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EDITORIAL Diskussion �ber Alternativen zur Globalisierung

Der Slogan: EINE ANDERE WELT IST M�GLICH wurde beim Weltsozialforum in Porto Allegre in S�dbrasilien gepr�gt. Mittlerweile ist er zum Hauptslogan der deutschen Attac-Bewegung geworden. Doch viele Leute, die ihn h�ren, fragen uns: „Ihr seid gegen die jetzige Globalisierung und wollt eine andere Welt. Aber was f�r eine Welt schlagt Ihr denn selbst vor? Was ist Eure Alternative?"

Manche weisen diese Frage mit der Begr�ndung ab, die Kritik am Bestehenden m�sse nicht sofort mit einem eigenen Gegenentwurf gekoppelt sein. Es gen�ge zuerst „Nein" zu sagen. Das Entwickeln von Alternativen k�me sp�ter. Die w�rden sich aus den sozialen Bewegungen ergeben.

Wir haben die Erfahrung gemacht, dass beides zusammen geh�rt: die Kritik am Bestehenden und das Nachdenken �ber Alternativen. Richtig ist, dass wir zuerst einmal genau wissen m�ssen, wogegen wir sind, ehe wir wissen k�nnen, wof�r wir sind. Doch schon beim „Dagegensein" spielt es eine Rolle, von welcher Perspektive her das Bestehende betrachtet und kritisiert wird: von einer Dritte-Welt-Perspektive, einer Umweltperspektive, der Perspektive der europ�ischen oder US-Mittel- oder Arbeiterklasse, der Perspektive von Kleinbauern oder von einer feministischen Perspektive.

Diese Vielfalt und Heterogeneit�t der Perspektiven und Interessen hat bisher die internationale Protestbewegung gegen die konzerngesteuerte Globalisierung ,gegen die Global Players und die ihnen dienenden Institutionen, Weltbank, Internationalen W�hrungsfonds, die WTO, jedoch nicht behindert. Im Gegenteil, sie war und ist die St�rke dieser Bewegung.

Wenn wir diese St�rke bei der Suche nach Alternativen erhalten wollen, muss klar sein, dass es heute nicht mehr DIE Alternative gibt, DEN einheitlichen Wirtschafts-und Gesellschaftsentwurf, der dann wom�glich noch von einer Weltzentrale, vielleicht sogar einer Weltpolizei aus durchgesetzt wird. Es gibt vielmehr verschiedene Entw�rfe und wir m�ssen sehen , ob und wo es ein einigendes Band gibt. Oder anders ausgedr�ckt: wir werden fragen m�ssen, ob die jeweiligen partikularen Interessen, die im Kapitalismus meist in einem antagonistischen Verh�ltnis zueinander stehen, einm�nden in ein Allgemein- interesse.

Ehe wir aber diese Untersuchung anstellen k�nnen, m�ssen wir zuerst wissen, welche Alternativvorstellungen denn schon in den verschiedenen Weltteilen, Klassen, Interessengruppen, Kulturen, Geschlechtern existieren. In diesem Infobrief haben wir uns die Aufgabe gestellt, zun�chst einmal einige der bekannteren Perspektiven bekannt zu machen. Sie rangieren auf einer Skala, die die bestehende Globalisierung und ihre Institutionen„gestalten","humanisieren"oder „reformieren" und so eine „Globalisierung mit menschlichem Gesicht" schaffen wollen bis zu jenen, die von diesem Unternehmen wenig halten und statt dessen die Globalisierung als solche in Frage stellen.

Wie es nicht anders sein kann, sind bereits jetzt Kontroversen zwischen diesen beiden und andren Gruppen entstanden. Uns liegt daran, dass solche Kontroversen nicht, wie oft bisher, im luftleeren, abstrakten ideologischen Raum gef�hrt werden, sondern anhand bestimmter anstehender Politiken. Wir stellen daher zwei der u.E.wichtigsten Kontroversen hier exemplarisch vor. 1. die Kontroverse zwischen der Oxfam-Kampagne MAKE TRADE FAIR und Vandana Shiva und Walden Bello, die diesen Ansatz aus einer Dritt-Welt-Perspektive scharf zur�ckweisen. Aus Platzmangel drucken wir nur die Kritik von Vandana Shiva ab.

Die Oxfam-Kampagne stellt den globalen Freihandel als solchen nicht in Frage sondern verlangt nur, dass dieser Handel nach fairen Regeln auch den L�ndern des S�dens zugute kommen m�sse.Ihre Exporte m�ssten mehr Zugang auf den M�rkten des Nordens bekommen. Diese Position wird nicht nur von vielen Regierungen des S�dens vertreten, sondern auch von wohlmeinenden NGOs bei uns. VertrerInnen des S�dens lehnen diese exportorientierte Freihandelspolitik jedoch aus der Perspektive der Armen, des Volkes als solche kategorisch ab.

2. die Kontroverse zwischen den Bef�rwortern der sog. GLOBAL GOVERNANCE, d.h. denjenigen, die vorschlagen, den durch die Nationalstaaten nicht mehr zu z�hmenden globalen Finanz-und Raubkapitalismus unter politische Kontrolle zu bekommen.

Dies ist auch die Position, die von der Enquete Kommission des Bundestages vertreten wird. (vgl. Dorothea H�rlin). Sie entspricht dem Ansatz: Die Globalisierung humanisieren, und zwar durch politische Regulierungen.

Walden Bello (Thailand) will jedoch die Globalisierung nicht „humanisieren" sondern durch einen Prozess der De-Globalisierung ersetzen. Diese De-globalisierung bedeutet gleichzeitig, dass Wirtschaft wieder unter die Kontrolle lokaler, regionaler und nationaler Gemeinwesen gestellt wird. Mit Abwandlungen wird dieser Ansatz auch von Colin Hines (England), Vandana Shiva (Indien) und Maria Mies (Deutschland) vertreten.

W�hrend sich die Diskussion um die GLOBAL GOVERNANCE bisher haupts�chlich um die politische Z�hmung des globalen Kapitalismus dreht, zeigt Saral Sarkar in seinem Beitrag die �konomische Unm�glichkeit eines globalen

Wohlfahrtskapitalismus a la Keynes auf.Er kritisiert, dass alle Neo-Keynesianer und Bef�rworter der Global Governance den Begriff der „Nachhaltigkeit", lediglich auf �kologische Prozesse beziehen, aber niemals das Wachstumsparadigma der Industriegesellschaft als solches in Frage stellen. Sie reden nie von einer „nachhaltigen Wirtschaft".Eine solche, so Sarkar, sei nur im Rahmen eines neuen �kosozialismus m�glich.

Die Kritik des Wachstumswahns ist auch, trotz aller Unterschiede, ein einigendes Band der weiteren Beitr�ge in diesem Infobrief.

Regina Schwarz beschreibt in ihrem Beitrag den Ansatz von Silvio Gesell,

der durch die Abschaffung des Zinses den Wachstumswahn des Kapitals brechen wollte. Heute findet dieser Ansatz seine Anwendung in tausenden von Tauschringen im Norden wie im S�den. Wir haben in unserer letzten Nummer schon auf die Expansion der Tauschringe in Argentinien verwiesen.

Maria Mies stellt in dieser Nummer den ersten Teil ihre feministische Analyse des globalen kapitalistischen Patriarchats vor.Im Zentrum steht dabei die Ausbeutung von Frauen, Natur und anderen Kolonien als dauernder Grundbedingung der grenzenlosen Akkumulation.Von einer solchen Analyse her ergibt sich auch eine andere Vorstellung f�r eine neue Wirtschaft und Gesellschaft. Sie nennt diese Perspektive die Subsistenz-Lebensperspektive. Davon wird Teil II ihres Beitrags im n�chsten Infobrief handeln.

Die weiteren Beitr�ge zu dem Thema Alternativen zeigen auf, dass �berall auf der Welt �ber �hnliche Fragen diskutiert wird, sei es beim International Forum on Globalisation (IFG) in San Francisco, beim Third World Network in Malaysia, beim Institut Focus on the Global South in Thailand, bei Navdanya in Indien und an vielen anderen Orten der Welt. Diese Diskussionen werden nirgendwo im Elfenbeinturm akademischer Institutionen gef�hrt sondern sind �berall Ergebnis des praktischen Kampfes gegen die konzerngesteuerte Globalisierung.

Wir halten es f�r wichtig, dass die deutsche Diskussion um Alternativen zumindest informiert ist �ber das, was anderswo getan und gedacht wird

K�ln, September 2002.

Barbara Kleine

Maria Mies

Regina Schwarz

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