Kapitel 33 – 36
„Eden!“
Sophia glaubte ihren Augen nicht zu trauen. Aber auf der Bettkante von Cilia saß tatsächlich ihre lang vermisste Tochter. Außer das ihre Haare etwas kürzer geschnitten waren, hatte sie sich kaum verändert. Vielleicht waren ihre Gesichtszüge etwas strenger geworden, aber vielleicht waren es auch einfach nur Zeichen und Erinnerungen an ihren langen Kampf mit sich selbst.
Eden nahm ihren Hut ab und es bestätigten sich Sophias Vermutungen: Eden war erwachsen geworden. Das jugendliche war einem erfahrenen Ausdruck gewichen. Was sie jedoch als sehr positiv empfand war, das Eden auch stabiler in ihrer Art wirkte. Sie schaute Sophia mit festem Blick an, hielt dabei immer noch Cilias Hand, als würde sie sie als Unterstützung brauchen.
„Eden. Ich wusste nicht…“ begann sie vorsichtig – immer noch ängstlich, dass das falsche Wort wieder die alten Wunden aufreißen würde und Eden erneut verschwinden würde, ohne dass Sophia die Möglichkeit hätte mit ihr zu sprechen.
„Du wusstest nicht, dass ich kommen würde. Ich habe es selbst nicht gewusst, bis ich schließlich wieder ein Schild mit dem Namen Santa Barbara gelesen habe. Irgendeine magische Kraft hat mich hierher geleitet.“
Eden ließ das Gesagte einen kurzen Moment im Raum stehen und wartete auf Sophias Reaktion. Diese starrte ihre Tochter nur ungläubig an. Hatte der erste Eindruck doch getäuscht und Eden war bei weitem noch nicht so weit, wie sie vermutete?
Nach und nach bildete sich auf Edens Gesicht ein Lächeln. Es war genau dieses Lächeln, was Sophia immer so an ihrer Tochter geliebt hatte.
„Keine Angst, Mama. Ich weiß ganz genau, warum ich hier bin – und auch, wie ich hier hergekommen bin.“
Sophia war erleichtert, dass Eden nur einen Scherz gemacht hatte.
„Ich fühle mich gut und bin nun bereit, mich dem Geschehenen zu stellen.“ Sie drehte sich leicht herum, um Cilia anzuschauen und drückte dabei ihre Hand. „Und dies habe ich zum großen Teil Cilia zu verdanken.“
Cilia versuchte so gut es ging Edens Lächeln zu erwidern – leider ließen die Verbände nicht viel zu und so schloss sie für einen Moment die Augen und als sie sie wieder öffnete, sah sie, dass Eden sie verstanden hatte. Da zwischen Mutter und Tochter eine geschockte Stille herrschte, beschloss Cilia das Gespräch in eine angemessene Richtung zu lenken.
„Ich habe Eden in Europa kennen gelernt. In Frankreich, als ich dort als Au pair arbeitete. Wir wurden gute Freunde – lange bevor…“ Cilia merkte, dass sie sich selbst in eine Sackgasse gebracht hatte und Sophia entgegnete ihr auch sofort mit Feindseligkeit. „Lange bevor was? Lange bevor sie beschlossen, die Gelegenheit zu nutzen und sich diese unglaubliche Geschichte ausdachten?“ fragte sie scharf.
Eden fühlte sich aufgefordert, für Cilia Partei zu ergreifen. Aus diesem Grund war sie hauptsächlich nach Santa Barbara gekommen. Sie selbst wäre von alleine noch nicht nach Hause gekommen. Sie war sich der Dominanz, die die Familie auf einzelne Personen ausübte, bewusst geworden. Aber nun war sie in der Lage, sich dieser Dominanz entgegenzustellen. Sie stand vom Bett auf und ging auf Sophia zu.
„Ich habe Cilia in Frankreich als Freundin kennen gelernt und war später geschockt zu erfahren, dass sie meine Schwester ist. Wahrscheinlich ähnlich geschockt, wie du es warst. Ihre Lebensgeschichte hört sich vom ersten bis zum letzten Satz unglaublich an – und doch auch wieder irgendwie logisch. Hast du dich schon einmal mit ihr unterhalten, Mutter? Ich meine ein richtiges Gespräch geführt und nicht nur das beliebte Frage und Antwort-Spiel der Capwells?“
Sophia versuchte ruhig zu bleiben. „Wir hatten noch keine Gelegenheit.“
„Aber Cilia und ich hatten Gelegenheit. Wir saßen so manchen Tag von morgens früh bis zum Sonnenuntergang am Ufer der Seine und unterhielten uns. Dann gingen wir in irgendein nettes Café, hatten Ratatouille oder Crepes mit frischen Früchten und unterhielten uns weiter bis spät in die Nacht. Jeder einzelne Satz schien wie Medizin zu sein und jeden Tag fühlte ich mich besser und befreiter. Cilia hat mir zugehört, mir erklärt und mir verständlich gemacht, dass auch die dunkelsten Tage in meinem Leben einen Sinn machen, wenn ich sie nur zu nutzen weiß.“
„Wir hätten dir auch gern geholfen, Eden. Aber leider hast du uns keine Chance gelassen“, warf Sophia ein.
„Hast du auch nur ein Wort von dem verstanden, was ich gerade versucht habe, zu erklären?“ fragte Eden. „Ich wollte keine Hilfe. Ich wollte reden. Ich wollte erzählen, was mich bedrückt und was mich soweit getrieben hat. Ich wollte von einer objektiven Person beurteilt haben, wer Schuld an den Dingen hat und ob man sie sich selbst oder den anderen vergeben sollte.“
„Hast du uns vergeben, Eden?“
Eden überlegte, bevor sie antwortete. Sie hatte die Antwort seit langer Zeit parat und nun, da es Zeit war sie auszusprechen, fürchtete sie sich ein wenig.
„Meine Familie ist der Ursprung meines Willens, meiner Kraft und meiner Stärke. Ich habe von euch gelernt und kopiert und dabei immer wieder angestrebt, doch ich selbst zu sein. Bei den Versuchen euren Erwartungen gerecht zu werden, habe ich immer wieder ein Stück von dem, was ich mir selbst geschaffen habe, aufgegeben. Ich kann euch nicht vergeben, Mama, denn ihr habt in keinster Weise Schuld an meiner Schwäche. Ich hätte schreien können und habe es nicht getan. Ich hätte mich wehren können und habe stillgehalten. Ich habe Entscheidungen für mich getroffen, die bequem waren und die mich nicht forderten, sich mit mir selbst auseinander zu setzen. Viel zu spät habe ich die Regeln des Lebens erkannt. Sprich nur über jenes, was du auch vertreten oder zu tun gedenkst. Lerne zu dir zu stehen und zu agieren, so wie es deine Seele verlangt.“
Die Luft im Zimmer war zum schneiden dick. Sophia standen die Tränen in den Augen. Cilia traute sich nicht in das Gespräch einzumischen und hörte nur zu. So wie sie es in Europa wochenlang getan hatte. Eden blieb ganz ruhig. Wieder einmal war jeder gesprochene Satz eine Wohltat für ihre Seele und das schönste war, dass sie das Gefühl hatte, dass ihre Mutter ihr zuhörte, ohne sich direkt zu überlegen, was sie als nächstes sagen würde.
„Rede mit Cilia, höre ihr einfach nur zu. Du wirst feststellen, dass sie der beste Teil von dir ist. Auch wenn sie dich nur für kurze sechs Jahre hatte, so hatte sie doch als einzige von uns dich ganz so, wie du wirklich bist. Man kann schon sagen, sie hatte Sophia pur. Ohne den Einfluss der Capwells und ihrem Status. Du wirst dich irgendwann genauso in ihr erkennen, wie ich dich irgendwann in ihr gesehen und schließlich auch verstanden habe.“
Cilia wurde die Situation unangenehm. Sie konnte erkennen, dass Sophia sich in etwas hineingedrängt fühlte und dass es ihr nicht recht war. Ihre heiß geliebte Tochter war nach Jahren zurückgekehrt und sie wollte sich ganz alleine um sie kümmern – und nicht um eine ihr vollkommen fremde Person, die sich für ihre Tochter ausgab. Sie wurde erst aus der Situation erlöst, als Eden wieder auf Sophia zu ging und die Stille brach.
„Aber bevor ihr euch wieder zusammen setzt und redet – und ich kann mir vorstellen, dass es ein langes Gespräch werden wird – habe ich einen anderen Wunsch.“ Eden drehte sich zu Cilia und diese nickte ihr zu, denn sie wusste, welche schwere Bitte Eden jetzt bevorstand.
„Ich möchte dich bitten, mir zu verzeihen, dass ich es erlaubt habe, dass Channings Hass mich soweit getrieben hat, dass…“ Eden stockte einen Moment und musste schlucken. „… soweit getrieben hat, dass ich dich fast getötet habe.“ Edens Beherrschtheit war vorbei und sie fing hemmungslos an zu weinen. „Ich möchte endlich wieder von dir in die Arme genommen werden und dann will ich mit dir zu Daddy und den anderen gehen. Bitte verzeih mir, Mama!“
Noch bevor Eden ausgesprochen hatte, öffnete Sophia schon ihre Arme und Mutter und Tochter fielen sich nach Jahren der Verzweiflung glücklich wiedervereint in die Arme.
Cilia beobachtete die Situation still von ihrem Bett aus und wünschte sich, nun an Edens Stelle zu sein.
34
Kelly hatte keine Chance ihrem Vater auszuweichen. Direkt vor dem Treppenabsatz rannten sie ineinander. Eigentlich hatte sie es ja auch gar nicht vor, ihm aus dem Weg zu gehen, jedoch hielt sie es für das beste, ihn im Moment auch nicht direkt anzusprechen. CC hatte ziemlich heftig auf ihr Einmischen reagiert und weigerte sich Kelly eine Gelegenheit zu geben, sich zu rechtfertigen. Und so überging er auch das Thema Cilia als sie sich in der Halle trafen.
„Es ist ziemlich früh für einen Besuch. Ich hatte dich entweder im Bett oder in der Firma vermutet. Letzteres natürlich bevorzugt.“
„Ich bin gekommen, um Mama zu sehen. Aber sie scheint nicht da zu sein“, erwiderte Kelly und sah an CC vorbei ins Wohnzimmer.
CC war es am Gesicht abzulesen, dass ein unangenehmes Thema angeschnitten wurde. Sein Mund zog eine Grimasse, als ob er vermutete, dass Kelly sich bewusst über ihn lächerlich machen wollte.
„Deine Mutter ist in der Tat nicht da. Mason hat in aller Frühe angerufen, um uns zu sagen, dass unsere Ex-Angestellte“, er betonte das „Ex“ ganz besonders, „in der vergangenen Nacht ins Krankenhaus eingeliefert wurde. Und aus mir nicht begreiflichen Gründen hat sich deine Mutter sofort aufgemacht, um ihr Beistand zu leisten.“
Kelly stimmte ihm zu.
„Connor hat mich auch ganz früh angerufen und es mir gesagt. Sie ist schlimm zugerichtet worden.“
„Ich verstehe diese ganze Aufregung um dieses Mädchen nicht!“ explodierte CC plötzlich und da seine aufkommende Wut ihn nicht weiter auf einer Stelle hielt, setzte er sich in Richtung Wohnzimmer in Bewegung. Instinktiv folgte Kelly ihm. „Seitdem dieses Mädchen hier aufgetaucht ist“, fuhr er fort, „ist wieder eine Art von Unruhe in dieses Haus gekommen, die mir nicht gefällt. Und du kannst dich darauf verlassen, dass ich alles dafür tun werde, dass hier wieder Ruhe einkehren wird.“ Er drehte sich zu Kelly um und sah sie direkt an.
Kelly nutzte diese Gelegenheit, doch noch einen Versuch zu starten mit ihrem Vater vernünftig über ihre Nachforschungen und Ergebnisse zu sprechen.
„Wenn sie wirklich Mamas Tochter ist, dann könnte dies aber nicht ganz einfach werden.“
CC drehte sich vor Erregung einmal um die eigene Achse und blieb dann wortlos vor Kelly stehen. Nur seine Augen und sein geöffneter Mund deuteten seine Enttäuschung und seinen Zorn an.
„Du hast dich gestern bereits einmal lächerlich gemacht, Kelly und ich habe nicht die Absicht, diese Show heute noch einmal mitzumachen. Es reicht schon, wenn deine Mutter vollkommen durcheinander ist und jetzt auch noch dieser Betrügerin hinterher rennt.“
„Vielleicht hat sie ihre guten Gründe dafür.“
„Und welche sollten das bitte sein?“ schrie CC sie an.
Kelly versuchte ruhig zu bleiben, was ihr aber nur bedingt gelang. Sie erinnerte sich an den Tag, als sie mit CC und Ken an Sophias Bett stand und versuchte, ihrer bereits süchtigen Mutter die Schwere ihrer Krankheit bewusst zu machen. Sophia wollte sich damals partout nicht den Tatsachen stellen und verweigerte jegliche Erklärung. Irgendwie erinnerte sie ihr Vater nun ein wenig an sie. Er hatte seine feste, voreingenommene Meinung und weigerte sich nun, den Tatsachen ins Auge zu sehen.
„Wenn du mir nur ein paar Minuten geben würdest“, fing sie erneut an, „dann könnte ich wenigstens versuchen, dir zu erklären, warum ich glaube, dass Cilia Mamas Tochter ist.“
Zuerst schien es, als ob CC nicht auf Kellys Vorschlag eingehen würde, doch kam es ihr seltsam vor, dass er so lange zögerte. Ein positives Zeichen? CC erinnerte sich zu diesem Zeitpunkt an die vergangene Nacht und an Sophia, die ihm so sachlich und schon fast unnatürlich emotionslos erklärt hatte, dass sie ganz einfach das eine nicht ohne das andere ausschließen dürften. Er nahm sich ihre Sachlichkeit zum Vorbild und entschied Kellys Ausführungen eine Chance zu geben. Ihr zeigte er dies, indem er zum Sofa ging, sich setzte und die Zeitung beiseite legte. Abwartend faltete er die Hände im Schoß und sah Kelly an, die das Zeichen für ihren Einsatz sofort verstand und anfing, sich die richtigen Worte zurecht zu legen.
„Ich kann dein Misstrauen sehr gut verstehen, Daddy. Ich war am Anfang genauso misstrauisch – deswegen habe ich ja Connor auch gebeten Nachforschungen über sie anzustellen.“
Kelly wartete auf eine Reaktion seitens CC, als jedoch nichts kam, sprach sie weiter.
„Ich fand es zunächst reichlich seltsam, wie sie mit Mama sprach. Es schien mir, als ob sie sie immer irgendwie herausfordern wollte. Immer wieder redete sie über Italien und das Gut der Armontis, drängte sie praktisch immer wieder in ihre Vergangenheit und alten Erinnerungen. Ich ahnte, dass sie irgendetwas zu verbergen hatte und dass dies mit Mamas Jahren in Italien zu tun hatte. Also bin ich eines Tages in ihr Zimmer gegangen, als ich sie bei Rosa in der Küche wusste und habe mich etwas umgesehen.“
CC blickte sie erstaunt an.
„Schau mich nicht so verwundert an. Es ist doch nicht das erste Mal, dass ein Mitglied in dieser Familie zum Wohl eines anderen ungewöhnliche Dinge tut“, verteidigte sie sich und spielte dabei auf die zahlreichen Spionageaktionen an, die CC schon „zum Wohle der Familie“ durchgeführt hatte.
„Jedenfalls habe ich in einer Schublade ihren Pass gefunden. Und dieser war nicht auf den Namen Ardello, den sie uns ja genannt hatte, ausgestellt, sondern auf den Namen Armonti.“
Kelly bemerkte, dass CC diese Antwort nicht gefiel.
„Connor hat sich dann über seine internationalen Kontakte bestätigen lassen, dass der Pass gültig und vollkommen rechtens ausgestellt sei. Sie ist Cilia Armonti.“
„Was aber noch lange nicht heißen will, dass sie die Tochter deiner Mutter ist“, schaltete sich CC in Kellys Ausführungen ein.
Diese zog ein Papier aus ihrer Tasche und hielt es ihm hin.
„Sie haben uns eine Kopie ihrer Geburtsurkunde gefaxt. Ausgestellt von den Behörden in Mailand.“
CC nahm das Papier an sich und schaute es sich sorgfältig an. Dann legte er es zur Seite und stand auf, den Rücken zu seiner Tochter gedreht.
„Zum Zeitpunkt ihrer Geburt wurde der Name ihrer Mutter mit „Unbekannt“ angegeben. Im Jahre 1977 wurde er geändert auf Sophia Armonti.“
CC sagte immer noch kein Wort, was Kelly zunehmend als beunruhigend empfand.
„Was hat denn Connor zu deinem kleinen Einbruch in Cilias Zimmer gesagt?“
Kelly war sichtlich von dieser Frage überrascht – hatte sie doch mit jeder anderen Frage gerechnet. Aber das ihr Vater ein solches Interesse an Connors Meinung hatte. Sie versuchte erneut ruhig zu bleiben und beantwortete die Frage wahrheitsgemäß.
„Er war nicht besonders begeistert.“
„Aber geholfen hat er dir trotzdem?“
Kelly reichte es.
„Daddy, was soll dieses Interesse an Connors Meinung zu dem Fall?“
CC hob erregt das Papier wieder auf.
„Diese Kopie eines amtlichen Dokumentes weist den Namen deiner Mutter auf und macht sie dem Papier nach zur Mutter einer jungen Frau, von der keiner, einschließlich Sophia, je etwas gehört hat. Die einzige, die hier herumläuft und anscheinend jedes Wort was dieses Frau erzählt glaubt und verteidigt, bist du, Kelly.“
Kelly riss CC das Fax aus der Hand.
„Das hier ist Fakt, Daddy. Und Mama scheint auch etwas anderes darüber zu denken als du. Sonst wäre sie ja wohl nicht im Krankenhaus bei Cilia.“
„Ich muss dir doch nicht erklären, wie sensibel deine Mutter ist, wenn es um ihre Vergangenheit geht. Aber von dir, Kelly, hätte ich ein wenig mehr Objektivität erwartet.“
Kelly musste einsehen, dass das Gespräch zu keinem nennenswerten Erfolg kommen würde. Enttäuscht drehte sie sich von CC ab.
„Ich weiß auch nicht mehr was ich so genau glauben soll“, versuchte sie eine letzte Erklärung, „Aber glaubst du wirklich, dass ich die Schwachstelle meiner Mutter ausnützen würde, um mich interessant zu machen?“
Das CC ihr nicht antwortete, verletzte sie sehr. Hatte sie nicht immer wieder bewiesen, wie sehr sie ihre Familie liebte? War sie nicht an Sophias Seite während ihrer Medikamentenabhängigkeit und auch nachher, als Ken gestorben war. Wie konnte ihr eigener Vater jetzt nur annehmen, dass sie leichtfertig gegen ihre Mutter agieren würde?
„Ich werde zum Krankenhaus fahren. Vielleicht hat Connor schon mehr erfahren.“ Kelly wollte gerade gehen, drehte sich aber doch noch einmal um. „Nur falls es dich interessieren sollte. Cilia wurde als Baby von der Armonti-Familie adoptiert. Der Eintrag „Vater unbekannt“ wurde in der Urkunde nie geändert.“
Überrascht von dem stechenden Gefühl im Magen, musste CC feststellen, wie sehr ihn diese Aussage verletzte.35
Gerade hatte Ted Lilly noch fragen wollen, wo er die große Kiste mit dem Geschirr hinstellen sollte, als er in einen Haufen Papier hineintrat, darin stolperte und die Kiste mit samt seinem Inhalt von sich hinweg gegen die nächstliegende Wand flog. Mit lautem Getöse schlug die Box an der Wand auf und ein Scherbenhaufen ergoss sich über den ganzen Fußboden. Lilly, die gerade die Gartenmöbel aufstellte, wurde von dem Krach aufgeschreckt und kam sofort ins Zimmer gestürzt. Fassungslos sah sie sich die Situation an, die sich ihr bot. Ted lag vor ihr auf dem Boden und schlug voller Wut in den Haufen Papier. Nicht weit von ihm entfernt lag, total verbeult, der Rest von der aufgeplatzten Box, deren zerbrochener Inhalt sich quer über den Boden verstreute. Als Lilly erkannte, um welchen Inhalt es sich handelte, stürzte sie sofort dorthin.
„Das ist das gute Geschirr, das wir von Mutter zur Hochzeit bekommen haben.“ Vorsichtig nahm sie eine einzelne Scherbe hoch. „Und nun ist alles hin. Wie soll ich ihr das nur erklären?“
„Danke! Mir geht es gut. Nein! Ich habe mich nicht verletzt.“ Ted stand langsam auf und klopfte sich dabei die Hose ab.
Immer noch auf die Scherben starrend, antwortete Lilly ihm:
„Das weiß ich. Du tust nur immer so jämmerlich. Aushalten kannst du eine ganze Menge. Dieses Geschirr hier wohl allerdings nicht.“
„Nun mach bitte kein Drama aus dieser Sache. Weißt du eigentlich wie viel Geschirr wir zur Hochzeit geschenkt bekommen haben?“
„Es geht nicht darum, wie viel wir geschenkt bekommen haben. Es geht darum, von wem wir es bekommen haben. Und dieses hier haben wir nun einmal von Mutter bekommen. Du weißt doch, wie abergläubisch sie ist. Sie wird es bestimmt sofort als schlechtes Zeichen sehen.“
„Nun hör mir aber bitte mit den Vorahnungen deiner Mutter auf. Unser Glück nehme ich lieber selber in die Hand“, erwiderte Ted und griff sich Lilly, um sie auf das Sofa zu ziehen. Dort nahm er sie fest in die Arme und küsste sie leidenschaftlich.
„Also wenn du meine Meinung hören möchtest“, sagte Ted, nachdem er sich von Lilly gelöst hatte, „dann würde ich sagen, dass Scherben Glück bringen. Und nach diesem ganzen Mist hier schätze ich, dass wir die besten Aussichten auf ein langes und erfülltes Leben zusammen haben werden.“
„Vielleicht sollten wir noch ein paar Teile gegen die Wand werfen. Ich meine um ganz sicher zu gehen“, schlug Lilly vor.
Ted sah sie gespielt entsetzt an und setzte sich dann vor sie.
„Na du scheinst ja Vertrauen in unsere Beziehung zu haben.“
„Solange unsere Eltern nicht alle fünf Minuten vor der Tür stehen und sich in unser Leben einmischen wollen, habe ich sehr viel Vertrauen in unsere Beziehung.“
„Lilly. Diese Menschen gehören nun einmal zu unserem Leben und du solltest dies langsam einmal akzeptieren. Sie werden immer einen gewissen Einfluss auf uns ausüben wollen und von Zeit zu Zeit auch Erfolg damit haben.“
„Ich sage ja gar nicht, dass ich sie nicht in meinem Leben haben möchte. Ich möchte mir nur ungern immer wieder sagen lassen, was ich wann und wo zu tun habe. Welches Geschirr ich zu welchem Anlass aufzudecken habe und welche Kleidung angemessen ist und welche nicht. Warum können sie uns nicht einfach die Chance geben unsere eigenen Fehler zu machen und Dinge selbst zu entdecken?“
Ted nahm sie fest in die Arme.
„Und warum können wir nicht mit diesem leidigen Thema aufhören und uns lieber den wichtigen Themen widmen.“ Dann gab er ihr erneut einen innigen Kuss.
Gestört wurden sie durch das Klingeln der Türglocke.
„Anscheinend haben wir dafür keine Zeit“, musste Lilly lachend zugeben, löste sich von Ted und ging zur Tür. Dort angekommen konnte sie eindeutig die Stimme ihrer Mutter erkennen.
„Es sind Mutter und Lionel.“
„Na toll. Wenn man vom Teufel spricht…“
„Hör auf zu reden. Sieh zu, dass der Karton mit dem zerbrochenen Geschirr verschwindet. Wenn sie sieht, was aus dem guten Geschirr geworden ist, haben wir keine ruhige Minute mehr.“
So schnell er nur konnte, versuchte Ted die Scherben zusammen zu räumen und sie in den Karton zu werfen.
„Mach nicht so einen Lärm!“ ermahnte Lilly ihn.
„Viel Lärm um Nichts“, fluchte Ted und trat wütend gegen den Karton, der mittlerweile sehr unhandlich zu transportieren geworden war. Schließlich konnte er ihn aber doch noch packen und in den Garten befördern. Um ganz sicher zu gehen, schloss er die Tür hinter sich.
Lilly wartete auf sein Zeichen und öffnete dann die Haustür.
„Hi! Mit euch haben wir heute gar nicht gerechnet“, begrüßte sie Gina und Lionel.
„Was war denn bei euch los?“ erwiderte Gina und stürmte an Lilly vorbei in die Wohnung.
„Wir haben doch hoffentlich nicht gerade gestört?“ fügte Lionel hinzu und begrüßte Lilly herzlich mit einem Kuss auf die Wange.
„Nein! Wir haben gerade Kartons ausgepackt und versuchen ein bisschen Ordnung in die Schränke zu bekommen“, lachte Lilly betont und schob Lionel hinter Gina her. Hilfesuchend schaute sie zu Ted. Dieser verstand ihren Wink und schaltete sich ein.
„Nachdem Lilly den Garten soweit in Ordnung hat, dass man sich dort mal zwischendurch etwas ausruhen kann. Das haben wir nämlich gerade gemacht – uns etwas vom einrichten ausgeruht. Diese frische Luft da draußen und all das grün. Es ist richtig schön geworden – schaut es euch doch mal an“, versuchte er die Situation zu erklären und vergaß dabei völlig, was sich hinter der Gartentür befand.
Und als er endlich Lillys entsetzte Zeichen verstand war es bereits zu spät.
„Sehr gute Idee, Ted“, ging Lionel auf seinen Vorschlag ein. „Lassen wir die Frauen hier in den Kartons wühlen, während wir uns dem Leichtsinn und der Gemütlichkeit hingeben“, scherzte er und ehe Ted auch nur reagieren konnte, waren sie auch schon an der Tür.
Mit einem Schulterzucken konnte er sich noch gerade bei Lilly entschuldigen, bevor er mit Lionel auch schon durch die Tür verschwand. In Lilly stieg die Wut hoch. Gleich würde alles herauskommen und dann dürfte sie sich wieder tagelang die Vorwürfe ihrer Mutter anhören. Sie erinnerte sich noch an den ersten Fleck auf dem blauen Sofa, dass sie und Ted von ihr zur Hochzeit bekommen hatten. Ein Symbol der Sicherheit hatte sie es genant und als sie den Fleck entdeckte – und es war wirklich nur ein ganz kleiner Kaffeefleck auf der Armlehne – war dies sofort ein schlechtes Zeichen für ihre gemeinsame Zukunft. Was würde nun werden, wenn sie von dem guten Geschirr erfahren würde? Natürlich bringen Scherben Glück, jedoch lag wohl hier der Fall etwas anders. Ein altes Geschirr, seit Jahren im Besitz der Familie Lockridge, zerstört von ihr. Wahrscheinlich würde Gina dies als schlechtes Omen für ihre Ehe mit Lionel sehen.
„Hallo! Erde an Lilly.“ Ginas Stimme war durchdringend. „Hast du eigentlich mitbekommen, dass ich die ganze Zeit mit dir rede?“
Lilly hatte ein schlechtes Gewissen.
„Tut mir leid. Ich bin wohl in Gedanken immer noch beim einsortieren irgendwelcher Dinge. So eine Wohnung einzurichten, kann manchmal ein ganzes Leben dauern.“
Gina und Lilly mussten bei diesem Gedanken lachen.
„Na hoffentlich heißt das aber nicht, dass du nun gar nicht mehr zuhören wirst. Was schaust du eigentlich immer so nervös zur Gartentür?“
Lilly hatte nicht bemerkt, dass sie die ganze Zeit dorthin gestarrt hatte. Irgendetwas musste ihr jetzt ganz schnell einfallen.
„Ich habe gerade erst die Beete frisch mit Erde bestreut. Ich möchte nicht, dass die beiden jetzt darin rumwühlen oder so.“ Lilly war über den Blödsinn, den sie da erzählte, selbst überrascht. Gina schaute sie verständnislos an.
„Das sind doch keine zwei Hunde da draußen. Aber auf Männer sollte man genauso aufpassen wie auf Hunde, sonst fangen sie noch an zu streunen. Vielleicht sollten wir auch besser rausgehen.“ Gina wollte sich gerade in Bewegung setzten, als die Tür aufging und Ted und Lionel wieder hereinkamen. Neugierig schaute Lilly Ted an. Dieser stand nur neben Lionel, die Hände in den Hosentaschen und lachte. Lionel ging zu Gina und legte seinen Arm um ihre Taille, als ob er sie festhalten wollte.
„Gut das Lilly die Aufgabe der Gärtnerin übernommen hat. Wenn es nach Ted gehen würde, würde aus dem gesamten Gartenbereich eher ein Platz für archäologische Ausgrabungen werden. Aber wer weiß. Vielleicht würde er ja sogar etwas finden – Tonscherben oder so.“
Nun wusste Lilly, dass Lionel das kaputte Geschirr entdeckt hatte, aber anscheinend nahm er die ganze Sache wohl ziemlich locker. Ginas Gesichtsausdruck zeigte nur Unverständnis.
Lilly war inzwischen zu Ted hinüber gegangen und hatte ihm mit einem Stoss in die Seite zu verstehen gegeben, dass sie über den Sachverhalt zu Lionels Äußerung informiert werden wollte. Und während Lionel Gina ablenkte indem er ihr von den herrlichen Bauten im fernen Europa erzählte, an die er durch den Garten erinnert werden würde, konnte Ted Lilly alles erklären.
„Lionel hat sofort mitbekommen, dass etwas nicht stimmte und als er dann den kaputten Karton hinten in der Ecke liegen sah, wusste er sofort, um was es sich da handelte.“
„Und was hat er gesagt?“ hakte Lilly nach.
„Na Gott sei Dank!“
„Wie bitte?“ Lilly glaubte, sich verhört zu haben.
„Er sagte, dass wenn nicht deine Mutter so darauf bestanden hätte euch das Geschirr zu schenken, er es schon längst weggeworfen hätte. Er hat es selbst geschenkt bekommen und eigentlich nie gemocht. Jetzt ist er nicht nur froh, es selbst los zu sein, sondern auch beruhigt, dass wir nicht in den sauren Apfel beißen müssen und dieses schreckliche Dekor zu ertragen haben.“
„Ich glaub es nicht! Aber bei Mutters Einstellung wird uns dies nicht helfen.“
„Ich könnte mir vorstellen, dass wir dies einfach mal Lionel überlassen sollten.“ Ted deutete auf Lionel, der in seiner altbewährten Art Gina umgarnte.
„Haben eigentlich alle hier nur Schwachsinnigkeiten im Kopf? Könnte sich vielleicht auch jemand mal vernünftig äußern? Es reicht doch wohl, dass mal wieder im Capwell-Haus Chaos herrscht. Können wir da nicht einmal die vernünftigere Familie sein?“
„Was soll das denn nun heißen, Gina?“ fühlte sich Ted gefordert sich in Lionels und Ginas Gespräch einzumischen.
Gina war entsetzt über Teds Unwissenheit.
„Sag mal, Ted, in welcher Welt lebst du eigentlich? Man hat CC bis zum Lockridge-Haus schreien hören und die ganze Stadt weiß Bescheid, dass sogar die Polizei schon ihre Finger mit im Spiel hat.“
Teds Geduld wurde auf die Probe gestellt.
„Ich habe keine Lust auf deine Spielchen, Gina. Sag mir was los ist“, forderte er scharf.
„Ich glaube das reicht, Ted. Vielleicht können wir das ja auch etwas ruhiger besprechen“, versuchte Lionel die Situation zu schlichten.
„Ich glaube nicht, dass hier irgendetwas ruhig zu besprechen ist. Wenn deine Frau nur einmal in der Lage wäre, Fakten anstelle von Andeutungen zu geben, wäre vieles schon einfacher. Also, was ist passiert, Gina?“
Gina stellte auf stur, kreuzte die Arme vor ihrer Brust und verweigerte die Aussage. Um weiteren Streit zu vermeiden übernahm Lionel die Initiative.
„Es scheint gestern Abend einen heftigen Streit bei euch zu Hause gegeben zu haben. Wie Gina schon sagte, konnten wir CC bis zu uns schreien hören. Es schien, als habe er jemanden aus dem Haus geworfen. Heute früh hörten wir, dass euer Dienstmädchen…“
„Cilia?“ Ted war überrascht, dass Cilia damit zu tun hatte.
„Ja, Cilia. Sie wurde gestern Nacht in einem Motel gefunden – sie war schwer verletzt worden und musste ins Krankenhaus gebracht werden.“
„Du willst doch nicht sagen, dass…“
„Nein Ted. Die Staatsanwalt fahndet nach einem unbekannten jungen Mann und soweit wir wissen hat Julia den Fall übernommen, um diese Cilia zu unterstützen. Gina hat recht, wenn sie sagt, dass bei euch zu Haus gerade ziemlich viel Chaos herrscht.“
„Davon will ich mich lieber selbst überzeugen.“
Ted griff sich seine Jacke und rannte zur Tür hinaus.
„Was hat ihn denn jetzt so aufgebracht?“ fragte Gina neugierig.
„Er hat Cilia ins Haus gebracht“, stellte Lilly in den Raum.
36
„Es ist mir egal, wie spät es in Paris ist. Ich will in spätestens zwei Stunden die Zahlen auf meinem Tisch haben!“ CC legte verärgert den Hörer auf. „Wie soll man sich in aller Ruhe aus dem Geschäft zurückziehen, wenn niemand da ist, der den Leuten mal etwas Dampf machen kann?“
Auf dem Tisch vor ihm herrschte das totale Chaos. Nach und nach sah er die einzelnen Dokumente durch, um sie dann wieder auf verschiedene kleine Stapel zu verteilen.
„CC?“
Er hatte nicht bemerkt, dass Sophia nach Hause gekommen war und an der großen Säule stand. Überrascht sah er sie an.
„Du bist aber früh zurück. Ist das Gespräch nicht so gelaufen, wie du es dir vorgestellt hattest?“
„Nein. Ganz und gar nicht.“ Sophia steckte unsicher die Hände in die Hosentaschen und CC erkannte das sofort als Zeichen, das etwas passiert war, was sie durcheinander gebracht hatte.
„Aber irgendetwas ist passiert. Sonst würdest du doch nicht so still sein.“
„Man hat mir gerade beigebracht, das zuhören manchmal hilfreicher sein kann, als zu reden und sich einzumischen.“
Nichts von dem was Sophia sagte machte für CC Sinn. Er legte die Papiere zur Seite und stellte sich ihr gegenüber.
„Könntest du bitte versuchen, dich etwas genauer auszudrücken. Ich verstehe nämlich rein gar nichts.“
Ein Ausdruck von gespannter Vorfreude legte sich auf Sophias Gesicht.
„Du solltest dich vielleicht besser setzen.“
CCs Blick wurde zunehmend skeptischer. Aber auch er musste lächeln und hob nur ermahnend den Zeigefinger.
„Du solltest besser anfangen zu erzählen. Ich erwarte einen Rückruf aus Paris und ich nehme an, dass meine bis dahin gute Laune verschwinden wird. Und außerdem habe ich noch eine Menge zu erledigen bis dahin.“
Sophia schüttelte den Kopf.
„Erstens weiß ich, dass deine Laune gleich viel besser wird. Zweitens weiß ich, dass du dich gleich auf jeden Fall setzen wirst. Und drittens bin nicht ich es, die dir etwas erzählen wird. Wenn du aber möchtest, kann ich dir auch gerne die Hand halten.“
„Ach ja, bitte. Halte mir die Hände, du Stütze meines Lebens“, antwortete CC ironisch lachend.
„Dann hast du aber keinen Arm mehr frei, um mich zu umarmen…“
Langsam trat Eden hinter der Säule hervor. CC war dermaßen geschockt, dass er zunächst nichts sagen, geschweige denn reagieren konnte.
„Bitte sag ihm, das ich kein Geist bin, Mama.“
Aber auch Sophia hatte es vor Glück die Sprache verschlagen und so nickte sie CC nur zu.
„Prinzessin!“
Noch eben erstarrt wie eine Säule, lief CC plötzlich auf Eden zu und riss sie an sich. Nachdem er sie einige Sekunden ganz festgehalten hatte, nahm er ihr Gesicht in die Hand und strich über ihre Haare. „Ich wusste, dass du eines Tages nach Hause kommen würdest – ich wusste es!“ Erneut zog er sie ganz fest an sich und schämte sich der Tränen nicht, die sich in seinen Augen gebildet hatten. An Eden vorbei sah er Sophia an, die vor lauter Glück ebenfalls angefangen hatte zu weinen und sich die Hände vor den Mund hielt.
Vorsichtig löste sich Eden aus der Umarmung ihres Vaters und wischte sich die Tränen aus dem Gesicht. Behutsam, als wäre es eine Kostbarkeit, nahm sie seine Hand und strich über die Oberfläche.
„Danach hatte ich mich so sehr gesehnt. Und nun bin ich es, die sich von dir löst, weil wir sonst noch bis morgen so hier stehen würden.“ Edens Aussage brachte alle drei zum lachen. „Ich habe dir so viel zu erzählen, Daddy.“ Eden wurde wieder etwas ernster. „Es ist sehr viel passiert. Manches lässt sich erklären, manches muss vergeben werden, denn man kann es nicht wieder gut machen.“ Sie drehte sich bei diesem Satz zu Sophia herum, die immer noch am Eingang zum Wohnzimmer stand.
Diese winkte sofort ab, als sie Edens Andeutung verstand.
CC versuchte seinen Gefühlsausbruch wieder unter Kontrolle zu bringen und drehte sich kurz weg, um sich die Tränen aus den Augen zu wischen. Als er sich wieder umdrehte, musste er sich den amüsierten Blicken seiner Frau und seiner Tochter stellen.
„Wo hast du sie nur aufgetrieben?“ scherzte er in Richtung Sophia und nahm Eden in den Arm, um sie in die Sitzecke zu führen.
Sophia folgte ihnen, als sie ihm die Antwort gab.
„Ob du es glaubst oder nicht. An Cilias Bett sitzend.“
CC hatte mit allem gerechnet, aber damit nicht. Er ließ Eden los und sah sie verständnislos an.
„Was?“
Eden nickte ihm zu. „Ich kenne Cilia aus Europa. Wir sind gute Freunde dort geworden und als ich hörte, was ihr passiert ist, bin ich sofort hierher gekommen.“
CCs Verwunderung schlug in Misswillen und Verärgerung um.
„Willst du etwa damit andeuten, dass du einzig und allein hier bist, da du IHR helfen möchtest? Eden, darf ich dich daran erinnern, dass du hier eine Familie hast, die sich seit Jahren um dich sorgt. Die fast wahnsinnig geworden ist, weil sie nicht wusste, was mit dir passiert ist. Die vor Angst und Schuldgefühlen durch dir Hölle gegangen ist“, schrie er sie an und zeigte dabei auf Sophia.
Eden suchte den Augenkontakt mit ihrer Mutter und versuchte sie zu beruhigen. Diese wiederum war über die Ruhe ihrer Tochter überrascht. Eden wandte sich im ruhigen Ton an CC.
„Wie ich dir schon sagte – es gibt viel zu erzählen, Daddy. Aber ich kann nicht alle euren Fragen sofort beantworten. Dafür habe ich ganz einfach selbst noch zu viele Fragen. Und Cilia.“
CC war wütend den Namen erneut ins Gespräch gebracht zu bekommen.
„Immer wieder dieser Name. Anscheinend hat jede Aktion, die in den letzten Tagen in dieser Familie passiert ist, etwas mit diesem Mädchen zu tun.“
„Sie hat sehr viel mit dieser Familie zu tun. Mehr als du vielleicht vermutest“, antwortete Eden.
Abschätzende Ruhe kehrte zwischen den Beteiligten ein. Im Hintergrund waren das Zufallen der Haustür und Stimmen zu hören.
„Kaum ist man aus dem Haus, scheint hier alles drunter und drüber zu gehen. Würdest du bitte stehen bleiben, Kelly und mir endlich ein paar Antworten geben.“
„Ich habe keine, Ted. Ich habe selbst keinen Durchblick mehr, was hier eigentlich passiert, da keiner mehr zu klaren Aussagen in der Lage ist.“
Ted und Kellys angeregtes Gespräch war bis ins Wohnzimmer zu hören.
„Du wirst mir doch wenigstens erklären können, was mit Cilia passiert ist. Immerhin leitet dein Freund die Ermittlungen“, sagte Ted, während sie sich Richtung der anderen bewegten.
Kelly wollte ihm gerade antworten, als sie im Wohnzimmer ankamen und sie bemerkte, wer anwesend war. Vor Schreck verschlug es auch ihr die Sprache.
Ted, der Eden noch nicht entdeckt hatte, glaubte dass Kelly ihn ignorierte und redete weiter auf sie ein.
„Bleib endlich stehen und sag mir, was los ist!“
Als Kelly tatsächlich stehen blieb, vermutete er sich endlich durchgesetzt zu haben.
„Na endlich!“ Ted entdeckte die anderen. „Hi Mum, Dad, Eden. Also Kelly…“ Ted bemerkte, was er gerade gesagt hatte. „Eden!“
Eden zog fast verschämt die Schultern hoch und lächelte ihn an.
„Ich wusste es doch. Irgendwann treibt es einfach jeden hierher zurück.“ Er stürmte an Kelly vorbei Eden direkt in die Arme und wirbelte sie herum.
„Da scheinst du fast recht zu haben, wenn selbst du wieder hier bist“, entgegnete sie ihm.
„Es war schlimm zurück zu kommen und du warst nicht da. Die anderen sind natürlich auch nicht schlecht“, er grinste an Eden vorbei zu Sophia und CC, die sich dezent im Hintergrund hielten. „Aber irgendetwas hat doch gefehlt. Und dann noch nicht zu wissen was…“
„Lass uns später darüber sprechen, ja?“ unterbrach Eden ihn. Dann ließ sie ihn los und ging auf Kelly zu, die immer noch wie versteinert etwas abseits von ihnen stand.
„Eden!“ Kelly flüsterte mehr, als das sie etwas sagte.
Sie standen voreinander und keiner wagte den anderen zu berühren.
Hatten sie Angst, dass es nur ein Traum sein könnte, der plötzlich wie eine Seifenblase zerplatzte?
Eden rieb sich nervös die Hände.
„Glaubst du mir, wenn ich dir sage, wie sehr ich dich vermisst habe?“
„Nein!“ antwortete Kelly wie aus der Pistole geschossen.
Dann fingen beide an zu lachen und fielen sich doch noch in die Arme.
„Du hast deine Haare ab. Aber es steht dir. Du siehst gut aus – ich meine wirklich gut aus.“ Kellys Begeisterung war einer Unmenge von Worten zu entnehmen.
Eden stand ihr aber in keiner Weise hinterher und so entwickelte sich innerhalb von Sekunden ein wahres „Geplappere“.
„Könntet ihr das bitte auf später verschieben“, ging Sophia schließlich dazwischen. „Es gibt bestimmt noch vieles zu erzählen, aber alles der Reihe nach.“
„Ja. Du hast recht.“ Eden versuchte sich wieder zu beruhigen.
„Ich merke erst jetzt, wie sehr ihr mir alle gefehlt habt“, begann sie und schaute dabei in die Runde ihrer Lieben. „Und ob ihr es glaubt oder nicht, auch ich habe unendlich viele Fragen. Und Wünsche. Und Gelüste – nach Rosas Kochkünsten.“ Eden brachte alle zum lachen. „Aber wie du sagst, Mama: Alles der Reihe nach. Denn zuerst muss ich eins wissen: Wie geht es Cruz und den Kindern?“
Kaum das Eden die Frage gestellt hatte, wurde es totenstill im Raum. Alle Blicke richteten sich auf Kelly, die entsetzt in Edens Rücken stand. Eden bemerkte es sofort uns drehte sich zu ihr herum.
„Was ist passiert?“ fragte sie vorsichtig und wusste nicht, ob sie für die Antwort schon stark genug sein würde.