Claudia von Werlhof

  

Aufruf zur Unterschriftensammlung in ganz �sterreich:

„UG 2002: Nicht in meinem Namen!"

 

Hochschulreform ja, aber in die umgekehrte Richtung

Warum das UG 2002 den Aufgaben von Hochschule und Wissenschaft in heutiger Zeit gerade nicht gerecht wird

 

Der Geist, in dem das UG 2002 verfa�t wurde, steht in krassem Gegensatz zu den Anforderungen, denen sich Hochschule und Wissenschaft heute und in Zukunft gegen�bersehen. Mit extrem autorit�ren Entscheidungsstrukturen, dem systematischen Einflu� wissenschaftsfremder politischer und �konomischer Akteure, der Entdemokratisierung aller universit�tsinternen Verh�ltnisse bis hin zur Entfernung von Entscheidungsbefugnissen selbst auf der Ebene der Universit�tsprofessoren, der Einf�hrung von Kriterien der wissenschaftlichen Beurteilung, die lediglich an �konomischer Verwertbarkeit orientiert sind, der um sich greifenden Auslieferung der Wissenschaft an private Konzerninteressen (Sponsoren) und, last but not least, die Einf�hrung eines Dienstrechts, das der Bildung eines wissenschaftlichen Nachwuchses im Wege steht, eigenst�ndige wissenschaftliche Leistungen behindert sowie das Engagement und die Leistungen des nichtwissenschaftlichen Personals nicht mehr anerkennt, sind in jeder Hinsicht kontraproduktiv.

Das UG 2002 entstand nicht, um den tats�chlichen Reformbedarf im universit�ren Bereich aufzugreifen und einer L�sung zuzuf�hren. Es entstand im Gegenteil nur deshalb, um ein Investitionsfeld f�r weltweit operierende Konzerne der Bildungsindustrie vorzubereiten und bereitzustellen. Die Reformziele des UG 2002 sind daher am besten zu verstehen, wenn man das General Agreement on Trade in Services, GATS, das Allgemeine Abkommen �ber den Handel mit Dienstleistungen der WTO, zur Kenntnis genommen hat. Dort ist begr�ndet, warum nicht nur das Erziehungswesen, sondern auch das Gesundheitswesen (siehe Auslagerung der Medizinischen Fakult�ten), der Transport, das Energiewesen, die Wasserversorgung, die Umweltschutzdienste, das Immobilienwesen, Versicherungen, Tourismus, Postdienste, Verlagswesen, Funk und Fernsehen, Museen, B�chereien, Rechtspflege und Investitionen (R�ckkehr des 98 gescheiterten MAI!) sowie andere Bereiche betroffen sein sollen. Bis M�rz 2003 will die �sterreichische Bundesregierung bei der EU, die dieses Projekt mit allen Mittel vorantreibt, deponieren, welche Bereiche der �ffentlichen Versorgung in �sterreich dem Zugriff der jeweiligen international operierenden Konzerne ausgeliefert werden sollen. Danach w�rde das GATS irreversibel zum internationalen Recht, d.h. zum Gesetz, und nicht mehr ge�ndert werden, inklusive UG 2002 – es sei denn, die neu zu w�hlende Bundesregierung und wir verhindern dies!

Nur von da her, n�mlich der politischen Reaktion auf die Bed�rfnisse nach Kapitalverwertung im internationalen Ma�stab ist also der „Geist" des UG 2002 erkl�rbar, denn er hat mit den wirklichen Problemen der Hochschulen und des Wissenschaftsbetriebs rein gar nichts zu tun. Vielmehr sollen die letzteren so zugerichtet werden, dass sie lediglich institutionell-organisatorisch den Interessen der bereits wartenden Investoren angepasst werden.

Statt der damit einhergehenden R�ck- bzw. Vorkehr zu streng autorit�ren Verh�ltnissen und der platten „�konomisierung" aller wissenschaftlichen T�tigkeit m�sste eine wohlverstandene Universit�tsreform genau in die umgekehrte Richtung gehen. Gerade die demokratischen Verh�ltnisse an den Hochschulen m�ssten ausgebaut und erweitert werden. Die Eigenst�ndigkeit bei der Erbringung wissenschaftlicher Leistungen und gerade auch solcher, die sich jeder �konomisierung widersetzen, mu� geradezu ein Haupt-Ziel wissenschaftlichen Arbeitens werden. Anstatt intransparenter Befehlsstrukturen mu� gerade die Kooperation aller am Wissenschaftsproze� Beteiligten ausgebaut und gepflegt werden. Dar�ber hinaus m�ssen neue Methoden wissenschaftlichen Arbeitens, insbesondere im Bereich der Inter- und Transdisziplinarit�t, initiiert bzw. erweitert werden. All dies sollte sich entsprechend auch in der Lehre niederschlagen, um die Studierenden mit einem lebendigen, auf Gegenwart und Zukunft gerichteten wissenschaftlichen Handeln fr�hzeitig bekannt zu machen.

Nur auf der Grundlage der Erweiterung, an Stelle der Einschr�nkung oder gar Abschaffung solcher Freir�ume wird es den Universit�ten m�glich sein, den Herausforderungen der Zeit gewachsen zu sein. Denn diese bestehen gerade nicht darin, schnellstm�gliche Ma�nahmen zu ergreifen, um die Wissenschaft auf den Markt zu reduzieren und internationale Zusammenarbeit sowie Konkurrenzf�higkeit allein an Kriterien der Profitmaximierung zu messen. Im Gegenteil, die Wissenschaft und ihre Institutionen m�ssen gerade jetzt eine deutlich souver�nere Position angesichts gesellschaftlicher Fehlentwicklungen einnehmen, um ihrer eigentlichen Aufgabe gerecht werden zu k�nnen. Diese Aufgabe besteht sicherlich nicht darin, lediglich ein Feld f�r „Investitionen" darzustellen, sondern gesellschaftliche Problemlagen zu erkennen, zu analysieren, ihnen gegenzusteuern sowie Alternativen zu finden und zu praktizieren. Denn nur die Wissenschaft ist in der heutigen institutionellen Welt in der Lage, eben jenen Freiraum zu bieten, in dem auch unabh�ngig vom Zeitgeist und momentanen Moden oder Bed�rfnissen gearbeitet werden und der Blick auf gr��ere Zusammenh�nge, Zeitr�ume und Notwendigkeiten gerichtet werden kann. Eine Gesellschaft mu� heute auch Institutionen haben, die nicht im Trend liegen und unbequem, ja kompromisslos denken und handeln k�nnen. Wo sonst, wenn nicht in der Universit�t, sollte dies stattfinden?

Es ist bereits jetzt erkennbar, dass das UG 2002, tats�chlich angewandt, solche M�glichkeiten systematisch untergraben, ja abschaffen w�rde. Gleichzeitig ist aber auch schon zu sehen, dass sp�testens in einigen Jahren ein enormer Bedarf an „alternativer" Wissenschaftlichkeit bestehen wird (ja letztlich l�ngst besteht): Die Wissenschaft wird Antworten zu liefern haben auf Fragen, die entstehen aus sich wiederholenden �kologischen Katastrophen aller Art, weltweiter �konomischer Verelendung, zunehmender sozialer Ungleichheit und Ungerechtigkeit auch in den Industriel�ndern, der Implosion des Sozialstaats, dem inneren Zerfall gesellschaftlicher Institutionen wie Ehe und Familie, Schule, Kinder- und Altenversorgung, der zunehmenden Gewaltf�rmigkeit unterschiedlicher Konflikte vom Krieg zwischen den Geschlechtern bis zum Krieg im internationalen Ma�stab, dem Problem der Ersetzung schwindender Rohstoffe und dem der Erfindung notwendiger neuer Technologien, dem Zusammenbruch von (Finanz)M�rkten, den Folgen der Konzentration von Geld und Macht in immer weniger H�nden sowie dem zunehmenden sogenannten „Werte"-Verfall im allt�glichen Leben als Folge der Entdemokratisierung der westlichen Zivilisation.

Diesen und anderen Herausforderungen ist die Universit�t bisher nicht gewachsen gewesen, und sie wird es �berhaupt nicht mehr sein, wenn sie das UG 2002 Wirklichkeit werden l�sst. Es geht daher darum, mit allen Mitteln zun�chst auf institutioneller Ebene zu versuchen, die vorhandenen geistigen Kr�fte nicht abzuw�rgen, sondern im Gegenteil zu ermutigen, zu st�rken und �berall und auf allen Ebenen zu f�rdern.

Dazu braucht es eine Hochschulreform, die genau in die umgekehrte Richtung zur bisher vorgeschlagenen geht. Und selbst dann ist das Problem noch nicht beseitigt. Denn die wirkliche Arbeit beginnt erst, nachdem die institutionellen Grundlagen daf�r geschaffen sind. Diese Arbeit besteht darin, die Wissenschaft selbst so zu erneuern oder zu erweitern, dass sie den gesellschaftlichen Aufgaben, die auf sie zukommen, auch tats�chlich gewachsen sein kann. Daher sind alle Disziplinen aufgerufen, sich diesen Entwicklungen zu stellen und auch im Austausch miteinander neue Theorien und Methoden zu erproben. Insgesamt kann gelten: Wissenschaft sollte nicht aus dem Geist der „Verwertbarkeit", sondern der Verbundenheit allen Seins handeln. Sie mu� also auch imstande sein, der Pl�nderung und Vernichtung dieses Seins wirksam entgegentreten zu k�nnen.

 

R�cknahme des UG 2002!

Keine Unterzeichnung des GATS!

Neuverhandlungen zu einer Hochschulreform, die ihren Namen verdient!

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