Titel: Ein Eiswürfel mit Folgen - oder Wie genießt man einen B52? Teil: 21 Autor: Neko, Seya, Silberchen E-Mail: sumeragi_subarukun@yahoo.de sheseya@yahoo.de silberchenxx@yahoo.de Genre: real, RPG Bewertung: PG-16 Warnung: yaoi Inhalt: Nachdem Andreas sich in der Disco den Kopf verletzt hat, hat er mit Jonas und Nico zwei Aufpasser, die sich selbst und ihn immer wieder in Verlegenheit bringen. Erklärung: Dies ist unser erstes Rollenspiel. Wie bitten hiermit um Gnade ... aber vor allen Dingen um C&C. *** Irgendwie gingen Jonas heute die aufgetragenen Arbeiten schneller und leichter von der Hand als je zuvor. Mit den Gedanken war er jedoch weit weg - bei Nico und Andreas, seinen Freunden. Es war so schön, mit ihnen zusammen zu sein, dass er sich gar nicht mehr vorstellen mochte, wie es zuvor gewesen war. Die letzte Nacht war schön gewesen, er hatte in Andreas' Armen geschlafen, und der Kater war irgendwann ebenfalls zu ihnen ins Bett geschlichen. So tief und so angenehm hatte er schon ewig nicht mehr geschlafen. Mit einem Lächeln erinnerte er sich an Andreas' verschlafenes Gesicht, als der Wecker sie um 6.30 Uhr geweckt hatte. Liebevoll hatte Jonas ihn wieder zugedeckt, ihm etwas zu Essen ans Bett gestellt und ihm versprochen, am Abend wieder zu ihm zu fahren. So war er glücklich, als die Uhr schließlich halb fünf zeigte und die durchdringende Klingel den Feierabend verkündete. Schnell packte er seine Sachen zusammen und stopfte sie in seinen Rucksack. Er hatte nicht lange Zeit, um in seine Wohnung zu fahren und sich umzuziehen, dann wollte er zu Andreas fahren und sich dort mit den anderen beiden treffen. Noch immer mit diesem zufriedenen Lächeln auf den Lippen schwang er sich auf sein Fahrrad, und nur eine halbe Stunde später war er in der Adenauerallee. Er schloß sein Fahrrad sorgfältig ab, dann lief er die Treppe zu seiner Wohnung hinauf. Irgendwie kam sie ihm leer vor und einsam und kalt und trübe. Und leblos. Wie viel schöner war es am Wochenende bei Andreas gewesen! Am liebsten wäre er sofort wieder zu ihm gefahren, doch er konnte ihn nicht so ausnutzen, so auf die Nerven gehen. Dann würde er diese Freunde schneller wieder verlieren als er gucken konnte. Und dennoch sehnte er sich nach seinen Freunden, nach der Nähe zu ihnen, der Wärme und Geborgenheit, die von ihnen ausging. Doch bald würde er sie wiedersehen. Nach einem sehnsüchtigen Blick aus dem Fenster, das in etwa in Richtung Universität ging, setzte er sich an seinen Schreibtisch und holte die Bücher heraus. Gestern hatte er weniger geschafft als er geplant hatte, heute stand also ein größeres Pensum an. Jonas achtete nicht weiter auf die Zeit, als er in Buchungen und Gesetzen, in Regeln und wirtschaftlichen Zusammenhängen versank. Es war schon ziemlich dunkel geworden, als er von seiner Türklingel aufgeschreckt wurde. Irritiert stand er auf, er hatte seine Klingel bisher nur selten gehört, er bekam üblicherweise keinen Besuch. Doch dann kam ihm ein Gedanke, und ein glückliches Lächeln zog sich über sein Gesicht. Holte Nico ihn vielleicht ab? Schnell sprang er auf und hastete durch den kleinen Flur. Noch immer mit einem Grinsen im Gesicht öffnete er die Tür und erstarrte. Auf dem Flur vor seiner Tür stand ein mittelalter Mann in dunkelgrüner Polizistenuniform. "Herr Jonas Schneider? Bergmann, Kriminalpolizei." Der Mann zuückte eine Polizeimarke und zeigte sie dem verdutzten Jonas. "Wir hätten da einige Fragen an Sie." Das Lächeln verschwand von Jonas' Lippen schneller, als es entstanden war. Nicht Nico, sondern die Polizei. "Ja, ich bin Jonas Schneider. Was... was ist los?" Ungerührt zog der Polizist ein offiziell aussehendes Dokument aus seiner Jackentasche. "Wir haben hier einen Haftbefehl gegen Sie. Wenn Sie also die Güte hätten, mich und meinen Kollegen aufs Revier zu begleiten?" Demonstrativ erschien hinter dem Polizisten noch ein weiterer Beamter, dessen breites Kreuz und verschränkte Arme deutlich werden ließen, dass er nicht mit sich spaßen ließ. Jonas schluckte. "Haftbefehl? Weswegen? Was... was soll... soll ich etwas mitnehmen?" "Ich gebe Ihnen 5 Minuten, das nötigste für einige Tage zusammenzupacken." Dem Polizisten war deutlich anzuhören, dass er nicht die geringste Lust verspürte, Jonas irgendwie entgegenzukommen. "Kommen Sie rein," murmelte Jonas und schloss die Tür hinter den beiden Beamten. "Wollen Sie sich hier auch noch gleich umsehen? Oder reicht es, wenn ich Ihnen sage, dass ich nicht weiß, was ich getan haben soll?" "Die Wohnung wird später noch durchsucht. Aber jetzt bringen wir Sie erst einmal zum Präsidium", erklärte der uniformierte Kleiderschrank. Jonas hockte auf den Boden vor dem Kleiderschrank und sah bei diesen Worten kaum auf. Er räumte seinen Rucksack aus, viel Platz hatte er nicht, und eine größere Tasche besaß er ebenfalls nicht. Unterwäsche, T-Shirts, eine saubere Jeans, Pullover, Waschzeug, Handtuch... In eine Baumwolltasche packte er seine Bücher, es war nicht geplant, schon beinahe automatisch hatte er diese Dinge eingepackt. "Sind sie fertig, Herr Schneider?", ertönte die nun sichtlich ungehaltene Sitmme des Beamten. "Ja." Jonas drehte sich erschrocken um. Die beiden Beamten waren ruhig gewesen, so dass er ihre Anwesenheit gut hatte verdrängen können. Nun stand er auf, nahm seine Sachen und ging mit ihnen aus der kleinen Wohnung und fuhr mit ihnen... wo auch immer sie ihn hinbringen wollten. *** Andreas knurrrte sein Telefon an. Er hatte eine geschlagene Stunde mit seinem Boss telefoniert, war zur Bibliothek gerast und hatte dann wieder mit dem Lollipop telefoniert. Seine Laune war auf dem Tiefpunkt. Ein wichtiges Buch war immer noch nicht da, und sein Chef wollte ihm nicht die Krankenzeit bezahlen. Jetzt hatte er versucht, den zweiten Chef zu sprechen - Georg war wesentlich umgänglicher. Er hatte ihn zwar erreicht und er hatte auch gesagt, dass er sich darum kümmerte, aber dieser Funken von guter Laune wurde jäh gelöscht, als ihm ein Mitkommilitone mitteilte, dass sein Prof. die Hausarbeit nicht 17.00 Uhr am Freitag haben wollte, sondern schon um 12. Es war zum Haare raufen. Murphys Gesetz - und er hasste es. Er grummelte, als es an der Tür klingelte. Konnte man nicht mal gepflegt fluchen, ohne, dass einer einen störte und völlig aus dem Konzept von der Folterplanung diverser Lehrer und Chefs brachte. Nico verlagerte seinen Rucksack auf die andere Schulter und überlegte, ob es nicht doch besser gewesen wäre, erst bei Andreas anzurufen, eher er diesen überfiel. Aber jetzt war es zu spät. Die Haustür schnarrte, und Nico öffnete sie und ging die Treppen hinauf bis zu Andreas' Tür. Dunkelgrüne Augen funkelten ihn an, die sich nur mit Mühe aufhellten. "Hey," Andreas versuchte sich zusammenzureißen, denn was konnte Nico dafür. "Sorry, störe ich dich?", fragte Nico, lächelte verlegen, und erinnerte sich dann daran, dass er ja noch seine Sonnenbrille auf der Nase hatte. Schnell nahm er sie ab. Andreas Ausdruck verwandelte sich von einem Moment zum anderen. "Was zum Teufel..." Nico blickte zu Boden und verstaute seine Sonnenbrille in der Jackentasche. "Lässt du mich rein?" Wortlos wurde ihm die Tür aufgehalten. Genauso stumm schloss Andreas hinter ihm auch wieder die Tür. Wieder sah sich Nico dessen grünen Augen ausgesetzt, die ihn regelrecht zu sezieren schienen. Auf unbestimmte Art fühlte Andreas Wut in sich aufsteigen. Fast ruppig schob er Nico in sein Zimmer und drückte ihn auf den Stuhl. "War er das?", rief er und deutet auf das Veilchen und auf einen deutlichen Handabdruck auf der Wange. Nico, etwas verdattert ob der schroffen Art seines Freundes, brauchte erst einen Moment, um zu begreifen, dass Andreas' Aufgebrachtheit nicht ihm galt. Seufzend strich er sich durch die Haare. "Sagen wir mal so, wenn mein alter Herr das nächste Mal sagt, ich solle sofort nach Hause kommen, dann tue ich das auch besser." "Du spinnst ja wohl!", donnerte Andreas los. "Dein Vater hat ja wohl ne Vollmeise, dir so etwas zu verpassen. Der hat weder das Recht dazu, noch irgendeine Veranlassung." "Sag ihm das, nicht mir", Nico biss sich auf die Lippe, "was meinst du warum ich so schnell wie möglich von Hause ausziehen will, sobald ich 18 bin..." Andreas Augen verkleinerten sich und mit einem Mal sah der Barkeeper alles andere als harmlos aus. Wenn er schon schlecht gelaunt war, dann konnte er seine Laune auch auf ein lohnendes Ziel einschießen. Kommentarlos erhob sich Andreas und ging zum Kühlschrank. Laut fluchte er, als er die Kühlpads rausholte, um sie mit einem Geschirrtuch Nico zu geben. "Und wann wirst du 18?", fragte er ungehalten. Dankbar nahm Nico die improvisierte Kühlpackung entgegen und hielt sie gegen sein Gesicht. "In knapp einem Monat." "Dann ist dein Vater wegen Körperverletzung dran. Ein Monat ist zu lange." Andreas wanderte etwas ziellos von Nico weg und versuchte seinen Ärger erstmal beiseite zu drängen. "Jetzt reg dich nicht so auf, Andreas", versuchte Nico den aufgebrachten jungen Mann zu beschwichtigen, "es ist doch nichts weiter passiert." "Nichts weiter passert?" Andreas brauchte wiederum einen Moment, um alles zu Ende zu sortieren. Mit ein wenig mehr Schwung als nötig zog er Nico vom Stuhl und dirigierte ihn ins Bad. Dort präsentierte er ihm das farbenfrohe Gesicht. Mit wenig Begeisterung betrachtete Nico sein Spiegelbild. Es sah wirklich noch schlimmer aus als am Morgen, als er das Haus verlassen hatte... Dann drehte er sich zu Andreas um. "Und was soll ich bitteschön machen?", wollte er wissen. "Wie wäre es, ihn zu verklagen?", stellte der eine mehr als nur rhetorisch gemeinte Frage. "Wegen einem Veilchen?" Andreas zögerte für einen Moment. Er war sich nicht sicher, ob er es richtig bemerkt hatte, doch dann besann er sich und meinte für sich, dass es im Zweifel besser war, jetzt falsch zu liegen, als es auf sich beruhen zu lassen. Mit einem Ruck zog er Nicos Pullover hoch und sah, was er nur vermutet hatte. "Ein paar blaue Flecken?", fragte er leise. "Nichts weiter", murmelte Nico und schob den Pulli schnell wieder herunter, ohne Andreas anzusehen. "Es ist schon mehr als einmal passiert, nicht wahr?" Nico antwortete nicht. Was sollte er Andreas sagen? Dass seinem Vater zu all den Predigten auch öfters mal die Hand ausrutschte? So etwas passierte eben... "Komm mit und erzähl mir alles", wurde er von dem schwarzhaarigen Barkeeper ins Zimmer zurückgezogen. Hatte er eigentlich schon bemerkt, dass sie annähernd ähnlich schwarze Haare hatte? Nur Andreas Haare hatten nicht so einen leicht blauen Schimmer. "Das, was dein Vater dir antut, ist kein Kavaliersdelikt. Es ist strafbar!" fuhr Andreas fort, als würde er nicht bemerken, dass Nico sich in Schweigen hüllte. "Mag ja sein, ich kenne mich da nicht aus... aber... ich kann doch nicht... er ist doch trotz allem mein Vater!" Nicos sonst so offenes, fröhliches Gesicht zeigte nun Hilflosigkeit, und mit dem schillernden Abdruck wirkte es umso verletzlicher und jünger. Andreas zog Nico vorsichtig in seine Arme. "Ja, ist er. Aber ich weiß, dass es nicht besser wird. Mein Vater war nicht zimperlich, aber kein Schläger. Doch ein Freund von mir wurde eines Tages in ein Krankenhaus eingeliefert, weil niemand seine Schreie gehört hat. Ich werde das nicht auf sich beruhen lassen, Nico." Nun war es endgültig um Nico geschehen. Den ganzen Tag hatte er sich wie immer geben müssen, in der Schule etwas von einer Prügelei mit Kumpels erzählt, als man ihn gefragt hatte. Doch Andreas' Sorge um ihn, seine Wärme... Hilflos klammerte Nico sich an Andreas' Pullover und brach in lautloses Schluchzen aus. Er wurde einfach aufgefangen und beide landeten sie auf dem Boden. "Wein. Ich denke, du hättest schon vorher weinen sollen." Nico krallte sich noch fester an Andreas, versuchte sich zu beruhigen, doch das gelang ihm nicht. Er konnte sich nicht erinnern, jemals so geweint zu haben, seit er ein kleines Kind war. Männer weinten schließlich nicht. Noch so ein Satz seines Vaters. Doch Andreas konnte er vertrauen. Er verstand es. "Tut mir leid", nuschelte Nico erstickt. "Nein, braucht es nicht", wurde ihm widersprochen. Andreas Wärme war geradezu verschwenderisch und sie schien in diesem Moment nur für ihn da zu sein. Sanft aber deutlich stärker wurde er umarmt. "Ihm sollte es leid tun, nicht dir." Dankbar lehnte Nico sich in die Umarmung und ließ die Tränen ungehindert laufen. Er war es leid, sich immer den Anschein zu geben, als ob alles in Ordnung wäre. Er wusste nicht, wie lange sie so saßen. Nur Andreas spürte, wie ihm langsam seine Beine einschliefen. Aber er beklagte sich nicht. Es war noch erträglich. Doch schließlich beruhigte Nico sich, schniefte und sah Andreas mit einem schiefen Lächeln an. Zusammen mit den Blessuren auf seinem Gesicht und den verquollenen Augen wurde es allerdings eher eine Grimasse. Nur Andreas ließ sich davon nicht schrecken. "Besser?", fragte er leise. "Ja. Danke, Andreas", Nico hätte gerne noch mehr gesagt, aber er wusste nicht recht, was. Obwohl ein einfaches danke nicht so recht ausreichend schien. "Willst du darüber reden?" Nico wischte sich über die Nase und schniefte noch einmal. "Da gibts nicht viel zu sagen", meinte er, "ich hab dir ja schon erzählt, dass mein Alter eine ganze Menge Ansprüche an mich stellt, die ich offensichtlich nicht erfüllen kann. Und dass ich gestern abend erst so spät nach Hause gekommen bin, hat er wohl als persönlichen Affront gesehen. Normalerweise vermeide ich sowas..." "Und bist der brave Sohn", vollendete Andreas ohne Häme. "Aber dich wegen einer Verspätung grün und blau zu schlagen, ist alles andere als in Ordnung. Nico, was willst du tun?" "Ich weiß es wirklich nicht", gestand dieser ein, "und ich habe Angst, dass wenn ich irgendetwas tue, er dann erst richtig wütend wird... früher war er eigentlich nicht so, ich weiß auch nicht. Aber selbst meine Mum kann sich inzwischen nichts mehr leisten bei ihm. Deswegen sagt sie nichts." Andreas streichelte ihn mechanisch. "Du kannst nicht zurück oder traust du dich noch?" "Ich werde wohl oder übel zurückmüssen. Wenn das Gewitter verraucht ist, tut mein alter Herr für gewöhnlich, als wäre nichts gewesen. Heute morgen war er wieder friedlich." Unsicher strich sich Nico wieder durch die Haare. "Und um ehrlich zu sein, ich weiß auch nicht so recht, was ich tun sollte...." Fast hilfesuchend blickte er auf Andreas. Traurige Augen schauten ihn an. Mephisto mauzte leise, heischte um ein wenig Aufmerksamkeit, die er jedoch nicht bekam. "Ich würde dir anbieten zu bleiben. Aber dein Vater hat das Recht, dich noch diesen einen Monat zurückzufordern, sofern er weiß, wo du bist." Gedankenverloren erbarmte Nico sich schließlich des maunzenden Katers und strich ihm sanft übers Fell. "Den einen Monat halte ich schon noch aus", erwiderte er schließlich und sah Andreas an, "aber ich bin dir sehr dankbar für dein Angebot." Dieser schwieg. Er wusste, um das Recht, aber wusste auch, dass es nicht einfach war, es sich zu erstreiten - vor allen Dingen gegen seine eigene Familie. Seine Familie war zum Glück nicht so. Sein Vater hatte ihm mal noch als Heranwachsendem hin und wieder eine Ohrfeige gegeben, aber irgendwann hörte es auf. Streit löste er auf seine Weise und darin war sein Vater Meister. Er behielt erstens immer Recht und war zweitens auch in seinen Argumenten überzeugend. "Willst du dich ausruhen?", bot er Nico leise an und verzichtete darauf, ihn zu drängen. "Danke, es geht schon", erwiderte dieser und brachte eine überzeugendere Version eines Lächelns zu stande zustande, "aber wir können uns auch woanders hinsetzen; der Boden ist nicht das allerbequemste..." Ein Funken des alten Schalks blitzte in Nicos dunkelblauen Augen auf. "Wenn du möchtest.." Also rappelten die beiden jungen Männer sich auf und ließen sich auf Andreas' Bett nieder. "Wie gehts eigentlich deinem Kopf?", wollte Nico nun wissen und griff wieder nach der Kühlpackung, "und wann ist Jonas abgedüst?" "Heute Morgen gegen 7 Uhr. Und meinem Kopf geht es gut. Ich habe meine Hausärztin gefragt und sie hat mir die Medikamente gegeben, die mich nicht ständig ausknocken. Die Wunde heilt und wird morgen wahrscheinlich jucken. Aber das ist unwichtig..." Andreas mochte den Themenwechsel nicht. So schnell war für ihn das eben nicht vergessen. Nico runzelte die Stirn. "Seit wann ist denn deine Gesundheit unwichtig?", fragte er zurück. "Sie ist nicht wichtiger als deine", hielt ihm Andreas vor. "Aber du warst krankenhausreif verletzt und ich habe nur ein paar blaue Flecken", entgegnete Nico stur. Andreas gab ihm eine Kopfnuss. So gestraft hielt sich Nico gleich den Eisbeutel an den Kopf. "Wofür war das denn nun?", wollte er völlig überrumpelt wissen. "Dafür, dass du das gesagt hast. Es gibt kein mehr oder weniger. Ich weiß, dass eines Tages mehr sein kann, als ein Krankenhausaufenthalt, wenn man deinem Vater keinen Riegel vorschiebt. Also sag nicht so etwas Dummes." Nico schwieg und ließ den Kopf hängen. "Was ist? Willst du mir Löcher in meinen nichtvorhandenen Teppich brennen?", knurrte Andreas. "Im Bett eine Kanone, aber nicht den Schwanz in der Hose, um mal seinem Vater zu sagen, dass man kein Punchingball ist. Komm schon, Nico, schau mich an!" Verlegen kam Nico der Aufforderung nach. "Ja, du hast ja recht... aber so einfach ist das alles nicht..." "Was ist nicht einfach?", schnitt ihm der Barkeeper das Wort ab. "Du bist kein Kind mehr. Ich weiß, dass das nicht einfach ist. Aber sich hängen lassen, ist das schlimmste, was du tun kannst." Wieder strich sich Nico durch die Haare und verstrubbelte sie noch mehr. "Ich weiß, ich erzähle allen, das man nicht aufgeben soll und ähnlichen Quatsch, aber selber komme ich mit meinem Leben nicht klar... das weiß ich bereits, Andreas." Der ließ das nicht gelten. Mit einem Ruck zog er Nico auf die Füße und sah ihn geradezu aufgebracht an. "Hör auf, dir leid zu tun. Los, lach mich an!", befahl er ruppig. Nico blickte Andreas ein paar Sekunden lang an, wie dieser von einem fast heiligen Zorn erfasst war und konnte schließlich nicht anders als zu lächeln. "Sorry, ich bin heute nicht so ganz da", meinte er schließlich. "Nicht ganz da, ist gut. Hey,", brummte der Grünäugige ihn an,"Ich bin hier der Kranke, also muss ich versorgt werden. Aber wenn du magst, mach ich Tee und dann erzählst du mir mal von deinem Vater. Ich denke, bis jetzt hast du da schön sauber die Decke drüber gehalten." Andreas drehte sich zu seiner kleinen Küchenzeile um, und stellte den Wasserkocher an. Dann kamen zwei Tassen auf den Tisch und Nico wurde mit offenem Mund wieder auf seinen Stuhl gedrückt. "Ich bin kein Seelenklempner und eigentlich kann ich nicht zuhören, aber ich bin Barkeeper, also leg los!", meinte der Student mit einem Augenzwinkern. Wieder konnte Nico nicht anders, als bei Andreas' Worten zu lächeln. Wenn der andere wüsste, wie unrecht er doch mit der letzten Aussage hatte... Andreas war einer der besten Zuhörer, die Nico jemals getroffen hatte. "Na gut, ich sehe schon, es gibt kein Entkommen. Wo soll ich anfangen?" "Am besten am Anfang!" Andreas holte das Wasser und goss den Tee auf. "Uff", machte Nico und setzte sich etwas bequemer hin, "am Anfang... wenn ich mal selber wüsste, wo das wäre..." Er dachte einen Moment nach, dann begann er: "Wie gesagt, ich habe dir ja schon einiges erzählt. Wann mein alter Herr anfing, sich so aufzuführen, weiß ich schon nicht mehr, oder was der Grund war. Es ist aber schon einige Zeit her." Nicos blaue Augen starrten an die Zimmerdecke, während er nachdachte. "Ich weiß noch, das erste Mal, an dem er wirklich ausgeflippt ist, war an meinem 13. Geburtstag. Ich hatte nur ein paar Freunde eingeladen, aber irgendwie waren es dann doch etwas mehr geworden, und ich habe allen erlaubt, bei uns zu übernachten. Mein alter Herr war an dem Tag auf Geschäftsreise, aber als er am nächsten Morgen nach Hause kam und erfuhr, was losgewesen war..." Nico stockte. "Dabei waren alle schon längst gegangen und ich hatte auch fast alles wieder aufgeräumt..." Wieder ein Moment Pause. "Ich weiß bis heute nicht, was ihn damals so aufgeregt hat..." Ruhig sah Andreas ihn an. Er sagte nichts, doch sein Blick sagte mehr als tausend Worte. Nico holte tief Luft. "Jedenfalls war es das erste Mal, an dem er wirklich zugeschlagen hat. Mehr als nur eine Ohrfeige. Das hätte mir nichts ausgemacht... aber dass ich nicht einmal verstand, was denn nun so schlimm gewesen war, hat mir am meisten zugesetzt..." Andreas lehnte sich zurück und tippte an den Rand seiner Tasse. "Danach ist es immer wieder passiert, dass es mehr war, als eine Ohrfeige, oder anderes?", fragte er, ohne aufzusehen. Mechanisch griff Nico nach seiner Teetasse und trank einen Schluck, merkte kaum, dass er sich die Zunge verbrannte. "Ich dachte, sowas kommt nicht wieder vor, und ich habe auch immer alles vermieden, was meinen alten Herrn aufregen könnte, aber das ist mir eben nicht immer gelungen. Mal war es eine Verspätung, wie gestern, mal eine schlechte Note - schlechter als drei, mal einfach nur eine Antwort, die ihm nicht passte... aber ich konnte nie sagen, was es nun genau war. Manchmal reicht auch nur eine Kleinigkeit. Und manchmal passiert absolut nichts, und ich denke wieder, es ist doch alles in Ordnung, ich mache nichts falsch... verrückt, nicht? ich könnte manchmal auch gut und gerne zwei Personen als Väter haben, die sich überhaupt nicht ähneln..." Nico nahm noch einen Schluck Tee, diesmal vorsichtiger, dann sah er Andreas an. "Aber wie gesagt, ich habe meinen alten Herrn wirklich selten zu Gesicht bekommen. Deswegen klingt das alles jetzt wirklich schlimmer, als es ist." Andreas konnte sich ungefähr vorstellen, was in Nicos Heim passierte und wahrscheinlich sogar warum. Wieso war eigentlich das ganze Leben ein Klischee? Er brummte leise und nahm noch einen Schluck. Der Tee war bitter geworden. Eigentlich auch ein Grund zum Lachen. "Und du willst es durchziehen, bis du 18 bist!", stellte er fest, weniger als dass er fragte. "Ich wüsste nicht, was ich sonst machen sollte", erwiderte Nico. "Außerdem, ich ertrage meinen alten Herrn seit 17 Jahren, da werde ich einen Monat noch überstehen." Nico bewunderte riesige grüne Augen, die ihn verblüfft ansahen. "Ein Monat?" "Ja, habe ich doch gesagt", Nico verstand nicht so recht, warum Andreas das jetzt so überraschte. "Dann kannst du auch bei mir bleiben. Ehe er dich findet, bist du 18!" Wieder sah der Jüngere zu Boden. "Ich glaube, das ist keine so gute idee. Wie gesagt, den Monat überstehe ich schon." Andreas deprimierte diese Antwort. Nach dem gestrigen Abend hätte er nicht soviel Kleinmut in Nico vermutet. Er hatte sehr viel selbstsicherer gewirkt. Jetzt hatte er es nur noch mit einem Jungen zutun, weniger mit einem Mann. Andreas seufzte. "Wie du meinst. Dann gehe wieder nach Hause. Wenn es aber zu schlimm wird, dann warte nicht. Es bringt nichts zu warten." "Danke, Andreas". Nico schaffte wieder ein Lächeln. Dann fiel sein Blick auf die Wanduhr. "Sag mal, hat Jonas nicht gesagt, er wollte nach der Arbeit wiederkommen?", fragte er stirnrunzelnd. "Ja, wollte er..." Andreas sah auf die Uhr. "Er sagte, dass er vor ca. einer Stunde hier sein wollte. Verstehe ich jetzt nicht." "Komisch... Jonas scheint mir nicht der Typ, der sich verspätet..." Nico zückte sein Handy aus der Jackentasche. "Soll ich ihn mal anrufen?" Sein Gesicht wirkte angespannt. Doch auch unermüdliches Klingeln brachte den Besitzer am anderen Ende der Leitung nicht dazu, dass er abhob. "Geht keiner dran!", meinte Andreas. "Seltsam!" Nico wollte noch mehr die Stirn runzeln, aber sein ramponiertes Gesicht ließ es nicht zu. "Hm. Was machen wir jetzt?" Da Andreas nicht antwortete, meinte Nico: "Schon vergessen, dass der Kleine echt niemanden hat, der sich um ihn kümmert - außer uns?" Es fiel Nico nicht auf, dass Jonas eigentlich größer und älter war als er. Sicher war für ihn nur, dass man auf Jonas aufpassen musste. "Nein, habe ich nicht. Aber ich weiß weder von dir noch von ihm viel mehr, als das, was wir gestern Abend gemeinsam herausgefunden haben", erkärte Andreas ratlos. "Trotzdem sollten wir was tun!", entschied Nico. Noch einmal versuchte er, Jonas per Handy zu erreichen, doch nichts. Also tippte er eine SMS und stand dann auf. ***