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Tauschen ohne Wachstumswahn die Freiwirtschaft als humane und �kologische Alternative Regina Schwarz, Februar 2002
Die Ursache des in allen Kulturstaaten herrschenden b�rgerlichen Kriegszustands ist wirtschaftlicher Natur. Ist die Wirtschaft in Ordnung, so ist auch der Friede gesichert. Gegens�tze aus der geistigen Welt st�ren niemals ernsthaft den Frieden. Selbst die sogenannten Religionskriege hatten recht n�chterne wirtschaftliche Beweggr�nde." Silvio Gesell, aus: Die nat�rliche Wirtschaftsordnung
Wie Naturkatastrophen scheinen die Wirtschaftskrisen �ber Volkswirtschaften hereinzubrechen. Deutschland befindet sich seit Jahren in einer Rezession, die Arbeitslosigkeit steigt unaufhaltsam. Die realen Einkommen der arbeitenden Bev�lkerung (also derjenigen, die nicht mittels Geldvermehrung ihr Geld verdienen) sinken, bei gleichzeitigem Ansteigen der Lebenshaltungskosten (von der Miete bis zu den Lebensmitteln). Anstatt diese Entwicklungen zu hinterfragen, nehmen wir sie hin wie das Wetter und sind den G�ttinen dankbar, da� wir bisher von dem Schicksal Asiens (1997) oder dem Argentiniens (ganz aktuell, 2002) verschont blieben. Wir gehen davon aus, da� unser Wirtschafts- und Geldsystem durch Gott und den Staat" so geschaffen, unantastbar sei. So betrachten wir es als quasi-nat�rlich" und nicht als eine von Menschen erfundene mit bestimmten Interessen verbundene Installation, die man jederzeit in Frage stellen und �ndern k�nnte, sofern man die katastrophalen Folgen, die dieses Geldsystem f�r die soziale Gemeinschaft und die �kologische Situation der Erde urs�chlich mit sich bringt, erkannt h�tte. Wenn eine Volkswirtschaft unter diesem Geldsystem zusammenbricht, so kommen die wenigsten Menschen darauf, die selbstverst�ndlichen Grundprinzipien unserer Wirtschaftssysteme in Frage zu stellen. Stattdessen suchen sie die Schuld bei den unf�higen Politikern, die dieses Wirtschaftssystem angeblich nicht h�ndeln k�nnen. So kommt es, da� nach dem endg�ltigen Zusammenbruch der Wirtschaft in Argentinien im Dezember 2001 jetzt innerhalb weniger Wochen bereits der 5.Regierungspr�sident an der Regierung ist weil davon ausgegangen wird, da� sich das Problem schon l�sen l��t, wenn nur der richtige Mann am Steuer sitzt. Ohne n�her auf die spezielle Situation in Argentinien einzugehen, kann man dort wie auch in anderen zusammengebrochenen Volkswirtschaften feststellen, da� immer wieder eine �berschuldung - verbunden mit Zahlungsunf�higkeit - zu diesen Zusammenbr�chen f�hrt. Warum �berschulden sich so reiche L�nder wie Argentinien? Einst wurde es als Kornkammer" Lateinamerikas bezeichnet. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war das Land die Hoffnung f�r viele verarmte europ�ische ImmigrantInnen, weil dort der Lebensstandard h�her war als in Italien. Inzwischen leben von 37 Millionen Argentiniern 14 Millionen unterhalb der Armutsgrenze. Warum sind die Kommunen s�mtlicher deutscher Gro�st�dte v�llig �berschuldet und verkaufen genau wie die nationale Regierung gerade ihr Tafelsilber" an die Briefkastenfirmen der transnationalen Konzerne und Banken was man dann im neoliberalen Wirtschaftsjargon als Privatisierung" bezeichnet. Diese sogenannte Privatisierung ist Grundbestandteil des GATS (General Agreement on Trade with Services = allgemeines Abkommen �ber Handel mit Dienstleistungen) und wird dazu f�hren, da� z.B. die Qualit�t und der Preis unseres Wassers, oder unserer Schulbildung zuk�nftig von Coca-Cola, Mac Donald�s und Bayer Leverkusen bestimmt werden. Es w�rde den Rahmen dieses Artikels sprengen, Wirtschaftszusammenh�nge detailliert darzustellen, aber eines springt sofort ins Auge. Die Verschuldungsfallen sind eine Folge und ein Ergebnis dessen, da� man in unserem Wirtschaftssystem naturgegebenerweise" mit Geld Geld verdienen kann, ohne zu arbeiten. Ja, da� man sogar nur wirklich reich wird, wenn man nicht arbeitet, sondern sein Geld vermehrt. Dieser sich vermehrende Geldberg wird zum Zwecke seines Wachstums permanent verliehen und der Kreditnehmer hat dann f�r das Wachsen des Geldbergs zu sorgen. Damit die durch die k�nstliche Geldvermehrung ausgel�ste Inflation nicht zu schnell und zu offensichtlich von statten geht, mu� das Geld kontinuierlich abgewertet werden. Dies geschieht aber nur in einem Ma�e, dass in Folge die arbeitenden Menschen darunter leiden und nicht so konsequent, da� auch die geldvermehrenden Menschen davon wesentlich betroffen w�rden. So wird schleichend das Einkommen der arbeitenden Menschen entwertet, bzw. alle Produkte immer teurer. Warum betrachten wir es eigentlich alle als selbstverst�ndlich, da� seit der letzten W�hrungsreform das Geld immer weniger wert wird, bzw. das Realeinkommen stetig sinkt? Dieser sich st�ndig vermehrende Geldberg mu� permanent im Umlauf bleiben, da ansonsten geldmangelbedingte Kreislaufunterbrechungen entstehen w�rden, worunter die Wirtschaft zusammenbr�che. G�nstigenfalls verleihen die reicheren L�nder gerne Kredite an �rmere L�nder. Dadurch schaffen sie sich das Problem der Zinsenerwirtschaftung kurzfristig vom Hals und brauchen nur noch die Menschen und die Natur in den �rmeren L�ndern bluten zu lassen, die die Zinsen dann aufzubringen. Sind die �rmeren L�nder allerdings nicht mehr in der Lage, diese Geldberge kontinuierlich mit Zinsen zu bedienen, mu� notfalls die Bundesregierung die �ffentlichen Haushalte verschulden - aus oben genanntem Grund. Um die Schuldenberge und Zinsen wieder abzutragen, wird schlie�lich ungefragt das Eigentum der B�rgerInnen, das sie von ihren Steuergeldern bezahlt haben, an transnationale Konzerne verkauft. Dazu kommt noch, da� in den Volkswirtschaften zunehmend hochverschuldete Unternehmen in Konkurs gehen, wodurch die Arbeitslosigkeit steigt. Hieraus resultieren auch r�ckl�ufige Steuereinnahmen und ansteigende Sozialkosten (Arbeitslosengeld, Sozialhilfe) Gleichzeitig f�hrt die Verschuldung der �ffentlichen Haushalte zu noch mehr Wachstumszwang, der dann neben dem sozialen Kollaps auch den �kologischen Kollaps bringt. Der bekannteste Mensch, der abgesehen abgesehen von den Ethiklehrern der gr��ten Weltreligionen, die von jeher das unsoziale und gemeinschaftswidrige Ausbeutungsprinzip des Zinsnehmens verurteilten (bei Christen, Juden und Moslems) in neuerer Zeit diese zinsnehmende Wirtschaftspraxis in Frage stellte und detailliert untersuchte war der deutsch-argentinische Kaufmann Silvio Gesell (1862 1930). Er ist der Begr�nder der Freiwirtschaftslehre, einem Wirtschafts- und Geldsystem, das im Gegensatz zu dem gegenseitigen Ausbeutungs- und Konkurrenzprinzipien unseres Wirtschaftssystems die soziale Gemeinschaft und das �kologische Handeln in den Mittelpunkt des Wirtschaftens stellt. Anstelle eines Geldes, da� ein den Markt beherrschendem Machtmittel darstellt, dem alle Menschen dienen m�ssen, forderte er ein dem Markt und den Menschen dienendes Tauschmittel. Unser zinsbringendes Geld f�hrt seiner Meinung nach zu einer Erkrankung des sozialen Organismus, zu einer leistungswidrigen und ungerechten Einkommensverteilung und zu einer Monopolisierung der Wirtschaft. Gesell kritisiert auch, da� in unserem Wirtschaftssystem die Geldbesitzenden unverh�ltnism��ig gro�e Macht �ber den sozialen Organismus und seinen energetischen Stoffwechsel haben. Als L�sungsweg schlug er vor, die exponentielle Selbstvermehrung des Geldes bis ins Unendliche und dem damit verbundenen Wirtschaftswachstumszwangs zu verhindern, indem es entweder gar keinen Zins, oder sogar einen Negativzins f�r die Geldbesitzenden gibt. Au�erdem soll das Geld allen spekulativen Mi�br�uchen entzogen werden. Ich w�rde sogar soweit gehen, diesen von Gesell bezeichneten Wirtschaftswachstumszwang als patriarchalen Wachstumswahn zu bezeichnen, als eine kollektive Wachstums- und Ausbeutungspsychose innerhalb unserer Gesellschaft, die da wir ihr kollektiv erlegen sind es uns fast unm�glich macht ihn als Wahn" ( = Irresein!) wahrzunehmen oder gar in Frage zu stellen. Die Idee des Immer mehr, immer schneller, immer gr��er, immer geiler...!" wird doch in ganz vielen gesellschaftlichen Bereichen als unsere wahre" Natur wahrgenommen. Daf�r strampeln wir uns in unseren jeweiligen Lebenszusammenhang wie selbstverst�ndlich ab, obgleich Ottilie Normalverbraucherin mitnichten davon profitiert. So ist f�r unsere Wirtschaft ein stetiges" Wirtschaftswachstum von 3 % erforderlich um die Zinstr�chtigkeit des Geldes zu verkraften. Dieses Wirtschaftswachstum darf gleichzeitig nicht revidiert werden, weil es alle 23 Jahre eine Verdoppelung des jeweiligen Standes und nach 235 Jahren eine Vertausendfachung des Ausgangszustandes bedeuten w�rde also einer �kologischen Katastrophe gleichk�me einem Burning-Out des Planeten. Um dieser Katastrophe vorzubeugen m�ssen Wirtschaftszusammenbr�che und Kriege in der Zinswirtschaft daf�r sorgen, da� Volkswirtschaften periodisch zerst�rt werden. Neben der grunds�tzlichen Reform des Geldwesens besch�ftigen sich fast alle Freiwirtschaftler mir einer Bodenreform. Sie gehen davon aus, da� dadurch, da� der Boden zum Spekulationsobjekt geworden sei, die organische Verbindung des Menschen mit der Erde gest�rt w�rde. Nach dieser Bodenreform w�re privater Besitz an Boden nicht m�glich. Statt dessen bezahlen diejenigen, die den Boden nutzen eine Pacht. Gesell schlug vor, diese Pacht als Entgeld f�r Erziehungsleistungen an M�tter in Monatsbeitr�gen auszuzahlen. Grunds�tzlich beabsichtigte er ein Wirtschaftsmodell, das die Frauen aus ihrer �konomischen Abh�ngigkeit der M�nner befreien sollte, weil er Macht- und Abh�ngigkeitsverh�ltnisse nicht mit liebenden menschlichen Beziehungen vereinbaren konnte. Tauschringe nach dem Modell Silvio Gesells f�rdern den lokalen Handel, und die unmittelbaren Beziehungen der Menschen in einer Gemeinschaft. Das zinsbringende Wachstumsgeld wird durch nicht wachsendes Tauschgeld ersetzt. Die Tauschenden handeln die Preise untereinander aus, und je nachdem kann eine Steuer auf Tauschgesch�fte f�r die soziale Infrastruktur des Gemeinwesens im Sinne der Gemeinschaft erhoben werden. Arbeitslosigkeit wird in diesem Modell verhindert oder aufgehoben und das Selbstbewu�tsein der Menschen, die sich als Beteiligte ihrer Wirtschaftsgemeinschaft f�hlen, gest�rkt. Anstelle eines Wirtschaftssystems der gegenseitigen weltweiten Ausbeutung, setzen sie auf ein Wirtschaftssystem der Solidarit�t mit der eigenen Gemeinschaft, mit den Gemeinschaften weltweit und mit der Natur. Silvio Gesells Modell ist nicht nur Theorie geblieben. In W�rgl, einer �sterreichen Gemeinde mit ca. 4000 EinwohnerInnen f�hrte der B�rgermeister Michael Unterguggenberger im Juli 1932 das Schwundgeld" ein. Er wollte die katastrophale Wirtschaftslage, die hohe Arbeitslosigkeit und damit verbundene Armut in seiner Gemeinde bew�ltigen. Innerhalb eines Jahres sank die Arbeitslosigkeit um 25 % und die vormals verarmte Gemeinde bl�hte auf. Unter anderem wurde in diesem Jahr die Hauptstra�e repariert, das Gemeindehaus renoviert, eine neue Br�cke und eine neue Gemeindek�che gebaut. Die Gesch�ftsleute und EinwohnerInnen von W�rgl nahmen die neue W�hrung" dankbar an. Die Stadt bekam ein Kino und der Milchpreis sank bis zu 2 Groschen. Im Januar 1933 schlo� sich die Nachbargemeinde Kirchbichel mit 3000 EinwohnerInnen der Ausgabe von Schwundgeld" an. Vier weitere umliegende Gemeinden mit weiteren 16.000 EinwohnerInnen hatten das neue Schwundgeld schon beschlossen, wollten aber mit der Ausgabe noch bis zum ausstehenden Gerichtsurteil warten. Von Anfang an hatte die �sterreichische Nationalbank Widerstand gegen dieses neue Zahlungsmittel geleistet. Der B�rgermeister Unterguggenberger hielt 3 Gerichtsprozesse lang stand, da er anstelle des Begriffes Geld den Begriff Arbeitsbest�tigung verwendete, denn die Ausgabe von Geld ist nur der Nationalbank gestattet. Da diese durch den wirtschaftlichen und sozialen Erfolg in W�rgl �berfl�ssig geworden w�re schlie�lich lie� sich die neue W�hrung ausgezeichnet dezentral und lokal verwalten, hat sie das Schwundgeld per Gerichtsbeschlu� am 15.September 1933 verboten. Seit den siebziger Jahren gibt es weltweit immer mehr Menschen und Gruppen, die sich aufgrund der zunehmend unsozialen Wirtschaftsprinzipien auf dieser Erde heutzutage steigen die Aktien eines Unternehmens, sobald es wieder mehr ArbeiterInnen entlassen hat an die Prinzipien der Freiwirtschaftslehre von Silvio Gesell erinnern. Mittels der Gr�ndung von experimentellen Tauschringen, bauen sie neben der offiziellen eine alternative Wirtschaft auf. Sie sind nicht mehr bereit, den �kologischen und sozialen Kollaps, den unser Wirtschaftssystem mit sich bringt, mit zu verantworten. In Argentinien, diesem ausgeblutetem Musterbeispiel der Politik des IWF (Internationalem W�hrungsfond) und der Weltbank sind die Menschen auf die Stra�e gegangen, weil sie die offizielle Wirtschaft satt haben. Seit Dezember 2001 kommt es in vielen Teilen Argentiniens zu Volksversammlungen und der Bildung von Nachbarschaftskomitees, die jenseits von Parteien- und Regierungsmentalit�t basisdemokratisch �ber ihre Zukunft beraten. Augenblicklich wird in Argentinien das zur Zeit weltweit gr��te Tauschringnetz mit ca. 450 Tauschringen aufgebaut. Ein internationaler Aktionsaufruf anl�sslich der argentinischen Krise beginnt mit den Worten: Nachbarn und B�rgerInnen der Welt WEIL WIR ALLE ARGENTINIER SIND Damit wird zum Ausdruck gebracht, da� wir alle unter demselben ausbeuterischen, menschen- und naturverachtendem Wirtschaftssystem leiden und da� uns fr�her oder sp�ter das gleiche Schicksal wie das der Argentinier ereilen kann. M�gen wir uns RECHTZEITIG auf Alternativen zu unserer patriarchalen Wachstumswahnwirtschaft besinnen, insbesondere auf die Freiwirtschaft als humane und �kologische Alternative.
� Copyright: Regina Schwarz
Bibliographie Silvio Gesell, Die nat�rliche Wirtschaftsordnung, Rudolf Zitzmann Verlag 1949, komplett im Internet unter http://userpage.fu-berlin.de~roehrigw/gesell/nwoSilvio Gesell, Marx der Anarchisten, Klaus Schmitt (Herausgeber),Karin Kramer Verlag, Berlin 1989, komplett im Internet unter http://userpage.fu-berlin.de~roehrigw/schmitt/Helmut Creutz, das Geldsyndrom, Ullstein Verlag, 1997, komplett im Internet http://userpage.fu-berlin.de~roehrigw/creutz/geldssyndrom/Margret Kennedy, Geld ohne Zinsen, Goldmann Verlag 1994, komplett unter http://userpage.fu-berlin.de~roehrigw/kennedy/Marktwirtschaft ohne Kapitalismus, Werner Onken, American Journal of Economics and Sociology Vol 59, Okt. 2000, komplett im Internet unter www.geldreform.de
Zeitschrift f�r Sozial�konomie, Herausgeber: Stiftung f�r Reform der Geld- und Bodenordnung in Zusammenarbeit mit der Sozialwissenschaftlichen Gesellschaft 1950 e.V., Redaktion Werner Onken, Gauke Verlag GmbH Das Experiment von W�rgl, Fritz Schwarz, Verlagsgenossenschaft Freies Volk, Bern 1951
Die Tangokrise, Argentiniens Weg in die Wirtschaftskatastrophe, Joerg Roesler Infobrief Nr 8, 2002, Netzwerk gegen Konzernherrschaft und neoliberale Politik Die Ursachen der argentinischen Krise, Arnaud Zacharie, Grain de Sable Nr. 294, Attac France, Dezember 2001, komplett im Internet unter www.attac-netzwerk.de/aktuell/011222_zacharie_argentinien.pdf Argentinien: Krise ohne Ende?, Pedro Morazan, Januar 2002 http:attac-netzerk.de/aktuell/020123_argattac.pdf
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