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"Prag 2000"

Vom 26. – 28. September fand die 55. Jahreskonferenz der Weltbank und des IWF in Prag statt – zum ersten Mal in einem Land des ehemaligen Ostblocks. Wie schon im November/Dezember 1999 in Seattle gegen die WTO und im April 2000 in Washington, war im Internet auch diese Mal zum weltweiten Protest gegen diese beiden Bretton Woods Institutionen aufgerufen worden. Der 26. September – kurz S26 – war zum neuen World Day of Action erkl�rt worden und die KritikerInnen von Weltbank, IWF, WTO und der neoliberalen Globalisierung insgesamt wurden aufgerufen, nach Prag zu kommen.

Die Aktionen in Prag wurden koordiniert von der "Initiative gegen �konomische Globalisierung" (INPEG), ein haupts�chlich von jungen Menschen gegr�ndeter nicht-hierarchischer Zusammenschluss, der die konzerngesteuerte Globalisierung, wie sie von den Bretton Woods Organisationen weltweit vorangetrieben wird, bek�mpft. INPEG bezieht sich dabei auf die Methoden der direkten, gewaltlosen Aktion, wie sie vorher schon in Seattle und Washington praktiziert wurden. Im "Europ�ischen Aufruf zu den globalen Aktionstagen gegen IWF und Weltbank im September in Prag" rief INPEG zu einer Aktionswoche des Widerstandes auf, die am 21.9. mit einem Festival "Art and Resistance" beginnen sollte, vom 22. – 24.9. einen Gegengipfel organisieren und mit dem "World Day of Action" am 26.9. ihren H�hepunkt haben sollte.

Deutlicher noch als in Seattle wird in diesem Aufruf das kapitalistische System als solches angegriffen, weil es f�r die "... heutigen sozialen und �kologischen Desaster verantwortlich ist. Daher ist es notwendig, Proteste zu organisieren, um den IWF und die Weltbank zu stoppen. Denn eine solche Bewegung kann nur durch direkte Aktion, zivilen Ungehorsam und das Praktizieren direkter Basisdemokratie geformt werden. Der Widerstand muss so global wie das Kapital sein – und daher sehr viel kreativer" (INPEG-Aufruf).

Ziel war zum einen die Aufkl�rung der Menschen �ber die negativen Auswirkungen der Politik von IWF und Weltbank, aber auch das internationale Treffen im neuen Prager Kongre�zentrum zu stoppen.

Am 28. September 2000 war auf der Titelseite der International Herald Tribune zu lesen: "Wegen der Proteste hat die Weltbank ihr Treffen einen Tag fr�her abgebrochen." Die Delegierten beendeten ihre j�hrlichen Beratungen schon am 27.9.2000 und reisten ab, einen Tag fr�her als geplant. Als Begr�ndung war zu lesen: "Vielleicht haben die Leute k�rzere Reden gehalten." (Mats Karlsson, Vizepr�sent der Weltbank). Oder: sie h�tten schneller gearbeitet. Das h�tte nichts mit den Demonstrationen zu tun (David Hawley, Sprecher des IWF). Doch der Pr�sident der Weltbank, James Wolfensohn, gab zu, er "teile den Stress aller", der von den Stra�enschlachten ausgegangen sei. Ein Sprecher der Tschechischen Regierung versicherte, sie h�tten keinen Druck auf IWF und Weltbank ausge�bt, Prag fr�her zu verlassen, doch einige Delegierte gaben zu, dass sie sich nicht mehr sicher f�hlten. "Wir sehen es als Erfolg an, dass sie die Stadt so schnell wie m�glich mit eingezogenen Schw�nzen verlassen", sagte ein Aktivist von INPEG.

Auch andere sprachen von einem weiteren "Sieg" der internationalen Protestbewegung, der sich in die Serie Seattle (Dez. 99), Washington (4. April 2000), London (1. Mai 2000), Melbourne (Sept. 2000) einordne. Doch was hei�t Sieg? Wessen Sieg? Sicher ist es ein Erfolg der weltweiten Antiglobalisierungsbewegung, dass die Herrschenden der Welt heute bei all ihren Gipfeltreffen von dieser wachsenden Protestbewegung konfrontiert werden. Das war ja das, was sie sich in Seattle vorgenommen hatte. Es kann auch als Erfolg verbucht werden, dass diese Bewegung nicht mehr ignoriert werden kann.

Richtig ist aber auch, dass die Gegenseite seit Seattle gelernt hat. In Seattle wurde die amerikanische Polizei noch von der Breite und Heterogenit�t des Protestes gegen die WTO �berrascht. In Washington konnte sie verhindern, dass die Protestierer die Fr�hjahrskonferenz von Weltbank und IWF blockierten. In London gab es am 1. Mai heftige Zusammenst��e zwischen Polizei und 4000 Demonstranten, bei denen 42 verhaftet wurden (The Guardian 24.8.2000).

Die Innenminister der L�nder, in denen diese Gipfeltreffen stattfinden, tauschten ihre Informationen aus und gaben die Listen der Namen der Verhafteten an ihre Kollegen in den anderen L�ndern weiter. Seit Seattle wurde aber vor allem eine weltweite Kriminalisierung der internationalen Protestbewegung lanciert, die sich haupts�chlich auf die Mitwirkung der Medien st�tzte. Sie hat in Prag ihren bisherigen H�hepunkt gefunden.

Diese Kriminalisierung wurde schon ein halbes Jahr vor der IWF-Weltbank-Tagung im September vom Tschechischen Innenminister Gross begonnen. Die tschechische Bev�lkerung wurde buchst�blich auf einen B�rgerkrieg im September vorbereitet. Es wurden 11.000 Polizisten und 5000 Soldaten als Sicherheitskr�fte nach Prag gezogen. Das Gesundheitsministerium riet den vier wichtigsten Krankenh�usern in Prag mehr Personal einzustellen und sich auf Attacken mit chemischen und biologischen Waffen einzustellen. Drei Luxuszimmer wurden im Vinokrady Lehrhospital f�r verwundete Banker reserviert. Die Schulen in Prag wurden eine Woche geschlossen, Kinder und Alte sollten aufs Land gehen. Den Bewohnern Prags wurde geraten, Vorr�te an Lebensmitteln und Medizin anzulegen und ihre Wohnungen m�glichst w�hrend der Woche vom 24. – 29. September nicht zu verlassen. Die Boulevardpresse riet den Prager B�rgerInnen T�ren und Fenster vor dem Einfall der "Barbaren" zu verrammeln. 800 Sicherheitsjacken wurden an Journalisten verteilt, diese mussten au�erdem rote Westen tragen, um sich von den "Anarchisten" – so die allgemeine Bezeichnung f�r die Protestierer – zu unterscheiden (The Guardian, 24.8.2000).

Diese Strategie der Kriminalisierung der WeltbankkritikerInnen und die Erzeugung einer allgemeinen Panik und Hysterie unter der Bev�lkerung scheint nach dem Bericht des Guardian jedoch nicht allein im Tschechischen Innenministerium entworfen worden zu sein. Scotland Yard (England) und FBI (USA) hatten schon im Vorfeld der tschechischen Regierung ihre Hilfe angeboten. Anfang August flog eine Delegation von Scotland Yard nach Prag. Unter ihr waren Spezialisten f�r die Behandlung der Medien. "Wir sind r�bergeflogen, um ihnen zu helfen, obwohl sie uns offiziell nicht um Hilfe gebeten haben. Wir wollten unsere Erfahrungen und Informationen mit ihnen teilen." so ein Sprecher von Scotland Yard (The Guardian, 24.8.2000)

Schon im Fr�hjahr waren 24 tschechische Polizeibeamte zum Training ins Hauptquartier des FBI in Washington eingeladen worden. Der Chef dieser Beh�rde flog nach Prag, um die tschechische Polizei bei der Vorbereitung auf gewaltsame Auseinandersetzungen zu beraten. Doch diese Panikmache war selbst dem Pr�sidenten der Tschechischen Republik zu viel: "Es ist, als ob wir uns auf einen B�rgerkrieg vorbereiteten." In der Frankfurter Rundschau vom 23.9.2000 steht folgende Aussage Havels: "Es gibt so viele Menschen, die weder wissen, was der IWF und die Weltbank tun, noch von den Argumenten der Kritiker eine Ahnung haben; aber alle Welt ist dar�ber informiert, wie viele Kn�ppel und Wasserwerfer der Polizei zur Verf�gung stehen." Diese Aussage des tschechischen Staatspr�sidenten dr�ckt sehr klar den Kern der ganzen Antiglobalisierungsstrategie aus: Kriminalisierung der KritikerInnen auf der einen und Panikmache und Hysterisierung der Bev�lkerung auf der anderen Seite, gekoppelt mit Ignoranz �ber die eigentlichen Akteure und ihre Politik.

Die Strategie hat gewirkt. Als wir am 25. September in Prag ankamen, kamen wir in eine tote Stadt. Die Stra�en waren leer von Autos, aber fast auch von Menschen. Die psychologische Kriegsf�hrung im Vorfeld der Ereignisse war erfolgreich gewesen. Die Prager hatten gehorsam die Anweisungen von oben befolgt. Ich war nach Prag gekommen, um mich mit den anderen Frauen des internationalen Netzwerks "Diverse Women for Diversity" zu treffen. Wir hatten f�r den 27.9. eine offene Veranstaltung zum Thema "Das Leben ist keine Handelsware" angek�ndigt. Au�erdem wollte ich an dem Koordinationstreffen des europ�ischen Netzwerks: "From Seattle to Brussels" teilnehmen. Wir alle wollten uns an der Demonstration am 26.9. beteiligen.

Doch die Auswirkungen der allgemeinen Einsch�chterung waren sehr schnell zu sp�ren. Unsere Gastgeber-Organisation "Agentura-Gaia" hatte unsere Veranstaltung nicht im allgemeinen Aktionsprogramm von INPEG angek�ndigt. Von den Frauen, die aus den osteurop�ischen L�ndern eingeladen worden waren, war keine gekommen. Es hie�, sie h�tten keine Visen bekommen. Als wir, die wenigen DWD-Frauen aus Indien, Mexiko, Deutschland und Bolivien uns am 26.9. auf dem Namesti-Miru, dem Friedensplatz, vor der Ludmilla-Kirche mit den etwa 28 Frauen der Internationalen Frauenuniversit�t (IFU) Hannover trafen, waren wir wohl die einzigen Feministinnen, die im Demonstrationszug mitmarschieren wollten. Tschechische Frauen gesellten sich nicht zu uns. �hnlich sah es am n�chsten Tag aus, als wir unsere �ffentliche Veranstaltung im Narodni Dum, dem "Volkshaus", hinter der Ludmilla-Kirche hielten. Es waren kaum Tschechinnen gekommen. Die tschechische Presse war nicht erschienen, obwohl viele Einladungen verschickt worden waren.

Wir wollten durch unsere Veranstaltung klarmachen, dass die Politik von Weltbank und IWF, besonders durch die Strukturanpassungsprogramme �berall in den verschuldeten L�ndern des S�dens, aber auch zunehmend in den ehemaligen Ostblockl�ndern, eine Blutspur von zunehmender Verarmung, Hunger, Krankheit, Fl�chtlingsstr�men, sozialen Konflikten und sogenannten "ethnischen" Kriegen hinter sich zur�ckl�sst. Die Leidtragenden dieser Politik sind vor allem Frauen, Kinder und die Natur. Mit Beitr�gen aus Bolivien, USA, Indien, Mexiko und Deutschland wollten wir die Mythen entlarven, dass die neoliberale Globalisierungspolitik, die immer noch von den Herren, die im Kongre�zentrum tagten, vertreten wird, �berall zu mehr Wohlstand f�r alle, mehr Gleichheit, mehr Frieden und mehr Demokratie f�hren w�rde.

Doch die Veranstaltung konnte nur unter den Bedingungen eines quasi-Ausnahmezustandes stattfinden. Eine Stunde vor Beginn der Veranstaltung hatte die Polizei alle Stra�en rings um den "Friedensplatz" weitr�umig abgesperrt wo auch unsere Tagungsst�tte lag. Wir, einige Frauen und ich, kamen kurz nach 13.00 Uhr zu diesem Sperrbezirk. Die Polizei erlaubte nicht, dass wir zu der Veranstaltung gingen. Wir mussten fast 3 Stunden warten, bis die Polizei abzog.

Immerhin waren noch etwa 60 Menschen im Saal, als wir ankamen. Sie waren wohl vor der Polizeisperre gekommen. Auf diesem Hintergrund war mein Vortrag zu dem Thema: "Das globale Freihandelssystem als Weltkriegssystem" durchaus der Situation angemessen.

�ber die Demonstration am 26.9. ist in den tschechischen und ausl�ndischen Medien viel und pausenlos berichtet worden, besonders �ber die Eskalation der Gewalt am Ende des Demonstrationszuges. Dieser Zug hatte sehr friedlich und fr�hlich begonnen. Ich wunderte mich, dass er nach all den Vorwarnungen fast ohne Polizeipr�senz durch die Stra�en Prags, bis kurz vor das Kongre�zentrum ziehen konnte, wo die etwa 23.000 Delegierten tagten. Dieses Kongre�zentrum war durch bewaffnete Polizisten hermetisch abgeriegelt. Als die Spitze des einen Strangs der Demo – sie hatte sich inzwischen in drei Str�nge geteilt – die Polizeisperre erreichte, flogen Pflastersteine und auch Molotowcocktails auf die Polizisten. Diese schossen mit Tr�nengas zur�ck und es gab die bekannten Stra�enk�mpfe zwischen Polizei und Demonstranten.

Als wir Tr�nengaswolken aufsteigen sahen, gingen wir zur�ck.. Wir waren nicht nur prinzipiell gegen jede Gewaltanwendung; es war auch klar, dass der Angriff einiger Demonstranten auf die Polizei – niemand wusste, wer sie waren – genau die Bef�rchtungen best�tigen w�rden, die schon Monate vorher unter den Leuten verbreitet worden waren, n�mlich, dass die Protestierer alle gewaltbereite "Anarchisten" und "Barbaren" seien.

Nach der b�rgerkriegs�hnlichen Vorbereitung auf diesen Tag, musste ja eine Explosion der Gewalt geschehen, um all den finanziellen Aufwand der Regierung zu rechtfertigen.

Als ich sp�ter das tschechische Fernsehen sah, das immer wieder Bilder von steinewerfenden Demonstranten und geschlossenen Reihen von vollbewaffneten Polizisten zeigte, wurde mein Verdacht best�tigt, dass es hier um eine Art self-fullfilling prophecie ging. Man sah, wie Vermummte in aller Ruhe Pflastersteine ausgruben und in die Fenster von Banken, McDonalds, Kentucky Fried Chicken und C&A warfen. Man sah, wie Fernsehjournalisten diese Szenen ungest�rt filmten, ohne dass einer der vielen Polizisten die T�ter verhaftete. Als wir am Abend in unsere Pension zur�ckkamen, kam uns der Besitzer der Pension w�tend entgegen: "Wozu bezahlen wir diese Polizei aus unseren Steuergeldern? Da stehen sie wie die Bleisoldaten und lassen sich mit Steinen bewerfen! Sie sehen zu, wie diese Anarchisten, Bolschewisten, Kommunisten alles wieder kurz und klein schlagen, was wir in zehn Jahren durch unsere Arbeit aufgebaut haben."

Ist es wirklich ein Erfolg, wenn ein Mann wie dieser Pensionswirt, der viele Jahre in Deutschland gearbeitet hat, sich eher mit McDonalds und Kentucky Fried Chicken solidarisiert, als mit den Demonstranten, die gegen Weltbank und IWF protestieren? Die Fernsehbilder �ber Stra�enschlachten zwischen Polizei und "Anarchisten" �berlagerten jede M�glichkeit dass die eigentliche Botschaft der KritikerInnen der Bretton Woods Institutionen �berhaupt von einer breiten �ffentlichkeit geh�rt werden konnte.

Herr Wolfensohn, Pr�sident der Weltbank, und Wolfgang K�hler, der Pr�sident des IWF, jedoch hatten diese Botschaft sehr wohl geh�rt und verstanden. Sie hatten sich in einer offenen Diskussion, zu der Vaclav Havel eingeladen hatte, den Kritikern gestellt, sowohl den jungen Leuten von INPEG, als auch bekannten Intellektuellen, wie Professor Walden Bello von den Philippinen. Alle zeigten an zahllosen Beispielen aus allen verschuldeten L�ndern der Welt auf, wie die Kredite der Weltbank f�r aufwendige Projekte, an denen nur westliche Konzerne verdienen, sowie durch die Strukturanpassungsprogramme des IWF die Wirtschaften ganzer V�lker ruiniert, Diktaturen unterst�tzt, Armut und Fl�chtlingselend hervorgerufen worden war. Walden Bello griff Pr�sident Wolfensohn direkt an: "Ja, Herr Wolfensohn, in Ihrer Amtszeit haben sie geholfen, das Suharto-Regime in Indonesien zu legitimieren! Das wird die Welt nie vergessen." (Prague Post, 27.9.2000). Auf dem Gegengipfel, den INPEG organisiert hatte, solidarisierte sich Bello mit INPEG und allen anderen AktivistInnen: "Ich bin nicht hergekommen, um akademische Diskussionen zu f�hren. Ich bin hier als einer von Euch, um die Weltbank und den IWF zu schlie�en." (Prague Post, 27.9.2000).

Bello nannte das, was sich seit 20 Jahren an Kritik um die Bretton Woods Institutionen zusammengebraut hatte, eine grundlegende Legitimationskrise dieser Institutionen. Keine Institution, keine Regierung k�nne auf Dauer eine solche Legitimationskrise �berleben.

Vielleicht nicht so radikal wie Bello, vielleicht aber gef�hrlicher f�r die Weltbank, ist die Kritik des fr�heren Chef-�konomen der Weltbank, Joseph Stiglitz. Stiglitz nahm ebenfalls am 23.9. an dem von Vaclav Havel organisierten Treffen von Bankchefs und NROs auf der Prager Burg teil. Er griff nicht nur die Weltbank und en IWF an, sondern auch die US-Regierung und ihre Wirtschaftspolitik seit 1995. Er kritisierte das Programm der Privatisierung in Russland, das von IWF und Weltbank verordnet worden war. "Diejenigen, die die Privatisierung an die erste Stelle vor allem anderen gestellt haben, hatten ganz klar Unrecht." (Prague Post, 27.9.2000). Stiglitz hat die Weltbank verlassen, weil er die Politik des IWF w�hrend der Asienkrise f�r katastrophal hielt.

Wie Bello, stellte sich Stiglitz auf die Seite der NRO-KrititkerInnen. Sie h�tten ein richtigeres Bewusstsein von dem, was heute viele Menschen bewegt: die Umweltproblematik, die Demokratie, Transparenz und Offenheit und "vielleicht am wichtigsten ... die Armen." Er fand, dass die Fragen vieler KritikerInnen in jener Debatte die Weltbanker �berrascht hatten, und dass K�hler und Wolfensohn nur ausweichende Antworten gaben und nicht in der Lage waren, etwas Substantielles zu sagen.

Was Michel Chossudovsky schon vor etlichen Jahren geschrieben hatte (Chossudovsky 1998), n�mlich, dass das Finanzdebakel in Asien von der Weltbank und IWF, in Zusammenarbeit mit dem US-Finanzministerium und den Wallstreet Banken, verursacht worden war, wurde in Prag vom ehemaligen Chef�konomen der Weltbank zugegeben. Der Druck der von diesen Institutionen ausgegangen sei, die Kapitalm�rkte zu deregulieren, habe zur Krise beigetragen (Prague Post, 27.9.2000).

James Wolfensohn zeigte sich offen f�r Kritik. Er und etliche andere Beamte der Weltbank gaben zu, dass die jungen Protestler in vielen Punkten Recht h�tten, dass die Weltbank Fehler gemacht habe, dass sie sich bessern wolle. Wolfensohn schob aber den Schwarzen Peter den Regierungen der reichen L�nder zu, die zu wenig Entwicklungshilfe zahlten. Als erstes wurden die omin�sen Strukturanpassungsprogramme umgetauft in "Armutsbek�mpfungsprogramme". Damit wollten sich die Banker die Forderungen nach Gerechtigkeit f�r die Armen, die vor allem von der Erlassjahrkampagne aber auch von vielen anderen NROs erhoben wurde, f�r ihre Zwecke zu eigen machen.

Es bleibt jedoch zweifelhaft, ob die transnationalen Konzerne und die Regierungen der reichen L�nder der Welt �berhaupt daran denken, die Weltbank und den IWF tats�chlich zu einem Instrument der Gerechtigkeit zu machen. Da n�tzen auch die Beteuerungen Wolfensohns wenig, der den Kritikern sagte: "Ihr solltet uns nicht als eine schwarze b�se Macht ansehen ... bitte versteht, dass unsere Ziele denen der Leute auf der Stra�e (den Protestierern M.M.) sehr �hnlich sind. ... Unser Ziel ist es, die Armut zu bek�mpfen. Das ist ein zentrales Anliegen." (Christopher P. Winner in: Prague Post, 27.9.-3.10.2000).

Nach dem Vorherigen, m�ssen wir jetzt noch einmal fragen: Wer hat in Prag gesiegt? Geschah die vorzeitige Abreise der Delegierten aus Prag, weil sie sich von den Protestlern tats�chlich bedroht f�hlten, oder hatten sie mit dem �ffentlichen Mea Culpa von Wolfensohn und K�hler ihre Aufgabe in Prag tats�chlich erf�llt? Sollte da sowieso nicht mehr geschehen, wie Christopher Winner meint? Oder war Prag tats�chlich eine weitere Etappe in dem Prozess einer zunehmenden De-Legitimierung einer globalen, wachstumsbesessenen, profitgierigen Wirtschaft, f�r die alles, was das ist, zur Ware werden muss?

Ich glaube nicht an die Unausweichlichkeit eines linearen Fortschritts, weder in der Wissenschaft noch in sozialen Bewegungen. Der Triumphalismus in den Selbstbeteuerungen mancher GlobalisierungsgegnerInnen, dass wir von Seattle �ber Washington, �ber London, �ber Melbourne "von Sieg zu Sieg" schreiten w�rden, macht mich skeptisch. Ich mag solch militaristische Metaphern sowieso nicht. Vor allem aber ist mir in Prag klar geworden, dass die Situation der Menschen in Prag sich sehr von der in Seattle unterscheidet. Von Leuten, die gerade erst nach einer "Samtrevolution" im Kapitalismus angekommen sind und immer noch auf dem Trip des "Nachholens" sind, ist nicht zu erwarten, dass sie die Argumente derer verstehen, die die Institutionen in Frage stellen, die – angeblich – Reichtum, Gleichheit und Frieden f�r alle bringen sollen.

Die Tatsache, dass kaum Tschechen und noch weniger Tschechinnen an den Protesten teilgenommen haben, sollte uns zu denken geben. Ich kann so lange nicht ohne Bauchweh von "Erfolg" reden, solange die Mehrzahl der Menschen in Unwissenheit und Panik gehalten werden und nicht verstehen, was Weltbank, IWF und auch die ausl�ndischen Protestierer wollen.

Ist das zu pessimistisch? Vielleicht. Auf der R�ckreise von Prag las ich in der International Herald Tribune vom 29.9.2000 einen Artikel von William Pfaff. Er trug den Titel: "Der Globalisierungsdrive des Westens hat sich als massiver Fehlschlag erwiesen." Der Autor zeigt auf, dass die neoliberale Umstrukturierung der Wirtschaft, die von den USA und England begonnen und durch IWF, Weltbank und WTO vorangetrieben wurde, jetzt nicht nur gef�hrdet wird von Globalisierungsgegnern und deren Erfolgen weltweit, sondern ebenso von Dissens und Konflikten innerhalb der globalen Institutionen. Der "Washington Consensus" (s.o.) sei zusammengebrochen. Vor allem seit der Finanzkrise in Asien sei der Glaube in vielen asiatischen L�ndern verschwunden, dass die Liberalisierung aller M�rkte, besonders der Finanzm�rkte, die beste Wirtschaftpolitik sei. Doch auch in den USA, in Europa, in Kanada und Japan k�nnen nicht mehr �bersehen werden, dass die Freihandelspolitik nicht nur die Kluft zwischen reichen und armen L�ndern gr��er gemacht habe, sondern besonders auch in den reichen L�ndern, wie USA und England, zu immer gr��erer Ungleichheit gef�hrt habe.

Der Autor zitiert Vaclav Havel, der in Prag sagte: "Ich glaube, dass wir eine andere Umstrukturierung anstreben m�ssen, eine die das ganze Wertesystem in Frage stellt, auf dem die derzeitige Zivilisation beruht." (International Herald Tribune, 29.9.2000).

 

 

War Prag ein Erfolg?

Einerseits ja – aber andererseits? Es f�llt mir schwer von Erfolg zu reden, wenn die Mehrzahl der Menschen nicht verstehen, was diese Protestierer wollen, was das mit ihnen zu tun hat, und wenn die Steinewerfer und Molotow-Cocktail-Schmei�er all die �ngste der Bev�lkerung, die vorher gesch�rt wurden, best�tigen. Die internationale Protestbewegung steht vor einem Dilemma: Wenn sie friedlich diskutiert und demonstriert, wird sie von den Medien ignoriert. Wenn es Stra�enschlachten gibt, berichten zwar die Medien, aber "das Volk" wird nicht aufgekl�rt �ber das, worum es geht. Die Gewaltdiskussion �berlagert alles, sowohl bei Bef�rwortern, wie bei Gegnern der Globalisierung.

Vielleicht h�ngt dies mit einem weiteren Widerspruch zusammen, der mir in Prag auffiel. Die Stadt hing voll mit riesigen obsz�nen, frauenfeindlichen Reklametafeln f�r Sexshops. In einer Boulevardzeitung war neben dem knackigen Hintern einer jungen Frau zu lesen: "Was ist einem IWF-Beamten tschechischer Sex wert?" In keine dieser Reklametafeln waren Steine geworfen worden. Soweit mir bekannt, tauchte die tschechische Sexindustrie, die organisierte Prostitution als Wachstumsbranche, in der Kritik am globalen Kapitalismus nicht auf. Kann ich da als Feministin von Erfolg reden?

K�ln 1. Oktober 2000 Maria Mies                              

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