Nachts kommen sie aus ihren Löchern... ... die Satanisten und all jene, die es werden wollen. Tagsüber treiben sich Letztere auch in den Gemäuern der GHS herum, in dunkle Gewänder gehüllt, stets ein gar grimmiges Gesicht machend und auch sonst durchaus nihilistisch eingestellt. – So scheint es. Beobachtet man die selbst ernannten Antichristen genauer, so stellt man fest, daß es verkleidete Pubertierende sind, die auf der Suche nach Identität und Anerkennung in der Dunkelphase haltgemacht haben. Sie lachen unbeschwert, kichern, haben Angst vor Vorträgen, melden sich im Unterricht, engagieren sich bei Schulveranstaltungen – so wundert es nicht, daß man schnell hinter ihre Maskerade kommt und sich leicht vorstellen kann, wie sie nach der Schule nach Hause zu Mami kommen, wo schon eines warmes Mittagessen auf sie wartet oder wie sie sich zu Weihnachten über den Strickpulli von der Oma freuen. Wäre das verkörperte Image nicht nur eine Modenschau für schwarze Klamotten und schicke Silberimitatketten, so würden die Pferdefußanhänger nicht ganz so lachhaft wirken. Eine Begegnung der diabolischen Art hatte auch jeder Besucher des Schul- bzw. Jazzchorkonzertes in der Waldkapelle Hessenwinkel im letzten Schuljahr. Da tummelten sich unter den Sangeslustigen auch unsere düsteren Kameraden, die seltsamer Weise nach Betreten des sakralen Ortes der Besinnung nicht zu Staub zerfallen sind. Komisch. Wenn ich Satan wäre, dann würde ich ob dieses Anblickes meiner „Jünger“ alle schlechten Vorsätze über Bord werfen und mich für Völkerfrieden und die Welthungerhilfe engagieren. Etwas ernster nehmen darf man dann die „linke“ Fraktion, aber bitte nicht allzu sehr. Obwohl ich bezweifle, daß sie jemals etwas von Ernst Busch gehört haben oder auch nur Ansatz weise eine Idee von den Thesen Marx‘ und Engels‘ haben, so sind jene wenigstens am Zeitgeschehen interessiert und vertreten eine Meinung, die von ihnen zwar wahrscheinlich nicht durchdacht, trotzdem aber löblich ist. „Wer war Ché Guevara?“ „Wer?“ „Na der Kerl auf deinem T-Shirt?“ „Oh, der! Na, der war so links.“ Aha. Macht aber nichts – das Hundehalsband ums Handgelenk, ein paar Sicherheitsnadeln in der Ringelstrumpfhose, ein paar Wochen keine Harre waschen und fertig ist der Pseudo-Punk, der der ganzen Fassade noch ein i-Tüpfelchen aufsetzt, indem er sich ein Anarchie - Aufnäher auf den Armee Rucksack stickt. Doch was sehe ich da? Ist das ein Anstecker mit einer Friedenstaube gleich neben Ernesto und dem Aufruf „Tötet alle Nazischweine!“? Sie muß sich wohl verflogen haben. Grüne Haare, der Irrglaube, Punk hätte etwas mit Lenin zu tun und das passende Outfit machen noch lange keinen P u n k. Aber immer noch besser ein deplazierter Ché Guevara auf dem T-Shirt als Heinrich Himmler ... wer war das noch gleich? In letzter Zeit in unserer Schule immer häufiger gesehen werden auch Hippies, wobei es sich hierbei eher um kleine Mädchen handelt, die sich Rüschenblusen mit Blumen bei H&M kaufen und sich Plastespangen ins Haar klemmen, was wenig authentisch aussieht. Die Fishbone-Hose und die Buffalos ruinieren das krampfhaft zusammengestellte Outfit ganz und gar, so daß man sich fragen muß, ob denn auch modische Vergehen bestraft werden sollten. In diesen Kreisen wird dann auch mal gekifft, weil die das damals in den 70‘ern (oder waren es die 60‘er?) ja auch gemacht haben, und plötzlich benehmen sich alle ganz albern, man selbst merkt zwar nichts, aber man tut halt so, denn Anerkennung ist alles. Je mehr bunte Visionen, desto besser – daß diese keiner hat, stört auch keinen. Schlimm wird das Ganze erst, wenn sich die Stilrichtugen vermischen und dann nicht einmal mehr der gute Wille zur Stilechtheit zu erkennen ist: da trifft rebellischer Punk den defätistischen Goth und kreuzt sich noch ganz unverfroren mit dem überaus flippigen und unbesorgten Hippie. Kurzum: man zieht sich das bequemste aus drei Lebenseinstelungen und rechtfertigt damit seine Launen. Wenn Che Guevara wüßte, daß er auf den Dekolletés tausender pickeliger Schülerinnen mit Schlaghosen prangt... hasta la stilbruch siempre.