Meine Sicht auf... Mason Capwell
Sehr verehrte Geschworene, hohes Gericht. Sie haben soeben die Ausführungen der Staatsanwaltschaft gehört und erinnern sich mit Sicherheit daran, wie mein Mandant als Schwindler und Ehebrecher dargestellt wurde. Ihnen wurde erzählt, dass er ein notorischer Alkoholiker sei, ein hemmungsloser Egoist, mehr noch, ein instabiler Schizophrener, der darüber hinaus im Cowboyhut die Nachbarn mit seinem mäßigen Gitarrenspiel terrorisiert. Die Anklage möchte Sie glauben machen, es handle sich bei ihm um einen desillusionierten Zyniker, der durch seine Angewohnheit, stets am Rande eines Abgrunds spazierenzugehen, jene Menschen, die ihn lieben, ständig vor den Kopf stößt, um keine Nähe ertragen, ja, um das Risiko nicht eingehen zu müssen, erneut verletzt zu werden. Mein Mandant räumt ein, sich in seiner Verzweiflung über den Tod seiner großen Liebe einer Sekte angeschlossen, sich einen Vollbart stehen gelassen sowie einen scheußlichen weißen Anzug gekauft zu haben. Doch übersehen Sie nicht, dass all dies geschah, nachdem die erste große Liebe seines Lebens, die ihn geläutert und zu einem besseren Menschen gemacht hat, auf äußerst tragische Weise zu Tode gekommen war, erschlagen von der Leuchtreklame des Capwell-Hotels, dem Sinnbild einer Macht, gegen die mein Mandant sein Leben lang gekämpft hat --- dem übermächtigen Schatten seines Vaters. Mein Mandant ist ein gebildeter Mann. Er besuchte die Universität von Harvard und schloss mit Auszeichnung ab, wurde Partner einer renommierten Anwaltskanzlei und kurzzeitig sogar Bezirksstaatsanwalt von Santa Barbara, eine Position, die er durch eine Verkettung unglücklicher Umstände verlor. Er liebt Shakespeare und ist ein ausgesprochener Familienmensch, der alles tun würde, um seine jüngeren Geschwister, für die er sich stets in der Beschützerrolle empfand, vor den Übeln dieser Welt zu bewahren, selbst wenn er dabei sein persönliches Glück aufs Spiel setzte. Er riskierte seine Zulassung als Anwalt, um die Verurteilung seiner unschuldigen Schwester Kelly zu verhindern. Ja, er war sogar bereit, auf das Drängen seines Vaters hin die falsche Frau zu heiraten, um die Beziehung seiner Schwester Eden zu schützen - monetäre Erwägungen mögen bei dieser Handlungsweise eine Rolle gespielt haben, wenngleich eine untergeordnete Rolle, da er in seiner eigenen neuen Familie den Halt zu finden hoffte, der ihm in seiner Herkunftsfamilie stets versagt blieb und glaubte, sich nun durch diese Heirat endlich den Respekt der geliebt-verhassten Vaterfigur verdienen zu können. Doch war dies seinem Vater genug? Nein, sehr verehrte Geschworene. Von der Mutter verlassen und durch den Vater wiederholt gedemütigt und verkannt, ist es da eine Überraschung, dass sich verdrängte Kindheitstraumata in übermäßigem Alkoholkonsum und der Ausbildung einer zweiten Persönlichkeit in Gestalt eines gitarrespielenden Cowboys mit schlechten Manieren manifestierten? Und sind Sie, sehr verehrte Geschworene, nicht ebenso davon überzeugt, dass man meinem Mandanten daher keinerlei durch diese zweite Persönlichkeit begangene Geschmacksverirrungen anzulasten vermag? Und denken Sie nicht, meine Damen und Herren, dass es ein anderer Mann sein sollte, der heute auf dieser Anklagebank sitzen müsste, der untastbare Patriarch und Rabenvater C.C. Capwell?
Mein Mandant, verehrte Geschworene, ist mit Sicherheit kein Unschuldsengel. Sittenwidrige Verträge mit Gina DeMott, der äußerst freizügig bekleideten Zeugin der Anklage, welche die Vormundschaft für deren Adoptivsohn Brandon betreffen, oder mit der Zeugin der Verteidigung, Julia Wainwright, sind selbstverständlich weder mit juristischen noch mit ethischen Maßstäben zu vereinbaren, wenngleich sie äußerst originell waren.
Mit Sicherheit hätte mein Mandant seine kurze Ehe mit Victoria Lane beenden müssen, bevor er sich Julia Wainwright zuwandte, doch hinderte ihn der labile Zustand seiner Ehefrau, einer einer Frau, die sich tragischerweise als psychisch instabile drogensüchtige Vergewaltigerin herausstellte, sowie sein Pflichtgefühl als Stiefvater ihres kleinen Sohnes an einer frühzeitigen Klärung der Situation und seiner eigenen Gefühlslage. Mein Mandant hat gezögert - vielleicht einen Augenblick zu lang. Wenn die Anklage ihn deshalb verurteilen will, so fordere ich jene der Anwesenden, die noch in keiner Situation zu lange gezögert haben in ihrem Leben, dazu auf, unverzüglich den Saal zu verlassen.
Verehrte Geschworene, wie ich sehe, sind alle noch hier.
Wenn die Staatsanwaltschaft jedoch suggeriert, durch besagte Vorkommnisse auf die moralische Verderbtheit des Angeklagten schließen zu können, so handelt es sich dabei um den schäbigen Versuch, Sie, meine verehrte Jury, in die Irre zu führen. Hätte die Ordensschwester Mary Duvall ihrem Orden den Rücken gekehrt, wenn es lediglich darum gegangen wäre, eine weitere verlorene Seele zu retten?
Hätte Julia Wainwright, deren untadeliger Ruf sie bereits unter dem Namen "die Johanna von Orleans der Gerichtssäle" weit über die Grenzen unserer schönen Stadt Santa Barbara hinaus bekannt werden ließ, hätte diese bemerkenswerte und selbstbewusste Frau ausgerechnet meinen Mandanten als Vater ihres Kindes auserwählt, wenn es für sie auch nur den leisesten Zweifel an seiner Integrität gegeben hätte?
Die Antwortet lautet nein, verehrte Jury.
Die Anklageschrift legt ihm zur Last, er habe lediglich durch sein verteufelt gutes Aussehen und seine charmante Rhetorik reihenweise die Herzen der stolzesten Frauen im Sturm erobert. Und es ist wahr --- der Angeklagte würde die Wahl zum hässlichsten Mann in Santa Barbara mit geradezu an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit verlieren. Doch bedenken Sie die Worte Antoine de Saint Exupérys: "Nur mit dem Herzen sieht man gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar". Sowohl Mary Duvall als auch Julia Wainwright erblickten hinter dem souveränen und, ja, auch ein wenig sarkastisch-kühlem Auftreten meines Mandanten eine sensible Seite, eine Zerbrechlichkeit, die er sich nur vor wenigen ausgewählten Menschen gestattete. Und ist Ihnen nicht Mason Capwell gerade durch seine Schwächen stärker ans Herz gewachsen als jene perfekten Serienhelden, die in jeder Situation das moralisch Richtige sofort überblicken und keine Sekunde lang vom rechten Weg abzukommen drohen?
Und wenn die Staatsanwaltschaft Ihnen glaubhaft versichern konnte, meinen Mandanten bei einem Postraub im Wilden Westen, dem Diebstahl einer Zeitmaschine, der Abrichtung eines Kampfcollies, in Drogenbesitz, bei der Ausführung illegaler Magie oder gar im Fegefeuer in flagranti ertappt zu haben, so entbehrt dies jeder Grundlage und ist lediglich auf die Tatsache zurückzuführen, dass mein Mandant von einem der talentiertesten und wandelbarsten Schauspieler im Soapgeschäft verkörpert wird, der selbst nachdem er und mein Mandant getrennte Wege gingen, jede Herausforderung zu meistern wusste.
Urteilen Sie selbst, meine Damen und Herren. Blicken Sie in die dunklen Augen des Angeklagten und fragen Sie sich: Was wäre Santa Barbara ohne Mason Capwell? Und wenn Sie sich diese Frage hinreichend gestellt und Ihr Gewissen gründlich geprüft haben, so kann es nur einen Urteilsspruch geben: Nicht schuldig.
Danke.