Warum man die Globalisierung kritisieren soll --

Ein Versuch, etwas theoretische Klarheit in der Verwirrung zu schaffen

von Saral Sarkar

 

I. Einleitung

Schon seit einiger Zeit verursacht die Bezeichnung unserer Bewegung etwas Verwirrung: Sind wir eine Antiglobalisierungsbewegung oder eine globalisierungskritische? Manche neuen Mitstreiter in unserer Bewegung sagen etwas verwundert: Wieso sei die Globalisierung �berhaupt schlecht? Es gebe da sicher einige negative Aspekte, die korrigiert werden sollten. Aber es sei doch gut, wenn die V�lker der Erde durch Handel und globale Kommunikation wirtschaftlich, kulturell und bei anderen Sachen einander n�her k�men.

Als 1997 die Kampagne gegen das damals in Verhandlung befindliche Multilaterale Abkommen �ber Investitionen (MAI) begann, versuchten wir in Deutschland (damals nannten wir uns "Komitee Widerstand gegen das MAI") mit mehreren NGOs zusammenzuarbeiten, z.B. WEED, German Watch, BUND usw. Auf einem Treffen mit diesen Organisationen merkten wir schon damals, dass es da zwei unterschiedliche Positionen gab. Wir vertraten die Position, dass das MAI als Ganzes abgelehnt werden sollte. Einige andere meinten aber, ein besseres Abkommen m�sse her. Ein Teilnehmer dr�ckte sein Argument ungef�hr so aus: Investitionen im Ausland seien schon eine Realit�t. Zur Zeit w�rden sie durch etwa 1600 bilaterale Abkommen geregelt. Reiche Industriel�nder n�tigten bei bilateralen Verhandlungen armen Entwicklungsl�ndern, die insbesondere ausl�ndische Investitionen begehrten, f�r sie ung�nstige Bedingungen auf. Es sei also besser, wenn ein f�r alle g�ltiges, f�r die letztere Gruppe g�nstiges Investitionsabkommen zustande k�me. Die Frage konnte nicht ausdiskutiert werden, musste auch nicht, da ja die Zusammenarbeit gering war. Schon auf diesem Anfangsstadium der Bewegung wurde mir klar, dass es nicht nur um die Haltung gegen�ber einem multilateralen Investitionsabkommen ging, sondern um viel mehr, n�mlich um wirtschaftliche Globalisierung insgesamt – um Investitionsfreiheit, um pro und contra freien Welthandel, und darum, ob Wachstum des Welthandels begr��enswert ist.

Etwa zweieinhalb Jahre sp�ter, nach Seattle (also etwa im Januar 2000), wurde in der deutschen Bewegung die Meinung ge�u�ert, die EU m�sse aufh�ren, ihre Bauern vor ausl�ndischer Konkurrenz zu sch�tzen, das sei gegen den Geist des freien Welthandels. Der Dritten Welt entgingen dadurch gro�e Einkommensm�glichkeiten. Schon seit fr�her wurde �hnliche Kritik gegen die GATT-Bestimmungen zum Schutz der Textilindustrien der entwickelten Industriel�nder ge�u�ert. Oxfam, das auch an der Kampagne gegen das MAI beteiligt war, wiederholt heute nur diese Position. Die Grundlage einer solchen Position ist die prinzipielle Bejahung des Wachstums des Welthandels:

 

"Der Welthandel hat das Potential, ein kr�ftiger Motor f�r die Reduzierung der Armut und F�rderung des Wirtschaftswachstums zu sein, aber dieses Potential geht ungenutzt verloren. Es ist nicht so, dass der internationale Handel schon an sich den Bed�rfnissen und Interessen der Armen entgegensteht. Das ist nicht das Problem, sondern, dass die Bestimmungen, die ihn regeln, zugunsten der Reichen zusammengebastelt wurden." (Oxfam 2002)

In unserer Bewegung gibt es heute niemand, der ganz freien Welthandel fordert, auch Oxfam nicht. Man fordert faire Regeln daf�r, oder man will ihn bewu�t so gestalten, dass er der gesamten Menschheit, insbesondere den unterentwickelten L�ndern, zugute kommt. Ein ungef�hrer Konsens ist entstanden: Wir sind gegen neo-liberale, konzerngesteuerte wirtschaftliche Globalisierung, und wir sind f�r Globalisierung von unten. Das alles verlangt nach einer Menge Erl�uterung. Vor allem aber bleibt die Frage, ob das Wachstum des Welthandels begr��enswert ist. In diesem Artikel unternehme ich den Versuch, ein bi�chen theoretische Klarheit in der Verwirrung zu schaffen.

 

 

II. Argumente f�r freien Welthandel. Theorie des komparativen Vorteils

Wenn man in einem Lehrbuch der Volkswirtschaftslehre das Kapitel �ber die Theorie des internationalen Handels liest, scheint das Pl�doyer f�r freien Welthandel und Wachstum desselben recht �berzeugend zu sein. Es macht in der Theorie keinen Unterschied, ob man �ber Handel zwischen zwei Staaten oder multilateralen Handel, also Welthandel, redet. Es macht auch keinen Unterschied, ob es um Handel zwischen Staaten oder zwischen Regionen desselben Staates geht. Etwaiges Gef�lle im Entwicklungsniveau der Handelspartner spielt ebensowenig eine Rolle. Alle Beteiligten profitieren vom Handel, solange er frei ist, bzw. solange die Regeln fair sind und f�r alle gleicherma�en gelten. Das ist auch das Argument der Liberalisierer in der WTO, der Weltbank und im IWF. Auf die Kritik, dass die Regeln weder fair noch allgemeing�ltig sind, erwidern die Liberalisierer mit der Forderung, sie m�ssen mittel- oder langfristig fair und allgemeing�ltig gemacht werden. Wenn einer nun gegen die Liberalisierung des Welthandels und dessen Wachstum k�mpft, kann man ihm vorwerfen, er wolle, dass sich die gegenw�rtige weltweite Wirtschaftskrise versch�rfe. Was sagen wir dazu?

Das Argument der Theorie ist wie folgt: die Region (oder Land) A importiert die Ware X, die sie nicht produzieren kann, von der Region B, die diese Ware produzieren kann, und bezahlt den Import durch den Export der Ware Y, die sie produzieren kann, B aber nicht. Sowohl die Region A als auch die Region B profitieren von dem Handel. Das ist das einfachste und �berzeugendste Argument f�r Handel. (Dieses Argument gilt auch f�r Individuen, die in derselben Region leben.). Aber was soll man sagen, wenn beide Regionen beide Waren – sowohl X als auch Y – produzieren k�nnen? Sollen sie f�r sich selbst beides produzieren? Nein. Hier kommen die bekannten Vorteile der Spezialisierung (Arbeitsteilung) und Gr��endegression (economies of scale) als Argument. Jede Region soll sich auf die Ware spezialisieren, die sie kosteng�nstiger produzieren kann als die andere Region. Auch das ist, wirtschaftlich gesehen, einleuchtend.

Das Argument f�r (internationalen) Handel wird etwas komplizierter, wenn die Region A in beiden Branchen produktiver ist als die Region B. Die Theorie sagt, dass die Region A sich auch dann auf die Ware Y spezialisieren soll, in der sie eine h�here Produktivit�t hat, und die andere Ware, n�mlich X, von der Region B importieren soll, die ihrerseits die Ware Y von der Region A importieren soll. In der Theorie sagt man dann, die Region A hat in der Branche Y ihren komparativen Vorteil und die Region B in der Branche X. Bei den F�llen des vorigen Absatzes redet man vom absoluten Vorteil.

Ricardo hatte im Jahre 1817 diese Erkenntnis mit einem Beispiel dargelegt, bei dem Portugal und England vom jeweils anderen Tuch respektive Wein importierten, obwohl Portugal bei der Herstellung von beiden Waren produktiver als England war. Hier ist nicht genug Platz f�r eine ausf�hrliche Darlegung der Theorie. Wer das Argument etwas gr�ndlicher verstehen will, soll in einem Lehrbuch lesen, z.B. in dem von Samuelson und Nordhaus (1989). Ich pr�sentiere hier nur das von diesen Autoren benutzte Schema (S. 903), in dem sie annehmen, dass nur zwei L�nder und nur zwei Produkte im Handel beteiligt sind und dass Arbeitsaufwand der einzige Aufwand in der Produktion ist (in meiner �bersetzung aus dem englischen Original):

 

 

 

Amerikanischer und europ�ischer Arbeitsaufwand f�r Produktion

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notwendige Arbeitszeit

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Produkt in Amerika in Europa

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1 Einheit Lebensmittel 1 Arbeitsstunde 3 Arbeitsstunden

1 ,, Kleidung 2 ,, 4 ,,

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In diesem hypothetischen Beispiel hat Amerika sowohl bei Lebens-
mitteln als auch bei Kleidung einen niedrigeren Arbeitsaufwand.

Amerikanische Arbeitsproduktivit�t ist 2- bzw. 3mal h�her als die

von Europa. ... Dennoch lohnt es sich f�r beide Regionen, mit-

einander Handel zu treiben.

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Zum besseren Verst�ndnis der Theorie m�chte ich hier ein paar S�tze hinzuf�gen. Der Produktivit�tsabstand zwischen den zwei Regionen ist bei den zwei Waren unterschiedlich. Amerikas Produktivit�ts�berlegenheit bei Lebensmitteln ist h�her (1 : 3) als bei Kleidung
(2 : 4). Das hei�t, Amerika hat bei Lebensmitteln einen komparativen Vorteil. Es soll sich also auf Lebensmittelproduktion und -exprort spezialisieren. Die Produktivit�tsunterlegenheit von Europa ist niedriger bei Kleidung als bei Lebensmitteln. Das hei�t, sein komparativer Vorteil im Handel liegt bei Kleidungsproduktion und -export. Die Frage, die hier entsteht, ist, warum die Amerikaner �berhaupt Kleidung aus Europa importieren sollen, wo sie auch bei Kleidungsproduktion produktiver sind. Die Antwort liegt in der Annahme, dass die Amerikaner in dem Prozess des Handels und der Spezialisierung Arbeitskr�fte aus der Kleidungsproduktion abziehen und sie in die rentablere Lebensmittelproduktion stecken. Die Europ�er machen das Umgekehrte. Weil nun die Amerikaner keine Kleidung mehr produzieren, kann Europa seine Kleidung in Amerika verkaufen. Ein anderer Punkt, den wir bei dieser Frage bedenken sollen, ist einer, den wir schon aus der Handelsbeziehung zwischen den Industriel�ndern und den Entwicklungsl�ndern kennen. Weil (unter anderem) die europ�ische Produktivit�t niedriger ist als die amerikanische (so die Annahme in dem Schema), sind auch die europ�ischen L�hne niedriger als die amerikanischen.

Zumindest die theoretische Beweisf�hrung f�r die Theorie erscheint als �berzeugend. Das best�tigt auch Herman Daly (1990: 209), ein renommierter �konom, der die neoliberale Globalisierung und das Wachstum des Welthandels kritisiert. Klar, die Verh�ltnisse in der realen Weltwirtschaft sind sehr viel komplizierter als dieses theoretische Schema. Aber auch in der realen Weltwirtschaft sind Tausende von sinnvollen Spezialisierungen zu beobachten. Zum Beispiel importiert Japan Jumbo-Jets aus den USA, obwohl es solche Flugzeuge auch selbst produzieren k�nnte. Und die USA importieren Kameras aus Japan, obwohl sie selbst diese Ger�te produzieren k�nnten. Die Vorteile der Spezialisierung und des liberalisierten Welthandels und dessen Wachstums k�nnen also nicht geleugnet werden. Das gilt nicht nur f�r das kapitalistische System. Auch im ehemaligen "sozialistischen" RGW-Block funktionierten die Planwirtschaften der einzelnen L�nder arbeitsteilig.

Es liegt auch auf der Hand, dass Versuche, bestimmte nationale Industrien durch Zollmauern und andere Ma�nahmen zu sch�tzen, den Prozess der Arbeitsteilung (Spezialisierung) unter den verschiedenen Volkswirtschaften beeintr�chtigen und folglich die daraus entstehenden Vorteile der Gr��endegression (economies of scale) schm�lern. Wenn z.B. US-Industrielle versuchen w�rden, Kameras in Amerika zu produzieren und der Staat sie mittels erh�hter Z�lle im heimischen Markt sch�tzen w�rde, w�rden sowohl die japanische als auch die amerikanische Kamera-Industrie kleinere Serien produzieren k�nnen, mit der Folge, dass sich die Produktionskosten erh�hen w�rden. Au�erdem w�rde Japan Vergeltung �ben. Die gesamte Weltproduktion w�rde dadurch einen R�ckgang erfahren.

Diese Erfahrung hat die Weltwirtschaft schon in den 1930er Jahren gemacht. W�hrend der Gro�en Depression (1929 - 1933) versuchten die meisten Industriel�nder, ihre eigenen Industrien zu f�rdern bzw. zu sch�tzen, indem sie ihre W�hrungen durch Abschaffung des Goldstandards abwerteten oder deren Abwertung auf dem Devisenmarkt zulie�en. Bekanntlich f�rdert die Abwertung der W�hrung eines Landes den Export und drosselt den Import. Das war eine verallgemeinerte Form von Protektion. Aber es gab auch den offenen, partikul�ren Protektionismus durch Erhebung oder Erh�hung von Z�llen. Da aber jedes Industrieland mit den gleichen Methoden dasselbe zu erreichen versuchte, gab es keinen Gewinner, sondern nur Verlierer. Diese Politik vertiefte nur die Depression (Siehe Galbraith 1995, 127 - 128). Wenn also heute Establishment-�konomen sagen, der Welthandel m�sse liberalisiert werden, damit er wachse, sonst versch�rfe sich die gegenw�rtige weltweite Krise, hat das eine gewisse Berechtigung.

Warum kritisieren wir denn �berhaupt die Liberalisierung der wirtschaftlichen Globalisierung, zumindest viele von uns? Warum verwarfen in der Geschichte viele L�nder – auch nach der Formulierung der Theorie des komparativen Vorteils und selbst nach der schlimmen Erfahrung mit der Depression der 1930er Jahre – das Prinzip des Freihandels und versuchten, sich umfassend zu industrialisieren, statt sich zu spezialisieren?

 

 

III. Die Annahmen der Theorie und die Wirklichkeit

Die Antwort auf diese Fragen liegen zum Teil in der Sph�re der politischen und zum Teil in der Sph�re der wirtschaftlichen Wirklichkeit.

Eine Theorie kann nur richtig sein, wenn und soweit die ihr zugrunde liegenden Annahmen stimmen. Das ist hier nicht oder nur begrenzt der Fall. Zwar muss eine Theorie von konkreten Einzel- und Ausnahmef�llen abstrahieren. Sonst ist keine Theoriebildung m�glich. Wenn sie aber sozusagen von dem Regelfall abstrahiert, dann ist ihre �berzeugungskraft gering.

 

Die politische Wirklichkeit

In der Theorie des internationalen Handels wird angenommen, dass alle Beteiligten gleichberechtigt sind, dass sie freiwillig daran teilnehmen und dass sie nur durch fairen Handel reich werden wollen. Die M�glichkeit und die historische Realit�t, dass m�chtige, imperialistische L�nder milit�risch und/oder wirtschaftlich andere, insbesondere schwache und wirtschaftlich unterentwickelte L�nder (oder zumindest ihre M�rkte) erobern bzw. kontrollieren, um dann durch koloniale oder halbkoloniale Herrschaft ihre nat�rlichen Reicht�mer und Arbeitsprodukte quasi pl�ndern zu k�nnen, wird in der Theorie nicht ber�cksichtigt. Das aber war bzw. ist immer noch (oder wieder) ein Gro�teil der Wirklichkeit. Vor diesem (historischen) Hintergrund sind die Entstehung des Nationalismus und der Wille zur politischen und wirtschaftlichen Unabh�ngigkeit und selbst�ndigen Entwicklung verst�ndlich, sogar rational. Angesichts der Wichtigkeit der Nahrungssicherheit und angesichts der Tatsache, dass die USA in vergangenen Jahrzehnten Weizenlieferungen als eine politische Waffe, als ein Erpressungsmittel, benutzt haben, ist insbesondere eine Landwirtschaftspolitik des "Food First", d.h. weitestgehender Selbstversorgung, sehr wichtig, und zwar f�r alle L�nder, inklusive der EU (vgl. Shiva 2002, und Bov� und Dufour 2001).

In der heutigen Welt geschieht die Eroberung der schwachen L�nder, d.h. ihrer M�rkte und Ressourcen, haupts�chlich durch die transnationalen Konzerne (TNK) der m�chtigen und gro�en Industriel�nder. Einsatz der Milit�rs direkt zu diesem Zweck ist nur selten n�tig, denn die TNKs und ihre Heimatl�nder besitzen gen�gende Erpressungsmittel im Bereich der Wirtschaft und des Handels.

Dass protektionistische Ma�nahmen die Gro�e Depression der 1930er Jahre verschlimmerten, ist oben erw�hnt worden und als Argument gegen solche Ma�nahmen �berzeugend. Aber bei der Diskussion �ber diesen Punkt darf man nicht vergessen, dass in den 1930er Jahren (und auch danach) diese Diskussion sich auf L�nder von Europa und Nordamerika beschr�nkte, die schon industrialisiert waren und die nicht unter den Problemen litten, unter denen heute die Schwellen- bzw. unterentwickelten L�nder leiden, n�mlich unter Wirtschaftskolonialismus. Dennoch kann man heute auch in den hoch entwickelten Industriel�ndern politische Verh�ltnisse feststellen, die sich in einem etwas anderen Sinne kolonialistisch ausnehmen. Zwar nicht fremde politische M�chte, aber doch das globale Kartell der transnationalen Konzerne – vertreten durch ihre Verb�nde wie die International Chamber of Commerce (ICC), ihre Freunde in den Regierungen, ihre Lobbyisten usw. und mittels multilateraler Vertr�ge wie der WTO und NAFTA – diktieren faktisch den Volksvertretern dieser L�nder, wie die Wirtschafts- und andere relevanten Politiken sein sollen. Diese faktische Aushebelung der Demokratie und Souver�nit�t ist Grund genug f�r viele Menschen in den Industriel�ndern, sich der neoliberalen, wirtschaftlichen Globalisierung zu widersetzen.

Die Lehrbuchautoren beweisen die logische Richtigkeit der Theorie unter der Annahme, dass die Politik im Handel keine Rolle spielt. Aber politisch motivierte Embargos, Boykotts, Pr�ferenzen und andere Ma�nahmen spielen regelm��ig eine nicht zu vernachl�ssigende Rolle in internationalem Handel.

 

 

Die wirtschaftliche Wirklichkeit

Auch Lehrbuch-Autoren haben eine gro�e Diskrepanz zwischen den Annahmen der Theorie und der wirtschaftlichen Wirklichkeit festgestellt und deswegen die G�ltigkeit der eleganten Theorie des komparativen Vorteils relativiert. Die Theorie nimmt – wie im allgemeinen die gesamte, alte klassische Wirtschaftstheorie – reibungslos funktionierende Volkswirtschaften an, in denen sich Preise und L�hne schnell der Marktlage anpassen und in denen es keine unfreiwillige Arbeitslosigkeit geben kann. Sie nehmen mittel- bis l�ngerfristige Vollauslastung von allen Kapazit�ten an, nicht nur von Arbeitskraft, sondern auch von Kapital. Nicht nur �konomen, sondern auch Laien wissen, dass diese Annahmen weltfremd sind. Es gibt in kapitalistischen Wirtschaften sowohl konjunkturelle als auch strukturelle Arbeitslosigkeit. Und konjunkturelle Auf- und Abschw�nge und Perioden von Stagnation und Depression geh�ren einfach zum kapitalistischen Wirtschaftssystem. Wenn die F�hrer eines Landes Massenarbeitslosigkeit nicht einfach hinnehmen wollen, dann m�ssen sie auf einige Vorteile des freien Welthandels verzichten und auch in den Branchen der Wirtschaft Arbeitspl�tze zu schaffen oder zu verteidigen versuchen, in denen ihr Land einen komparativen Nachteil hat. Um diese Branchen vor dem Ruin zu sch�tzen, m�ssen sie halt Zoll- und andere Mauern errichten.

Es gibt zudem keine Garantie, dass die Arbeitslosen der Branchen, die wegen ihres komparativen Nachteils auf dem Weltmarkt aufgegeben w�rden, in den Branchen Arbeit finden w�rden, die wegen ihres komparativen Vorteils florieren w�rden. Das ist aber eine grundlegende Annahme der klassischen Theorie des freien Welthandels. Sie ist erstens deswegen falsch, weil Arbeiter nicht blo� abstrakte Arbeitskr�fte sind, die beliebig angelernt und hin und her geschoben werden k�nnen, sondern Menschen. Aus einem ruinierten �lteren Bauern z.B. einen Stahlkocher zu machen, ist nicht nur �u�erst schwer, sondern auch ein unmenschliches Unterfangen. Die Ignorierung der menschlichen Dimension ist allerdings ein fester Bestandteil der Rationalit�t des gesamten Kapitalistischen Wirtschaftssystems, nicht allein der klassischen Wirtschaftstheorie. Nur ein ins Wirtschaftsgeschehen intervenierender Staat, der auch ein Wohlfahrtsstaat sein musste, und die Gewerkschaften haben geschichtlich die Gesellschaft einigerma�en vor der brutalen Rationalit�t des Kapitalismus gerettet.

Zweitens kann es bei unaufh�rlich fortschreitender Automation in der Industrie und Mechanisierung in der Landwirtschaft nicht einmal die volle Ausn�tzung aller komparativen Vorteile eines Landes schaffen, den s�kularen Trend zur steigenden Arbeitslosigkeit zu brechen. Die Annahme der Theorie, dass die Ressource Arbeitskraft knapp ist, so dass in Amerika in dem obigen schematischen Beispiel f�r die spezialisierungsbedingte Expansion der Lebensmittelbranche Arbeitskr�fte aus der Kleidungsbranche abgezogen werden muss, ist also schlicht falsch. Hinzu kommt, dass in den meisten L�ndern der Welt – demographisch oder immigrationsbedingt – die Bev�lkerungszahl w�chst. Die Wachstumsraten der Wirtschaft, die heute notwendig w�ren, Vollbesch�ftigung zu erreichen, sind nicht mehr erreichbar – aus Gr�nden, die ich an anderer Stelle dargelegt habe (Siehe Sarkar 2001).

Zumindest in der Lehrbuch-Darlegung der Theorie des komparativen Vorteils, die ich gelesen habe, wird einfachheitshalber angenommen, dass der Transport der G�ter nichts kostet. Wie gerechtfertigt ist diese Annahme? Zwar sind zur Zeit wegen der niedrigen Energiepreise die Kosten von Transport von G�tern �ber lange Strecken eine unbedeutende Gr��e. Die Energiepreise werden aber langfristig unweigerlich steigen. M�glichst viel, insbesondere lebenswichtige G�ter, im eigenen Land mit eigenen Ressourcen zu produzieren, statt zu importieren, wird dann nicht nur vom politischen, sondern auch vom wirtschaftlichen Gesichtspunkt aus betrachtet rational erscheinen.

Das theoretische Modell des freien internationalen Handels sagt uns eigentlich nur, dass alle beteiligten H�ndler davon profitieren und dass das Gesamtprodukt der in dem vereinigten Markt erfassten Region w�chst. Es garantiert nicht, dass das Gesamtprodukt von jedem der beteiligten L�nder wachsen wird. Denn das gewachsene Gesamtprodukt der Region kann sehr ungleich verteilt werden. Die bisherige Erfahrung mit dem Welthandel zeigt, dass die Industriel�nder den L�wenanteil des gewachsenen Gesamtprodukts an sich rei�en k�nnen. Dank ihrer Macht an den internationalen Waren- und Rohstoffb�rsen der Welt k�nnen sie durch Manipulationen die Preise der meisten Produkte der Entwicklungsl�nder herabdr�cken. Das Modell garantiert auch nicht, dass die L�nder A und B nicht versuchen w�rden, auf Kosten der anderen Mitgliedsl�nder des vereinigten Marktes gegenseitig vorteilhafte Gesch�fte zu machen (Daly und Cobb Jr. 1990, 211). Unter diesen Umst�nden ist Spezialisierung auf ein (oder einige wenige) Produkt(e) – Kaffe, Kakao oder Tee – schlechte Gesch�ftspolitik. Eher Diversifikation ist ratsam.

Diese Kritik von Daly und Cobb Jr. ist richtig. Aber sie sollte an das gesamte kapitalistische System gerichtet werden. Ein Teil des Systems, n�mlich freier internationaler Handel, kann nicht grunds�tzlich anders sein als das gesamte System. Ungleiche Verteilung des zunehmenden Gesamtprodukts unter den Regionen findet auch innerhalb von nationalen Grenzen statt. Auch innerhalb von Deutschland gibt es keine Garantie, dass das Gesamtprodukt von z.B. Brandenburg wachsen wird, wenn das von Deutschland w�chst.

Es ist auch nicht richtig, dass das Modell nur den H�ndlern Vorteile verspricht. Es verspricht zumindest auch denjenigen Vorteile, die nach der �ffnung des Marktes ihren Job nicht verloren haben. Denn es ist unbestreitbar, dass die Preise und/oder Qualit�ten der importierten Waren, die die gleichen einheimischen Produkte verdr�ngt haben, niedriger bzw. besser sind als die der letzteren, was zum erh�hten Realeinkommen f�hrt. Die Richtigkeit dieser Behauptung der Theorie kann jeder in einem deutschen Kaufhaus feststellen.

Eine sehr bekannte Behauptung der Protagonisten des freien Welthandels ist allerdings falsch, n�mlich die, die sich in dem bildlichen Spruch ausdr�ckt: "wenn die Flut steigt, steigen alle Boote". Zahlreiche Armutsberichte in verschiedenen L�ndern belegen, dass viele Menschen �rmer werden, w�hrend das Gesamtprodukt des Landes und der Welt w�chst. Das Bild ist schlicht falsch; Menschen leben auf dem Land. Auch das andere Bild mit Wasser ist falsch, das von dem durchsickernden, wachsenden Reichtum (trickle-down effekt). Das ist aber eine Kritik, die, wie schon oben bemerkt, das gesamte kapitalistische System trifft. Eine �berzeugende Kritik speziell an freiem Welthandel und dessen Wachstum besteht in einer anderen Sph�re, die ich weiter unten behandle.

Ein anderer Kritikpunkt: Daly und Cobb Jr. (1990, 213 ff) weisen darauf hin, dass Ricardo, als er seine Theorie des komparativen Vorteils formulierte, von der internationalen Immobilit�t des Kapitals (bei hoher Mobilit�t von G�tern) ausging. Er sprach von "der Schwierigkeit, die das Kapital bei seiner Suche nach profitableren Investitionsm�glichkeiten hat, sich von einem Land ins andere zu bewegen" (zit. nach ibidem). Das ist genau der Grund daf�r, dass komparative Vorteile existierten und internationaler Handel auf deren Grundlage sinnvoll war. Mit Bezugnahme auf das ber�hmte Beispiel von Ricardo erl�utern Daly und Cobb Jr. das Argument wie folgt:

 

"... wenn das Kapital ungehindert �ber nationale Grenzen flie�en k�nnte, w�re die Situation international genau so wie in einem einzigen Land. Englisches Kapital w�rde nach Portugal flie�en, um portugiesisches Kapital zu erg�nzen, und sowohl Wein als auch Tuch w�rde dort produziert. Wenn sich auch Arbeiter ungehindert �ber nationale Grenzen bewegen k�nnten, gingen auch englische Arbeiter nach Portugal, denn in England g�be es [f�r sie] keine Arbeit." (ibidem, S. 213 - 214)

In der heutigen Welt kann das Kapital ungehindert �ber die nationalen Grenzen flie�en, Arbeiter aber d�rfen oder wollen das in den meisten F�llen nicht. Der freie Fluss von Kapital und G�tern hat zur Folge, dass Investitionen durch absolute Rentabilit�t entschieden werden, nicht durch komparative Vorteile.

Ein Teil unserer Bewegung, z.B. der Protest der von Arbeitslosigkeit bedrohten US-amerikanischen Arbeiter gegen die Verlagerung von Produktion von den USA nach Mexiko, ist eben durch diese Freiz�gigkeit des Kapitals verursacht. Ricardo konnte 1817 nicht einfallen, diese damals hypothetische Situation durchzudenken. Wir k�nnen es aber heute. Wir k�nnen nicht sagen, dass die Freiz�gigkeit des Kapitals ein eindeutiges �bel ist. Daly und Cobb Jr. haben im obigen Zitat von Erg�nzung des einheimischen Kapitals durch einwanderndes ausl�ndisches Kapital gesprochen. F�r kapitalarme Entwicklungsl�nder und ihre Massen von Arbeitslosen ist eine solche Erg�nzung willkommen. Das einzige Negative dabei ist, dass der Gewinn nicht im Lande bleibt. Hier sehen wir einen Interessengegensatz zwischen den Arbeiterklassen der entwickelten und unterentwickelten L�nder. Es gibt aber Standortkonkurrenz auch unter Industriel�ndern. Ungebundenes Kapital flie�t auch von einem Industrieland in ein anderes sowie von einem unterentwickelten Land in ein anderes. Die Existenz oder das Fehlen von starken Gewerkschaften, aber auch andere kleine Vor- oder Nachteile gen�gen als Anreiz dazu. Die Anarchie und die Krisenanf�lligkeit des kapitalistischen Systems wird dadurch gesteigert, insbesondere durch vagabundierendes, spekulatives Kapital.

Was aber durch die Freiz�gigkeit des Kapitals auch geschieht ist, dass in bestimmten Branchen das einheimische Kleinkapital von starkem transnationalem Kapital von dem Markt verdr�ngt wird – z.B. einheimische Imbi�buden durch die McDonalds-Kette oder Bauern durch transnationale Agribusiness-Konzerne. In der Welt als Ganzes ist heute, im Gegensatz zu der Annahme von Ricardo und den Lehrbuchautoren, die Ressource Kapital (sowie Arbeitskraft, wie oben gezeigt) nicht begrenzt. Solche Verdr�ngungen geschehen auch durch internationalen Handel in G�tern. Lokale Hersteller einer Ware k�nnen durch Billigimporte aus dem Markt verdr�ngt werden. Viehz�chter in der Sahel-Zone von Afrika wurden z.B. durch den Import von durch Subventionen verbilligtem Fleisch aus der EU ruiniert. Die Konsumenten in der Sahel-Zone haben nat�rlich das billigere Fleisch gekauft. Das Problem bei unserer Kritik an solchen Importen war und ist die Frage, warum die Konsumenten nicht die billigere Ware genie�en d�rfen. In einer �hnlichen Situation werden die Bauern – insbesondere kleinere und Mittelbauern – in der EU sein, sollten die Politiker den EU-Agrarmarkt ganz �ffnen. Dem gleichen Problem standen US-amerikanische Stahlarbeiter gegen�ber, die zu Tausenden ihren Job verloren, weil Stahlverbraucher in den USA (z.B. im Hausbau) zollfrei importierten Stahl zu niedrigeren Preisen erstehen konnten als US-Stahl. Der gegenw�rtig bei der WTO angefochtene Versuch der US-Regierung, die US-amerikanische Stahlindustrie durch (h�here) Z�lle zu sch�tzen, hat den Verlust von Stahl-Arbeitspl�tzen in anderen L�ndern zur Folge, z.B. in S�dkorea.

Wir sehen, die Gemengelage der widerspr�chlichen Interessen der uns nahestehenden Bev�lkerungsgruppen macht uns das Leben schwer. Das ist auch ein Grund f�r die Auseinandersetzung zwischen Oxfam und Vandana Shiva. Es gen�gt nicht, dass wir alle (so unser Minimalkonsens) die TNKs hart kritisieren, die Kontrolle des internationalen Finanzmarktes fordern usw.

 

 

Das Nachhaltigkeits- (oder Zukunftsf�higkeits)kriterium

Dass die Wirtschaft jedes Landes, ja der ganzen Welt, nachhaltig sein m�sste, ist, was die Zukunftsperspektive betrifft, inzwischen auch ein Minimalkonsens grunds�tzlicher Bedeutung, ein Basisprinzip unserer politischen Arbeit. Bei der Interpretation des Begriffs gibt es aber gro�e Differenzen, und das eigentlich ist die tiefere Ursache der anderen Hauptdifferenzen, die sich beispielhaft in der Auseinandersetzung zwischen Oxfam und Shiva manifestieren.

Oxfam sagt in dem folgenden Zitat, was es unter Nachhaltigkeit (Zukunftsf�higkeit) versteht:

 

"Das bestehende Welthandelssystem kann man nicht verteidigen, und es ist nicht zukunftsf�hig (unsustainable). Keine zivilisierte Gemeinschaft sollte bereit sein, die Extreme von Wohlstand und Armut zu tolerieren, die die herrschende Handelspraxis erzeugt. Gro�e Teile der Entwicklungsl�nder werden zu Enklaven von Verzweiflung, die zunehmend marginalisiert und von dem wachsenden Reichtum ausgeschlossen werden, der durch den Handel zustande kommt. Geteilte Prosperit�t kann nicht auf einer solchen Grundlage aufgebaut werden. Genau wie die wirtschaftlichen Kr�fte, die die Globalisierung vorantreiben, werden auch die Wut und sozialen Spannungen, die die Ungleichverteilung von Reichtum und Chancen begleiten, keine nationalen Grenzen respektieren. Die Instabilit�t, die sie hervorbringen werden, bedroht uns alle. In der globalisierten Welt von heute ist unser Leben mehr als je zuvor unl�sbar verkn�pft mit denen von anderen. Das gilt auch f�r unseren Wohlstand. Als globale Gemeinschaft werden wir zusammen schwimmen oder zusammen untergehen." (Oxfam 2002)

F�r Shiva (2002) aber bedeutet Nachhaltigkeit etwas ganz Entgegengesetztes. W�hrend Oxfam den wachsenden Reichtum, der durch den Handel zustande kommt, begr��t und nur die kommende Instabilit�t und die Wut und Verzweiflung der Armen f�rchtet, die den Wohlstand der Reichen bedroht, ist Shiva um die �kologische Nachhaltigkeit der Entwicklungsl�nder und um die Sicherung eines bescheidenen Lebensunterhalts f�r die Armen besorgt. Sie hat sich offensichtlich die Hoffnung abgeschminkt, dass in ihrem Land Indien die Mehrheit der Bev�lkerung je den Wohlstand erreichen w�rde, von dem Oxfam redet. Darum sieht sie in dem Prozess des Exports von Rindfleisch aus Indien den Verlust von einer wertvollen Quelle von Energie und D�ngemittel, die die Tiere liefern w�rden, w�rden sie nicht geschlachtet (Es ist nicht klar, ob sie etwas dagegen h�tte, wenn nur Rinder geschlachtet w�rden, die weder Energie als Zugtier noch Milch mehr liefern k�nnen). Sie schreibt auch von der riesigen Summe von Devisenausgaben, die sich Indien h�tte ersparen k�nnen (durch unterlassenen Import von Kunstd�nger und fossiler Energie, nehme ich an), wenn es die Tiere h�tte l�nger leben lassen.

Shiva hat die Grenzen des Wachstums als eine Tatsache akzeptiert – nicht nur in bezug auf die Kapazit�t der Natur, die von Menschen verursachte Degradation der Umwelt zu absorbieren, sondern auch in bezug auf die Verf�gbarkeit von Ressourcen. Sie schreibt:

 

"Da Agrarhandel auf Land, Wasser und Biodiversit�t beruht und da verf�gbares Land und Wasser begrenzt sind, zweigt die export-orientierte Agrarpolitik Land und Wasser von der Produktion von Grundnahrungsmitteln f�r lokalen Verbrauch ab. Die Schwerpunktsetzung auf Export verschiebt den Gebrauch der Naturressourcen der armen L�nder hin zur Produktion von Luxusartikeln f�r reiche Konsumenten in reichen L�ndern, und zwar zu geringen Kosten. Sie bewirkt, dass die Kontrolle �ber die Ressourcen aus den H�nden von kleinen Bauern und Fischern und in die H�nde der Agribusiness-Konzerne ger�t. Sie zerst�rt die nat�rliche Ressourcenbasis durch nicht-nachhaltigen Verbrauch, zerst�rt in dem Prozess die Lebensgrundlage von Kleinproduzenten und erzeugt Armut, anstatt sie zu beseitigen." (Shiva 2002)

Der gesamte Bericht von Oxfam liegt mir nicht vor. Ich kann mir aber auf der Grundlage meines Wissens �ber die Nachhaltigkeitsdiskussion vorstellen, dass Oxfam durchaus an Umweltschutz und das Ressourcenproblem denkt und dass es trotzdem, wie viele andere Menschen und Gruppen, nachhaltiges Wirtschaftswachstum f�r m�glich h�lt. Dann kann es �berhaupt kein Problem haben mit seiner in dem genannten Bericht enthaltenen Position.

An anderer Stelle habe ich ausf�hrlich dargelegt, warum ich nachhaltiges Wirtschaftswachstum f�r einen schwarzen Schimmel halte (Sarkar 2001). Wie Shiva schreibt, haben wir hier einen Konflikt zwischen zwei entgegengesetzten Paradigmen: dem Wachstumsparadigma und dem Grenzen-des-Wachstums-Paradigma. Wenn es stimmt, dass es Grenzen des Wachstums gibt, dass nachhaltiges Wirtschaftswachstum nicht m�glich ist und dass in den meisten Entwicklungsl�ndern die nat�rlichen Ressourcen schon knapp geworden und die Umweltzerst�rung sehr fortgeschritten sind, dann w�rde eine Politik, mehr aus diesen L�ndern in die reichen Industriel�nder zu importieren, bedeuten, dass die Industriel�nder Nachhaltigkeit aus den Entwicklungsl�ndern importieren, um den Preis der Unnachhaltigkeit dieser L�nder (Pearce et al. 1989: 45). Unter neo-kolonialistischen Verh�ltnissen k�nnte man das auch Pl�ndern nennen. Die gro�en und Mittelbauern, die ihre Produkte nach Europa und Amerika exportieren w�rden, w�rden sicher reicher werden. Aber Oxfam will doch die Armut der Armen beseitigen. Oder?

Einige Ziele von Oxfam sind sehr unterst�tzenswert als Zwischenschritte. Wer kann dagegen sein, dass der Welthandel ein bi�chen fair gestaltet wird, obwohl es nicht klar ist, wie das unter den gegebenen politischen und wirtschaftlichen Verh�ltnissen zu erreichen ist. Aber wird alles in Ordnung sein, wenn der Welthandel fair gemacht ist? Selbst mit fairem Welthandel wird die Degradation der Umwelt und die Ersch�pfung der Ressourcen weitergehen.

Shiva macht aber einen Fehler in ihrer Argumentation: Ein Entwicklungsland braucht nicht unbedingt die Export-Orientierung in der Wirtschaftspolitik, um seine Umwelt zu degradieren und seine Armen noch �rmer zu machen. Das kann auch das Ergebnis einer binnenmarkt-orientierten Wirtschaftspolitik sein, wenn an der Schwelle zu Grenzen des Wachstums auf Teufel komm 'raus Wirtschaftswachstum betrieben wird und wenn die Herrschenden die einheimischen Reichen und Mittelschichtsb�rger auf Kosten der einheimischen Armen noch reicher machen wollen. Dann spielt aus der Sicht der Armen die nationale Grenze keine gro�e Rolle. Eine protektionistische Politik k�nnte dann nur im Interesse der reichen und mittleren Unternehmer sein (z.B. im Interesse der Viehz�chter in der Sahel-Zone). So gesehen, ist die Binnenwirtschaftspolitik eines Regimes mindestens genau so wichtig wie seine Au�enwirtschaftspoilitik und die Politik der WTO, des IWF und der Weltbank.

Eine Unklarheit in dem Papier von Oxfam kann auch wohlwollend interpretiert werden. Oxfam schreibt:

 

"Wenn Afrika, Ostasien, S�dasien und Lateinamerika ihren jeweiligen Anteil am Weltexport nur um 1 Prozent erh�hen k�nnten, k�nnte der daraus entstehende Gewinn 128 Millionen Menschen von Armut befreien. Allein in Afrika w�rde dies ein Einkommen in H�he von 70 Milliarden US$ schaffen ...". (Oxfam 2002)

Hier ist nicht gesagt worden, dass diese Entwicklungskontinente unbedingt Lebensmittel oder Naturressourcen exportieren sollen. Wie wir wissen, exportieren viele L�nder dieser Kontinente auch Industrieprodukte, sogar Hightech-Produkte wie Computer-Software. Wenn sie mehr Industrie- und Hightech-Produkte exportieren k�nnten und weniger Lebensmittel und Naturressourcen, dann w�rden sie dadurch mehr Arbeitspl�tze und Einkommen schaffen und in dem Prozess weniger Umweltdegradation pro Dollar Export verursachen. (Wieviel Gewinn daraus resultieren w�rde, ist aber abh�ngig von den Terms-of trade). Aus globaler Sicht allerdings l�st das das Umwelt- und Ressourcenproblem nicht. Die Rohstoffe m�ssen ja irgendwoher kommen und die Umweltdegradation muss ja irgendwo stattfinden. Alles wird dann nur global umverteilt. Da alle Ressourcen, auch die erneuerbaren, begrenzt zur Verf�gung stehen, da die F�higkeit der Natur, menschengemachte Umweltdegradation zu absorbieren, begrenzt ist und da jede industrielle Aktivit�t die Umwelt belastet, ist das Ganze nur ein Nullsummenspiel.

Wenn der internationale Handel w�chst – im Gegensatz zum Wachstum von nur Binnenproduktion f�r Binnenkonsum – , wird die Umweltdegradation und der Ressourcenverbrauch �berproportional wachsen. Das International Forum on Globalisation (IFG), eine wichtige Organisation in unserer Bewegung, schreibt:

 

"Die Globalisierung wirkt sich inh�rent destruktiv auf die nat�rliche Umwelt aus, weil sie erfordert, dass Produkte Tausende Kilometer um die Erde herumreisen, was unvorstellbare Umweltkosten verursacht: ein noch nie dagewesenes Ausma� von Verschmutzung der Ozeane und der Atmosph�re durch Transport, erh�hten Energieverbrauch und Abgase aus Verbrennung von fossilen Brennstoffen (was die Klimaver�nderung f�rdert). Dazu kommen erh�hter Verbrauch von Verpackungsmaterialien, verheerende Weiterentwicklung von Infrastrukturen – neue Stra�en, H�fen, Flugh�fen, Pipelines, Stromnetze usw., die oft in bisher unber�hrten Gebieten gebaut werden." (IFG 2001: 24)

Eines muss hier klar gestellt werden: Wenn man vom internationalen Handel redet, meint man Export und Import �ber nationale Grenzen. Tausende Kilometer k�nnen Produkte aber auch im Binnenhandel zur�cklegen m�ssen, z.B. in Russland (Moskau bis Wladiwostok). Im �kologischen Kontext sollten wir also von Fern- und Nahhandel reden.

 

IV. Schlusswort

Die Armut zu beseitigen, ben�tigt nicht allzu viel Fernhandel. Wer aber, wie Oxfam, den Wohlstand und Reichtum der Industriel�nder bewahren will und auch den Armen in den Entwicklungsl�ndern Wohlstand bringen will, der kann nicht umhin, ein starkes Wachstum des Fernhandels zu bef�rworten. Denn all die Produkte, deren Genuss heute Wohlstand ausmacht (in manchen Konzeptionen sogar zur Befriedigung der "Grundbed�rfnisse" geh�rt), z. B. der Genuss eines Handys, k�nnen nicht in jedem Land hergestellt werden. Und auch wenn das m�glich w�re – unter Hinnahme von komparativen Nachteilen – m�ssten die zahlreichen, dazu notwendigen Rohstoffe und/oder Zwischenprodukte von weither importiert werden. An diesem Widerspruch scheiden sich die Geister in unserer Bewegung, was nicht mehr verschwiegen werden kann, wie die Kontroverse zwischen Oxfam und Shiva zeigt. Dieser Widerspruch existiert aber schon l�nger. Ein paar Monate nach Seattle sagte ein f�hrender US-amerikanischer Aktivist der Bewegung, der in Seattle die Aktionen ma�geblich mitorganisiert hatte (Dahane hei�t er), in der zuk�nftigen Welt seiner Vision werde jeder Weltb�rger ein j�hrliches Einkommen von mindestens 10.000 US$ haben. Das Maximum k�nne 10 Millionen US$ sein (Kurbjuweit 2000). Etwa gleichzeitig gab es in der Bewegung Parolen wie "From global to local", "Protect the local, globally" (Hines 2000), und Ideen von weitgehender Selbstversorgung, der Subsistenzperspektive usw. Es ist an der Zeit, dass wir uns Gedanken dar�ber machen, was/wieviel m�glich ist und was/wieviel nur Fantasterei ist.

Von der �ffnung des Agrarmarktes in der EU f�r Produkte aus dem Au�er-EU-Raum werden insbesondere kleinere und mittlere Bauern getroffen werden. Eine oppositionelle Bauernorganisation in Frankreich, Conf�d�ration Paysanne , in der viele solcher Bauern organisiert sind, hat die Kritik akzeptiert, dass subventionierte Agrarexporte aus der EU die Lebensgrundlage von vielen Bauern in den Entwicklungsl�ndern ruinieren. Zusammen mit �hnlichen Bauernorganisationen in anderen L�ndern inklusive der Entwicklungsl�nder (alle sind organisiert in einem internationalen Verband namens Via Campesina) vertreten sie die Position, dass die Bev�lkerung eines Landes haupts�chlich von den Bauern dieses Landes mit Lebensmitteln versorgt werden soll. Sie verlangen keine Subventionen f�r Produktion f�r den Export, sondern faire Preise f�r ihre Produkte, damit alle Bauern von ihrer Arbeit leben k�nnen (vgl. Bov� und Dufour 2001). Das ist eine Position, die das ganze Gerede von komparativen Vorteilen, Wettbewerb, Reich-werden durch Welthandel usw. ignoriert und eine L�sung des Problems darstellt, die auf dem Prinzip Solidarit�t basiert.

Damit sind zwar nicht L�sungen f�r alle Probleme der Welt gefunden. Aber ein notwendiges, zweites, Basisprinzip f�r die L�sungen (das erste ist Nachhaltigkeit) ist klar geworden: nicht Wettbewerb auf dem Weltmarkt, nicht neoliberale Globalisierung, sondern Solidarit�t. Ohne etwas Idealismus gibt es keine L�sung. Es bleibt noch die Frage: welcher Entwurf einer Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung entspricht diesen Basisprinzipien eher. Daly und Cobb Jr. schwebt ein gemeinschaftszentrierter Kapitalismus vor, in dem sich die Unternehmer der eigenen Gemeinschaft verpflichtet f�hlen. Sie schreiben, auch Adam Smith und Ricardo stellten sich den Kapitalismus ungef�hr so vor (Daly und Cobb Jr. 1990: 214 - 215). Auch Keynes pl�dierte f�r einen nationalen Kapitalismus. Er schrieb:

 

"Ideen, Wissen, Kunst, Gastfreundschaft, Reisen – das sind Dinge, die ihrer Natur nach international sein sollten, aber lasst G�ter in der Heimat herstellen, wenn immer es sinnvoll und praktisch m�glich ist, und vor allem lasst die Finanzen in erster Linie nationale sein. ... ich bin nicht �berzeugt, dass die wirtschaftlichen Erfolge der internationalen Arbeitsteilung heute noch irgendwie mit den fr�heren vergleichbar sind." (zit. nach Loske et al. 1996: 172)

Ich habe starken Zweifel an der Machbarkeit dieser Konzeptionen. An anderer Stelle habe ich dargelegt, warum ich denke, dass schon die Logik des Kapitalismus – egal, ob anfangs gemeinschaftszentriert oder national – an sich zur Globalisierung f�hrt und unvereinbar ist mit dem Prinzip Solidarit�t. Mein Entwurf einer Alternative ist �ko-Sozialismus, der auch bei Fragen der Wirtschaft in gewissem Grade Internationalismus beinhaltet (Sarkar 2001).

 

 

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Literatur:

Bov�, Jos� und Dufour, Francois (2001) Die Welt ist keine Ware – Bauern gegen Agromultis,
Rotpunkt, Z�rich.

Daly, Herman E. und Cobb, John B. Jr. (1990) For the Common Good, Green Print, London.

Galbraith, John Kenneth (1995) Die Geschichte der Wirtschaft im 20. Jahrhundert, Hoffmann
und Campe, Hamburg.

Hines, Colin (2000) Localization – A Global Manifesto, Earthscan, London.

International Forum on Globalization (IFG) (2001) Die Welthandelsorganisation (WTO),
Netzwerk gegen Konzernherrschaft und neoliberale Politik, K�ln.

Kurbjuweit, Dirk (2000) "Die Zukunft der Rebellion", in: Spiegel Reporter, Nr.8 vom August
2000.

Loske, Rainer und Bleischwitz, Raimund (1996) Zukunftsf�higes Deutschland, Basel.

Oxfam (2002) Rigged Rules and Double Standards (Introduction), im Internet,
Gro�britannien. (Deutsche �bersetzung in: Infobrief Nr. 10 vom Netzwerk gegen
Konzernherrschaft und neo-liberale Politik, K�ln)

Pearce, David / Markandya, Anil / Barbier, Edward B. (1989) Blueprint for a Green
Economy
, London.

Samuelson, Paul A. und Nordhaus William D.(1989) Economics, McGraw-Hill, Singapore.

Sarkar, Saral (2001) Die nachhaltige Gesellschaft – Eine kritische Analyse der
Systemalternativen
, Rotpunkt, Z�rich.

Shiva, Vandana (2002) Export at Any Cost : Oxfam's Free Trade Recipe for the Third World,
im Internet, Indien. (Deutsche �bersetzung in: Infobrief Nr. 10 vom Netzwerk gegen
Konzernherrschaft und neo-liberale Politik, K�ln).

Geschrieben im November - Dezember 2002.

Saral Sarkar

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