"Das
kann doch nicht wahr sein." Eva zieht heftig an ihrer
Zigarette und die Tochter rutscht unruhig auf ihrem Gartenstuhl
herum. Nur ich bleibe ganz cool, da sich ja das Unglaubliche
hinter meinem Rücken abspielt. Doch wenige Augenblicke
später, bin auch ich überrascht. Leonardo di Caprio
steht an unserem Tisch und das Gesicht der Tochter ist feuerrot
angelaufen vor Verlegenheit. Leonardo fragt, ob wir die
Speisekarte wünschen und was wir gerne trinken möchten.
Die Damen fassen sich langsam und bestellen Cola, ich nehme ein
Bier. Die Cola kommt sofort, das Bier dauert. Meine Leidenszeit
beginnt. Leonardo hat eigene Vorstellungen, wie er seine Gäste
bedient. Erst kommt die Tochter, dann Eva, dann ich. So herrscht
ein ständiges Gehen und Kommen, denn Leonardo bringt fast
alles einzeln. Die Tochter hat sich inzwischen erholt, auch Evas
Augen ruhen wohlgefällig auf dem hübschen jungen Mann,
der dem berühmten Schauspieler so ähnlich sieht. Er
ist siebzehn Jahre alt, Gymnasiast aus Wien, der hier in den
Sommerferien bei den Großeltern aushilft. Die Urlaubstage
der Tochter scheinen gerettet und ich muß schon etwas
energisch werden, damit wir hier nicht bis zum Nachmittagskaffee
und weiter bis zum Abendessen sitzen bleiben.
Über
zwanzig Jahre hat es gedauert, bis sich mein Wunsch einige
Paddeltage am Hallstätter See zu verbringen, endlich
erfüllte.
Welterbe
Hallstatt heißt es jetzt seit einigen Jahren. Das bedeutet
u.a. Touristen, Touristen jeden Tag neu. Das war vor einigen
Jahren noch anders. Da lag Hallstatt am Ende einer Sackgasse, im
Winter schlecht erreichbar. Über 4500 Jahre alt ist der
kleine Ort, direkt am See gleichen Namens gelegen. Salz wurde
hier gefördert und in die weite Welt exportiert. Das
Salzbergwerk, sowie die Salzbergbahn kann man heute besichtigen
und benutzen. Es gibt ein Heimat- und Prähistorisches
Museum und eine Besonderheit ist das Beinhaus. Aufgrund der
räumlichen Beengtheit des Hallstätter Friedhofes sind
hier fein säuberlich Knochen und fast 2000 Schädel
aufgeschichtet und mit Namen und Lebensdaten versehen und mit
Blumenornamenten verziert.
Im
Süden und Westen ist der kleine See von hoch aufragenden
Bergen begrenzt, deren Hänge zum Ufer hin steil abfallen.
So liegen große Teile des kalten und über 100 m
tiefen Sees immer im Schatten. Geheimnisvoll wirkt dieses
teilweise dunkle, düstere Gewässer, dann wieder
smaragdgrün und türkisfarben leuchtend.

Abbildung
1Pension Sarstein
Wir wohnen in einer Pension direkt am See mit eigenem
Uferstreifen, im Ort eine große Rarität. Das Gebäude
ist wie viele Häuser direkt an den Hang gebaut. Die sehr
schmale Straße führt auf Dachhöhe am Haus
vorbei. Hier ist es für uns unmöglich die Boote
abzuladen. Am Ortsende, direkt neben dem öffentlichen
Parkplatz finden wir einen Steilhang, an dem wir die Boote
abseilen können. " Laß knacken", ruft die
Tochter im Stil der 60er Jahre. Doch ich denke nicht daran, die
Boote einfach den Hang runter fliegen zu lassen. Das ist mir
viel zu gefährlich. So ein Taifun kann sich leicht in ein
fliegendes Geschoß verwandeln. So bepacke ich die Boote
mit allen Paddelutensilien die man braucht und seile vorsichtig
ab.
Gleich
nach dem Frühstück begeben wir uns am nächsten
Morgen zu den Booten. Das Wetter scheint herrlich zu werden,
kein Wind und keine Wolken am Himmel. Genau gegenüber auf
der anderen Seeseite lösen sich schloßähnliche
Gebäude aus dem Morgendunst. Das soll unser erstes Ziel
heute sein. Doch schon nach wenigen Metern lassen wir die Paddel
sinken, die Boote drehen bei und wir genießen den
unglaublich schönen Panoramablick auf die Stadt und die
dahinter liegenden Berge in der Morgensonne. Ist das nicht eine
Traumlandschaft? Langsam treiben wir auf das Märchenschloß
am anderen Ufer zu. Ein Wiener Architekt hat das Anwesen gekauft
und als Sommersitz für seine Frau ausbauen lassen.


Neben
einem neu errichteten Bootshaus auf Pfählen legen wir an.
Zwei schwere, rechteckige und flache Holzkähne liegen hier
vertäut. Diese sogenannten "Plätten" sind
typisch für den See. Sie gibt es in unterschiedlichen
Größen und schon seit Urzeiten. Aufgespießt
durch einen Nagel finden wir einen Zettel mit einer Botschaft
darauf. Über ein halbes Jahr ist die Nachricht alt, solange
scheint niemand mehr hier gewesen zu sein. Erst jetzt wird uns
endgültig klar, hier ist außer uns kein Mensch.
Stille um uns herum, hin und wieder unterbrochen durch einen
Glockenschlag aus der Ferne. Der Weg zur Schloßanlage ist
verkrautet. Durch bauchhohe Brennesseln und Dornengestrüpp
bahnen wir uns mit "kräftigen Paddelschlägen"
einen Pfad. Ich fühle mich an die Kinderzeit erinnert, an
die Zeit der Märchen und unglaublichen Geschichten. Vor uns
erhebt sich ein Märchenschloß. Zwei mächtige
Rundtürme schützen an den beiden Längsseiten das
Hauptgebäude. An der rechten Seite der Anlage steht dem
Rundturm gegenüber ein mächtiger Wehrturm, der noch
von einem schmalen Kirchturm knapp überragt wird. Hier hat
sich ein Bauherr des 20. Jahrhunderts sein kleines
Neuschwanstein geschaffen. Die Bauarbeiten sind noch nicht
abgeschlossen, das Untergeschoß als Rohbau ist frei
zugänglich. Hier soll einmal die Küche eingerichtet
werden. Es ist uns unheimlich. Durch ein kleines Fenster können
wir in das Kirchlein hineinsehen. Die Bestuhlung ist schon
aufgestellt, doch die Deckenmalerei hat man mitten in der Arbeit
abgebrochen. Werkzeug liegt noch herum, doch seit Monaten hat
hier niemand mehr gearbeitet. Wie bei Dornröschen sind die
Arbeiten am Schloß abrupt eingestellt worden, auch der
Bauplatz wenige Meter oberhalb des Schlosses ist leer, nur eine
alte Betonmischmaschine rostet vor sich hin. So sehr wir uns
auch bemühen, es gelingt uns nicht weitere Blicke ins
Innere der Gebäude zu werfen. Fenster und Türen sind
verriegelt und verrammelt. Was war wohl der Grund, das man
dieses herrliche Anwesen Schloß Grub so plötzlich
aufgegeben hat? Schloß Grab wäre ein passender Name.
Inzwischen
hat die Sonne ihren höchsten Stand erreicht. Es ist sehr
warm geworden und wir sind hungrig. Doch hier wollen wir nicht
rasten. So paddeln wir ein Stück in Richtung Obertraun,
dort am Südende gibt es einen öffentlichen FKK
Badestrand.


Wir
folgen dem Küstenstreifen einige hundert Meter, unerwartet
weicht das Ufer um fast 90 Grad zurück, unsere Bootsspitzen
zeigen Richtung Osten. Wir gleiten so dicht unter Land dahin, so
daß wir die an einem Baum angebrachte Gedenktafel lesen
können. Hier geschah am 18. März 1822 ein großes
Unglück. >Zum Gedenken an die 39 Einwohner von
Obertraun, die in 7 Plätten auf der Rückfahrt von
einem Leichenbegängnis in Hallstadt, von einem Sturm
überrascht, ertranken.< Wir haben hier noch keinen Sturm
erlebt und können uns diesen auch kaum vorstellen. Nur 5
Menschen haben sich damals ans Ufer retten können.
Beklommen und nachdenklich hocken wir in unseren Booten, als uns
ein Hilfeschrei aus unseren Gedanken reißt. Doch was ist
das für ein Hilferuf? "Entschuldigung Hilfe",
"Entschuldigung, helfen Sie mir bitte". Nur wenige
Meter von uns entfernt, aus einem größeren, einige
Meter hohen Buschwerk, dringt dieser Ruf zu uns. Ruch, zuck sind
wir am Ufer und aus unseren Booten heraus. Eine nackte, junge
Frau hatte sich in diesem Baumgebüsch verklettert , sie war
abgerutscht und hatte sich dabei die Beine eingeklemmt.
Irgendwie hätte sie sich selber befreien können,
doch sicher nicht ohne schmerzhafte Hautabschürfungen,
vielleicht sogar kleinere Verletzungen. So bogen und beugten wir
zu dritt Äste und Stämme auseinander um sie so schnell
wie möglich aus ihrer mißlichen Lage zu befreien.
Während
Eva sich noch um das Baum - Opfer kümmert, erfrischen sich
die Tochter und ich im See. Ganz knapp unter der
Wasseroberfläche ist er gar nicht so kalt. Nur wenn man die
Beine baumeln läßt, hat man direkten Kontakt zum
Eismeer.
Am
Abend entschwindet die Tochter ins Städtchen, während
Eva und ich es uns in der Hollywood Schaukel direkt am Seeufer
gemütlich gemacht haben. Der Mond und die Sterne sind heute
nicht zu sehen. Tiefdunkel liegt der See neben uns, der nur an
einigen Punkten die wenigen Lichter der schon schlafenden
Kleinstadt widerspiegelt.
WF2000