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Asien und der Krieg gegen den Irak

3.M�rz 2003, von Andr� Vitchek

 

Im Februar standen die Menschen in Asien Schulter an Schulter vor ihren US-Botschaften und protestierten gegen den drohenden Krieg im Irak. Zwischen ein paar hundert bis zu hundert tausende von Menschen marschierten durch Regen, Schnee und tropische Hitze. Ihre Botschaft war eindeutig: „Wir sind nicht unbedeutend. Wir, die Menschen des gr��ten und bev�lkerungsreichsten Kontinents der Erde sind gegen den Krieg und gegen die Vorherrschaft des Westens. Und wir fordern, dass unsere Stimmen geh�rt werden."

Sogar in Japan, einem Land, das oft als zuverl�ssigster Unterst�tzer der US-Au�enpolitik beschrieben wird, sind ungef�hr 80 % der Bev�lkerung gegen den Krieg. Auf dem asiatischen Kontinent gibt es keine bedeutende Nation, die nach einer Invasion des Iraks schreit.

Von Indonesien bis zum Iran, von Japan bis nach Sri Lanka stellen die Menschen dieselbe Frage: Wer gab den USA und dem Rest der westlichen Welt das moralische Mandat �ber das Schicksal eines Landes zu bestimmen, das tausende von Meilen von ihren Grenzen entfernt liegt?

Die asiatische Einigkeit bei der Diskussion �ber den Krieg gegen den Irak wurde auf dem Gipfel der Blockfreien Staaten in Kuala Lumpur deutlich sichtbar. (Februar 2003) Die Bewegung der blockfreien Staaten vereint 116 L�nder, Zweidrittel der L�nder der Vereinten Nationen. Die gro�e Mehrheit asiatischer Nationen sind auch Mitglied der NAM. (Non-Aligned-Movement, Bewegung der Blockfreien Staaten, gegr�ndet 1961 in Belgrad, Zusammenschluss von Staaten, die sich nicht an Milit�rb�ndnissen des Ost-West-Konflikts beteiligen wollen, nationale Befreiungsbewegungen unterst�tzen wollen, Nord-S�d-Dialog f�rdern und sich f�r eine andere Wirtschaftsordnung einsetzen wollen)

Der malaysische PM, (Premierminister) Mahathir Mohamad erkl�rte: „Die Unsicherheiten der heutigen Welt bestehen nicht aufgrund eines `Zusammensto�es der Zivilisationen� zwischen dem Westen und dem Islam, sondern aufgrund eines Wiederauflebens des alten europ�ischen Wesenszugs die Welt dominieren zu wollen. Die Verwirklichung dieses Plans bringt unvermeidlich Ungerechtigkeiten und Unterdr�ckung von Menschen anderer ethnischer Abstammung und anderer Hautfarben mit sich. Es handelt sich nicht l�nger um einen Krieg gegen den Terrorismus. Tats�chlich handelt es sich um einen Krieg um die Weltherrschaft."

W�hrend die Zeitungen in S�dostasien mit Zitaten von Mahathir�s Reden gef�llt sind, zeigen die westlichen Medien ein grunds�tzliches Desinteresse und Respektlosigkeit gegen�ber der Meinung der gro�en Mehrheit der Menschen auf der Welt. Diese Meinung wird von ihren Staatsoberh�upten auf dem Gipfeltreffen der Blockfreien Staaten offen zum Ausdruck gebracht.

„Der Westen spricht �ber einige Unstimmigkeiten zwischen den USA und Deutschland, sowie den USA und Frankreich," sagt ein Maler aus Ubud (er m�chte nicht namentlich genannt werden), einer kleinen Stadt auf der Hindu-Insel Bali.

„Diese westlichen L�nder haben nur ein paar kleine Unstimmigkeiten. Sie sagen alle, dass der Irak sich ihrem Willen zu f�gen hat und entwaffnet werden muss. Sie unterscheiden sich nur in ihren Ansichten dar�ber, wie dies zu erreichen ist. Am Ende werden Frankreich und Deutschland den Irak nicht vor einem US-Angriff verteidigen. Wir in Asien sagen: Der Westen terrorisiert diesen Kontinent seit Jahrhunderten auf vielerlei Weise bis heute. Wir haben alle mehr unter den Europ�ern gelitten, als unter den Irakern. Warum sollten wir nun auf den Westen h�ren? Er hat kein moralisches Mandat und kein Recht f�r uns alle zu definieren, was richtig und was falsch ist."

Seit der Niederlage der Sowjet Union hat sich die `andere Supermacht� auf eine Mission begeben, bei der sie ihren `instinktiven Trieb nach �berlegenheit� befriedigen kann", so Iran�s Pr�sident Mohamad Khatami auf dem NAM-Gipfeltreffen. Er sprach auch �ber den `fanatischen Fundamentalismus� mit der die einzig verbleibende Supermacht ihre moralischen und kulturellen Werte zu ewigen und immerw�hrenden Wahrheiten erheben m�chte.

Sogar der indonesiche Pr�sident Megawati Sukarnoputri schloss sich der Kritik an der US-Regierung an: „Wie m�chtig ein Land auch sein mag, es hat kein Recht ein anderes Land einseitig anzugreifen."

„Von Asien aus gesehen, scheint der drohende Krieg gegen den Irak alle Merkmale eines angels�chsischen Abenteuers aufzuweisen", schrieb der einflu�reiche Sri Lankanesiche Journalist Marwaan Macan-Markar in seinem Artikel f�r den IPS. ( Inter Press Service, Nachrichtenagentur, verfolgt speziell den Informationsfluss S�d-S�d, S�d-Nord, Nord-S�d)

Viele Asiaten haben das Gef�hl, dass Bush nicht nur der UNO mit der Bedeutungslosigkeit droht. Die Bedeutungslosigkeit droht der ganzen Welt, die nicht wei� ist, der ganzen Welt, die darum k�mpft, ihre unterschiedlichen Kulturen zu erhalten, der Welt, die sich der Weltordnung und der One-Way-Globalisierung (Einbahnstra�en-Globalisierung) widersetzt.

W�hrend die westlichen Medien sich auf Einzelheiten und kleine Unstimmigkeiten zwischen den USA und seinen europ�ischen Verb�ndeten konzentrieren, versuchen M�nner und Frauen in allen gr��eren asiatischen St�dten das Wesentliche des Konflikts zu begreifen. Sie stellen Fragen wie z.B.: Warum muss die NATO nicht entwaffnet werden, sondern nur der Irak und andere L�nder? Warum bestehen die USA darauf Krieg zu f�hren, obwohl die gro�e Mehrheit der Menschen auf der ganzen Welt gegen diesen Angriff ist?

Asien hat entsetzlich unter westlichem Terror gelitten. Britische Kolonialherrscher z�gerten nicht, chemische Waffen und Ausrottungsmethoden gegen die Menschen im Mittleren Osten einzusetzen. (Dies erw�hnt Blair nicht, wenn er �ber die „zivilisierte Welt" philosophiert) Die Franzosen regierten brutal �ber das gesamte Indochina, die Holl�nder �ber Indonesien, usw.!

W�hrend der indonesischen Besetzung, die durch gr�nes Licht seitens der USA und Australien gedeckt war, (und konsequent von der britischen Milit�rindustrie unterst�tzt wurde) verlor Ost-Timor mehr als ein Drittel seiner Bev�lkerung.

Ganz S�damerika und gro�e Teile des Mittleren und des Fernen Ostens erlebten die Gei�el und die Gier des Britischen Empire. Die irakischen Menschen litten unter dem CIA-unterst�tzten Putsch von Saddam Hussein. Der Iran verlor eine Million Menschen bei der irakischen Invasion. Die Iraker erhielten ihre Waffen gleichzeitig sowohl von den USA, als auch von der UDSSR.

Die USA ermordeten Millionen unschuldiger Menschen in Indochina. Sie zerbombten ganze Landstriche in Kambodscha, unterst�tzen korrupte und brutale Diktatoren in S�dvietnam und in Kambotscha. (Sie ebneten den Roten Kmer den Weg an die Macht.) Sie schmissen Bombenteppiche auf die armen Menschen im isolierten Laos. Sie schlachteten zwischen 1 und 3 Millionen vietnamesischer M�nner, Frauen und Kinder ab und k�mmerten sich nicht einmal darum, herauszufinden, wieviel am Ende gestorben waren. Eigentlich betrachteten sie sie sowieso nicht als Menschen.

Die Menschen in Kambodscha, Laos und Vietnam, insbesondere die Kinder, verlieren weiterhin ihre Gliedma�en und ihr Leben in l�ndlichen Gebieten. Am Grund der Reisfelder, aber auch woanders auf dem Land liegen immer noch unz�hlige Bomben, die noch nicht explodiert sind. Die USA k�mmert sich nicht einmal darum mit Minenr�umunternehmen zusammen zu arbeiten.

Und was geschieht an der kulturellen und zivilisierten Front...? Welche Kleinigkeit ist denn �brig geblieben, nach der intensiven amerikanischen Bombardierung der einmaligen T�rme des `My son Sanctuary�. Der spirituelle Mittelpunkt des alten Champa K�nigreichs, von der UNESCO zum Weltkulturerbe gek�rt, ist ein Minenfeld geblieben. Die gro�artige Zitadelle des Herrschers Hue, ehemalige Hauptstadt von Vietnam und ebenfalls Weltkulturerbe der UNESCO ist nach einer verw�stenden US-Bombardierung gr��tenteils eine Ruine.

Warum in aller Welt sollten die Asiaten uns trauen? Warum sollten sie glauben, dass wir ein Mandat haben die Welt zu kontrollieren? Wir haben zwei Atombomben abgeworfen, nicht sie. Wir sind seit Jahrhunderten in ihre L�nder eingefallen. Wir haben unsere glorreichen „zivilisierten" St�dte mit dem Diebstahl ihrer nat�rlichen Ressourcen und der Sklavenarbeit ihrer M�nner, Frauen und Kinder aufgebaut. Wir haben sie mit Bombenteppichen �bers�t und alle Arten von Massenvernichtungswaffen gegen sie eingesetzt – einschlie�lich des ber�chtigten `Agent Orange�, das noch immer die Erde von Indochina vergiftet.

F�r Millionen Asiaten, deren Verwandte starben, deren Volkswirtschaften ruiniert und deren L�nder auf postindustrielle Verw�stungen zur�ckgeworfen wurden, sind unsere vergangenen und aktuellen Einmischungen nur eine schreckliche Realit�t. Diese ist nicht vergleichbar mit der Realit�t derjenigen, die Au�enpolitik in einem Pariser Caf�, in einer New Yorker Weinbar oder in einem Club in London diskutieren. F�r Asiaten ist es eine sehr reale Realit�t. Sie stinkt, sie l�sst einem im Winter frieren und l�sst einen entsetzliche Krankheiten erleiden. Es ist eine Realit�t, die Millionen Menschen hungern l�sst – Menschen in L�ndern, die wir angeblich „befreiten", „zivilisierten" und „sicher machten".

Dabei sitzen wir immer noch auf unseren Atombomben, wir kleben an unserer Veto-Macht und wir propfen unser Wirtschaftssystem, unsere Kultur und unser Regierungssystem der kompletten restlichen Welt auf.

Die Wahrheit ist, dass die restliche Welt das nicht will. Sie m�gen uns nicht. Sie haben die Schnauze voll von unserem Kolonialismus, unserem Neo-Kolonialismus, unserer Arroganz und unseren Kriegen. Sie haben die Schnauze voll von unseren WTOs, IWFs und Weltbanken. Milliarden Menschen haben die Schnauze voll, und dabei rede ich hier erst von Asien.

Statt das die CIA muslimische Extremisten auf der ganzen Welt jagt, sollte sie lieber ihre Spione in kleine indonesische D�rfer und St�dte schicken, auf das sie die Stimmen der Menschen hier h�ren w�rden. Anschlie�end sollten diese Spione ihren Chefs die Wahrheit berichten, die darin besteht, dass die meisten Asiaten unsere Vormachtstellung absolut satt haben. Sie sind schon ungeduldig und bereit, etwas dagegen zu unternehmen.

Man konnte es zwar nicht in westlichen Zeitungen lesen, aber nach den brutalen Anschl�gen am 11.September feuerten Vietnamesen selbstgemachte Raketen ab und feierten die Anschl�ge, was die vietnamesiche Regierung (korrekterweise) mit aller Kraft verleugnete. Erschreckt Sie das? Erinnern Sie sich, dass sie Millionen von Menschen verloren, und niemand hat je zu ihnen gesagt: „Tut uns leid, Entschuldigung, wir haben uns geirrt. Vielleicht sollten wir Euren Kindern, die wir verst�mmelten oder vergifteten etwas medizinische Hilfe zukommen lassen." So wie wir uns verhalten, k�nnen wir aus diesem Teil der Welt wohl kaum viel Zuneigung und Sympathien erwarten.

Bei all dem Terror und dem Leid, das wir in der Vergangenheit verursachten und in der Gegenwart weiter verursachen, besteht der einzige Weg, auf dem wir wirklich Frieden und Stabilit�t schaffen k�nnen darin, dass wir hier stoppen, dass wir uns entschuldigen und damit anfangen mit asiatischen (und nat�rlich mit lateinamerikanischen und afrikanischen L�ndern) auf gleicher Ebene zusammen zu arbeiten. Und nat�rlich darin, dass wir unsere Schulden bezahlen und dabei helfen, die Schweinereien, die wir angerichtet haben, aufzur�umen.

Nur dann besteht eine Chance daf�r, dass wir ehrlich unterst�tzt, gesch�tzt, gemocht und akzeptiert werden. Und vor allem daf�r, da� man uns verzeiht. Stattdessen treiben Bush und Blair den kompletten Planeten in eine Katastrophe.

Statt andere L�nder zur Abr�stung zu zwingen, sollten wir selbst abr�sten. Keinem lokalen Diktator gelang es so viel Leid auf dem Planeten zu verbreiten wie uns - wie unserer westlichen Zivilisation. Lasst uns erst selbst abr�sten und dann k�nnen wir andere (h�flich) fragen, es uns gleich zu tun.

Lasst uns auf die Mehrheit der Menschen in allen verschiedenen Teilen dieser Welt h�ren, anstatt dem kaum unterschiedlichen Gestammel, der Regierungen in Paris und Berlin zu applaudieren – sie haben dieselben Ziele wie wir, sie wollen sie nur mit unterschiedlichen Mitteln erreichen. Der Grund, warum sie jetzt nach „mehr Zeit" fragen liegt darin, dass sie immer noch ein bi�chen mehr Angst vor ihrem eigenen Volk haben, als vor Bush und seiner Clique.

Wir sind nicht das auserw�hlte Volk und unsere Wahrheit ist nicht die einzige Wahrheit. Es gibt nur zwei Gruppen, die berechtigt sind, den irakischen Pr�sidenten zu entwaffnen: Die eine ist das irakische Volk , und die andere besteht aus den „Menschen der Welt". Die Mehrheit der Menschen in den L�ndern der Generalversammlung der UNO. Diese Mehrheit sollte das Recht haben, uns, den Westen zur Abr�stung aufzufordern und uns aufzufordern, die UN-Resolutionen zu befolgen.

Ja, wir lachen dar�ber. Wir wissen, dass dieser Vorschlag naiv und absurd ist. Aber unser Lachen wird nicht mehr lange dauern. Man braucht nur auf die Worte des malaysischen Premierministers zu h�ren (Jeder Journalist, der in diesem Teil der Welt arbeitet, wird seine Worte bezeugen), damit einem Schauer den R�cken hinunterlaufen.

„Unsere Menschen werden unruhig. Sie wollen etwas unternehmen. Wenn wir nicht langsam etwas tun, werden sie das tun. Sie werden sich gegen uns wenden. Da sie nicht in der Lage sind, konventionellen Krieg zu f�hren, werden sie als letzten Ausweg auf einen Guerillakrieg und auf Terrorismus zur�ckgreifen."

 

�bersetzung aus dem Englischen, Regina Schwarz, M�rz 2003

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