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Warum der Keynesianismus scheiterte Ist er eine Alternative zum Neoliberalismus? von Saral Sarkar In den 1960er Jahren h�rten wir, die Frage Kapitalismus oder Sozialismus?" sei irrelevant geworden. Dank dem Keynesianismus gebe es im Kapitalismus keine Wirtschaftskrisen mehr. Alle waren Keynesianer. Seit Mitte der 70er Jahre h�ren wir aber, der Keynesianismus funktioniere nicht mehr. 1986 wehklagte Will Hutton, ein Keynesianer: Der Keynesianismus wird heutzutage von vielen als gleichsam die Wurzel aller wirtschaftlichen �bel angesehen"(Hutton 2001: 140). Die sogenannte Konterrevolution" von Reagan, Thatcher, Milton Friedman und seinen Chicago boys" war in vollem Gang. Mitte der 90r Jahre waren alle Wirtschaftspolitiker der Welt und fast alle �konomen Anh�nger der neoliberalen Wirtschaftspolitik und Theorie. Doch der Wind scheint sich allm�hlich wieder zu drehen. Nicht l�nger nur Gewerkschafter und linke Sozialdemokraten, sondern auch manche bis vor kurzem neutral gewesenen Wirtschaftspolitiker und -wissenschaftler weltweit denken angesichts der Finanz- und Wirtschaftskrisen der 90er Jahre und der gegenw�rtigen Rezession bzw. Stagnation in mehreren Industriel�ndern wieder an die Politikempfehlungen von Keynes. Bei einer von der ILO (das Internationale Arbeitsamt der UNO) organisierten Podiumsdiskussion zum Beispiel traten mehrere solcher Wirtschaftspolitiker und -wissenschaftler darunter auch Nobelpreistr�ger Joseph Stiglitz, der ehemalige Chef�konom der Weltbank f�r eine expansive Fiskal- und Finanzpolitik ein, um Konsum und Investition zu stimulieren (IHT vom 7.11.2001). In manchen L�ndern leistet der Staat schon Krisenhilfen, in den USA wird ein Konjunkturprogramm geschn�rt. Man redet von staatlichen Kontrollen der Finanzm�rkte. In unserer Bewegung gegen neoliberale Globalisierung ist der Keynesianismus eindeutig die dominante allgemeine Denkrichtung. Im Manifest 2002" des Attac-Frankreich liest man z.B.: Der Gedanke, dass Vollbesch�ftigung eine r�ckw�rtsgewandte oder gef�hrliche Utopie darstellt, weil sie die Inflation anheize, ist nichts anderes als das Feigenblatt eines konservativen Diskurses, der die wahren Interessen der Wirtschaft verdeckt, die jegliche �nderung der Einkommensverteilung verhindern will."(Attac-Frankreich 2002: 10) Attac-Frankreich fordert offen eine Politik der R�ckkehr zur Vollbesch�ftigung". Auch im Attac-Deutschland wird haupts�chlich so gedacht. Auf einem Plenum des Attac-K�ln h�rte ich ein gl�hendes, explizites Pl�doyer f�r einen globalen Keynesianismus." �berwindung der Arbeitslosigkeit ist ein hehres Ziel Doch wir sollen es uns nicht so leicht machen. Bevor wir versuchen, den Keynesianismus wiederzubeleben, m�ssen wir eine �berzeugende Erkl�rung f�r sein Scheitern geben k�nnen.
I. Die simple Erkl�rung und die konkrete wirtschaftliche Wie leicht wir es uns machen, kann man im Text eines Vortrags von Susan George aus dem Jahre 1999 lesen. Sie meinte, die Neoliberalen h�tten ihren Erfolg erkauft und bezahlt". Sie h�tten eine ideologische Kadertruppe aufgebaut", die es wusste, ihre Ideen und Doktrinen zu entwickeln, zu verpacken und unerbittlich f�r sie die Werbetrommel zu r�hren". Durch eine brilliante" ideologische und Propaganda-Arbeit" sei es ihnen gelungen, die kulturelle Hegemonie zu erringen (George 1999: 5). Das klingt nach einer Verschw�rungstheorie. Nicht nur Lehrbuchautoren und Marxisten, sondern auch andere Keynesianer haben �berzeugendere Erkl�rungen gegeben.
Stagflation Was dem Keynesianismus quasi urpl�tzlich den Todessto� gab, war ein bis dahin ganz unbekanntes volkswirtschaftliches Ph�nomen: Stagflation", d.h. gleichzeitige Stagnation und Inflation. Eigentlich h�tte nach der alten Volkswirtschaftslehre eine Inflation von einem konjunkturellen Aufschwung begleitet werden m�ssen. Keynes selbst hatte eine moderate Inflation als Teil seines Empfehlungenpakets gegen Rezession bzw. Depression und f�r Vollbesch�ftigung betrachtet. Auch Arbeitgeber hatten den Rat akzeptiert, sich den Lohnforderungen der Arbeitnehmer nicht zu sehr zu widersetzen. Denn, so war das Versprechen, im Rahmen eines Aufschwungs und/oder kontinuierlichen Wachstums k�nnten sie durch Preiserh�hungen ihre Profitmargen leicht gegen Lohnerh�hungen verteidigen. Au�erdem k�nne man eine Reallohnsenkung nur durch Inflation erreichen. Diese keynesianische Inflationsstrategie erlitt einen Schiffbruch in der Stagflation der Mitte der 70er Jahre und in den Jahren danach. Die Inflation geriet au�er Kontrolle und der Aufschwung des vorhergegangenen Vierteljahrhunderts endete in einer Stagnation. Die Inflation h�tte [nach Keynes] mit restriktiven und die stagnationsbedingte Arbeitslosigkeit mit expansiven Ma�nahmen bek�mpft werden m�ssen ein unl�sbares Dilemma" (Willke 2002: 164). Es ist nicht, als ob Arbeitnehmer nur unter Arbeitslosigkeit leiden. Sie, mehr als die Rentier, die Keynes ignorieren wollte, leiden auch unter Inflation. So ist vorstellbar, dass auch Arbeitnehmer die neoliberale Politik des Vorrangs der Inflationsbek�mpfung guthie�en. In dieser total neuen Situation wurden auch Keynesianer aller �berzeugungsgrade verunsichert. Prof. Paul Samuelson, ein Mann der Mitte, schrieb 1974: �konomen sind heute konservativer als zehn Jahre zuvor, weil sie gesehen haben, wie sich ihre schlimmste Bef�rchtung durch Einmischungen in das Marktsystem bewahrheitet haben"(zitiert nach Morris 1974: 4). Sie konnten die Keynessche Lehre nicht mehr mit �berzeugung vertreten. Dieser Bericht stimmt mit John Grays Ausf�hrungen �ber die Wende von keynesianischer, sozialdemokratischer Wirtschaftspolitik zur neoliberalen in Gro�britannien und Neuseeland �berein. Gray, ein vehementer Kritiker der neoliberalen Globalisierung, berichtet, dass es in Gro�britannien eine Labour-Regierung war, die 1976 erkl�rte, dass die Verfolgung der Politik der Vollbesch�ftigung mittels keynesianischer Instrumentarien der Wirtschaftslenkung nicht l�nger machbar" war (Gray 1999: 24). Sie erkl�rte dies infolge einiger vom IWF auferlegter (nicht genau genannter) imperativer Bedingungen. Die abnehmende Produktivit�t sowie soziale Konflikte und Arbeitsk�mpfe im britischen Korporatismus waren die Katalysatoren f�r die Intervention des IWF in das Management der britischen Wirtschaft im Jahre 1976. Diese Intervention war der Beginn der schnellen Aufl�sung vom keynesianischen wirtschaftspolitischen Konsens im Nachkriegsbritannien, die 1979 in Margaret Thatchers Macht�bernahme gipfelte" (ebenda: 16). Und es war eine LabourRegierung, nicht Margaret Thatcher, die die erste Privatisierung in Gro�britannien unternahm (ebenda: 27). In den fr�hen 80er Jahren war es nicht unbegr�ndet zu f�rchten, dass Neuseeland seinen Status, eine Wirtschaft der Ersten Welt zu sein, verlieren k�nnte" ein Ergebnis des sich beschleunigenden, relativen wirtschaftlichen Niedergangs." Wie in anderen L�ndern, schien neoliberales Denken unwiderstehliche radikale L�sungen f�r wirtschaftliche Probleme zu bieten, die nicht viel l�nger unbehandelt bleiben konnte." Und wie in Gro�britannien, so auch in Neuseeland waren es Labour-Regierungen, die es in der Periode 1984-1990 unternahmen, Neuseelands Erbe als eine egalit�re, soziale Demokratie und eine sozialen Zusammenhalt sichernde, keynesianisch gemanagte Wirtschaft" auszumerzen. Die Arbeit wurde von der [konservativen] National Party nur vollendet (ebenda: 39-40). In bezug auf Gro�britannien schreibt Gray: In einer Hinsicht war die Politik von Thatcher ein Versuch, der britischen Wirtschaft eine dringend notwendige Modernisierung aufzuzwingen ... . In seiner anf�nglichen Politikagenda war [dem Thatcherismus] nichts wichtiger als die Reform der Gewerkschaften. Thatcher verstand, dass der britische Korporatismus die dreieckige Koordinierung der Wirtschaftspolitik durch die Regierung, die Arbeitgeber und die Gewerkschaften eher ein Motor von Arbeits- und Verteilungsk�mpfen geworden war als ein Instrument f�r die Schaffung von Reichtum oder ein Garant des sozialen Zusammenhalts." (ebenda: 24-25) In bezug auf Neuseeland schreibt Gray: Im streng �konomischen Sinne erreichte das neoliberale Experiment viele seiner Ziele. Es erzwang eine Umstrukturierung der Wirtschaft, die auf jeden Fall notwendig geworden w�re, obgleich sie auch ohne einige der von der neoliberalen Politik aufgeb�rdeten sozialen Kosten h�tte erreicht werden k�nnen." (ebenda, 44) Dass die Inflation der Hauptgrund f�r das Scheitern des Keynesianismus war, wird von den folgenden Zahlen belegt: 1977 war die Inflationsrate in Chile 300 Prozent, 1980 war sie in Gro�britannien 22 Prozent und im selben Jahr war sie in den USA 12,5 Prozent (Koesters 1985: 299-300). Und, wie gesagt, wurde sie von Stagnation der Produktion begleitet. Das waren gerade die L�nder, in denen die neoliberale Konterrevolution in Praxis begann. Die neoliberale Politik in diesen L�ndern war nach der Priorit�t der Neoliberalen zu beurteilen recht erfolgreich. Bis 1982 fiel die Inflationsrate in Chile auf 4,2 Prozent, in Gro�britannien auf 9 Prozent und in den USA auf 6,7 Prozent. Nach der Priorit�t der Arbeitnehmer zu beurteilen, hatte sie aber katastrophale Folgen. In den genannten Zeitr�umen sank die Produktion in Chile um 16 Prozent und in Gro�britannien um 15 Prozent; �ber die USA hei�t es, dass da die Wachstumsrate rapide abnahm. Was die Arbeitslosigkeit betrifft, stieg sie in den genannten Zeitr�umen in Gro�britannien um 13 Prozent und in den USA um 9,5 Prozent. 1982 betrug sie in Chile 20 Prozent (ebenda).
II. Andere Gr�nde Zur Verteidigung des Keynesianismus hat man behauptet, dass die Politiker ihn falsch angewandt, ja gar missbraucht h�tten. Die keynesianische antizyklische Politik bedeute, dass der Staat zur Bek�mpfung einer Rezession Defizitwirtschaft betreiben solle, in der Aufschwungsphase solle er aber �bersch�sse erwirtschaften, um die in der Rezessionsphase gemachten Schulden tilgen zu k�nnen. Dies sei aber in den Aufschwungsphasen nie geschehen. Im Gegenteil, im Goldenen Zeitalter" des praktizierten Keynesianismus habe die Finanzpolitik des Staates eine expansive Neigung bekommen. Das sei der Grund f�r die unertr�glich hohen akkumulierten Staatsschulden und hohe Inflationsraten gewesen (vgl. Hutton 2001: 184). Eine tiefer gehende Erkl�rung des Scheiterns des Keynesianismus, die von Eckhard Hein, beginnt mit der Darstellung der Bedingungen, die in dem Goldenen Zeitalter" des Keynesianismus den 25 Jahre w�hrenden Aufschwung beg�nstigte: Erstens sei da der nationale Verteilungskonsens gewesen, in dessen Rahmen die Kapitalseite kontinuierlich ansteigende Reall�hne und den Ausbau des Sozialstaates akzeptiert habe. Dies sei ihr durch hohe Produktivit�tszuwachsraten leichter gemacht worden. Das keynesianische Prinzip Wachstum durch St�rkung der effektiven Nachfrage habe also der Kapitalseite kein Problem bereitet. Zweitens habe das hegemoniale Weltw�hrungssystem von damals mit dem US-Dollar als unbestrittener Leitw�hrung f�r stabile Wechselkurse gesorgt, was wiederum das Unsicherheitsniveau auf internationalen Kapitalm�rkten sowie f�r grenz�berschreitende G�terstr�me und Investitionen verringert habe (Hein 1998: 827). Diese beiden wesentlichen Elemente ... des Golden Ages erodierten zu Beginn der 70er Jahre. Bei abnehmenden Zuwachsraten der Arbeitsproduktivit�t und dem Erreichen von Vollbesch�ftigung in der zweiten H�lfte der 60er Jahre eskalierten die Verteilungskonflikte. Ein deutlicher Anstieg der Arbeitseinkommensquote bei gleichzeitig steigenden Inflationsraten [Lohn-Preis-Spirale] waren die Folge. Dies hatte einerseits einen negativen Einfluss auf die private Investitionst�tigkeit, die [nun] ... zunehmend mehr durch die (Lohn)Kostenentwicklung bestimmt wurde. Andererseits bedeuteten die hohen und steigenden Inflationsraten eine Gef�hrdung f�r die Verm�genssicherungsqualit�t [Geldwertstabilit�t] der nationalen W�hrung und f�r das Geldsystem. Hierdurch war die Geldpolitik gefordert, mit einer restriktiven Politik f�r Preisniveau- und insbesondere Wechselkursstabilit�t zu sorgen. Dies insbesondere deshalb, weil zu Beginn der 70er Jahre auch das zweite zentrale Element des Golden Ages erodierte, das [die Wechselkursstabilit�t sichernde] hegemoniale W�hrungssystem", das 1971 kollabierte." (ebenda) Zu diesem Punkt werde ich im n�chsten Abschnitt zur�ckkommen.
III. Kann und soll der Keynesianismus wiederbelebt werden? K�nnen die alten keynesianischen Rezepte heute wieder angewandt werden? Und wenn ja, sollten sie? Gibt es nicht neue, �berzeugendere Analysen der Probleme und neue L�sungen? Doch beginnen wir mit einer kritischen Betrachtung der Berichte, Erkl�rungen und Positionen der Autoren, die ich oben zitiert habe.
Die Schuldenwirtschaft / Inflation Keynesianer beklagen heute die tr�ge Eigenschaft von �ffentlichen Ausgaben" und die Tatsache, dass sie eine eingebaute steigende Tendenz haben", die zu steigenden Staatsschulden f�hren (Hutton 2001: 214). Aber bei Keynesianern ist das nicht verst�ndlich. Die Erfahrung der Periode 1945-1973, des Goldenen Zeitalters" des Keynesianismus, ist doch ein Beleg daf�r, dass Schulden-Machen zur Prosperit�t f�hrt. In einem Artikel mit dem Titel Die Schuldenwirtschaft", der 1974, also im ersten Jahr der Stagflation, erschien, schrieb die renommierte US-amerikanische Zeitschrift Business Week : Die US-Wirtschaft steht auf dem Gipfel eines Schuldenbergs, der 2,5 Billionen Dollar hoch ist ein Berg, der mit all den Autos und H�usern, all den Fabriken und Maschinen gebaut worden ist, die die unserige zur gr��ten und reichsten Wirtschaft in der Weltgeschichte gemacht haben. ... Um den drei Jahrzehnte langen Wirtschaftsboom nach dem Kriegsende zu treiben und ihn ins Ausland zu exportieren, hat diese Nation [der Staat, private Personen und Firmen] 200 Millionen Dollar pro Tag geliehen, jeden Tag seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs." (zit. nach: die Redakteure von Monthly Review 1975: 6) Mit einer Ausnahme forderten im Jahre 2001 die Teilnehmer der oben erw�hnten, von der ILO organisierten Podiumsdiskussion die Regierungen der Industriel�nder auf, mehr �ffentliche Investitionen zu machen nat�rlich auf Schuldenbasis und die Zinsen zu senken, um die Privathaushalte und Firmen zu ermuntern, zwecks mehr Konsum und mehr Investition mehr Schulden zu machen. Doch der Autor des Business-Week-Artikels sah damals �berall Zeichen von Spannung", und er bemerkte: Nie zuvor war die Schuldenwirtschaft so verwundbar, mit einer besorgniserregenden Zahl von Schuldnern und Gl�ubigern" (ebenda: 6-7).
Globalisierung Nehmen wir einmal an, dass die gerade erw�hnte Besorgnis und die allgemeine Kritik am Keynesianismus unbegr�ndet sind. H�tte er Aussicht auf Erfolg, wenn er in der heutigen, neoliberal gepr�gten und globalisierten Weltwirtschaft angewandt w�rde? Selbst wenn heute eine Regierung eine Defizitwirtschaft betreibt und/oder die Zinsen und Steuern senkt (oder senken l�sst) in der Hoffnung, die effektive Nachfrage w�rde steigen , kann man nicht sicher sein, dass deren Multiplikatoreffekt im Lande selbst neue Arbeitspl�tze schaffen w�rde. Das theoretische Geb�ude der Keynesschen neue �konomik beruht auf einer theoretischen geschlossenen Wirtschaft. Heute aber k�nnen die Unternehmer �berall in der Welt investieren, und in der Tat werden Berechnungen bez�glich realer Investitionen in der Regel auf globaler Ebene gemacht. Auch die Verbraucher k�nnen ihre Konsumw�nsche durch ausl�ndische Produkte befriedigen. Im Zeitalter der Globalisierung reicht die Macht einer Regierung nur bis an die Staatsgrenze, und nicht einmal das stimmt ganz. Hutton empfahl dem Staat aktives Management, der Staat sollte den Zugang zum nationalen Markt von der Gegenleistung abh�ngig machen, dass im Lande selbst investiert wird (Hutton 2001: 177, 185). Jeder, der die Vertr�ge und die geschriebenen oder ungeschriebenen Spielregeln der heutigen, neoliberal gepr�gten und globalisierten Weltwirtschaft kennt (WTO, NAFTA, IWF usw.), m�sste wissen, dass das, was Hutton hier empfiehlt, nahezu unm�glich ist, es sei denn, dass ein Staat entschlossen ist, die neoliberale Globalisierung zu bek�mpfen. Unter Hinweis auf Gro�britanniens und Neuseelands Abh�ngigkeit vom globalen Kapitalmarkt und ausl�ndischen Investitionen meinte John Gray 1998, dass die dort durch neoliberale Globalisierung bewirkten Ver�nderungen irreversibel geworden seien. In Bezug auf Neuseeland schrieb er: ... die Umstrukturierung der Wirtschaft Neuseelands, die sie unreguliertem Kapitalfluss �ffnete, verlieh transnationalem Kapital ein de facto Vetorecht �ber Staatspolitik. Immer wenn sie als sch�dlich f�r die Wettbewerbsf�higkeit, Profite und wirtschaftliche Stabilit�t wahrgenommen werden k�nnte, k�nnte sie mittels der Drohung der Kapitalflucht vereitelt werden. ... Die sozialdemokratischen Ziele der fr�heren Perioden der Staatspolitik ... wurden so als Optionen der demokratischen Praxis beseitigt." (Gray 1999: 43) Die sozialen und politischen Ordnungen, die der Sieg der neoliberalen Politik zerst�rt hat die Beveridge-Ordnung" in Gro�britannien (gemeint ist der Wohlfahrtsstaat) und das Rooseveltsche New Deal in den USA k�nnen nach Gray nicht mehr wiederhergestellt werden. Jene, die denken, dass eine R�ckkehr zur normalen Politik von Wirtschaftsmanagement der Nachkriegsjahre m�glich ist, t�uschen sich selbst und andere" (ebenda: 19). Gray scheint resigniert zu haben, obwohl er die Wiedererfindung des freien Marktes und das Projekt, ihn in der ganzen Welt durchzusetzen, in sch�rfsten Worten gei�elt. F�r diejenigen, die nicht resigniert haben, haben seine oben zitierten Worte dennoch den Wert, dass sie ihnen klarmachen, dass eine einfache R�ckkehr zur heilen keynesianischen Wohlfahrtswelt nicht mehr m�glich ist. Anders als Gray hat der Neo-Keynesianer Hutton nicht resigniert. Er hat die Schwierigkeiten erkannt, die die neoliberale Globalisierung einem Versuch bereitet, den Keynesianismus wiederzubeleben. In einer im Jahre 2000 f�r die zweite Auflage seines Buches geschriebenen Einleitung fragt er sich, was Keynes, w�rde er heute noch leben, den Staatsm�nnern der Welt raten w�rde. In der Form der Antwort darauf entwirft er so zu sagen seine Vision eines globalen Keynesianismus. Die Welt m�sse eine neue Finanzarchitektur entwickeln, in der kurzfristige Kapitalfl�sse begrenzt w�ren. Oder, w�rden letztere in ihrem gegenw�rtigen Ausma� fortgesetzt, dann sollten die internationalen Finanzinstitutionen mehr Kapazit�t haben, als Kreditgeber letzter Hand denjenigen L�ndern beizustehen, die unter destabilisierender Kapitalflucht leiden w�rden. Es m�sse zudem sehr viel aggressivere internationale Finanzregeln geben. Um das alles zu erm�glichen, m�ssten neue internationale Beh�rden geschaffen werden. Globalisierung erfordere global governance, zumindest global economic governance (ein globales Wirtschaftsregime). Offenbar untersch�tzen Hutton und seinesgleichen die Schwierigkeiten, die einem solchen Projekt im Wege st�nden. Die Bereitschaft zur Kooperation und ein bi�chen Sinn f�r Solidarit�t unter den Vertretern der Staaten sind unabdingbare Voraussetzungen f�r den Erfolg eines Projekts globaler Keynesianismus (und globaler Wohlfahrtsstaat). Beides ist aber Mangelware in internationalen Wirtschaftsbeziehungen. Der IWF war am Anfang so ein Kreditgeber letzter Hand und die Weltbank sollte den Entwicklungsl�ndern helfen. Was aus diesen zwei internationalen Finanzinstitutionen und dem GATT geworden ist, braucht hier nicht erz�hlt zu werden. Gegenw�rtig werden sogar unter den Industriel�ndern Handelskriege gef�hrt wegen Bananen, Stahl usw. Wegen Fischfangsrechte auf Weltmeeren kam es vor ein paar Jahren sogar zum Einsatz von Kriegsmarine (Kanada gegen Spanien, denke ich). Und es herrscht Standortkonkurrenz unter den Staaten. Es gen�gt nicht mehr, dass potentiellen Investoren langfristige Kredite zu g�nstigen Bedingungen und/oder Steuererm��igungen gew�hrt werden. Selbst bereits hoch industrialisierte L�nder m�ssen ihnen �ppige Subventionen anbieten, um sie ins Land zu locken. Das alles liegt am Wesen des Kapitalismus. Keynes hatte ihn aber akzeptiert. Er wollte nur, wie Hutton selbst feststellt, den Kapitalismus vor sich selbst retten, ihn bewahren und zu einer h�heren Stufe bringen" (Hutton 2001: xiii). Und wir wissen, dass der Keynesianismus nach anf�nglichem Erfolg gescheitert ist. Das zeitliche Zusammenfallen des Beginns der j�ngsten Phase der Globalisierung, die alles �berrollt, und der Wende zur brutalen neoliberalen Politik in Gro�britannien, den USA und Neuseeland ist auff�llig. Die Globalisierung wirkte als der Katalysator f�r diese Wende, und sie bleibt die gr��te und schwierigste H�rde f�r jeden Versuch, den Keynesianismus wiederzubeleben. Es besteht ein grunds�tzlicher Widerspruch zwischen einer globalisierten Weltwirtschaft und der keynesianischen Politik, die einen starken, tats�chlich souver�nen und sozial engagierten Staat voraussetzt. Keynes war ein Realist. So w�rde er heute auch die Globalisierung als eine Realit�t hinnehmen und versuchen, sie zu verbessern. Aber er w�rde den genannten Widerspruch nicht leugnen. Seine wahre wirtschaftspolitische Vision stellte er knapp in dem folgenden sehr bekannten Zitat dar: Ich sympathisiere ... eher mit denen, die die wirtschaftliche Verflechtung zwischen Nationen minimieren wollen, als mit denen, die sie maximieren wollen. Ideen, Wissen, Kunst, Gastfreundschaft, Reisen das sind Dinge, die ihrer Natur nach international sein sollten, aber lasst G�ter in der Heimat herstellen, wenn immer es sinnvoll und praktisch m�glich ist, und vor allem lasst die Finanzen in erster Linie nationale sein. ... Ich bin nicht �berzeugt, dass die wirtschaftlichen Erfolge der internationalen Arbeitsteilung heute noch irgendwie mit den fr�heren vergleichbar sind." (zit. nach Daly u. Cobb Jr. 1990: 209 und Loske et al. 1996: 172) Das sollte uns zur Feststellung von zwei Widerspr�chen f�hren: Erstens, die Globalisierung der Weltwirtschaft ist das unvermeidliche und logische Resultat der Wachstumsdynamik des Kapitalismus. Im Laufe der Zeit wurde in den erfolgreichen Industriel�ndern die Gesamtmasse des akkumulierten Kapitals so gro�, dass deren optimale Verwertung unbedingt die �berschreitung der engen, eigenen nationalen Grenzen und die Sprengung der Macht der fremden (National)Staaten mit Hilfe des eigenen Nationalstaates erforderlich machte. Das musste in der Vergangenheit zum offenen Imperialismus f�hren, und heute f�hrt das unweigerlich zur Globalisierung, einer schlecht verdeckten Form vom Imperialismus. Keine nationale Wirtschaft in der Ersten Welt ist in der Lage, dem gesamten nationalen Kapital innerhalb der nationalen Grenzen die optimalen Verwertungsbedingungen zu bieten. Und die kapitalarmen L�nder k�nnen ihren Wunsch nach, ja den Zwang zum, Wirtschaftswachstum nicht ohne ausl�ndisches Kapital erf�llen. Nach Gray ist sogar die britische Wirtschaft von ausl�ndischem Kapital abh�ngig geworden, obwohl gleichzeitig auch britisches Kapital im Ausland investiert wird. Die Verflechtung ist inzwischen so kompliziert geworden, dass man heute in vielen F�llen kaum mehr von nationalem Kapital reden kann. In dieser Welt gibt es also keinen Platz f�r die Keynessche Maxime Lasst die Finanzen in erster Linie nationale sein!" Der Keynesianismus, der ja im nationalen Interesse staatliche Kontrolle der und Interventionen in die Wirtschaft fordert, musste daher abgeschafft werden. Noch-Keynesianer m�ssten also logischerweise nicht nur die Globalisierung, sondern auch die Wachstumsdynamik des Kapitals verwerfen, und das hei�t letztlich den Kapitalismus verwerfen, denn ein Kapitalismus ohne Wachstumsdynamik ist schwer vorstellbar. Aber weder hat Keynes selbst das getan, noch wollen die heutigen Keynesianer das tun. Was ein global economic governance im Interesse der globalen Allgemeinheit betrifft, bleibt das vorerst eine Aufgabe f�r die ferne Zukunft. F�r die absehbare Zukunft ist das noch nicht aktuell. Die V�lker der Welt sind noch nicht eine Menschheit geworden. Immer noch beuten die starken V�lker die schwachen aus, was sie auch im Namen der global economic governance tun w�rden. Zweitens, es gibt auch einen Widerspruch zwischen dem heutigen Niveau des Industrialismus (das System, Bed�rfnisse durch industrielle Produktion zu befriedigen) und der Keynesschen Maxime Lasst G�ter in der Heimat herstellen ... !" Es ist rein materiell einfach nicht m�glich, in jedem Land eine Computer- oder Handy- oder Autoindustrie aufzubauen. Echte Keynesianer m�ssten also das heutige Niveau des Industrialismus in Frage stellen, auch aus anderen Gr�nden, n�mlich aus �kologischen und ressourcenbezogenen Gr�nden. Das tun sie bekanntlich nicht. Aber das ist ein Thema, das hier nicht behandelt werden kann. Das habe ich an anderer Stelle getan (Sarkar 2001). Das sind so gravierende Widerspr�che, dass sie meines Erachtens nicht durch Kompromisse aufgehoben werden k�nnen.
Trend zur Stagnation Ein interessanter Erkl�rungsansatz f�r das Scheitern des Keynesianismus Mitte der 70er Jahre und danach ist die These einer stagnierenden Tendenz (Trend) in den modernen industriellen Wirtschaften. Einige Marxisten schrieben schon 1975: ... der normale Zustand des Systems in seinem Monopolstadium ist einer von zyklischen Auf- und Abschw�ngen in einem Kontext von kontinuierlicher Stagnation" (Redakteure der Monthly Review 1975: 2). Eckhard Hein schrieb 1998: Allerdings st��t eine solche [keynesianische] Politik notwendig an Grenzen, wenn man es nicht mehr nur mit zyklischen Schwankungen um einen steigenden Trend zu tun hat, sondern dieser Trend selbst stagnative Tendenzen aufweist. Dies ist die Situation seit Mitte der 70er Jahre in allen entwickelten kapitalistischen Industriel�ndern" (Hein 1998: 827). Hein benutzt auch den etwas komischen Ausdruck stagnierendes Wachstum" (ebenda: 829), womit er niedrige Wachstumsraten meint. Hein hat eine �berzeugende Erkl�rung f�r den steigenden Trend in der Periode 1949-1973 gegeben, auch daf�r, warum dieser Trend 1974 zu Ende kam (Trendbruch", sagt er) (siehe Abschnitt II.). Aber die wichtigere Frage ist doch: was ist die Erkl�rung f�r die lange, bis heute w�hrende stagnative Tendenz der Konjunktur seitdem? Bevor ich meine Antwort darauf gebe, m�chte ich die Ausf�hrungen von Hein kritisch pr�fen, weil ich sie interessant, aber unbefriedigend finde. Erstens ist nicht klar, warum der nationale Verteilungskonsens, den Hein als einen Hauptgrund f�r das lange Goldene Zeitalter" anf�hrt, nicht wiederhergestellt werden konnte. Trotz der stagnativen Tendenz gab es doch, abgesehen von ein paar Rezessionsjahren, etwas Wachstum, und man redete von explodierenden Profiten". Zweitens kann man nicht behaupten, dass die Produktivit�tszuwachsrate in der Periode seit 1974 nicht hoch genug gewesen ist. Gerade diese war die Periode, in der die sogenannte mikroelektronische Revolution stattfand. Haupts�chlich durch den dadurch erm�glichten, massiven Automationsschub stieg in dieser Periode die Arbeitsproduktivit�t um durchschnittlich 3 Prozent pro Jahr (vgl. Gorz 1984: 68). Drittens war die Inflationsrate stark zur�ckgegangen. Warum konnte also nicht zumindest in den von Sozialdemokraten regierten L�ndern eine keynesianische Vollbesch�ftigungspolitk wieder versucht werden? Ich will nicht behaupten, dass ich alle der oben gestellten Fragen 100prozentig �berzeugend beantworten kann. Aber ich denke, ich kann befriedigendere Antworten darauf geben: (1) Die Hauptursache der permanent hohen Arbeitslosigkeitsrate in den hoch industrialisierten L�ndern ist seit langem nicht so sehr die Stagnation in der Wirtschaft, sondern die Auswirkungen der Automations- und Rationalisierungswelle infolge der mikroelektronischen Revolution und sonstiger technologischer Fortschritte. Dazu kam der wirtschaftlich rationale Trend, arbeitsintensive Branchen der Wirtschaft in Billiglohnl�nder zu verlagern. Gegen diese objektiv-s�kularen Trends war und ist jede keynesianische Ma�nahme machtlos. Wom�glich k�nnen wir sogar die Stagnation der 70er Jahre durch diese Entwicklung erkl�ren. (2) Es gibt triftige Gr�nde daf�r, dass nicht einmal die sozialdemokratischen unter den Regierungen dieser L�nder wag(t)en, keynesianische Ma�nahmen gegen die Arbeitslosigkeit zu ergreifen. Die Inflation war (ist) zwar unter Kontrolle, aber die Gefahr der Inflation nach dem alten Muster war (ist) nicht gebannt. (3) Die drastischen Erh�hungen der Roh�lpreise in der Periode 1973 bis 1982 und die allgemein steigenden Rohstoffpreise jener Zeit waren eine der Hauptursachen der Stagflation von damals. Was die Zukunft betrifft, werden die Preise von solchen G�tern aus geologisch und geographisch bedingten Gr�nden ganz sicher steigen, wenn auch allm�hlich und mit Schwankungen. Eine gewisse Inflationsrate wird daher langfristig, unabh�ngig von der Staatspolitik, unvermeidbar sein. Darum wird es ratsam sein, keine inflation�re keynesianische Wirtschaftspolitik zu verfolgen. (4) Auf der Kapitalseite fehlt(e) der Wille zur Wiederherstellung des Verteilungskonsenses der Nachkriegsjahre. Der Globalisierungsprozess und die hohe Arbeitslosigkeit haben im Verteilungskampf die Position der Gewerkschaften geschw�cht und die der Kapitalseite gest�rkt. Letztere konnten (k�nnen) den ersteren mit der M�glichkeit der Produktionsverlagerung drohen. Der Globalisierungsprozess hat aber in einer anderen Hinsicht auch die Unternehmer geschw�cht. Internationale Konkurrenz hat sowohl auf dem Weltmarkt als auch auf dem heimischen Markt stark zugenommen. Unternehmer k�nnen gestiegene Produktionskosten nicht mehr leicht durch Preiserh�hungen ausgleichen. Auch deswegen widersetzen sie sich seit dem Trendbruch so vehement den hohen Lohnforderungen der Gewerkschaften. (5) Der Globalisierungsprozess hat auch das transnationale Kapital gegen�ber den Nationalstaaten gest�rkt. Wie Gray argumentiert (siehe oben!), hat das die Verfolgung einer vollbesch�ftigungsorientierten, sozial-solidarischen und in die Wirtschaft intervenierenden Staatspolitik ungemein schwieriger gemacht. (6) Jetzt kann ich versuchen zu erkl�ren, warum der in dem Zitat aus Business Week und Monthly Review (1975) beschriebene, auf Schulden basierte drei�igj�hrige Boom in den USA am Ende �berall Spannung und Besorgnis verursachte (siehe oben!). Die hohen Roh�l- und Rohstoffpreise f�hrten zu hohen Produktionskosten, was zur Folge hatte, dass die Profitabilit�t von Investitionen sank. Das f�hrte zur Reduzierung von Investitionen und Besch�ftigung. Auch fortschreitende Automation und Rationalisierung verursachten Entlassungen von Arbeitskr�ften. Die L�hne und Geh�lter sanken oder stagnierten. Der Einkommens- und Steuereinnahmenfluss, der bis dahin den Privathaushalten, Firmen und dem Staat leicht erm�glicht hatte, die hohen Schulden zu bedienen, wurde schmaler. Die Gefahr, Pleite zu machen, stieg. (7) Seit Anfang der 80er Jahre gibt es eine kontinuierliche, massive Umverteilung des Einkommens von unten nach oben. Wie schon zur Zeit von Keynes, hat dieser Prozess zu einer Schw�chung der effektiven Nachfrage gef�hrt. Die h�heren Einkommensschichten, bei denen die Sparquote bekanntlich sehr viel h�her ist als bei den unteren Schichten, k�nnen ihre gesamten Ersparnisse nicht profitabel in die reale Wirtschaft investieren, weil eben die effektive Nachfrage zu schwach ist (Marxisten nennen dies �berproduktions- oder Unterkonsumtionstheorie). So ist in der realen �konomie ein Ungleichgewicht zwischen Ersparnis und Investition entstanden. Die so entstandene �bersch�ssige Ersparnis sucht seit langem Anlagem�glichkeiten in spekulativen Aktien- und Devisengesch�ften, zumal die Zinss�tze eben wegen der Kapitalschwemme stark gesunken sind. Diese Erkl�rung entspricht der Keynesschen Theorie. Daraus muss man aber nicht die Notwendigkeit eines keynesianischen Konjunkturprogramms auf defizitwirtschaftlicher Basis schlussfolgern. Man sollte eher eine Steuerpolitik fordern, die die oberen Schichten h�her belastet und die unteren Schichten entlastet. Aber die Inflationsgefahr bliebe auch in diesem Fall.
IV. Perspektive Dem Leser d�rfte jetzt klar geworden sein, warum eine Wiederbelebung der keynesianischen Wirtschaftspolitik nicht m�glich ist. Aber gesetzt den Fall, das ist im Prinzip m�glich, sollten wir versuchen, sie wiederzubeleben? Ich meine, nein. Sie als die Perspektive unserer Bewegung anzusehen, ist der heutigen Weltsituation gar nicht angemessen. Ende August 2002 wird in Johannesburg der Umweltgipfel Rio+10 stattfinden. Wenn sie ehrlich sind, m�ssen die dort Versammelten zugeben, dass es heute mit der �kologischen Gesundheit der Erde schlechter steht als vor zehn Jahren. Sie werden einr�umen, dass die bisher stattgefundene Entwicklung alles andere als nachhaltig gewesen ist. Und sie m�ssen feststellen, dass Kriege und Kriegsgefahr wegen �l, Wasser, Lebensraum und andere Ressourcen zugenommen haben. Zwar fehlt der Punkt Umweltschutz in keinem Diskussionsbeitrag der Keynesianer zur Perspektivenfrage. Aber der Keynesianismus einerlei, ob nationaler oder globaler bleibt ein Programm f�r die Fortsetzung des Wachstumswahns, und mithin der Umweltzerst�rung, mit einer anderen Strategie. Zum Beispiel ver�ffentlicht in Deutschland die Memorandumgruppe um Prof. Hickel jedes Jahr ein alternatives Wirtschaftsgutachten. Alternativ darin ist immer nur die Strategie, das Ziel ist dasselbe: weiteres Wirtschaftswachstum in diesem schon �berindustrialisierten Land. Der Geist des Keynesianismus weist einen grunds�tzlichen Widerspruch zum Geist der Nachhaltigkeit auf. Die lange Sicht der Dinge, ein wesentliches Element einer echt �kologischen Politik, existiert bei den Keynesianern nicht. Auf lange Sicht sind wir alle tot", schrieb Keynes als Rechtfertigung f�r die kurze Sicht der Dinge. Die These z.B, dass Sparsamkeit, makro�konomisch gesehen, etwas Schlechtes ist, weil sie eine Ursache der Arbeitslosigkeit ist (Sparparadoxon"), kann nicht mit dem Ziel des nachhaltigen Wirtschaftens vereinbart werden. Unter dem Begriff Vollbesch�ftigung" versteht die Keynessche �konomik nicht nur Vollbesch�ftigung der Arbeitskr�fte, sondern auch aller vorhandenen Produktionskapazit�t. Da ist kein Platz f�r sparsamen Umgang mit Ressourcen, kein Platz f�r Verzicht auf �berfl�ssigen Konsum. Im ganzen keynesianischen Diskurs spielt die Erh�hung der Ressourcenproduktivit�t keine Rolle. Im Gegenteil, Keynes pl�dierte sogar f�r Ressourcenverschwendung, um die effektive Nachfrage zu erh�hen. Er schrieb: Solange Million�re ihre Befriedigung im Bau von riesigen Geb�uden finden, die ihren K�rper zu ihren Lebzeiten enthalten, oder im Bau von Pyramiden, die sie nach ihrem Tod beherbergen, solange sie Kathedralen bauen lassen oder Kl�ster stiften ... , kann der Tag verschoben werden, an dem ein �berfluss an Kapital die Produktion von �berfluss an G�tern erschweren wird. Im Boden L�cher graben, die aus Ersparnissen finanziert werden, wird nicht nur die Besch�ftigtenzahl erh�hen, sondern auch die reale nationale Dividende von G�tern und Dienstleistungen." (zit. nach Robinson 1974: 91) Allerdings f�gte Keynes hinzu: Es ist nicht plausibel, ... dass sich eine vern�nftige Gesellschaft damit begn�gen w�rde, von solchen zuf�lligen und oft verschwenderischen Erleichterungen abh�ngig zu bleiben, wenn wir einmal die Faktoren verstehen, von denen die effektive Nachfrage abh�ngt" (ebenda). �konomen verstehen heute diese Faktoren. Aber sein Vertrauen in die Vernunft der modernen Gesellschaften hat sich als ein Irrtum erwiesen. Zwar werden keine unn�tzen L�cher gegraben, aber Pyramiden" werden weiter gebaut. Verschwenderische Projekte f�rdern ja Wirtschaftswachstum, schaffen doch Arbeitspl�tze. Eine Industriegesellschaft ist heute eine Wegwerfgesellschaft. Anfang der 80er Jahre hatten die deutschen Gr�nen in ihrem Kampf gegen den Wachstumswahn vorgerechnet, dass in der damaligen BRD ein j�hrliches Wirtschaftswachstum von 6 Prozent n�tig gewesen w�re, um f�r die zwei Millionen registrierten Arbeitslosen von damals Jobs zu schaffen. Wieviel h�her muss die Wachstumsrate heute sein bei dem viel h�heren heutigen Niveau der Arbeitsproduktivit�t um Jobs f�r die vier Millionen registrierten Arbeitslosen zu schaffen? Manche Keynesianer scheinen heute etwas umweltbewusster geworden zu sein. Aber die wahre �kologische Lektion haben sie nicht gelernt. Was sie alles fordern ist, kurz gefasst, nachhaltiges" Wachstum. Sie halten weiteres Wirtschaftswachstum f�r notwendig, um Umweltschutz finanzieren zu k�nnen. Aber nachhaltiges Wachstum ist ein Widerspruch in sich, ein schwarzer Schimmel. Eine Politik f�r das Ziel nachhaltiges Wirtschaften, das m�glich ist, bedeutet heute zumindest f�r die hoch industrialisierten L�nder eine wirtschaftliche Schrumpfung. Keine Erh�hung, sondern eine Reduzierung der effektiven Nachfrage ist notwendig. (Diese Sicht der Nachhaltigkeit habe ich an anderer Stelle ausf�hrlich begr�ndet; siehe Sarkar 2001). Sogar eine Teilnehmerin an der in der Einleitung erw�hnten ILO-Podiumsdiskussion hat das verstanden. Als sie die keynesianischen Empfehlungen der namhaften �konomen anh�rte, sagte sie: Die Ironie der Lage ist, dass die USA, Europa, Japan wir alle denken, dass wir irgendwie den Konsum steigern m�ssen. Aber ... wir �berkonsumieren doch die Ressourcen der Welt. ... Den Ausweg aus der Krise [Rezession] in Mehr-Einkaufen zu sehen, �ndert die Richtung nicht, die langfristige Richtung der grundlegenden Wirtschaftspolitik. Die Frage ist doch: wie k�nnen wir nachhaltig wirtschaften?" (IHT vom 7.11.2001)
Wir k�nnen Keynes f�r seine kurze Sicht der Dinge entschuldigen. In seiner Zeit war die Frage nach der Nachhaltigkeit des Wirtschaftens nicht auf der Tagesordnung. Aber die �kologie-Blindheit der heutigen Keynesianer ist unverzeihlich. Was wir heute brauchen, ist keine leicht �berarbeitete Neuauflage der Keynesianischen Revolution, sondern eine andere Revolution, die in moderner Sprache eher ein Paradigmawechsel hei�en sollte ein Wechsel von dem heute hegemonialen Wachstumsparadigma zum Grenzen-des-Wachstumsparadigma. Unter der Hegemonie des letzteren w�rde ein Wohlfahrtsstaat m�glich sein, nicht aber einer, der den B�rgern jedes Jahr eine Wohlstandsvermehrung beschert. Unter diesem neuen Paradigma muss Fortschritt anders definiert werden. Es bleibt noch die Frage, ob dieser Paradigmawechsel im Rahmen des Kapitalismus m�glich ist. Meine Antwort, die ich an anderer Stelle ausf�hrlich begr�ndet habe, lautet Nein (Sarkar 2001). Sollen wir denn solange warten, bis wir den Kapitalismus durch den Sozialismus ersetzt und so das Paradigmawechsel erm�glicht haben? Anders als Keynes billigen wir den Kapitalismus nicht. Aber wir wissen auch nicht, wann die Mehrheit der Menschheit oder eines Volkes unsere Kritik richtig finden und den Wechsel zum Sozialismus w�nschen w�rde. Bis dahin k�nnen wir auch mit einem vorl�ufigen Programm agieren. Was heute an der Keynesschen neue �konomik" noch wertvoll ist, ist sein Beharren auf der Verantwortung des Staates und dem Primat der Staatspolitik. Wir k�mpfen auch in diesem Sinne gegen Konzernherrschaft und neoliberale Globalisierung, wir k�mpfen f�r das Primat der Politik, wir fordern, dass die demokratisch verfassten Staaten die Verantwortung f�r das Gemeinwohl viel st�rker auf sich nehmen und f�r die schw�cheren B�rger Partei ergreifen. Und wir fordern, dass die Staaten sich nicht scheuen sollen, in das Wirtschaftsgeschehen zu intervenieren. Der Zweck der staatlichen Interventionen soll aber nicht prim�r die Ankurbelung der Konjunktur sein. Im Gegenteil. Jobs f�r die Erwerbslosen k�nnen auch anders geschaffen werden: durch Abbau der �berstunden, Teilzeitarbeit, Anwendung von arbeitsintensiven Technologien und Methoden usw. Der Zweck der staatlichen Interventionen in die Wirtschaft soll vielmehr sein, den Weg zum �bergang zum nachhaltigen Wirtschaften vorzubereiten. Parallel dazu m�ssen wir auch eine ideologische Offensive starten, aber nicht zugunsten eines globalen Keynesianismus, sondern f�r einen �ko-Sozialismus. Sie soll �berall auf lokaler, regionaler, nationaler und internationaler Ebene den konkreten Widerstand gegen alle Ausw�chse neoliberaler Politik begleiten. John Gray ist �berzeugt, dass die globale, freie Marktwirtschaft nicht lange leben kann. Das Laissez-faire-Regime wird unweigerlich Gegenbewegungen ausl�sen, die seine Zw�nge verwerfen. Solche Bewegungen ob populistische, ausl�nderfeindliche, fundamentalistische oder neokommunistische werden ihre Ziele nicht erreichen k�nnen, aber sie k�nnen die spr�de Struktur, die das globale Laissez-faire st�tzt, zerschlagen. M�ssen wir akzeptieren, dass ... bessere Formen von global governance unerreichbar sind? Ist ein sp�tmodernes Chaos unser geschichtliches Schicksal?" (Gray 1999:20) Einer der Gr�nde, die Gray f�r seine �berzeugung anf�hrt, ist wie folgt: Ein globaler, freier Markt bewirkt, dass sich souver�ne Staaten in geopolitischen K�mpfen um zur Neige gehende Naturressourcen gegeneinander richten. Das Resultat der Laissez-faire-Philosophie, die staatliche Interventionen in die Wirtschaft verurteilt, ist, dass ... keine Institution die Verantwortung hat, die Naturressourcen zu erhalten." (ebenda) Wenn wir nicht wollen, dass ein sp�tmodernes Chaos unser geschichtliches Schicksal wird, m�ssen wir daf�r sorgen, dass der Menschheit eine bessere Form von global governance angeboten wird. Und die kann meiner �berzeugung nach nur internationaler �ko-Sozialismus sein. Arbeiten wir daran, die kulturelle Hegemonie dieser Alternative zu etablieren!
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Literatur: Attac-Frankreich (2002) Manifest 2002 (Aus dem Internet). Daly, Herman E. und Cobb, John B. Jr. (1990) For the Common Good, London. (The ) Editors (1975) The Economic Crisis in Historical Perspective", in: Monthly Review, vom M�rz 1975, New York. George, Susan (1999) Eine kurze Geschichte des Neoliberalismus", in: Infobrief (des Netzwerk gegen Konzernherrschaft und neoliberale Politik), Nr. 1/1999. Gorz, Andr� (1984) Wege ins Paradies, Berlin. Gray, John (1999) False Dawn The Delusions of Global Capitalism, London. Hein, Eckhard (1998) Keynesianismus ein wirtschaftstheoretisches und politisches Auslaufmodell?", in: WSI Mitteilungen, Nr. 12/1998. Hutton, Will (2001) The Revolution That Never Was An Assessment of Keynesian Economics, London. (IHT) International Herald Tribune (vom 7.11.2001) Advice for a World Recovery", Frankfurt am Main. Koesters, Paul-Heinz (1985) �konomen ver�ndern die Welt, M�nchen. Loske, Rainer und Bleischwitz, Raimund (1996) Zukunftsf�higes Deutschland, Basel. Morris, Jacob (1974) Stagflation", in: Monthly Review, vom Dezember 1974, New York. Robinson, Joan (1974) Economic Philosophy, Harmondsworth (England). Sarkar, Saral (2001) Die nachhaltige Gesellschaft eine kritische Analyse der Systemalternativen, Z�rich. Willke, Gerhard (2002) John Maynard Keynes, Frankfurt.
Wenn Keynes heute noch lebte oder Globaler Keynesianismus Von Will Hutton (geschrieben im Oktober 2000) Wenn Keynes heute noch lebte, w�rde er die Undauerhaftigkeit des gegenw�rtigen amerikanischen Kredit-Booms und der l�cherlichen Bewertungen betonen, die zur Zeit auf den New Yorker und Londoner B�rsen herrschen. Er w�rde die Warnung vor dem irrationalen �berschwang der Investoren in Wall Street echoen, die Alan Greenspan, Pr�sident der amerikanischen Zentralbank (US Federal Reserve), aussprach. Und er w�rde sich unaufh�rlich um das Potential f�r kolossale Instabilit�t sorgen, das das Ausma� und die spekulative Neigung der internationalen Finanzm�rkte geschaffen haben. Er w�rde auch darum besorgt sein, wie die Abschaffung von Devisen- und Kapitaleinfuhrkontrollen dem internationalen Finanzkapital eine erstaunliche Kapazit�t verliehen hat, nach Belieben in ein Land reinzugehen und es zu verlassen. Er h�tte als die Ursache der asiatischen Finanzkrise von 1997 die Freiheit der kurzfristigen, spekulativen Kapitalfl�sse identifiziert, die Wirtschaften von kleinen L�ndern zu �berw�ltigen. Und er h�tte den IWF daf�r scharf kritisiert, dass er den asiatischen Krisenl�ndern im Namen von Strukturanpassung" zus�tzliche Deflation aufzwang, wo doch die Quelle ihres Problems haupts�chlich in der Struktur des Finanzsystems lag. Er w�rde vor einer potentiell sehr viel gravierenderen Wiederholung der Krise warnen. Er w�rde haupts�chlich genauso wie in den 1930er und den 1940er Jahren auf die Beziehung zwischen der finanziellen und der realen �konomie fokussieren. Und er w�rde schnell darauf hinweisen, wie die Deregulierung der Finanzm�rkte und die freie Bewegung des Kapitals drohten, ein dem beabsichtigten entgegengesetztes Resultat hervorzubringen, n�mlich mehr Instabilit�t und die zunehmende Gefahr einer weltweiten Kreditklemme im Falle eines verbreiteten B�rsenkrachs. Sein Rat w�re ganz eindeutig: Die Welt m�sste eine internationale Finanzarchitektur entwickeln, in der kurzfristige Finanzfl�sse eingeschr�nkter w�ren. Wenn sie aber beim gegenw�rtigen Ausma� blieben, m�ssten die internationalen Institutionen mehr Kapazit�t haben, f�r jene Wirtschaften als Kreditgeber letzter Hand zu handeln, die die Leidtragenden einer destabilisierenden Kapitalflucht oder der Schockwellen eines B�rsenkrachs in den USA w�ren. Er w�rde auf viel aggressivere Regulierung der internationalen Finanzen dr�ngen. Und das impliziert intelligentes Handeln durch �ffentliche Gewalt in diesem Fall durch internationale �ffentliche Gewalt. Keynes w�re auf der vordersten Front derjenigen, die f�r neue internationale Organe pl�dieren, ja sogar f�r Formen von global economic governance; die Globalisierung erfordert global governance. Das w�rde aber nicht bedeuten, den Willen des Staates durchzusetzen gegen die Freiheit von Individuen und Kapitalisten, so zu handeln, wie sie wollen. Der Sinn davon w�re, den Kapitalismus vor sich selbst zu sch�tzen, und so ihn zu bewahren und seine Vorteile zu erh�hen. Er w�rde nach raffinierten Mitteln suchen, maximale Handhabe f�r die Kontrolle der Finanzfl�sse mit minimaler Anstrengung zu gewinnen. Er w�rde im Extremfall sogar f�r globale Nachfragelenkung pl�dieren, wenn sich die Welt einem chronischen Nachfragemangel oder Nachfrage�berma� gegen�bers�he das aber nur, wenn andere vorl�ufige Interventionen nicht den gew�nschten Erfolg erbracht haben sollte. Er w�rde Keynesianismus international machen."
(Aus: Hutton, Will (2001) The Revolution That Never Was An Assessment of Keynesian Economics, Vintage, London)
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