Vergesst Seattle! Unsere Minister machen schon
,was die Industrielobby will
Sonderbericht von der World Trade Organisation
Von: George Monbiot : The Guardian,Donnerstag den 16. Dezember 1999
Als die Verhandlungen �ber den Welthandel in Seattle zusammenbrachen,gaben die britschen
Minister zu verstehen, da� sie nie wieder den Versuch unternehmen w�rden, die Welt zur
Annahme von Regelungen zu zwingen, die demokratische Regierungen,Entwicklungsl�nder und
die menschliche Gesundheit bedrohten. Das ist bereits das dritte Mal, da� sie diese
Versprechung gemacht haben. Und zum dritten Mal haben sie sie bereits gebrochen.
Vor achtzehn Monaten, als das Multilaterale Abkommen �ber Investitionen (MAI) zum ersten
Mal scheiterte, versicherte uns die britische Regierung, da� sie ihre Lektion gelernt
habe. Der neue Vertrag, den sie gerade aushandelte, w�rde die Umwelt und die Interessen
der Dritten Welt sch�tzen. Als das sich als unwahr erwies und das Abkommen wieder
zusammenbrach, schworen die Minister, da� die Umwelt und Menschenrechte in jedem
zuk�nftigen Abkommen eine zentrale Rolle spielen w�rden. Innerhalb von vierzehn Tagen
kamen jedoch Dokumente ans Licht , die bewiesen, da� die europ�ischen Beamten schon
beschlossen hatten, die ganze MAI-Agenda in den n�chsten Welthandelsgipfel der WTO in
Seattle zu verschieben. Das haben sie dann gemacht, sind dabei vorgef�hrt und gespalten
worden und haben ihr Ziel verfehlt. Wiederum warteten sie kaum zwei Wochen ,ehe sie den
n�chsten Versuch unternahmen die Welteroberung der Konzerne voranzubringen. Auf dem
Helsinki Gipfel der europ�ischen F�hrer in der letzten Woche wurde damit begonnen, den
" Fall back Plan"(zur Erweiterung der EU, M.M.) zu implementieren
Die europ�ische Expansdion birgt verschiedene potentielle Vorteile f�r die L�nder, die
der EU beitreten wollen: Demokratisierung,Menschenrechte, und friedliche Beziehungen zu
den Nachbarn - aber das sind nicht die Hauptgr�nde f�r die Erweiterung. Die Expansion
der EU ist eins von zwei zentralen Projekten, die von einer nebelhaften (shadowy)
Lobbygrupp formuliert worden sind, die seit 15 Jahren die Politik in Br�ssel in eisernem
Griff hat.
Der European Round Table of Industrialists (ERT) ist eine Alliance der
Vorstandsvorsitzenden der gr��ten europ�ischen Unternehmen. Sein Ziel ist die
Formulierung von Politiken, die dann von der Europ�ischen Kommission (EK) angenommen
werden sollen.Der ERT war bis jetzt sehr erfolgreich. Das Einheitliche Europ�ische Gesetz
(Single European Act) wurde nicht von der EK erarbeitet sondern von Wisse Dekker, dem
Pr�sidenten von Philips und Vorsitzenden des ERT. Sein Vorschlag wurde zur Basis des von
der EK 1985verabschiedeten "white papers". Der ERT hat seitdem die
Implementierung dieses Gesetzes organisiert und gesteuert. Die EU-Erweiterungspl�ne ,
denen die europ�ischen Regierungsh�upter gerade zugestimmt haben, wurden von Percy
Barnvik entworfen, dem Chef der schwedischen Firma Investor AB und Vorsitzender der
ERT-Arbeitsgruppe.
Der Runde Tisch bestand nicht nur darauf, da� die EU erweitert w�rde, und zwar in genau
der Sequenz, die jetzt in Helsinki akzeptiert wurde, sondern auch, da� die neuen
Mitglieder gezwungen werden m��ten, ihre �konomien zu deregulieren und zu privatisieren
und da� sie massiv in die Infrastruktur investieren m��ten, um den Fernhandel zu
erleichtern. Die EU hat allen wesentlichen Forderungen des ERT zugestimmt. Bis Juni dieses
Jahres (1999) war der Britische Minister,Lord Simon, verantwortlich f�r die Zustimmung zu
diesen Forderungen. Ehe er Minister wurde, war Lord Simon Vize-Pr�sident des ERT.
Wir k�nnen die Gedankenwelt hinter all diesen Pl�nen (schemes) besser verstehen, wenn
wir wissen, was diese Lobby-Gruppe sonst noch gemacht hat. Auf Druck des ERT und anderer
Handelslobbies ist die EK seit 1995 dabei, einen einzigen Markt zwischen der EU und der
USA vorzubereiten.
Die Transatlantische Wirtschaftliche Partnerschaft (TEP) ist eine langsamere und subtilere
Kreatur als die Welthandelsorganisation (WTO) oder das MAI. Sie hat das Ziel, die
"Regulierungsbarrieren", die den freien Austausch von G�tern und
Dienstleistungen zwischen Europa und den USA noch behindern, St�ck um St�ck zu
beseitigen.Das bedeutet in der Praxis, da�, wenn einmal ein Produkt in einem Teil dieses
neuen Handelsblocks genehmigt ist,es �berall akzeptiert werden mu�.Wenn die
US-Regierung, z.B. entscheidet, da� es gesundheitlich sicher ist, K�he mit
Rinderwachstumshormonen zu injizieren, mu� Europa dies als Standard f�r seine
Gesundheitskontrolle akzeptieren.
Jetzt wird der Meisterplan hinter all diesem deutlich. Ein wesentlich erweitertes Europa
wird Teil dieses einen Handelsblocks mit USA,Kanada und Mexiko sein, deren M�rkte ja
schon durch NAFTA, das Nordamerikanische Handelsabkommen, zusammengeschlossen worden sind.
NAFTA wird seinerseits auch erweitert und soll S�damerika und die Karibik umschlie�en.
Der amerikanische Senat hat schon einem Gesetz zugestimmt (dem African Growth and
Opportunity Act) das die afrikanischen L�nder zwingt, NAFTA-�hnliche Terms of Trade zu
akzeptieren. Ru�land und die meisten asiatischen L�nder werden durch den Internationalen
W�hrungsfonds (IWF) auf Linie gebracht.
Es wird nicht lange dauern, bis nur noch eine kleine Minderheit von L�ndern sich
au�erhalb einer legal abgesicherten und harmonisierten neoliberalen Weltordnung befinden
werden. Und diese werden unter Druck stehen, ihr schnell beizutreten.Dann wird die Zeit
gekommen sein, das Welthandelsabkommen erneut zu verhandeln. Doch das wird irrelevant
sein, denn die Arbeit der WTO ist dann schon getan. Die Welt wird aus einem einzigen,
deregulierten Markt bestehen, der von den Multinationalen Konzernen kontrolliert wird, und
in dem kein wirksames Gesetz zum Schutz der Umwelt und der Menschenrechte mehr Bestand
haben wird.
Wie uns das bisherige Scheitern solcher Pl�ne gelehrt hat, k�nnen solche Szenarien nur
im Dunkeln �berleben.Wenn sie ans Licht gezerrt werden,schrumpfen sie zusammen und
sterben. Wenn dieser globale Meisterplan verhindert werden soll, m�ssen wir ihn ans Licht
bringen.