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Im Brennpunkt der Geschichte: Das II. Weltsozialforum in Porto Alegre Leo Gabriel Von au�en besehen gleicht Porto Alegre (zu deutsch: fr�hlicher Hafen) dem, was sein Name verspricht. Das bunte Treiben seiner ca. eine Million Einwohner viele von ihnen S�hne und T�chter von deutschst�mmigen Einwanderern vermischt sich einmal im Jahr mit dem Gewirr von Zehntausenden von Besuchern aus aller Welt. F�r den von der brasilianischen Arbeiterpartei PT regierten Bundesstaat Rio Grande do Sul ist das Weltsozialforum von Porto Alegre bereits zu einer Tradition geworden, die aus dem Stadtbild nicht wegzudenken ist, auch wenn es dieses Jahr vom 31. J�nner bis 5. Februar erst zum zweiten Mal stattgefunden hat. Rein quantitativ hat das II. Weltsozialforum das erste bei weitem �bertroffen: 51.300 Menschen sind aus insgesamt 131 L�ndern angereist, darunter 43 Prozent Frauen; 15.230 Delegierte von 4.909 Organisationen beteiligten sich an den �ber 700 Vortr�gen, Seminaren und Workshops, die innerhalb von vier Tagen in R�umlichkeiten in- und au�erhalb des weitl�ufigen Gel�ndes der katholischen Universit�t PUCA abgehalten wurden. Die Losung: "Hier ist eine andere Welt m�glich!" Und doch war das Weltsozialforum von Porto Alegre nicht blo� das "Woodstock der Linken", als das es in vielen internationalen Medien dargestellt wurde. Denn nicht nur die Massivit�t des Megaevents, sondern vor allem die dort vorgestellten tausendf�ltigen Inhalte, Vorschl�ge, Visionen und Utopien machten Porto Alegre zum historischen Ereignis an der Zeitenwende des 21. Jahrhunderts. Ob es nun tats�chlich am Beginn der Endzeit einer kapitalistischen Weltgesellschaft steht, wie es der US-amerikanische Soziologe Imanuel Wallerstein sieht, oder blo� die "sichtbare Fackel" eines weltweit sp�rbaren Generationenwechsels ist, wie der baskische Jesuit und Polittheoretiker Xabier Gorostiaga behauptet, wird die Zukunft zeigen. Fest steht jedenfalls schon jetzt, dass gerade weil dieses Treffen in einem der wenigen politischen Freir�ume, die es heute auf der Welt noch gibt, abgehalten werden konnte und von keiner wie immer auch gearteten ideologischen oder religi�sen Autorit�t vorherbestimmt wurde, der inneren Struktur der Diskussionen eine umso gr��ere Bedeutung zukam. Oder anders gesagt: "Die andere, m�gliche Welt", die noch im Vorjahr viele im Dunkeln tappen lie�, wurde heuer als tats�chlich m�glich erachtet und hat in den unz�hligen Gespr�chen in und am Rande des Weltsozialforums bereits konkrete Gestalt angenommen. Will man den letztendlich unm�glichen Versuch wagen, das diesj�hrige Weltsozialforum und damit die kollektiven Visionen seiner 50.000 TeilnehmerInnen thematisch zusammenzufassen, k�nnte sich daraus in etwa folgendes Bild ergeben, das sich aus drei "optischen Achsen" (wie die Kameraleute sagen w�rden) zusammensetzt: 1. Achse Solidar�konomie: die Netzwerke einer alternativen Weltwirtschaftsordnung Dieser Themenkomplex, mit dem sich Hunderte Menschen (insgesamt vielleicht ein paar Tausend) w�hrend der gesamten Arbeitszeit des Forums auseinandersetzten, bildete gewisserma�en die Basis der gesamtgesellschaftlichen Reflexion. Insbesonders vor dem Hintergrund des wirtschaftlichen Zusammenbruchs in Argentinien gingen die VertreterInnen von Produktions- und Konsumgenossenschaften, Tauschvereinen und sonstigen Assoziationen, die sich in den letzten Jahren vor allem in den L�ndern des S�dens und Ostens herausgebildet haben, der Frage nach, ob und wie sich die bestehenden Netzwerke zu einem gesamtgesellschaftlichen Gef�ge derart verdichten k�nnten, dass sich daraus eine gangbare Alternative zu der in sich kollabierenden Welt(un-)ordnung der transnationalen Unternehmen entwickeln w�rde. Sowohl der brasilianische Befreiungsphilosoph Euclides Mance als auch der prominente Wirtschaftswissenschaftler Marcos Arruda gaben sich diesbez�glich optimistisch: "Die durch die Abwanderung bzw. Schlie�ung der Gro�betriebe freigesetzten Arbei-terInnen schlie�en sich entweder sofort den bestehenden Netzwerken an oder gr�nden neue. �ber das Internet informieren sie sich dann ziemlich rasch, wie sie sich mit den Konsumgenossenschaften in ihrem Gebiet verbinden k�nnen. Ein gewisses Problem besteht noch darin, dass es zu viele Produktionsgenossenschaften und zu wenige Konsumvereine gibt." Noch scheint die Zeit allerdings nicht gekommen zu sein, um an einen Boykott der Transnationalen denken zu k�nnen, meinen die Alternativ�konomen, wenngleich sie feststellen, dass die gemeinschaftliche Ethik, die u.a. auch von �kologischen Erw�gungen getragen ist, auch das kollektive Kaufverhalten bestimmt. 2. Achse Partizipative versus repr�sentative Demokratie: eine falsche Dichotomie? "Es gibt keine soziale Gerechtigkeit ohne Demokratie und es gibt keine Demokratie ohne soziale Gerechtigkeit" war einer der meistgeh�rten S�tze in Porto Alegre. �bereinstimmend wurde festgestellt, dass den sozialen Bewegungen eine tragende Rolle bei der Entwicklung einer partizipativen Demokratie zukommt. Dar�ber, welche politische Struktur sich aus dem partizipatorischen Ansatz entwickeln k�nnte, bestanden nicht unbetr�chtliche Meinungsverschiedenheiten. Im Seminar �ber Soziale Bewegungen etwa krachten die chilenische marxistische Theoretikerin Marta Harnecker mit ihrer Forderung nach einer strukturellen Einheit ("viele Minderheiten machen noch keine Mehrheit") und die zapatistische Nachdenkerin Maria Esther Cece�o ("was wir brauchen, ist kein Programm, sondern eine gemeinsame Methode") aneinander. Auch das Weltsozialforum selbst spiegelte diese Debatte in einer Gr��enordnung wider, die sich kaum jemand zuvor erwartet hatte. Bereits im Vorfeld (vom 28. bis 30. J�nner) hatte das sogenannte Lokale Gemeindeforum (Forum de Autoridades Locais pela Inclus�o Social) stattgefunden, an dem die B�rgermeister von Buenos Aires, Paris, Rom, S�o Paulo, Br�ssel, Budapest und nat�rlich auch der von Porto Alegre selbst aufgetreten waren. Letzterem wurde nicht nur deshalb besonders stark applaudiert, weil er der Gastgeber war, sondern auch, weil die sogenannte "partizipative Budgeterstellung" (ein auf Bezirksversammlungen basierender Entscheidungsprozess) inzwischen auch in anderen Weltst�dten Nachahmung gefunden hat. Ebenso wie beim Forum der Parlamentarier waren die Reden allerdings weitaus radikaler als die gemeinsame Schlusserkl�rung. Die schlauen Abgeordneten brachten es sogar fertig, zwei Schlusserkl�rungen eine gem��igte und eine radikalere zu verabschieden, weil sie sich nicht einigen konnten. Vor diesem Hintergrund erregte sorgte auch die Anwesenheit von Ministern aus Frankreich f�r den �ffentlichen Unmut der TeilnehmerInnen, die ihnen vorwarfen, ihr Auftreten in Porto Alegre f�r ihre pers�nliche Wahlpropaganda missbrauchen zu wollen. Der belgische Ministerpr�sident, dem von den Veranstaltern bereits vorher mitgeteilt worden war, er d�rfe keine �ffentlichen Reden halten, entschloss sich noch rechtzeitig, seinen Flug nach Porto Alegre zu stornieren. Den mehr oder minder gescheiterten Versuchen der PolitikerInnen, die Trib�ne zu nutzen, um sich selbst ins Rampenlicht zu r�cken, standen die zivilgesellschaftlichen Initiativen verschiedener NGOs (z.B. eine Initiative des nicaraguanischen Soziologen Alejandro Benda�a zur Bek�mpfung der "Korrupten und der Korrumpierer") und vor allem die sozialen Bewegungen gegen�ber. Allabendlich setzten sich �ber hundert Repr�sentantInnen der weltweit wichtigsten sozialen Bewegungen zusammen, um ein gemeinsames Schlussdokument auszuarbeiten (siehe unten), das auch einen genauen Aktionsplan f�r die Mobilisierungen in diesem Jahr enth�lt. 3. Achse Globaler Friede: eine Grundforderung aller GlobalisierungskritikerInnen Obwohl die Diskussionen, die auf den verschiedensten Ebenen gleichzeitig liefen, eine starke inhaltliche Kontinuit�t zum Ersten Weltsozialforum im vergangenen Jahr aufwiesen, standen sie doch im Schatten der kriegerischen Ereignisse nicht nur in Afghanistan und Pal�stina, sondern auch in Kolumbien und auf den Philippinen. Unvergesslich bleibt der spontane Wutausbruch, der die TeilnehmerInnen an der Abschlussversammlung der sozialen Bewegungen befiel, die gerade das Schlussdokument ("Widerstand gegen den Neoliberalismus, den Militarismus und den Krieg: f�r den Frieden und die soziale Gerechtigkeit") verabschiedeten, als die Nachricht von den Bombardierungen im Irak eintraf; eindrucksvoll aber auch die Stille im Saal, als Noam Chomsky den denkw�rdigen Satz aussprach: "Entweder es wird eine Menschheit ohne Krieg geben, oder es wird keine Menschheit geben." F�r die meisten waren der Widerstand gegen den Krieg, zu dem aufgerufen wurde, und der Widerstand gegen die (neoliberale) Globalisierung nur zwei Seiten derselben Medaille. Vittorio Agnolotti vom Genua-Sozialforum etwa brachte die Sache auf den Punkt: "Wir sind ein und dieselbe Bewegung: Unser Kampf ist gegen den Neoliberalismus u n d gegen den Krieg." Dass die st�rkste Waffe sowohl gegen den Krieg als auch gegen den Neoliberalismus die Mobilisierung der �konomischen Netzwerke, der Menschenrechtsorganisationen, der radikalen Linksparteien, der Bauern- und Landlosenorganisationen etc. ist, kam sowohl bei der Friedensdemonstration am Beginn als auch bei der Demonstration gegen die von der Bush-Regierung vorangetriebene ALCA (Alianza para el Libre Comercio de las Am�ricas Allianz f�r den Freihandel in Amerika) zum Ausdruck. An die 40.000 Menschen str�mten durch die Stra�en von Porto Alegre; und selbst denen, die nicht direkt daran teilnahmen, sah man an, dass sie richtig stolz darauf waren, dass ihre Stadt pl�tzlich ins Rampenlicht der Geschichte ger�ckt ist. "Wir haben w�hrend der Milit�rdiktatur zwanzig Jahre unserer Geschichte vers�umt", sagte ein K�nstler am Stra�enrand, "jetzt haben wir sie wieder eingeholt". Leo Gabriel ist Leiter des Ludwig-Boltzmann-Instituts f�r zeitgen�ssische Lateinamerikaforschung.
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