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Herr Müller Wie bist Du eigentlich zum Paddeln gekommen , werde ich oft gefragt. Da brauche ich nicht lange zu überlegen und sage nur: Herr Müller Ich gehöre zu den Kindern , die schon in den 50 er Jahren
mit den Eltern in Urlaub fahren konnten.
Herr Müller kam aus dem Osten. Er hatte seine Kindheit
und Jugend auf den Masurischen Seen verbracht. Eine Krankheit ,
die man damals auf dem Lande nicht behandeln konnte , hatte
seinen Körper verunstaltet. Seine Arme und Beine waren dünn
und hart wie Stöcke , seine Füße runde ,
kraftlose Klumpen, seine verformten Hände konnten zupacken
wie ein Schraubstock. Unter der hohen Stirn und den wenigen
Haaren zierte eine eingedrückte Boxernase sein Gesicht. Er
näherte sich in einem grauen , schon vielfach geflickten
Faltboot dem menschenleeren Strand. Als das Boot auf dem Kies
auflief , sprang ich hinzu und griff nach der Fangleine. Herr
Müller quälte sich aus dem Boot., benutzte sein Paddel
als Krücke und stolperte an Land. Ich hielt die Leine fest
so gut ich konnte , eine jahrelange Freundschaft hatte begonnen.
Von nun an kam Herr Müller jeden Tag. Er brachte seine Frau
und seine kleine Tochter mit. Wenige Jahre später hatte ich mein erstes eigenes Boot. Jahr um Jahr trafen wir die Müllers , bis dann nach knapp 10 Jahren der Kontakt abbrach. Wenn ich jetzt , 25 Jahre später beruflich kreuz und quer durch Deutschland reise , gehe ich öfters abends am Meer oder an einem Seeufer spazieren. Ich schaue hinaus auf die riesige Wasserfläche , und manchmal ist mir , als käme ein altes , abgekämpftes Faltboot auf mich zugefahren. Hinten sitzt ein Mann mit einer Boxernase und seine dünnen , harten Arme treiben das Boot mir entgegen. Wolfram Freutel |
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