EU-Außenhandelskommissar Pascal Lamy erwartet von der EU-Regierungskonferenz Anfang
Dezember in Nizza, dass seine Kompetenzen erheblich erweitert werden. Sein zentrales
Anliegen ist die Änderung des Artikels 133 des Amsterdamer Vertrags, der die Beziehungen
zwischen den Mitgliedstaaten der EU und der Kommission im Bereich Außenhandel regelt.
"Wenn das passiert, wird der Kampf gegen die von den Konzernen betriebene
Globalisierung eine entscheidende Niederlage erleiden", meint Susan George, die
stellvertretende Vorsitzende des Antiglobalisierungsnetzwerks ATTAC in Frankreich
Handel, vor allem in den umstrittenen Sektoren Dienstleistungen, geistiges Eigentum und
Investitionen, ist gemäß dem 1997 verabschiedeten Amsterdamer Vertrag, der auf der
kommenden Regierungskonferenz in Nizza in vielen Punkten überarbeitet werden soll, ein
Bereich der "gemischten Kompetenz" zwischen der Kommission und den 15
Mitgliedstaaten. Demnach müssen die Parlamente alle Verträge und Vereinbarungen, die
diese Sektoren umfassen, genehmigen, und die Regierungen der EU-Mitgliedstaaten haben ein
Vetorecht.
Industriell gefertigte Güter unterliegen schon heute nur der
"qualifizierten Mehrheitsentscheidung", die ein Vetorecht ausschließt und der
EU-Kommission erweiterten Handlungsspielraum gibt. Seit Juli 2000 hat
Außenhandelskommissar Lamy eine europaweite Kampagne gestartet. Demnach sollen
Dienstleistungen, eingeschlossen Gesundheit, Bildung, audiovisuelle Medien, Transport,
Umwelt und alle öffentlichen Dienste, geistiges Eigentum, z.B. genetisch manipulierte
Organismen und Investitionen, gemäß des gescheiterten Multilateralen
Investitionsschutzabkommens (MAI) künftig "qualifizierten
Mehrheitsentscheidungen" unterliegen.
Die Kampagne war weitgehend erfolgreich. "Nur Frankreich und Spanien müssen noch
überzeugt werden", so Lamy im September. Das könnte mittlerweile zumindest für den
französischen Teil gelungen sein. Denn Papiere der Regierung zur Vorbereitung der
Nizza-Konferenz sehen eine Abänderung von Art.133 vor. Eine der drei Optionen, die dort
im Sinne der EU-
Außenhandelskommission formuliert werden, will der EU-Kommission Entscheidungsrechte für
die mehr als zwei duzend Verträge, die allein in der WTO verankert sind, anheimstellen.
Das gesamte Verhandlungsmandat soll demnach künftig über qualifizierte
Mehrheits-entscheidungen ausgehandelt werden.
George befürchtet "dramatische Einschnitte" für die "Demokratie und
Bürgerbeteiligung". "Unsere Regierungen dürfen ihre Souveränität in diesen
Bereichen nicht abgeben", so die ATTAC-Aktivistin. Gleichwohl seien qualifizierte
Mehrheitsentscheidungen in der Sozialpolitik, wo etwa die britische Regierung bisher immer
dann von ihrem Vetorecht Gebrauch machte, wenn es um Verbesserungen ging, ein relativer
Fortschritt. Doch im Bereich des Handels sorgt sich George um die Errungenschaften der
"vergangenen hundert Jahre, die sozialen Rechte, den öffentlichen Dienst, die
Gesundheitsversorgung und Bildungssysteme", die nun alle "auf dem Spiel
stehen".
ATTAC wird sich an den internationalen Protestaktionen am 6. und 7.Dezember gegen die
EU-Regierungskonferenz in Nizza beteiligen, um gegen weitere Kompetenzen der
EU-Außen-handelskommission zu demonstrieren. Außerdem fordert ATTAC einen kompletten
Schuldenerlass der EU-Mitgliedstaaten für die Länder der Dritten Welt, den Schutz
landwirtschaftlicher Familienbetriebe und setzt sich dafür ein, die Unabhängigkeit der
Europäischen Zentralbank aufzuheben und die Politik des Geldinstituts einer
demokratischen Kontrolle zu unterwerfen.
gk