| HOME | Reservationstourismus -Eine neue Form der Ausbeutung | |||||||||||||||
| von Martin Krueger | ||||||||||||||||
| Jeden Sommer str�men tausende von Touristen aus Amerika und Europa ins Indianerland, vorwiegend in die Reservationen der Lakota. Die Pine Ridge Reservation ist das h�ufigste Ziel dieser Abenteurer, denn mit dieser Reservation im S�dwesten des Staates South Dakota verbindet man Namen ber�hmter H�uptlinge wie Crazy Horse, Red Cloud oder auch den Ort Wounded Knee, an dem im Jahre 1890 knapp 300 Minniconjou -Lakota zusammen mit ihrem Anf�hrer Big Foot, von der US-Kavallerie niedergemetzelt wurden. | ||||||||||||||||
| Sie kommen meist ohne Einladung f�r ein paar Stunden oder Tage vorbei, um auf dem Friedhof von Wounded Knee mal kurz das Massengrab zu fotografieren, in dem die Leichen der get�teten Minniconjou gemeinsam verscharrt wurden. Auch das Grab von Red Cloud ist ein attraktives Objekt zum Fotografieren. Auf dem Weg durch die Reservation wird �berall dort angehalten, wo sich ein interessantes Objekt f�r ein Foto bietet. Ein heruntergekommenes indianisches Wohnhaus, eine verlassene Schwitzh�tte, ein paar betrunkene Indianer am Stra�enrand, oder ein paar spielende Kinder in zerlumpter Kleidung, alles wird ohne vorherige Erlaubnis fotografiert, und so mancher Indianer hat sein Haus, seine Schwitzh�tte, seine Kinder oder sich selbst sp�ter in einer Zeitschrift oder einem Buch wieder gefunden und war nicht sehr begeistert dar�ber. | ||||||||||||||||
| Aber es sind nicht nur die Fototouristen, die die Indianer ver�rgern. Der auf der Pine Ridge Reservation lebende Oglala-Lakota und Buchautor Vic Glover bringt die Sache folgenderma�en auf den Punkt: | ||||||||||||||||
| "Man sieht eine Menge Leute die mal kurz durch die Reservation fahren. Sie kommen aus unterschiedlichen Motiven. Einige wollen sehen, ob wir noch in Tipis leben. Einige wollen "den Indianern helfen". Einige wollen einen Indianernamen. Einige m�chten in den Stamm adoptiert werden. Einige wollen dir erz�hlen, wie schuldig sie sich f�hlen. Einige wollen dir erz�hlen, dass ihre Urgro�mutter eine Cherokeeprinzessin war. | ||||||||||||||||
| Einige wollen an Zeremonien teilnehmen. Einige wollen Peyote essen und andere wollen "eine Friedenspfeife rauchen". Einige wollen einen Medizinmann kennenlernen. | ||||||||||||||||
| Aber es gibt etwas, was alle diese Leute gemeinsam haben, alle wollen sie etwas von uns" | ||||||||||||||||
| (Vic Glover: Keeping Heart on Pine Ridge, Native Voices, Tennessee, 2004, Seite 25/26) | ||||||||||||||||
| Die meisten Indianer reagieren gew�hnlich mit Humor auf die Dummheit dieser Touristen. Sie bleiben ihnen gegen�ber h�flich, aber sowie man ihnen den R�cken zuwendet, machen sie sich �ber die betreffende Person lustig. Der betreffenden Person kann es egal sein, sie kommt vielleicht nie wieder auf die Reservation. Peinlich ist es nur f�r die Nicht-Indianer, die auf Einladung und mit vern�nftigen Absichten die Reservation besuchen. Sie k�nnen sich die ganzen Geschichten �ber das schlechte Benehmen ihrer wei�en Mitbr�der anh�ren und manche dieser Anekdoten treiben einem die Schamesr�te ins Gesicht. | ||||||||||||||||
| Es ist in der Tat so, dass viele dieser Touristen nur kurze Zeit bleiben. Viel zu kurz, um einen Indianer pers�nlich kennenzulernen, und wenn ich kennenlernen sage, dann meine ich keinen Smalltalk, sondern kennenlernen im wahrsten Sinne des Wortes. Es dauert lange, bis Indianer Vertrauen fassen und wirklich zu sprechen beginnen, anstatt nur H�flichkeitsfloskeln auszutauschen. Die meisten dieser Abenteuertouristen hetzen in ein paar Stunden durch die Reservation, wenn es hoch kommt vielleicht ein, zwei Tage und erwarten dann mit einem Haufen Fotos, einem echten Indianernamen oder einer Adoptionsurkunde wieder nach Hause zu fahren. Und all das will man nat�rlich auch umsonst haben. | ||||||||||||||||
| "Alle wollen sie etwas von uns", sagt Vic Glover in seinem Buch, und er hat Recht. Die wenigsten Besucher kommen, um den Indianern etwas zu geben. Nein, gemeint ist nicht unbedingt Geld. Aber man k�nnte, bevor man einen �ltesten oder eine Familie mit Kindern besucht, vorher im Supermarkt Lebensmittel einkaufen und S��igkeiten f�r die Kinder. Man k�nnte, wenn man eingeladen wird �ber Nacht zu bleiben, das Geschirr abwaschen, die K�che sauber machen, einen Zaun reparieren oder irgendetwas n�tzliches tun. Man k�nnte, wenn man das Gl�ck hatte, in ein Haus eingeladen worden zu sein, seine weiteren Reisepl�ne verschieben, um das Haus eines �ltesten zu renovieren. All das wird mit Wohlwollen registriert, auch wenn man nicht unbedingt sofort ein �berschw�ngliches Dankesch�n h�rt, wie es unter Wei�en �blich ist. | ||||||||||||||||
| Einen Indianernamen oder gar eine Adoption muss man sich verdienen. Oft muss man die Familie oder die Person einige Male f�r l�ngere Zeit besucht haben, bevor man sich entschlie�t, dem Fremden einen Ehrennamen zu verleihen oder gar in die Familie aufzunehmen. Und was wichtig ist, man kann dies nicht einfordern. Man m�ge sich mal bitte folgende Situation vorstellen: Ein afrikanischer Asylant klingelt an der Wohnungst�r einer unbekannten deutschen Familie und sagt, dass er sich sehr f�r die deutsche Kultur interessiere, gern hier leben m�chte und bittet darum von dieser Familie adoptiert zu werden und den deutschen Namen der Familie annehmen zu d�rfen. | ||||||||||||||||
| Sie lachen? Gut. Genauso erheitert bzw. auch irritiert f�hlen sich Indianer, wenn man mit solchen absurden Anliegen an sie heran tritt. | ||||||||||||||||
| Eine andere Gruppe, die den Unwillen der Indianer erregt, sind die Esoteriktouristen, die sofort jedem Indianer, den sie sehen von ihren "Visionen" erz�hlen, oder dass sie in ihren fr�heren Leben mal Indianer waren. Vic Glover sagt dazu: | ||||||||||||||||
| "Ich wusste gar nicht, dass Crazy Horse so oft wiedergeboren wurde. Es gab einige von ihm, die durch die Reservation fuhren. Nat�rlich alles Wei�e, soweit ich sie getroffen habe." | ||||||||||||||||
| Auch ich kann ein Lied davon singen, denn in meinen Lakotakursen tauchte so manche Reinkarnation eines ber�hmten Indianerh�uptlings auf, nat�rlich immer aus dem Volk der Lakota, denn "nur ein gefiederter Indianer, ist ein echter Indianer" und ein Navaho, oder Nordwestk�stenindianer ist eben nicht cool genug. | ||||||||||||||||
| Auch einige der von den Indianern bel�chelten "Over-Night-Medicine-Men" (�ber-Nacht -zum-Medizinmann-geworden) wenden sich gelegentlich, selbst zu unm�glichen Zeiten an mich, um Fl�che, Segnungen, Gebete oder einen selbst erfundenen Indianernamen mal kurz eben ins Lakota �bersetzt zu bekommen, und das nat�rlich m�glichst gratis. | ||||||||||||||||
| "Mal kurz eben" ist das Motto des Wasicu, des wei�en Mannes, der von den Sioux ver�chtlich "Der, der das Fett nimmt" genannt wird. Wasicu kommt von "wasi" (Fett) und "icu" (er nimmt). Die urspr�ngliche Bedeutung des Wortes mag eventuell mal eine andere gewesen sein, denn der Ethno-Linguist und Missionar Steven R. Riggs schreibt in seinem Buch "Dakota Grammar", dass "Wasicun" Geist bedeutet, was auch korrekt ist, nur endet das von ihm verwendete Wort mit einem nasalen "un", das erste Wort mit einem gew�hnlichen "u" . | ||||||||||||||||
| Entweder ist Riggs der Ausspracheunterschied nicht aufgefallen, oder aber die Lakota selbst haben den Sinn des Wortes sp�ter durch eine andere Aussprache ver�ndert, um sich somit wenigstens verbal am wei�en Mann zu r�chen, der ihm soviel B�ses zugef�gt hatte. | ||||||||||||||||
| Der Lakota-Medizinmann John Fire Lame Deer jedenfalls �bersetzt das Wort in der ersten Variante und auf den Reservationen habe ich die Indianer immer nur vom "Wasicu" reden geh�rt. Die Riggs Version habe ich nur ein einziges Mal geh�rt, und zwar in dem 1969 gedrehten Film "Ein Mann den sie Pferd nannten". | ||||||||||||||||
| Aber kommen wir zur�ck zum Thema, der Hast und Eile und der Ungeduld, mit der wei�e Touristen Indianer und sich auch untereinander bel�stigen. | ||||||||||||||||
| Genauso wenig wie ich als Buchautor gewillt bin, abends nach 20 Uhr, wenn ich es mir vor dem Fernseher gem�tlich gemacht habe, f�r einen Anrufer in mein Arbeitszimmer zu rennen um mal "kurz eben" in meinen W�rter- und Grammatikb�chern zu bl�ttern, um Indianernamen, Fl�che und Gebete f�r einen mir v�llig fremden Menschen zu �bersetzen, genauso wenig sind Indianer bereit, Leuten, die sie nie vorher gesehen haben, ihre Lebensgeschichte zu erz�hlen, ihre spirituellen Geheimnisse anzuvertrauen oder sie in ihre Familie oder den Stamm zu adoptieren. | ||||||||||||||||
| Der wei�e Mann, an l�slichen Kaffee, Fertiggerichten in Dosen, F�nf-Minuten-Suppen und Fast Food gew�hnt, versucht diese "Schnell- Konsumieren- und weg"-Mentalit�t auch auf seine Mitmenschen anzuwenden. Man nimmt sich keine Zeit mehr f�r Etikette, erkl�rt jeden, von dem man etwas will, zu seinem Freund und nimmt sich keine Zeit mehr, eine Freundschaft langsam entstehen zu lassen. Aber dies "mal eben kurz" funktioniert bei Indianern eben nicht und wenn man nicht gewillt ist, sich Zeit zu nehmen und auch etwas zur�ckzugeben, dann sollte man lieber nicht ins Reservat fahren. | ||||||||||||||||
| �berhaupt sollte man auch lieber nicht uneingeladen kleinere indianische Ortschaften oder Privatgrundst�cke aufsuchen, nicht uneingeladen �lteste aufsuchen oder ohne indianische Begleitperson auf Friedh�fen oder Heiligt�mern herumspazieren und Fotos machen. | ||||||||||||||||
| Nat�rlich sind nicht alle Besucher, die mal kurz Pine Ridge oder eine andere Reservation besuchen, Esoterik- oder New Age-Freaks, oder wollen als adoptierte Neu-Indianer nach Deutschland zur�ckkehren. Ich kenne auch Leute, die aus ehrlichem Interesse hinfahren und keine weiteren Hintergedanken haben, als zun�chst einmal zu "schnuppern", die �ber geschichtliche Ereignisse gelesen haben und den Ort des Geschehens mal mit eigenen Augen sehen wollen. Dagegen ist nichts einzuwenden, denn auf den Reservationen leben viele der Leute auch vom Tourismus. Es ist nichts dagegen einzuwenden, mal in einem indianischen Bed&Breakfast-Haus oder auf einer Ranch zu �bernachten oder im Atelier eines indianischen K�nstlers ein Mitbringsel zu kaufen. | ||||||||||||||||
| Dennoch gilt, wer ein Reservat besuchen m�chte und die Leute dort kennenlernen m�chte, der sollte sich vorher an Organisationen in Deutschland oder an Privatpersonen wenden, sich informieren und nach Kontaktm�glichkeiten fragen. Man kann auch selbst im Internet recherchieren, denn es gibt inzwischen genug indianische Unterkunftsm�glichkeiten f�r Touristen auf den Reservaten und die Leute dort helfen einem sicher weiter, wenn man sie nicht zwei Minuten nach der Ankunft mit tausenden von Fragen bombardiert, sondern erstmal einen h�flichen Smalltalk f�hrt. Man sollte auch nicht vergessen, dass Indianer genauso neugierig darauf sind, etwas �ber andere Teile der Welt zu erfahren. Viele haben Angeh�rige, die mal als Soldat in Deutschland stationiert waren und sind sehr interessiert. Sie sind Indianer und kennen das Reservat gut und wollen nicht immer nur �ber indianische Kultur und Spiritualit�t reden. Und sie sp�ren auch genau, was man von ihnen will und kommen ohne, dass man sie fragen muss irgendwann auf die Themen zu sprechen, f�r die man sich interessiert. Und man erf�hrt meist mehr, wenn man einfach nur zuh�rt und m�glichst wenig Fragen stellt. | ||||||||||||||||
| Zur�ckhaltung und Bescheidenheit sind die Zauberworte, mit denen sich auf den Reservaten alle T�ren und die Herzen der Menschen �ffnen. Was man als Nicht-Indianer auf keinen Fall tun sollte ist, so zu tun, als ob man dazugeh�rte bzw. als wenn man alles besser w�sste, als die Indianer selbst. Eine gute Freundin von mir ist zweimal ins Fettn�ppchen getreten, weil sie sich zu weit vorgewagt hatte. Das eine Mal war sie mit einigen Indianern unterwegs. Die Gruppe hielt an einem Souvenirladen, wo einige Bogen und Pfeile im Schaufenster ausgestellt waren. Sie meinte, einen Scherz machen zu m�ssen und sagte: | ||||||||||||||||
| "Kommt, lasst uns die B�gen und Pfeile kaufen und ein paar Wasicus jagen." Die Indianer antworteten darauf mit ihrer Art von Humor: "Ok, und du bist die erste, die wir erlegen." | ||||||||||||||||
| Obwohl diese �u�erung nat�rlich scherzhaft gemeint war, hatte sie doch einen ernsten Hintergrund. �bersetzt hie� diese Antwort n�mlich "Hey, pass auf was Du sagst, du bist selber eine Weisse." Da meine Bekannte gut mit diesen Indianern befreundet war und zwei von den Lakota sehr gesch�tzte Tugenden besa�, wie Mitgef�hl und Gro�z�gigkeit, entstand ihr mit dieser Aussage kein Schaden. Dennoch h�ren es Indianer nicht gern, wenn man sich so mit ihnen identifiziert, dass man sein eignes Volk dabei verleugnet. | ||||||||||||||||
| Der zweite Tritt ins Fettn�ppchen betraf die Besserwisserei. Meine Bekannte, die sich eine Menge Wissen �ber Kultur, Geschichte und Spiritualit�t der Lakota angelesen hat, beobachte einmal, wie ihr indianischer Freund im Tipi M�cken mit einer Fliegenklatsche totschlug. Sie machte ihn auf den bekannten Spruch "Mitakuye Oyasin" (Wir sind alle verwandt) aufmerksam und meinte, die M�cken w�ren doch auch unsere Verwandten. Nat�rlich hatte sie Recht, aber der Indianer hatte trotzdem keine Lust, sich von den Plagegeistern stechen zu lassen und meinte: | ||||||||||||||||
| "Das m�ssen deine Verwandte sein. Meine Verwandten sind die B�ren, die B�ffel und die Adler. Du kannst die Insekten und Schlangen haben" | ||||||||||||||||
| Auch eine humorvolle Art indianischer Kritik. �bersetzt bedeuten diese Worte: "Hey, warum erz�hlst DU, als Wei�e MIR, als Indianer etwas �ber meine Kultur?" | ||||||||||||||||
| Aber nicht alle Indianer sind immer so nett und h�flich. Wenn man es zu weit treibt, oder wenn der Indianer immer noch ver�rgert �ber den vorherigen Besucher ist, dann k�nnte auch das passieren, was Vic Glover in seinem Buch schreibt: | ||||||||||||||||
| "Leute hier (auf dem Reservat) sind meistens tolerant und zug�nglich, aber einige sind auch sehr direkt, wie eine Freundin von mir, die sagte zu einer Rainbowtussi, die auf einem Sonnentanz erschien und behauptete, das Kosmische Auge h�tte sie gesandt und Crazy Horse w�re ihr in einem Traum erschienen: "Verdammt noch mal verpiss dich von hier!" | ||||||||||||||||
| Ich selbst kenne einige Leute, die entt�uscht aus Amerika zur�ckkamen und mit Indianern nichts mehr zu tun haben wollen. Sie seien unfreundlich und kalt behandelt worden. Alle ihre Vorstellungen von Indianern sind wie Seifenblasen zerplatzt. | ||||||||||||||||
| Auf die Idee, dass sie selbst Fehler gemacht haben k�nnten, sich nicht respektvoll verhalten haben, darauf kamen sie nicht. Als ich versuchte, diesen Leuten ihre Fehler zu erkl�ren, wurden sie ungehalten und meinten, sie seien Wei�e, die es nicht besser wussten, und die Indianer h�tten daf�r Verst�ndnis haben m�ssen und ihnen mehr Geduld entgegenbringen sollen. Geduld? Wie kann man von den Indianern Geduld erwarten, wenn man selber keine hat? Wie kann man von Indianern Respekt erwarten, wenn man selber keinen Respekt zeigt? Wie kann man von Indianern H�flichkeit erwarten, wenn man sich selbst unh�flich verh�lt? | ||||||||||||||||