2.
Die Nachricht vom Tod des alten Kaisers erschütterte die ganze Zuyya und vor allem die großen Clans wie die Jchrrahs und die Jamalis. An seine Stelle als Kaiser trat sein Cousin, der als einziger verbliebener männlicher Verwandter der rechtmäßige Thronerbe war. In den nächsten Tagen gab es unzählige Treffen des ganzen Jchrrah-Clans. Chenoa hatte genug, was sie tun konnte, auch, wenn ihr Vater so oft weggehen musste nach Ahrgul, zu irgendwelchen anderen Teilen der Familie, zu Jamalis... es gab zu viel zu klären und der Jchrrah-Clan war zu wichtig, um sich rauszuhalten. Sie konnte nachts nicht schlafen, weil die Dinge, die passierten, zu wichtig waren. Sie sah den neuen Kaiser in der Reikyu, den merkwürdigen Mann, der mit dem Blut an den Händen. Und sie wusste, dass er seinen Cousin umgebracht hatte, um selbst schon Kaiser zu werden, bevor der womöglich noch einen Sohn bekommen hätte.
Mister Myall brachte Bücher über Magie, die das kleine Mädchen quasi im Handumdrehen las.
"Der Hauptteil der Zuyyanischen Magie bildet die psychische Magie, wie man sie nennt, die Seelenmagie," sagte der Lehrer zu ihr, während sie mit dem dicken Magiebuch auf dem Schoß im Arbeitszimmer saß. "Es gibt auch einen kleinen physischen Magieanteil mit Zaubern, die du ausführen kannst. Feuer-, Wasser-, Eiszauber... der physische Teil ist nicht so wichtig wie die Seelenmagie. Du beherrschst die Reikyu einwandfrei. Das ist sehr lobenswert..." Chenoa sah von ihrem Buch auf.
"Wenn ich meinen Clan vertreten will, muss ich aber auch die physischen Zauber beherrschen," widersprach sie ihm ruhig, "Könntet Ihr mir das beibringen?" Mister Myall lächelte amüsiert.
"Das kann ich versuchen!" In dem Moment kam einer der Bediensteten mit einer Kopfneigung in den Raum, gefolgt von Alrik Jchrrah.
"Mister Myall, entschuldigt," sagte letzterer, "Der Unterricht ist jetzt beendet. Chenoa, es sind Männer aus Ahrgul gekommen, sie wollen, dass du mit ihnen zum Kaiser gehst. Er will dich sehen. Ich fahre sofort mit dir nach Ahrgul."
"Und wann holen wir den Unterricht nach?" fragte Chenoa und stand gehorsam auf, während der Diener Mister Myall zunickte und dem Kind und seinem Vater aus dem Raum folgte.
"Morgen, mal sehen, wann wir Zeit haben."
"Ist das Gespräch mit dem Kaiser wichtig?"
"Ja."
"Ich habe aber nichts gesehen, was darauf hindeutet."
"Das macht nichts. Du kannst dich den Befehlen des Kaisers nicht einfach widersetzen." In der Halle trafen die beiden auf den uniformierten Mann aus Ahrgul. Chenoa bemerkte, dass die Uniform sich verändert hatte. Früher hatte sie anders ausgesehen.
"Sir, da sind wir," meldete Alrik Jchrrah, "Wir fahren jetzt los, wenn es Euch recht ist."
"Nein, Sir Jchrrah, das habt Ihr falsch verstanden," erwiederte der Soldat kurz angebunden. "Lady Chenoa fährt allein mit uns nach Ahrgul. Weder Ihr noch Eure Frau darf dabei sein." Der Vater schien stutzig und beäugte den Ahrgulaner skeptisch.
"Na gut. Dann schicke ich ihre Amme mit. Aputa!"
"Nein," widersprach der Soldat abermals hartnäckig, "Niemand von hier kommt mit. Es ist ein ausdrücklicher Befehl seiner Majestät, dass die Lady ganz alleine kommt." Jetzt war es Alrik Jchrrah aber zu viel, während Aputa mit Tama auf dem Arm herunterkam.
"Ihr verlangt von mir, meine fünfjährige Tochter ohne Begleitung nach Ahrgul zu schicken?!" fragte er etwas grober, als er vorgehabt hatte.
"Ja, Sir."
"Unter uns, auch, wenn sie den Geist eines Erwachsenen hat, ist und bleibt sie ein kleines Mädchen. Das kann ich nicht verantworten, da kann seine Majestät sagen, was er will! Dann kann ich Euch Chenoa leider nicht anvertrauen."
"Und wenn seine Majestät sagt, dass Ihr bei einer Widersetzung seiner Befehle leider hart bestraft werden müsst?" kam von dem Mann aus Ahrgul. Chenoa seufzte.
"Bitte macht meinem Vater keinen Ärger. Ich gehe mit, aber nur, wenn Ihr meinem Vater versprecht, mich gesund zurückzubringen."
"Aber natürlich!" sagte der Soldat und sah Alrik Jchrrah vollkommen perplex an. Es folgte eine Kopfneigung. "Wir alle, vor allem der Kaiser, schätzen Euren großen Clan sehr, Sir! Ich garantiere dafür, dass der kleinen Lady kein einziges Haar gekrümmt wird." Der Vater der kleinen Lady war nicht ganz überzeugt, stimmte aber letztendlich zu. Chenoa fuhr mit dem merkwürdigen Mann in die große Stadt Ahrgul. Im Schloss wurde sie vor den neuen Kaiser geführt, den Mann mit dem Blut an der Hand.
"Ah," sagte der Mann und grinste erfreut, als sein Bote das Mädchen vor seinen Thron führte, "Da ist sie ja, die kleine Seherin! Ich bin sehr froh, dass du kommen konntest."
"Majestät," sagte Chenoa bloß knapp, ohne sich zu verbeugen. Sie war zwar normalerweise gehorsam, aber vor einem Mörder würde sie sich nicht verneigen. Dem Boten hinter ihr passte das aber garnicht, er drückte ihren Kopf leicht gewaltsam herunter.
"Verneig dich gefälligst, Mädchen!!"
"Bei Katari, lass sofort die Finger von ihr!" fuhr der Kaiser ihm dazwischen, und sofort ließ der Mann Chenoa los. "Keiner rührt Lady Chenoa an! Sie ist ein Prachtstück, und wir werden auf ihre Hilfe sehr angewiesen sein! Merk es dir und gib es weiter, Soldat! Wenn einer einen Finger auf das Kind legt, wird er mit dem Tode bestraft!" Chenoa sah den Kaiser vor sich emotionslos an. Die Maßnahme der Todesstrafe gefiel ihr nicht. "Geht alle raus!" kam dann vom Kaiser, "Ich spreche mit Chenoa allein." Die Diener, Soldaten und Ratsmänner gingen, und die Tür fiel ins Schloss. Chenoa blieb ungerührt, wo sie war.
"Was will seine Majestät von mir?" fragte sie.
"Oh, eigentlich... im Moment noch nichts. Aber du bist das Mädchen, das die Zukunft sehen kann! Du bist etwas besonderes. Selbst innerhalb deines Clans bist du das! Du bist das begabteste Mitglied der Jchrrahs, das es je gegeben hat! Das weißt du ja sicher, wie du ja auch sonst eine Menge weißt."
"Ja. Kann ich dann also wieder nach Hause?"
"Nein. Du bleibst einen Tag hier. Ich möchte, dass du den Palast genau kennenlernst, du wirst sicher oft hier sein in Zukunft, weil ich dich brauche. Einer meiner Diener wird dich heute herumführen."
"Wie Ihr wollt."
So kam ein Diener und führte das Kind durch das Schloss von Ahrgul. Chenoa interessierte sich kaum dafür, wo welcher Raum war, und wer wo wohnte, sondern mehr für die Architektur des Palastes und die kunstvoll ausgearbeiteten Säulen, Wände, Fensterrahmen, Türen und Fußböden. Im Schlosskeller dachte sie an ihren Vater und die Baupläne der Tari Randora, die im Schloss sein mussten. Als der halbe Tag herum war und sie alles im Schloss besichtigt hatten, wurde die Kleine in ein großes, schönes Zimmer geführt. Es gab ein Bett, einen hölzernen Tisch und einen großen Stuhl.
"Das wird dein Zimmer sein," erklärte der Diener, "Ich habe mir sagen lassen, dass du gerne liest. Möchtest du Bücher?" Chenoa sah sich um.
"Ist die Führung zu Ende? Kann ich nach Hause?"
"Nein, kannst du nicht. Majestät möchte, das du noch etwas hier bleibst. Ich bringe dir Bücher, in Ordnung?" Das Kind seufzte ergeben. Wenn sie schon noch bleiben musste, obwohl sie viel lieber zu Hause Tama etwas vorgelesen hätte, dann würde sie wenigstens lesen.
"Habt Ihr Bücher über physische Magie? Das interessiert mich sehr."
"Oh, sicher, ich gehe nachsehen. Warte du hier."
Chenoa las den Rest des Tages über interessiert in dem Buch. Als es dunkel geworden war, ging sie zum Kaiser, um ihn zu fragen, ob sie jetzt heim könnte. Aber er verneinte:
"Du bleibst über Nacht, kleine Lady. Morgen kannst du zurück nach Hause. Keine Angst, dein Vater weiß schon Bescheid." Chenoa gab sich mit der Tonlage des Kaisers nicht zufrieden, aber was blieb ihr anderes übrig, als seinem Befehl zu folgen? So verbrachte sie sehr behütet und umsorgt von des Kaisers Hofdamen und anderen Frauen die Nacht im Palast. Am nächsten Tag wurde ihr Aufenthalt zu ihrer Verärgerung erneut verlängert. Dieses mal hieß es, sie könne erst in drei Tagen nach Hause.
"Was soll ich denn drei Tage hier?" fragte sie den Kaiser unhöflich, "Ich kenne den Palast jetzt..."
"Quatsch," machte dieser, "In nur einem Tag konntest du dir nicht alles merken!"
"Natürlich konnte ich das," sagte sie, "Gebt mir ein Papier und eine Feder, und ich zeichne Euch im Dunkeln den gesamten Bauplan Eures Palastes, wenn Ihr wünscht." Der Kaiser war darauf sprachlos, ebenso der Rest aller Anwesenden. Nach einer kurzen Pause lachte der Kaiser dann.
"Oh, du überraschst mich, Mädchen! Du bist ja noch klüger, als ich gedacht habe! Meinen Respekt, Lady Chenoa. Im Ernst, es tut mir leid, dass ich dich noch ein Weilchen hier halten muss. Dann wirst du die Funktionen und Aufgaben der Berater und der Minister im Schloss kennenlernen. Schließlich wirst du auch einmal meine Beraterin sein, nehme ich an?" Sie sagte nichts.
"Könnt Ihr meinen kleinen Bruder herschicken, wenn ich schon bleiben muss? Ich vermisse ihn und würde gerne mit ihm spielen."
"Das geht leider nicht, meine Kleine," seufzte der Kaiser, "Du musst jetzt lernen, die Politik zu verstehen. Zum Spielen wirst du garkeine Zeit haben. Geh jetzt, diese Ratsmänner hier werden dir alles zeigen und erklären." Chenoa wurde aus dem Raum gebracht, und sie hörte den Ratsmännern nicht zu, als sie ihr etwas erzählten. Als sie draußen waren, hörte sie den Kaiser sagen: "Wir sollten ihr am besten gleich klarmachen, dass sie niemals wieder heimkehren wird."
Das Mädchen saß abends mit der Reikyu auf dem Schoß auf dem großen, weichen Bett in ihrem neuen Zimmer im Palast. Neben ihr lag ein Buch über Magie, dieses mal über Seelenkontrolle. Aufgeschlagen war die Technik des Fliegens. Nachdem die Hofdamen und Dienerinnen gegangen waren, die ihr abends das Bett richteten, stand die Kleine auf und ging zum Fenster, die Reikyu löste sich auf. Sie kletterte auf die Fensterbank und schob das Glas auf, sodass ihr die frische Nachtluft ins Gesicht wehte.
"Wenn die mich nicht zurückgehen lassen, dann gehe ich eben alleine zurück." Damit sprang sie leicht wie eine Feder aus dem Fenster und konzentrierte sich auf die Flugtechnik. Bald darauf flog sie weg vom Palast und raus aus Ahrgul. Man kam sehr schnell voran, wenn man flog, stellte sie fest. Und schwer war es nicht. Sie musste ihre Seele kontrollieren und ihr befehlen, sie fliegen zu lassen, und schon ging es. Chenoa spürte keine Wachen, die ihr hätten nachfliegen können. Im Palast schien niemand ihr Verschwinden bemerkt zu haben oder sie ließen sie absichtlich fliehen, um irgendetwas anderes zu erreichen. Die ewige Verlängerung ihres Aufenthaltes in Ahrgul machte ihr Sorgen. Der Mann, der sie abgeholt hatte, hatte im Übrigen sein Versprechen gebrochen, sie heil zurückzubringen. Ihr Vater würde sehr wütend sein, wenn er das erfuhr.
Als sie Yamxieh erreichte, was es stockfinster. In den Häusern und Anwesen ihres Clans brannte kein Licht, und Chenoa fragte sich, wie spät es war. Die Mächte der Schöpfung sagten es ihr, und es war nicht spät genug, um überall Licht zu löschen. Das Mädchen landete sachte vor dem Anwesen seines Vaters. Die Tore waren offen und das war der Moment, in dem sie wusste, dass etwas nicht in Ordnung war. Plötzlich sagte der Wind ihr, dass etwas falsch war.
"Vater?" fragte sie und sah sich um. "Vater! Aputa! Ich bin wieder da!" Es kam keine Antwort. Drinnen regte sich auch nichts. Alles war dunkel. Das Kind zitterte und schlüpfte durch die halb offene Eingangstür in die düstere Halle. Ihre Schritte hallten im ganzen Haus wieder. "Vater?? Ist jemand zu Hause??" Die Frage war rhetorisch, denn sie wusste bereits, dass ihr niemand antworten würde. Zitternd streckte sie den Arm aus und zündete mit einem Zündholz die Kerze neben der Tür an, um Licht zu machen. Das Bild, das sich ihr auftat, ließ sie zusammenfahren vor Grauen. "Oh nein!! Aputa!!" Die Amme lag auf dem Hallenboden, ihr Körper blutüberströmt, das Gesicht auf den Fliesen. Chenoa rannte zu ihr und fasste sie an sie war ganz kalt. "Aputa!! Bitte nicht!!" schrie sie laut und schoss hoch, rannte weiter, die Treppe hinauf. Auf halber Treppe fand sie drei Diener ebenfalls kalt und tot liegen. "Hallo?! Ist jemand da?! Vater!! Mutter!!! Tama!!! Hallo!! Antwortet mir!!!" schrie sie lauter und rannte weiter. Die zweite Tür links oben im Korridor war offen. Auf der Türschwelle stockte das Kind. Vor ihr lag ihr Lehrer Mister Myall am Boden, seine Jacke blutdurchtränkt. Auch er war kalt und starr. "M-Mister Myall!! Wer hat das getan?! Wer??!" Sie erwartete keine Antwort und rannte weiter den Korridor hinunter. Ihr Herz schlug ihr bis zum Hals. Sie waren tot! Mister Myall und Aputa und die Diener waren alle tot! Sie wollte den Mächten der Schöpfung nicht zuhören, die ihr etwas sagten. Sie wollte nicht hören, was sie sagten. Atemlos rannte das Kind durch den verwüsteten Korridor, kam an ebenfalls verwüsteten und halb zertrümmerten Zimmern vorbei. Leeren Zimmern. Sie erreichte ihr eigenes Zimmer, leer, verwüstet. Daneben... Tamas Kinderzimmer. Sie zitterte, als sie es betrat. "T...Tama...?!" schluchzte sie völlig neben sich. Keine Antwort. "Tama! Noa ist wieder da! Antworte doch, Tama!!" Sie suchte ihn im ganzen Zimmer, er war verschwunden. In ihr regte sich ein Funken Hoffnung. War er geflohen? Gab es eine Chance, dass er ein anderes Schicksal hatte als Aputa und Mister Myall? Und ihre Eltern?
Sie rannte weiter, direkt auf die Wohnstube und das Schlafzimmer ihrer Eltern zu. Die Türen waren zu. Direkt davor blieb sie stehen, die kleine Hand am Türknauf.
Beweg dich, Chenoa...
Sie drehte zitternd den Türknauf und schob die Tür einen Spalt weit auf. Drinnen war es finster. Aber die Monde der Zuyya schienen durch das Fenster und spendeten genug Licht, um ihr all ihre Ängste zu bestätigen. Das Mädchen schrie gellend auf und war unfähig, sich zu rühren, als es seine Eltern beide blutüberströmt am Boden liegen sah, quasi direkt nebeneinander. Der Teppich unter ihnen war schwarz vom Blut.
"Mutter!! Vater!! Nein!! B-bitte sagt mir, dass ich träume!!" Sie taumelte. Plötzlich war in ihrem Kopf alles so leer. Tama! Wo war er? "TAMA!!!" brüllte sie heulend und rannte völlig verwirrt und aufgewühlt durch das Schlafzimmer. "WO BIST DU, TAMA??! Antworte doch...!" Sie fand ihn, als sie um ihre tote Mutter herumgerannt war. Als sie ihn sah, blieb ihr fast das Herz stehen. Da lag er am Boden, der Kleine, seine Kleider durchtränkt von dunklem Blut, den Mund geöffnet. Über seinen ganzen Rumpf ging eine tödliche Schnittwunde. "Tama, nein!!! Oh nein...!!" schluchzte das Kind und brach weinend neben ihrer toten Familie zusammen, sich vor Schluchzern bebend über ihren kalten, kleinen Bruder beugend. Sie zog seinen toten Körper an sich heran und weinte immer lauter, sie konnte sich garnicht mehr einkriegen, während sie den Kleinen an sich drückte. "Tama!!! Tama!! Tamaaa!!!" Sie heulte und schrie und presste die Leiche ihres kleinen Bruders an ihren Körper. "Mutter!! Vater!! W-wer hat das getan??! Wer??!!..." Weiter kam sie nicht, weil ihre Tränen und ihr Wimmern ihre Stimme erstickten, und sie schrie abermals und brachte kein vernünftiges Wort mehr über die Lippen. Eine Hand auf ihrer Schulter ließ sie herumfahren und erbleichen. Hinter ihr stand der neue Kaiser.
"Tut mir leid, Mädchen. Komm mit mir. Du musst von hier fort... hier gibt es nichts mehr für dich." Er zog sie hoch, und schon nahmen zwei Soldaten sie ihm ab. Einer versuchte, Chenoa den kleinen Tama aus den Armen zu ziehen.
"Nein!!!" schrie sie wutentbrannt und stieß den Mann zurück, "Keiner fasst meinen kleinen Bruder an!!! Wer es tut, wird sterben!!"
"Aber, aber, Chenoa..." seufzte der Kaiser, "Beruhige dich, wir wollen dir nichts tun!"
"Ihr habt meine Familie ermordet!!!" schrie sie aufgelöst und trat mit Tama in den Armen zurück, "Ihr habt sie alle umgebracht!!! Mörder!!"
"Chenoa! Du kommst mit uns ins Schloss, keine Widerrede."
"Niemals!!" schrie sie und presste sich an die Wand, "Fasst mich ja nicht an!! Ihr seid ein Schwein, Majestät!! Ich hasse Euch!!!"
"So, das reicht. Männer, nehmt ihr den Jungen weg und gebt ihn mir!" Chenoa schrie und schlug und trat wild um sich, als die Männer kamen und ihr nach mehreren Versuchen den toten Tama abnahmen. Andere Männer packten sie und zerrten sie hoch, bis sie sich nicht mehr wehren konnte. Der Kaiser packte Tama und hielt ihn am Hals in die Luft. Chenoa heulte und versuchte, sich zu befreien.
"Gib ihn mir zurück!! Er ist mein Bruder!!! Bitte...!"
"Du warst aufsässig, Chenoa..." sagte der Kaiser dunkel und zog aus seinem Gürtel ein Schwert. "Dein Bruder ist mausetot. Mit dem kannst du nichts mehr anfangen. Du gehörst jetzt zu mir. Und du wirst mir... als letzte Vertreterin deines Clans und ohne den Einspruch deines Vaters..." Mit den Worten trat er mit dem Fuß gegen Alrik Jchrrahs toten Körper, "...eine große Hilfe sein!" Er holte mit dem Messer aus und schnitt den kleinen Tama vor Chenoas Augen quer durch den Bauch einmal durch, sodass die untere Hälfte blutend zu Boden stürzte. Chenoa war unfähig, sich zu rühren, als sie sah, wie der Mann ihren kleinen Bruder zerstückelte und die Reste des Kleinen auf den Boden warf. Sie war unfähig, zu atmen. Auch, als der Kaiser sich über sie beugte. "Wenn du etwas dagegen hast... wirst du so enden wie der Rest deines glorreichen Clans." Er kehrte ihr den Rücken und verließ das Zimmer. Die Männer setzten sich in Bewegung. Chenoa hörte den Kaiser nicht. Sie hörte nichts und sah auch nichts mehr. "Die große Zeit der Clans ist jetzt vorbei, Lady Chenoa. Jetzt ist das mein Imperium."
Die Provinz Yamxieh wurde in neun neue, kleinere Provinzen aufgeteilt, die jeder ohne Miete zu zahlen bewohnen konnte. Das war das Ende des einst so großen Jchrrah-Clans. Nicht nur Chenoas Eltern und Tama, sondern auch alle anderen Clan-Mitglieder hatten die Männer des Kaisers überwältigt und ermordet. Übrig blieb das Mädchen Chenoa, eine Gefangene im Palast des Zuyyanischen Kaisers. Chenoa wusste alles, auch, wenn sie innerhalb der Mauern gefangen gehalten wurde. Sie wusste, dass der Kaiser ihre Familie ermordet hatte. Der Jchrrah-Clan war ihm zu gefährlich gewesen. Zu groß war ihre Macht gewesen, und vielleicht hätten sie ihn für den Mord an seinem Cousin fertiggemacht.
Das Mädchen bekam im Schloss alles, was einen normalen Menschen glücklich gemacht hätte, und auch sie hätte sich darüber gefreut. Bücher, gutes Essen, ein großes, schönes Zimmer. Die Hofdamen lasen ihr jeden Wunsch von den Lippen ab. Aber das einzige, was sie wirklich wollte, konnte ihr niemand geben. Sie wollte Tama wiederhaben. Ihren Vater, ihre Mutter, Aputa, Mister Myall. Ab dem Tag, an dem sie ihre Familie ermordet am Boden des Anwesens gesehen hatte, war ihr Leben anders als vorher. Plötzlich war es nicht mehr wichtig, zu wissen, was wichtig war und was nicht.