
Protest liegt in der Luft: Bringt ihn auf die Stra�en
�ffentliche Protestversammlungen sind die
neue Rock'n'Roll-Bewegung. Da schlie�en sich grundverschiedene Gruppierungen zusammen.
Guardian (London), Donnerstag, 8. Februar 2001
Von George Monbiot
Endlich geschieht es. Gerade in dem Augenblick, in dem die
Neoliberalen auf beiden Seiten des Atlantik ihren umfassenden Sieg verk�nden, beginnt
eine bunte radikale Opposition aufzutauchen. Sie ist chaotisch, widerspr�chlich und
�hnelt keinem Vorbild in der Vergangenheit. Doch zum ersten Mal seit 14 Jahren
Kampagnent�tigkeit habe ich das Gef�hl, dass ich Zeuge eines unaufhaltsamen Vorgangs
bin.
Ich habe diese Woche damit verbracht, dass ich mit einer ausgefransten Koalition von
Gr�nen, Anarchisten und Sozialisten durch das Land gereist bin. �berall, wo wir bisher
waren, f�hlte ich eine Erregung, die ich in England niemals zuvor versp�rt habe. In
Glasgow kamen 500 Menschen: Laut Einheimischen, die ich traf, war es seit 15 Jahren die
gr��te politische Versammlung in dieser Stadt. In London erschienen 1.300.
Jedoch sind die Zahlen, so beispiellos sie auch sein m�gen, nicht so eindrucksvoll wie
die �bereinstimmung in den Zielen. In London standen gr�ne Aktivisten und jubelten einem
RMT (Eisenbahner- und Transportgewerkschaft)-Funktion�r zu, als er die B�hne verlie�,
um sich dem U-Bahn-Streik anzuschlie�en. In Coventry forderten Automobilarbeiter ein Ende
der globalen Erw�rmung. Niemand bestreitet, dass es Fragen gibt, die uns trennen, doch
bei der Bek�mpfung des Neoliberalismus, dem sich fast alle gr��eren Parteien auf der
Erde verschrieben haben, entdecken wir eine oppositionelle �bereinstimmung, die uns �ber
unsere Meinungsverschiedenheiten hinwegsehen l�sst.
Der Neoliberalismus fordert die Privatisierung von allem und jedem. W�hrend das General
Agreement on Trade in Services (GATS), das "Allgemeine Abkommen �ber Handel mit
Dienstleistungen", (ein weiteres WTO-Abkommen d. �.) das im n�chsten Monat (M�rz)
zur Verhandlung ansteht, die Regierungen zwingen w�rde, ihre Verantwortung f�r diesen
Sektor allm�hlich den Konzernen zu �bertragen, hat Gro�britannien dies bereits durch
die Anwendung der Private Finance Initiative (PFI), der Privaten Finanz-Initiative
vorweggenommen.
Die PFI ist den Konzernen dienlicher als eine offene Privatisierung, weil die Regierung
ihnen eine Gewinngarantie zugesteht. Aus dem selben Grunde ist sie f�r uns nachteilig:
Wir verlieren sowohl die �ffentliche Kontrolle �ber den Dienstleistungsbereich als auch
die �ffentlichen Gelder.
Der Neoliberalismus gestattet den Firmen, ihre Kosten auf die Bev�lkerung und die Umwelt
abzuw�lzen. Weil die Deregulierung den Unternehmen erlaubt, sowohl den Planeten zu
verpesten als auch ihre Mitarbeiter ohne Absprachen zu feuern, entdecken Stahlarbeiter und
Aktivisten, die gegen die globale Erw�rmung k�mpfen zu ihrer eigenen �berraschung, dass
sie auf der gleichen Seite stehen.
Zudem k�nnen die neuen Freiheiten der Konzerne nur dadurch aufrechterhalten werden, dass
allen anderen die Freiheit verweigert wird. W�hrend den Firmen, die unseren �ffentlichen
Dienstleistungssektor schlucken, erlaubt wird, ihre Absichten mit dem Argument des
"Firmengeheimnisses" vor der �ffentlichkeit zu verschleiern, k�nnen die
Sicherheitsdienste jetzt ohne besondere Vollmacht unsere E-mails �berwachen und sogar in
unsere Computer eindringen.
W�hrend die Konzerne den rechtlichen Status von Personen erworben haben, jedoch ohne dass
sie strafrechtlich zur Verantwortung gezogen werden k�nnen, werden denen, die gegen diese
Konzerne protestieren, Gerichtsverfahren vor einem ordentlichen Sch�ffengericht
verweigert. Die Regierung, die den Milliarden schweren Gesch�ftsleuten, die der
Verwicklung in den gr��ten Waffen-Korruptions-Skandal der Neuzeit beschuldigt werden,
Passdokumente ausstellte, verk�ndete gerade neue Beschr�nkungen f�r Asylsuchende. Die
Welt ist unseren H�nden entrissen worden.
Wenn wir versuchen wollen, sie uns zur�ckzuholen, m�ssen wir erst einmal ein
schl�ssiges politisches Programm entwickeln, das jede und jeder von uns unterschreiben
kann. W�hrend die Gr�nen eher kleine Unternehmen f�rdern, meinen Gewerkschafter, dass
es leichter sei, die Arbeitnehmer in gro�en Konzernen zu mobilisieren. Die Anarchisten
m�chten den Staat zerschlagen, wogegen die Sozialisten ihn erneuern wollen.
Doch nach meinem Gef�hl beginnt sich die beispiellose Solidarit�t zwischen diesen
v�llig verschiedenen Gruppierungen zu einem eigenst�ndigen Programm zu entwickeln: Eine
Umgestaltung des politischen Prozesses nach dem Graswurzel-Prinzip, der eine demokratische
Erneuerung von unten vorantreibt.
Selbstverst�ndlich m�ssen wir uns davor h�ten, den bei diesen Kundgebungen
ausgedr�ckten Konsens f�r ein breites �ffentliches Einverst�ndnis zu halten. Doch die
�ffentliche Unterst�tzung f�r die Streikenden, die gegen die Privatisierung der
Londoner U-Bahn und der West-Midland-Krankenh�user stritten, l�sst vermuten, dass
zumindest einige unserer Forderungen eine Resonanz in Gro�britanniens gr��ter
politischer Bewegung hervorzurufen beginnen, n�mlich in der Partei der Desillusionierten.
Die ungew�hnlich hohe Zahl derer, die versprachen, am Montag an den Protesten in Faslane,
der schottischen Atom-Basis, und im Juli am G8-Gipfel in Genua teilzunehmen, l�sst
vermuten, dass wir am Beginn von etwas wirklich Gro�em stehen.
Die neuen politischen Bewegungen haben in �ffentlichen Versammlungen ein wirksames Forum
f�r den Protest wieder entdeckt. Uns wurde versprochen, dass Fernsehen und Internet uns
mehr Partizipation am politischen Proze� erm�glichen w�rden. Statt dessen haben sie
jedoch unseren Volksvertretern neue Projektionsw�nde zur Verf�gung gestellt, hinter
denen diese sich verstecken k�nnen. Da radikale Bewegungen daf�r k�mpfen, aus dieser
abgeschotteten und virtuellen Politik auszubrechen, ist die �ffentliche Rede vor einem
gro�en Publikum zum neuen Rock and Roll, zur neuen Volksbewegung geworden.
Die Abschottung der Macht wird nicht leicht aufzubrechen sein. Doch wenn irgendwelche New
Labour-Minister an den bisher abgehaltenen Versammlungen teilgenommen h�tten, w�ren sie
wirklich sehr besorgt nach Westminster zur�ckgeeilt.
Dies ist (noch)nicht das Ende des Neoliberalismus. Es ist jedoch der Anfang vom Ende.
�bersezt von Hannes Helmers
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