Eine neue Ökonomie

von: David C.Korten, Nicanor Perlas, Vandana Shiva,

 

Die politische Demokratie, die die Institutionen der Monarchie durch die Institutionen der repräsentativen Demokratie, und die Souveränität des Monarchen durch die souveräne Macht des Volkes ersetzt hat, war ein historischer Sieg für die Gemeinschaft. Es war jedoch ein unvollständiger Sieg, denn er schuf Demokratie nur in der politischen Sphäre und übersah die Realität, dass die ökonomische Demokratie eine wesentliche Grundlage der politischen Demokratie ist. Die imperiale Institution des privatrechtlich geschützten kapitalistischen Konzerns, der praktisch unbegrenzte ökonomische und politische Macht unter einem einheitlichen Management akkumulieren kann, ohne der demokratischen Öffentlichkeit Rechenschaft geben zu müssen, besteht weiter.

Seiner Natur nach ist dieser kapitalistische Konzern legal zu einem Verhalten berechtigt, das im allgemeinen als soziopathisch, wenn nicht als kriminell angesehen würde. Er ist das wichtigste institutionelle Instrument, durch das das Imperium (Empire) die Prozesse der kulturellen Regeneration kooptiert und so seine hegemoniale Kontrolle über die Institutionen der politischen Demokratie durchgesetzt hat. Diese Institution hat keinen Platz mehr in Gesellschaften, die die Werte und Prinzipien der lebendigen Demokratie achten.

Zum Glück sind bestimmte institutionelle Formen nicht sakrosankt - auch nicht die Institutionen der Selbstmord-Wirtschaft. Sie sind menschliche Kreationen, die Produkte menschlicher Entscheidungen. Wenn sie nicht mehr dienlich sind, haben wir das Recht und die Mittel, sie zu verändern, zu eliminieren und zu ersetzen. Die Zeit ist gekommen, die selbstmörderische Ökonomie des globalen "Empire" durch ein neues, dem Leben dienendes, planetarisches System von lokalen Lebensökonomien zu ersetzen, die aus Unternehmen menschlichen Maßes bestehen, die lokalen Menschen gehören, die direkt betroffen sind von den vielen Auswirkungen eines solchen Unternehmens. Eine solche Ökonomie beginnt damit, dass wir uns unsere Lebensenergie wieder aneignen und sie ökonomischen Entscheidungen (choices) zuwenden, die wirklichen Wert haben für uns, als Individuen, für unsere Familien, unsere Welt und die Gesamtheit des Lebens.

Im Gegensatz zur Selbstmordökonomie, die nur ein Ziel hat, nämlich Geld zu machen für die, die sowieso schon reich sind, haben lokale Lebensökonomien das Ziel, die Grundbedürfnisse der Menschen zu befriedigen, die Gemeinschaft zu stärken und die Erde zu heilen. Sie sind weitgehend self-reliant (selbständig) bei der Befriedigung ihrer eigenen Grundbedürfnisse. Mit ihren Nachbarn handeln sie das, was sie darüber hinausproduzieren gegen das, was sie selbst nicht herstellen können. Diese lokalen Ökonomien stehen einander nicht mehr in einer Konkurrenz auf Leben und Tod gegenüber, Konkurrenz um Jobs, Märkte und Ressourcen. Es wird ganz natürlich sein, dass Menschen und Gemeinschaften Informationen, Wissen, Technologie frei miteinander teilen. Zum gegenseitigen Wohl aller. Mit einer solchen System-Interdependenz, die auf eine Ebene reduziert ist, die zu managen ist, wird auch die globale Ökonomie stabiler und flexibler werden.

Die Idee, die globale Selbstmordökonomie durch ein planetarisches System von lokalen Lebensökonomien zu ersetzen, mag wie ein unmöglicher Traum erscheinen, abgesehen von der Tatsache, dass so viele Elemente der neuen Ökonomie schon existieren. Trotz der dominierenden Präsenz der globalen Konzerne, ist die überwältigende Mehrheit der Unternehmen der Welt lokal, hat ein menschliches Maß und ist unabhängig. Die Mehrheit der Weltbevölkerung produziert immer noch ihre eigene Nahrung auf unabhängigen Bauernhöfen. Lokale Kleinbetriebe mit menschlichem Maß stellen immer noch die weitaus größte Mehrheit aller Arbeitsplätze und sind ebenfalls verantwortlich für die größte Zahl der Innovationen. Es gibt buchstäblich Millionen von "not-for profit"-Unternehmen, (die nicht profitorientiert arbeiten) und öffentliche Initiativen in der ganzen Wel6, die jetzt und auch in Zukunft die Werte der Zivilgesellschaft befolgen. Die meisten jedoch, operieren nur am Rande der Selbstmord-Ökonomie und sind abhängig von diesen Institutionen. Der Schlüssel zur Veränderung liegt darin, dass Freiheitszonen geschaffen werden, in denen lokal verwurzelte Betriebe sich aus der Abhängigkeit von den räuberischen Konzernen befreien können, während sie hineinwachsen in das Gewebe von Beziehungen der neuen, dem Leben dienenden Ökonomien.

Solche Prozesse kommen bereits auf der ganzen Welt in Fahrt und gewinnen an Tempo. Bauern in Indien schaffen schon Freiheitszonen, die frei von Chemikalien, frei von Saatgutmonopolen, von Schuldsklaverei, von Gentechnik und Biopiraterie sind. Sie schaffen schon die Grundlagen für eine neue indische Landwirtschaft, deren Basis kleinbäuerliche Betriebe in der Hand lokaler Leute sind. Sie schaffen kommunale Saatgutbanken, entwickeln biologische Produktionsmethoden, die das Beste der traditionellen und der modernen Landwirtschaft kombinieren, und zwar so, dass dies den lokalen Bedürfnissen und Bedingungen angepasst ist. Ihre Vision ist eine Welt, in der jede Spezies eine Zukunft hat, jede Farm frei von Gift ist und jede Person frei von Hunger.

Auf den Philippinen schaffen Bauern und Kleinunternehmer Freiheitszonen innerhalb derer sie assoziative Ökonomien schaffen, die auf ähnlichen Prinzipien basieren. Tausende von untereinander vernetzter lokaler Initiativen und Zusammenschlüsse existieren in den USA bereits in der Landwirtschaft, im nachhaltigen Baugewerbe, im Energiesektor in bezug auf lokale Finanzierung, auf Nachbarschaftsentwicklung, auf Land (land trusts) und vieles andere mehr, das von öffentlichen und non-profit Organisationen unterstützt wird.

Zahllose ähnliche Initiativen gibt es bereits in buchstäblich jedem Land der Erde. Sie schaffen eine neue Landwirtschaft, eine neue Forstwirtschaft, neue Medien, eine neue Gesundheitsversorgung, neue Finanz- Produktions- Energie-Manufaktursysteme, sowie lokale, unabhängige Betriebe, die nach menschlichem Maß organisiert sind und dem Leben dienen. Je stärker und sichtbarer diese Initiativen der Lebensökonomie werden, desto eher werden die Individuen bereit sein, ihre Lebensenergie weg vom "Empire" und hin zur Gemeinschaft zu lenken. Je mehr und je schneller die Menschen anders einkaufen, anders arbeiten, anders investieren, um so schneller können wir die Welt als frei erklären von den Pathologien der Selbstmordökonomie und dann das Ende des "Empire" feiern.

 

Neue Politik

Wie es das Ziel in der ökonomischen Sphäre ist, die globale Selbstmordökonomie durch lokale Lebensökonomien zu ersetzen, so ist es das Ziel in der politischen Sphäre, die tote Demokratie des Geldes durch die lebendige Demokratie des Volkes zu ersetzen. Im Gegensatz zur ökonomischen Sphäre ist jedoch die Agenda der neuen Politik eher sozial und kulturell als institutionell. Die formale Demokratisierung der institutionellen Infrastruktur der politischen Sphäre wurde schon vor vielen Jahren durchgeführt. Obwohl wichtige Reformen notwendig sind, um die bestehenden politischen Institutionen gegen den verzerrenden Einfluss des Geldes zu isolieren und die demokratische Volkssouveränität wieder herzustellen, sind die institutionellen Strukturen im Grunde gesund. Die notwendigen Veränderungen sind Teil einer realistischen Reform. Es gibt jedoch ein fehlendes Element, nämlich das aktive Engagement politisch bewusster und verantwortlicher Bürger. Dies ist das Element, das die tote von der lebendigen Demokratie unterscheidet.

Eine Vielzahl nationaler Bewegungen deuten schon den Weg an, auf dem die Zivilgesellschaft am effektivsten ihre demokratische Aufgabe im politischen Leben eines Landes spielen könnte. Von besonderem Interesse sind Bewegungen in Kanada, Chile, Indien und den Philippinen, die schon Allianzen geschmiedet haben zwischen tausenden von Organisationen, die Millionen von Menschen repräsentieren, die eine andere nationale Vision demokratischer, lebenszentrierter Gesellschaften artikulieren wollen. Von solchen Initiativen können wir viel lernen. Sie können uns zu einer neuen und wesentlich demokratischeren menschlichen Ära führen. Die Kräfte des "Empire" wollen, dass wir uns nur mit Shopping befassen, stumpfsinnig vor dem Fernseher sitzen und alle Botschaften absorbieren, die man uns präsentiert, dass wir alle paar Jahre unser Kreuzchen hinter die Namen von Kandidaten setzen, die uns, wir wissen nicht von wem, präsentiert werden. Das Empire blüht und gedeiht. Die Demokratie stirbt.

Selbst innerhalb der Zivilgesellschaft ist das Bewusstsein über den wesentlichen Charakter der Demokratie als aktive Praxis, als Lebensweise unterentwickelt. Wir haben vorher (vgl.den Gesamttext) auf die unglücklichen Erfahrungen mit der "People's Power" in Indien, den Philippinen, Osteuropa und Südafrika hingewiesen, wo die Zivilgesellschaft erstaunliche politische Siege errungen hat und respektierte Führer der Zivilgesellschaft in politische Schlüsselpositionen gewählt hat. In all diesen Fällen haben die Formationen der Zivilgesellschaft den Sieg erklärt und haben sich danach entweder aufgelöst, oder haben ihre Energien in andere, konventionelle Aufgaben der Gemeinwesenentwicklung und der Dienstleistungen gesteckt. Sie haben die Aufgabe aufgegeben, das zivile Engagement weiter zu mobilisieren und das neue politische System der Rechenschaft des Volkswillens zu unterwerfen. Die politische Partizipation starb und die Demokratie starb mit ihr, sobald die neuen Führer anfingen, den Machtimperativen des Systems zu gehorchen und anfingen, mehr oder weniger genau so zu handeln wie die Führer, an deren Stelle sie getreten waren.

Die Erfahrungen der deutschen Grünen stellen eine sehr lehrreiche Lektion dar. Die deutschen Grünen wurden als Ökologiebewegung eine sehr mächtige Kraft, die eine neue Weltanschauung, einen neuen Lebensstil und eine ausbalancierte Beziehung zur Umwelt artikulierte. Dann konstituierten sie sich als die Grüne Partei. Und dann bewegten sie sich weg von der Zivil-Bewegung einer (neuen) kulturellen, konsensschaffenden Sphäre hin zur formellen Ebene der Verhandlungen und Kompromisse der Politik im Wettbewerb um politische Ämter. Vielleicht war es unvermeidlich, dass Machtüberlegungen schließlich ihre Entscheidungsprozesse und ihre Wahl von politischen Positionen beherrschten. Anstatt dass sie versuchten, den formalen politischen Prozess hinter das Grüne Programm zu bringen, wurden die Grünen die Gefangenen der traditionellen Imperative des Systems. So verloren sie sowohl ihre Vitalität als auch einen großen Teil ihrer Anhänger an der Basis.

Hier liegt eine wichtige und kaum verstandene Lektion über Trennung der Funktionen zwischen der politischen, der ökonomischen und der zivilen Sphäre. Es gibt eine weitgehende, falsche Annahme, dass die politische Partizipation das exklusive Vorrecht der Institutionen der politischen Sphäre ist. Aber es gibt tatsächlich eine wesentliche Trennung zwischen den politischen Rollen zwischen der (formal) politischen und der zivilen Sphäre.

Die demokratische Funktion der politischen Sphäre besteht darin, die Werte und die Standards des vorherrschenden kulturellen Konsenses in Gesetzen und öffentlicher Politik durch Verhandlungen und Kompromisse zu kodifizieren und sie legal durchzusetzen, wenn die freiwillige Befolgung versagt und so eine Gefahr für die Interessen und die Wohlfahrt der Gemeinschaft darstellt. In einer Demokratie ist es daher nicht die Aufgabe des politischen Systems den kulturellen Konsensus zu schaffen oder zu führen, der den politischen Kontext bestimmt, sondern das Mögliche innerhalb der Grenzen des (gegebenen) Kontextes zu suchen.

Bürgerbeteiligung (Beteiligung aller BürgerInnen) an den Prozessen von Dialog und Konsensbildung ist das Herz und die Seele einer lebendigen Demokratie. Die Schaffung eines neuen, kulturellen Konsensus, der den politischen Kontext umdefiniert, um neue Möglichkeiten zu schaffen, ist die eigentliche Aufgabe der Zivilgesellschaft. Wenn die Zivilgesellschaft diese Rolle in bezug auf das ökonomische oder das politische System aufgibt, stirbt die Demokratie.

Wenn Politiker und Bürokraten ihre Zwangsgewalt missbrauchen, um hinter der Szene Führungsfunktionen zu übernehmen, die weg führen vom bestehenden politischen Konsens, nennen wir das Dikatatur. Wenn Wirtschaftsführer ihre ökonomische Macht missbrauchen, um Politiker zu kaufen, nennen wir das Korruption. Wenn Staat und Wirtschaftsführer sich zusammen schließen, um ein rechtslastiges, nationalistisches Programm (Empire) durchzusetzen, nennen wir es Faschismus. In all diesen Fällen hat die Demokratie versagt und der demokratische Prozess wurde verhindert. Nur wenn die Führung, die die öffentlichen Agenden bestimmt, aus der Zivilgesellschaft kommt, können wir das wirklich Demokratie nennen.

Wir haben das Recht, ja, sogar die Pflicht, unsere Regierung zur Rechenschaft zu ziehen, wenn sie den Willen des Volkes ignoriert. Jedoch, wenn wir die Regierung angreifen, weil sie keine Führerschaft zeigt in bezug auf das, was ein deutlicher kultureller Konsens ist, dann befinden wir uns im Widerspruch. Eine wirklich demokratische Regierung soll nicht führen. Sie soll der Führung des Volkes im Sinne „wir sind das Volk" gehorchen. Das kann sie aber nur tun, in dem Maße, in dem die Zivilgesellschaft ihre wesentliche Führungsrolle wahrnimmt.

Bei der Entwicklung dieser Führerschaft müssen wir uns des scharfen Kontrastes bewusst sein, der zwischen der Führerschaft fürs Empire und der für die Gemeinschaft besteht. Der imperiale Führer baut seine persönliche Macht dadurch auf, dass er seine Anhänger motiviert, sich seiner persönlichen Autorität, seinen Werten und Zielen zu unterwerfen. Die Führerschaft für die Gemeinschaft bedeutet einen Prozess der gegenseitigen Ermächtigung (empowerment) der jede Person ermutigt, seine Fähigkeiten zu erkennen und auszudrücken, zum Wohl des Ganzen und im Dienst der Werte, die alle als ihre eigenen verstehen.

In diesem Zusammenhang ist es wichtig zu betonen, dass die globale Zivilgesellschaft, die größte, internationalistischste, mächtigste Sozialbewegung der menschlichen Geschichte, nicht mit einem individuellen Führer oder einer Gruppe von Führern identifiziert werden kann. Die klarste Antwort auf die Frage, „Wer ist der Führer der globalen Zivilgesellschaft?" ist: „Jede Person". Die tiefste Kraft der globalen Zivilgesellschaft stammt aus der Tatsache, dass sie eine sich selbst-organisierende, sich gegenseitig ermächtigende Bewegung von Millionen von Führern ist. Sie führen auf verschiedene Weise und sie unterscheiden sich in bezug auf Reichweite und öffentliche Sichtbarkeit. Aber buchstäblich jede TeilnehmerIn trägt in verschiedener Weise zur Führerschaft des Ganzen bei.. Das Verständnis dieser Realität ist wichtig zum Verständnis der Natur dieses einmaligen sozialen Organismus und seiner entstehenden Rolle. Er ist nicht das Produkt irgendeines individuellen Führers oder einer Ideologie, sondern das Resultat eines heraufkommenden (neuen) Werte-Konsensus, der seine Kraft bezieht aus dem Erwachen der bisher noch nicht realisierten menschlichen Möglichkeiten. Diese Qualitäten mögen den Augenschein erwecken, dass der Organisationsprozess der globalen Zivilgesellschaft als chaotisch erscheint, aber sie sind auch seine eindeutige Stärke und sein Widerstand gegen Demagogie.

Die globale Zivilgesellschaft manifestiert eine bislang unbekannte menschliche Fähigkeit zur Selbstorganisation in einem planetarischen Maß, mit vorher nie da gewesener Inklusivität, (die alle umfasst) mit Respekt vor der Vielfalt, geteilter Führerschaft, individueller Initiative und einem tiefen Sinn der Verantwortlichkeit für das Ganze. Sie demonstriert eine vorher nie gekannte menschliche Fähigkeit zur Selbst-Regierung. Ihre rapid ansteigende Fähigkeit zum gegenseitigen Lernen, zur konsensualen Konvergenz und zum globalen Zusammenhang deutet auf die Qualitäten eines heraufkommenden, globalen Bewusstseins, eines globalen Gehirns hin. Es ist ein sozialer Organismus, der neu ist für die menschliche Erfahrung. Wir fangen erst an, seine Natur zu verstehen und noch viel weniger verstehen wir seine vollen Auswirkungen und sein Potential.

Auszug aus: „GLOBAL CIVIL SOCIETY: THE PATH AHEAD" von: David C.Korten, Nicanor Perlas, Vandana Shiva, (Discussion Peper, November 20 2002, Draft) Der Text erscheint in dem vom IFG herausgegebenen Buch: ALTERNATIVES TO ECONOMIC GLOBALISATION – Berrett-Koehler Publishers, 2002, San Francisco

Es ist zu bestellen unter www.bkconnection.com oder im Buchhandel, oder per Handy unter: 1-800-929-2929.

Übersetzung: Maria Mies

 

 

 

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