RESOAPTION

 

1

Bertha B. aus Zollikofen schlenderte ahnungslos die Spitalgasse zu Bern entlang. Schon nach wenigen Metern, auf der Höhe der Loeb-Schaufenster, blieb sie stehen. François hatte offenbar mal wieder eine Spezialausstellung in Auftrag gegeben, um ein gewisses Niveau in die Vitrinen zu bringen: die Dekoratörinnen waren jedenfalls daran, gepresste Schmetterlinge an die Wände zu hängen und bunte Tücher aus dem Loeb-Textilrestsortiment mit Reisszwecken anzubringen, was sich als äusserst schwieriges Unterfangen herausstellte. Immer wieder fielen den offensichtlich überforderten Mitarbeiterinnen die kleinen Befestigungshilfen aus den mit rosa lackierten verlängerten Fingernägeln versehenen Händen auf den Boden, der 58 Sekunden zuvor noch mit Sand berieselt worden war.  Bertha B. sah einige nervöse Wimpernschläge dem peinlichen Treiben zu, bevor sie sich dazu gezwungen sah, ihrem Zahnarzttermin Folge zu leisten. "Oh, zwei Stunden zu spät!" brabbelte sie und zog damit die Aufmerksamkeit der 1098 Demonstrierenden auf sich, die gerade daran waren, gegen den Casino-Kapitalismus zu wettern.

 

"Ja, Frau B. - das sieht schlimm aus... um eine Wurzelbehandlung werden wir nicht herumkommen", hauchte der Zahnarzt in das Mikro von Telebärn, was Bertha B. mitgebracht hatte. "Merde alors..." dachte diese - das einzige, was sie in der Sprache Descartes denken konnte.

 

Das Erdbeertörtchen bei Feller schmeckte scheusslich. "Aber wenigstens etwas Süsses", sagte B. dem leicht übergewichtigen Kellner direkt ins Gesicht. "Der Rest ist für Sie!"

 

 

2

"Die Leiche von Bertha B. lag im Rechen des E-Werks, nachdem sie offenbar unbemerkt an den Badegästen des Marzili in der Aare vorbeigetrieben war", gab der Finder von Bertha B. analytisch-scharfsinnig der Berner Polizeiwache zu Protokoll. "Kann ich jetzt gehen?" fragte er folgerichtig, schon mit einem Fusse draussen im Flur stehend.

 "Nein!" entgegnete Derrick scharf, "sie sind verhaftet!"

"Ich kann also nicht gehen?" fragte Z.

"Nein", sagte Derrick. "Sie haben B. umgebracht!"

"Wie haben Sie das herausgefunden?" nuschelte Z.

"Ganz einfach: Ich habe Sie den ganzen Tag beobachten lassen, von Harry. Er hat mir den Mord bis ins kleinste Detail schildern können."

"Weshalb hatte er das Verbrechen nicht zu verhindern gesucht?" fragte Z.

Derrick antwortete auf diese Frage nicht mehr und begann, über den Shareholder-Kapitalismus herzuziehen. Zwei Uniformierte legten derweil Z. Handschellen an und führten ihn ab.

 

Bertha B. sah um sich. "Wo bin ich?" fragte sie - wohl wissend, dass niemand antworten konnte: war sie doch von Leichen nur so umzingelt. Sie stand auf und blickte in die toten Gesichter, die dunkelblaue Löcher in die Decke starrten. "Warum?" formulierte sie neuerlich eine Frage, die unbeantwortet blieb. Bertha verliess die doch etwas starre Party und trat in den Gang hinaus. Sie blickte auf die Stoppuhr und dann auf die genau 100m entfernte Tür, die nach draussen führte. Bertha brachte sich in Startposition und drückte den Knopf. Reaktionsschnell rannte sie los. 10m, 20, 30, 40....sie gab alles...70, 80, 90, 100 - geschafft! Mit voller Wucht prallte ihr die Tür (die auch zugleich Ziellinie war) mitten ins Gesicht. "Aber nein!“ entfuhr es Bertha etwas ungehalten. Auch die erreichte Zeit – blamable 8,91 sec - vermochte sie nicht zu besänftigen.

 

 

3

Blutüberströmt öffnete sie schliesslich die Tür zur Freiheit. Die Sonne schien über Bern. "Hesch mer zwe stutz fürd  Notschlafstell?" wurde sie direkt vor dem Polizeipräsidium von einem Karton gefragt, der zum Zubehör eines typischen Bärn-Junkies gehörte. "Stutz schreibt man meines Wissens gross!" korrigierte sie den am Boden kauernden respektlos. "Hier, nimm!"- sie gab ihm den Rest des bei der Lebensmittelpolizei auf der Fahndungsliste stehenden Erdbeertörtchens von Feller, was sich bis da in ihrer Hosentasche verborgen hielt. Schnell verschwand es im Magen des Junkies, dessen unrasiertes Gesicht sich schon bald gelb, grün und blau zu verfärben begann, bevor der bedauernswerte Zeitgenosse vornüber kippte.

 

Schritt für Schritt bewegte sich Bertha fort. Sie setzte dabei einen Fuss vor den anderen, ganz so, wie sie es als 37-jährige gelernt hatte. Und Bertha war stolz auf ihre für sie besondere Fähigkeit. "Darauf muss angestossen werden!" rief sie in einen Robidog-Behälter und lachte. Ein Lachen, das zuerst fröhlich klang. Dann aber begann es sich zu verändern und nahm im Laufe der Stunden einen immer teuflischeren Ton an. Gleichzeitig verzerrte sich auch ihr Gesicht immer mehr und verformte sich schliesslich derart, dass ihr das Lachen Schmerzen bereitete. Die Weinkrämpfe waren aber bald vorbei und Bertha erholte sich bei einem Wodka Gorbatschow (CHF 34) im Schweizerhof. Draussen rollte der Feierabendverkehr vorbei und ein Kind liess mal wieder sein Joghurt fallen. "Zahlen bitte!" Bertha wollte raus aus diesem Lokal - mit einem Mal verspürte sie den Drang, das Joghurt wegzuwischen. Es passte nicht in ihr Bild einer sauberen Welt.

 

Ein kulinarischer Hochgenuss war es nicht gerade, was Bertha mit ihrem Sprechorgan vom Bahnhofplatz zum verschwinden brachte, doch zur momentanen Sättigung trug es dennoch bei: gestärkt schritt Bertha voran, um den Zug nach Hamburg doch noch zu erwischen. Auf Gleis 5, wo die Abfahrt hätte erfolgen sollen, war indes nichts zu sehen, schon gar nichts, was mit einem Zug Ähnlichkeit aufgewiesen hätte. "Was mach ich nun?" fragte sich Bertha verzweifelt. Schnell erkundigte sie sich beim Bahnpersonal, das auf dem Perron schon wieder eine Pause machte, nach dem Zug nach Hamburg: "Fährt der heute noch?" 40 Augenpaare sahen sie belustigt an.  "Gibs auf!" plapperten sie den Satz nach, den sie unlängst bei Franz Kafka gelernt hatten.

 

 

4

Gedemütigt verliess Bertha das Bahnhof-Areal, um ihren Gesichtsausdruck wieder etwas aufzuhellen. Doch was nun? Sollte sie nun doch den Flieger nach Düsseldorf nehmen? Autostopp war ihr jedenfalls zu riskant.

 "Kann ich Sie irgändwohin mitneehmän, schöne Frau?" wurde sie von einer Person mit österreichischem Akzent gefragt. "Wohin solls denn gehän?"

"Ach, lassen Sie! Sie stellen sich da was vor..." Bertha hielt inne. Der Hintersitz fühlte sich zumindest bequem an... Schon stieg sie ein und schlug die Autotür hinter sich zu. Der Wagen fuhr los...

 

...Bertha kam zu sich. Was war geschehen? Sie kombinierte messerscharf: "Hast du mich niedergestreckt, Ösi, mit dem Baseballschläger da?"

"Erratän!" gab er zur Antwort.

Stille------4 Stunden später:  "Lass es uns tun!" sabberte Ösi aus Wien.

 "Was tun?" fragte die Unschuld vom Lande (wir erinnern uns: Zollikofen bei Bern) zurück.

"Vergiss es; ich meinte du würdest es auch wollen!"

"Was wollen?" nervte Bertha weiter. Sie stieg aus. Doch was sie vergass: der Wagen war mit 160 kmh auf der A1 unterwegs und so gestaltete sich die Landung etwas härter, als dass sie sich das vorgestellt hatte. "Oh, wie dumm von mir", brachte sie ihre Situation auf den Punkt. Immer wieder fuhren Autos über ihren ohnehin schon lädierten Körper - doch Bertha machte keine Anstalten, sich auf den wenige Zentimeter entfernten Pannenstreifen zu bewegen. Stundenlang liess sie sich quälen. "Ahh... tut das gut!“

 

 

5

Bertha liess sich fallen - schier ewig schien der freie Fall zu sein - sie schwebte und kam scheinbar nie zu Boden. Da begann sie wieder ihr Lachen aufzusetzen. Jenes, das ihr Schmerzen bereitete. Doch Bertha ertrug die Pein tapfer und kam nun auch endlich unten in die Aare platschend an. "15° C", schätzte sie in ihrer gewohnt souveränen Art die Wassertemperatur und fühlte sich sofort Wohl. Sie liess sich treiben und dachte, wie schön es doch wäre, jetzt gleich an einer Demo gegen den Glückspielkapitalismus teilzunehmen. "Doch wäre das etwas für mich? Geld anhäufen wäre wirklich nicht schlecht und Jean Ziegler gefällt mir sowieso besonders gut" - Bertha liess ihrem paradoxen Potential freien Lauf. Oder eine Affäre mit François Loeb? "Ich könnte mich ins Schaufenster pflanzen lassen und als gepressten Schmetterling präsentieren", kam sie ins Schwärmen. Als sie wieder dem Aarerechen entstieg (da war ich doch schon mal) traf sie Harry.

"Hallo", sagte Bertha.

 "Hallo", sagte Harry, "sollen wir es tun?"

"Was tun?"

"Na, ES!"

"Ich wäre oft gerne etwas schlanker", meinte sie geistesabwesend und floh Richtung Zollikofen.  "Wie lange war ich nun schon nicht mehr zu Hause?" fragte sie die kleine Schnecke auf der Strasse, von der sie immer wieder überholt wurde, da sie am unrasierten Bein einer Radfahrerin klebte.

"Wie heisst du denn?" wollte Schnecke wissen.

"Bertha, mit B."

"Aha".

Die Schnecke entschwand und mit ihr Berthas Hoffnung, doch noch einmal in einer Geschichte zu spielen, die einen Roten, wenn auch schleimigspurigen Faden enthielt. Doch sie gab sich keiner Illusion mehr hin und legte sich aufs Geleise der Zollikofen-Bahn. "Ich will sterben", jammerte sie. Und da kam auch schon der Zug...

 

 

6

Bertha war ganz schnell tot und wurde zu Petrus gebracht. "Was willst du?" fragte dieser etwas forsch und lachte derart, dass es ihm Schmerzen bereitete. Bei Bertha machte sich das bare Entsetzen breit  - und nicht nur bei ihr: die ganze Welt konnte sich kaum erholen. Petrus wurde wütend und liess es regnen und zwar nicht H2O, sondern einige Fantastilliarden in

aller Eile angefertigter Klone Bertha B.'s. Auch Bertha das Original erwischte es, so dass sie noch bevor sie die Klinke der Himmelstür ergreifen konnte, wieder retour geschickt wurde.

 

Der Aufprall war mal wieder hart - Bertha kam auf dem Waisenhausplatz zu liegen und zwar direkt auf eine exklusive Kakteensammlung, die soeben den Besitzer gewechselt hatte. "Ob dieser Gesetzesartikel mal geändert wird? Ich bin es leid, ständig das Opfer spielen zu müssen." Anspruchsvolle Rollen wünschte sie sich vermehrt, wo das Talent voll zur Geltung kommt. Sie ging deshalb zum Stadttheater, wo sie sich eine Starrolle erhoffte.

"Wie heissen Sie?" fragte der Theaterintendant.

"Bertha B. mit B."

"Ich bin nicht blöd - wollen sie mich veräppeln?"

Bertha schwitzte: was ist das, veräppeln? Ihr wurde schlecht. Hatte sie was falsches gesagt?

"Wo gehts bitte hier zum Strand?" fragte sie deshalb.

"Ich sehe schon, sie sind begabt", sagte ihr Gegenüber, "zweite Tür rechts!"

Sie ging, nein, besser: sie rannte und zwar so schnell es eben ging mit einem am Stuhl des Intendanten befestigten Bein. "Hahahahahaha..............!" das Lachen des Theaterchefs hallte noch lange in ihren Ohren nach. Es war wieder jenes Lachen, das dem Urheber peinvolle Schmerzen bereitete. Bertha scherte dies aber wenig und kämpfte derweil ums nackte

Überleben. Der Stuhl wurde immer schwerer und ging ihr derart an die Substanz, dass sie an der Ecke Marktgasse/Hintergasse zum Stillstand kam. "Ist ihnen nicht gut?" fragte François Loeb, der verhaltensauffällig vorbeischlenderte und gerade daran war, geistesabwesend in der Gegend rumzustarren.

"Bin ich zu dick, Herr Lööb?" flüsterte sie und betätigte dabei versehentlich den Abzug ihrer bis dato verschollen geglaubten Pistole.

"Sie machen da einen Riesenfehler!" stöhnte Loeb, von der Kugel tödlich getroffen. "Man schreibt mich mit "oe"...".

"Der ist nun allen Erwartungen zum trotz hinüber", dachte sie und wurde sich ihres Fehlers bewusst: "Hab ich "öö" gesagt?"

 

 

7

Im Kursaal war mal wieder Berufsmesse und Bertha sah sich unverbindlich um. "Was bin ich, was will ich?" - existenzielle Fragen ihres Seins waren ihr offenbar immer noch nicht klar. Dies zu klären nahm sie sich ab jetzt vor und begann gleich damit: "Ich bin Bertha und will immer B. bleiben" schrie sie in eine nahegelegene Toilettenschüssel.

Total glücklich verliess sie die Szenerie und liess dort eine derartige Leere zurück, das die Berufsmesse mangels Interesse sofort abgebrochen und auf unbestimmte Zeit verschoben werden musste. Ein Debakel für die Bundesstadt, ein unbeschreiblicher Triumph für Bertha, den sie auch entsprechend feiern wollte: Sie trat ein. "Aaretal strikes back" nannte sich die Party, von der sie glaubte, das müsse die Richtige sein. Dies vor allem deshalb, weil sie zuvor noch "über einen herausragenden Pflasterstein stolperte und so zu Fall kam. Das Resultat: sie fiel auf dem direktesten Weg mit der Nase in einen später als Hundekot identifizierten Haufen" (Zitat aus: Claudine "Gludin"  Zuellig, Net-send-Geschichten. Bern, 2000).

Derart geschminkt war es dann auch ein Leichtes, sich Zutritt zur exklusiven Party zu verschaffen. An der Garderobe gab sie ihre Personalien ab. "Ich brauche nur ihre Jacke!" gab die Garderobière entnervt Auskunft.

"Ich habe keine 'Jacke', wie Sie das nennen", sagte Bertha freundlich aber sehr bestimmt.

"Was soll ich denn mit ihren Personalien?" ging das Ratespiel von der anderen Seite her weiter.

 "Was weiss ich?" regte sich Bertha auf und ging, jetzt also ohne Identität, Richtung Tanzfläche. Sie begann, sich zu bewegen. Anfangs wirbelten ihre Gliedmassen zwar im Rhythmus, aber doch einigermassen unkontrolliert herum. Immer schneller wurden die Bewegungen, immer wilder; Bertha fing an, zu zucken. Die Zuckungen nahmen ein solch absurdes Ausmass an, dass sie in ein hysterisches Gelächter verfiel, das so ansteckend war, dass es die ganze Party in ihren Bann zog. Beinahe unheimlich mutete die schreiend verzerrte Lachkulisse an, so dass es nicht mehr zumutbar schien, Teilnehmer des skurillen Festes zu sein. "Was soll ich da?" erstaunte sich Bertha, als sie, wie aus einem Delirium erwachend und sich dementsprechend säuglinghaft verhaltend, am Boden umherkriechend wiederfand.

 

 

8

Die Garderobière war eingeschlafen. "Hallo Sie!" flüsterte Bertha in ihren für diese Form der Kommunikation typischen 88 Dezibel.

"Was ist los?" fragte die Jackenfetischistin.

 "Ich hätte gerne meine Personalien abgeholt", sagte Bertha.

Die Frau, die in ihrem Leben schon so viel mitmachen musste, blickte ins Leere. Nach einigen Minuten sagte sie: "Vergessen Sies - hier können nur Jacken abgeholt werden."

"Ganz blöd bin ich auch nicht!" - Bertha regte sich auf und verschüttete dabei den Drink, der sich schon seit Stunden in ihrer linken Hand festgesetzt hatte.

"Bitte gehen Sie", sagte Madame Jackenherausgeberin, "Sie sehen doch, dass die Wand hinter mir blau gestrichen ist."

 

Die frische Luft tat Bertha gut. Sie schnappte einige Häppchen der durch Regenwasser erfrischten Berner Atmosphäre. "Ach", jammerte sie, und schlenderte die Wasserwerkgasse entlang. Bei der Untertorbrücke  bog sie scharf nach rechts ab und kämpfte sich den Klösterlistutz hinauf. Dann kam der Fussgängerstreifen, wo sich Bertha hinlegte. Die wohlig weichen Gelbstreifen trugen das ihre dazu bei, dass sie nicht lange liegen blieb und ihren Blick daher auf die Uhr richtete, die sich am Turm der Nideggkirche befand. Unbeachtet blieb indes die sich in ihrer unmittelbaren Nähe aufhaltende Armbanduhr. So war es nicht weiter erstaunlich, dass die Uhrzeit von ihren Augen nicht wirklich abgelesen werden konnte und sie weiterlief, ohne zu wissen, in welcher zeitlichen Dimension sie auf einer Seifenlache ausrutschte.

 

 

9

Und da lag sie also, einmal mehr, auf dem harten Boden einer literarischen Realität und sagte etwas, das nicht nur ihre Existenz in Frage, sondern auch ihre Sympathie zum Autor ins Abseits stellte. "Ich will nach Hause" - ihre Stimme streichelte förmlich den Wind, der durch ihre bereits seit Folge 1 als verklebt zu bezeichnenden Haare strich.

 "Entschuldigung...darf....darf ich sie etwas fragen?" sprach sie einen Passanten auf der Brücke an.

"Die Welt - eine Form des Zusammenlebens sagt Adieu", meinte dieser, eine Kartoffel schälend, zu Bertha.

 "Wieso tun sie das?" fragte Bertha fordernd.

 "Wissen Sie...eine Schale ist doch nichts anderes als eine Brücke, die es abzubrechen gilt..." - er machte eine künstliche Pause, um die Dramaturgie zu erhöhen und sagte dann: "Was ist denn Ihre Beziehung zur Zeit, gnädige Frau?"

Bertha stutzte und meinte dann lapidar: "Der Weg führt doch immer dorthin, wo die Blumen sind....bloss: was soll man da, wenn man keine rote Bluse hat?"

 

Der Passant ging des Weges und Bertha tat es ihm gleich - wenn auch in entgegengesetzter Richtung. Schon wenig später erhoffte sie sich eine höhere Lebensqualität. Dies deshalb, weil sie (etwas kopflos zwar, aber trotzdem geradewegs) in ein Verkehrsschild lief. "Und nicht etwa 5 Meter weiter drüben stehen, oder?!" stauchte sie die Tafel ohne Rücksicht auf Verluste zusammen. "Nimm das! Und das! Und das und das!" - Bertha war ausser sich. Dann lief sie wortlos von dannen und schlug die so genannte "direction nord" ein, die zum Bundeshaus führte...

 

 

10

Bertha kaufte sich einen Kaugummi, den sie aber ungebraucht der nächsten Vertreterin der Corega-Tabs-Fraktion in die Krokodilleder-Handtasche steckte und gleichzeitig sah, dass Polo Hofer von Gölä verprügelt wurde und dabei nicht mitbekam, wie ein Zeiger der Zytglogge-Uhr sich löste und Polizeipräsi Kurt Wasserfallen auf den Kopf fiel, so dass auch die letzte in diesem Schädel noch vorhandene Hirnzelle abgetötet wurde.

 

Bertha kam beim Regierungsgebäude an und staunte: drei Radieschen wagten es doch tatsächlich, vor dem Bundeshaus den Aufstand gegen den Casinokapitalismus zu proben. "Nieder mit der neuen Mitte!" skandierten die kleinen Gemüse und sangen dabei die Internationale. Bertha sah zu und meinte dann kleinlaut: "Was haben die, was ich nicht habe?"

Sie ging weg. Da sah sie, dass es schon 20.30 Uhr war und wurde für den Moment ihrem Schicksal überlassen, da der Autor den Computer ausschaltete und ging.

 

Bertha öffnete die Tür und trat ein. "Endlich zu Hause!" rief sie erfreut - tatsächlich war es im Laufe der Soap das erste Mal, dass sie heimatliche vier Wände betrat. Sie machte sich einen Drink und liess ihn stehen.

"Warum lässt du ihn stehen?" fragte jemand, der nicht da war.

"Ich habe plötzlich so eine Abneigung gegen Sachen, die ich berührt habe", erwiderte Bertha abwesend. Sie legte sich hin und starrte an die Decke. – Da klingelte es an der Tür.

 

 

11

"Wer ist da?" fragte Bertha.

"Kriminalpolizei", tönte es zurück.

"Was...was wollen sie?" - Bertha war leicht ängstlich.

"Ich habe noch ein paar Fragen", sagte Harry.

/Schnitt/

"Es geht um den Mordfall Bertha B." erklärte Harry, neben Bertha auf der Couch sitzend.

Diese war erstaunt: "Was habe ich damit zu tun?"

"Sie...sie sind das Opfer, Frau B.", blieb Harry sachlich.

"Aber der Täter ist ja gefasst", meinte Bertha.

"Ja, schon...aber uns fehlt das Motiv. Wir haben Zweifel, ob  Z. wirklich ihr Mörder ist. Kannten Sie ihn?"

"Nein - ich...ich kannte ihn nicht."

"Es gibt da nur noch einige Unklarheiten..."

Bertha fiel ihm ins Wort: "...was meinen Sie?"

"Zur Tatzeit standen sie nämlich nicht hier, am Fenster, sondern sassen da, auf der Couch. - Und Z. lag nicht da, auf dem Bett, sondern..."

Bertha: "Sie meinen..."

"Genau: er sass dort, auf dem Stuhl."

Stille..., dann: "Warum?"

Bertha schwieg. "Der Drink da...er ist für Sie."

"Danke."

Harry schlug die Tür hinter sich zu, an der gepresste Schmetterlinge klebten, die Bertha im Loeb-Schaufenster gestohlen hatte. Sie war erleichtert: "Polizei im Haus, das ist nie etwas gutes."

 

 

 

12

Am nächsten Morgen ging Bertha gestärkt aus der kleinen Krise hervor und hatte nach dem Erwachen auf nichts anderes Lust, als eine Partei zu gründen. In ihrer Euphorie, die wieder im altbekannten schmerzlichen Gelächter endete, stiess sie dann allerdings an gewisse Grenzen. "Was ist das überhaupt, eine Partei? Und wie gründet man sowas?" - Schlagartig

war Bertha am Boden zerstört und ging auf schnellstem Wege in den Wald. Dort tat sie einige Schritte Richtung Freiheit und sagte zu Tafel 12 des Vita-Parcours: "Es gibt Dinge, die einem Tannenzweig ähnlich sehen."  Völlig befreit ob  dieser Aussage rannte sie los und blieb auf Ansichten kleben, die sie in ihrer Entwicklung um Sekunden zurückwarfen. Und das war nicht alles: Etwa nach 15 Minuten stolperte sie zu allem Ungemach über einen Versprecher eines Kriechtieres, dessen Bahn quer zu der ihren verlief. "Aber...." Bertha kam ins Stocken und aus dem Staunen nicht mehr heraus. Achtzehn Minuten später wars damit dann aber vorbei - Bertha B. meinte lakonisch: "Einmal ist es nie zu spät, um sich, gelinde ausgedrückt, eines Anblicks zu erfreuen, der, selber überrascht, zumal zweiteilig und unter Nichtberücksichtigung äusserer Umstände, nicht bei vollem Bewusstsein befindlich, manchmal (aber nicht immer)..." - hier machte Bertha eine kleine Atempause - "...eine frappante Dreigleisigkeit aufzuweisen pflegend, sich nicht immer verstehen kann und daher bei Gelegenheit zu Tode stürzen möchte. - Mord! Das muss es sein!" Bertha war sich ihrer Sache sicher. Gezielt steuerte sie das nächstgelegene Molkereiproduktefachgeschäft in spe an.

"Ich bin Bertha B." klärte sie die Euterhalterin auf. "Was...was sagst du dazu? Ich...ich ähh...bin doch eher mit...also ich..." - Was  wollte sie bloss aussagen? Den Apfel jedenfalls ass sie nun doch noch und spie das schmucke Appartment eines als Wurm zu bezeichnenden Mieters mit einer Wucht aus, die durchaus als "gross" zu verstehen war - die Kuh dagegen staunte. "Ach wissen Sie" – Bertha sagte es mit Blumen - "es passieren manchmal Dinge, die, als Katastrophen bezeichnet, nicht nur Unheil anrichten und nach Möglichkeit gar verheerende Auswirkungen haben können."

 

 

13

Fünf Tage später sagte sie es zu Harry: "So, da...da bin ich wieder. Ich...äh...sollte vorbeikommen?"

"Ja, das...das stimmt." - Harry sagte es.

Bertha: "Gibt es dafür...ich meine gibt es dafür einen Grund?"

"Ja, natürlich", meinte Harry.

B. :"Welche Gründe sind denn nun Grund genug?"

H. :"Wofür, ich...ich...was wollen Sie damit sagen?"

B. :"Haben sie Feuer?"

H. :"Ja."

Bertha zog an der Zigarette und sagte: "Hat man ihn gefunden?"

"Wen...wen meinen sie?" meinte Harry.

"Na, den...den...also meinen Mörder?"

"Nein, den...den haben wir nicht."

"Wer hat mich denn nun umgebracht?"

"Das ist es ja: wir wissens nicht!"

 

Nicht immer gleichmässig, aber doch annähernd bestimmt schritt sie mal wieder voran – nicht geistig, aber doch mit Füssen: Bertha verliess das Polizeigebäude und suchte die Tramhaltestelle auf. Am darauffolgenden Samstag, es war der 14., ging Bertha, um sich gehen zu lassen. "Heute kauf ich mir was!" - ihre gute Laune wirkte ansteckend, ja elektrisierend. Richtig vergnügt schnappte sie sich einen Einkaufswagen und schob ihn vor sich her. Links und rechts flitzten die Regale nur so an ihr vorbei - viel zu schnell bewegte sie das zum Waren hineinbeigen einladende Gefährt durch den Laden.

 

"Ja, bitte?" fragte die Kassiererin.

"Wie meinen?" fragte Bertha etwas vorlaut zurück.

"Was zahlen Sie?" - die an der Kasse war etwas verdutzt.

"Na, das hier!" - Bertha begann, sich aufzuregen.

"Ich...ich seh nichts!" resignierte die unterbezahlte Mitarbeiterin.

"Dann eben nicht!" Bertha verliess den Laden, ohne auch nur das geringste erstanden zu haben: "Wie denn, wenn die wenig humorvollen Sachen einfach im Regal, oder wie das heisst, kleben bleiben..". Sie lachte.

"Was lachen Sie?" - es war wieder der Passant, den sie mal auf der Brücke traf, eine Kartoffel schälend. Diesmal war es  eine Zwiebel.

"Meinen Sie mich?" Bertha wurde aufreizend-frech.

"Ja, das...das meine ich. Oftmals ist es ja ein Segen, selber zu kauen. Was ist es denn, was den Unterschied ausmacht?"

 

 

 

 

14

Am Bahnhof sah sie's. Es war klein, rot und lag in der Nähe des Kiosks am Boden. Innere Unruhe war dem Ding förmlich von den Lippen abzulesen, die es nicht hatte, in der Bitterkeit einer von Markt und Kapitalismus bestimmten Welt. "Das arme kleine!" jammerte Bertha und begann, am Boden kauernd, nach einer besseren Welt zu fragen: "Wo...wo bist du?" Sie kam

nicht und erteilte Bertha eine derartige Abfuhr, dass diese wieder aufstand. Und wie! "Nie wieder fall ich um!" wurde sie nur leicht überheblich. "Am besten wird es wohl sein, wenn ich jetzt in diesen Kiosk gehe", meinte sie und verärgerte damit nicht nur den neben ihr stehenden Papierkorb, sondern auch den daneben ein imaginäres Interview führenden pensionierten und mit Starallüren behafteten Telebärn-Reporter. "Nichts, aber auch gar nichts deutete darauf hin, dass sie diesen Kiosk tatsächlich betreten würde", gab der Reporter vor laufender Nicht-Kamera zu Protokoll. "Damit zurück ins Studio."

 

"Diesen Button da, an ihrem hässlichen Oberteil...den hätt' ich gern gekauft", sagte Bertha.

"Was...was wollen Sie?" fragte die Kioskfrau (die aus dem Bilderbuch).

"Was ist jetzt? Krieg ich das nun?" wurde Bertha ungeduldig.

 "Aber...nein! Entschieden nein!" Kioskfrau wurde nun mutiger und ging in die Offensive. "Verschwinden Sie!"

Kleinlaut ging sie nun, Bertha B., raus aus dem Bahnhof, raus aus dem Bild und war mal wieder die Geprügelte.

 

 

15

"Darf ich mich setzen?" - Derrick fragte es; Bertha war inzwischen in der Brasserie beim Bärengraben angelangt und nippte dort an einem Vanillefrappee.

"Ja", sagte Bertha kühl und fragte zugleich: "Kriminalpolizei?"

"Richtig", entgegnete Derrick." Ich habe noch ein paar Fragen."

 "In welchem Zusammenhang?" fragte Bertha völlig berechtigterweise.

 "Das weiss ich nicht, ich...ich habe einfach noch ein paar Fragen."

Bertha wurde ungeduldig und spie Derrick etwas Vanille direkt ins Gesicht.

"Ich muss Sie mitnehmen!" sagte Derrick scharf, und: "Eine Tasse Kaffee ist manchmal mehr des Übels, als man gemeinhin so annehmen könnte - 8 mal 9 gibt ja bekanntlich 24,56."

Dem hatte Bertha nichts entgegenzusetzen, und sie dachte nur: "Der stellt sich da was vor...will der mich zu Harry bringen?"

 

Derrick machte das Auto-Radio an und gleich wieder aus und fragte: "Was ist ihre Vorstellung von einer Welt ohne Fertig-Tomatensaucen?"

Bertha war nicht gerade in Champagnerlaune: "Was weiss ich? Oft weiss man ja nicht, ob es morgens oder abends ist, wenn man nach ein paar Brosamen für die Tauben fragt."

"Richtig", meinte Derrick und lächelte verlegen. "Das ist ganz meine Meinung."

Der Wagen hielt plötzlich an. "Steigen Sie aus!" befahl Derrick. "Ich kann sie nicht mehr ertragen! Sie sind eine derart neben mir sitzende Psychopatin, dass ich es beim besten Willen nicht mehr aushalte, ihrem Gelaber über eine bessere Welt zuzuhören. Ich bin es leid, mich ständig mit Ihnen abgeben zu müssen und verweise Sie deshalb des Wagens! Und wissen Sie was?" Bertha wusste es natürlich nicht... "Eine Karotte mit einer Seifenblase vergleichen zu wollen - damit ist es einfach nicht getan! Sie müssen endlich akzeptieren, dass wir in einer Welt leben, die nicht so ist, wie wir das gerne hätten. Eine Welt nämlich, deren Autopoiesis mehr als nur am bröckeln ist, eine Selbstzerstörungsphase, die, der Apokalypse sich nähernd, nicht erst gestern begonnen hat! Und noch was: Sie sollten sich mal duschen!"

 

 

16

Damit warf er die inzwischen wirklich als wenig Sauber zu bezeichnende und nun doch schon 15 Folgen alte, ohne sich auch nur der geringsten Körperpflege untergezogen habenden Bertha aus seinem BMW Advantage TI.3M. Erstaunt ob der Moralpredigt, die sie soeben gehört hatte, kratzte sich Bertha am Bein. War damit etwa gemeint, dass sie, die Heldin einer Soap, die Welt retten sollte? Und plötzlich war ihr klar, dass es das sein konnte, sein musste: Sie war übergeschnappt. (Harry Klein heiratete sie dann aber trotzdem.)

 

Nun war wenigstens endlich der Auftrag klar: Bertha B. war dazu auserwählt worden, die Welt neu zu erfinden. Sogleich machte sie sich daran, und wiewohl sie sich ob dieser Aufgabe masslos unterfordert fühlte, nahm sie auf Harry Bezug und fragte: "Kannst du mir helfen?"

Harry, im alten Trenchcoat Derricks auf der Couch liegend statt am Fenster stehend, fragte zurück: "Was hast du gesagt?"

Scheinbar war Harry gar nicht mitbestimmt worden, für das Projekt höherer Ansprüche, das war nach dieser apathischen Reaktion mehr als offensichtlich. So war Bertha ein weiteres mal auf sich alleine gestellt. Sie beschloss, sich zunächst einmal zu waschen, um für weitere Abenteuer gerüstet zu sein. Nachdem sie das Fenster geöffnet hatte (sie zog inzwischen in

die im Stile einer Grünwalder-Villa gehaltenen Harry-Residenz), liess sie Windstärke 3 durch ihre Augenbrauen streichen und sagte dann entsprechend feierlich: "Gehen wir mal was essen? Ich finde, dass wir feiern könnten."

Harry: "Was feiern?"

Bertha: "Die Tatsache, dass es nicht weniger als 18 Uhr ist und es nicht mehr lange dauern wird, bis die heutige Folge zu Ende ist. Wir müssen uns beeilen."

Harry düste los und riss Berthas für einmal klare Gedanken förmlich mit in ein Heute, das mit dem Gestern herzlich wenig zu tun hatte.

 "Warte!" rief Bertha verzweifelt. "Ich komme mit!"

"Wohin?" fragte Harry verwundert zurück.

 

 

 

17

Im Restaurant sassen sich unsere zwei Protagonisten gegenüber und schwiegen fürs erste 10 bis 15 Minuten, bis zu einem Punkt, an dem es einfach nicht mehr ging. Und da geschah es: Harry rief die Servöse zu sich. "Können wir...ich meine,  können wir bestellen?" fragte er.

"Nein, tut mir leid, dass wird nicht gehen", erwiderte die adrett gekleidete, vom Abstellgleis eines brutalen Lebens gezeichnete Restaurations-Angestellte.

 "Was heisst das?" schaltete sich Bertha ins Gespräch ein.

 "Wir haben geschlossen" resümierte das Einpersonen-Servierpersonal trocken.

 

Nach dem achteinhalbstündigen Kurzreferat zum Thema "Wirtesonntag – eine Institution setzt sich gegen die Widrigkeiten der Zeit durch" verliessen Bertha und Harry das Lokal.

 "War noch ganz interessant, nicht?" sagte Bertha zu Harry, der aber ebenso wenig wie sie verheimlichen konnte, wie ausgehungert er war. Bertha begann zu schreien, diesmal in einen PET-Behälter, der sich in unmittelbarer Nähe eines halb abgestorbenen und daher zu bedauernden Baumes befand. Harry gesellte sich dazu, da er ein zu langweiliges Gedicht las, was

weniger spannend war als das Geschrei seiner Frau.

 "Lass uns den Regen beobachten." Die Aufmunterungsversuche fruchteten aber nicht in dem Masse, wie er sich das vorgestellt hatte.

Bertha deshalb: "Aber die Sonne scheint ja!"

Harry wirkte verdutzt: "Oh, das bemerkt' ich gar nicht."

Das darauffolgende Kichern beiderseits wirkte etwas öde und verhallte in seiner ganzen Bedeutsamkeit im Sand am Strande von Genua.

 

 

18

Erholt von zwei Monaten Nichtstun war Bertha gestärkt und somit bereit für neue Abenteuer - was man von Harry nicht behaupten konnte: Er weigerte sich schlicht und ergreifend, seine Hand von der heissen Herdplatte zu nehmen. Bertha hatte zwar in einem gewissen Masse Verständnis für dieses Verhalten, hatte dann aber doch Mühe damit, Teewasser zu kochen - die Harry-Hand verhinderte, dass genügend Hitze zum Pfannenboden durchkam und es so viereinhalb Stunden dauerte bis zum Tee.

 

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"Was machen wir mit dem angebrochenen Tag?" säuselte Bertha und nahm einen Schluck aus der Tasse. Harry antwortete nicht. Seine Hand steckte in einem Verband aus über zwei Eisbeuteln, die retten sollten, was noch zu retten war. Tee trinken mochte er schon gar nicht. Seine Lustlosigkeit war nach der neuen Rechtschreibung gross Besorgnis erregend - doch Bertha hatte nur Augen für sich und ihren dämlichen Tee, so dass Harry den Raum verliess.

Bertha erschrak: "War der Tee etwa nicht gut?" Sie beschloss, von nun an nett zu Harry zu sein. Sie lief. Sie lief, was ihre vom pausenlosen Herumschlendern gestärkten Beine hergaben. Nach 12 Minuten fiel ihr auf, dass sie sich immer noch in der Wohnung befand, weil sie vergessen hatte, die Türfalle hinunterzudrücken, und die Türe daher nicht in der Lage war, eine Lücke zum durchlaufen preiszugeben.

 

 

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Er sass am Loobegge und zählte Staubpartikel. "Hallo..." Bertha tat so, als ob es ihr Leid täte. Harry blieb teilnahmslos. "1089686999, 1089687000, 1089787001, ..."

Bertha lief scheinbar weiter, blieb dann ausser Harrys Sichtweite stehen und übergab sich.

 

Bertha bedankte sich: Ein Vertreter der Cervelat-Prominenz half ihr beim aufputzen.

 "Kann ich mich irgendwie erkenntlich zeigen?" fragte sie mit ihrer gewohnt lasziven Radiostimme.

 "Wie meinen Sie das?" fragte die Wurst zurück. "Sie wollen...". Promi drehte sich angewidert ab und erstarrte zur innerstädtischen Kulisse. Bertha dagegen wollte sich nun Harry vornehmen. Auf dem Weg zurück lief ihr natürlich François Loeb über den Weg.

"Hallo Frau B." jubilierte er.

"K.", erwiderte Bertha kühl. "Ich heisse K."

"Ach - Sie haben geheiratet?" tat Loeb verwundert, obwohl natürlich auf dem Laufenden.  Bertha lief davon. Sowas brauchte sie sich nun wirklich nicht anzuhören. Empört trat sie einem Passanten, der gerade die Hände in Unschuld wusch, ans Schienbein. Es war Harry. Er heulte auf. "Spinnst du? Was sollte das eben?"

 "Ich...es... ich meine....es tut mir leid..." sie stockte. Sollte es das etwa schon gewesen sein, mit Harry? Sie wusste keine Antwort und biss sich daher in den Finger, wie sie es schon so oft gerne getan hätte. Harry beeindruckte dies allerdings wenig und er ging weiter, um sich seiner Gewahr zu werden: "Was mach ich hier?" Die Verwunderung verringerte sich dann etwas, als sich sein Weg mit dem eines Mülleimers kreuzte. Was Harry nicht wusste: es versteckte sich Bertha darin, um sich - für einen kurzen Moment wenigstens - in ihrer angestammten Umgebung  tummeln zu können. Dann kaufte Harry Zigaretten.

 

 

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Ihre Wege trennten sich; wenn auch nur vorübergehend. Harry spürte, dass er ohne die Zielstrebigkeit Berthas völlig aufgeschmissen und hilflos war. Verlegen kramte er in seiner rechten Hosentasche nach dem Second-Hand-Taschentuch welches er vor zwei Wochen erst gerade am Boden vor dem H&M erhascht hatte (Der letzte Satz stammt aus der Ideenküche der

vielbeachteten und bereits einmal in Resoaption in Erscheinung getretenen Gastautorin Claudine (Eigentlich Gludin) Züllig, welche Kontakte zur Titelheldin zumindest nicht dementiert.) Harry verpasste es aber, sich die völlig versalzten Tränen mit diesem Tuch wegzuwischen und es kam, wie es kommen musste: Er stolperte über seine Selbstzerwürfnis und fiel.

 "Ist Ihnen nicht gut?" wurde gefragt.

"Wer sind Sie?" schluchzte Harry.

"Mein Name tut nichts zur Sache", hiess es von der anderen Seite her.

Harry wurde klar, dass es nun wieder an ihm war, etwas zu sagen, um diesen Dialog nicht unnötigerweise abreissen zu lassen. "Wie gehts denn nun weiter?" fragte er ziemlich unbeholfen.

"Wer weiss das schon...?" liess Harrys Gegenpart verlauten.

Da lag er nun, einmal mehr übergangen von allen, auf Kopfsteinpflaster und merkte nicht, dass er sich langsam zur Hauptperson dieser heiteren Soap mauserte. Bertha wankte also, doch sie fiel nicht. Mit einem lauten Knall meldete sie sich zurück...

 

Eigentlich war es ja nur die Briefbombe, die in Berthas höchst originellem Versteck detonierte. Es war zu erwarten, dass ihr dieser sonst tödliche Vorgang, der wohl etwas mit Physik zu tun haben musste, nichts anhaben konnte...

Sie erhob sich. Harry, jetzt wieder dominiert statt dominierend, tat es ihr gleich. Doch: wohin?

 

 

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Wiedervereint sahen sich die beiden bereits dem ersten Werbeblock gegenübergestellt.

 

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Derweil kamen sich Harry und Bertha ohne die geringste Regieanweisung ziemlich alleingelassen vor. Sie beschlossen  daher, der Soap fürs Erste den Rücken zu kehren...

 

Happyend!

 

 

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