Mein Rittlinger



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    Gerade 60 Jahre ist es her , als 3 junge Frauen und ein Mann, der zum Glück Schriftsteller und Fotograf war, eine Fahrt nach Österreich direkt ins Paradies unternahmen. Sie verbringen wunderbare Tage in einer großartigen Landschaft. Sie wandern durch Gebirge, Täler , Wälder und Auen, übernachten im Zelt und paddeln die Enns und die Drau hinab. Sie bewegen sich nackt in der damals noch weitgehend unberührten Flußlandschaft. Herbert Rittlinger heißt der junge Schriftsteller und Fotograf, der uns ein großartiges Buch hinterlassen hat. " Das baldverlorene Paradies," erstmals 1943 erschienen und wegen der großen Nachfrage immer wieder aufgelegt, auch jetzt noch im Buchhandel erhältlich. Unzählige junge und alte Kanuten haben ihm nachgeeifert, haben sich dazu anregen lassen selber so eine Fahrt zu unternehmen oder sind durch dieses Buch erst zum Paddelsport und zum Nacktbaden gekommen.

Mein Rittlinger

Zu meinen regelmäßigen Pflichten in der Schulzeit gehörten auch die ständig wiederkehrenden Straßensammlungen für Deutsche Kriegsgräber, das Müttergenesungswerk und Brot für die Welt. Mit einer Zigarrenkiste als Kasse und einer Namensliste zog ich dann von Haus zu Haus. Jeder Spender trug seinen Namen und den Betrag seiner Spende selbst ein. Bei einer dieser Sammlertouren bat mich eine neu zugezogene Kriegerwitwe in ihre kleine Wohnküche. Zwei Dinge fielen mir sofort auf. Das relativ große , gut gefüllte Bücherregal und ein schlankes, schmalgesichtiges Mädchen mit schwarzem Bubikopf , das in meinem Alter sein mochte.
Die Spendeformalitäten waren schnell erledigt und als ich schon in der Tür stand und immer noch verzweifelt nach einem Anknüpfungspunkt für ein längeres Gespräch suchte, fiel mein Blick wieder auf das Bücherregal. Ich stellte mich als große Leseratte vor , erwähnte die beträchtliche Bibliothek meines Vater und meine eigenen Bücher, die ich regelmäßig von meiner Buchhändlertante geschenkt bekam. " Du kannst dir natürlich gerne meine Bücher anschauen " sagte die Frau , und so blieb ich noch ein Stündchen dort. Fast alle Bücher waren Reisebeschreibungen und ihr Lieblingsautor war Herbert Rittlinger , obwohl sie noch nie in einem Faltboot gesessen hatte. Ich dagegen war schon gepaddelt, hatte aber noch nichts von Herbert Rittlinger gelesen , geschweige denn gehört. > Schwarzes Abenteuer < hieß das erste Buch, das ich schnell ausgelesen habe, um es zurückzubringen und mir ein neues ausleihen zu können. So ging das einige Wochen lang. Wochen in denen ich Rittlinger auf seinen verschiedenen Fahrten begleitete , mich selbst schon als wagemutigen Paddler sah , begleitet von einem Aveckle mit schwarzem Bubikopf. Doch meine Träume erfüllten sich nicht. Während die Mutter es liebte sich lang und breit mit mir über Rittlinger und seine Fahrten zu unterhalten, zeigte die Tochter weder an den Büchern noch an mir irgendwelches Interesse. So endete dieser Lesemarathon für mich erst nach einigen Monaten, ( auch Rittlinger kann für einen 12jährigen zeitweise sehr langweilig sein ) als ich auf einer Kirmes ein Mädchen kennen lernte, das gerne ins Freibad ging. Sofort brach ich meine Rittlinger Lektüre ab und kaufte mir eine neue Badehose.
Jetzt , 40 Jahre später habe ich (fast) alles von Rittlinger gelesen und gekauft , paddeln gehört zu meinen Leidenschaften genauso wie die Fotografie und Aveckles habe ich auch immer gerne um mich herum.

Wolfram Freutel 1998


 

Zuletzt geändert: 18.08.2004, 21:53:26

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