hereingerannt.

"Majestät!! Die Truppen haben die Höhle komplett vernichtet!" kam die Meldung, "Das Weib ist tot, aber der General hat die Truppen alle auf einmal ermordet und ist mit dem Baby geflohen! Was sollen wir tun, Majestät?" Igrajyo Zhunkan war schon rot vor Wut.

"Fangt mir diesen Verräter!!! Fangt ihn und tötet ihn auf der Stelle!! Und das Balg auch!! LOS, ABMARSCH!!!" Chenoa fuhr auf. Er hatte fliehen können! Das Baby war noch am Leben!

"Ihr wisst nicht, was Ihr tut, Majestät!!" zischte sie und riss sich aus dem Griff der Soldaten los, bevor sie zur Tür stürzte, "Ihr seid nicht Katari! Ihr wisst nicht, was wichtig ist!!" Doch ehe sie die Tür erreichen konnte, hatten die Wachen sie erneut gepackt und zerrten sie an ihrem langen, hellblauen Zopf zurück.

"Hier geblieben, Jchrrah!" knurrte einer der Männer, "Wenn du nicht artig bist, hat der Kaiser gesagt, dürfen wir mit dir machen, was wir wollen... und du bist ein hübsches Mädchen, huh...?" Sie zuckte kurz. Igrajyo Zhunkan ging in aller Ruhe zu ihnen herüber und stellte sich direkt vor Chenoa.

"Na, na, na... du wirst ja mit jedem Tag dickköpfiger, kleines Jchrrah-Mädchen!" tadelte er sie, "Du kommst deinen braven Vorfahren nicht sehr nahe, weißt du das...? Du hörst nicht auf Befehle, nur auf deinen eigenen Dickschädel. Weißt du denn, was wichtig ist? Hältst du dich selbst für Katari, Chenoa?"

"Nein!!" zischte sie, "Aber ich... spreche mit den Schicksalsgeistern! Und sie... sagen es mir!" damit zog sie ihren Rock hoch und zückte ein Messer, das sie mit einem Stoffband um ihren Oberschenkel gebunden hatte. Die Soldaten waren viel zu sehr mit dem Anblick unter ihrem Rock beschäftigt, sodass sie das Messer erst bemerkten, als sie es schon in die Luft erhoben hatte – mit einem unschönen Ritsch schnitt sie ihren eigenen Zopf ab, den die Männer festhielten, und rannte mit fliegenden Haaren aus der Tür.

"H-häh??! CHENOA!!! Bleib stehen!!" brüllten die Wachen und setzten ihr nach, der eine ließ ihre abgeschnittenen Haare fallen. Igrajyo Zhunkan seufzte.

"Lasst sie laufen! Sie wird von selbst zurückkommen. Dann können wir sie immer noch einsperren. Wir können uns nicht leisten, ihr gegenüber gewalttätig zu werden. Sonst spricht sie nachher garnicht mehr mit mir..." Er sah auf ihre am Boden liegenden haare. "Tststs... eine Schande, der schöne Zopf. Ihr dicker Schädel ist ihr also wichtiger als ihre Herkunft... huh?" Er hob die Haarsträhnen auf und ließ sie durch seine Finger gleiten, sodass sie wieder zu Boden fielen. Auf der Zuyya war bei einer Frau die Länge ihrer Haare entscheidend über ihre Herkunft. Nur Frauen von hohem Rang hatten die Zeit und die Mittel, um lange Haare zu pflegen. Die ärmeren Frauen trugen kurze Haare. "Erstaunlich... dass sie sich trotz ihres Dickschädels so weit herablässt... die kleine Jchrrah-Göre... hm?"

 

Sie brauchten nicht lange, um Chenoa wieder einzufangen. Als sie im Kerker vom Palast saß (mal wieder), hatte sie Zeit, den geflohenen General in der Reikyu zu beobachten. Sie sah ihn zu Fuß rennen – sie sah ihn auf Tharr.

Kisara... das Land, in dem wir... den Krieg führen...

Das Kind war in Kisara sicherer als auf Zuyya.

 

Es waren zwei Wochen später, als sie, die Hände auf ihrem Rücken mit Eisenketten zusammengebunden, im Thronsaal des Kaisers stand, erhobenen Hauptes, den verärgerten Kaiser vor sich auf und ab gehend. Die Minister und die obersten Generäle waren anwesend, und Akando und Pavati Jamali.

"Wieder... und wieder... und wieder!" zischte Igrajyo Zhunkan, während er vor Chenoa hin und herging. "Wieder und wieder hast du dich mir widersetzt! Du hast meinen Befehlen nicht gehorcht und gegen die Verbote verstoßen, die ich erteilt habe! – Willst du das... leugnen, Chenoa Jchrrah?!"

"Nein, Majestät."

"Ja... du magst eine Jchrrah sein! Du magst von mir aus auch die weiseste Frau der Welt sein! Aber... ich bin hier der Kaiser! Und du hast meinen Befehlen Folge zu leisten! Du bist meine Beraterin, ja! Und du hast das Recht, deine Meinung zu sagen und mir zu raten! Aber ich entscheide, ob ich deinen Rat für sinnvoll halte oder nicht! Verstanden?"

"Ja, Majestät."

"Du hast das Imperium hintergangen, als du dich auf die Seite des Verräters Ayjtana gestellt hast!" tadelte der Kaiser sie weiter, "Der Mann, der es gewagt hat, eine Liaison mit einer Tharranischen Schlampe einzugehen! Falls du es wissen willst, Chenoa... meine Männer haben ihn auf Tharr gefunden und getötet, genau, wie sie seine Hure hier getötet haben!"

"Das weiß ich, Majestät. Ich habe es bereits gesehen." Was sie aber auch wusste, war, dass der Sohn des Generals noch lebte – in der Obhut einer Familie auf Tharr, ohne, dass der Kaiser es wissen konnte.

"Genug!!" herrschte Igrajyo Zhunkan sie an, "Wirst du... mir ab jetzt gehorsam Ratschläge geben, wie es vorgesehen war?!"

"Das wird sich zeigen," sagte sie kalt. "Ich kann Euch nur das raten, was die Mächte der Schöpfung für sinnvoll halten. Ihr könnt garnicht beurteilen, wie sinnvoll meine Ratschläge sind. Ihr sprecht nicht mit dem Wind. Ich tue das für Euch."

"Für deinen Ausraster von vor zwei Wochen wirst du bestraft und eingesperrt!" ordnete der Mann vor ihr bebend an. "Wenn du dich besserst, kannst du hinaus und kommen und gehen, wie du willst. Du stammst aus einer der besten Familien der Zuyya, es steht mir nicht zu, dich wegzusperren. Aber Strafe muss sein." Er ging zu ihr hin und riss ihr mit einem Messer das Stoffband vom Hals, mit dem sie ihre vielen Brandzeichen verbarg. Diejenigen, die noch nichts davon gewusst hatten, zogen jetzt beim Anblick ihres geschmückten Halses tief die Luft ein. Akando Jamali sah zur Seite, als seine Frau die Hände vor den Mund schlug.

"Was machen sie mit dem Kind...?"

"Ein weiteres... für deine Ungehorsamkeit, Chenoa!" Damit setzte er mit dem Finger an ihrem Hals an, und der Feuerzauber brannte ihr ein weiteres mal auf den Hals. Sie zuckte zusammen und beherrschte sich, um den Schmerz zu verdrängen. Sie konnte ihre Seele so weit kontrollieren und steuern, dass sie die Schmerzen ignorieren konnte – ganz davon abgesehen war sie das Gefühl inzwischen gewohnt. "Einen Mondeszyklus ins Verlies mit ihr! Wachen!" Die Männer packten sie unsanft an den Armen und zerrten sie hinaus. Als sie an den Jamalis vorbeikamen, die an der Tür standen, sah Chenoa den grünhaarigen Mann kurz an. Ihre gelben Augen trafen seine nur ganz kurz.

Sei ein bisschen vorsichtiger in Zukunft, Chenoa.

Sie wandte sich ab und wurde weggebracht, und Akando Jamali seufzte tief und steckte seine Pfeife wieder an.

"Wir gehen, Majestät," verkündete er mit einer Kopfneigung, "Ich erstatte Euch umgehend Bericht, wenn ich etwas... Tolles sehe. – Pavati!" Er nahm seine Frau an der Hand und ging aus der Tür. Der Kaiser sah den beiden mürrisch nach.

"Ich sagte doch bereits, dass hier drinnen nicht geraucht wird, Jamali!!"

"Oh, entschuldigung. Ich vergesse das doch tatsächlich immer wieder!"

 

Pavati Jamali hielt ihr kleines Mädchen im Arm, das inzwischen schon über ein Jahr alt war und längst gehen und fast sprechen konnte.

"Was erwartest du Tolles zu sehen, Liebster?" fragte sie ihren Mann und wippte Thira auf ihrem Schoß hin und her. Roha machte in der Küche Tee.

"Wer weiß? Manchmal sehe ich eine Menge." Er saß ihr gegenüber in einem teuren, uralten Sessel, und nahm mit zwei Fingern getrocknete, zerstampfte Blätterkrümel von einem Papier, die er in seine Pfeife steckte. Aus einer Schublade in einer kleinen Kommode neben ihm nahm er ein kleines Papiertütchen, in dem andere, getrocknete Blätter waren. "Verdammt, mir geht mein Stoff aus, ich sollte mir neuen kaufen-..." murmelte er neben sich, während er mit einem kleinen Messer ein großzügiges Stück von dem Blatt abschnitt, es in seinen Fingern zerbröselte und ebenfalls in die Pfeife stopfte. "Schick Thira nach oben, Pavati." Pavati gehorchte und hob das Kind von ihrem Schoß. In der Küche pfiff der Wasserkessel.

"Thira, mein Spatz, gehst du zu Roha in die Küche? Sie bringt dich ins Bett, es ist spät."

"Kommt Chenoa garnicht?" fragte die Kleine, deren grüne Haare zu zwei Zöpfen geflochten waren.

"Nein, Spatz, heute nicht. Bald kommt sie wieder."

"Schade," machte Thira.

"Sag deinem Papa Gute Nacht," verlangte ihre Mutter, und das Mädchen tappte zu ihrem Vater und kuschelte sich an sein Bein.

"Nacht, Papa!"

"Gute Nacht, meine Süße," erwiederte Akando Jamali lächelnd. "Schlaf schön!"

"Ja!" Sie tappte davon, Pavati und Akando Jamali blieben zurück. Als Roha mit dem Kind an der Hand an der Stube vorbeigegangen war, zündete der Mann seine Pfeife an, aus der ein süßlich riechender Rauch stieg.

"Dieser Krieg muss aufhören, Pavati..." murmelte er, während er an seiner Pfeife zog, und seine Frau nickte langsam.

"Es herrscht doch Waffenstillstand..."

"Ja, aber es ist noch... nicht vorbei. Ich weiß, dass der Kaiser etwas im Schilde führt, deshalb war er auch so verärgert darüber, dass sein bester General ihn verraten hat. Er will Tharr angreifen-..."

"Ein Hinterhalt?" fragte die Frau, die von dem Rauch in der Stube müde wurde, "Akando, Liebling... was hast du denn... gesehen...?"

"Dazu wäre Chenoa jetzt praktisch. Sie sieht mehr als ich. Was die Menschen auf Zuyya machen, ist nicht gut. Katari... ist nicht zufrieden, Liebes. Es wird... Ärger geben." Roha kam zurück in die Stube und brachte Tee.

"Oh nein," seufzte sie vorwurfsvoll und wedelte mit der Hand vor ihrem Gesicht herum, "Ihr raucht ja schon wieder dieses abartige Zeug, Sir! – Ach, deshalb sollte die Kleine schon ins Bett! Wenn ich bemerken darf, nimmt das langsam Überhand hier mit Euch."

"Ja, keine Sorge," sagte er völlig ruhig, "Roha, du weißt doch, was die Drogen sollen. Ich brauche... Antworten."

"Sir," stöhnte Roha tadelnd, "Aber zu viel davon schadet nur Eurer Gesundheit!"

"Ich weiß. – Lass uns jetzt bitte alleine, Roha. Und schließ die Stubentür ab und zieh den Schlüssel. Ich brauche meine Frau jetzt ein wenig." Die Frau neigte den Kopf und ging.

"Sehr wohl, Sir. Wie Ihr wünscht. – Mylady; gute Nacht."

"Gute Nacht, Roha," flüsterte Pavati, ebenfalls benebelt von dem Rauch in der Stube, als Roha ging und die Tür wie befohlen abschloss. Die Violetthaarige erhob sich von ihrem Sessel und zog geräuschlos das Seidenband auseinander, das ihr Gewand um die Hüften zusammenhielt. Ebenfalls geräuschlos glitt ihr Kleid von ihrem Körper ab und zu Boden, als wäre es flüssig. "Ich gebe... dir Antworten... Akando, Liebster," murmelte sie, als sie sich über ihren im Sessel sitzenden Mann beugte und seine Stirn küsste. Er sah sie an – und sah irgendwie auch durch sie hindurch, als seine Augen ins Leere gingen und die Drogen zu wirken begannen. Ein letztes mal zog er an seiner Pfeife, bevor er sie weglegte und die Hände auf die Hüften seiner nackten Frau legte, die sich über ihn kniete. Ihre Lippen fanden sich in einem leidenschaftlichen Kuss. Als er sich von ihr löste, starrten seine Augen komplett ins Nichts.

"Ja... tu es... Pavati!"

 

Chenoa schlug die Augen auf, als ein Soldat vor ihrer Zelle gegen die Tür hämmerte.

"Hey!! Sitzt du auf deinen Ohren?! Du kriegst was zu essen, Chenoa." Er öffnete die Tür und brachte ihr ein Tablett mit Speisen und Wasser. Das Mädchen setzte sich auf und strich sich die blauen Haare hinter die Ohren, die nach dem Abschneiden etwa auf Kinnlänge waren.

"Entschuldigt, Sir. Ich habe Euch nicht kommen gehört, ich war in meinen Gedanken versunken."

"Ja, das hab ich gemerkt," brummte der Soldat und ging zurück zur Tür. Als er weg war, lehnte sich das Mädchen an die Wand. Sie war eben nicht da gewesen. In ihrem Geist war sie auf dem Hohen Berg gewesen, genau vor der Tari Randora – dem Schiff, das ihr Vater gebaut hatte. Ihr Vater hatte mit ihr gesprochen...

"Chenoa. Erinnerst du dich noch, was du tun musst, wenn Katari die Zuyyaner bestrafen will?"

"Sag es mir noch einmal, bitte."

"Die Tari Randora ist ein Schiff, das weitere Strecken fliegen kann als jedes andere. Ihr braucht sie, wenn ihr zur Trias wollt. Wenn Katari wütend wird, ist die Trias eure einzige Chance, zu überleben."

Sie hob den Kopf und vergrub das Gesicht in den Händen.

Unsere einzige Möglichkeit...

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