|
|
Gegen jede Art von Terrorismus Von Vandana Shiva Der 18. September 2001 wurde zum Tag der Solidarit�t mit den Opfern der terroristischen Anschl�ge in den USA am 11.September erkl�rt. Mit Millionen anderer Menschen beobachtete ich ein zweimin�tiges Schweigen um 10.30 Uhr f�r die Menschen, die ihr Leben bei dem Angriff auf das World Trade Centre und das Pentagon verloren hatten. Aber ich dachte auch an die Millionen von Opfern anderer terroristischer Aktionen und Gewaltaktionen. Und ich erneuerte meinen Vorsatz, der Gewalt in all ihren Formen zu widerstehen. Um 10.30 Uhr am 18. September war ich mit Laxmi, Raibari und Suranam im Dorf Jhodia Sahi im Kashipur Distrikt von Orissa zusammen. Laxmis Mann geh�rte zu den 20 Stam-mesangeh�rigen, die neulich verhungert sind. Im selben Dorf war auch Subama Jhodia vor Hunger gestorben. Sp�ter trafen wir Singarie aus dem Dorf Bilamal, deren Mann Sadha, �ltester Sohn Surat, j�ngerer Sohn Parila und Schwiegertochter Sulami verhungert waren. Diese Hungertoden sind die Folge einer bewussten Politik der Weltbank, die durch ihre Strukturanpassungsprogramme (SAPs) den Hungrigen Nahrung verweigert. Die Zerst�rung des Public Distribution Systems (PDS), des �ffentlichen Verteilungssystems, war eine der Weltbank-Bedingungen f�r ihre Kredite. Sie wurde gerechtfertigt mit der Begr�ndung, �ffentliche Ausgaben m�ssten reduziert werden. Aber das Budget f�r Nahrungs-Subventionen ist dennoch quasi explodiert, es stieg von 28 Milliarden Rupies (1991) auf 140 Milliarden Rupies im Jahr 2001. Heute wird mehr Geld daf�r ausgegeben, um Getreide zu horten, weil die Bank die direkten Nahrungshilfen abschaffen wollte. Das hat dann sofort zu einem Anstieg der Lebensmittelpreise gef�hrt, der Kauf von PDS-Getreide sank, und es wurden weitere Vorr�te aufgeh�uft. Die Folge: die Nahrungssicherheit im Lande ist zusammengebrochen. Hungertode in den Staaten Maharashtra, Rajasthan und Orissa sind Symptome des Zusammenbruchs unseres Ern�hrungssystems. Kashipur ist eine von der Natur reich gesegnete Gegend. Der Hunger ist das Resultat verschiedener Wellen von Gewalt gegen die Natur und die Stammesgemeinschaften, von �kologischen Pl�nderungen der Ressourcen dieser Gegend, der Zerst�rung des Systems der Nahrungssicherheit durch die �konomische Reformpolitik und die Auswirkungen des Klimawandels, der Ernteausf�lle bewirkte. Vor 20 Jahren war es die Papier- und Zellstoffindustrie, die die W�lder von Kashipur vergewaltigte. Heute stehen nur noch nackte St�mpfe dort. und die Papierindustrie bringt Eukalyptusb�ume aus dem Nachbarstaat Andhra Pradesh. Jetzt kommen riesige Minenunternehmen wie Hydro aus Norwegen, Alcan aus Kanada, Indico und Balco/Sterlite aus Indien. Sie haben eine neue Welle des Terrors begonnen. Sie wollen an die Bauxitvorkommen der majest�tischen Kashipur Berge heran, Bauxit, das gebraucht wird, um Coca Cola Dosen und Kampfflugzeuge herzustellen. Stellen Sie sich vor, jeder Berg sei ein World Trade Centre, das von der Natur in Millionen von Jahren aufgebaut wurde. �berlegen Sie, wie viele Trag�dien stattfinden, um das Rohmaterial f�r die uners�ttliche Industrie und die M�rkte zu liefern, Trag�dien weit gr��er als das, was die Welt am 11. September erfuhr. Die Aluminium-Konzerne wollen die Heimat der in Kashipur lebenden St�mme. Aber die Stammesangeh�rigen weigern sich wegzugehen. Sie verteidigen ihr Land durch eine gewaltlose Bewegung. Diese zwangsweise Vertreibung der Menschen ist auch eine Form von Terrorismus, konzerngesteuerter Terrorismus. Die 50 Millionen Stammesangeh�rigen, die durch den Bau von Riesenstaud�mmen in den letzten vier Jahrzehnten aus ihrer Heimat hinweg geschwemmt wurden, sind auch Opfer dieses Terrorismus. Sie erleiden den Terror der Technologie zusammen mit einem destruktiven Entwicklungsmodell.
F�r die 30 000 Menschen, die durch den Super-Zyklon in Orissa zu Tode kamen und die Millionen, die noch sterben werden, wenn �berflutungen, D�rren und Zyklone wegen des Klimawandels zunehmen werden, ist der US-Pr�sident, Herr Bush, ein �kologischer Terrorist, weil er sich weigert das Kyoto-Protokoll zu unterschreiben. In Seattle wurde die Welthandelsorganisation WTO, die World Terrorist Organisation genannt, weil sie Millionen Menschen das Recht auf Leben und Lebensunterhalt verweigert. Der Terrorismus kann nur durch eine Kultur des Friedens, der Demokratie und der Sicherheit f�r die Menschen beendet werden. Es ist falsch, den Zustand der Welt nach dem 11. September als einen Krieg zwischen "Zivilisation und Barbarei" oder "Demokratie und Terrorismus" zu bezeichnen. Es handelt sich vielmehr um zwei Formen des selben Terrorismus, der nur ein Spiegelbild der geistigen Verfassung des jeweils anderen ist. Beide Formen beruhen auf der herrschenden Kultur der Gewalt. Sie benutzen die selben Waffen und die selben Technologien. In bezug auf ihre Pr�ferenz f�r Gewalt und Terror sind beide Seiten nur Klone voneinander. Und ihre Opfer sind �berall unschuldige Menschen. W�hrend wir der Opfer des Schwarzen Dienstag gedenken, lasst uns unsere Solidarit�t mit den Millionen unsichtbarer Opfer anderer Formen von Terrorismus und Gewalt st�rken. Diese sind es, die die M�glichkeit einer Zukunft auf diesem Planeten gef�hrden. Wir k�nnen diesen tragischen, brutalen historischen Moment benutzen, um Kulturen des Friedens aufzubauen.
Quelle: Vandana Shiva, Directorin der Research Foundation for Science, Technology and Ecology, New Delhi. In: THE HINDU 22. September 2001, S. 19.
�bersetzung aus dem Englischen: Maria Mies
|