3.

Es wurde aber bald wieder wichtiger für sie. 976 erklärte der Kaiser den Tharranern den Krieg. Auf Tharr gab es zu viele Menschen, zu viele wanderten auf die viel kleinere Zuyya aus. Dem Kaiser gefiel der Gedanke eines reinrassigen Zuyyanischen Volkes ohne die nervenden Tharraner, so hatte er beschlossen, ihre Anzahl sowohl auf der Zuyya als auch auf Tharr zu reduzieren. Tausende von bewaffneten Armeen, Luftschiffe, Soldaten flogen in den Krieg nach Tharr, der Kaiser selbst führte diverse Truppen an, die nach Tharr flogen und alles niederbrannten und jeden zerstückelten, der ihnen in die Quere kam. Kein sechsjähriges Mädchen hatte mit diesem grässlichen Krieg zu tun – keines außer Chenoa Jchrrah, der jüngsten Beraterin des Kaisers, die es je gegeben hatte.

"Du bist mir eine Hilfe und sagst mir, was ich zu tun habe, um die Tharraner zu erledigen!" beschloss der Kaiser und nahm Chenoa an der Hand. Ihre gelben Augen ruhten auf der Reikyu, die sie auf dem Zeigefinger ihrer freien Hand drehte wie einen Ball.

"Fasst mich nicht an."

"Du tust, was ich sage, Chenoa. Du hast ohnehin keine Wahl."

"Doch, habe ich. Ich könnte es nicht tun und dafür sterben. Aber das macht mir nichts, dann komme ich zu meinem kleinen Bruder." Der Mann verdrehte entnervt die Augen und wünschte sich wie jedes mal, wenn sie den Bruder erwähnte, er hätte ihn am Leben gelassen – dann wäre Chenoa nicht so bockig und er hätte ein Druckmittel, wenn sie einmal nicht seiner Meinung sein sollte. Und das war sie quasi nie. Aber einen männlichen Blutserben der Jchrrahs hatte er nicht am Leben lassen können. Chenoa hatte er nur leben gelassen, weil sie so nützlich war. Und da sie eine Frau war, würde sie den Jchrrah-Clan niemals fortpflanzen können. Niemand würde jemals wieder den Namen Jchrrah tragen.

 

Das Mädchen sah mit jedem Tag und jeder Nacht, was wichtig war und was nicht. Dieser Krieg war es nicht. Sie sah das Ende der Zuyya, konnte es aber nicht einordnen. Der Kaiser nahm sie mit nach Tharr, damit sie seine Kriegsstrategien erfinden konnte. Chenoa gefiel der Krieg gegen Tharr nicht. Krieg war ein Spiel mit Leben und Tod. Katari akzeptierte keine Spiele mit Leben und Tod – den Dingen, die allein Katari selbst den Menschen schenkte oder nicht.

Die Zuyyaner hatten den Angriff auf Tharr so überraschend gestartet, dass sie lange Zeit so gut wie keinen Widerstand der Tharraner bekamen. So dauerte es nicht lange, bis sie sich ein Lager in irgendeinem Hügelland gebaut hatten und das als Stützpunkt bezeichneten.

"Morgen schicken wir Truppen aus nach Süden!" befahl der Kaiser und nahm seinen Helm ab, den er seit Kriegsbeginn fast ununterbrochen trug. "Wir brennen alles nieder, was uns in die Quere kommt, das Hauptziel ist die Stadt Vialla! Verstanden?! Bereite die Truppen auf den Abmarsch vor, General!"

"Majestät," wagte der General zu widersprechen, "Einfach geradeaus nach Süden zu gehen wäre eventuell zu riskant... bislang haben die Tharraner alles ruhig über sich ergehen lassen, aber inzwischen ist der Anschlag auf Yiara eine Weile her! Sie werden sich inzwischen eventuell zusammengerafft haben."

"Was wollt Ihr von mir, Ayjtana?!" schnaubte der Kaiser, "Wollt Ihr mir widersprechen?"

"Nein," sagte der General kurz angebunden, wie Soldaten nun einmal redeten. Er nahm sein Schwert und zeigte auf die große Weltkarte Tharrs, die an der Wand hing. "Wir sind hier unten, mitten im Hochland von Kisara." Er nahm aus seiner Jackentasche ein paar kleine Nadeln und warf eine davon geschickt genau auf den Punkt auf der Karte, an dem sich das Lager befand. "Alles nördlich von uns, etwa von hier unten bis Yiara, die Stadt, die wir zuerst angegriffen haben, steht unter Kontrolle. – Vialla ist die Hauptstadt dieses Landes Kisara, Majestät. Dort sitzt ihr König, möchte ich damit sagen."

"Ich werde dem König persönlich den Schädel zertrümmern, Ayjtana!" grunzte der Kaiser, "Noch was dagegen?!"

"Majestät, lasst mich ausreden... die werden ihre Hauptstadt zu schützen wissen! Ganz davon abgesehen liegt Vialla genau in der Mitte, das bedeutet, dass wir Truppen nach Südwesten und Südosten schicken sollten, um sie einzukesseln. Sonst kommen die Tharraner nämlich von allen Seiten und zertrümmern unsere Schädel."

"Wollt Ihr mir etwas vorschreiben, General?"

"Dazu," fuhr General Ayjtana unbekümmert fort, "Liegt Kisara in der Mitte dieses Kontinenten. Im Westen liegt Senjo, im Osten Kuyala und Janami. Diese drei könnten uns ebenfalls zu Feinden werden. – Ihr solltet Verstärkung von Zuyya anfordern und sowohl Senjo, als auch Kuyala und Janami mit in Betracht zieh-..."

"Verschwendet nicht meine Zeit, General!!" fuhr ihm der Kaiser erbost dazwischen, "Ihr seht besser zu, dass-...!!"

"Ihr solltet auf ihn hören," kam Chenoas kalte Stimme aus der Ecke, und sowohl der Kaiser als auch der flachsblonde General Ayjtana sahen sie an. "Der Mann ist Euer bester Krieger, er weiß, wovon er spricht. Hat er Euch Anlass gegeben, ihm zu misstrauen?" Der Kaiser brummte. Nach einigem Zögern zeigte er zur Tür.

"Geht, General! Ja, ich werde Verstärkung von Zuyya erbitten. Wie Ihr wünscht!"

 

Es war kaum eine Woche später, dass der Kaiser in das kleine Zelt platzte, in dem Chenoa in diesem Lager wohnte. Das Mädchen zeichnete eine Landkarte von Kisara aus dem Kopf. Sie sah vor dem inneren Auge genau die Landschaft und was wo lag.

"Mädchen!" sagte er, "Du gehst jetzt zurück nach Zuyya! General Ayjtana wird dich begleiten – das ist mir hier zu gefährlich für dich. Du bist zu wichtig für uns, um dich sterben zu lassen."

"Keine Sorge, ich würde schon nicht sterben." Es passte ihr aber ganz gut, zurück nach Zuyya zu kommen. Weg vom Krieg. In dem Moment kam auch der General Ayjtana herein.

"Mylady? Wir brechen jetzt auf." Sie erhob sich.

"Ja. Das tun wir."

Sie nahmen ein kleines Schiff, um zurück nach Zuyya zu fliegen, das nicht so auffällig war wie die Militärflugschiffe. Während ein Mann das Gerät steuerte, saßen Chenoa und der General da.

"Der Krieg läuft jetzt auf Hochtouren," sagte Chenoa irgendwann. "Die Tharraner sind jetzt aufgewacht, genau, wie Ihr gesagt habt."

"Ja," sagte General Ayjtana, "Deshalb habe ich es ja gesagt. Mit einem Bomber zu fliegen, wäre gefährlich, unten könnten Tharraner sitzen und uns abschießen."

"Ja. Das würdet Ihr doch auch tun, wenn über Ahrgul ein Tharranisches Schiff flöge."

"Das kommt auf die Ausgangssituation an."

"Ihr seid ein General, Ihr tut nichts weiter, als Befehle von oben zu befolgen und sie weiterzugeben."

"Nein, das stimmt so nicht," widersprach er ihr, "Natürlich muss ich bis zu einem gewissen Grad gehorchen, aber ich habe auch ein Recht auf Verweigerung. Das Problem sitzt in der Gesellschaft, Mylady. Soldaten sind Maschinen – sie haben zu funktionieren, und wenn sie es nicht tun, werden sie entsorgt. So läuft das im Imperium."

"Haltet Ihr Euch für eine Maschine, Sir?"

"Nein. Ich habe meine eigene Meinung, Mylady."

"Ja, Ihr habt dem Kaiser widersprochen. Ich finde das Zuyyanische System bescheuert. Man sollte es ändern."

"Ja, sollte man," stimmte er ihr nickend zu und lächelte. "Aber das ist nicht so einfach. Eine Möglichkeit, das zu ändern, gäbe es nur, wenn man quasi den ganzen Planeten komplett verändern würde."

"Habt Ihr schonmal Menschen getötet?" fragte das Kind. Er nickte.

"Ja. Ich bin General, das gehört leider dazu."

"Tut Ihr es gern?"

"Nein, garnicht. Ich bemühe mich, zwischen Befehlen und Moral einen Kompromiss zu finden. Ich versuche, so wenig zu töten, wie es geht."

"Warum seid Ihr General geworden, wenn Euch das Töten keinen Spaß macht?"

"Mein Vater war es vor mir, ich bin nur in eine Fußstapfen getreten."

"Das hättet Ihr nicht tun brauchen."

"Nein, aber es ist Tradition, dass die Leute meistens das tun, was ihre Eltern getan haben. So bist du doch auch Beraterin des Kaisers, genau wie dein Vater einer war." Sie sah auf ihre Knie.

"Ja, das stimmt. Das ist das Problem mit den Traditionen."

 

Der Krieg war kompliziert. Chenoa wurde hin und hergeschickt, mal nach Tharr zur Front, mal zurück nach Zuyya. Und immer war es General Ayjtana, der oberste und beste Mann der ganzen Armee, der sie begleitete. Der Kaiser sorgte stets für ausreichenden Schutz des Mädchens. So wuchs sie heran im Feuer des Krieges gegen Tharr. Und eines Tages stand sie 982 mit zwölf Jahren an den Toren von Ahrgul und sah einer Truppe Soldaten zu, die in die Stadt marschierte.

"Noch mehr Truppen nach Tharr?" fragte sie skeptisch, "Ihr vernachlässigt die Verteidigung unseres eigenen Imperiums. Sagt dem Kaiser, er soll sich zurückziehen."

"Das geht nicht, Lady Chenoa," sagte einer der Soldaten zu ihr, "Wir müssen diese Aufstände auf Tharr niederschlagen, bevor sie zu groß werden!"

"Die Tharranischen Magier sind keine Leute, die ihr unterschätzen solltet," sagte Chenoa eiskalt und sah die Männer dermaßen abwertend mit ihren gelben Augen an, dass alle stehenblieben. Sie holte ihre Reikyu. "Ich habe des Kaisers Tod gesehen... ihr solltet euch also besser an das halten, was ich sage... ihr Verlierer."

Das Mädchen war nicht überrascht, als genau drei Tage später die Truppen umgehend nach Ahrgul zurückkehrten. Der Kaiser war tot – wie Chenoa es gesagt hatte. Die Minister, Politiker und Soldaten waren gleichermaßen entsetzt.

"Ihr wolltet ja nicht auf mich hören," sagte Chenoa dazu, als sie an den Männern vorbeiging, die die Bahre mit der Leiche des Kaisers in den Palast trugen. Sie wollte hinaus, aber General Ayjtana hielt sie auf, der plötzlich in der Tür stand.

"Wir brauchen Euch noch, Mylady," sagte er beklommen, "Jetzt gibt es eine Menge zu regeln." Das Mädchen seufzte.

"Ich habe keine Zeit, Sir, tut mir leid. Der Tod des Narren bedeutet mir garnichts."

"Nein, mir auch nicht – aber wir haben im System Probleme ohne Kaiser."

 

Sie gingen in einen großen Ratssaal, in dem die obersten Politiker Zuyyas und die letzten wichtigen Mitglieder der wenigen, großen Clans zusammentrafen. Der letzte Kaiser hatte erfolgreich für die Reduzierung der Clans gesorgt, die ihm zu gefährlich gewesen waren. Einst hatten sie die Elite gebildet, inzwischen war es eine klare, winzige Minderheit, die sich Elite der Zuyyanischen Adelsgeschlechter nennen konnte. Chenoa gehörte dazu.

"Wie ist er gestorben?" fragte der kaiserliche Arzt, als die Bahre zugedeckt auf den Tisch gehoben wurde. "Die Bestattung muss angesetzt werden. Lasst einen großen Scheiterhaufen bauen, wir verbrennen ihn."

"Das wird nicht nötig sein, er ist ja schon so gut wie verbrannt," sagte ein Soldat erschüttert.

"Beantwortet jemand meine Frage?"

"Die Tharranischen Magier, Sir," meldete ein weiterer Offizier. "Die Tharraner nennen ihre Zauberer Schamanen. Deren System ist anders als unseres, wir haben es offenbar unterschätzt."

"Der Mann, der euren Kaiser ermordet hat, war der beste Magier Tharrs..." sagte Chenoa in die Runde, und alle Blicke wandten sich auf sie. "Seinen Vater hat man den Herren der Geister genannt... seine Mutter ist auf Tharr bekannt als Schamanenkönigin Nalani Lyra. Und der Name des Jungen ist Puran." Schweigen.

"Woher weißt du das??" wunderte sich einer.

"Ich habe es gesehen."

"Ich habe von dem Namen Lyra einmal gehört," meldete sich ein Mann mit Pfeife, der an der Tür stand. Chenoa erkannte auch ohne Augen, dass er vom Jamali-Clan abstammte. "Der Lyra-Clan ist so etwas wie es bei uns vielleicht die Jchrrahs gewesen sind. Eine blitzblanke Elite deren Magierschaft. Euer Kaiser hat den Mund vielleicht einfach zu voll genommen."

"Haltet den Rand, Sir!" blaffte einer der Politiker den Mann mit den dunkelgrünen Haaren an, "Ihr seid nicht befugt, so zu sprechen!! Seid froh, dass der klägliche Rest Eurer Familie noch leben darf!"

"Na, na, na," machte der Kerl und nahm seine Pfeife aus dem Mund, "Besser die Zunge etwas festhalten, nicht wahr?"

"Auch gut..." seufzte General Ayjtana, um die beiden Streithähne auseinander zu bringen, "Wir brauchen einen neuen Kaiser. Der hier hatte keine Verwandten, keine Söhne... er hat eine Frau, aber eine Frau kommt nicht auf den Thron."

"Nein. Aber die Frau hat eine Schwester, und die hat einen Sohn," erklärte ein Minister, "Der wäre der rechtmäßige Thronerbe." Chenoa beäugte die sich beratenden Männer nur etwas misstrauisch von der Seite.

"Wie ist sein Name?"

"Igrajyo Zhunkan."

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