Der Dichter schließt sich einer Pilgergruppe
an,
die im allgemeinen Prolog lebhaft beschrieben wird.
Sie versammelt sich in der Tabard Inn in Southwark, um nach Canterbury
zu ziehen.
Die Teilnehmer der Reise gehören den verschiedensten Ständen
an,
vom Ritter bis zum einfachen Pflüger,
und stellen so einen Mikrokosmos der englischen Gesellschaft des 14.
Jahrhunderts dar.
Der Wirt des Tabard Inn schlägt einen Erzählwettbewerb vor:
Jeder der rund 30 Pilger muss während der Reise vier Geschichten
erzählen.
Dieser von Boccaccios Decamerone übernommene Kunstgriff versetzte
Chaucer in die Lage,
eine Vielzahl literarischer Gattungen zu präsentieren:
die Hagiographie,
die allegorische Erzählung,
den höfischen Ritterroman
oder eine Mischung der drei Genres.
Da Chaucer jedoch nicht einmal ein Viertel seines Vorhabens vollenden
konnte,
enthält sein Werk insgesamt 22 Erzählungen in Versen (zwei
davon unvollendet) und zwei längere Prosaerzählungen;
von einigen nimmt man an, dass sie schon früher entstanden sind.
The Canterbury Tales,
die sich aus über 18 000 Versen zusammensetzen,
bestehen aus getrennten Gruppen aus einer oder mehreren Erzählungen,
die jeweils durch einführende Texte miteinander verknüpft
sind.
In den Geschichten findet sich nahezu jede Form
der mittelalterlichen Erzählung in meisterhafter Ausformung.
Die besondere Genialität von Chaucers Werk liegt jedoch in dem
dramatischen Zusammenspiel der Geschichten und der Rahmenerzählung.
Auf die höfische und philosophische Romanze über adlige Liebe,
vorgetragen vom Ritter, folgt der Müller mit einer Verführungsgeschichte,
die den Vogt (ein Beamter oder Verwalter eines Landgutes) verspottet;
der Vogt rächt sich mit einer ähnlichen Geschichte über
die Verführung der Frau und der Tochter eines Müllers.
Auf diese Weise entfalten sich in den Geschichten die Persönlichkeiten,
Streitigkeiten und unterschiedlichen Meinungen ihrer Erzähler.
Die Prologe und Erzählungen der Frau aus Bath
und des Ablasskrämers sind Höhepunkte der Kunst Chaucers.
Die Frau, eine vehemente Verteidigerin ihres Geschlechts gegenüber
dem traditionellen Antifeminismus der Kirche,
beginnt eine Reihe von Erzählungen über Sexualität,
Ehe und Adel („gentilesse"). Der Ablasskrämer stellt auf abschreckende
Weise dar,
wie seine Redegewandtheit auf der Kanzel die Hoffnung auf Erlösung
in einen bösartigen Betrug verwandelt.
Zwar mokiert sich Chaucer auf diese Weise über den Machtmissbrauch
der Kirche,
doch nahm er auch eine Reihe didaktischer und religiöser Geschichten
auf,
die mit der Predigt des guten Pfarrers über die Buße enden.
Ihr folgt ein persönliches Bekenntnis, in dem Chaucer all seine
weltlichen Werke „widerruft",
einschließlich des Troilus und jener Canterbury-Geschichten,
die „einen Hang zur Sünde haben".
Ähnlich dem Ende des Troilus weist dieser Widerruf auf Chaucers
orthodoxe Frömmigkeit hin.
Kyll-23. März 2001
"Chaucer, Geoffrey," Microsoft® Encarta® Enzyklopädie 2000. © 1993-1999 Microsoft Corporation. Alle Rechte vorbehalten.
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2002