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Öko-Sozialismus – Ergebnis meiner Suche nach einer Alternative

 

von Saral Sarkar

 

Bei der Arbeit in unserer Bewegung gegen neoliberale Globalisierung hören wir oft: „ Eure Kritik leuchtet mir ein. Aber was ist die Alternative?" Oder man sagt: „Ihr habt doch keine Theorie. Eure Utopie ist vage, keine auch nur halbwegs konkrete Utopie." Diese Kritik ist zum Teil berechtigt, aber nur zum Teil. Viele von uns haben konkrete Vorstellungen von einer guten Gesellschaft, aber wir haben keine gemeinsame Vorstellung davon. Auch Attac sagt nur allgemein: „Eine andere Welt ist möglich". Aber was für eine andere Welt ist möglich, und was für eine nicht? Wenn es uns gelingen sollte, die Tobin-Steuer, die Abschaffung der Steueroasen, die Streichung der Schulden der ärmsten Länder usw. durchzusetzen, hätten wir noch lange keine andere Welt. Und sollte es uns gelingen, in absehbarer Zukunft eine neo-keynesianische Weltwirtschaftsordnung zustande zu bringen, wäre es auch dann keine andere Welt. In den Fünfziger- und Sechzigerjahren des vorigen Jahrhunderts sagten fast alle ÖkonomInnen und WirtschaftspolitikerInnen: „Wir sind alle Keynesianer". Und, wie die Älteren unter uns wissen, die Welt war auch damals keine gute Welt. Nur in einigen wenigen Ländern des Nordens gab es weniger Armut und weniger Arbeitslosigkeit, vielleicht auch etwas weniger Ausbeutung. Aber die Wachstumsdynamik der Weltwirtschaft duldete den Keynesianismus nicht lange und schließlich auch keine „sozialistische" Planwirtschaft.

Klar, bei jedem Projekt muss es erste Schritte geben. So ist es ganz OK, beim Projekt, eine andere, gute Welt zu schaffen, mit z.B. der Tobin-Steuer anzufangen. Wenn wir nur die paar bescheidenen konkreten Reformforderungen durchsetzen könnten und in Zukunft die Vision einer anderen, guten Welt als unerreichbar aufgeben müssten, wäre das auch schon gut. Aber wir haben noch Hoffnung. Doch eine andere, gute Welt schaffen zu wollen, zwingt uns, eine tiefergehende Analyse der heutigen Welt und weitergehende Gedanken über unsere andere Welt zu machen, wobei wir wissen, dass uns das kontroverse Ergebnisse bescheren wird.

 

 

 

Die natürliche Ressourcenbasis einer Wirtschaft

 

Im Juli 2001 gab es gleichzeitig zwei aus unserer Sicht große Ereignisse: die Demonstrationen in Genua gegen den G-8-Gipfel und den Klima-Gipfel in Bonn. Während in Genua etwa
300 000 Menschen demonstrierten, waren es in Bonn nur etwa 5000. Der Unterschied in der Stärke der Demos ist eklatant und zunächst unerklärlich. Ist denn während der letzten Jahre die Gefahr von Klimakatastrophen geringer geworden? Gibt es die große ökologische Krise nicht mehr? Nein. Die Erklärung für den Unterschied liegt m.E. darin, dass eine einfache, zum Teil falsche Analyse des Problems das Denken der meisten AktivistInnen, unter ihnen viele führende, bestimmt. Sie denken, die mächtigen PolitikerInnen verfolgten eine schlechte, von den großen Konzernen vorgegebene Politik; da rührten hauptsächlich die meisten Übel der heutigen Welt inklusive der Gefahr von Klimakatastrophen und der großen ökologischen Krise her. Folgerichtig demonstrierten sie machtvoll in Genua. Die Demo in Bonn meinten sie vernachlässigen zu dürfen. Aus dieser falschen Analyse rühren auch einige falsche Konzeptionen her, über die ich unten reden werde.

Zu der falschen Analyse gehören u.a. die Vernachlässigung der Frage nach der natürlichen Ressourcenbasis einer Wirtschaft und die Fähigkeit der Natur, von Menschen verursachte Umweltbelastungen zu absorbieren, die ja auch eine Ressource ist. Viele – ich fürchte, die meisten – AktivistInnen unserer Bewegung glauben, wenn die Macht und das Profitinteresse der großen Konzerne und die Dominanz der neoliberalen Politik im Globalisierungsprozess überwunden werden könnten, gäbe es kein Problem mehr, eine Welt zu schaffen, in der Wohlstand für alle möglich ist. So sagte z.B. Kevin Danaher, der in Seattle die Protestaktionen maßgeblich mitorganisierte, dass in der neuen Gesellschaft, die er schaffen will, weltweit jeder mindestens 10 000 US-Dollar im Jahr verdienen solle. Es müsse nach ihm auch eine Obergrenze geben; die solle aber bei 10 Millionen US-Dollar liegen (Kurbjuweit 2000:92). In Deutschland höre ich oft, Geld gebe es doch genug, es müsse nur umverteilt werden. In den NRO-Kreisen wurde gleich nach Genua mehrmals gesagt: „Wir sind keine Globalisierungsgegner, sondern Globalisierungskritiker." Auf dem Berliner Attac-Kongress (19. - 21. Oktober 2001) sagte Barbara Unmüßig, Vorsitzende von WEED, Attac wolle die Globalisierung mitgestalten. Prof. Jörg Huffschmid sagte in einer Arbeitsgruppe auf demselben Kongress, es müssen ökologische und soziale Leitplanken für den Globalisierungsprozess installiert werden.

Das alles ist zwar eine Kritik an Konzernherrschaft und neoliberaler Globalisierung und reicht im Interesse einer breiten Mobilisierung für die Anfangsphase unserer Bewegung (Minimalkonsens). Allerdings ist das auch eine prinzipielle Bejahung der wirtschaftlichen Globalisierung. Was sollen wir nun antworten, wenn jemand uns nach unserer langfristigen Alternative zur gegenwärtigen Weltwirtschaftsordnung fragt? Eine neo-keynesianische wirtschaftliche Globalisierung? Ist das Attacs Vision einer anderen Welt? Wenn ja, ist sie tauglich?

Im Gegensatz zu den obigen Positionen schreibt das International Forum on Globalization (IFG) in einer Broschüre über die WTO:

 

„Die Globalisierung wirkt sich inhärent destruktiv auf die natürliche Umwelt aus, weil sie erfordert, dass Produkte Tausende Kilometer um die Erde herumreisen, was unvorstellbare Umweltkosten verursacht: ein noch nie dagewesenes Ausmaß von Verschmutzung der Ozeane und der Atmosphäre durch Transport, erhöhten Energieverbrauch und Abgase aus Verbrennung von fossilen Brennstoffen (was die Klimaveränderung fördert). Dazu kommen erhöhter Verbrauch von Verpackungsmaterialien, verheerende Weiterentwicklung von Infrastrukturen – neue Straßen, Häfen, Flughäfen, Pipelines, Stromnetze usw., die oft in bisher unberührten Gebieten gebaut werden." (IFG 2001:24)

 

Diese prinzipielle Gegnerschaft der wirtschaftlichen Globalisierung gegenüber ist eine notwendige Folge der Anerkennung der Grenzen des Wachstums. Denn fortschreitende Globalisierung führt tendenziell zu stärkerem Wirtschaftswachstum, und weiteres Wirtschaftswachstum braucht weitere Globalisierung.

 

 

 

Gibt es Grenzen des Wachstums?

 

Wie wir aus der Geschichte der diesbezüglichen Diskussion seit 1972 wissen, lehnen viele – ÖkonomInnen, NaturwissenschaftlerInnen und gebildete Laien – die These ab, dass es Grenzen des Wirtschaftswachstums gibt. Prof. Beckerman (1995), seinerzeit Leiter des Fachbereichs Wirtschaftswissenschaften an der Universität von Oxford, meint, Ressourcen, auch die nichterneuerbaren, gebe es in solcher Fülle, dass Wirtschaftswachstum für die nächsten 100 Millionen Jahre problemlos weitergehen könne. So ungefähr ist auch die Meinung der ExpertInnen, deren Positionen Julian Simon und Herman Kahn (1984) veröffentlicht haben.

Es gibt andere, die zwar einsehen, dass die nichterneuerbaren Ressourcen über kurz oder lang erschöpft bzw. unerschwinglich teuer sein werden, die aber glauben, dass die Menschheit durch weitere Entwicklung der Wissenshaft und Technologie Ersätze für alle knapp werdenden Ressourcen schaffen würde. Einige glauben sogar, dass es möglich sein würde, aus dem Kohlenstoff des CO2, die wir heute einfach in die Atmosphäre ausstoßen, wieder Öl und andere nützliche Materialien zu produzieren und nebenbei auch das Problem der globalen Erwärmung zu lösen. Die ökologisch orientierten unter ihnen – Hermann Scheer, Franz Alt usw. – glauben, dass die erneuerbaren Ressourcen (Sonne, Wind, Wasser, Biomasse usw.) bald alle knappen und ökologisch problematischen nichterneuerbaren Ressourcen ersetzen würden. So sei es möglich, bald sowohl das Ressourcen- als auch das Umweltproblem zu lösen. Der bekannteste unter ihnen, Hermann Scheer, Apostel einer „solaren Weltwirtschaft", schreibt:

 

„Unvorstellbare Zeiträume sind es also, in denen die Sonne Menschen, Tieren und Pflanzen ihre Energie spenden wird. Und das in derart verschwenderischer Weise, dass sie die üppigsten Energiebedürfnisse sogar einer sich noch drastisch vermehrenden Menschen-, Tier- und Pflanzenwelt befriedigen könnte: Jährlich liefert die Sonne 15000mal mehr Energie, als die Weltbevölkerung kommerziell verbraucht ... ." (Scheer 1999: 66)

 

Es gibt noch eine Gruppe von ökologisch orientierten WissenschaftlerInnen (Ernst Ulrich von Weizsäcker, Amory und Hunter Lovins 1995, Friedrich Schmidt-Bleek 1993 usw.), die offenbar diese bestimmte Hoffnung von Scheer nicht teilen, die aber dennoch voller Hoffnung sind. Sie sagen, dank wissenschaftlicher und technologischer Entwicklung und mittels etwas Reorganisierung der Wirtschaft (Ökosteuer, Abschaffung von Subventionen, handelbare Verschmutzungszertifikate usw.) sei es möglich, Ressourcenverbrauch drastisch zu reduzieren – um einen Faktor 4 bis Faktor 10 –,ohne auf Wirtschaftswachstum und Wohlstand zu verzichten. Mit anderen Worten, könne die Ressourcenproduktivität drastisch erhöht werden. Und da Gesamtumweltbelastung im allgemeinen im direkten Verhältnis zum Gesamt- ressourcenverbrauch stehe, werde mit dem Rückgang des Ressourcenverbrauchs auch die Umweltbelastung zurückgehen.

Wie überzeugend sind diese frohen Botschaften? Ich habe starken Zweifel, dass sie der wahren Lage der Welt entsprechen. Ich denke, die oben erwähnten Autoren reden eher wie PolitikerInnen als wie WissenschaftlerInnen. Aus Platzgründen kann ich hier nicht alle meine Zweifel darlegen. Das habe ich an anderer Stelle ausführlich getan (Sarkar 2001: Kapitel 4). Hier also nur ein par Kritikpunkte.

Beckerman argumentiert, es gebe in der Erdkruste bis zu einer Tiefe von einer Meile (1,61 Km) genug Ressourcen für kontinuierliches Wirtschaftswachstum in den nächsten 100 Millionen Jahren. Richtig ist, dass auch normales Gestein nützliche Mineralien enthält. Die Frage ist nur: in welcher Konzentration? Bei geringer Konzentration können die finanziellen, energetischen und Umweltkosten der Rohstoffgewinnung für die Wirtschaft zu hoch sein. Darum ist es zwar technisch möglich, Kohlenstoff aus CO2 oder Gold aus Meerwasser zu gewinnen, in der Wirtschaftspraxis ist das aber nicht brauchbar. Aus demselben Grund gibt es auch Grenzen des Recyclings. Wirtschaftlich brauchbare nichterneuerbare Ressourcen sind also doch knapp.

Auch erneuerbare Ressourcen sind im obigen Sinne knapp. Biomasse kann nicht überall produziert werden, und fruchtbares Land ist bekanntlich ein knappes Gut, das wir hauptsächlich für Nahrungsmittelproduktion brauchen. Auch Süßwasser ist bekanntlich ein knappes Gut. Geeignete Stellen am Flusslauf, wo Staudämme für Bewässerung und/oder Wasserkraftwerke gebaut werden können, sind knapp, insbesondere in der Dritten Welt, wo bewohntes und fruchtbares Land aufgrund von Staudammbauten überflutet werden. Darum gibt es von Spanien bis Malaysia Widerstand gegen Staudammprojekte. Außerdem verschlammen Stauseen im Laufe von ein paar Jahrzehnten.

Produktionskosten von Strom und Treibstoff aus Windkraft-, Sonnenenergieanlagen und Biomasse sind (sehr) viel höher als die von konventioneller Energie. Zudem weht der Wind nicht immer und nicht überall in genügender Stärke, und die Sonne scheint nicht in der Nacht und an wolkigen Tagen, so dass konventionelle Kraftwerke immer bereitstehen müssen, was doppelte Investition bedeutet. Das sind Sachen, die wir nicht ändern können. Bei Sonnenstrahlung gibt es ein zusätzliches Problem: ihre Energiedichte auf der Erdoberfläche ist zu gering, und das ist eine kosmologische Konstante außerhalb unserer Kontrolle. Aus diesem Grund gibt es einleuchtenden Zweifel, ob Stromgewinnung durch Solarkraftanlagen überhaupt eine positive Energiebilanz aufweist. Das gleiche gilt für Biodiesel , Bioäthanol usw.

Was die drastische Erhöhung der Ressourcenproduktivität betrifft, scheinen die erwähnten AutorInnen zu glauben, es gebe keine Grenzen der technologischen Entwicklung. Aber wir können die Gesetze der Physik, Chemie und Biologie nicht abschaffen. Sie, insbesondere das Entropiegesetz, setzen der Erhöhung der Ressourcenproduktivität Grenzen. Jede moderne Tecnolgie verbraucht große Mengen von Ressourcen, zur Herstellung eines kleinen Computers werden z.B. 15 bis 19 Tonnen davon verbraucht (Malley 1996). Wie Fred Luks errechnet hat, wenn der Ressourcenverbrauch in den Industriegesellschaften in den nächsten 50 Jahren um einen Faktor 10 sinken soll und wenn gleichzeitig die Wirtschaft weiter um zwei Prozent pro Jahr wachsen soll, dann muss die Ressourcenproduktivität um einen Faktor 27 ansteigen (Luks 1997). Wie realistisch ist diese Hoffnung?

 

 

Welche andere Welt ist möglich?

 

Der Ausgangspunkt unserer Überlegungen zu dieser Frage muss also die Einsicht in die Notwendigkeit sein. Es ist notwendig, einzusehen, dass es Grenzen des Wachstums gibt. Es ist notwendig, in den hoch industrialisierten Ländern den Ressourcenverbrauch um einen Faktor 10 zu reduzieren. Das entspricht der Meinung der großen Mehrheit der Klima- forscherInnen. „Zur Stabilisierung des Klima-Systems, sagt uns die Wissenschaft, müssten die globalen Treibhausgasemissionen bis 2050 gegenüber dem Ausgangsjahr 1990 um 60 Prozent, die der Industrieländer um 80 Prozent reduziert werden" (Simonis 2001).

Was wurde aber auf dem Klimagipfel in Bonn erreicht, und was haben wir auf dem Berliner Attac-Kongress gehört? Der Bonner Kompromiss („Kyoto 2") reduzierte die Vorgabe für die erste Periode bis 2012 auf nahe Null Prozent. In Berlin kritisierte in einer Arbeitsgruppe ein Teilnehmer den „Wachstumsfetischismus", worauf Prof. Huffschmid, Referent in derselben AG, antwortete (sinngemäß), weiteres Wirtschaftswachstum sei notwendig, um die Umstrukturierung der Wirtschaft zu bewerkstelligen, z.B. um die öffentlichen Verkehrsmittel auszubauen. Wir sehen also, der notwendige Paradigmawechsel – vom Wachstumsparadigma zum Grenzen-des-Wachstumsparadigma – hat selbst bei den ökologisch orientierten Denkern des Attac-Deutschland, noch nicht stattgefunden, obwohl sie die Wörter „Ökologie" und „Umweltschutz" routinemäßig benutzen. (Wie ist es in Attac-Frankreich usw.?)

 

 

 

Unsere „andere Welt" kann nur eine öko-sozialistische sein

 

Die Klimaproblematik ist sehr aufschlussreich. Sie zeigt erstens, dass zumindest in den Industrieländern eine Schrumpfung der Wirtschaft stattfinden muss, wenn wir das globale Klima-System stabilisieren wollen. Denn, wenn wir den Ausstieg aus der Atomkraft wollen und weltweit fordern, wenn die erneuerbaren Energien aus oben genannten Gründen den heutigen Gesamtbedarf an Energie nicht decken können und wenn es Grenzen der technologischen Steigerung der Ressourcenproduktivität gibt, dann ist eine 60- bis 80prozentige Reduzierung des CO2-Ausstoßes nur durch eine entsprechende Schrumpfung der Wirtschaft möglich. Dieser Schluss ist umso zwingender, als es zudem die große allgemeine ökologische Krise gibt, deren Lösung ja auch dringend eine starke Reduzierung des Ressourcenverbrauchs verlangt.

Zweitens ist es seit Bonn kristallklar, warum das Kyoto-Protokoll gescheitert ist, ja scheitern musste. Die USA, Japan und ein par andere Industrieländer haben sich zumindest ehrlich verhalten, indem sie klar gesagt haben, dass das Kyoto-Protokoll den Interessen ihrer Wirtschaft zuwiderlief. Die USA hatte schon auf dem Erdgipfel in Rio (1992) ihren Widerstand ausgedrückt – in der Äußerung ihres damaligen Präsidenten: „die American way of life steht nicht zur Disposition." Gibt es noch Zweifel daran, dass die Interessen der Wirtschaft und das Interesse der Menschen in den Industrieländern (aber auch eines Teils der Bevölkerung in der Dritten Welt) an Besitzstandswahrung den Interessen der zukünftigen Generationen und dem Umweltschutz widersprechen? Dieser Widerspruch kann im Kapitalismus gar nicht aufgehoben werden, denn Wirtschaftswachstum, ja Wachstumszwang, ist ein integraler Teil der Logik dieses Systems. Expandieren oder Untergehen, das sind die Alternativen in dieser Logik.

Die notwendige Schrumpfung der Wirtschaften der Industrieländer kann nur angegangen werden, wenn der Zwang, Profite zu machen und zu expandieren, dem alle Unternehmen im Kapitalismus unterliegen, und das Prinzip der Profitmaximierung außer Kraft gesetzt werden. Das ist nur möglich, wenn der Kapitalismus selbst abgeschafft ist. Nur vergesellschaftete Betriebe können sich bereit erklären, die Produktion im Interesse der Allgemeinheit zu reduzieren. Und nur in einer sozialistischen Gesellschaft kann ein arbeitender Mensch sagen: ich habe keine Angst vor einer gewollten „Rezession".

Es ist leicht zu sagen, wir fordern eine andere Welt. Der Öko-Sozialismus ist eine Vision einer guten Welt und eine langfristige Aufgabe. Wenn wir unsere kurzfristigen Reformforderungen (auf welche Weise auch immer) durchsetzen können, dann wird das die Möglichkeit des Übergangs zu dieser anderen Welt eröffnen, mehr nicht. Denn auch mit der Tobin-Steuer, dem Verbot von Steueroasen und ein bisschen Schuldenstreichung wird die Weltwirtschaft ungerecht, ausbeuterisch, unterdrückerisch und umweltzerstörernd bleiben. Darum dürfen wir, während wir für unsere kurzfristigen Ziele kämpfen, die Vision unserer anderen Welt nicht aus den Augen verlieren – wohl wissend, dass die Tausende von Details nur in der Zukunft erarbeitet werden können, wenn wir soweit sind.

 

 

 

Eckpunkte einer öko-sozialistischen Welt

 

An anderer Stelle habe ich die Umrisse einer solchen Welt ausführlich diskutiert (Sarkar 2001, Kapitel 6 u. 7). Hier also aus Platzgründen nur die Eckpunkte:

Nachhaltige Entwicklung oder gar nachhaltiges Wachstum ist ein Widerspruch in sich, wie ein schwarzer Schimmel. Aber nachhaltiges Wirtschaften ist möglich. Eine nachhaltige Wirtschaft wird hauptsächlich auf erneuerbaren Ressourcen basieren und nichterneuerbare Ressourcen sparsam benutzen, oder nur wenn absolut nötig. Das bedeutet, zumindest die Wirtschaften der Industrieländer und die Weltbevölkerung müssen über eine längere Übergangsperiode schrumpfen, bis eine steady-state-Wirtschaft auf (im Vergleich zu heute) niedrigem Niveau (Daly 1977) erreicht ist. Das Konsumniveau in einer solchen Wirtschaft wird sehr bescheiden sein im Vergleich zu dem eines Durchschnittsbürgers der heutigen Ersten Welt.

Wenn der „Fußabdruck" der Spezies Mensch auf diese Weise stark verkleinert wird, wird es auf dem Planeten wieder genug Raum für die anderen Spezies der Schöpfung geben.

„Es erscheint kaum notwendig, besonders zu betonen, dass ein Zustand konstanten Kapitals und gleichbleibender Bevölkerungszahl nicht mit einem stillstehenden Zustand menschlicher Erfindergabe gleichzusetzen ist. Es gäbe ebensoviel Spielraum für alle Arten geistiger Kultur, für moralischen und sozialen Fortschritt, genau so viele Möglichkeiten, die Lebensführung zu verbessern und es wäre wahrscheinlicher, das dies auch geschehen würde." (John Stuart Mill, zit. n. Flechtheim 1984: 19-20)

Eine nachhaltige steady-state-Wirtschaft muss arbeitsintensive Technologien bevorzugen. Erstens wird das notwendig sein, weil die zur Verfügung stehenden Mengen von erneuerbaren Ressourcen nicht das heutige Niveau der Mechanisierung und Automatisierung erlauben werden. Zweitens wird das auch wünschenswert sein, weil in einer sozialistischen Gesellschaft kein arbeitsfähiger Mensch arbeitslos sein und von der Arbeit anderer Menschen leben sollte.

Aus ökologischen und ressourcen-bezogenen Gründen muss auch Fernhandel schrumpfen (Siehe Zitat oben aus IFG 2001). Das bedeutet, die Wirtschaften der Regionen müssen weitgehend selbstversorgend sein.

Um das alles erreichen zu können müssen die Produktionsmittel verstaatlicht werden. Denn eine gewollte Schrumpfung der Wirtschaft würde im Kapitalismus Chaos und Zusammenbruch verursachen. Die Schrumpfung muss geordnet und geplant vor sich gehen. Es muss also eine geplante Wirtschaft sein. Auch andere Formen von Vergesellschaftung sind denkbar. Hauptsache soll sein, dass größere Mengen von Produktionsmitteln nicht im Privatbesitz bleibt.

Eine sozialistische Wirtschaftsordnung wird nicht nur aus den oben genannten praktischen Gründen notwendig sein. Sie wird auch wünschenswert sein; wir fordern schließlich auch Gerechtigkeit, Gleichheit und Freiheit von Ausbeutung und Unterdrückung. Das ist nur im Sozialismus möglich, nicht im Kapitalismus.

Um sicherzustellen, dass die öko-sozialistischen Gesellschaften nicht wieder zu Diktaturen entarten, müssen alte Konzeptionen von Rätedemokratie wiederbelebt werden. Außerdem müssen wachsame BürgerInnen aktiv an der Politik teilnehmen. Da die Wirtschaftsregionen klein, überschaubar und weitgehend selbstversorgend sein werden, werden auch die politischen Einheiten, d.h. die Räterepubliken, klein und überschaubar sein, was die Partizipation der BürgerInnen an den Entscheidungsfindungsprozessen erleichtern wird.

Eine weitgehend selbstversorgende Gesellschaft wird leicht auf Wirtschaftsimperialismus verzichten können. Der mäßige Fernhandel wird es Menschen ermöglichen, ferne Länder und Völker kennenzulernen. So wird auch internationale Solidarität möglich sein.

 

Literatur

 

Beckerman, Wilfred (1995) Small is Stupid, London.

Daly, Herman E. (1977) Steady-State Economics, San Francisco.

 

 

Flechtheim, Ossip K. (1984) „Einführung in den Ökosozialismus", in Scherer und Vilmar

(Hrsg.) 1984.

 

(The) International Forum on Globalization (IFG) (2001) Die Welthandelsorganisation

(WTO), Köln.

 

 

Kurbjuweit, Dirk (2000) „Die Zukunft der Rebellion", in Spiegel Reporter, Nr.8, vom August

2000.

 

Luks, Fred (1997) „Der Himmel ist nicht die Grenze", in:Frankfurter Rundschau vom

21. Januar 1997.

 

 

Malley, Jürgen (1996) „Von Ressourcenschonung derzeit keine Spur", in: Politische

Ökologie, Nr. 49 vom November/Dezember 1996.

 

 

Sarkar, Saral (2001) Die nachhaltige Gesellschaft, Zürich.

 

 

Scheer, Hermann (1999) Solare Weltwirtschaft, München.

 

 

Scherer, Klaus-Jürgen und Vilmar, Fritz (Hrsg.) (1984) Ein alternatives Sozialismuskonzept – Perspektiven des Ökosozialismus, Berlin.

 

Schmidt-Bleek, Friedrich (1993) Wieviel Umwelt braucht der Mensch? Berlin, Basel, Boston.

 

 

Simonis, Udo E. (2001) „Kyoto gerettet – die Zukunft verpasst", in: Freitag vom 27. Juli
2001.

 

 

Weizsäcker, Ernst Ulrich von/Lovins, Amory B./Lovins, Hunter L. (1995) Faktor Vier,
München.

 

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