Nach Genua scheint in Europa pl�tzlich alles anders zu sein. Weder die
PolitikerInnen noch die Medien haben sich bis dahin die M�he gemacht, die Bev�lkerung
�ber die Inhalte dessen zu unterrichten, was da bei diesem G8-Gipfel in Genua und bei
anderen �hnlichen Gipfeln verhandelt wurde und wird. Noch viel weniger erfuhren die
Menschen dar�ber, dass es seit etwa 1997 eine weltweite Protestbewegung gegen die
neoliberale, konzerngesteuerte Globalisierungspolitik gibt. Diese Protestbewegung hat
nicht nur dazu beigetragen, dass das Multilaterale Abkommen �ber Investitionen im
Dezember 1998 scheiterte, sie hat auch mit ihrem Massenprotest 1999 in Seattle zu einem
Fiasko der Welthandelsorganisation (WTO) gef�hrt. Besonders in Deutschland wurde diese
Protestbewegung von den Medien entweder ignoriert, oder sie wurde l�cherlich gemacht oder
in G�nze als eine Ansammlung von unverantwortlichen Randalierern hingestellt. Noch am 20.
Juli, einen Tag vor der Ermordung des Demonstranten Carlo Guiliano durch die italienische
Polizei, sagte Bundeskanzler Schr�der, man solle "mit aller H�rte" gegen die
Protestierer in Genua vorgehen. Einen Tag sp�ter war das erste Todesopfer dieser riesigen
Demonstration zu beklagen, und nach und nach kamen auch mehr und mehr Einzelheiten �ber
die faschistoide Brutalit�t der italienischen Polizei ans Tageslicht. Pl�tzlich
berichteten alle Medien �ber Genua und die internationale Protestbewegung. Doch der Tenor
dieser Berichte kreist um die Frage der Gewalt. Nicht die Gewalt der Polizei und des
Staates sondern um die Frage, warum es die friedlichen Protestierer nicht schaffen, die
wenigen Gewaltbereiten, z.B. den "Schwarzen Block" nicht zu kontrollieren.
BARBARA KLEINE war in Genua und gibt in diesem Infobrief einen authentischen Bericht �ber
die Ereignisse in Genua.
Was bei dieser neuen Gewaltdiskussion in Deutschland jedoch wieder einmal v�llig unter
den Tisch f�llt, das sind die Inhalte, um die es bei diesem Gipfel und den weiteren
Wirtschaftsgipfeln in diesem Jahr geht. Die Menschen erfahren auch nichts �ber die
Interessengruppen und Akteure, die hinter den Abkommen stehen, die auf diesen Gipfeln
verhandelt werden. Sie ERLEIDEN zwar die Konsequenzen dieser neoliberalen
Globalisierungspolitik auf der lokalen Ebene, z.B. Arbeitslosigkeit durch Privatisierungen
kommunaler Betriebe. Sie wissen aber nicht, dass hinter dieser LOKALEN Politik auch ein
GLOBALES Programm steht, das durch die EU und die WTO vorangetrieben wird. Aus diesem
Grunde berichten wir �ber konkrete F�lle der jetzigen Privatisierungspolitik, z.B. in
D�sseldorf und K�ln und wie sich die Menschen mit Erfolg gegen diese Politik wehren(H.
W. SCHUSTER und U. BECK)
Wir f�hren au�erdem unsere Aufkl�rung �ber die EURO-PLAYERS fort. Wir stellen nach dem
ERT und UNICE (Infobrief 4 und 5) diesmal den TRANSATLANTIC BUSINESS DIALOGUE (TABD) vor,
den Lobbyverband der europ�ischen Industrie in Br�ssel, der die transatlantische
Freihandelspolitik zwischen Europa und Nordamerika durch immer weitere Freihandelsabkommen
voranzutreiben versucht. J�RGEN CRUMMENERL analysiert ferner, welche Auswirkungen die EU-
Osterweiterungspolitk z.B. auf ein Land wie Polen haben wird und schon jetzt hat. Hohen
Erwartungen auf eine baldige "nachholende Entwicklung" steht die Realit�t der
tats�chlichen Freihandelspolitik gegen�ber. Diese Freihandelspolitik f�hrt nicht nur,
wie inzwischen weltweit nachgewiesen auch in Europa zu immer gr��erer Ungleichheit,
sondern auch zu neuen Kriegen. Was sich dezeit auf dem Balkan abspielt, ist weder die
Folge verfehlter sozialistischer Politik noch die Konsequenz ethnischer Differenzen, wie
uns weisgemacht wird. Wir drucken einen Artikel von MICHEL CHOSSUDOWSKY �ber die Rolle
der NATO in Mazedonien ab, der nachweist, das solche Kriege von den M�chten vorbereitet
wurden, die heute die NAT0 zur "Befriedung" einsetzen.
In Fortsetzung der Diskussion �ber Alternativen zur neoliberalen Globalisierung stellen
wir diesmal einen Beitrag von COLIN HINES (England ) vor, der statt der weiteren
Globalisierung die Lokalisierung der Wirtschaft bef�rwortet. Eine solche Lokalisierung
soll allerdings nicht, wie oft eingewandt wird, einen egoistischen R�ckzug auf die
provinzielle oder gar nationalistische Ebene bedeuten. In dem Slogan: PROTECT THE
LOCAL,GLOBALLY fordert HINES einen neuen Internationalismus, einen Internationalismus, der
auf der Kontrolle lokaler Gemeinschaften �ber ihre eigene Wirtschaft und ihre eigenen
Lebensbedingungen besteht. Nur auf einer solchen Basis kann nach Hines so etwas wie
wirkliche Solidarit�t entstehen.
In der Rubrik WIDERSTAND berichten wir �ber den Kampf der Menschen in Papua Neu Guinea,
vor allem der Studenten, gegen die Weltbank und den Internationalen W�hrungsfonds. Dieser
Bericht zeigt nicht nur, dass direkte Gewalt, wie sie der Staat in Genua angewandt hat, in
einem Land der Dritten Welt seit langem zu den �blichen Mitteln z�hlt, um neoliberale
"Wirtschaftsreformen" auch gegen den Widerstand der ganzen Bev�lkerung
durchzusetzen. Dieser Bericht kann helfen, das Au�ergew�hnliche der Ereignisse in Genua
in den realistischen Kontext der globalen Freihandelspolitik zu stellen, wie sie neben der
WTO auch von Weltbank und IWF vorangetrieben wird. Er zeigt auch, dass es m�glich ist,
dass sich eine ganze Gesellschaft gegen diese Politik wehrt und daf�r k�mpft, dass diese
Institutionen aus dem Lande verschwinden.
Im AKTIONSTEIL verweisen wir auf die n�chsten Termine, auf die n�chsten
"Gipfel" von EU und Weltbank/IWF und WTO und auf den weltweiten Widerstand gegen
die geplante weitere neoliberale Freihandelspolitik. Nach allen Beteuerungen dieser
Institutionen und selbst vieler nationaler Regierungen, einschlie�lich der
Schr�der-Regierung in Deutschland, die Kritik der Globalisierungsgegner ernst nehmen zu
wollen, wird die neoliberale Agenda auf diesen Gipfeln unver�ndert weiterverfolgt werden.
Vor allem bei der n�chsten WTO Konferenz in Doha/ Katar, im persischen Golf, wird es um
die weitere Liberalisierung des Agrarhandels, der intellektuellen Eigentumsrechte und vor
allem, im General Agreement on Trade in Services (GATS) um die Liberalisierung des
gesamten Dienstleistungssektors gehen. Sowohl die EU als auch die WTO dr�ngen darauf,
dass s�mtliche Bereiche der Daseinsvorsorge wie z.B. Wasser, Verkehr, Gesundheit,
Schulen, Kl�ranlagen, M�llentsorgung, soziale Einrichtungen, und viele andere mehr, die
bisher noch unter der Kontrolle der �ffentlichen Hand stehen, auf nationaler wie auf
kommunaler Ebene liberalisiert und dem Wettbewerb durch den globalen Markt und durch
private Interessen ausgesetzt werden. Was dies f�r das Leben der Menschen auch in den
reichen L�ndern bedeutet, ist den wenigsten Menschen bis heute klar. An den Beispielen
des Widerstandes auf regionaler, nationaler wie kommunaler Ebene gegen diese
Privatisierungspolitik ist jedoch abzulesen, dass Widerstand m�glich und erfolgreich sein
kann.
K�ln, den 13.09.01
Barbara Kleine
Maria Mies
Regina Schwarz