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WER REGIERT EUROPA? (Teil 1) *
"Wirtschaftspolitik wird in der Wirtschaft gemacht"
(G.Rexrodt ,ehem.
Wirtschaftsminister)
Die Lobbypolitik der europ�ischen Konzerne in Br�ssel
Beispiel: ERT ( European Round Table of Industrialists )
Viele Menschen sind immer noch der Meinung, die Politik der EU
w�rde nach wie vor von den Regierungen der Mitgliedsl�nder oder auch dem Europ�ischen
Parlament gemacht. �ber die Rolle und die Macht der EU-Kommission in Br�ssel ist schon
weniger bekannt. An anderer Stelle dieses Infobriefes zeigen wir auf, wie die
EU-Kommission versucht, die Kompetenz f�r alle Au�enhandelsfragen aus den H�nden der
Regierungen der Mitgliedsl�nder zu nehmen und in ihre eigenen H�nde zu �berf�hren..
Darum wird es u.a. in Nizza gehen. Im Zusammenhang der WTO Konferenz im letzten November
in Seattle haben wir erfahren, dass die geplante und gescheiterte Millenniumrunde von Sir
Leon Brittan, dem damaligen Au�enhandelskommissar in der EU-Kommission vorgeschlagen
wurde (s. Infobrief 2).
Sollen wir daraus schlie�en, dass die Politik in der EU von der
EU-Kommission, einem nicht gew�hlten Gremium ,oder gar von einzelnen der dort sitzenden
Kommissare gemacht wird?
Die Amsterdamer Gruppe CEO (Corporate Europe Observatory) beobachtet seit Jahren die Art
und Weise, wie die politischen Entscheidungen der EU-Kommission tats�chlich zustande
kommen und welche Rolle die Lobbyverb�nde der gro�en europ�ischen Konzerne bei diesem
Prozess spielen. In ihrem Buch ."EUROPE INC. (Firma Europa) beschreiben Belen
Balanya,Ann Doherty,Olivier Hoedeman. Adam Ma'anit und Erik Wesselius in hervorragenden
Analysen den Einflu� dieser Industrielobbies auf den ganzen Proze� der europ�ischen
Einigung und auf die wesentlichen makro�konomischen und gesellschaftlichen Entscheidungen
in Europa. Als Beispiel f�r einen dieser Lobbyverb�nde m�chten wir hier den European
Round Table of Industrialists ( ERT).vorstellen. �ber andere, wie UNICE, TABD, u.a.
werden wir sp�ter berichten..
Der ERT wurde 1983 gegr�ndet. Er besteht aus 45 Mitgliedern, alles "Kapit�ne der
Industrie" der gr��ten europ�ischen Konzerne: u.a..Investor AB, Bayer, British
Petroleum, Daimler Chrysler, Ericsson, Fiat, Nestl�, Nokia, Petrofina, Philips, Renault,
Shell, Siemens, Solvay, Total und Unilever. Der ERT hat ungehinderten Zugang zur
Europ�ischen Kommission (EK), nach Balanya u. a. gibt es sogar eine enge Zusammenarbeit
zwischen der EK und dem ERT. Der ERT habe nicht nur den europ�ischen Einigungsprozess
seit Mitte der achtziger Jahre vorangetrieben, sondern auch die Richtung dieses Prozesses
massgeblich bestimmt. Er habe sich von Anfang an f�r den Abbau nationaler Vetorechte
eingesetzt und auf Deregulierung, und Liberalisierung gedr�ngt, um die
Wettbewerbsf�higkeit der europ�ischen Konzerne zu f�rdern." Der ERT ist �ber ein
Jahrzehnt eine der wichtigsten politischen Kr�fte in der europ�ischen Szene
gewesen" (Balanya u.a. 2000, S.19) Der Maastricht Vertrag tr�gt die Spuren des ERT.
Die Kriterien f�r die W�hrungsunion gehen auf den ERT zur�ck. Der ERT trug schon vor 15
Jahren die Notwendigkeit der Osterweiterung der EU vor und legte die
Strukturanpassungskriterien f�r die Kandidaten der Zentral und Osteurop�ischen L�nder
fest, - nach dem Vorbild des IWF �brigens. Konkreter noch: Selbst die Grundlagen f�r die
europ�ische Einigung sind zuerst vom ERT vorgeschlagen worden. Wisse Dekker, damaliger
Chef von Philips und erster Generalsekret�r des ERT legte 1985 ein Papier vor:
"Europe 1990: An Agenda for Action". Dieses Papier wurde der gerade gegr�ndeten
EU-Kommission und allen europ�ischen Regierungsh�uptern zugeschickt. Drei Tage, nach
Erscheinen des Dekker-Papiers hielt Jaques Delors, erster Pr�sident der EK, eine Rede im
Europ�ischen Parlament, die sich eng an Dekkers "Europe 1990" hielt. Und der
damalige Industriekommissar, Lord Cockfield publizierte sein "Weissbuch"zur
europ�ischen Einigung. " Der einzige, ziemlich triviale Unterschied zwischen dem
ERT-Bericht und dem "Weissbuch", schreiben Balanya u.a. " ist die
Verschiebung des vom ERT ziemlich optimistisch angesetzten Zeitpunkts f�r die Vollendung
des europ�ischen Binnenmarktes im Jahre 1990" (Balanya u.a. 2000,S.21)
Der ERT beschr�nkt sich nicht auf Wirtschaftspolitik im engen Sinne.
Es geht ihm vielmehr um eine fundamentale Umstrukturierung der Gesellschaft nach
neoliberalen Prinzipien. Dabei ist universaler Wettbewerb der h�chste Wert an sich. In
der l995 gegr�ndeten "Competitive Advisory Group"(CAG) in der der ERT
massgeblich beteiligt ist, wird die EK mit dem Ziel beraten. "alle
Gesellschaftsebenen den Marktkr�ften und dem zunehmenden Druck der globalen,
�konomischen Konkurrenz zu unterwerfen"(Balanya u.a.S.21)
In diesem Sinne war und ist der ERT entscheidend beteiligt an der Umgestaltung der
europ�ischen Infrastruktur. Dazu geh�rte vor allem der Ausbau eines Megaverkehrsnetzes
"Trans European Network (TEN). Der Kanaltunnel, die Br�cke �ber den Oeresund, die
Hochgeschwindigkeitsz�ge, die Expansion von Flugh�fen sind Projekte die im TEN entworfen
wurden. Das Tollste ist, so schreiben die Amsterdamer, dass das TEN in den Vertrag von
Maastricht eingebaut wurde. Wir erleben heute, was diese Verkehrsmegalomania in der Umwelt
und unter den Menschen anrichtet.
Zur "Unterwerfung aller Gesellschaftsebenen unter die Marktkr�fte" geh�rt nach
ERT-Vorstellung vor allem auch die Zurichtung der Menschen. Darum hat der ERT schon
ziemlich fr�h das Konzept des "Life-long Learning" in die Debatte geworfen. Es
war klar: unter den Bedingungen der globalen Konkurrenz w�rden die europ�ischen Konzerne
zur�ckbleiben, wenn das gesamte Bildungswesen nicht umstrukturiert w�rde und die
Menschen nicht darauf vorbereitet w�rden, dass eine abgeschlossene Lehre oder ein Studium
ihnen keine Berechtigung f�r einen Lebensarbeitsplatz mehr gibt. Die entsprechenden
Stichw�rter sind: Innovation, Flexibilisierung, Entwicklung des Humankapitals. Die
Vorstellungen des ERT haben sich inzwischen in allen EU-L�ndern soweit durchgesetzt, dass
die gesamten Bildungssysteme ihren einzigen Daseinszweck nur noch in der F�rderung der
Marktf�higkeit sehen. Auch die europ�ische W�hrungsunion ist nicht etwa zuerst in
europ�ischen Parlamenten konzipiert worden, sondern vom ERT. Der ERT hat sie auch
massgeblich vorangetrieben. Keith Richardson, damaliger Generalsekret�r des ERT schrieb
1991 vor dem Madrided EU-Gipfel:
" Wir schrieben einen formellen Brief an alle Regierungschefs mit
der Aufforderung: 'Wenn Ihr bei dem Gipfel in Madrid zusammenkommt, wollt Ihr dann,
bitte, ein f�r alle Mal entscheiden, dass die EWU an dem Tag beginnt, der in Maastricht
festgelegt wurde und nach den in Mastricht beschlossenen Kriterien. Wir schrieben ihnen
und sagten, sie sollten das tun. Und sie taten es. Sie verk�ndeten in Madrid: "Wir
werden es tun."( Balanya u.a.S.24).
Eine weitere Kopfgeburt des ERT ist die EU- Osterweiterung. Nach dem Zusammenbruch des
Sowjetblocks im Jahre 1989 hat der ERT seine Anstrengungen erh�ht, die EU nach Osten
auszudehnen. Der fr�here ERT Pr�sident Richardson sagte: "Es ist als h�tten wir
ein neues S�dostasien gerade vor unserer Haust�r entdeckt." Die EU-Konzerne
erwarteten nicht nur riesige Gewinne durch einen Markt von 150 Millionen Menschen, sondern
auch ungeheure Investitionsm�glichkeiten im Osten. Schon 1997 hatte der ERT eine
Arbeitsgruppe zu diesem Thema gegr�ndet. Im Dezember 1997 legte diese Gruppe schon dem
EU-Gipfel in Luxemburg ihren Aktionsplan zur Osterweiterung vor. In diesem Aktionsplan
wird eine "radikale �konomische Transformation der Kandidatenl�nder" als
Vorbedingung f�r die EU-Integration verlangt. Zu diesen Vorbedingungen geh�rt - wen
wundert es - die F�rderung der Konkurrenzf�higkeit, zwischen ost- und westeurop�ischen
Firmen.. Diese sollte - angeblich - zu einer Situation f�hren, in der beide Seiten nur
gewinnen k�nnten.
Zur F�rderung dieser Ideologie errichtete der ERT in den Zentral- und
Osteurop�ischen L�ndern sogenannte Business Enlargement Councils (BECs). Der ERT
Generalsekret�r, Wim Philippa sagte: "Es ist ein Erziehungsprozess, wo wir in enger
Zusammenarbeit mit den nationalen Regierungen die nationalen Industrien dieser L�nder
f�hren, trainieren, und schnell dazu bringen, dass sie der europ�ischen Union beitreten
k�nnen."
( Balanya u.a. S. 30)
F�r die EU-Konzerne ist diese Rechnung bisher aufgegangen. Die
Direktinvestitionen in diese L�nder betragen zur Zeit 9 Milliarden Euro. Und ihre Exporte
in diese Region betragen 70 Millionen Euro. Doch f�r die Beitrittskandidaten, die den
EU-Strukturanpassungsprogrammen unterworfen werden, hat sich kein "ebenes
Spielfeld" hergestellt. Viele der eigenen Industrien sind schlicht von den westlichen
Investoren platt gemacht worden.Procter & Gamble und Unilever haben sich den
osteurop�ischen Markt z.B. bei Produkten der K�rperpflege untereinander aufgeteilt.
Es gibt auch viele Beispiele daf�r, dass die westeurop�ischen Konzerne in Osteuropa
weniger auf die Umwelt achten als in Westeuropa. Die Folge ist auch eine Zunahme von
Arbeitslosigkeit .Vor allem m�ssen die osteurop�ischen EU-Kandidaten das ganze Paket der
EU-Gesetzgebung akzeptieren und das bedeutet nach den Regeln des Neoliberalismus: eine
eingeschr�nkte Rolle des Staates und gr�ssere Abh�ngigkeit von
Auslandsinvestitionen.Das bedeutet die Aufgabe einer eigenen Wirtschaftspolitik.
Wie wir schon im Zusammenhang der Anti-MAI und Anti-WTO-Kampagnen sehen konnten, sind
demokratische, parlamentarische Strukturen mit den Interessen der global operierenden
Konzerne nicht zu vereinbaren ( Mies/ v.Werlhof 1998, Infobriefbrief Nr III). Der ERT
stellt dies ganz unverbl�mt fest. Die Vize-Pr�sidentin des ERT, Caroline Walcott
dr�ckte dies unverbl�mt aus: "Das Problem ist, dass sich die Politiker in den
einzelnen L�ndern Stimmen zusammen suchen m�ssen. In der EU jedoch k�nnen sie das
Gesamtbild sehen" (Balanya u.a.S.20)
In der Tat, was die einzelnen Konzerne in ihren Heimatl�ndern an Liberalisierungs
-Deregulierungs- und Privatisierungs-Politik nicht durchsetzen k�nnen, weil ihnen W�hler
und Gewerkschaften einen Strich durch die Rechnung machen k�nnen, das k�nnen sie in der
EU, besonders in der "Symbiose" (Balanya u.a.) mit der EU-Kommssion ohne
Schwierigkeiten erreichen. Kein Wunder , dass der ERT und die anderen Industrielobbies ein
vitales Interesse an der weiteren Zur�ckdr�ngung der Demokratie und der Kompetenzen der
nationalen Regierungen haben. In Nizza soll dieser Prozess der weiteren
Ent-Demokratisierung Europas von Europas Regierungsh�uptern abgesegnet werden. Demokratie
und globaler Freihandel sind nach John Gray halt wie Feuer und Wasser.
Maria Mies