SANTA BARBARA
 

Kapitel 1
 

Lieber Daddy,
      ich stelle mir gerade ganz genau vor, wie Du diesen Brief jetzt in der Hand hältst.
Ich habe drei Wünsche – ich wünsche mir, Dein liebes Gesicht zu sehen, Dir einen sanften Kuss zu geben und Deine starken Arme um mich zu fühlen. Ich wünsche mir, Dir persönlich sagen zu können, dass Du Dir keine Sorgen um mich zu machen brauchst.
Es geht mir viel besser und ich mache jeden Tag Fortschritte. Ich habe einen hervorragenden Arzt, der mir sehr dabei geholfen hat, mit der Vergangenheit zurechtzukommen.
Der Prozess der Heilung war nicht immer einfach, aber notwendig. Diese Genesung, das ist mir jetzt klar geworden, hätte ich wohl zu Hause nie erreichen können. Das ist auch der Grund, warum ich nicht nach Santa Barbara zurückkehren werde.
Mein dritter Wunsch ist es, das Geschehene ungeschehen machen zu können, aber das bleibt nur ein unerfüllbarer Traum. Stattdessen wünsche ich mir, dass Du und Mama diesen Traum auch haben werdet, damit Ihr wieder zusammenfindet – versucht es wenigstens.
Bitte lasst diesen Wunsch wahr werden, nicht für mich, sondern für Euch selbst.
Behaltet mich in Euren Herzen.
     Mit all meiner Liebe,
        Eden
 

CC Capwell ließ den Brief, den er in Händen hielt, in den Schoß sinken und schloss die Augen, in denen Tränen schimmerten. Obwohl er diese Zeilen seiner Tochter Eden nun schon unzählige Male gelesen hatte, verursachten die Worte jedes Mal erneut einen tiefen Schmerz in seinem Herzen.
Er wollte und konnte sich einfach nicht damit abfinden, Eden nie wieder zu sehen und hatte schon oft mit dem Gedanken gespielt, einen Privatdetektiv damit zu beauftragen, sein Kind ausfindig zu machen, doch Sophia, mit der er seit drei Jahren zum vierten Mal den Bund der Ehe geschlossen hatte, hielt ihn von diesem Vorhaben ab und bat ihn die Entscheidung von Eden, nicht mehr nach Santa Barbara zurückzukommen, zu respektieren.
Sophia, die sich selbst nichts sehnlicher wünschte, als ihre älteste Tochter endlich wieder in die Arme schließen zu können, hoffte und betete, dass Eden eines Tages die Kraft aufbringen würde, sich der Vergangenheit zu stellen und ihre Familie wieder zu sehen.
CC legte den Abschiedsbrief von Eden beiseite und nahm ein gerahmtes Foto zur Hand, das vor ihm auf dem antiken Schreibtisch in der Bibliothek stand und eine bildhübsche blonde junge Frau zeigte, deren Augen vor Glück strahlten und deren Lächeln jedermann verzaubern konnte.
CC strich andächtig über das Glas und sah das Foto lange an, ehe er das Bild an seinen Platz zurückstellte. Dann öffnete er eine der Schreibtischschubladen, nahm einen Bogen Briefpapier heraus und griff zu einem der wertvollen Füllfederhalter, auf denen seine Initialen eingraviert waren.
CC begann einen seiner zahllosen Briefe an Eden zu schreiben, die Dokumente seiner Tiefempfundenen Liebe zu ihr waren und ergreifende Appelle, doch endlich nach Santa Barbara heimzukehren.
In den vergangenen Jahren hatte CC viele solcher Zeilen zu Papier gebracht und die Briefe an einem geheimen Ort aufbewahrt. Er las sie immer dann, wenn die Sehnsucht nach seiner Prinzessin besonders groß war.
Die Briefe vermittelten ihm das wertvolle Gefühl, dass Eden weiter Anteil am Leben der Familie nahm, auch wenn sie räumlich gesehen so weit von ihnen entfernt war.
CC konzentrierte sich auf die Worte, die er seiner Tochter heute schreiben wollte. Der Stift glitt über das Papier und schrieb Worte, die CC tief aus dem Herzen kamen.
 

Geliebte Eden,
  auch an diesem Jahreswechsel fehltest Du in unserer Mitte und uns allen wurde wieder einmal schmerzlich bewusst, wie sehr wir Dich vermissen.
Du hast schon so lange nichts mehr von Dir hören lassen und wir wissen weder, wo Du jetzt bist noch ob es Dir gut geht.
Unsere Gedanken sind ständig bei Dir und wir wünschen uns nichts sehnlicher, als Dich endlich wieder in unsere Arme schließen zu dürfen.
Die Beziehung zwischen Deiner Mutter und mir ist stärker und stabiler als je zuvor und wir würden Dich so gerne an unserem Glück teilhaben lassen, denn es war ja Dein sehnlichster Wunsch, dass wir wieder zueinander finden.
Nun erfülle doch auch unseren Wunsch und scheue Dich nicht davor zu uns zurückzukehren.
Wir alle brauchen Dich so sehr und werden Dich mit offenen Armen empfangen.
 
  In ewiger Liebe,
                  Daddy
 
 
 
 

Kapitel 2
 

Auf einem Balkon einer französischen Millionenstadt steht, ganz in Gedanken versunken, eine hübsche Frau mit blonden kurzen Haaren, deren Blick zu den tausenden abendlichen Lichtern der Metropole hinüberwandert. Es regnet und die Tropfen fallen auf die Dächer der abendlich beleuchteten Hochhäuser.
Leises, unaufhörliches Rauschen drängt an das Ohr der Frau, wie leises Rauschen von Wellen, die gleichmäßig am Ufer verstreichen. Diese Geräusche rufen wieder Bilder in ihr wach, vor denen sie einst geflohen war, doch die sie jeden Tag heimsuchen.
Die Lichter und Häuser schwinden vor ihren Augen und sie sieht das Meer, die gefährlichen Klippen – und sie sieht Cruz, der verzweifelt ihren Namen ruft und versucht, sie festzuhalten, um zu verhindern, dass sie abrutscht und in die Tiefe des Meeres fällt. Und sie sieht sich, wie sie sich an einen Felsvorsprung klammert, während sie spürt, dass ihre Kräfte immer mehr schwinden. Sie blickt ein letztes Mal in die entsetzten Augen ihres Ehemannes, bevor sie den Halt verliert und schreiend ins Meer stürzt…
Eden Capwell wurde kalt und langsam, die Arme ineinander verschlungen, geht sie zurück ins Wohnzimmer und schließt ihre Balkontür. Ihr Blick wandert durch die mit viel Geschmack eingerichtete 3-Zimmer-Wohnung, die ihr während der letzten Jahre eine kleine, abgelegene Beschaulichkeit inmitten der Großstadt geboten hatte.
Es hatte Eden viel Mühe gekostet, sich ohne fremde Hilfe eine neue Existenz aufzubauen, aber es war ihr gelungen. Sie arbeitete im Redaktionsteam einer bekannten französischen Fernsehsendung, was ihr viel Freude bereitete.
Obwohl sie sehr zurückgezogen lebte, hatte sie sich einen kleinen Freundeskreis aufgebaut, doch niemand von ihnen wusste ihren wahren Namen und warum sie ihr früheres Leben hinter sich gelassen hatte. Auch die Sehnsucht nach ihrer Familie trug Eden stets allein in ihrem Herzen.
Wie gern würde sie ihre Lieben daheim in Santa Barbara einmal wieder sehen und in die Arme schließen, doch war sie wirklich schon bereit, sich ihrer Vergangenheit zu stellen und zu riskieren, alte Wunden aufzureißen?
 

Kapitel 3
 

Kelly Capwell hatte einen langen und anstrengenden Tag in der Firma ihrer Familie gehabt und wünschte sich nichts sehnlicher, als einen gemütlichen Abend zusammen mit Connor McCabe zu verbringen.
Sie schloss die Tür des einstigen Gästehauses auf dem Capwell-Anwesen auf, in dem sie wohnte, seit ihre Mutter vor einigen Jahren zu ihrem Vater ins Haupthaus umgezogen war, nachdem sie wieder zueinander gefunden hatten. Kelly hatte daraufhin beschlossen, ins Gästehaus umzusiedeln und das Strandhaus, das sie von Julia und Mason übernommen hatte, wieder freizumachen. Sie wusste, wie sehr sich ihr Bruder und ihre Schwägerin danach sehnten, ihr altes Heim zurückzubekommen, in dem sie so viele Jahre glücklich gewesen waren.
Auch wenn sich Mason und CC besser denn je verstanden, wollte Mason die Gastfreundschaft seines Vaters nicht zu sehr beanspruchen und sagte daher begeistert zu, als Kelly ihm anbot, zurück ins Strandhaus zu ziehen.
Julia war ebenso glücklich über die Rückkehr in ihr altes Zuhause. Obwohl sie hervorragend mit ihrem Schwiegervater auskam – die meiste Zeit zumindest – wollte sie gern mit Mason, Samantha und dem damals noch ungeborenen Baby allein und ungestört unter einem Dach leben.
Kelly wiederum war froh, dem Strandhaus zu entfliehen. Zu viel erinnerte sie dort an ihre Zeit mit Cruz.
Sie war so glücklich mit ihm gewesen und fühlte sich geborgen und beschützt an seiner Seite. Es hatte sie geschmerzt, dass ihre Familie die Beziehung nicht gut hieß. Wollte ihr denn niemand ihr Glück gönnen?
Natürlich war Cruz einst ihr Schwager, aber er war eben auch der Mann, den sie von ganzem Herzen geliebt hatte.
Als Cruz Santa Barbara verließ, um seine Tochter BJ vor einer Mordanklage zu bewahren, war Kelly vom Schmerz überwältigt gewesen. Seit dem Tod von Joe hatte sie sich nicht mehr so elend gefühlt.
Dank vieler Gespräche mit ihrer Familie war Kelly einiges bewusst geworden und sie hatte schließlich eingesehen, dass ihre Beziehung zu Cruz ein Fehler gewesen war. Sie hätten niemals ihre Gefühle ausleben dürfen, die sich zwischen ihnen entwickelt hatten, aber es war nun einmal geschehen und Kelly hatte gelernt damit zu leben.
Eine große Hilfe dabei war Connor gewesen. Er hatte sie in der schwierigen Zeit nach dem Weggang von Cruz aufgefangen und war nicht mehr von ihrer Seite gewichen, obwohl sie sich anfangs sehr gegen seine Anwesenheit gesträubt hatte.
Kelly machte Connor dafür verantwortlich durch seine Ermittlungen im Mordfall Frank Goodman Cruz aus der Stadt vertrieben zu haben. Doch Connor ließ sich nicht von ihrer Kratzbürstigkeit beirren.
Es gelang ihm, ihr die Augen über sich zu öffnen und ihr Vertrauen zu gewinnen. Er wünschte sich aber auch, dass sie ihm ihr Herz schenken würde, doch dieses gehörte nach wie vor Cruz.
Ein Freund von Connor, der bei Interpol tätig war, hatte eine Telefonnummer ermitteln können, unter der Cruz zu erreichen war. Kelly hatte den Zettel mit der Nummer, die den Kontakt zu Cruz bedeutete, von Connor entgegengenommen und sich damit im Capwell-Haus zurückgezogen.
Seit Monaten hatte sie sich nichts sehnlicher gewünscht, als Cruz vertraute Stimme wiederzu-
Hören, zu wissen, wo er war, ob es ihm gut ging und zu erfahren, wann er endlich wieder nach Santa Barbara zurückkommen würde, jetzt, wo die Unschuld von BJ erwiesen war.
Kelly konnte es kaum glauben, dass sie endlich die Möglichkeit hatte mit Cruz zu sprechen und ihm ihre Gefühle zu versichern.
Doch warum zögerte sie dann die angegebene Telefonnummer zu wählen?
Aus dem Wohnzimmer klangen leise Klavierklänge herüber und Kelly fühlte tiefen Frieden in sich, während sie dem Spiel von Connor lauschte. Die Klaviermusik endete abrupt und das einzige Geräusch, das zu hören war, war der Regen, der gegen die Fenster schlug.
Langsam ging Kelly zurück ins Wohnzimmer, wo Connor in ein Selbstgespräch vertieft war.
„McCabe, mit wem sprichst du da?“ fragte Kelly und trat zu Connor.
„Er ist nicht so wichtig.“
„Er ist ungemein wichtig für mich. Erinnerst du dich an den Zettel?“
Connor nickte.
„Falsch verbunden“, sagte Kelly und hielt den Zettel mit der Telefonnummer von Cruz an eine Kerze, um das brennende Papier dann in einen silbernen Aschenbecher fallen zu lassen.
Sie ergriff Connors Hand.
„Komm schon, dass Essen wird kalt.“
Connor war sichtlich erstaunt und wusste nicht so recht, wie ihm geschah, als ihn Kelly hinter sich her in die Küche zog.
Später sah sie ihn beim Essen über den Tisch hinweg nachdenklich an und meinte:
„Du hast etwas Besonderes McCabe. Hat dir das vielleicht schon mal jemand gesagt?“
Connor blickte in Kellys schöne Augen und entgegnete:
„Du hast es gesagt.“
Er verspürte ein ungeheures Glücksgefühl und als sie sich leidenschaftlich küssten, wusste er, dass sich sein größter Traum erfüllen würde und ihm und Kelly eine gemeinsame Zukunft offen stand…

„McCabe, bist du zuhause?“ rief Kelly, ließ die Haustür hinter sich ins Schloss fallen und ihren Schlüssel in ihre große Umhängetasche gleiten, die sie zusammen mit dem beigefarbenen Blazer, den sie über ihrem eleganten Hosenanzug trug, an die Garderobe hing.
Sie warf einen Blick in den Spiegel, der neben dem modernen Garderobenständer angebracht war.
Ihr blondes Haar fiel ihr in weichen Wellen auf ihre Schultern und verdeckte die neuen Perlenohrringe, die Connor ihr zu Weihnachten geschenkt hatte. Das dezente Make-Up, das sie aufgelegt hatte, unterstrich ihre feingeschnittenen Gesichtszüge. Ihre große blauen Augen leuchteten hinter den Gläsern ihrer Brille hervor, die sie wegen ihrer zunehmenden
Kurzsichtigkeit jetzt regelmäßig trug.
Kelly wandte sich ab, als sie ein Geräusch an der Tür hörte.
„So Winston, alter Freund, jetzt wollen wir dir lieber mal den Sand von den Pfoten wischen, bevor Kelly wieder schimpft, dass du das Haus zu einer Sandburg werden lässt. Ich gehe schon mal vor und hole ein altes Handtuch. Warte du solange hier.“
Ein Schlüssel wurde im Schloss gedreht und die Tür ging auf. Winston kam angesaust und schmiegte sich mit seinem weichen, warmen und sandigen Fell an Kellys Hosenbein.
„Kaum zu glauben, dass er in seinem Alter noch so schnell auf den Beinen ist“, meinte Connor und sah Kelly treuherzig an, bevor er in lautes Lachen ausbrach.
Kelly beugte sich zu Winston hinunter und kraulte ihn zärtlich hinter den Ohren. Sie stimmte in Connors Gelächter ein.
„Ach, Winston, ob Herrchen wohl auch noch so fröhlich sein wird, wenn ich ihm den
Staubsauger in die Hand drücke und er den Teppich reinigen darf?“
Als Kelly Connors verdutztes Gesicht sah, lachte sie noch ein wenig lauter. Dann ging sie auf Connor zu, legte ihm ihre Arme um den Hals und küsste ihn. Connor zog Kelly enger an sich und wanderte mit einer Hand sanft ihren Rücken entlang.
Ein warmes Gefühl der Zärtlichkeit und Geborgenheit breitete sich in Kelly aus. Sie spürte den Schlag von Connors Herz.
Nach einer kleinen Ewigkeit lösten sich Kelly und Connor voneinander.
„Schön dich zu sehen, McCabe. Ich habe dich vermisst“, sagte Kelly und schenkte ihm ihr Lächeln, das ihn jedes Mal aufs neue verzauberte.
„Ich habe dich auch vermisst“, raunte Connor, noch immer ein wenig benommen von dem leidenschaftlichen Kuss, den er und Kelly sich gegeben hatten. Er hob ihr Kinn an und sah ihr in die Augen.
„Habe ich dir heute eigentlich schon gesagt, wie sehr ich dich liebe?“
Kelly gab vor angestrengt nachzudenken.
„Ja, ich glaube das hast du. Aber ich würde es gerne noch einmal hören.“
„Ich liebe dich, Kelly Capwell. Du bist die Sonne in meinem Leben. Jeder Moment, in dem du nicht bei mir bist, ist ein verlorener Moment.“
Connor berührte mit seinen Lippen die von Kelly und nichts andere auf der Welt war mehr von Bedeutung.
 

Kapitel 4
 

Rosa Andrade steckte in den letzten Vorbereitungen für das Abendessen und hantierte fleißig mit Töpfen und Pfannen in der Küche. Sie sang leise ein mexikanisches Volkslied vor sich her und erinnerte sich an das Telefongespräch, das sie vorhin mit ihrer Tochter Santana geführt hatte.
Santana lebte seit ein paar Jahren in New York und war sehr erfolgreich als Innenarchitektin tätig. Rosa war sehr stolz auf ihre Tochter, in deren Leben bisher so viel Schiefgelaufen war.
Angefangen mit ihrer Liebe zu Channing, dem ältesten Sohn der Capwell-Familie, von dem sie ein Kind bekommen hatte, Brandon, der nach seiner Geburt von Gina Blake DeMott adoptiert worden war.
Dann hatte es die Tragödie um Channing gegeben, der erschossen im Arbeitszimmer seines Vaters aufgefunden wurde. Santana wäre fast an Channings Tod zerbrochen.
Der einzige Sinn in ihrem Leben war es nun gewesen Brandon zurückzubekommen und so hatte sie ihren Jugendfreund Cruz Castillo geheiratet, der ihr dabei helfen sollte, das Sorge-
recht für Brandon zu gewinnen.
Santana hatte Cruz seit jeher geliebt und hätte alles dafür gegeben, ihn glücklich zu machen, doch er hatte sein Herz schon einer anderen geschenkt, Eden, Channings Schwester. Santana war zutiefst verletzt darüber gewesen.
Die Probleme in ihrem Leben begannen ihr über den Kopf zu wachsen und so war sie schließlich in einer psychiatrischen Klinik gelandet. Sie hatte ärztliche Hilfe benötigt, aber ihr behandelnder Arzt Dr. Jamison hatte sie medikamentenabhängig gemacht.
Als sie öffentlich machen wollte, welche Machenschaften in der Klinik vor sich gingen, hatte Dr. Jamison versucht, sie zu töten.
Zu guter Letzt hatte sie sich auch noch in eine Beziehung mit CC Capwell gestürzt, obwohl sie sehr wohl wusste, dass dessen einzige wahre Liebe Sophia war.
Nachdem sie das Kind verloren hatte, das sie von CC erwartet hatte, hatte Santana sich dazu entschlossen Santa Barbara zu verlassen, um ein neues Leben zu beginnen.
Sie ging nach New York, wo sie in der Arbeit Vergessen suchte, was ihr auch gelungen war.
Sie galt als eine der gefragtesten Innenarchitektinnen der Stadt und war so beschäftigt, dass sie nur selten Zeit fand, ihre Mutter in Santa Barbara zu besuchen.
Umso mehr genoss Rosa die Telefongespräche mit Santana.
Heute hatte Santana Rosa nach Mexiko eingeladen, denn Santana fand, dass es an der Zeit war, dass ihre Mutter mal wieder Urlaub machen sollte.
Sie gönnte sich viel zu wenig Ruhe und Entspannung und Santana hatte Rosa schon so manches mal ermahnt, sich doch nicht so für die Capwells aufzuopfern, doch Rosa fand, es sei eine Gnade Gottes, dass sie nun schon so viele Jahre in diesem Haus verbringen durfte.
In dieser Zeit war ihr die Capwell-Familie so sehr ans Herz gewachsen, als sei es ihre eigene und auch die Capwells hatten ihr stets das Gefühl gegeben, dass sie zu ihnen gehörte.
Rosa liebte die Capwell-Kinder wie ihre eigenen und auch Mason, Kelly und Ted hingen mit Hingabe an Rosa und wenn immer sie etwas auf dem Herzen hatten, fanden sie sich bei Rosa in der Küche ein, um sich nicht nur durch ihre Worte trösten zu lassen, sondern sich auch ihren legendären Schokoladenkuchen nicht entgehen zu lassen.
In letzter Zeit hatte vorwiegend Ted bei ihr in der Küche gesessen und ihren Rat gesucht, denn in seiner Ehe mit Lilly lief es nicht so gut.
Und auch jetzt schienen die beiden mal wieder in einen heftigen Streit verwickelt zu sein.
Ihr Wortgefecht war im ganzen Haus zu hören.
Rosa seufzte und fragte sich, warum sich die beiden jungen Leute ihr Leben so schwer machten.
Die Haustür fiel krachend ins Schloss und wurde kurz darauf wieder aufgerissen.
„Ja, geh nur zu deiner Mutter und klage ihr dein Leid! Gina kennt die Capwell-Männer und weiß, wie grausam wir sein können. Sie wird dir sagen, dass ich keine Ausnahme bilde.“
Erneut krachte die Tür ins Schloss.
Kurz darauf war die energische Stimme von CC zu hören.
„Lilly, Ted, habt ihr jetzt total den Verstand verloren? Es gibt gewisse Regeln hier in diesem Haus, die auch für euch gelten. Ich dulde so ein Geschrei nicht. Mein Gott, wir sind doch nicht im Kindergarten! Aber wie ich sehe hat sich deine reizende Frau mal wieder verabschiedet, mein Sohn. Lass mich raten, Ted: Ist Lilly auf dem Weg zu ihrer Mutter? Dann weißt du ja, dass Gina bald vor der Tür stehen wird und dir die Hölle heiß macht.“
„Dad, tu mir einen Gefallen und verschon mich mit deinen Predigten. Ich kann wirklich gut darauf verzichten.“
Die Haustür wurde ein drittes Mal geöffnet und ins Schloss geworfen.
Rosa wusste, dass es besser war, jetzt nicht auf CC zu treffen, der im Wohnzimmer heftig vor sich hin polterte.
Sie sehnte Sophias Anwesenheit herbei, denn nur der Ehefrau von CC würde es gelingen, ihren Mann zu beschwichtigen.
Niemand hatte einen so guten Einfluss auf CC wie Sophia.
Als die Haustür aufgeschlossen wurde und Sophias Stimme zu hören war, atmete Rosa erleichtert auf und widmete sich dann wieder ihren Vorbereitungen für das Abendessen, an dem Lilly und Ted wohl nicht teilnehmen würden.
Kapitel 5
 

Das Taxi hielt in einer verkehrsberuhigten Straße mit gepflegten Vorgärten und gutbürgerlichen Einfamilienhäusern. Eden reichte dem Fahrer einen Geldschein, sagte „Der Rest ist für sie. Einen schönen Tag noch“ und stieg aus dem Wagen.
Ein nasskalter Wind schlug ihr entgegen und sie zog den Kragen ihres Mantels hoch.
Das Taxi fuhr an, während Eden das Gartentor des Hauses Nr. 6 öffnete und auf das rotgeklinkerte Haus zuging, in dem ihre Psychiaterin Dr. Amelie Beauvilliers ihre Praxis hatte.
In den letzten drei Jahren war Eden jeden dritten Mittwoch im Monat zu einem Gespräch mit der erfahrenen Psychiaterin gegangen, die ihr Dr. Jeckwith, ihr früherer Psychiater, empfohlen hatte, als sie ihn darüber in Kenntnis gesetzt hatte, dass sie nach Frankreich ziehen wollte.
Eden betätigte den Klingelknopf und wenig später waren Schritte im Hausflur zu hören.
Dr. Beauvilliers selbst öffnete die Tür und begrüßte Eden mit ihrem warmen, offenen Lächeln.
„Eden, schön sie zu sehen. Ich habe sie schon erwartet. Bitte kommen sie herein.“
Dr. Beauvilliers reichte Eden die Hand.
„Guten Tag, Dr. Beauvilliers. Es tut mir leid, dass ich mich verspätet habe, aber mein Wagen ist nicht angesprungen und ich musste mir ein Taxi nehmen.“
Eden zog ihren Mantel aus, den die Psychiaterin ihr abnahm und an die Garderoben hing.
Eden folgte Dr. Beauvilliers den Flur entlang in ihre Praxis, einen hell gestrichenen Raum mit vielen Grünpflanzen auf der Fensterbank, geschmackvollen Lithographien an den Wänden und einer einladenden Sitzgarnitur, auf der Dr. Beauvilliers Eden bedeutete Platz zu nehmen. Auf einem kleinen Glastisch standen zwei Tassen, ein Stövchen mit einer Teekanne, eine Zuckerdose und ein Teller mit Gebäck.
Dr. Beauvilliers nahm die Teekanne und goss in beide der Tassen das heiße Getränk.
„Ich darf ihnen doch einen Tee anbieten, Eden?“
„Sehr gerne. Vielen dank.“
Dr. Beauvilliers setzte sich Eden gegenüber und schlug die Beine übereinander.
„Ich soll sie ganz herzlich von Dr. Jeckwith grüßen. Wir waren in der letzten Woche auf einem Kongress in Genf. Er hat einen hervorragenden Vortrag über neue Behandlungsmöglichkeiten von Patienten mit Persönlichkeitsstörungen gehalten und arbeitet derzeit an einem Buch, in dem er seine Theorien veröffentlichen möchte.“
„Ich bin sicher, seine Kollegen werden es ihm danken. Dr. Jeckwith ist wirklich ein außergewöhnlicher Arzt. Ich weiß nicht, was ich ohne seine Hilfe getan hätte. Er hat mein Leben wieder in die richtigen Bahnen gelenkt.“
Eden nahm mit der Zange ein kleines Stück Zucker aus der Dose und ließ es in ihren Tee gleiten.
Dann rührte sie mit dem Löffel ihr Getränk um und trank vorsichtig einen Schluck.
Dr. Beauvilliers holte ein kleines Aufnahmegerät hervor, legte es auf den Tisch und drückte die Aufnahmetaste.
„Worüber möchten sie heute gerne sprechen, Eden?“
Die Psychiaterin sah Eden erwartungsvoll lächelnd an.
„Ich würde gerne mit ihnen über meine Gefühle reden, die ich an den Feiertagen hatte. Es geht mir zu dieser Zeit des Jahres nicht besonders gut. Weihnachten war immer so ein wunderbares Fest bei uns in Santa Barbara. Wenn ich die Augen schließe, sehe ich alle meine Lieben im Capwell-Haus um den prachtvoll geschmückten Weihnachtsbaum versammelt. Wir Erwachsenen halten Tassen mit heißem Punsch in den Händen und die Kinder trinken warmen Kakao. Zusammen singen wir Weihnachtslieder und vergessen für einen Abend alle Sorgen und Unstimmigkeiten, die uns das ganze Jahr begleiten.“
Eden hielt kurz inne und fuhr dann mit leiser Stimme fort:
„Aber am schmerzlichsten ist Silvester für mich. Meine kleine Adriana, mein Baby, hat Geburtstag und ich kann nicht bei ihr sein, sie nicht in den Arm nehmen und ihr nicht sagen, wie sehr ich sie liebe und vermisse. Adriana war ein Geschenk Gottes für Cruz und mich. Wir haben uns so sehr ein gemeinsames Baby gewünscht und Gott hat unsere Gebete erhört. Adriana war die Krönung unserer Liebe und hat unser Leben vollkommen gemacht.“
Eden ließ der Wehmut, die sie in sich fühlte, freien Lauf und begann zu weinen.
Die Tränen strömten ihr über das Gesicht.
Dr. Beauvilliers ließ Eden gewähren, denn sie wusste genau, dass Eden ihre Gefühle viel zu oft unterdrückte.
„Ich würde alles dafür geben, mein kleines Mädchen nur einmal wieder zu sehen“, flüsterte Eden mit tränenerstickter Stimme.
Dr. Beauvilliers griff nach Edens Händen, drückte sie sanft und blickte ihrer Patientin fest in die Augen.
„Dann nehmen sie den Kontakt zu ihr auf, Eden. Sie sind bereit dafür. Ich halte es wirklich für ratsam, dass sie sich wieder bei ihrer Familie melden, um über das Geschehene zu reden und es endgültig verarbeiten zu können. Sie sind stark genug, um sich ihrer Vergangenheit zu stellen, Eden.“
„Ich habe große Angst davor.“ Eden entzog sich dem Griff ihrer Psychiaterin, stand auf und trat ans Fenster. Sie verschränkte die Arme ineinander und sah nach draußen.
„Was wird mich in Santa Barbara erwarten?“
 

Kapitel 6

„Schlaf schön, mein Liebling.“ Julia drückte ihrer Tochter Caroline, die gerade eingeschlafen war, einen sanften Kuss auf die Stirn und strich liebevoll über die Decke, unter der ihr Kind selig schlummernd im Kinderbettchen lag. Das zweijährige Mädchen atmete tief und ruhig im Schlaf.
Julia warf einen letzten zärtlichen Blick auf Caroline und ging dann leise zur Tür. Sie schaltete das Licht aus und ließ die Tür einen Spalt geöffnet. Aus dem Wohnzimmer waren die Stimmen von Samantha und Mason zu hören, die lebhaft über das Für und Wider der Anschaffung eines Haustieres diskutierten.
„Nein, Samantha, so lange Caroline noch so klein ist, kommt mir hier kein Hund ins Haus. Wir brauchen gar nicht weiter darüber zu sprechen, weil ich meine Meinung nicht mehr ändern werde.“
Julia lehnte am Türrahmen und beobachtete, wie sich ihre älteste Tochter energisch vor Mason aufbaute, der auf dem Sofa saß und einen Stapel Akten vor sich auf dem Tisch liegen hatte.
„Aber Daddy, Caroline ist doch schon 2 und wird bestimmt keine Angst vor einem Tier haben.“
„Samantha, ich habe dir gesagt, dass wir uns keinen Hund ins Haus holen werden und damit ist das Thema für mich beendet. Du kannst jederzeit zu Kelly und Connor gehen und dich um Winston kümmern. Kelly und Connor werden dir sicher erlauben ihren Hund auszuführen.“
„Ich will aber einen eigenen Hund“, protestierte Samantha und stapfte wütend mit einem Fuß auf.
Ihr Vater warf ihr einen tadelnden Blick zu und nahm eine der Akten zur Hand, die auf dem Tisch lagen. Julia ging zu Samantha und wollte sie in den Arm nehmen, doch Samantha wehrte sich dagegen und rannte mit den Worten „Das Leben ist so ungerecht“ in ihr Zimmer.
„Die junge Dame hat mal wieder eine Trotzphase“, stellte Mason fest, ohne den Blick von der Akte zu werfen, in der er gerade blätterte. „Sie wird lernen müssen, dass sie nicht immer das bekommen kann, was sie gerne haben möchte. Ein Hund hat uns gerade noch gefehlt im Haus. Was ist, wenn sich unsere Tochter morgen ein Pferd wünscht?“
„Ach Mason, mach doch kein Drama daraus“, sagte Julia beschwichtigend und ließ sich neben ihrem Mann auf die Couch fallen. „Kann es sein, dass du einen besonders stressigen Tag im Büro hattest? Du benimmst dich wie ein alter Brummbär, mein Lieber. Also, was ist los?“
Mason legte die Akte aus der Hand und zog Julia an sich.
„Ich habe im Moment mit einem besonders schwierigen Fall zu tun. Ein hochangesehener  Politiker aus Santa Barbara wurde von seiner Sekretärin wegen sexueller Belästigung verklagt, aber du wirst dir sicher denken können, wie er die Geschichte darzustellen versucht. Seine Sekretärin hätte ihm schöne Augen gemacht, doch natürlich sei er nicht darauf eingegangen, denn er sei seit 37 Jahren glücklich verheiratet.“
„Gibt es irgendwelche Beweise gegen den Mann?“
„Nein, leider nicht.“
„Dann steht also Aussage gegen Aussage.“
„Ganz genau. Und nun rate mal, wen die Geschworenen wohl eher glauben werden – einem der prominentesten Männer unserer Stadt, der eine Ehe ohne Skandale führt und der sich nicht nur im Kirchenvorstand sondern auch in diversen Wohltätigkeitsorganisationen engagiert oder einer allein erziehenden jungen Frau, die ein uneheliches Kind hat?“
„Der Angeklagte hat nicht zufällig auch deinen Vater als Zeugen benannt?“
„Doch, das hat er. Dad wird morgen früh eine Vorladung bekommen.“
„Der Prozess wird bestimmt wieder ein gefundenes Fressen für die Presse“, meinte Julia.
„Du hast Recht. Warren Lockridge wetzt bestimmt schon das Messer und wird es kaum abwarten können, dass CC vor Gericht aussagt.“
„Mason, lass deine Sticheleien gegen Warren, o.k.?“ Julia boxte Mason in die Seite. „Warren ist ein guter und fairer Journalist, der den Prozess sachlich beobachten und analysieren wird“, verteidigte Julia ihren Neffen.
Sie wurde sich einmal mehr bewusst, dass Mason und Warren in diesem Leben wohl keine Freunde mehr werden würden.
„Ich hoffe, Du gehst diesmal freundlicher mit Deinem Vater im Gerichtssaal um, Mason Capwell. Mir ist noch allzu gut in Erinnerung, wie Du CC während des Prozesses gegen Dr. Jamison im Zeugenstand auseinander genommen hast.“
„Ich habe Dad nur dazu gebracht, dass er öffentlich erklärte, wie er zusammen mit Dr. Jamison Santana ihr Baby weggenommen hat und es Gina zur Adoption gab.“ Mason sah Julia mit unschuldigem Blick an.
Julia seufzte und widerstand der Versuchung sich auf ein Wortgefecht mit ihrem Mann einzulassen, bei dem sie sowieso den Kürzeren ziehen würde.
„Schatz, ich habe etwas Wichtiges mit Dir zu besprechen.“
„So? Was denn?“
„Ich habe mir in letzter Zeit viele Gedanken um meine berufliche Zukunft gemacht.“
„Heißt das etwa, dass du weniger arbeiten möchtest? Wird dir die Belastung als zweifache Mutter und erfolgreiche Juristin jetzt etwa doch zu viel?“
„Mason, würdest du mich bitte ausreden lassen? Vielen dank. Du weißt ganz genau, dass ich dich und unsere beiden Mädchen über alles liebe und nichts tun könnte, was euch je schaden würde. Aber du weißt auch, dass ich nicht die Frau bin, die nur zu Hause arbeiten kann, so wie ich es seit der Geburt von Caroline getan habe. Ich habe das Glück gehabt, viele meiner Fälle hier bearbeiten zu können und vor Gericht von meiner Kollegin Cate Hoffmann vorbringen zu lassen, doch das erfüllt mich auf Dauer nicht.“
Julia bemerkte, das Mason die Stirn runzelte, aber er hörte ihr schweigend zu.
„Ich hatte heute Nachmittag ein längeres Gespräch mit Sophia und Mrs. Copp. Die beiden sind bereit, mich noch mehr zu unterstützen als bisher und ich bin ihnen wirklich unendlich dankbar dafür. Mason, um die Sache auf den Punkt zu bringen, möchte ich dir einen Vorschlag unterbreiten, der lange in mir gereift ist. Was hältst du davon, wenn wir beide das Anwaltsbüro „Capwell und Capwell“ wieder zum Leben erwecken würden?“
Julia sah ihren Mann gespannt an und wartete auf seine Reaktion. Mason war sichtlich überrascht vom Vorhaben seiner Frau und musterte sie mit großen Augen.
„Du möchtest wieder zusammen mit mir in einer Kanzlei arbeiten? Wie kommst du denn auf so einen Gedanken?“
„Wir haben in den letzten Jahren so viel erreicht, Mason. Du hast es bis zum Richteramt gebracht und ich bis zur Bezirksstaatsanwältin. Die schönste Zeit waren für mich die Jahre mit dir bei „Capwell und Capwell“. Du und ich, wir sind Anwälte mir Leib und Seele und ich fände es wirklich schön, wieder Seite an Seite mit dir zu arbeiten.“
„Glaubst du denn, dass du es aushalten würdest, mich nicht nur zu Hause, sondern auch jeden Tag im Büro zu ertragen?“ fragte Mason und ein schelmisches Lächeln umspielte seinen Mund.
„Weißt du denn immer noch nicht, dass ich nie genug von dir bekommen kann, Mason Capwell?“ raunte Julia und küsste ihren Mann zärtlich.
Sie wurde sich wieder einmal bewusst, dass sie die glücklichste Frau der Welt war. Als sie sich voneinander lösten, lehnte sich Julia an Mason, der seinen Arm um ihre Schultern legte.
„Ich habe aber eine Bedingung, bevor ich deinem Vorhaben zustimme.“
„So? Und was ist das für eine Bedingung?“ Julia hob gespannt die Augenbrauen.
„Ich möchte gerne die Sekretärin aussuchen, die wir einstellen.“
„Ach ja? Ich kann mir auch schon gut vorstellen, welcher Typ Sekretärin dir da vorschwebt, mein Lieber… Aber daraus wird nichts, wenn wir beide nicht schon vorab Probleme bekommen wollen.“
Mason lachte, gab Julia einen Kuss auf die Stirn und stand dann von der Couch auf.
„Ich werde jetzt mal nach Samantha sehen und die Friedenspfeife mit ihr rauchen.“
An der Tür drehte er sich noch einmal zu Julia um.
„Schatz, ich freue mich darauf, wieder mit dir zusammenzuarbeiten. Danke, dass du diesen Vorschlag gemacht hast.“ Er lächelte Julia liebevoll zu. „Wenn ich zurückkomme, können wir ja noch mal über die Sache mit der Sekretärin sprechen…“
 

Kapitel 7
 

„Wissen sie, wann es ein Vorteil ist, ein Capwell zu sein, Mark? Wenn man die Bar in der Oase in Anspruch nehmen kann, ohne dafür bezahlen zu müssen. Es hat sich also wirklich gelohnt, dass meine Familie dieses Riesending gebaut hat.“
Ted nahm das Scotchglas, das vor ihm auf dem Tresen stand und prostete dem Barkeeper zu.
„Ich trinke auf das Wohl aller Capwells!“ Ted leerte sein Glas in einem Zug und bat den Barkeeper dann nochmals um einen doppelten Scotch.
„Sagen sie, Mark, wie lange arbeiten sie schon in der Oase?“
Ted beugte sich ein wenig vor, um umgestörter mit dem Mann hinter dem Tresen plaudern zu können.
„Seit 10 Monaten, Sir.“
„Was hat sie dazu bewogen, bei uns anzufangen?“
„Ich finanziere mir mit der Arbeit mein Studium, Mr. Capwell. Die Arbeitsbedingungen hier in der Oase sind optimal. Ihre Familie bezahlt mich gut, das Trinkgeld ist meist recht großzügig und die Arbeitszeiten kommen mir sehr entgegen und erlauben es mir, mich auf mein Studium zu konzentrieren.“
„Und was studieren sie?“
„Psychologie.“
„Oh.“ Ted pfiff durch die Zähne. „Dann sind sie ja ein Menschenkenner. Ich wünschte, sie hätten schon eher angefangen bei uns zu arbeiten, Mark. Sie hätten mich vielleicht davon abgehalten, den größten Fehler meines Lebens zu begehen.“
„Was meinen sie damit, Sir?“ Der Barkeeper sah Ted verständnislos an.
„Ich hätte niemals heiraten dürfen, zumindest nicht Lilly. Wir passen überhaupt nicht zusammen. Ich mag meine Frau, verstehen sie mich nicht falsch. Wie könnte man jemanden wie Lilly nicht mögen? Ich kenne sogar einen Mann, der ganz verrückt nach ihr gewesen ist, doch sie hat ihn weggeschickt und sich für mich entschieden.“
„Aber das heißt doch, dass ihre Frau sie liebt, Mr. Capwell.“ Mark stellte das geforderte Glas Scotch vor Ted auf den Tresen.
„Nein, das heißt es nicht. Sie liebt den anderen Mann immer noch. Natürlich gibt sie das nicht zu, aber ich weiß, dass sie ihn nicht vergessen hat.“
„Mit Verlaub, Sir, es ist ein Unterschied, jemanden zu lieben oder jemanden nicht vergessen zu können.“
Ted legte dem Barkeeper eine Hand auf die Schulter.
„Ich weiß, sie meinen es gut, mein Freund. Aber ich kann ihnen versichern, dass meine Frau ein ganz anderes Leben führen möchte, als das an der Seite von mir. Ich bin einfach nicht der richtige für sie und deswegen träumt sie auch insgeheim von einem anderen Mann.“
„Und sie, Mr. Capwell, träumen sie auch von einer anderen Frau?“
„Das ist eine gute Frage, Mark, eine verdammt gute Frage.“
Ted trank seinen Scotch und begann darüber nachzudenken, ob er von einer anderen Frau in seinem Leben träumte. Aber eigentlich war er heute viel zu müde und betrunken, um sich damit zu befassen. Er entnahm seinem Portemonnaie drei Geldscheine und legte sie auf den Tresen. Dann reichte er dem Barkeeper die Hand.
„Ich danke ihnen für das Gespräch. Vielleicht können wir es bei Gelegenheit ja mal fortsetzen. Jetzt wird es Zeit für mich, zu gehen.“
„Soll ich ihnen ein Taxi rufen?“
„Das ist nicht nötig. Ich werde mir hier heute Nacht ein Zimmer nehmen. Auf Wiedersehen, Mark.“
„Gute Nacht, Mr. Capwell.“
Ted schwang sich von seinem Stuhl und wäre fast mit einer Frau zusammengeprallt, die gerade auf dem anderen Stuhl neben ihm Platz nehmen wollte.
„Entschuldigen sie bitte, wie ungeschickt von mir. Ich habe sie leider nicht gesehen.“
Ted lächelte die Frau an und zuckte ein wenig zusammen, als er sie erkannte.
„Laken…“ Seine Stimme war ein Flüstern. Er konnte kaum glauben, dass die attraktive Frau neben ihm seine Jugendliebe war, die er vor Jahren aus den Augen verloren hatte. Doch auch wenn ihre Haare um einiges kürzer geworden waren und sie einen reiferen Gesichtsausdruck hatte, war es unverkennbar Laken Lockridge.
Wie lange hatte er sie jetzt nicht mehr gesehen? 6 Jahre? 8 Jahre? Wo war die Zeit geblieben?
Auch Laken war verblüfft, als sie den Mann neben sich erkannte.
„Ted! Wie schön, dich zu sehen!“ Sie umarmte Ted spontan und spürte, wie ihr Herz schneller zu schlagen begann. Verlegen löste sie sich von ihm und strich sich einige Haarsträhnen hinters Ohr zurück.
„Seit wann bist du wieder in Santa Barbara?“ fragte Ted und nahm wieder auf seinem Stuhl Platz.
„Ich bin heute angekommen. Ich lebe seit vier Jahren in London und habe ein Engagement am Theater. Derzeit wird das Theater renoviert und die Vorstellungen fallen aus. Ich dachte mir, dass ich die freie Zeit nutze und meiner Familie einen Besuch abstatte. Es hat sich ja viel verändert, seitdem ich Santa Barbara verlassen habe. Ich bin hier in der Oase mit Warren zum Essen verabredet.“
„Ich kann es noch immer nicht glauben, dass du jetzt neben mir sitzt. Habe ich wirklich schon so viel getrunken, dass ich Hirngespinste habe?“
„Also ehrlich gesagt, siehst du schon danach aus, dass du heute Abend mehr als einen Drink hattest“, lachte Laken. „Aber ich kann dir versichern, dass dich der Alkohol noch nicht so vernebelt hat, wie du vielleicht denkst.“
„Wie beruhigend! Was darf ich dir bei meinem Freund Mark bestellen? Wir müssen unbedingt auf unser Wiedersehen anstoßen!“
„Wollen wir das nicht lieber verschieben, Ted? Ich glaube, du hast für heute genug getrunken“, sagte Laken sanft. Als sie Teds enttäuschten Gesichtsausdruck sah, schlug sie eine Alternative vor: „Was hältst du davon, wenn wir uns morgen treffen und zusammen essen? Wir könnten ungestört reden und Wein trinkend unser Wiedersehen feiern.“
„Wäre dir um 8.00 Uhr in der Oase recht?“
„Ich werde da sein.“
Laken und Ted sahen einander in die Augen und für beide stand die Zeit still.
„Entschuldige meine Verspätung, Laken, aber ich wurde in der Redaktion aufgehalten.“
Warrens Stimme unterbrach die traute Zweisamkeit. „Oh, wie ich sehe, hat dir jemand Gesellschaft geleistet. Hallo Ted.“
„Hallo Warren. Warum hast du mir nicht erzählt, dass dich deine Schwester besuchen kommt?“
„Sie hat erst gestern angerufen und ihren Besuch angekündigt. Mir blieb gerade noch genug Zeit, um meine Wohnung auf Vordermann zu bringen. Es macht sich eben doch bemerkbar, dass BJ im Moment auf Lesereise ist und ihr neues Buch vorstellt.“ Warren schob seine Zigarre in seinen anderen Mundwinkel und machte dem Barkeeper ein Zeichen.
„Na, BJ wird sich freuen, wenn sie das hört! Es ist wirklich schade, dass sie nicht da ist. Ich hätte zu gern die Frau kennen gelernt, die es geschafft hat, dich vor den Traualter zu schleppen.“ Laken knuffte Warren liebevoll. „Ich fand es so schade, dass ich nicht zu eurer Hochzeit kommen konnte.“
„Ich hätte dich gern an meiner Seite gehabt, Schwesterherz.“ Warren legte einen Arm um Laken und nahm dann von Mark das Glas Scotch entgegen, das sein Stammgetränk in der Oase war. „Ich weiß ja nicht, wie es dir geht, Laken, aber ich sterbe gleich vor Hunger. Möchtest du vielleicht mit uns essen, Ted?“ Warren trank seinen Scotch und stellte das leere Glas auf dem Tresen ab.
„Nein, danke. Es wird Zeit für mich zu gehen. Laken, wir sehen uns dann morgen.“
„Ja, ich freu mich drauf. Es war wirklich schön, dich wiederzusehen.“
„Hat mich auch gefreut. Warren, wir sehen uns.“
„Gute Nacht, Ted.“ Warren hatte noch immer den Arm um Laken gelegt und blickte Ted zusammen mit seiner Schwester nachdenklich hinterher.
„Der gute Ted hat heute ja mal wieder besonders tief ins Glas geschaut.“
„Was heißt mal wieder? Trinkt Ted etwa öfter so viel?“
„Ich habe ihn in der letzten Zeit einige male hier am Tresen sitzen sehen, aber du weißt ja selbst, dass wir nicht gut genug befreundet sind, um über unsere Probleme zu sprechen.“
„Was hat Ted denn deiner Meinung nach für Probleme?“ erkundigte sich Laken, während sie mit ihrem Bruder zu dem Tisch ging, der für sie beide reserviert war. Warren rückte ihr den Stuhl zurecht und nahm dann selbst Platz.
„Du meinst, abgesehen von der Tatsache, dass er ein Capwell ist? Nun, es ist offensichtlich, dass seine Ehe mit Lilli nicht so gut läuft. Ich weiß nicht, woran es liegt und möchte auch nicht darüber spekulieren. Aber jetzt Schluss mit dem Gerede über Ted Capwell, Laken. Erzähl mir lieber von deinem Leben in London.“
 
 

Kapitel 8
 

Lilli ließ ihren Blick über die gerahmten Fotos wandern, die auf dem Kaminsims standen. Schnappschüsse von Brandon und Channing hatten dort ebenso einen Platz gefunden wie das Hochzeitsbild von ihr und Ted.
Lilli griff nach dem Foto und betrachtete es nachdenklich. Wie glücklich sie und Ted doch auf dem Bild aussahen – und das, obwohl die Hochzeit so viele Turbulenzen mit sich gebracht hatte.
Zunächst hatte Samantha das Brautkleid mit Fingerfarben verschmiert, die Einladungen für die Hochzeitsgäste waren nicht abgeschickt worden und dann war auch noch Rafe erschienen und hatte die Trauungszeremonie im Capwell-Haus unterbrochen, um Lilli davon abzuhalten, Ted ihr Ja-Wort zu geben.
Sie war zwischen den beiden Männern, die sie liebte, hin- und hergerissen, doch nach einem Gespräch mit Gina hatte sie sich dazu entschieden, Ted zu heiraten.
Rafe hatte einen letzten Versuch unternommen, Lilli für sich zu gewinnen und sie gebeten, mit ihm Santa Barbara zu verlassen und ein neues Leben zu beginnen. Lilli hatte Rafe ihre Liebe versichert, ihm aber zugleich gestanden, dass sie bei Ted bleiben würde, weil sie ihre Zukunft an seiner Seite sah. Sie wünschte Rafe von ganzem Herzen alles Glück der Welt und ging dann schnellen Schrittes zurück zu Ted, ehe sie doch noch der Versuchung erlegen konnte, mit Rafe durchzubrennen.
Lilli war überzeugt davon, die richtige Entscheidung getroffen zu haben und fest entschlossen, mit Ted ein glückliches Leben zu führen, auch wenn Rafe für immer ein Teil von ihr sein würde.
Seufzend stellte sie ihr Hochzeitsbild an seinen Platz zurück und drehte sich dann zu ihrer Mutter um, die sie von ihrem Sessel aus nachdenklich ansah.
„Ich glaube, es wird Ted und mir gut tun, wenn wir uns für eine Weile nicht sehen. Wir brauchen beide ein wenig Abstand und vielleicht ist eine vorübergehende Trennung ja nur hilfreich für unsere Ehe.“
„Hast du schon mit Ted darüber gesprochen?“
Lilli schüttelte den Kopf. „Nein, Mom.“ Sie ließ sich aufs Sofa fallen und schob sich ein Kissen hinter ihren Rücken. „Ich wüsste auch nicht, was er gegen eine kleine Auszeit einzuwenden hätte. Wir wissen schließlich beide, wie es um unsere Ehe steht.“
Lilli griff nach einem Stoffhasen, der Channing gehörte und den er nach dem Spielen auf dem Sofa liegengelassen hatte.
„Fragst du dich eigentlich manchmal, wie dein Leben verlaufen wäre, wenn du dich damals für Rafe entschieden hättest?“ erkundigte sich Gina, während sie Lilli ein Glas Eistee einschenkte.
„Wie um alles in der Welt kommst du denn jetzt darauf?“ Lilli strich dem Stofftier über das Fell und sah ihre Mutter erstaunt an.
„Schatz, ich weiß noch sehr gut, dass du seinerzeit zwischen Ted und Rafe hin- und her gerissen warst. Rafe hat dir sehr viel bedeutet und es war sehr schmerzlich für dich, als er die Stadt verlassen hat.“
„Mom, ich habe Rafe gehen lassen, weil ich ihn nicht so sehr liebte wie Ted. Ich habe Rafe sehr wehgetan, als ich mich gegen ihn entschied und wahrscheinlich trägt er es mir immer noch nach, denn sonst hätte er sicher mal etwas von sich hören lassen. Ich wüsste wirklich gern, wohin es ihn verschlagen hat und wie es ihm geht, doch ich frage mich nicht, ob ich glücklicher wäre, wenn ich ihn und nicht Ted geheiratet hätte.“ Lilli schwieg einen Moment, ehe sie weitersprach. „Ich wünsche mir nichts sehnlicher, als mit Ted zusammen alt zu werden. Wir haben im Moment einige Differenzen und ich hoffe, dass wir sie beilegen können.“
„Glaubst du wirklich, dass ihr eure Probleme bewältigen werdet, indem ihr eine Weile getrennte Wege geht? Für mich sieht das mehr wie der Vorbote einer endgültigen Trennung aus.“
„Hast du mir denn gar nicht zugehört, Mom?“ Lilli stellte ihr Glas auf den Tisch und warf Gina einen wütenden Blick zu. „Ich habe dir doch gerade erklärt, dass ich meiner Ehe noch eine Chance geben möchte. Ich denke nun einmal, dass eine Auszeit gut für Ted und mich sein wird. Du magst anderer Ansicht darüber sein, doch ich bitte dich, mich zu verstehen.“
Gina hob beschwichtigend die Hand. „Schatz, es liegt mir wirklich fern, mich in dein Leben einzumischen. Ich wünsche mir einfach nur, dass du glücklich bist und werde dich bei allem, was du tust, unterstützen.“
„Habe ich dir eigentlich schon mal gesagt, dass du die beste Mom der Welt bist?“
Lilli stand auf und umarmte Gina.
„Ich liebe dich sehr.“
„Ich liebe dich auch, Lilli.“
 

Kapitel 9

„Guten Morgen! Ist noch Kaffee für einen Besucher da?“
 Kelly trat lächelnd durch die geöffnete Küchentür ins Reich von Rosa, die gerade dabei war, die Spülmaschine einzuräumen.
„Morgen, Kelly. Schön dich zu sehen. Ich denke, in der Warmhaltekanne ist noch ausreichend Kaffee für uns beide.“
Rosa holte zwei Tassen aus dem Schrank und setzte sie auf den Küchentisch, während Kelly auf einem Stuhl Platz nahm.
„Hast du schon gefrühstückt? Ich bereite dir gern was zu.“
„Das ist lieb von dir, Rosa, doch Connor und ich waren in einem Café in der Stadt, bevor er zum Dienst musste. Ich bin danach mit Winston am Strand spazierengegangen. Er liegt jetzt draußen im Garten und ruht sich aus.“
„Warum bist du denn nicht im Büro heute Morgen? Es ist ungewöhnlich, dich um diese Zeit noch hier anzutreffen.“
Rosa stellte die Spülmaschine an und nahm dann die Warmhaltekanne von der Anrichte und schenkte Kelly und sich ein.
„Ich bin später mit Schwester Allegra vom Waisenhaus verabredet. Wir wollen darüber sprechen, wie wir die Spenden vom Wohltätigkeitsball in der Oase am besten verteilen. Es ist sehr viel mehr Geld zusammengekommen, als wir uns erträumt haben.“
„Nun, das wundert mich nicht“, sagte Rosa und setzte sich Kelly gegenüber.
„Du warst schließlich die Organisatorin der Veranstaltung und konntest den Gästen von deiner Arbeit im Waisenhaus berichten. Die Tatsache, dass du dich so sehr für diese Kinder einsetzt, hat die Spendenbereitschaft vorangetrieben. Du kannst wirklich stolz auf dich sein, Kelly.“
„Das Waisenhaus liegt mir sehr am Herzen und ich bin froh, dass ich den Kindern dabei helfen kann, ihr Leben ein bisschen schöner zu gestalten.“
Kelly nippte nachdenklich an ihrem Kaffee und erinnerte sich daran zurück, wie sie vor ein paar Jahren mit dem Waisenhaus von Santa Barbara in Berührung gekommen war.
Sie hatte betrunken am Steuer ihres neuen Autos gesessen und einen Unfall verursacht, bei dem sie zum Glück unverletzt geblieben war. In der darauf folgenden Gerichtsverhandlung, in der Anklage wegen Trunkenheit am Steuer gegen sie erhoben wurde, war sie zu gemeinnütziger Arbeit im Waisenhaus verurteilt worden.
Sie hatte ihr Engagement für die Kinder auch nach Ablauf ihrer Strafe beibehalten und organisierte seither diverse Veranstaltungen, bei denen sie Geld für ihre Schützlinge sammelte.
Silvester hatte eine große Gala in der „Oase“ stattgefunden, auf der sie die Gäste wieder einmal eindringlich dazu aufgerufen hatte, das Waisenhaus durch eine großzügige Spende zu unterstützen.
„Du wirkst so gedankenverloren, Liebes. Ist alles in Ordnung?“ Rosas Stimme versetzte Kelly in die Gegenwart zurück.
„Ich musste gerade daran denken, wie ich damals angefangen habe im Waisenhaus zu arbeiten. Es scheint eine Ewigkeit her zu sein und doch sind es nur ein paar Jahre. Wie du bestimmt noch weißt, war ich zu der Zeit ziemlich unglücklich und verhielt mich unausstehlich. Robert hatte mich verlassen und ich versuchte meinen Kummer darüber zu betäuben, in dem ich mich wildfremden Männern an den Hals warf, die Nacht zum Tage machte und viel zu viel Alkohol trank. Tja, und eines Abends passierte dann der Unfall. Ich raste mit meinem neuen Ferrari gegen einen Telefonmast. Ich darf gar nicht darüber nachdenken, dass ich durch mein Verhalten auch andere Verkehrsteilnehmer gefährdet habe. Ich hätte mir nie verzeihen können, wenn bei dem Unfall jemand verletzt wäre.“
Kelly hielt kurz inne und trank einen Schluck Kaffee, ehe sie weitersprach: „Es war mir nur recht, dass ich mit einer milden Strafe vor Gericht davongekommen bin. Die Arbeit im Waisenhaus kam genau zur richtigen Zeit und brachte mich auf andere Gedanken. Ich hatte wieder eine Aufgabe und konnte mich nützlich machen. Das war ein schönes Gefühl und half mir dabei, nicht ständig Trübsal wegen Robert zu blasen und mich über Eden aufzuregen. Sie und ich haben uns damals nicht besonders gut verstanden. Wir haben uns die ganze Zeit gestritten und immer aneinander vorbeigeredet. Ich habe das sehr bedauert und mir gewünscht, dass es anders wäre und das wir uns wieder versöhnen, doch leider ist es dazu nicht mehr gekommen.“
Wie immer, wenn sie an ihre verschwundene Schwester dachte, fühlte Kelly einen tiefen Schmerz in ihrem Herzen.
„Sie fehlt mir so sehr, Rosa“, flüsterte Kelly, während sich Tränen aus ihren Augenwinkeln lösten und über ihr Gesicht strömten.
„Ich weiß, Liebes. Eden fehlt uns allen“, sagte Rosa mit rauer Stimme und derselben Traurigkeit im Herz. „Die Lücke, die sie hinterlassen hat, ist nicht zu schließen. Unser aller Leben hat sich verändert, seitdem sie nicht mehr da ist.“
Kelly wischte sich die Tränen aus dem Gesicht, stand von ihrem Stuhl auf und trat ans Fenster.
„Ich wünsche mir so sehr, dass sie eines Tages nach Hause zurückkommt“, sagte sie und schaute gedankenverloren nach draußen in den Garten des Capwell-Anwesens.
 

Kapitel 10
 

Ted war gerade aus der Dusche gestiegen, als es an seiner Zimmertür klopfte. Er trocknete sich kurz ab und schwang sich dann das Handtuch um die Hüften und ging zur Tür, um sie zu öffnen.
„Lilli, welch eine Überraschung!“
„Hallo Ted. Ich bin auch überrascht, dich endlich zu sehen.“ Lilly trat ins Zimmer und schloss die Tür hinter sich.
„Ich habe gestern Abend auf dich gewartet, doch du bist nicht nach Hause gekommen. Als ich heute Morgen aufgewacht bin, war dein Bett noch immer unberührt. Ich habe Sophia und CC beim Frühstück gefragt, ob sie dich schon gesehen hatten, doch sie sagten, dass sie dich seit gestern auch nicht mehr zu Gesicht bekommen hätten.“
„Und so hast du also kombiniert, dass ich nur in der Oase übernachtet haben kann?“
„Selbst mir fiel die Vorstellung schwer, dass du auf einer Parkbank geschlafen haben könntest.“
Ted lachte und schlang die Arme um Lillis Taille.
„Ich bin gestern Abend in der Bar versackt und dachte mir, dass ich meinen Rausch besser hier ausschlafe. Tut mir leid, dass ich dich nicht angerufen habe. Bist du sehr böse auf mich?“
Lilli entzog sich Teds Umarmung.
„Hör zu, ich möchte nicht schon wieder mit dir streiten. Ich habe etwas Wichtiges mit dir zu besprechen.“
„So, hast du das? Es stört dich hoffentlich nicht, wenn ich mich derweil anziehe, ja?“
Ted griff nach seinem Hemd, das über dem Kleiderständer hing.
„Ich denke, dass es für uns beide gut wäre, wenn wir uns für eine Weile nicht sehen, Ted. Ich werde Elaine in Boston besuchen und die nächste Zeit bei ihr bleiben.“ Lilli wich Teds überraschtem Blick aus und war sich auf einmal gar nicht mehr so sicher, ob es die richtige Entscheidung war Santa Barbara für ein paar Wochen zu verlassen.
„Hat dir deine Mutter diesen Vorschlag unterbreitet?“ erkundigte sich Ted und schlüpfte in seine Jeans. „Sie kommt immer auf die sonderbarsten Ideen.“
„Mom hat nichts mit meinem Vorhaben zu tun. Wenn du es genau wissen willst, hat sie mich sogar davon abhalten wollen, dass ich auf ein wenig Abstand zu dir gehen möchte.“
„Und warum tust du es dennoch?“
„Weil ich unserer Ehe noch eine Chance geben möchte, Ted. Wir drehen uns mit unseren ständigen Diskussionen doch nur im Kreis und neuerdings werden unsere Auseinandersetzungen auch immer heftiger.“
Lilli ging auf Ted zu und sah ihm in die Augen.
„Ich liebe dich und werde dich immer lieben, aber bitte lass mich jetzt diesen Weg gehen.“
Sie legte ihre Arme um Teds Hals und küsste ihren Mann leidenschaftlich. Ihr Herz schlug heftig und sie genoss die Berührung von Teds Lippen auf ihren, doch gleichzeitig fühlte Lilli Traurigkeit, als sie daran dachte, dass es für die nächste Zeit ihr letzter Kuss sein würde…
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

 
 
 
 
 

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