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DIE ERWERBSLOSENBEWEGUNG IN ARGENTINIEN James Petras
In den letzten f�nfundzwanzig Jahren hat Lateinamerika drei Wellen von sich �berlappenden und mit einander verbundenen Sozialen Bewegungen erlebt. Die erste Welle, die etwa Ende der siebziger Jahre begann und bis Mitte 1980 andauerte, wurde die Neuen Sozialen Bewegungen" genannt. Sie umfasst Menschenrechtsgruppen, feministische, �kologische, ethnische Bewegungen, einschlie�lich der NROs. (...) Die zweite Welle entwickelte sich seit Mitte der achtziger Jahre zu einer m�chtigen politischen Kraft. Sie bestand aus und wurde angef�hrt haupts�chlich von Bauern und Landarbeitern. Direkte Aktion war das Hauptkampfmittel dieser Massenorganisationen zur Verteidigung und F�rderung der Interessen ihrer Mitglieder. Die bekanntesten sind die mexikanischen Zapatisten (EZLN), die Landlosenbewegung in Brasilien (MST), die cocaleros und Bauern in Bolivien, die Nationale Bauernf�deration in Paraguay, die FARC in Kolumbien und CONAIE der indianischen Bauern in Ekuador. (...) Die dritte und neueste Welle der sozialen Bewegungen hat ihr Zentrum in den urbanen Gebieten.(...) Eine besonders interessante und wichtige Soziale Bewegung und das Subjekt dieses Essays ist die der erwerbslosen st�dtischen ArbeiterInnen in Argentinien. Diese Bewegung stellt die Annahmen von den atomisierten impotenten st�dtischen Armen in Frage. Sie ist ein Fall, der es wegen seines innovativen und explosiven Potentials wert ist, untersucht zu werden. Sie ist wichtig f�r ganz Lateinamerika.
DIE ERWERBSLOSEN IN ARGENTINIEN ERHEBEN SICH
Eins der Hauptargumente orthodoxer Marxisten, die behaupten, die Industrie-Arbeiterklasse sei zentral f�r jede soziale Transformation, ist, dass diese einen strategischen Platz im Produktionsprozess habe. Das relative Schrumpfen dieser Industriearbeiter-Klasse und das enorme Wachstum der Unterbesch�ftigten, Erwerbslosen, Marginalisierten" im informellen Sektor (d.h. in ungesch�tzten Besch�ftigungsverh�ltnissen) unter den st�dtischen Massen wurde als eine Entwicklung angesehen, die radikalen sozialen Wandel verlangsamt oder gar unm�glich macht. Marxisten sagen, dass die Fragmentierung der Job-Struktur der st�dtischen Armen sie atomisiert und dass ihre relative Isolation von den Hauptsektoren der Wirtschaft ihre F�higkeit, den Akkumulationsprozess zu unterminieren, sehr einschr�nkt. Sie sagen auch, dass der Kapitalismus von diesen st�dtischen Massen profitiert, weil er die L�hne niedrig halten und so die Forderungen der regul�ren Lohnarbeiter unterlaufen kann. (...)
Doch in Argentinien hat die hochkomplexe und erfolgreiche Organisation derjenigen, die man als unorganisierbar" ansah, sowohl die Mainstream Ideologen wie die marxistische Orthodoxie herausgefordert. Im August 2001 blockierte eine landesweite Mobilisierung von �ber 100 000 Leuten aus bestens organisierten Gruppen von Erwerbslosen �ber dreihundert Stra�en und Autobahnen in Argentinien. Sie l�hmten so die gesamte Wirtschaft, einschlie�lich des vorher absolut sicheren Finanzsektors. In den Vormonaten hatte die Polizei f�nf piqueteros (Streikposten) get�tet und �ber dreitausend bei gewaltsamen Zusammenst��en im ganzen Land verhaftet. Gleichzeitig waren die Erwerbslosen in der Lage, durch Druck auf den Staat tausende von Zeitjobs mit Mindestlohn, Lebensmittel und andere Zugest�ndnisse durchzusetzen. Im September 2001 organisierten die Erwerbslosen massive Blockaden der Stra�en �berall in Buenos Aires und einen erfolgreichen Generalstreik , zusammen mit militanteren Teilen der Gewerkschaften. Sie paralysierten die Regierungst�tigkeit und blockierten die Eing�nge von gr��eren Privat-Industrien. Es ist bemerkenswert, dass diese Aktionen die Unterst�tzung und gar die Teilnahme eines weiten Spektrums der Gesellschaft und der sozialen Klassen hervorriefen, einschlie�lich lokaler H�ndler, Angestellter der Stadt- oder der Provinzverwaltung, Krankenschwestern, LehrerInnen, Menschenrechtsgruppen und vor allem der Madres de Plaza de Mayo (die M�tter von der Plaza de Mayo). Diesen spektakul�ren neuen Erfolgen waren mehrere Jahre einer geduldigen und oft frustrierenden Organisationsarbeit vorausgegangen. Die Erwerbslosen hatten Petitionen an die Kommunal- Provinz- und Staatsregierungen geschickt. Sie hatten friedlich demonstriert. Als sie merkten, dass das alles nichts half, schritten sie zur direkten Aktion. (...)
HINTERGRUND DER BEWEGUNG
Um die Bewegung der Erwerbslosen in Argentinien zu erkl�ren, muss man sie in den Kontext des neoliberalen Projekts stellen, das das Leben von Arbeitern und Bauern in ganz Lateinamerika verw�stet hat. Als sich die argentinischen Regierungen die Linie der Freihandelsideologen zu eigen machten, setzten sie eine Wirtschaftspolitik in Kraft, die die erwarteten Ergebnisse haben musste. Staatliche Unternehmen wurden verkauft und die neuen Eigent�mer feuerten als erstes tausende von Arbeitern. Betriebe, die als unprofitabel galten, wurden geschlossen, z.B. Minen- und Energiebetriebe. So entstanden buchst�blich Geisterst�dte, wo alle sozio�konomischen Sektoren litten. Die L�hne und die Arbeitsbedingungen der Menschen, die noch im �ffentlichen Sektor besch�ftigt waren, wurden gesenkt, viele wurden entlassen. Tausende von Angestellten der �ffentlichen Betriebe bekamen monatelang keinen Lohn. Die Gewerkschaften wurden angegriffen und Gewerkschaftsmitglieder wurden gefeuert. Die Sozialversorgung wurde drastisch beschnitten, was vor allem die Rentner und Pension�re betraf. Aber auch alle, die sich keine private Schule oder Krankenpflege in den privatisierten Krankenh�usern leisten konnten, litten unter diesem Austerit�tsprogramm des IWF. Das Hereinstr�men ausl�ndischen Geldes f�hrte zu einer wild bl�henden Spekulation, was zu einem Finanzcrash f�hrte. Die Folge war, 130 Milliarden US Dollars wurden von der argentinischen Bourgeoisie au�er Landes geschafft genau so viel wie die Auslandsschulden des Staates ausmachten. 1997 begann eine Rezession, die sich 2001 zu einer totalen Depression vertieft hatte. Je nach Gegend sind heute 30 oder 80 Prozent der Arbeiter erwerbslos oder unterbesch�ftigt. In Buenos Aires haben sich die offiziellen Arbeitslosenzahlen von 16-18 Prozent rasch verdoppelt. Die meisten ArbeiterInnen hatten ihr blo�es �berleben sowieso durch prek�re Jobs erarbeitet. In den gro�en Arbeiter-Vororten betrug die Arbeitslosenrate 30-50 Prozent.
Die �konomischen Schwierigkeiten wurden durch politische Bedingungen versch�rft. Nicht nur haben die drei letzten Pr�sidenten (Raul Alfonsin, Carlos Saul Menem und Fernando de la Rua) das Tafelsilber" Argentiniens (die staatlichen Betriebe d. �. ) den ausl�ndischen Kapitalisten zu Schleuderpreisen in den Rachen geworfen, sie haben auch die Sozialgesetzgebung aggressiv umgedreht (dereguliert d. �.) und au�erdem die Milit�rs freigesprochen, die f�r 30 000 Tote und Verschwundene verantwortlich sind. Um die Armen zu beschwichtigen, verteilen die beiden Hauptparteien, die Radikalen und die Peronisten , gelegentlich Brotk�rbe und besorgen ihren lokalen Anh�ngern Jobs, was nat�rlich total unzureichend ist.
Diese �konomischen, politischen und sozialen Bedingungen konvergierten mit g�nstigen Faktoren, so dass eine Massenorganisation entstehen konnte (...).Zu den g�nstigen objektiven Faktoren geh�ren folgende: 1. Es gab eine hohe Konzentration von arbeitslosen Industriearbeitern, jungen Menschen, die nie eine Erwerbsarbeit hatten und Frauen als Familienvorst�nde in quasi abgetrennten und relativ homogenen barrios, (Nachbarschaften, Vierteln) die kaum von der Ideologie der unteren Mittelklasse ber�hrt waren. 2. In den barrios gab es eine ziemliche gro�e Zahl von arbeitslosen Industiearbeitern mit Gewerkschaftserfahrung und Erfahrung in kollektiven K�mpfen. 3. Die lang andauernde Krise hatte die Haushalte so zerst�rt, dass ein ungew�hnlich hoher Anteil von militanten Frauen aktiv wurde. Das gleiche gilt f�r die Jugendlichen, von denen die meisten noch nie einen Job gehabt hatten und einer d�steren Zukunft entgegen sahen. 4. Die barrios lagen nahe bei den gr��ten Autostrassen, �ber die die G�ter und die Pendler zwischen den gro�en St�dten und �ber nationale Grenzen hinweg hin und her bewegt werden. Es reicht nat�rlich nicht, dass die �u�eren Bedingungen g�nstig sind. Organisationen m�ssen auf sie mit den richtigen Strategien und Taktiken antworten. Der Erfolg der Erwerbslosenbewegung verdankt sich vor allem dem Fakt, dass sie gelernt hat, fr�here Fallen zu vermeiden. Dazu geh�rt vor allem, dass sie sich autonom und unabh�ngig von der Gewerkschaftsb�rokratie, den Wahlparteien, und dem Staatsapparat in den barrios organisiert. Die Gewerkschaften, vor allem die Confederacion General de Trabajadores (CGT) wird von einer Gruppe von hochbezahlten, repressiven Bossen regiert, die engstens verfilzt waren mit dem Menem-Regime und nicht bereit sind, die Regierung von De la Rua oder ihre regressive Politik anzugreifen. Jeder versteht die gelegentlichen Verurteilungen und sogar die Generalstreiks als bedeutungslose, symbolische Rituale., wo die Arbeiter Dampf ablassen d�rfen", ehe sie sich unterwerfen. Trotz programmatischer Forderungen konzentrieren sich die Gewerkschaften auf die Beitr�ge zahlenden Mitglieder und ihre sektoralen K�mpfe. Die Erwerbslosen werden h�chstens organisiert, wenn man sie als Hilfstruppen in Ein-Tags-Demonstrationen braucht, ohne Auswirkungen auf grundlegende Reform der Wirtschaft. �hnliches kann von den politischen Parteien gesagt werden. Wenn direkte Repression nicht ausreicht, werfen sie den Erwerbslosen einige Patronage-Kr�mel zu und versuchen die F�hrer der Erwerbslosen zu kooptieren. Entscheidend f�r den Erfolg der neuen Bewegung der Erwerbslosen war daher die Ablehnung der Patron-Klienten Politik der Parteibosse und der Gewerkschaftsb�rokraten und das Sich-Verlassen auf Selbstorganisation und Direkte Aktion. Die Erwerbslosenbewegung, das Movimiento de Tabajadores Desempleados (MTD) begann und setzt sich fort als Graswurzelbewegung, organisiert und angef�hrt von den Mitgliedern der barrios und der Ortsgemeinden. Das MTD ist als sehr dezentrale Struktur organisiert. Jede Gemeinde hat ihre eigene Organisation, die auf den barrios innerhalb der Gemeindegrenzen beruht. Innerhalb des barrio gibt es verschiedene Bl�cke , die ihre informellen F�hrer und Aktivisten haben. Jede Gemeinde wird durch eine Generalversammlung organisiert, an der alle aktiven Mitglieder teilnehmen. Diese Versammlung entscheidet �ber die politischen Nah- und Fernziele: die Forderungen, und die Organisation von Stra�enblockaden werden hier kollektiv entschieden. Wenn man sich auf eine Autobahn oder eine wichtige Zuleitungsstrasse geeinigt hat, organisiert die Versammlung die Unterst�tzung innerhalb der barrios. Hunderte, oder gar tausende von Frauen, M�nnern und Kindern nehmen an der Blockade teil; sie errichten Zelte und Suppenk�chen an den Stra�enr�ndern. Wenn die Polizei sie bedroht, kommen weitere Hunderte aus den nahen Slums . Wenn die Regierung Verhandlungen anbietet, verlangen sie, dass diese Verhandlungen an Ort und Stelle, bei der Blockade, mit allen gef�hrt werden. Entscheidungen werden am Ort der Aktion getroffen , durch die Volksversammlung. Die piqueteros misstrauen aus Erfahrung dem Delegationsprinzip, sogar militanten lokalen Leuten. Sie wollen nicht, dass Einzelne in Regierungsb�ros verhandeln, denn, wie ein piquetero sagte: Die Beamten kaufen sie mit einem Job". Wenn ihre Forderungen erf�llt sind meist handelt es sich um die Zusage von Jobs dann werden diese Jobs kollektiv verteilt, nach Kriterien der Bed�rftigkeit der Familien und der Teilnahme an den Blockaden. Wenn es nicht genug Jobs gibt, werden sie nach einem Rotationsprinzip verteilt. Die piqueteros haben gelernt, dass , wenn indiviuelle F�hrer verhandeln und Jobs verteilen, diese meist ihre Familienmitglieder, Freunde und andere bevorzugen und sich als caudillos aufspielen, mit einem Patronage-Apparat, der die Bewegung korrumpiert. Die Taktik, Hauptverkehrswege zu blockieren ist ein weiteres Element des Erfolgs des MTD. Diese Blockaden sind das funktionale �quivalent von Arbeitern, die die Produktion durch Streiks lahm legen. Sie blockieren die Zirkulation der Waren, sowohl der Inputs f�r die Produktion wie die Outputs, die f�r den inl�ndischen oder ausl�ndischen Markt bestimmt sind. Wenn der Verkehr lahmgelegt wird, dann elektrisiert das auch alle, die in der N�he der barrios wohnen. Einige derjenigen, die diese Blockaden organisieren, wie z. B. Pepino, Hippie oder Piquete aus General Mosconi sind am mutigsten und lautesten beim Protest und Aussprechen von Forderungen. Die allgemeine Bev�lkerung unterst�tzt sie, hat aber noch Angst, selbst Forderungen auszusprechen. Aber sie unterst�tzte massiv die Blockade der angrenzenden Stra�en und sie hinderten die Polizisten, die F�hrer zu verhaften. Aus passiven Opfern der Armut, der sozialen Desorganisation und opportunistischer Manipulation wurden sie aktive Teilnehmer einer machtvollen Solidarit�tsbewegung, engagiert in einer autonomen Graswurzelorganisation und unabh�ngiger Politik. (...) In General Mosconi haben die F�hrer der Bewegung �ber dreihundert Projekte formuliert, von denen einige schon erfolgreich funktionieren, um Arbeit und Brot zu schaffen, sie machen eine B�ckerei, legen Biog�rten an, errichten eine Wasserreinigungsanlage und eine Erste Hilfe Klinik und machen viele andere Projekte. Diese Stadt wird praktisch von dem lokalen Komitee der Erwerbslosen regiert, weil die st�dtischen Beamten zur Seite gedr�ngt wurden. In einigen Arbeiter-Vorst�dten hat das MTD quasi befreite Zonen errichtet, wo die Macht der Mobilisierung die Macht der lokalen Beamten neutralisiert oder ihr gar �berlegen ist. Sie kann den Staat und die Provinzregierungen bei bestimmten Fragen herausfordern. Der Aufbau einer parallelen �konomie" kann, in begrenztem Rahmen in General Mosconi die allgemeine Unterst�tzung der Leute zwischen den einzelnen K�mpfen aufrechterhalten, und sie bietet eine Vision, dass die Erwerbslosen mit ihren F�higkeiten in der Lage sind, wieder die Kontrolle �ber ihr Leben, ihre Nachbarschaft und ihren Lebensunterhalt zur�ckzugewinnen.
Doch das MTD beschr�nkt sich nicht nur auf lokale Forderungen.(...) Im September 2001 gab es zwei nationale Treffen des MTD in Matanza und La Plata.(...)Man wollte Ideen austauschen, die Aktivit�ten koordinieren und einen nationalen Aktionsplan entwerfen. Die Versammlung der Delegierten in La Plata stimmte sechs direkten Forderungen zu (...) Die Versammlung rief zu zwei Blockaden im September auf, um ihre Forderungen durchzusetzen. Au�erdem formulierte sie f�nf strategische Ziele: 1. Nichtzahlung der illegitimen und betr�gerischen Auslandsschulden, 2. �ffentliche Kontrolle der Pensionsfonds, 3. Re-Nationalisierung der Banken und aller strategischen Betriebe, 4. Streichung der Schulden von Kleinbauern und angemessene Preise f�r ihre Produkte, 5. Rausschmiss der hungerprovozierenden Regime und ein Ende des blo�en Politiker-Karussels. Die Versammlung rief zu einem aktiven 36-st�ndigen Generalstreik auf und bildete ein nationales Komitee um die Aktivit�ten mit der dissidenten Gewerkschaft Central de Tabajadores Argentinos (CTA) zu koordinieren.
DIE ZUKUNFT DER BEWEGUNG
Das MTD ist zu einer Kraft geworden, mit der man in Argentinien rechnen muss. Die Bewegung hat sich rasch verbreitet, ausgehend von Salta, Juijuy und Matanzas bis zu den Armutsg�rteln der Vorst�dte von Buenos Aires, Cordoba und Rosario und bis in die Geisterst�dte" im Inneren des Landes. Lokale Organisationen haben sich zu nationalen F�derationen zusammengeschlossen, wie bei den beiden oben erw�hnten Kongressen zu beobachten. Der Erfolg beruht auf der Mobilisierung von zehntausenden von erwerbslosen ArbeiterInnen und der neuen Energie, die tausende von Gewerkschaftsaktivisten aus dieser Bewegung gewannen, vor allem aber auf der Tatsache, dass Frauen und Jugendliche als aktive TeilnehmerInnen die Bewegung mitmachen (Etwa 60 Prozent der TeilnehmerInnen sind Frauen); au�erdem hat die Bewegung dem Regime tats�chliche, wenn auch begrenzte Konzessionen abgetrotzt. Die St�rke der Bewegung jedoch liegt nach wie vor auf der lokalen Ebene, beruht auf Nachbarschaftsbindungen, gegenseitigem Vertrauen und konkreten Forderungen. Ihre Hauptattraktion liegt in der Tatsache, dass die MTD ein Katalysator f�r Direkte Aktion ist in einer Gesellschaft, die durch die endlosen SAP- Verordnungen (Strukturanpassungsprogramme des IWF) ersch�pft ist, durch Budget-K�rzungen, Sparprogramme, zahllose schlecht bezahlte Niedriglohn- Jobs und die Korruption und Impotenz des Parlaments und der autorit�ren und elit�ren Exekutive. Die Erwerbslosen stellen den einzigen Gegenpol von Opposition im Lande zu all diesem dar. Und das MTD hat nur eine effektive Taktik: Direkte Aktion die lang andauernden Blockaden von Autobahnen und Hauptstra�en bis ihre Minimalforderungen erf�llt sind. Je mehr die Bewegung quantitativ und in ihren Kapazit�ten wuchs, um so mehr fing sie an, Allianzen zu bilden mit Studenten, mit dissidenten Gewerkschaftern, Menschenrechtsgruppen und kleinen linken Parteien. Die wichtigsten B�ndnisgenossen sind die Gewerkschaft der �ffentlichen Bediensteten (ATE) und der lokalen LehrerInnen. Die Madres de la Plaza de Mayo gaben moralische Unterst�tzung und mobilisierten ihre Unterst�tzer. Dasselbe taten eine Reihe von linken Studentenorganisationen. Dennoch, trotz aller B�ndnisaktivit�ten achteten die Bewegungen der Erwerblosen eifers�chtig auf die Erhaltung ihrer hart erk�mpften Autonomie und Aktionsfreiheit, vor allem gegen�ber den Gewerkschaften. Die Bewegungen wiesen jede demagogische Intervention durch die etablierten Politiker zur�ck, die versuchen, politisches Kapital aus der wachsenden Macht der Erwerbslosenbewegung zu schlagen. Die Dynamik und das unerwartete Anwachsen der Bewegung der Erwerbslosen und ihr Erfolg durch die Stra�enblockaden, die Bewegung des Warenverkehrs lahmzulegen, wurde begleitet von heftigen Diskussionen und Debatten dar�ber, wie man voranschreiten sollte. Einige zentrale Fragen tauchten in diesen Debatten auf: 1. Lokalismus: Die urspr�ngliche und auch andauernde St�rke der Bewegung beruht auf den engen Beziehungen zu ihren lokalen Gemeinden, Nachbarschaften und barrios. Doch als der Staat mit zunehmender Repression gegen die piqueteros vorging, Morde, Massenverhaftungen und milit�rische Besetzung eingeschlossen, und als das �konomische Austerit�tsprogramm weiter durchgesetzt wurde, wurde vielen Aktivisten klar, dass nur kollektive Aktionen auf nationaler Ebene in der Lage sein w�rden, die Gewalt des Staates zu schw�chen und weitergehende Konzessionen zu erk�mpfen. Doch einige der F�hrer, vor allem die, die am erfolgreichsten waren bei der Mobilisierung und Konsolidierung der Partizipation des Volkes, trauen solch nationalen Treffen und Organisationen nicht. Bezeichnend f�r diese Haltung ist die Stadt General Mosconi. Die F�hrer weigerten sich, zu den oben erw�hnten zwei nationalen Treffen im September 2001 zu fahren. 2. Konkurrierende Gruppen: Der dezentrale Anfang der Bewegung war ein notwendiges und wichtiges Element um lokale Initiative freizusetzen und lokale F�hrer zu ermutigen, die Autonomie der verschiedenen Bewegungen zu wahren. Aber in einzelnen F�llen traten politische und pers�nliche Differenzen auf, die die zuk�nftige Einheit der Aktion gef�hrden k�nnen. Obwohl die meisten Bewegungen die Wahlpolitik der Parteien zur�ckweisen, wurde einigen F�hrern ein Platz auf den Listen linker Parteien angeboten, vor allem der Formation, die sich Sozialer Pol" nennt. Andere Differenzen beziehen sich auf die Beziehungen zu etablierten, dissidenten Gewerkschaften. W�hrend einige der F�hrer gegen eine taktische Kooperation mit CTA und ATE sind, f�rchten viele, dass diese Gewerkschaften schlie�lich die Aktionen bestimmen und die Bewegung manipulieren werden, um sie dem moderaten Programm der progressiven Gewerkschaftsf�hrung anzupassen. (...) 3. Das Einschleusen traditioneller Politiker in die Bewegung. Die Kraft der Bewegung stammt aus ihrer Autonomie �ber die Aktionen. Mit dem steigenden Erfolg der Mobilisierung jedoch versuchten konventionelle oppositionelle" Politiker der etablierten Parteien (Peronisten und andere), einige der Forderungen der Bewegung aufzugreifen. Sie boten sich als Vermittler zwischen den piqueteros und der Regierung an, versprachen sichere Jobs und wollten so die Bewegung spalten, um Teile davon auf ihre Seite zu bringen und so ihre d�nn gewordenen Reihen aufzuf�llen. Die Bewegung hat den Man�vern dieser opportunistischen Demagogen bisher widerstanden. Wenn die Repression jedoch zunimmt und die Grundbed�rfnisse nicht befriedigt werden, wird die Bewegung die harte Wahl treffen m�ssen zwischen einer weiteren politischen Radikalisierung und der Versuchung, die Vermittlung" der alten politischen Bosse zu akzeptieren. 4. Studenten B�ndnisgenossen oder eine Gefahr? Am 7. -. 8.September 2001 haben die Erwerbslosen ein nationales Treffen organisiert. Es kamen aber auch viele Studenten, Kulturschaffende und Selbsthilfe Gruppen, die so die soziale Komposition der Konferenz verw�sserten. Die langen und oft langweiligen Ausf�hrungen der studentischen Redner trug nicht viel zur Kl�rung �ber die Zukunft der Bewegung bei. Die Delegierten des MTD behielten zwar das Heft in der Hand und sie hie�en auch die Studenten und andere Teilnehmer willkommen. Aber sie waren besorgt dar�ber, dass die Studenten die �blichen ideologischen Kontroversen in die Konferenz einbringen und so die Aktion l�hmen w�rden. W�hrend einige Studenten sich klar auf die Seite der Erwerblosenbewegung stellten, gab es andere, die die Versammlung des langen und breiten belehrten, warum die Globalisierung die Bewegungen in dieser Periode unweigerlich zum Scheitern verdammt". Die Delegierten des MTD wiesen solche Interventionen geschlossen zur�ck und schlugen eine Reihe von unmittelbaren, praktischen und strategischen Forderungen vor. Das MTD von Lanus warnte vor dem Druck unheiliger Allianzen, die oft Massendemonstrationen folgen und betonte die Notwendigkeit, die F�hrerschaft in der Hand der autonomen Erwerbslosenbewegung zu behalten. Diese wachstumsbedingten Widerspr�che weisen auf die neuen Herausforderungen f�r die Bewegung hin. Der wichtige Punkt ist jedoch nicht, dass es Probleme gibt, sondern dass es offene Versammlungen auf lokaler, regionaler und nationaler Ebene gibt, wo die Erwerbslosen diese Fragen debattieren und beantworten k�nnen.
SCHLUSS
Eine der Debatten um die abnehmende Macht der Arbeiterbewegung dreht sich um die rapide Ausbreitung prek�rer Besch�ftigungsverh�ltnisse, das Wachstum des informellen Sektors und die Zunahme der Zahl der Erwerbslosen. Gewerkschaftsf�hrer betonen immer wieder, wenn man sie fragt, dass es schwierig sei, die Erwerbslosen zu organisieren. Sie beklagen den Mangel an Hebelkraft dieser Erwerbslosen, das �konomische System zu destabilisieren und den Mangel an Interesse f�r kollektive Aktion bei diesen Leuten. Das massive Wachstum der Organisation der Erwerbslosen in Argentinien zieht alle diese Annahmen in Zweifel und f�hrt zu neuen Fragen.(...) ...die Erwerbslosenbewegung hat eine horizontale Struktur, in der die F�hrer und Unterst�tzer aus der selben Klasse kommen und als gleiche in den offenen Versammlungen mitdiskutieren. Die (etablierten) Gewerkschaften haben eine vertikale Struktur, wo pers�nliche Loyalit�ten um Top-B�rokraten kreisen, von denen viele Geh�lter wie Top-Manager erhalten.(...) Der heutige Arbeitsmarkt, der riesige Pool von Erwerbslosen stellt eine Herausforderung f�r die bisherige top-down Organisierung (der Gewerkschaften) dar, f�r die automatische �berpr�fung der Beitragszahlung und die formale Organisation. Kein Gewerkschaftsboss ist bereit, durch schlammige, ungepflastete Stra�en von Slums zu stapfen, um Leute zu organisieren, oder zu Treffen in eiskalten oder schw�l-hei�en, improvisierten Versammlungspl�tzen zu gehen, wo militante Frauen mit weinenden Kindern Nahrung jetzt" verlangen. Oder wo junge, erwerbslose M�nner die Nase voll haben von gewundenen langatmigen Reden �ber Globalisierung und Erwerbslosigkeit. Kein Gewerkschaftsf�hrer hat hinter den Barrikaden brennender Autoreifen gestanden und den Kugeln der Polizei entgegengesehen. Sie bevorzugen halbst�ndige Treffen im B�ro des Arbeitsministers, um ein Drei-Parteien-Komitee zu bilden um zu diskutieren, wie das Austerit�tsprogramm sozial abgefedert werden k�nne, um die Regierungsf�higkeit" zu erhalten. (...) Stra�enblockaden sind in ganz Lateinamerika zur allgemeinen Taktik der Ausgebeuteten und Marginalisierten geworden (...) Was alle diese Gruppen gemeinsam haben ist, dass sie nicht-strategische Gruppen sind, deren Aktionen aber dennoch die strategischen Bereiche der Wirtschaft treffen: Der Exportsektor, die Banken, Mineralien, Petroleum und einige andere Industriezweige sind die Bereiche, wo vor allem die Devisen erwirtschaftet werden (um die Schulden zur�ck zu zahlen) und wo die Eink�nfte und Profite der Eliten herstammen. Die Nahrung wird importiert, ebenfalls Kapitalg�ter und Zwischenprodukte. Aus der Perspektive der Elite , die den Akkumulationsprozess kontrolliert, sind die Aktivit�ten der Bauern, Erwerbslosen, Indianer, der st�dtischen Kleinunternehmer und H�ndler alle �berfl�ssig . Man kann sie vergessen. Sie sind irrelevant f�r die Hauptaktivit�ten die Exporte, die Finanztransaktionen und den Import von Luxusg�tern. Aber dieser G�ter- und Kapitalfluss verlangt den freien Verkehr �ber Stra�en, um die entsprechenden M�rkte zu erreichen . Dort setzen die marginalen" Gruppen an, sie werden zu strategischen Akteuren, deren direkte Aktionen die Kreisl�ufe der Elite durchkreuzen und den Akkumulationsprozess unterbrechen. Sie sind das funktionale �quivalent des Streiks der Produktionsarbeiter. Die einen blockieren die Realisierung des Profits, die anderen die Wertsch�pfung. Die Massenorganisation au�erhalb des Fabriksystems ist eine erfolgreiche Strategie, wenn sie au�erhalb der Parteistrukturen und der b�rokratischen Gewerkschaften stattfindet. (...) In Argentinien hat der Erfolg der Bewegung der Erwerbslosen eine neue Perspektive er�ffnet, wie der Kampf angesichts einer lang anhaltenden und sich vertiefenden Depression gef�hrt werden kann. Mit dem Fortschreiten und Wachsen �hnlicher, auf direkter Aktion beruhender Bewegungen in ganz Lateinamerika ist es nicht schwierig sich vorzustellen, dass diese marginalen" Klassen zu einer gef�hrlichen Herausforderung f�r das US-Empire und seine lokalen Kollaborateure werden k�nnen.
Quelle: Monthly Review, Januar 2002, S. 32-44.
�bersetzt und gek�rzt von MARIA MIES. |