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"Stoppt GATS!"
"Gegen die Privatisierung kommunaler Daseinsvorsorge"
J�rgen Crummenerl
I. Von Bretton Woods zur WTO und GATS
II. Das GATS
III. Das GATS und die Kommunen
I. Von Bretton Woods zur WTO und GATS
1. 1944 wollten die Industriel�nder unter F�hrung der USA
Konsequenzen ziehen aus den verheerenden Wirtschaftskrisen der 20er und 30er Jahre.
In Bretton Woods wurde ein System etabliert, das folgende
Grundprinzipien festschrieb:
 | feste Wechselkurse gebunden an und gef�hrt durch den Dollar |
 | das GATT-System als Abkommen �ber Einfuhrz�lle auf Waren gleiche
Bedingungen f�r alle Weltmarktteilnehmer |
 | Einrichtung von IWF und Weltbank als Steuerungsinstrumente f�r den
Kreditverkehr, f�r den Aufbau des zerst�rten Europas mit Anbindung an die USA.
Der IWF sollte zust�ndig sein f�r W�hrungsschwankungen und Kurzkredite die
Weltbank f�r Aufbauhilfe auch f�r Westeuropa. |
Insgesamt spielten staatliche Eingriffe und Kontrollsysteme f�r die
Wirtschaft eine gro�e Rolle. Die Theorien des �konomen Keynes hatten einen bestimmenden
Einflu� auf die Wirtschaftspolitik, z.B. staatliche antizyklische- Eingriffe und
Konjunkturprogramme.
Dabei gilt f�r diese erste Phase nach dem 2. Weltkrieg, dass die USA
die im Westen f�hrende Wirtschaftsmacht war und den Dollarkurs bei 4,.DM festsetzen
konnte.
2. Anfang der 70er Jahre kam der Umbruch:
 | Freigabe der Wechselkurse |
 | Aufhebung der Kapitalverkehrskontrollen |
 | Liberalisierung des Au�enhandels. |
F�r diesen Umschwenk zu einer als "neoliberal" bezeichneten
Wirtschaftspolitik werden verschiedenen Ursachen genannt:
z.B.
 | "Stagflation", d.h. Inflation verbunden mit stagnierender Produktion, wegen
des "Endes des Nachkriegsinvestitions-Schubs"/ der "S�ttigung" der
M�rkte |
 | Milliarden sog. Petro-Dollars suchten Anlage-M�glichkeiten |
Eine Folge dieser Entwicklung war die Herausbildung internationaler
Finanzm�rkte, die von der Real-�konomie abgekoppelt ausschlie�lich spekulativen
Zwecken dienten. Heute werden dort t�glich 1,5 Bio. $ umgesetzt. Sie suchen sich meist
kurzfristige lukrative Anlagem�glichkeiten.
Der IWF als W�hrungsh�ter verlor zu dem Zeitpunkt zun�chst seine
Aufgaben.
Anfang der 80er Jahre tritt ein Ph�nomen auf, das wir seitdem die "Schuldenkrise
der 3. Welt" nennen. Diese hatte verschiedene Ursachen:
 | im Zeitalter des "Keynesianismus" wurden nachfrageorientiert
viele Kredite zur Belebung des Konsums und von Investitionen gegeben, auch wenn
dies gar nicht dringend geboten erschien |
 | im "Kalten Krieg" war Kreditvergabe oft auch Bestechung, um Regime vom
Ostblock zu l�sen oder fernzuhalten |
 | die Zusammenarbeit mit korrupten Regierungen und Oligarchien, die westliche Strategie-Interessen
vertraten, war verst�rkt worden |
 | der Zusammenbruch der Rohstoffpreise (erh�hter Rohstoffabbau und
Exportorientierung der Schuldnerl�nder um Schulden zur�ckzuzahlen f�hrten
zum �berangebot, die westlichen Industriestaaten und Konzerne diktierten die Preise) |
 | die erzwungene �ffnung der M�rkte seit den 70er Jahren beeintr�chtigte die
Entwicklung eigenst�ndiger Industrien in der 3. Welt |
 | Zinssteigerungen schn�rten Staaten ein |
Dies war die neue Stunde des IWF: um die Schuldeneintreibung zu
optimieren, sprang der IWF ein mit neuen Krediten.
Seine neue Rolle: langfristige Steuerungsversuche durch
Eingriffe in nationale �konomien und eine Art "Versicherung" f�r
andere Kreditgeber Staaten oder Privatbanken. Das G�tesiegel des IWF �ffnet die
Tore f�r andere Kredite, denn bei Zahlungsunf�higkeit springt der IWF ein.
Besonders ber�chtigt wurden die sog. Strukturanpassungsprogramme
(SAP), mit denen die Kreditnehmer-L�nder gezwungen wurden, ihre Wirtschaftspolitik
auf die Interessen der gro�en Industriel�nder und Konzerne zuzuschneiden:
 | die Wirtschaftspolitik muss "angebotsorientiert" werden, das bedeutet
g�nstige Produktionsbedingungen f�r Investoren (niedrige L�hne, Sozialabgaben,
Umweltstandards usw.) |
 | sog. "Haushaltskonsolidierung" wird verlangt: Einsparung im Sozial-,
Gesundheits- und Erziehungsbereich, keine Subventionierung von Nahrungsmitteln usw., um
stabile Geldwertverh�ltnisse f�r Anleger zu gew�hrleisten |
 | eine restriktive Geldpolitik, d.h. hohe Zinsen f�r Anleger und Kapitalbesitzer |
 | hohe Devisenreserven sollen gehalten werden, d.h. Handelsbilanz�bersch�sse durch
Exportorientierung auf billige Waren f�r die Industriel�nder, Drosselung der Importe,
Senkung des Konsums |
 | Liberalisierung des Kapitalverkehrs also �ffnung der L�nder f�r
ungehinderte Investitionen die dann auch kurzfristig wieder beendet werden k�nnen,
wenn die erwartete Rendite sich nicht realisiert oder in Gefahr ger�t |
 | Privatisierung staatlicher Versorgungsunternehmen, Gro�konzerne �bernehmen - auch
die lokale Daseinsvorsorge zu Profitbedingungen |
Was sind die Folgen dieser Politik?
Der sog. "Washingtoner Konsens" aus den 80er Jahren
versprach, dass eine neoliberale Politik - Liberalisierung und Deregulierung f�r
alle gut sei.
Tatsache ist, dass lokale Strukturen in Landwirtschaft und
Industrieproduktion zerst�rt , Menschenleben durch Hunger und Armut vernichtet wurden und
Umweltsch�den ungeheuren Ausma�es sich fortsetzten.
Die Schulden der "L�nder des S�dens" summierten
sich: 1998 waren es bereits 2,5 Bio. $ (von 1990 bis 1998 eine Zunahme von 75 %).
Gleichzeitig flossen von 1983 bis 1995 2 Bio. $ an die Gl�ubigerl�nder zur�ck.
Die 41 meistverschuldeten L�nder zahlen j�hrlich 8 Mrd. $ zur�ck
oft mehr als 50% der Staatseinnahmen.
Die Einkommensschere zwischen dem reichsten und �rmsten F�nftel
der Weltbev�lkerung hat sich zwischen 1960 und 1997 von 30:1 auf 74:1 erweitert.
Wie konnten die f�hrenden Industriestaaten diese Politik �ber IWF und
Weltbank durchsetzen?
Jedes der �ber 180 Mitgliedsstaaten des IWF transferiert einen Teil
seiner nationalen W�hrungsreserven. Durch die H�he des Beitrages die Quote
wird das Stimmrecht und auch die Quote, wie viel ein Land leihen darf, bestimmt.
Ca. 18% des Stimmrechts halten die USA und verf�gen damit bei
Grundsatzentscheidungen �ber eine Sperrminorit�t, sie halten mehr Stimmrechte als
S�damerika, S�dasien und das subsaharische Afrika zusammen.
19 Industriel�nder verf�gen �ber ca. 60% der Stimmen, 122
Entwicklungsl�nder nur �ber 31%.
3. Welche Rolle spielt nun die WTO in diesem Rahmen?
Nach Bretton Woods wurde 1947 das Zoll- und Handelsabkommen GATT
(General Agreement on Tariffs and Trade) gegr�ndet.
Ab 1948 waren die GATT-Vereinbarungen das Hauptregime zur Regulierung
des Welthandels - von Waren - zun�chst beschr�nkt auf Industrieg�ter.
Im Rahmen der GATT-Verhandlungen wurde immer wieder Druck ausge�bt zur
Erweiterung der "Gesch�ftsfelder". Die st�rkste Offensive begann in den 70er
Jahren, als Konzerne aus den entwickelten L�ndern des Nordens st�rker Einfluss nahmen
mit dem Ziel, einen Zugang zu weniger regulierten Arbeits- und Verbraucherm�rkten und zu
mehr nat�rlichen Ressourcen zu bekommen.
Nach einer 8 Jahre dauernden Verhandlungsrunde der sog. Uruguay-Runde
wurde die WTO (Welthandelsorganisation) 1995 von 125 L�ndern heute
sind es 144 ( jetzt auch China) - gegr�ndet und das GATT dort integriert.
Die WTO verwaltet diese Abkommen, bringt k�nftige Verhandlungen �ber
internationalen Handel auf den Weg, �berwacht die Handelspraktiken der Mitgliedstaaten
und erzwingt Akzeptanz ihrer Schiedsspr�che �ber Handelsstreitigkeiten.
Seine Aufgabe ist es, die Bewegungsfreiheit der Konzerne und ihre
Zugriffsrechte zu erweitern. Die Rechte und M�glichkeiten der Nationalstaaten und
B�rgerbewegungen sollen reduziert werden, den Handel um der Menschen und der Natur willen
zu regulieren.
Die WTO ist nicht streng auf den Handel mit G�tern und
Dienstleistungen beschr�nkt. Ihr Machtbereich erstreckt sich auch auf die sog.
nicht-handelsbezogenen Aktivit�ten, wie Auslandsinvestitionen, Rechte am geistigen
Eigentum und nationale Regulierungsmechanismen wie lokale Gesetze, Dienstleistungen und
Lebensmittel- und Umweltstandards.
Und: die WTO hat - im Unterschied zum GATT einen der UNO
vergleichbaren internationalen Status mit Erzwingungsmacht: Wenn ein WTO-Schiedsspruch
eine Regierung des Versto�es gegen einen WTO-Standard bezichtigt, k�nnen schwerwiegende
wirtschaftliche Sanktionen sowie Handelssanktionen verh�ngt werden.
II: Das GATS (General Agreement on Trade with Services)
- Zeitlicher Rahmen
Das GATS (Das Allgemeine Abkommen �ber den Handel mit
Dienstleistungen) ist das erste juristisch durchsetzbare Abkommen f�r diesen Bereich,
wurde in der "Uruguay-Runde" auf Druck der Industriestaaten verabschiedet und
trat mit der WTO-Gr�ndung am 1.1.1995 in Kraft. In dem Abkommen wurden die
Mitgliedsstaaten verpflichtet, den Dienstleistungsbereich zu liberalisieren.
F�r die Bereiche Telekommunikation und Finanzdienstleistungen
wurden 1997 Vertr�ge geschlossen, die M�rkte zu �ffnen.
Bereits 1995 wurde ein Fahrplan vereinbart, wonach
sp�testens nach 5 Jahren alle Regelungen �berpr�ft werden sollten. Durch das Scheitern
der WTO-Runde in Seattle im Dezember 1999 hat sich eine Verz�gerung ergeben. Aber bereits
im M�rz 2001 wurde die erste Phase der Neuverhandlungen mit einer Bestandsaufnahme und
der Annahme von Verhandlungsrichtlinien abgeschlossen. Bei der Ministerkonferenz in Doha
im November 2001 wurde ebenfalls die neue Verhandlungsrunde beschlossen.
In der nun folgenden Phase bis Ende Juni 2002 sollen alle
WTO-Mitglieder ihre Markt�ffnungsforderungen ("requests") gegen�ber
anderen Staaten einreichen und bis Ende M�rz 2003 schlie�lich m�ssen die Markt�ffnungs-Angebote
("offers") gegen�ber Drittstaaten eingereicht werden. Der Abschluss der
GATS-Verhandlungen soll mit dem anvisierten Ende der neuen Welthandelsrunde am 1.1.2005
zusammenfallen.
- Bereiche und Prinzipien des GATS
Dieses Abkommen umfasst grunds�tzlich alle Dienstleistungen,
von Versicherungen und Energieversorgung �ber Verkehr und Wasserversorgung bis hin zum
Bildungs- und Gesundheitswesen.
Folgende Untergliederungen wurden vorgenommen:
- Unternehmerische und berufsbezogene Dienstleistungen
- Kommunikationsdienstleistungen
- Bau- und Montageleistungen
- Vertriebsdienstleistungen
- Bildungsdienstleistungen
- Umweltdienstleistungen
- Finanzdienstleistungen
- Medizinische und soziale Dienstleistungen
- Tourismus und Reisedienstleistungen
- Erholung, Kultur und Sport
- Transportdienstleistungen
- Sonstige nicht aufgef�hrte Dienstleistungen
Ferner unterscheidet das GATS (Artikel I) vier Erbringungsarten:
- Grenz�berschreitende Dienstleistungen
im engeren Sinne (eine Bedienungsanleitung
wird per Post ins Ausland versandt oder ein Computerprogramm per e-mail. Solche
Dienstleistungen sind mit dem Warenhandel vergleichbar und gewinnen zunehmend an
Bedeutung.
- Inanspruchnahme einer Dienstleistung durch eine-n/Konsumenten-in, die sich in ein
anderes Land begibt. (z.B. Tourismus: Zahnarztbesuch im Ausland)
- Niederlassung von Firmen
: Erbringung einer Dienstleistung durch eine gesch�ftliche
Niederlassung im Ausland (in Form einer ausl�ndischen Direktinvestition z.B.
Filial-Reiseb�ro in einem anderen Land)
- Grenz�berschreitung von Dienstleistungen
(die Person, die eine Dienstleistung
erbringt, begibt sich pers�nlich vor�bergehend ins Ausland Schauspieler im
Ausland oder dort Bau einer Wasserleitung)
Damit wird der Dienstleistungsbegriff derart ausgedehnt, dass sogar
Investitionsregeln darin integriert werden k�nnen.
Die Prinzipien des GATS:
Weltweite Liberalisierung und Abbau handels-behindernder Regulierungen
sollen durch 3 Prinzipien erreicht werden:
- Markzugang
: Sogenannte Handelshemmnisse (wie z.B. Mengenbeschr�nkungen f�r
Importg�ter) sollen beseitigt und der einheimische Markt soll ausl�ndischen Anbietern
ge�ffnet werden
- Inl�nderbehandlung
: Regierungen m�ssen ausl�ndische Dienstleistungs-Erbringer in
gleicher Weise behandeln wie einheimische, d.h. sie d�rfen einheimische nicht bevorzugen
im Gegensatz zum GATT, wo dieses Prinzip f�r alle Waren gilt, k�nnen die L�nder
jedoch mit sog. "positiven Listen" explizit diejenigen Sektoren angeben, bei
denen sie bereit sind, ihre M�rkte gegen�ber ausl�ndischen Anbietern zu �ffnen. Diese
Regelung soll aber in der nun begonnenen neuen Runde infrage gestellt werden - mit dem
Ziel, die Beschr�nkungsm�glichkeiten der Nationalstaaten zu beseitigen..
- Meistbeg�nstigung
: Wenn ein anderes Land beg�nstigt wird, m�ssen alle anderen
L�nder die gleichen g�nstigen Konditionen bekommen. Ausnahmen k�nnen speziell
aufgelistet werden. Sie d�rfen aber nicht l�nger als 10 Jahre angewandt und m�ssen nach
5 Jahren �berpr�ft werden. Auch diese Ausnahme-Regelung soll fallen.
Diese Prinzipien sind die gleichen, die bereits 1947 f�r den Handel
mit Waren festgelegt wurden. Die Dienstleistung als Ware?
W�hrend der Warenhandel z.B. durch Z�lle nach au�en gesch�tzt
werden kann, sind die Dienstleistungen in weitaus st�rkerem Ma�e durch innerstaatliche
Gesetze und Verordnungen reguliert und Basis-Dienstleistungen ( Gesundheit,
Bildung, Wasser pp) sind in z.B. in Europa h�ufig durch vorwiegend staatliche oder
�ffentlich-rechtliche Einrichtungen garantiert.
Durch das GATS erfolgt ein direkter Eingriff in staatliche,
regionale und kommunale Souver�nit�t.
Hinzu kommt, dass einer der wichtigsten Aspekte von
Dienstleistungen unber�cksichtigt bleibt: das Solidarprinzip.
Dieses Prinzip sorgt f�r einen Ausgleich zwischen unterschiedlich
rentablen Bereichen: z.B. werden teure Postzustellungen oder aufw�ndigere Stromversorgung
auf dem Land durch kosteng�nstigere Versorgung in den St�dten mitfinanziert oder die
Kosten geringgenutzter Bahnstrecken durch stark frequentierte . Auch Chancengleichheit in
der Bildung oder ein gleicher Anspruch f�r alle im Gesundheitswesen folgen diesem
Prinzip, das auch bedeutet, dass die Bereiche der "Daseinsvorsorge" nicht der
Profitmaximierung unterliegen sollen. Die sozialen Aspekte werden vom GATS ignoriert bzw.
ausgeh�hlt.
Zwar sollen vom GATS solche Dienstleistungen ausgeschlossen werden, die
"in Aus�bung hoheitlicher Gewalt erbracht" werden (Art I) aber welche
sind das?
Vor allem d�rfen diese Dienstleistungen weder zu kommerziellen
Zwecken, noch in Konkurrenz zu kommerziellen Anbietern erbracht werden. Damit sind alle
Bereiche problematisch, die teilprivatisiert sind, in denen Privatisierung angestrebt wird
oder in denen quasistaatliche oder private Anbieter �ffentliche Aufgaben wahrnehmen.
Art VI des GATS beauftragt den WTO-Rat Disziplinen zu entwickeln, die
gew�hrleisten, dass nationale Qualifikationserfordernisse, technische Normen sowie
Zulassungsverfahren nicht belastender sind als n�tig, um die Qualit�t einer
Dienstleistung sicherzustellen. Offen ist, ob zur Qualit�t auch die
Umweltvertr�glichkeit, der Arbeits-, Verbraucher- und Gesundheitsschutz, sozial- oder
strukturpolitische Ziele gez�hlt werden d�rfen.
�ber eine unter dem GATS eingesetzte Arbeitsgruppe ("Working
Party for Domestic Regulation") wird Druck ausge�bt: Schon im Entwurfstadium von
Gesetzgebungsvorhaben soll in einen internationalen Beratungsprozess
eingetreten werden �ber die Bestimmung der "Notwendigkeit" staatlicher
Ma�nahmen sog. "necessity tests".
3. Interessenlage
Der Druck auf das Vorantreiben von GATS kommt nicht
von ungef�hr:
Der Dienstleistungssektor hat die h�chsten Wachstumsraten und
erwirtschaftet inzwischen 60% des globalen Bruttosozialproduktes (BSP) mit
betr�chtlichen Differenzierungen. Bei L�ndern mit niedrigem Einkommen sind es nur 38%,
bei der Gruppe mit mittleren Einkommen 56% und bei den OECD-L�ndern 65%.
Andererseits machen Dienstleistungen bisher erst 20% des gesamten
Welthandels aus d.h. durch die Liberalisierung sollen Potentiale freigesetzt
werden.
J�hrlich werden weltweit ca. 1 Bio. $ f�r Wasserversorgung, ca. 2
Bio. $ f�r die Gesundheitsversorgung, ca. 3,5 Bio. $ f�r Bildung ausgegeben. Die
Ums�tze auf den Gesundheitsm�rkten der OECD-L�nder wird auf j�hrlich 3 Bio. $
gesch�tzt.
Dabei sind die USA mit ihrem weitgehend privat organisierten Bildungs-
und Gesundheitswesen besonders vorantreibend, da sie wegen gro�er Konzerne �ber
Wettbewerbsvorteile verf�gen.
4. Die Rolle der EU
Die EU-Staaten f�hren nicht einzeln die Verhandlungen, sondern die
EU-Kommission f�r alle. Auf deutscher Seite ist des Bundeswirtschaftsministerium
federf�hrend.
Die Handelspolitik geh�rt in den Zust�ndigkeitsbereich der
Europ�ischen Kommission. An der Au�envertretung in Bezug auf Handel, damit auch f�r
Verhandlungen mit der WTO sind die nationalen Regierungen nur noch mittelbar beteiligt.
Ausnahmen sind sog. "sensible Bereiche", in denen
Handelsabkommen nicht nur durch den Ministerrat, sondern auch durch die Mitgliedstaaten
ratifiziert werden m�ssen: Zu dieser "gemischten Kompetenz" geh�ren kulturelle
und audiovisuelle Dienstleistungen, Bildung, Soziales und Gesundheit.
Unklar ist auch, ob GATS als "horizontales" Abkommen
eingestuft werden k�nnte, denn trotz sektoraler Liberalisierungsverpflichtungen enth�lt
es faktisch sektoren�bergreifende - horizontale - Bestimmungen. Diese k�nnen im
EU-Ministerrat nur einstimmig verabschiedet werden.
Die EU wird gezwungen sein - wenn nicht ohnehin die Bereitschaft
besteht - , Marktzugang f�r ausl�ndische Anbieter zu erm�glichen, denn es gilt das
Prinzip der Gegenseitigkeit.
Handelskommissar Lamy: "Wenn wir unseren eigenen Zugang zu
fremden M�rkten verbessern wollen, dann k�nnen wir unsere gesch�tzten Sektoren nicht
aus dem Sonnenlicht heraushalten. Wir m�ssen offen sein, �ber alles zu verhandeln, wenn
wir einen gro�en Wurf machen wollen" (zit. bei Peter Wahl a.a.O.).
Ein besonderes Interesse zeigt sich aus Br�ssel an der Privatisierung
der Wasserversorgung, denn europ�ische Unternehmen wie Vivendi, Suez-Lyonnaise und
Bouygues habe eine starke Wettbewerbsposition.
In jetzt von attac ver�ffentlichten -vertraulichen- EU-Dokumenten
werden die vorl�ufigen W�nsche der EU-Kommission nach Entfernung oder Anpassung von
Gesetzen und Verordnungen, die den Handel mit Dienstleistungen in 29 WTO-Mitgliedsstaaten
einschr�nken, aufgef�hrt - an USA, Japan, Kanada, Indien, Brasilien pp.
Diese Dokumente zeigen, dass die EU die Absicht hat, alle
WTO-Mitglieder zu bitten, z.B. den Wassersektor (Wassergewinnung,
Gew�sserreinhaltung, Wasserverteilung sowie Abwasserkl�rung und -aufbereitung) f�r den
internationalen Wettbewerb zu �ffnen und gro�e Teile des Energiesektors, des
Einzelhandels, des Tourismus und des Transportes zu liberalisieren.
Dass diese Dokumente - vertraulich - behandelt und nicht von der
EU-Kommission ver�ffentlicht wurden, zeigt dass eine demokratische Kontrolle und
�ffentliche Debatte unm�glich gemacht werden sollte.
- Die allgemeinen Folgen von GATS
Die Auslieferung �ffentlicher Daseinsvorsorge an den Wettbewerb
hei�t Gewinnorientierung. Solidarsysteme werden zerst�rt, Qualit�ts- und
Umweltstandards gesenkt, Preise erh�ht. �ffentliche Kontrolle wird unm�glich gemacht.
Viele Frauen sind als ungelernte, schlecht bezahlte Arbeitskr�fte im
Dienstleistungssektor t�tig. Jeglicher Schutz von Arbeitsbedingungen und L�hnen kann
ausgehebelt werden.
Die weitere �ffnung des Tourismus-Sektors hat speziell in s�dlichen
L�ndern zu einer Zunahme des Frauen- und Kinderhandels sowie zu mehr Prostitution
gef�hrt.
Im Gegensatz zu den Industriel�ndern haben die meisten s�dlichen
L�nder nur einen schwach ausgepr�gten Service-Sektor. Sie haben hier wenig "zu
handeln", m�ssen aber ihre M�rkte den gro�en Konzernen �ffnen.
Da passt die Definition des f�hrenden Managers von Asea Brown Bovery,
Percy Barnevik:
"Globalisierung ist die Freiheit zu investieren, wo wir wollen,
zu produzieren, was wir wollen, und zu kaufen und zu verkaufen, was wir wollen und dabei
den geringstm�glichen Restriktionen unterworfen zu sein, was Arbeits- und Sozialgesetze
betrifft."
III. Das GATS und die Kommunen
1. Die Privatisierungswelle l�uft in den Kommunen schon
seit Jahren. Das GATS verst�rkt diese Tendenzen und soll ihnen einen weltweit g�ltigen
rechtlichen Rahmen geben.
Die Privatisierung der Telekommunikation und Eingriffe
in die kommunale Stromversorgung sind ebenso auf dem Weg wie die Privatisierung der
M�llentsorgung mit �berdimensionalen M�llverbrennungsanlagen. Im �ffentlichen
Personen-Nahverkehr (�PNV) werden unter dem Druck einer in Diskussion befindlichen
EU-Richtlinie Prozesse vorangetrieben: z. B. durch Zusammenlegungen �rtlicher/regionaler
Verkehrsbetriebe und Privatisierungen von Teilbereichen und/oder Auslagerung privat
betriebener Buslinien.
Im Gesundheitswesen dr�ngen gro�e private Krankenhausketten auf den
lukrativen Markt, die Wasserversorgung ist im Visier, dort winken Milliarden-Gewinne.
Die Kommunen sind allzu bereit, dem Druck und den vordergr�ndig
g�nstigen Angeboten der Konzerne nachzugeben. Durch den R�ckgang der Steuereinnahmen
Verringerung der Gewerbesteuer, Steuererleichterungen und Steuerflucht der gro�en
Konzerne - sinken die Einnahmen st�ndig. Gleichzeitig erh�hen sich die Ausgaben, z.B. im
Sozialbereich durch Langzeit-Arbeitslosigkeit. Das finanzielle "Ausbluten"
der Gemeinden und St�dte f�hrt zum Griff nach dem Strohhalm: Verkauf des
"Tafelsilbers", um kurzfristig Erleichterung zu bekommen. Manchmal ist dann auch
Korruption im Spiel.
St�dtische Wohnungen werden an Investoren verkauft, die �ffentliche
Aufgabe, f�r sozial Schwache Wohnraum zu ertr�glichen Mieten zur Verf�gung zu stellen,
wird aufgegeben.
In K�ln und anderen Orten hat auch das sog. "Leasing"-Modell
Furore gemacht: 4 Kl�rwerke und ein Teil des Kanalsystem wurden �ber eine Steueroase an
einen "US-Investor" verleast und zur�ckgeleast eine Vertragskonstruktion
�ber einen Zeitraum von 100 Jahren - daf�r sollte K�ln vom US-Staat als Steuervorteil
�ber 50 Mio. DM bekommen. Die Eigentumsverh�ltnisse sind unklar, die Steuerersparnis
jetzt fraglich, der "US-Investor" ist eine Briefkastenfirma auf den
Cayman-Islands, die Deutsche Bank soll aber als Vermittler 20 Mio. DM verdient haben.
2. Die Folgen der Privatisierung in der Kommune sind vielf�ltig:
 | �ffentliches Gemeindeeigentum wird verkauft, dies ist ein Enteigungsprozess von
Gemeineigentum gr��ten Stils |
 | die Kommunalverfassungen werden ausgeh�hlt, die Gemeinden in ihrem
Grundverst�ndnis angetastet: In der Gemeindeordnung (GO) von Nordrhein-Westfalen
(�hnlich in anderen Bundesl�ndern) ist das Wesen der Gemeinden als Grundlage des
demokratischen Staatsaufbaus beschrieben: "Sie f�rdern das Wohl der Einwohner in
freier Selbstverwaltung durch ihre von der B�rgerschaft gew�hlten Organe".
Au�erdem sind sie "in ihrem Gebiet ausschlie�liche und eigenverantwortliche Tr�ger
der �ffentlichen Verwaltung". Aufgaben sind: "Die Gemeinden schaffen ...die
f�r ihre wirtschaftliche, soziale und kulturelle Betreuung ihrer Einwohner erforderlichen
�ffentlichen Einrichtungen." Und: "Die Gemeinde darf zu sich zur Erledigung von
Angelegenheiten der �rtlichen Gemeinschaft wirtschaftlich bet�tigen, wenn ein dringender
�ffentlicher Zweck das erfordert...Als wirtschaftliche Bet�tigung gelten nicht
�ffentliche Einrichtungen, die f�r die soziale und kulturelle Betreuung der Einwohner
erforderlich sind..." |
 | Mit der Privatisierung gehen Kontrollrechte der B�rger, die sie �ber die
Gemeinde- und Stadtr�te haben, verloren. Auch wenn Rats-Mitglieder in Aufsichtsgremien
privater Unternehmen sitzen, sind sie nicht als �ffentliche Kontrollinstanzen dort,
sondern sind gezwungen, die "Unternehmensinteressen" voranzustellen. �ber
"Interna" privater Firmen d�rfen sie �ffentlich nicht sprechen. |
Damit wird ein weiterer Grundsatz der Gemeindeverfassung aufgegeben:
"Die Verwaltung der Gemeinden wird ausschlie�lich durch den Willen der B�rgerschaft
bestimmt".
Auch wenn die �ffentliche Kontrolle durch Stadtr�te jetzt oft nicht
ausreichend ist und Kungelei immer wieder das Bild bestimmt , so ist Aushebelung von
Kontrollm�glichkeiten keine L�sung. Besser ist es, wenn die B�rgerInnen Druck aus�ben,
damit die M�glichkeiten der Kontrolle wahrgenommen werden.
 | Eine Quersubventionierung eintr�glicher Bereiche der Daseinsvorsorge zu
Defizitbereichen ist nicht mehr m�glich. Alle Bereiche m�ssen dann privatwirtschaftlich
und damit gewinnorientiert arbeiten, das bedeutet: Preiserh�hungen und Senkung von
Qualit�tsstandards. Das bedeutet auch: Rationalisierung und Massenentlassungen. |
 | Eine weitere existenzielle Bedrohung haben die Kommunen aber von der forcierten
Entwicklung zum "virtuellen Rathaus" zu bef�rchten: K�nftig wird der
gr��te Teil auch der kommunalen Dienstleistungen und B�rgerdienste �ber Internet
online abgewickelt. Das kann zun�chst f�r die B�rger eine Service-Verbesserung
bedeuten. |
Aber: �ber die kommerzialisierten Netze und Lizenzen entsteht
Abh�ngigkeit von kommerziellen Netzbetreibern, die sehr daran interessiert sind, auch
�ber das Netz die Dienstleistungen als Handelsware selber anzubieten. B�rgernahe
Strukturen, der �rtliche Bezug und Zusammenhang werden aufgel�st, das Gespr�ch mit den
zust�ndigen st�dtischen Angestellten wird ersetzt durch anonyme Internet-Klicks.
 | Unter Herrschaft des GATS k�nnen Gemeinden ortsnahe mittelst�ndische
Unternehmen nicht mehr bevorzugen (auch um Arbeitspl�tze zu sichern), weil ausl�ndische
Gro�konzerne zu den gleichen Bedingungen bedient werden m�ssen |
 | Bei Privatisierungen gehen den Kommunen langfristig Geb�hreneinnahmen verloren,
das Finanzdesaster wird verst�rkt. |
Als Res�mee ist festzuhalten, dass die Gemeinden existenziell
betroffen sind, der Zusammenhalt in der Gemeinde, gemeinsame Gestaltung Planungen,
Unterst�tzung durch ehrenamtliche T�tigkeiten auf lokaler Ebene sind gef�hrdet, wenn
alles zur Ware wird.
Nun wird immer wieder eingewandt, die kommunal betriebenen
Dienstleistungen seien von schlechter Qualit�t. Da ist sicher etwas dran, wenn auch
manchmal �bertrieben wird.
Die Versorgung von "verdienten" Parteimitgliedern mit
Aufsichtsrats- und Vorstandsposten hat oft nicht deren Qualifizierung f�r die Aufgaben
zur Voraussetzung.
Und die schlechte Finanzausstattung der Gemeinden verhindert
Investitionen.
Aber mit Privatisierung ist das Problem nicht gel�st, auch wenn
private Anbieter behaupten, sie w�rden effektiv und kundenorientiert arbeiten. Im
Wettbewerb mag dies anf�nglich so sein, aber wenn die M�rkte aufgeteilt und neue private
Oligopole herrschen, k�nnen sie �ber den Preis und die Qualit�t bestimmen.
Viele von uns kennen sicher Beispiele, wo Unternehmen nach �bernahme
eines Sektors Verschlechterungen gebracht haben. Hier ist die M�llentsorgung sicher ein
Beispiel.
3. Der Widerstand hat begonnen
In immer mehr St�dten w�chst die Unzufriedenheit mit dieser oben
dargelegten Entwicklung.
Mit B�rgerbegehren, die nach der Landesverfassung von NRW m�glich
sind, wird versucht, Privatisierung zumindest aufzuschieben (ein erfolgreiches
B�rgerbegehren wirkt 2 Jahre). Z. B. hat ein B�rgerbegehren in D�sseldorf den
vollst�ndigen Verkauf der Stadtwerke zun�chst verhindert.
Gegen die skandal�sen �berdimensionierten M�llverbrennungsanlagen
gibt es Protest. In NRW, auch von der K�lner CDU, werden Pl�ne laut, privatisierte
Bereiche wieder in st�dtisches Eigentum zur�ckzuf�hren. Ob dies wirklich ein
Lernprozess aufgrund von Korruptionsvorw�rfen und �ffentlichem Druck ist, wird sich
erweisen.
Gegen den Verkauf von etwa 40.000 st�dtischen Wohnungen haben �ber
60.000 K�lner B�rger durch ihre Unterschrift protestiert. Das damit eingeleitete
B�rgerbegehren wurde von der Ratsmehrheit als "unzul�ssig" eingestuft. Der
Verkaufsprozess wurde eingeleitet. Der Protest geht weiter.
In manchen Krankenh�usern wird mit Unterst�tzung von ver.di gegen
Privatisierungen Stellung bezogen.
Auch im �PNV gibt Proteste, wenn z.B. durch Auslagerung von Buslinien
an private Unternehmen L�hne gesenkt und Arbeitsbedingungen verschlechtert. werden.
Die Proteste auf lokaler Ebene sind �u�erst wichtig (global denken -
lokal handeln) und m�ssen massiv verst�rkt werden.
Gleichzeitig ist eine Reform der Gemeindefinanzen notwendig, damit
diese die Grundbed�rfnisse ihrer B�rgerInnen als �ffentliche Aufgabe zu akzeptablen
Bedingungen garantieren k�nnen.
Zum Schluss: Wegen der Eingriffe in das Kommunalverfassungsrecht
ist Wilhelm Neurohr der Auffassung, dass �ber das im GG verankerte Widerstandsrecht
nachgedacht werden muss.
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benutzte Quellen:
 | www.attac-netzwerk.de/wto/gats
- viele Materialien der WTO-AG |
 | Peter Wahl: Dienstleistungen im Visier, Bl�tter f�r deutsche und internationale
Politik, S. 1208 ff |
 | Wilhelm Neurohr: "Kommunale Auswirkungen von GATS" in Rundbrief Dreigliederung
des sozialen Organsimus Nr. 4, Dez 2001 www.sozialimpulse.de |
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