"Unheimliche Patrioten"
Bernhard Flieher, Salzburger Nachrichten (27.10.2001)

". . . hab ja im Herzerl den Almfrieden drin . . ." Da wird - noch dazu unter dem CD-Titel "Heimat" - das Klischee bestens bedient. Doch nicht in kitschiger Almrausch-Romantik und so verstaubter wie verkl�render Dirndlkleid-Postkartenansicht lullt das Lied ein. Aufgebaut auf Drum-Loop und Akkordeon und angereichert mit Elektronik-Sprengsel erinnert "Der Almfrieden" in der Version von A Parrot Singing an Wirtshausgeschunkel ebenso wie an das Rauschen des Undergrounds. Der Beitrag findet sich auf einer k�rzlich erschienenen Compilation von pumpkin records. Wolfgang Pollanz, Kultur- und Programmmacher der im s�dsteirischen Wies beheimateten Kulturinitiative K�rbis, sammelte unter dem Titel "Heimat" 21 au�ergew�hnliche Beitr�ge. Jenseits jeder Mainstream-Verd�chtigkeit versucht sich der Sampler auf meist elektronischen Wegen an einer "R�ckeroberung of the Heimat". Entgegen klassischer, scheinbar in alle Ewigkeit festgefahrener Spiel- und H�rgewohnheiten definieren Musiker wie Curd Duca, Clemens Haipl, Ultrascope, Der Schwimmer oder Lassos Mariachis volksliedhafte Weisen. Bisweilen durchdringt Ironie das Geschehen. Einige Male entsteht der Eindruck einer b�swilligen Zerst�rung des bearbeiteten Materials. Auch der absoluten Neuschaffung, in der nur noch bruchst�ckhaft traditionelle Anleihen eingebaut werden, widmen sich einige K�nstler. Erfrischend und h�renswert sind alle Beitr�ge - egal welche Art des Zuganges gew�hlt wurde. Als "ad�quate Antwort auf Heimatt�melei und blauschwarze Brauchtumspflege" versteht Pollanz die Ver�ffentlichung dieser "aktuellen Versionen" von Volks- und Heimatliedern. Weil die Besch�ftigung mit traditionellem Kulturgut hier zu Lande immer recht schnell in ein (un)rechtes politisches Eck ger�ckt wird, scheint eine wie hier von Pollanz erfolgte Abgrenzung dringend notwendig. Unlocker, weil historisch vorbelastet, erfolgt im deutschsprachigen Raum der Umgang mit bodenst�ndigem Kulturgut. Problematischer als der Umgang in der Vergangenheit ist, dass dieser Umgang mit gewachsener Kultur straflos auch in der Gegenwart angewendet wird. Diese Hypothek scheint bei allen unter K�rbis laufenden Projekten Hintergrund zu sein, ja geradezu Ansporn, dagegen anzutreten. Heimat wird hier in vielen Varianten als Zufluchtsst�tte in ein Thema definiert oder als Raum f�r die Ansiedelung von Geschichten oder der Raum, in dem die Sch�pfer dieser Geschichten leben. Und weil Heimat unter solchen Voraussetzungen alles und �berall sein kann, erschien im Oktober eine Science-Fiction-Anthologie ("2001"/Edition K�rbis 21). �hnlich vielseitig wie das Thema Sci-Fi wurden auch "Sex" (1998) oder "Lauter L�rm" (1994) aufgearbeitet. Ebenso ver�ffentlicht wurden literarische Werke von den steirischen Urgewalten Wolfgang Bauer oder Reinhard P. Gruber. Einer fortw�hrenden ideologischen Vereinnahmung des Begriffes "Heimat" werden hier verschiedenste Projekte als klar artikulierte Alternative entgegengehalten. "Volksmusik revisited - Ein Sampler ohne Blut und Boden" - das Motto f�r die "Heimat"-CD darf so auch f�r den grunds�tzlichen Umgang mit traditionellen Gut verstanden werden.

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