Dieses Lied entstand 1797 als polnische Legionen in Italien Napoleon
unterst�tzten, ist seit den Novemberaufst�nden 1830 polnische Nationalhymne und wurde
1926 Staatshymne.
Die Hoffnungen auf Napoleon Unterst�tzung gegen Russland,
Preu�en und �sterreich - erwiesen sich als tr�gerisch, aber der Wille, sich gegen die
�berm�chte zu behaupten, blieb tragendes Element von Nationalbewu�tsein .
Dieses Land konnte Zerreibungen zwischen Gro�m�chten nur durch einen
Zusammenhalt, �berstehen, der lange Zeit ohne unabh�ngige staatliche Eigenst�ndigkeit
gemeinsame Kultur, Sprache und Geschichtsbewusstsein pflegte. Die katholische Kirche war
das �bergreifende Band.
"Polen war nirgendwo" zitiert Adam Krzeminski den Klassiker
des absurden Theaters, Alfred Jarry, in seinem St�ck "K�nig Ubu" 1896. 1
Es war nirgendwo, "nur" in den Herzen und K�pfen, kann man
erg�nzen. Die "polnischen Teilungen" Ende des 18. Jh. l�sten
Eigenstaatlichkeit auf und verteilten die Beute unter Preu�en, Russland und �sterreich.
Darin hatten sich die Polen bis 1918 einzurichten, zu widerstehen und die Hoffnung nicht
aufzugeben. Als dann nach dem Ende des 1. Weltkriegs Polen wieder zum Staat wurde mit
eigener Regierung, dauerte es nur 20 Jahre bis die deutsche Wehrmacht von Westen und
sowjetische Truppen von Osten ihre Gewaltregime errichteten, Mordmaschinerien unerh�rten
Ausma�es.
Das Ende des 2. Weltkrieges brachte auch keine Befreiung, sondern
willk�rliche Gebietszuweisungen und Einordnung in den sowjetischen Machtbereich.
So ist es nicht verwunderlich, dass Polen nun endlich durch Integration
in NATO und EU aus dieser eingeklemmten Zwangslage heraus will und Schutz sucht sowie eine
neue Rolle als Mittler zwischen West- und Osteuropa.
Die Alternativen sind d�nn ges�t, die Lage nicht rosig, aber der
�ber Jahrhunderte gerettete Freiheitswille ist ein Faktor, mit dem die Konzerne und
m�chtigen EU-L�nder rechnen m�ssen.
Wie sieht Polen heute aus?
Bilder aus Krakau im Sommer 2001
Diese tausend Jahre alte Stadt mit einem mediterranen Stadtzentrum
empf�ngt den Besucher mit offenen Armen.
Der wundersch�ne Marktplatz mit den Tuchhallen, die im 13. Jahrhundert
entstanden und dann im 16. Jh. nach einem Brand neu erbaut wurden, bietet einen Blick auf
die Marienkirche, von deren Turm ein "Feuerwehrmann" st�ndlich das Turmlied auf
der Trompete bl�st als Erinnerung an einen Tataren�berfall im 13. Jh. - so eine der
Sagen.
Dann die Wawel-Burg, die zwischen dem 10. und Anfang des 17. Jh. Sitz
der polnischen F�rsten und K�nige war.
Die schmerzlichen Traditionen er�ffnen sich beim Besuch des alten
j�dischen Viertels. An die Remuh-Synagoge grenzt einer der �ltesten j�dischen
Friedh�fe Europas, wo seit dem 16. Jh. Juden beerdigt wurden. Fast die gesamte j�dische
Bev�lkerung wurde im 2. Weltkrieg von den Nazis vernichtet. In der N�he wurde der Film
"Schindlers Liste" gedreht.
Nach ihrem �berfall machten die deutschen Herren Krakau zum Sitz der
Zentralverwaltung im "Generalgouvernement", eine Schreckensherrschaft, die aus
Polen Sklaven machen wollte, Zwangsarbeiter deportierte, aber nicht verhindern konnte,
dass ein mutiger Untergrundkampf Hoffnung aufrecht erhielt.
Allenthalben also blickt dem Besucher "gemeinsame" Geschichte
entgegen, die durch den "eisernen Vorhang" versch�ttet wurde.
Heute pulsiert das Leben in dieser Stadt, Touristen beleben Pl�tze und
Stra�en, eine Unmenge von kleinen L�den soll eine Existenzgrundlage bieten.
Eine Fahrt zum Museum des Vernichtungslagers Auschwitz nahe Krakau
konfrontiert mit dem Teil deutscher Verantwortung, die kaum zu ertragen ist. Millionen
wurden hier ermordet mit genauer "gesetzlicher Regelung", b�rokratischer
Erfassung und penibler Organisation.
Bilder aus Warschau im Fr�hjahr 2001
Der erste Eindruck, wenn man den Bahnhof verl�sst: eine aufstrebende
Stadt. Neue Glast�rme, Hochh�user, bunte Reklame, eine Stadt voller Leben, moderne
Kaufh�user, viele neue Pkws der Mittel- und Oberklasse. Ganz offenkundig entsteht hier
eine Schicht innerhalb der Gesellschaft, die von dem Eindringen gro�er Konzerne mit
moderner Technologie profitiert.
Der Ostteil der Stadt zeigt die andere Seite, H�user in schlechtem
Zustand, mehr Armut, Bettler.
Auch hier kann man der Geschichte nicht entgehen, das Warschauer
Ghetto, die Tatsache, dass der Westteil der Stadt von den deutschen Besatzern fast v�llig
zerst�rt wurde. In den 50er Jahren wurde der alte Stadtkern und das Schloss wieder in
historischem Stil aufgebaut.
Wir - eine Gruppe von "kein mensch ist illegal" - trafen uns
mit jungen Menschen, die in feministischen oder antifaschistischen Gruppen versuchen,
ihren Standtort zu finden und Widerstand zu organisieren:
Diese jungen Leute sind in der Gesellschaft nicht repr�sentativ, aber
ein wichtiges Potential. Am 1. Mai finden 2 Demonstrationen statt. Eine gr��ere mit
traditionellen gewerkschaftlichen, postkommunistischen und sozialdemokratischen
Organisationen, haupts�chlich mit Parolen gegen Arbeitslosigkeit und Sozialk�rzungen,
eine kleinere mit "linksradikalen" Gruppen, die auch zum Teil an Protesten in
Prag gegen die IWF- und Weltbank-Tagung im September 2000 beteiligt waren. Es tauchen hier
Transparente und Schilder gegen die WTO und EU auf. Reden richten sich gegen neoliberale
Finanzpolitik. Dieser kleinere Zug wird begleitet und zum Teil eingekesselt von einem
riesigen in schwarzer Kleidung bedrohlichen Polizeikommando. Derartige Bilder kennen wir
auch bei uns.
Wo liegen die Hauptprobleme?
F�hrt man mit dem Zug oder PKW durch Polen, so pr�gen arme D�rfer
das Bild. Die Landwirtschaft ist sicher der dickste Brocken bei der angestrebten
EU-Mitgliedschaft.
Es gibt etwa 2 Millionen landwirtschaftliche Betriebe, knapp ein
Viertel der polnischen Bev�lkerung lebt davon. Allerdings produzieren nur etwa die
H�lfte der Betriebe haupts�chlich f�r den Markt, der Rest �berwiegend f�r den
Eigenbedarf (37 %). 13 % sind reine Subsistenzh�fe, d.h. sie ern�hren die Familie und
das lokale Umfeld.
Nimmt man die Sch�tzungen von Experten , so werden im
g�nstigsten Fall 400.000 H�fe �berleben, also mehr als dreiviertel m�ssen
aufgeben. 2 Erfolgreich haben sie sich der Kollektivierung zur Wehr gesetzt,
jetzt sind sie Opfer einer massiv inszenierten Osterweiterung der EU.
Obwohl gen�gend Eigenproduktion zur Verf�gung steht, w�chst der
Import von billigen EU-G�tern. Seit 1993 verzeichnet Polen gegen�ber der EU ein
wachsendes Handelsdefizit im Nahrungsmittelsektor inzwischen 11 Mrd. $ , - in den
Superm�rkten sind �ber 30 % der Waren westlicher Herkunft.3
Die Hoffnungen der Landwirte auf Direktbeihilfen oder Unterst�tzungen
aus dem EU-Strukturfonds (so wird dort errechnet, dass rund 12 Mrd. Euro j�hrlich nach
Polen flie�en sollten) werden kaum zu erf�llen sein, da diese Erwartungen den
EU-Haushalt sprengen und andere L�nder wie z.B. Spanien oder auch Frankreich -
gro�e Begehrlichkeiten auf diesem Sektor haben. Hinzu kommt, dass in der WTO derzeit die
Verhandlungen laufen mit dem Ziel, Agrarsubventionen abzubauen, die M�rkte ungesch�tzt
weiter zu �ffnen. Schlie�lich sollen die Hilfen ohnehin erst ab einer Hofgr��e von
mehr als 3 Hektar einsetzen, schon da fallen 30 % der polnischen raus.
Um sich vor dem Ausverkauf von Agrarland zu sch�tzen, verlangen die
Polen eine �bergangsfrist von 18 Jahren, in der privater Verkauf an EU-Ausl�nder
unzul�ssig sein soll. Dies st��t auf energischen Widerstand, nicht zuletzt in
Deutschland.
Wo sollen die Menschen dann arbeiten, wenn ihre H�fe nicht zu retten
sind? Der schlechte Ausbildungsstand im l�ndlichen Bereich ist eine besondere Hypothek,
denn schon heute betr�gt die Arbeitslosigkeit im Landesdurchschnitt fast 16 % -
Tendenz steigend, in l�ndlich gepr�gten Gebieten 20 30 %. Daher ist die
Erbitterung gro�, nachdem Deutschland sich in der EU mit seiner Forderung nach (maximal)
7-j�hriger �bergangsfrist f�r Arbeiter aus den �stlichen "Beitrittsl�ndern"
durchgesetzt hat.
Hinzu kommt ein riesiges Haushaltsdefizit, das f�r 2001 auf
umgerechnet 46 Mrd. DM gesch�tzt wird. Dies soll durch Einfrieren der Renten und
Geh�lter im �ffentlichen Dienst, K�rzung der Sozialleistungen, Erh�hung der
Mehrwertsteuer usw. gesenkt werden. Allerdings scheuen alle Parteien angesichts der Wahlen
am 23.9.2001 davor zur�ck, die W�hler durch derartige Zumutungen jetzt zu verprellen.4
Wie ist diese Misere zu erkl�ren?
Immerhin flossen von 1995 bis 2000 ca. 50 Mrd. $ an ausl�ndischen
Direktinvestitionen nach Polen, 63 % in produzierendes Gewerbe (Autoindustrie, Pepsi,
Philipp Morris, Reemtsma, Siemens usw.). Die viel gepriesene Privatisierung, die ja den
gro�en Aufschwung bringen sollte, ist fast vollendet. Mehr als 95 % aller
wirtschaftlichen Betriebe sind in privater Hand.
Aber wer profitiert davon?
Die Exportindustrie boomt, allerdings mehr als die H�lfte aller
Exporte werden von transnationalen Konzernen bestritten, vorneweg die Autoindustrie
VW, Opel, Fiat und Daewoo (Die Chefin der Deutsch-Polnischen IHK, Gabriela Jaworek:
"Es ist kaum bekannt, dass jeder Opel-Astra, der auf deutschen Stra�en f�hrt, aus
einer polnischen Fabrik kommt" 5.)
Von den Investitionen profitieren vor allem Warschau und ein paar
andere Gro�st�dte, das Land entwickelt sich auseinander, die Einkommensunterschiede sind
gewaltig.
Bei der hohen Arbeitslosigkeit handelt es sich um "Nebeneffekte
der Modernisierung", so der Chef�konom der Bank Pekao SA, Dariusz Filar 5
. Die K�ufer von Staatsunternehmen mussten zun�chst eine Besch�ftigungsgarantie f�r
mehrere Jahre unterschreiben die l�uft nun aus!
Das Rentensystem wurde auf Kapitalbasis umgestellt, da freuen sich die
Banken, die zu dreiviertel unter ausl�ndischer Kontrolle stehen.
Das Gesundheitswesen wird jetzt durch Budgetierung eingeschn�rt und
soll f�r private Investoren - vor allem aus dem Westen - zugerichtet werden.
Und immer neue Korruptionsvorw�rfe zeigen, dass "alte
Seilschaften" aus kommunistischer Vergangenheit die "Privatisierung" zum
eigenen Vorteil nutzten.
Die Antwort liegt demnach auf der Hand: am wenigsten profitiert der
Gro�teil der Bev�lkerung au�erhalb urbaner Zentren, den Rahm sch�pfen andere ab.
Die Stimmung vor den Wahlen
Daher w�chst die Skepsis der Bev�lkerung . Nur noch knapp �ber 50 %
sind f�r die EU-Osterweiterung, 54 % meinen, dass die EU-L�nder gr��ere Vorteile haben
als Polen. Das spiegelt sich wieder in Zahlen: Deutschland z.B. exportierte nach Polen von
95-98 f�r ca. 75 Mrd. DM, Polen in die BRD aber nur f�r 55 Mrd. DM.
Der Widerstand artikulierte sich bisher durch massive Proteste der
Bauern. Im Gesundheitswesen streikte das Krankenhauspersonal Ende letzten Jahres.
Dieser wachsende Unmut soll kanalisiert und gemildert werden �ber die
Medien. Daher ist das Vordringen westlicher Medienkonzerne auch diesem Zweck gewidmet. So
sind Hirtreiters Verlagsgruppe Passau (VGP) als auch der norwegische Konzern Orkla Media
dabei, den Pressemarkt in den gro�en regionalen Pressezentren vollst�ndig zu
kontrollieren und den unabh�ngigen - und kritischen - Lokalzeitungen die �konomische
Basis zu nehmen. Hirtreiter 1999: "Unser know how, Heimatzeitungen zu machen, ist
unser McDonald`s. Das k�nnen wir im Prinzip �berall machen - in Krakau genauso wie in
Passau."6
Die jetzt regierende Minderheitsregierung Buzek (unterst�tzt durch
Wahlaktion Solidarit�t AWS) hat bei den Wahlen am 23.9. kaum eine Chance. Die
beste Ausgangsposition hat das B�ndnis der demokratischen Linken SLD (die sog.
Postkommunisten), das mit anderen Parteien (B�rgerplattform PO und Bauernpartei PSL)
wahrscheinlich die Regierung stellen wird. Da �berwiegen die
"Pro-EU"-Anh�nger, wenn auch die Bauernpartei Schutz der Landwirte einfordern
wird.
Es ist den EU-L�ndern bisher gelungen, den Wettbewerb der
"Beitrittsstaaten" , wer als erster aufnahmef�hig ist, gegeneinander zu
sch�ren. Besser w�re es, Polen, Ungarn, Tschechische Republik, Slowakei, Slowenien und
die Baltischen L�nder w�rden gemeinsame Interessen formulieren und gegen die EU in
Stellung bringen.
J�rgen Crummenerl