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DEN KAPITALISTISCH- PATRIARCHALEN EISBERG ABSCHMELZEN,
SUBSISTENZ-LEBENSWELTEN AUFBAUEN
!

 

Rosa Luxemburg zeigt uns den Weg.

TEIL I

von Maria Mies

Eins m�chte ich zu Anfang klar stellen: Meine Freundinnen Veronika Bennholdt-Thomsen, Claudia von Werlhof und ich "entdeckten" Rosa Luxemburg, besonders ihr Hauptwerk "Die Akkumulation des Kapitals", vor fast 30 Jahren, als wir als Feministinnen Antworten suchten auf bestimmte Fragen, die wir bei Marx und Engels und anderen m�nnlichen linken Theoretikern nicht fanden. Diese Fragen waren vor allem: 1. die Frauenfrage, hier insbesondere die Frage, warum die Hausarbeit weder in der kapitalistischen noch in der marxistischen Theorie und Praxis einen Wert hat. 2. die Kolonialfrage, d.h. warum die L�nder Asiens, Afrikas und S�damerikas auch nach ihrer politischen Entkolonisierung immer noch �konomische Kolonien der imperialistischen "Metropolen" Europas und Nordamerikas und dann auch Japans bleiben. Und 3. die Natur- oder �kologiefrage. Wie konnten Frauen und fremde V�lker befreit werden, wenn sie, wie die au�ermenschliche Natur nur als ausbeutbare Naturressource betrachtet werden? Welcher Zusammenhang besteht zwischen der Ausbeutung dieser "drei Kolonien" in den kapitalistischen wie in den sozialistischen Industriel�ndern? Welches Naturverh�ltnis liegt dem kapitalistischen wie dem sozialistischen Fortschrittsparadigma zugrunde?

Rosa Luxemburg hatte diese Fragen so nicht gestellt. Sie war keine Feministin. Trotz ihrer Freundschaft mit Clara Zetkin, der Begr�nderin und F�hrerin der proletarischen Frauenbewegung in Deutschland, hielt sie nichts von Claras Bem�hungen um eine Mobilisierung der proletarischen Frauen. Nach Meinung der SPD sollte Clara Zetkin und die sozialistische Frauenbewegung sich um die St�rkung der Kleinfamilie, um Mutterschutz, Kinder und �hnliche "Frauenthemen" k�mmern. In der Partei aber sollten sie keine Stimme haben. "Das war der Grund", schreibt Evans, "weshalb eine engagierte Revolution�rin wie Rosa Luxemburg sich nicht mit der Frauenbewegung befa�te". (Evans 1979, S. 319) Sie wollte "richtige" Politik machen, und die war damals, wie zum gro�en Teil heute, M�nnersache. Rosa L. verachtete Clara Zetkin ein bi�chen daf�r, da� sie sich "nur" um die Frauenfrage k�mmerte. An Leo Jogiches schrieb sie einmal:

"Clara ist gut, wie immer, aber sie l��t sich irgendwie ablenken, sie bleibt in Frauenangelegenheiten stecken und befa�t sich nicht mit allgemeinen Fragen. Also bin ich ganz allein." (zitiert in Evans 1979, S. 320)

Auch f�r Rosa Luxemburg also waren Frauenfragen keine allgemeinen Fragen. Zumindest sah sie keinen Zusammenhang zwischen der Frauenfrage und dem, was sie allgemeine Fragen nannte, z.B. den Kolonialismus, die brutale Gewalt der kapitalistischen M�chte gegen die sog. Naturv�lker, den Militarismus und die Kriegsvorbereitungen. Sie regte sich auch nicht �ber den "proletarischen Antifeminismus" (Th�nnesen) auf und �berh�rte die sexistischen Chauvibemerkungen vieler ihrer m�nnlichen Genossen, z.B. die Kautsky's, der meinte "die Genossin Luxemburg bringt alles durcheinander", weil es ihr an rationalem Verm�gen mangele. (Neus�� 1985, S. 127 ff) Auch Bebel, der ein dickes theoretisches Werk �ber "Die Frau im Sozialismus" geschrieben hatte, schrieb 1910 �ber Clara Zetkin und Rosa Luxemburg an Kautsky:

"Es ist mit den Frauen eine merkw�rdige Sache. Kommen ihre Liebhabereien oder Leidenschaften oder Eitelkeiten irgendwo in Frage und werden nicht ber�cksichtigt oder verletzt, dann ist auch die Kl�gste au�er Rand und Band und wird feindselig bis zur Sinnlosigkeit. Liebe und Ha� liegen nebeneinander, eine regulierende Vernunft gibt es nicht." (zit. in Evans 1979, S. 52)

Das sind doch bekannte T�ne, nicht wahr? Immer noch. Frauen sind halt emotional. Es mangelt ihnen an "regulierender Vernunft"; die ist den M�nnerk�pfen vorbehalten. Rosa Luxemburg wollte aber richtige, allgemeine Politik machen und wollte sich nicht in die Frauenecke abschieben lassen. Darum legte sie sich, wie unsere vor 10 Jahre verstorbene Freundin Christel Neus�� schrieb, permanent mit den M�nnerk�pfen der damaligen SPD und ihrem Glauben an die Wissenschaft und die rationale, logische, generalstabsm��ige Planung einer Revolution an. Sie steckte es dabei einfach weg, wenn die Genossen ihren "hysterischen Materialismus" verh�hnten. (Neus�� 1985, S. 284) Wie viele Frauen bis heute in linken Organisationen steckte sie ihre Betroffenheit als Frau, ihre Wut �ber ihre m�nnlichen Genossen weg, weil sie an die Wichtigkeit der gemeinsamen, "allgemeinen Sache" glaubte. Die Frauenfrage war f�r sie etwas, was dieser allgemeinen Sache hinzugef�gt werden mu�te, ein Nischenproblem. Heute nennt der deutsche Bundeskanzler Schr�der (SPD) die Quotenpolitik das „Frauenged�ns)

Als Feministinnen konnten wir von Rosa Luxemburg zun�chst also nicht viel lernen. Da wir aber, wie die neue Frauenbewegung in den Anf�ngen insgesamt, die theoretische und praktische L�sung der Frauenfrage nie nur additiv als Nischenfrage verstanden haben, die man anderen, allgemein-theoretischen Entw�rfen hinzuf�gen kann, wollten wir der Sache auf den Grund gehen. Und dieser Grund, das wurde uns bald klar, ist in der Tatsache zu sehen, da�, wie Engels richtig erkannt hatte, Menschen zuerst einmal materiell-k�rperlich da sein m�ssen, ehe sie Geschichte machen und produzieren k�nnen. Dieses Da-Sein aber f�llt nicht einfach vom Himmel. Es sind Frauen, M�tter, die die Menschen hervorbringen und dieses Hervorbringen ist nicht einfach ein unbewu�ter Akt der Natur als solcher, sondern es ist Arbeit (Mies 1983/1992, S. 164 ff). Und Frauen verausgaben unendlich viel Arbeit, bis diese kleinen Menschen gro� sind und dann schlie�lich vor einem Fabriktor oder einem B�ro stehen k�nnen, um "ihre Arbeitskraft" zu verkaufen, die Arbeitskraft, die nicht sie, sondern ihre Mutter zu einem gro�en Teil produziert hat. Wie kommt es, so fragten wir uns, da� diese ganze M�tter- und Hausfrauenarbeit keinen Wert im Kapitalismus hat? Warum ist die Arbeit, die ein Auto produziert, wertvoll, aber die, die einen Menschen produziert, wertlos? Wieso wird die Arbeit bei der Herstellung von Waren Produktion genannt und die Arbeit einer Hausfrau und Mutter nur Reproduktion? Als wir bei Marx eine Antwort auf solche Fragen suchten, merkten wir bald, da� er den selben Arbeitsbegriff benutzte wie die b�rgerlichen National�konomen, insbesondere Adam Smith. Produktion war die Herstellung von Waren, bezw. Tauschwerten zwecks Mehrwertgewinnung. Nur die Arbeit gilt als produktiv, die dieser Mehrwertgewinnung dient. Was die Frauen machen ist Reproduktion, insbesondere Reproduktion der Arbeitskraft. Dabei ist die Produktion von Waren/Mehrwert eindeutig der sog. Reproduktion �bergeordnet, denn nur sie erzeugt "Wert", sprich Kapital. Also: das Kapital braucht zwar immer wieder neue, lebendige, gesunde, kr�ftige, satte, gewaschene, sexuell befriedigte Menschen, aus denen es Arbeitskraft aussaugen kann, aber die Arbeit, die bei der Schaffung solcher Menschen verausgabt wird, gilt als blo�e Wiederholung, ja schlimmer, als quasi Naturproze�, der sich von selbst vollzieht, wie die Zyklen von Fr�hling, Sommer, Herbst und Winter. Und angeblich kommt bei dieser Wiederholung, dieser Reproduktion nichts Neues heraus. Neues, stets neue Automodelle, Computergenerationen, geklonte Schafe, genmanipulierte Nahrungsmittel u. dergl. kommen nur bei der mehrwertorientierten Warenproduktion heraus.

Wir hatten aber gar nichts gegen das, was da Reproduktion genannt wurde, ich bestand vielmehr darauf, da� dies die eigentlichste Produktion ist, n�mlich die Produktion des Lebens, oder der Subsistenz, die im Gegensatz zur Produktion von Waren zum Zwecke der Profitmaximierung steht.

Doch es gen�gte nicht, einfach festzustellen, da� in der kapitalistischen Wirtschaft Hausarbeit - speziell M�tterarbeit - keinen Wert hat. Es gen�gte nicht, diese Tatsache einfach der Bosheit der M�nner zuzuschreiben oder sie, wie etliche linke M�nner versuchten, sie als feudalen Rest zu interpretieren. Wieso braucht das Kapital diese unbezahlte, unbezahlbare, wertlose Arbeit?

Hier half uns Rosa Luxemburgs "Akkumulation des Kapitals" weiter. Sie hatte dieses �konomische Hauptwerk geschrieben, als sie sich politisch und theoretisch mit dem Imperialismus auseinandersetzte und gegen die Kriegstreiberei des Deutschen Kaiserreichs k�mpfte. Es erschien zuerst 1913. In diesem Werk kritisierte sie Marx, der in Kapital Bd. II dargelegt hatte, da� die "erweiterte Reproduktion des Kapitals", also der unendliche Proze� der Kapitalakkumulation, heute sagt man Wachstum, sich allein durch die Ausbeutung der Lohnarbeiterklasse durch das Kapital vollzieht. Der vollentwickelte Kapitalismus braucht nach Marx dazu keine zus�tzliche, au�er�konomische Gewalt, noch zus�tzliche Gebiete, sprich Kolonien, die er ausbeuten kann. Da der Kapitalist den Arbeitern nie den ganzen Mehrwert, den diese geschaffen haben als Lohn zur�ckzahlt, sondern nur soviel, wie sie f�r die Reproduktion ihrer Arbeitskraft brauchen, bleibt nach Marx am Ende jedes Produktionszyklus immer mehr �brig als in ihn hineingesteckt wurde, ein Mehr, das wieder investiert werden kann.

Rosa Luxemburg weist jedoch nach, da� das Kapital zur Aufrechterhaltung seiner st�ndigen Akkumulationsbewegung stets zus�tzliche Produktionsmittel und Rohstoffe, zus�tzliche Arbeitskr�fte und zus�tzliche M�rkte braucht, die es in seinen Kerngebieten nicht mehr vorfindet und nicht mehr herstellen kann. Rosa Luxemburg nennt dies "nichtkapitalistische Produktionsformen", die das Kapital auch in seiner h�chstentwickelten Form st�ndig braucht, wenn es weiter wachsen bzw. akkumulieren will.

"Wir sehen jedoch, da� der Kapitalismus auch in seiner vollen Reife in jeder Beziehung auf die gleichzeitige Existenz nichtkapitalistischer Schichten und Gesellschaften angewiesen ist." (R. Luxemburg 1913 / 1975, S. 313)

Diese "nichtkapitalistischen" Gesellschaften und Schichten waren urspr�nglich die Bauern in England und Europa, die Indianer in den USA, die Sklavinnen und Sklaven aus Afrika in der Karibik und den USA und schlie�lich alle Kolonien, die das westliche Kapital sich �berall unterwarf.

Rosa Luxemburg stellt ebenfalls fest, da� die Ausbeutung und Auspl�nderung dieser "nichtkapitalistischen" Schichten und Gesellschaften nicht, wie Marx die kapitalistische Ausbeutung definiert, durch das "zivile" Kapital-Lohn-Verh�ltnis erfolgt, das keine "au�er�konomische Gewalt" mehr erforderlich macht, sondern durch direkte, brutalste Gewalt, durch Eroberung, Krieg, Piraterie, willk�rliche Aneignung. Marx war der Meinung, da� diese direkte Gewalt zur Genesis, zu den Geburtswehen und zu der Vorgeschichte des eigentlichen Kapitalismus geh�re, die er die Periode der "urspr�nglichen Akkumulation" genannt hat. Rosa Luxemburg weist jedoch nach, da� diese Gewalt st�ndig notwendig ist:

"Nur durch st�ndige Expansion auf neue Produktionsdom�nen und neue L�nder ist die Existenz und Entwicklung des Kapitalismus seit jeher m�glich gewesen. Aber die Expansion f�hrt in ihrem Weltdrang zum Zusammensto� zwischen dem Kapital und den vorkapitalistischen Gesellschaftsformen. Daher Gewalt, Krieg, Revolution: kurz Katastrophe, das Lebenselement des Kapitalismus von Anfang bis zu Ende:" (R. Luxemburg 1913 / 1975 S. 518)

Das hei�t, die Kapitalakkumulation bedarf zu ihrem Fortgang der "fortgesetzten urspr�nglichen Akkumulation" und ihrer Methoden, n�mlich der Gewalt.

Eine weitere, zentrale Einsicht ergab sich aus dieser Analyse f�r Rosa L., n�mlich, da� der Kapitalismus von Anfang bis zum Ende auf die Auspl�nderung der ganzen Welt aus ist, oder, wie Wallerstein sagte, ein "Weltsystem" ist. (1974)

"Das Kapital kann ohne die Produktionsmittel und die Arbeitskr�fte des gesamten Erdballs nicht auskommen, zur ungehinderten Entfaltung seiner Akkumulationsbewegung braucht es die Natursch�tze und die Arbeitskr�fte aller Erdstriche. . . . die tats�chliche Vorherrschaft nichtkapitalistischer Gesellschaftsverh�ltnisse in den L�ndern jener Produktionszweige ergibt f�r das Kapital die Bestrebung, jene L�nder und Gesellschaften unter seine Botm��igkeit zu bringen, wobei die primitiven Verh�ltnisse allerdings so rasche und gewaltsame Griffe der Akkumulation erm�glichen, wie sie unter rein kapitalistischen Gesellschaftsverh�ltnissen ganz undenkbar w�ren." (R. Luxemburg 1913 / 1975, S. 314)

Als ich das wieder las, dachte ich sofort an die L�nder in S�d- und Ostasien, an die sogenannten Tigerstaaten wie S�d-Korea, Thailand, Malaysia, die bis vor einigen Jahren noch Wachstumsraten aufwiesen, die die kapitalistischen Kernl�nder nur vor Neid erblassen lie�en. Ich dachte aber auch an die Gewalt, vor allem gegen junge Frauen in und au�erhalb der Freien Produktionszonen (FPZs) in Bangladesch, Hongkong, Thailand, Indien, kurz in der ganzen Region, die ich im November 1997 konkret kennengelernt hatte. Gewalt und zwar vor allem Gewalt gegen Frauen in diesen Regionen - ich nenne sie weiter �konomische Kolonien - ist das Geheimnis der Akkumulation und nicht nur die ordentliche, meist m�nnliche, arbeitsrechtlich und gewerkschaftlich gesch�tzte Lohnarbeit. Gewalt ist ein �konomischer Faktor, das hat Rosa Luxemburg schon erkannt. Sie ist nicht einfach durch m�nnlichen Sadismus begr�ndet, sie ist nichts Nat�rliches, "eine Geburtswehe", wie Marx meinte, die den Kapitalismus durch Blut und Tr�nen zur Welt gebracht habe, so Christel Neus��, die verstorbene Interpretin von Rosa Luxemburg. Mit Rosa Luxemburg kritisiert sie die Auffassung von Marx, der diese Geburtsmetapher mi�braucht, um die anf�ngliche Gewalt des Kapitalismus zu erkl�ren.

"Sp�ter, wenn er mal richtig da sei, brauche er die Gewalt nicht mehr, da funktioniere er produktiv - friedlich, wenn auch ein bi�chen zerst�rerisch gegen die Arbeitskraft, aber so etwas wie die Mordz�ge der spanischen Konquistadoren habe er nicht mehr n�tig. Die Genossin (Luxemburg M.M.) weigert sich an diesem Punkt strikt Marx zu glauben, sie sieht ja, es stimmt nicht, die Gewalt hat weltweit Hochkonjunktur, Riesenwaffenarsenale wurden im Laufe der Zeit aufgeh�uft, ein Kolonialkrieg jagte den anderen, ganze afrikanische St�mme wurden mal schnell im Vor�bergehen liquidiert . . . und da findet sie halt, so lange kann die Geburtsstunde nicht dauern, 400 Jahre, und immer noch blut- und schmutztriefend, und das, wo der Sozialismus schon vor der T�r stehen soll! Nein, da mu� der alte Genosse systematisch Falsches gedacht haben." (Neus�� 1985, S. 298)

Frauen, die letzte Kolonie, oder: die Hausfrauisierung der Arbeit

Wie schon gesagt, Rosa L. hat nicht an die Frauen gedacht. Doch ihre Analyse der Kapitalakkumulation hat uns, meinen Freundinnen und mir die Augen ge�ffnet f�r den Stellenwert der Hausarbeit im Kapitalismus. Diese Arbeit, die wie die der Bauern, der Kolonien oder anderer "nichtkapitalistischer Milieux", wie Rosa sie nennt, keinen Wert hat, als nicht-produktiv gilt, wie die Natur als "freies Gut" zur Verf�gung steht, nicht durch Arbeitsrecht und Tarifvertr�ge gesch�tzt ist, rund um die Uhr zur Verf�gung steht, ist f�r das Kapital die billigste und politisch effizienteste Form der Reproduktion der Arbeitskraft. Dar�ber hinaus, das habe ich in meinen Forschungen �ber Spitzenh�klerinnen in Indien festgestellt, als Heimarbeit auch die billigste und effizienteste Form der Produktionsarbeit. (s.u. Mies 1982)

Wenn wir die Wirtschaft von der Perspektive der Frauen und der Frauenarbeit her betrachten, und wenn wir die Hausarbeit in diese Betrachtung einbeziehen, dann sehen wir, da� 50% der Weltbev�lkerung 65% der produktiven Arbeit leisten und weniger als 10% des Weltlohn-einkommens daf�r erhalten. (Salleh 1997 S. 77) Dies wird erm�glicht dadurch, da� Hausarbeit, einschlie�lich der M�tterarbeit zur Nicht-Arbeit erkl�rt und so unsichtbar gemacht wird. Dieses Unsichtbarmachen dessen, was lebensnotwendig und lebenserhaltend ist, der Frauen, der Natur, der unterdr�ckten V�lker, Klassen und St�mme ist Teil einer patriarchalen Kolonisierungspolitik, die unter dem Kapitalismus ihren H�hepunkt gefunden hat. Sie wurde aber auch durch den realexistierenden Sozialismus nicht aufgehoben. Auch die sozialistische Akkumulation setzt, wie ich 1988 aufgezeigt habe, Kolonisierungen und Hausfrauisierung der Arbeit voraus.

Die Neudefinition der geschlechtlichen Arbeitsteilung im Kapitalismus, insbesondere die Definition der Frau als Hausfrau ist nicht das Resultat einer eingeborenen m�nnlichen Misogyny sondern eine strukturelle Notwendigkeit des Prozesses der Kapitalakkumulation. Feministinnen haben nachgewiesen, dass die Hausfrau, die die Arbeitskraft der m�nnlichen Lohnarbeiter "reproduziert", zur Produktion des Mehrwerts beitr�gt, vor allem deshalb, weil ihrer eigenen Arbeit �berhaupt kein Wert im Sinne von Geld zugesprochen wird. Sie bleibt unbezahlt und wird daher auch nicht in die Berechnung des Bruttosozialprodukts aufgenommen. Sie wird nicht einmal als Arbeit definiert sondern gilt entweder als Ausdruck der weiblichen Anatomie oder als "Liebe". Sie ist zeitlich unbegrenzt, scheint in �berf�lle verf�gbar, wie Sonne und Luft, wie eine Naturressource oder, wie die �konomen sagen, als "freies Gut", das Mann und die Kapitalisten sich einfach aneignen k�nnen. Nach feministischer Analyse ist es aber vor allem diese nicht bezahlte Hausarbeit, zusammen mit der Subsistenzarbeit von Kleinbauern, vor allem in der Dritten Welt, deren Ausbeutung das Geheimnis der fortgesetzten Kapitalakkumulation darstellt (Dalla Costa 1973, Federici 1975, Bock & Duden1977, v. Werlhof 1992, Bennholdt-Thomsen 1983, Mies 1986, Waring 1989). Ohne diese inzwischen internationale "Hausfrauisierung" von Frauen w�ren die Produktionszuw�chse und das Wirtschaftswachstum im Norden nicht aufrechtzuerhalten (Bennholdt-Thomsen, Mies, v. Werlhof 1983/1992)

Ich habe den Begriff der Hausfrauisierung 1978/79 im Zusammenhang meiner Forschung �ber Spitzenh�klerinnen in Narsapur, in S�dindien, gepr�gt. Schottische Missionare hatten im 19. Jh. die Spitzenindustrie in dieses Gebiet eingef�hrt und die armen Landfrauen gelehrt, in Heimarbeit Spitzen zu h�keln, die dann in Europa, USA und Australien verkauft wurden. Diese Frauen verdienten einen Bruchteil des Mindestlohnes, der ansonsten f�r Landarbeiterinnen gezahlt wurde, n�mlich 0,58 Rupien. Die Ausbeutung dieser Frauen, die nach dem Verlagssystem und f�r St�cklohn arbeiteten, funktionierte, weil die Exporteure, die inzwischen Million�re geworden waren, diese Frauen als Hausfrauen ansahen, die sowieso zu Hause s��en und ihre freie Zeit produktiv n�tzen k�nnten. Hausfrauisierung bedeutete also nicht nur kostenlose Reproduktion der Arbeitskraft durch private Hausarbeit, sondern auch die billigste Art der Produktionsarbeit in der Form von Heimarbeit oder �hnlichen Arbeitsverh�ltnissen, speziell f�r Frauen (Mies 1981/82).

Diese Hausfrauisierung der Frauen wird aber auch nicht in Frage gestellt, wenn Frauen erwerbst�tig sind, oder wenn sie die einzigen Ern�hrerinnen der Familien sind, was zunehmend der Fall ist. Frauenl�hne sind fast �berall auf der Welt niedriger als M�nnerl�hne: In Deutschland betragen sie 60 - 70% der M�nnerl�hne. Begr�ndet wird diese Lohndifferenz u.a. mit dem Argument, das Einkommen der Frauen sei nur eine Erg�nzung zum Einkommen des m�nnlichen Familienern�hrers. Frauen bekommen h�ufig keine sicheren Jobs, weil die Arbeitgeber erwarten, dass sie bei Schwangerschaften oder in Krisenzeiten zur�ck zu Haus und Herd gehen. Die Kategorie der "geringf�gigen Besch�ftigung" und der "Leichtlohngruppen" wurden vor allem f�r Hausfrauen erfunden. Zu Zeiten der Rezension sind sie die ersten, die entlassen werden. Ihre Aufstiegschancen sind gegen�ber den M�nnern drastisch reduziert, selbst in akademischen Berufen. In den h�heren Sparten des Managements oder den Universit�ten gibt es kaum Frauen.

Die Analyse der Hausfrauisierung w�re jedoch unvollst�ndig, wenn wir sie nicht im Zusammenhang der Kolonisierung oder wie man heute sagt, der internationalen Arbeitsteilung betrachteten. Hausfrauisierung und Kolonisierung sind nicht nur zwei Prozesse, die historisch zeitgleich - n�mlich im 18. und im 19.Jh. - abliefen. Sie sind auch inhaltlich miteinander verkn�pft. Ohne die Eroberung von Kolonien, die Ausbeutung ihrer Rohstoffe und der dortigen menschlichen Arbeit w�re die europ�ische Unternehmerklasse nicht in der Lage gewesen, ihre industrielle Revolution zu beginnen; die Wissenschaftler h�tten kaum Kapitalisten gefunden, die an ihren Erfindungen interessiert gewesen w�ren, die b�rgerlicher Klasse der Gehaltsempf�nger h�tte kaum genug Geld gehabt, sich eine "nicht-arbeitende Hausfrau" und Dienstpersonal zu leisten und die Arbeiter h�tten weiterhin ein miserables Proletarierleben gef�hrt.

Hausfrauisierung international

Inzwischen ist aber deutlich geworden, dass die Erfindung der "Hausfrau" nicht nur die beste Methode war/ist, um die Kosten f�r die Reproduktion der Arbeitskraft so gering wie m�glich zu halten, sondern dass sie auch die optimale Arbeitskraft in der Warenproduktion ist. Das ist zun�chst einmal in der Dritten Welt deutlich geworden, wohin seit Mitte der siebziger Jahre zentrale westliche Produktionsbereiche verlegt wurden, wie Textilien, Elektronik, Spielwaren usw. Etwa 80% der Arbeitskr�fte in diesen Weltmarktfabriken sind junge, unverheiratete Frauen. Die L�hne dieser Frauen betragen ein Zehntel der entsprechenden L�hne in den Industriel�ndern. Die Bezeichnung dieser L�nder als Billiglohnl�nder h�ngt wesentlich von der Rekrutierung junger, weiblicher Arbeitskr�fte ab, die meist nicht gewerkschaftlich organisiert sind, h�ufig entlassen werden, wenn sie heiraten oder Kinder haben, die unter ausbeuterischen Arbeitsbedingungen arbeiten. Die klassische Form der hausfrauisierten Produktionsarbeit im Weltmarkt ist jedoch die Heimarbeit, bei der Frauen ihre Haus- und Familienarbeit mit der Herstellung von Produkten f�r den Weltmarkt verbinden k�nnen, keinerlei Arbeitsschutz unterliegen, total vereinzelt arbeiten, die geringsten L�hne und oft die l�ngsten Arbeitszeiten haben. Auch in anderen Produktionsbereichen: in der Landwirtschaft, im Handel, in den Dienstleistungen werden weibliche Arbeitskr�fte nach dem Modell der Hausfrau engagiert (v. Werlhof 1985, Mies 1988).

 

Globalisierung der Wirtschaft und Hausfrauisierung

Die Relevanz dieser Analyse heute.

Was wir vor etlichen Jahrzehnten �ber den Zusammenhang zwischen der Ausbeutung der hausfrauisierten weiblichen Arbeitskraft und der Kapitalakkumulation geschrieben haben, zeigt gerade heute, im Zeitalter der sog Globalisierung der Wirtschaft, seine eigentliche Relevanz. Man k�nnte sogar sagen, dass in der globalisierten Wirtschaft diese Form der Ausbeutung das Modell geworden ist f�r die Ausbeutung von Arbeit �berhaupt. Das

Normalarbeitsverh�ltnis ist heute nicht mehr das zwischen einem (m�nnlichen) "freien Lohnarbeiter" und dem Kapital sondern das zwischen "flexibilisierten", "untypischen", "drittweltisierten", "ungesch�tzten","prek�ren", kurz: hausfrauisierten ArbeiterInnen und dem Kapital. Kein Wunder, dass die Unternehmerseite offen das Lob dieser nun "�ffentlich freigesetzten, global(isierten) angewandten Hausfrau" (v. Werlhof 1999:81) singt. Claudia v. Werlhof zitiert Christian Lutz, einen Herausgeber der Schweizer Managerzeitschrift "Impuls", der das Ende der freien Lohnarbeit begr��t und in seinem Beitrag: "Die Zukunft der Arbeit ist weiblich" weibliche (hausfrauliche) Qualifikationen f�r die Arbeitnehmer der Zukunft fordert. Der "Megatrend", der heute "alle Wertsch�pfungsnetzwerke durchziehe" erfordere "Eigeninitiative, Ideen, Verantwortungsbereitschaft und soziale Kompetenz", wie sie eher bei Frauen als bei M�nnern zu finden seien. "Der Arbeitnehmernachfolger ist weiblichen Geschlechts" (Ch. Lutz 1997, zitiert bei v. Werlhof 1999 S. 81).

Damit sagt die Kapitalseite nun offen, was Claudia von Werlhof schon 1983 als die Zukunft der Arbeitskraft beschrieb, n�mlich die Hausfrauisierung auch der m�nnlichen Arbeitskraft. In ihrem Aufsatz: "Der Proletarier ist tot, es lebe die Hausfrau" wies sie nach, dass nun nicht l�nger der m�nnliche, tariflich abgesicherte, gewerkschaftlich organisierte Arbeiter die optimale Arbeitskraft f�rs Kapital darstellt, sondern die Hausfrau. Ihre Arbeitskraft ist im Gegensatz zu der des Proletariers, flexibel, ist rund um die Uhr verf�gbar, ist unbezahlt, ist zuverl�ssig und f�llt in Krisenzeiten dem Kapital nicht zur Last. Auch M�nner w�rden in Zukunft auf diese Weise "hausfrauisiert" werden (v. Werlhof 1983, Neuauflage 1992).

1983/84 wurde diese Strategie noch unter dem Begriff der "Flexibilisierung der Arbeit" diskutiert. Sie wurde als notwendige Folge der Arbeitsrationalisierung durch Mikroelektronik und Computer angepriesen. Der ehemalige Wirtschaftsminister Rexrodt schlug aber schon damals offen vor, innerhalb der deutschen Wirtschaft einen "Billiglohnsektor" zu etablieren.

Nach dem Vorherigen braucht es uns nicht zu wundern, dass Rexrodt diesen neu zu errichtenden "Billiglohnsektor" vor allem den Frauen zugedacht hat. Sie w�ren durch ihre Hausfrauent�tigkeit ja gro�artig qualifiziert f�r diesen Sektor. Was Herr Rexrodt jedoch nicht sagte, wird heute durch Abkommen wie das MAI und die WTO klar: die ganze Welt, auch die reichen Industriel�nder, sollen zu einer einzigen Freihandelszone werden, in der die TNKs Arbeits- und Umweltverh�ltnisse schaffen wollen, wie wir sie aus in Asien und Mexiko kennen (s.u.) (Mies, v. Werlhof 1998).

Obwohl der Kapitalismus bereits seit seinen kolonialen Anf�ngen als Weltsystem angelegt ist, wie Marx, Rosa Luxemburg und Wallerstein nachweisen, bezieht sich die heutige Rede von der Globalisierung auf Prozesse, die seit Ende der Achtziger Jahre durch Institutionen wie das Allgemeine Zoll- und Handelsabkommen (GATT), das Multilaterale Abkommen �ber Investitionen (MAI), die Weltbank, den Internationalen W�hrungsfonds (IMF) und das US-Wirtschaftsministerium vorangetrieben werden. Die GATT-Verhandlungen fanden 1995 ihren Abschluss in der Gr�ndung der World Trade Organisation (WTO).

 

Was oben �ber die Hausfrauisierung international gesagt wurde, ist besonders relevant f�r die Analyse des Erfolgs der jetzigen Phase der Globalisierung, n�mlich die Einrichtung von Weltmarktfabriken, Freien Produktionszonen (FPZs) in Asien und "Macquilas" in Mexiko. Die Tatsache, dass die L�hne in diesen FPZs und Weltmarktfabriken so gering waren/sind, ist nicht nur darauf zur�ckzuf�hren, dass etwa 80% der Arbeitskr�fte in diesen Industrien, junge, meist unverheiratete Frauen sind, sondern dass diese als "Hausfrauen" definiert sind. Sie werden eingestellt wegen ihrer Hausfrauenqualifikationen: ihrer "geschickten Finger", ihrer F�gsamkeit, Sorgfalt, ihrer N�hkenntnisse und der Tatsache, dass sie nach der Heirat entlassen werden k�nnen. Damit vermeiden die Unternehmer alle Anspr�che auf Mutterschaftsurlaub und Arbeitsschutz. Au�erdem waren Gewerkschaften in diesen Fabriken verboten. Die Gewinne konnten zu 100% exportiert werden. Da die meisten Arbeiterinnen in diesen Fabriken aus armen l�ndlichen Familien stammen, ihre Rechte nicht kannten, keine Erfahrung mit Arbeitsk�mpfen hatten, akzeptierten sie oft inhumane Arbeits- und Wohnbedingungen, Arbeitszeiten bis zu 14 Stunden, ein unmenschliches Arbeitstempo, sexuelle Bel�stigung, Sicherheits- und Gesundheitsrisiken, die in den alten Industriel�ndern verboten sind. In S�dkorea z.B. wurden Arbeiterinnen eingesperrt, bis sie ein bestimmtes Produktionsquantum erreicht hatten.

 

Das Eisberg-Modell der Kapitalistisch-Patriarchalen Wirtschaft

Eine solche Wirtschaft l�sst sich am besten im Bilde eines EISBERGS darstellen. Nur der Teil des Eisbergs, der aus dem Wasser herausragt, n�mlich Kapital und Lohnarbeit gilt bei uns �blicherweise als WIRTSCHAFT. Alle Nicht-Lohnarbeit –Hausarbeit, aber auch die Subsistenzarbeit von Bauern und anderen Selbstversorgern werden nicht zur Wirtschaft gez�hlt. Zu der „unsichtbaren �konomie" z�hlen aber auch die Arbeit im sog.informellen Sektor, aber auch alle Kolonien und auch die Natur und ihre Produktion. Auf diese unsichtbare �konomie werden alle Kosten abgeschoben oder „externaliert", die das Kapital nicht zahlen will.

Im Eisberg-Modell (siehe Grafik am Ende des Artikels) jeder herrschenden Wirtschaft gilt "Wirtschaft" nur als der sichtbare Teil der �konomie, n�mlich die auf Warenproduktion und -handel beschr�nkte Wachstumswirtschaft, die das Ziel hat, immer mehr Geld und Kapital anzuh�ufen. Die Befriedigung menschlicher Bed�rfnisse ist ein Nebeneffekt dieser Waren- und Geldakkumulation. Nur dieser "�ber-Wasser"-Teil der Wirtschaft erscheint in der nationalen Gesamtrechnung, die im Bruttosozialprodukt (BSP) oder Brutto Inlandprodukt (Gesamtmenge der j�hrlich produzierten Waren und Dienstleistungen - in Geld ausgedr�ckt) dargestellt wird (Waring 1989).

Das ist jedoch keineswegs die gesamte kapitalistische Wirtschaft, sonder nur der sichtbare Teil. Doch diese sichtbare �konomie wird getragen und subventioniert von der unsichtbaren �konomie. Generell gilt, dass alle T�tigkeiten in der "unsichtbaren �konomie" "naturalisiert" worden sind, weil sie (angeblich) nicht dem Zweck der Kapitalverwertung dienen, sondern das Ziel haben, das eigene Leben, die eigene Subsistenz herzustellen und zu erhalten. Darum wird, nach Claudia von Werlhof, alles zur Natur "erkl�rt", was f�rs Kapital gratis sein soll. W�hrend den Menschen in der „sichtbaren" wie der"unsichtbaren �konomie" weisgemacht wird, das eigentliche Leben sei "oben" oder in der "sichtbaren �konomie" - der Geld�konomie - h�ngt aber letztere von der ersteren ab. Der wichtigste Mythos des Kapitalismus besagt, dass alle irgendwann, im Zuge der „nachholenden Entwicklung" zu dieser „sichtbaren �konomie"geh�ren w�rden, zu den Lohn-Arbeitern, gesch�tzt von Arbeitsgesetzen, Arbeitsvertr�gen, gut bezahlten und sicheren Arbeitspl�tzen usw. In der Eisberg�konomie es aber keine "nachholende Entwicklung" f�r alle - h�chstens f�r einige - sondern es ist umgekehrt, die unteren Schichten subventionieren die sichtbare �konomie.

Darum nennen wir sie auch Kolonien. Ohne diese koloniale Basis g�be es den Kapitalismus nicht.

 

Die Globalisierung bringt es an den Tag

Was unter dem Einfluss der Globalisierung jedoch wirklich geschieht, ist nicht das, was alle Zukurzgekommenen bisher erwartet haben, n�mlich, dass sie per "nachholender Entwicklung" aufsteigen w�rden, sondern sie erleben das Gegenteil: Mehr und mehr Lohnarbeiter und Lohnarbeiterinnen in der sichtbaren �konomie verlieren ihren Job und sinken ab in die unsichtbare �konomie. Das heisst aus festen Arbeitspl�tzen wird Gelegenheitsarbeit, aus Fabrikarbeit Heimarbeit, aus gewerkschaftlich und rechtlich gesch�tzter Arbeit werden ungesch�tzte, hausfrauisierte, heute nennt man das „prek�re" Arbeitsverh�ltnisse. Dabei ist es genau umgekehrt, wie uns die herrschende Wirtschaftstheorie weismacht, n�mlich, dass es einen "trickle-down"-Effekt von oben nach unten g�be, ein Durchsickern des Reichtums von der Spitze der Pyramide zu den Zukurzgekommenen an ihrem Fu�. Die Realit�t ist genau umgekehrt. Immer mehr Reichtum wird in der Spitze des "Eisbergs" angeh�uft, der den verschiedenen Schichten der "Unter-Wasser"-�konomie abgepresst wurde und dort dann eben nicht mehr vorhanden ist.

Inzwischen wurde schon im UNDP-Bericht von 1996 zugegeben, dass globales Wachstum dazu gef�hrt hat, dass der Anteil der Wohlhabenden dieser Welt, die 20% der Weltbev�lkerung ausmachen, innerhalb von 30 Jahren von 70% auf 85% des Reichtums gestiegen ist, w�hrend der Anteil der 20% der �rmsten im selben Zeitraum von 2,3% auf 1,4% gesunken ist. Auch der United Nations Human Development Report von 1998 berichtet, dass das Realeinkommen in 100 L�ndern heute niedriger ist als vor 10 Jahren. Die wachsende Kluft zwischen reichen und armen L�ndern, Klassen und Geschlechtern wird zugegeben. Man zweifelt sogar daran, dass Wirtschaftswachstum diese Kluft verkleinern w�rde, aber man gibt immer noch nicht zu, dass diese Kluft eine notwendige, strukturelle Folge von permanentem Wachstum in einer begrenzten Welt ist. Im globalen kapitalistischen Patriarchat kann es nicht Gleichheit f�r alle geben. Dies gibt selbst die Weltbank indirekt zu, wenn sie sagt, dass Ungleichheit der L�hne, des Einkommens, des Wohlstandes eine notwendige Begleiterscheinung des "�bergangs" von der sozialistischen zur kapitalistischen Wirtschaft ist ("A Global Poverty Gap", in: The Economist, 20. July 1996, S. 36).

 

Globalisierung ohne "menschliches Gesicht"

W�hrend die Menschen bis zum Fall der Berliner Mauer noch die Illusion haben konnten, dass die exportorientierte Industrialisierung in der Dritten Welt nicht nur den KonsumentInnen in den reichen L�ndern, sondern auch den armen L�ndern selbst zugute kommen w�rde - also, dass alle irgendwann ein wirtschaftliches Niveau wie etwa das Schwedens erreichen w�rden - ist diese Illusion mit der neoliberalen Umstrukturierung der Weltwirtschaft, wie sie sich seit 1990 vollzieht, nicht mehr aufrechtzuerhalten.

In jetzigen Phase der Globalisierung werden die Prozesse, die schon Mitte der siebziger Jahre begannen, nicht nur fortgesetzt und erweitert, sondern auch qualitativ versch�rft. So wird die Strategie, Produktionsst�tten in Billiglohnl�nder zu verlagern, durch GATT und WTO praktisch auf fast alle L�nder der Welt ausgedehnt. Au�erdem werden nun nicht mehr nur bestimmte arbeitsintensive, auf hohen L�hnen basierende Industrien ausgelagert, sondern auch umweltverschmutzende Schwerindustrien wie Stahl-, Schiffs- und Autobau, Kohlef�rderung usw. Hinzukommt, erm�glicht durch die neuen Kommunikationstechnologien, die Verlagerung ganzer Dienstleistungsbereiche in Billiglohnl�nder. So lassen eine Reihe von Fluggesellschaften ihre Abrechnungen bereits in Indien durchf�hren. Und indische Software-Firmen konkurrieren erfolgreich mit solchen in den USA und Europa.

Die Folgen dieser neuen globalen Umstrukturierung f�r die alten Industriel�nder sind nicht mehr nur Verlust von Arbeitspl�tzen, auf denen vormals Frauen gearbeitet haben, sondern nun sind auch die m�nnlichen Lohnarbeiter, und zwar die Stammarbeiter, von Firmenverlagerungen und Firmenzusammenschl�ssen betroffen.

Es ist erstaunlich, dass weder die Politiker noch die Gewerkschaften die Konsequenzen der Globalisierungspolitik, die durch die Weltbank, MAI, GATT/WTO und die Transnationalen Konzerne (TNKs) betrieben wird, f�r die Arbeiter, die Verbraucher und die Umwelt erkannt haben, oder auch heute erkennen. Alle Industriel�nder halten die Globalisierung der Wirtschaft und die �ffnung aller M�rkte f�r eine gute Sache, zumindest f�r unumkehrbar. Alle Regierungen dieser L�nder haben GATT und der WTO zugestimmt - Proteste gab es nur in einigen armen L�ndern und von Bauern z.B. in Indien. Alle scheinen zu glauben, dass der sogenannte Freihandel auch mehr Handlungsfreiheit f�r den einzelnen bedeutet. Und doch h�tte jedes Kind wissen k�nnen, wie der kapitalistische Freihandel funktioniert. Dass das Kapital stets dahin geht, wo es die geringsten Lohnkosten zu zahlen hat, wo es die Umwelt ungestraft ausbeuten kann, wo es m�glichst keine Gewerkschaften 

gibt - wie z.B. in China - durch die bestimmte Arbeitsschutzbestimmungen eingehalten werden m�ssen. Das Dogma der komparativen Kostenvorteile, das die herrschende neoliberale Wirtschaftspolitik bestimmt, wird vor allem durch die Lohnkostenvorteile in den Billiglohnl�ndern realisiert. Nach Pam Woodall waren die Stundenl�hne f�r Produktionsarbeiter 1994 im Durchschnitt wie folgt:

in Deutschland US$ 25,--

in USA US$ 16,--

in Polen US$ 1,40

in Mexiko US$ 2,40

In Indien, China,

Indonesien US$ 0,50

(Wodall 1994)

So beschreibt Pam Woodall dann auch die komparativen Kostenvorteile der Dritten Welt im Rahmen des globalen Freihandels folgenderma�en:

"Die Vorteile des internationalen Handels bestehen darin, dass die L�nder ihre komparativen Kostenvorteile ausbeuten k�nnen, nicht darin, dass sie versuchen, "gleich" zu sein. Und ein gro�er Teil der komparativen Kostenvorteile der Dritten Welt besteht in der einen oder anderen Weise in der Tatsache, dass sie arm sind, besonders in der billigen Arbeitskraft und der gr��eren Toleranz in Bezug auf Umweltverschmutzung" (Woodall 1994, S.42).

Was aber auch Pam Woodall vom Economist nicht als zentralen Teil der komparativen Kostenvorteile erw�hnt, ist die Tatsache, dass die billigsten der billigen Arbeitskr�fte weltweit Frauen sind, und zwar Frauen, die als Hausfrauen "konstruiert" worden sind. Die globale Umstrukturierung hat nun alle L�nder, alle Sektoren der Wirtschaft, einschlie�lich der Landwirtschaft und alle Arbeitsverh�ltnisse erfasst. Unter anderen eben auch die Frauen, die in den exportorientierten Textil-, Elektronik-, Spielzeug-, Schuhindustrien arbeiteten. Hatten diese Arbeiterinnen bis vor kurzem noch gehofft, dass sie durch heroische Arbeitsk�mpfe halbwegs menschliche Arbeitsverh�ltnisse durchsetzen k�nnten, so wie die von der International Labour Organisation (ILO) geforderten Kernarbeitsstandards, so m�ssen sie jetzt feststellen, dass die TNKs, f�r die sie bisher gearbeitet haben, entweder einfach ihr Land verlassen und in noch billigere L�nder umziehen, z.B. von S�dkorea nach Bangladesch oder nach China; oder dass sie, in Hongkong etwa, billigere Arbeiterinnen aus China anheuern. Die Hauptstrategie zur Verbilligung der weiblichen Arbeitskraft ist jedoch eindeutig eine weitere Hausfrauisierung und Globalisierung.

Das Committee for Asian Women (CAW) hat 1995 eine datenreiche Analyse der Folgen der globalen Umstrukturierung f�r die Arbeiterinnen in asiatischen Industriezentren, vor allem in den Export Processing Zones (EZPs) in den Philippinen, S�dkorea, Hongkong, Singapur und Bangladesh herausgegeben. Die Autorinnen beschreiben nicht nur die Zunahme sexistischer Diskriminierung - M�nner bekommen feste Jobs, Frauen nur noch Teilzeit- und ungesicherte Arbeit - sondern vor allem auch, dass verheiratete Frauen vom formalen Arbeitsmarkt ausgeschlossen werden,

"denn Manager wollen die Kosten f�r Mutterschaftsurlaub und andere Verg�nstigungen vermeiden. Sie argumentieren meist, dass verheiratete Frauen zu viele Familienpflichten h�tten und sich nicht auf ihre Arbeit konzentrieren k�nnten" (CAW) 1995, S. 31).

Das hei�t aber keineswegs, dass diese verheirateten Frauen nun von einem Ehemann "ern�hrt" werden und nicht mehr weiter f�rs Kapital auch direkt arbeiten m�ssen. Der Druck, der durch die Verlagerung von EZPs in noch billigere L�nder auf die Arbeiterinnen ausge�bt wird, hat zu einer weiteren "Casualization" von Frauenarbeit gef�hrt, d.h. aus festen werden unsichere, aus gesch�tzten ungesch�tzte, aus Ganztagsarbeit- werden Teilzeitjobs, aus Vollzeitarberinnen werden Gelegenheitsarbeiterinnen, Fabrikarbeit wird vor allem ausgelagert in Heimarbeit. Diese verrichten dann die nach Hause geschickten verheirateten Frauen, neben ihrer Familienarbeit und der Betreuung ihrer Kinder. Oder sie sind gezwungen, stundenweise irgendwelche Dienstleistungen zu erbringen. 70% der aus dem produzierenden Bereich entlassenen Frauen wurden Gelegenheitsarbeiterinnen im Dienstleistungssektor. Die Unternehmer betreiben eine bewusst sexistische oder patriarchale Strategie der Umstrukturierung der Arbeitsverh�ltnisse:

"Arbeitsprozesse werden so aufgeteilt, dass sie stundenweise bezahlt werden k�nnen, denn die Arbeit wird als Frauenarbeit gesehen. Frauen, die verheiratet sind, k�nnen geringere L�hne bekommen, denn man denkt, dass sie von einem Ehemann abh�ngig sind. Die rapide Vergelegentlichung (casualization) von Arbeit ist geschlechtsbedingt. (Chan Kit Wa, Fong Yenk Hang, Fung Kwok Kin, Hung Sent Lin, Ng Chun Hung, Pun Ngai, Wong Man Wan, 1995, S. 54).

Und wo arbeiten diese Gelegenheitsarbeiterinnen? Bei McDonalds, Spaghetti House, Maxim, in Superm�rkten, als Putzfrau, als Hausangestellte, als Prostituierte und in B�ros.

Die Gesamtanalyse der Autorinnen von "Silk and Steel" zeigt nicht nur die Tendenz zur Hausfrauisierung von Arbeit auf, die mit der Globalisierung einhergeht, sondern vor allem, dass diese Strategie f�r Frauen zu einer allgemeinen Verschlechterung ihrer Arbeits- und Lebensbedingungen gef�hrt hat. Hinzu kommt, dass auch die M�nner sich immer weniger verantwortlich f�r ihre Familien f�hlen und Frauen und Kinder verlassen. Hausfrauisierung ist f�rs Kapital die beste Strategie im Zuge der Globalisierung komparative Kostenvorteile zu realisieren. F�r Frauen ist sie eine Katastrophe.

Was bedeutet das f�r uns?

Sie k�nnen nun sagen: O.K. das ist Asien, S�dkorea, Hongkong, . . . Was geht uns das an? Unser Problem ist, dass wir die Prozesse , die sich jetzt hier abspielen nicht verstehen, wenn wir glauben, das Kapital h�tte andere Strategien, die Arbeit hier zu verbilligen als die, die es in den Billiglohnl�ndern anwendet. Die fr�heren 630-DM-Jobs in Deutschland,heute den 500 Euro Jobs, die die Hartz-Kommission vorschl�gt, basieren auf demselben Konzept der Hausfrauisierung von

Arbeit. Dieses Konzept geht davon aus, dass der Lohn f�r einen eine Arbeiterin nicht mehr die Reproduktionskosten dieser Person abdecken m�sse, denn, ihre Arbeit sei ja nur „zus�tzlich" zum Einkommen des Hauptern�hrers

Doch wo sind die „Hauptern�hrer" heute?

 

Die alten Gegenstrategien reichen nicht mehr aus

Angesichts der Globalisierung und Liberalisierung des Weltmarkts, verbunden mit der oben beschriebenen "Deregulierung", "Flexibilisierung" bzw. "Hausfrauisierung" von Arbeitskraft reicht die traditionelle Gewerkschaftsstrategie nicht mehr aus. F�r Frauen hat sie nie ausgereicht. Sie basiert nicht nur auf der patriarchalisch-kapitalistischen Trennung von bezahlter Erwerbs- und unbezahlter Hausarbeit, sondern auch auf der Annahme, dass das Modell der westlichen Industriegesellschaft, sein Produktions- und Konsummuster im Zuge der "nachholenden Entwicklung" zu verallgemeinern sei. Alle bisher angeblich "r�ckst�ndigen" Gesellschaften, Klassen, Rassen, V�lker - und Frauen - sollten nach und nach auf den Stand der reichen Klassen in den reichen L�ndern gebracht werden. Die Frauen sollten statusm��ig den privilegierten M�nnern "gleichgestellt" werden.

Eine Strategie, die jedoch nur eine Umverteilung des �konomischen Kuchens einfordert, z.B. von oben nach unten, oder gr��ere Anteile f�r Frauen verlangt, ohne zu fragen, wie denn dieser Kuchen �berhaupt zustande gekommen ist, welches seine Bestandteile sind, welche Bereiche unserer Realit�t kolonisiert werden m�ssen, um ihn backen zu k�nnen, eine solche Strategie macht sich Illusionen �ber die Wirklichkeit.

F�r Frauen und M�nner kann es angesichts der neuen weltweiten, patriarchalen Kapitalstrategie nicht mehr ausreichen, nur weiterhin mehr gesch�tzte Lohnarbeitspl�tze auf der Grundlage von Wirtschaftswachstum zu fordern. Innerhalb einer globalisierten kapitalistischen Wirtschaft k�nnen die Forderungen und Rechte bestimmter ArbeiterInnen stets unterlaufen werden durch ein Ausweichen auf billigere Arbeitskr�fte in anderen L�ndern und Regionen, durch weitere Auspl�nderung der Natur und durch weitere Kolonisierung und Kriege.

Wir m�ssen uns Gedanken �ber ein ganz anderes Wirtschaftsmodell machen. Wir brauchen eine Wirtschaft, die nicht den einen das Brot stiehlt, damit andere Kuchen essen k�nnen. Eine solche Wirtschaft kann aber nicht mehr auf permanentem Wachstum, sei es kapitalistischer oder sozialistischer Natur, und darum auf der Kolonisierung von Frauen, Natur und fremden V�lkern basieren (Mies 1988).Sie ist auch nicht durch „nachholende Entwicklung" oder eine blosse Verteilung des „gesellschaftlichen Reichtums" zu realisieren, wie viele immer noch glauben. Die Produktion dieses „gesellschaftlichen Reichtums" beruht immer auf Gewalt, Raub, und Ausbeutung von Mensch und Natur.

Eine solche nicht-wachstumsorientierte, nicht-koloniale, nicht-kapitalistische nicht-patriarchale Wirtschaft und Gesellschaft m�sste auf grundlegend anderen Prinzipien als den uns bekannten aufgebaut sein. Dabei stehen nicht nur die Grenzen unseres Planeten im Vordergrund, sondern das Prinzip der Selbstversorgung, ein anderer Begriff von "gutem Leben", eine Kritik des Konsumismus, die Respektierung nat�rlicher Zyklen und die Schaffung neuer Verh�ltnisse zwischen Mensch und Natur, Mann und Frau, Stadt und Land, zwischen verschiedenen V�lkern, Rassen und Ethnien (vgl. Bennholdt-Thomsen, Mies, v. Werlhof 1992, Mies/Shiva 1995). Um eine solche Wirtschaft zu konzipieren ist zun�chst ein anderer Blick auf die Wirklichkeit notwendig. Wir nennen diesen Blick die Subsistenzperspektive (Bennholdt-Thomsen/Mies 1997).

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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